Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Aufhausen (Stadt Bopfingen, Ostalbkreis) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule    
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde  
Kleinere Berichte und Anzeigen zum jüdischen Leben in Aufhausen    
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen   
Links und Literatur   

              

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  (english version)  
    
In dem vom 17. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts den Grafen von Oettingen gehörenden Aufhausen bestand eine jüdische Gemeinde bis 1910, danach bis zu ihrer Auflösung 1925 als Filialgemeinde zu Oberdorf
  
Die Entstehung der Gemeinde geht in die Zeit des 16. Jahrhunderts zurück. Kurz nach 1500 hatten die Reichsstädte Bopfingen und Nördlingen ihre Juden vertrieben. 1560 wird mit dem Juden Abraham erstmals ein Jude in Aufhausen genannt. 13 weitere Namen erfährt man bis 1600 aus den Nördlinger Messgeleitbüchern. Um 1600 lebte der damals weitbekannte engagierte Apologet und Kämpfer für das Judentum Salomon Zebi (Zvi, Hirsch) in Aufhausen. Er nahm den literarischen Streit mit antijüdisch eingestellten Konvertiten auf (insbesondere mit Samuel Friedrich Brenz, Verfasser von "Jüdischer abgestreifter Schlangenbalg"). 
   
1658/59 kam es zu vorübergehenden Vertreibung der Juden aus Aufhausen und anderen damals zur Grafschaft Oettingen-Baldern gehörenden Orten. Danach zogen wieder mehrere Familien zu. 
  
1806 umfasste die Gemeinde 36 Familien, 1812 204 Personen (1824 234, 1831 276, 1843 328). Die höchste Zahl jüdischer Einwohner wurde um 1846 mit 346 Personen erreicht. Die jüdischen Familien lebten vor allem vom Handel mit Vieh, Getreide und Rauchwaren sowie vom Hausierhandel. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ging die Zahl der Juden am Ort durch Aus- und Abwanderung stark zurück, sodass 1900 nur noch 56 (1910 15) jüdische Einwohner gezählt wurden.   
   
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule (seit 1825 Konfessionsschule, zunächst im Gebäude der Synagoge, 1857 in einem Wohnhaus, nach 1864 in dem neu erbauten Schulhaus der Ortsgemeinde, siehe Abbildung unten), ein rituelles Bad (1839 erbaut, vor 1914 verkauft, Gebäude erhalten) und einen Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (siehe Ausschreibungen der Stelle und Berichte unten). Die Gemeinde war dem Rabbinat in Oberdorf zugeteilt.   
 
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Josef Leiter (geb. 22.3.1892 in Aufhausen, vor 1914 in Bopfingen wohnhaft, gef. 25.12.1914) und Moritz Leiter (zuletzt gleichfalls in Bopfingen wohnhaft). Ihre Namen stehen auf der Gedenktafel für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges im jüdischen Friedhof in Oberdorf sowie auf dem Gefallenendenkmal in Bopfingen. Außerdem ist gefallen: Louis Hilb (geb. 27.4.1880 in Aufhausen, vor 1914 in Pforzheim wohnhaft, gef. 27.9.1916).   
    
1933 lebten noch fünf jüdische Personen in Aufhausen - Alfred Wassermann, Ida Wassermann, Justine Wassermann, Isaak Wassermann, Sophie Wassermann -, von denen nur die letztgenannte die NS-Zeit überlebt hat, nachdem sie 1939 nach England emigrieren konnte.    
                 
Von den in Aufhausen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):  Mathilde Abraham geb. Adler (1880), Albert Adler (1890), Selma Adler geb. Rosenfelder (1879), Fanny Bunzel geb. Hess (1864), Max Falk (1867), Pauline Jacoby (1855), Rosa Kocherthaler geb. Falk (1879), Betty Lauchheimer geb. Leiter (1883), Mina Leiter geb. Leiter (1896), Rosa Leiter (1898), Karl Levi (1887), Therese Levi geb. Neumetzger (1867), Ida Silber geb. Falk (1872), Anna Stern geb. Blum (1871), Hannchen Walz geb. Hess (1864), Adolf Wassermann (1889), Alfred Wassermann (1884), Ida Wassermann (1893), Isaak Wassermann (1892), Isaak Wassermann (1888), Joachim Wassermann (1879), Therese Wassermann (1884), Luise Weil geb. Heß (1856), Rosalie Weil (1860), Betty Wolf geb. Blum (1877), Hannchen Würzburger geb. Hoff (1862), Lina Zinner geb. Adler (1884).  
    
    
    
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule 

Lehrer Baruch Adler führt das Mittagsgebet in der Religionsschule ein (1894) 
Gemeint ist Baruch Adler (geb. 10. Februar 1856 in Braunsbach, gest. März 1925 in Augsburg): nach dem Besuch des Lehrerseminars in Esslingen 1872-1875 war er zunächst Lehrer in Eschenau (1875-1878), seitdem bis 1901 in Aufhausen; von 1901 bis 1919 in Niederstetten. Seit 1922 wohnte er - bis zu seinem Tod - in Augsburg.

Aufhausen Israelit 25101894.jpg (44601 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Oktober 1894: "Aus Aufhausen. ‚Kommt her, ihr Kinder, höret mir zu! Ich will euch Gottesfurcht lehren!’ Eingedenk dieser goldenen Worte des 34. Psalms (Vers 12) hat Lehrer B. Adler dahier in seiner Schule die erwähnenswerte Anordnung getroffen, dass an den Werktagen nach Schluss des Nachmittagsunterrichts in Anwesenheit des Lehrers und sämtlicher Kinder Tefilat Mincha laut gebetet wird. Möge diese, die Jugend zur Religiosität heranbildende Anordnung auch in anderen jüdischen Schulen Nachahmung finden!"

  
Zum Tod von Lehrer Moses Mack (1899)  

Aufhausen Israelit 14121899.jpg (72384 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Dezember 1899: "Aufhausen bei Bopfingen. Lehrer Moses Mack, welcher seit 12 Jahren in der hiesigen Gemeinde lebte und sich einer allgemeinen Achtung erfreuen durfte, wurde heute zu Grabe getragen. Lehrer B. (Baruch) Adler widmete dem im Schulamte ergrauten Lehrer eine erhebende Grabrede. Der sanft Entschlummerte, welcher nahezu das selten hohe Alter von 85 Jahren erreicht, wirkte 51 Jahre in den bayrischen Gemeinden Memmelsdorf und Reckendorf als Elementarlehrer. Dem Verblichenen wurde die hohe Auszeichnung zuteil, dass er bei seinem 50jährigen Lehrerjubiläum von der königlichen Regierung Bayerns die Verdienstmedaille des Ludwigsordens verliehen bekam."  

 
25jähriges Dienstjubiläum von Lehrer Adler (1900)
Siehe oben Näheres zu Baruch Adler   

Aufhausen Israelit 01021900.JPG (212667 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Februar 1900: "Aufhausen (Württemberg), 29. Januar (1900). Am vorvergangenen Sonntag beging die hiesige Gemeinde ein schönes Fest, das Zeugnis ablegte von der Wertschätzung, die in allen Kreisen der Bevölkerung für den Lehrerstand herrscht. Es galt der Feier des 25jährigen Dienstjubiläums des Herrn Lehrer Adler. Dem allgemein beliebten Herrn wurde Abends von den Sängern des Liederkran und des Kriegervereins ein Ständchen gebracht; eine Deputation, an deren Spitze Herr Schultheiß Wörle, überbrachte dem Jubilar die Glückwünsche namens der Gemeinde. Hierauf sammelten sich die Festteilnehmer zu einem Bankett im Gasthaus zur Traube, wo zunächst Herr Dr. Kroner seine Glückwünsche namens der israelitischen Gemeinde ausdrückte und in einer ehrenvollen Ausführung den Jubilar als Lehrer, Vorsänger und Vorstand der israelitischen Gemeinde feierte und ihm ein wertvolles Geschenk übergab. In gleicher Weise hob der Herr Ortsschulinspektor Pfarrer Kingeter in seinem Glückwunsch die Verdienste hervor, die sich Adler als tüchtiger Lehrer und Erzieher erworben und die ihm von allen Schulinspektoren bezeugt wurden.
Der Vorstand des Kriegervereins verband seinen Glückwunsch mit der Übergabe eines sehr hübschen Taktstockes. Tief ergreifend wirkte der Vortrag eines geistvollen Gedichts durch die Schülerin Emma Wassermann und nachfolgender Übergabe eines hübschen Krugs. Toaste auf den Jubilar, auf die anwesenden Geistlichen, auf den konfessionellen Frieden u.a. sowie die abwechselnden Gesangsvorträge der beiden vereine gaben dem Feste den Grundton, das einen gleich ehrenvollen Verlauf für den Gefeierten wie für die Gemeinde Aufhausen nahm.
Die Israelitische Oberkirchenbehörde schickte durch das Rabbinat Oberdorf ebenfalls ein Glückwunschschreiben, in dem es heißt: ‚Wir haben während dieser Zeit wiederholt Veranlassung gehabt, die Amtstreue und Gewissenhaftigkeit, das würdige amtliche und außeramtliche Verhalten, den erfreulichen Erfolg auf dem Gebiete der unterrichtlichen und liturgischen Wirksamkeit des Herrn zu beobachten. Wir wünschen daher demselben von Herzen zu seiner 25jährigen gesegneten Tätigkeit Glück und auch für die Zukunft die segensreiche Hilfe des Allgütigen.’ Auch vom Vorstande des israelitischen Lehrervereins Württemberg erhielt der Jubilar ein schönes Gratulationsschreiben."

   
Lehrer und Vorsänger Baruch Adler verlässt die Gemeinde (1901)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. September 1901: "Aufhausen, bei Bopfingen, Ende August (1901). Nach fast 25-jähriger Tätigkeit an der hiesigen israelitischen Konfessionsschule verlässt uns unser in der ganzen Umgegend allgemein beliebter Lehrer und Vorsänger B. Adler, um seine neue Stelle in Niederstetten anzutreten. Von der israelitischen und politischen Gemeinde wurde dem Scheidenden eine Abschiedsfeier bereitet, welche es verdient, dass von ihr hier berichtet wird.  
Anwesend waren die Ortsvorstände von Aufhausen und Oberdorf, bürgerliche Kollegien, Ortsschulinspektor, die Herren Lehrer, israelitisches Kirchenvorsteheramt, Kirchenchor und Kriegerverein von Aufhausen, sowie viele Freunde und Bekannte von Aufhausen, Oberdorf und Bopfingen.   
Den Reigen der Abschiedstoaste eröffnete Herr Schultheiß Wörle, welcher der vielen Verdienste des Scheidenden gedachte, die er sich als Lehrer, Vorsänger, Rechner der öffentlichen israelitischen Pflege, als Vorstand der israelitischen Gemeinde, als Dirigent des Kriegervereins und als Bürger während seiner 23-jährigen Berufstätigkeit erworben. Herr Bezirksrabbiner Dr. Kroner - Oberdorf, welcher verhindert war, an der Abschiedsfeier teilzunehmen, widmete seinem Lehrer einen schriftlichen Abschiedsgruß, welch' letzterer von Schultheiß Wörle vorgelesen wurde. Herr Ortsschulinspektor Pfarrer Kingeter rühmte in seiner trefflichen Rede die große Berufstreue und den edlen, guten Charakter seines Lehrers. Vorstand des Kriegervereins, Herr Gold, dankte in herzlichen Worten dem Lehrer Adler als langjährigen eifrigen Dirigenten des Kriegervereins von Aufhausen. Herr G. Thalheimer sprach im Namen aller früheren Schüler und spendete seinem verehrten Lehrer wohlverdiente Dankesworte.  
Zum Andenken erhielt Herr Lehrer Adler von der israelitischen Gemeinde Aufhausen einen sehr schönen silbernen Chanukkaleuchter. 
Lehrer Adler dankte allen Rednern und Anwesenden, dankte ferner der israelitischen Gemeinde für das schöne Andenken und schloss seine Rede mit der Versicherung, dass er Aufhausen, welches ihm zur Heimat geworden, nie vergessen werde."    

 
Zum Tod von Hauptlehrer Baruch Adler (1925)  

Niederstetten Israelit 02041925.jpg (143288 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. April 1925: "Niederstetten, 26. März (1925). Die hiesige Gemeinde wurde durch die dieser Tage eingetroffene Nachricht von dem in Augsburg erfolgten Tode des Hauptlehrers a.D. Baruch Adler in tiefe Trauer versetzt. Obwohl fünf Jahre vergangen sind, seit Herr Lehrer Adler uns verlassen hat, so war seine Tätigkeit in unserer Gemeinde und waren die Vorzüge seiner Person noch in so guter Erinnerung, dass sein Hinscheiden tiefen Eindruck machen musste. Hauptlehrer Adler seligen Andenkens war in Braunsbach in Württemberg geboren. Er hatte nur zwei Stellen inne; Aufhausen, wo er über 25 Jahre lang wirkte und Niederstetten, wo er fast 20 Jahre lang tätig war. Ob er seine Schüler unterrichtete, ob er als Vorbeter am Omed (Vorlesetisch) stand, ob er mit Rat und Tat dem Einzelnen half, oder ob seine Tat der ganzen Gemeinde galt, oder auch wenn er sich im geselligen Kreise bewegte – immer war er von einer tiefen Lauterkeit des Gemütes erfüllt und immer ging ihm das Streben nach Frieden über alles. So hat er sich im Herzen seiner Schüler und aller Mitglieder der Gemeinde ein unvergängliches Denkmal gesetzt und alle, die ihn kannten sind dessen gewiss, dass ihm die Frömmigkeit in dieser Welt den Anteil an jener Welt sichern werde. Bei der in Augsburg stattgehabten Beerdigung war die hiesige Gemeinde durch Herrn Oberlehrer Oberndörfer vertreten, welcher am Grabe den Gefühlen der Gemeinde Ausdruck verlieh."

  
  
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde      
Ein jüdischer Landwirt erhält den ersten Preis beim Bezirks-Landwirtschaftsverein (1847)
     

Aufhausen DtrZionsw 26101847.jpg (82170 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der treue Zionswächter" vom 26. Oktober 1847: "Aus dem Ries... 
In unserm benachbarten Aufhausen, hat schon wieder ein Israelit den ersten Preis beim Bezirks-Landwirtschaftsverein erhalten. Dieser Israelit bebaut seine Felder selbst, und ist ein sehr orthodoxer Jude, so wie alle Juden dieser Gegend, die von Zeit zu Zeit Preise von dem landwirtschaftlichen Verein erhalten. Die Herren von Papa lügen also auch nach dieser Richtung, wenn sie das orthodoxe Judentum und den orthodoxen Juden, als dem Feldbau widerstrebend bezeichnen."    

     
Die Geschichte von Salomon Zebi (bzw. Zvi, Hirsch) - ein engagierter Kämpfer für das Judentum am Anfang des 17. Jahrhunderts  (Bericht von 1846)

Aufhausen AZJ 01061846.jpg (290587 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. Juni 1846: "Korrespondenz. Hechingen, im April 1846. Salomon Zebi, der Theriakolog. …
Der milde Frühling ist erschienen, und ich arbeite wieder in meinem freundlichen Zimmer, das eine schöne Aussicht in die freie Natur darbietet. Die Felder grünen, die Bäume treiben Blüten, die Quellen rieseln, und diese Quellen erinnern an die Pflicht, die Quellender Vorurteile gegen das Judentum und des religiösen Indifferentismus in demselben aufzusuchen. Es ist in diesen Blättern, aus Anlass des von einem Christen unter dem Namen eines Juden versuchten Mädchenraubes, die Geschichte einer beabsichtigten Ermordung der Israeliten in Oettingen wegen der ihnen zur Last gelegten Tötung eines Knaben mitgeteilt worden. Steigen wir in die düsteren Schächte der Zeit weiter hinab, so finden wir in Oettingen selbst die trübe Quelle dieser bösartigen Verleumdung. Es bestätigt sich das altjüdische Sprichwort, dass alles Böse gegen die Juden von Juden selbst herkomme. Bei diesem Anlass lernen wir aber auch einen Mann kennen, der mit kühnem Mute und edler Selbstaufopferung die Verteidigung der Unschuld übernommen hat. Salomon Zebi war ein würdiger Verteidiger seine Glaubensgenossen. Er verdient es, dass man seinem Andenken eine ehrenvolle Aufmerksamkeit widme. Er lebte zu Aufhausen (nicht: auf Uffenhausen) unter dem Schenkenstein, welches Dorf seit 1806 zu Württemberg gehört, und in das Oberamt Neresheim eingereiht ist. Das Jahr 1614 war schrecklich für die Bewohner des Rieses. Mangel und Elend blickten aus allen Gesichtsmienen hervor. Dabei waren die Israeliten in peinlicher Angst, denn sie fürchteten sich vor den Christen. Im Jahre 1384 waren die Israeliten in Nördlingen teils getötet und teils vertrieben worden. Diese ließen sich in den umliegenden Dörfern nieder. Gräuelszenen wiederholten sich nicht selten, und sie zitterten bei jedem Unglück, das die Christen betraf, denn sie mussten es büßen. Zwar hatt
e Kaiser Matthias den Schutzbrief bestätigt, aber seine Hilfe war zu ferne, und nur der ewige und einzige Herr und Beschirmer konnte sie vor dem mordlustigen und raubsüchtigen Pöbel schützen. Um jedoch den Schein des Rechtes für sich zu gewinnen, wurden den Unglücklichen Verbrechen angedichtet, und um es wahrscheinlich zu machen, dass die Gedemütigten und Friedliebenden sich verbrechen gegen die Christen erlaubten, wurde der Religionshass als Quelle ihres Frevelmutes angegeben. Auf den Grund solcher Verdächtigungen ließ sie Kaiser Wenzel aus Prag vertreiben; sie mussten aber vorher den Edelleuten die Schuldscheine zurückgegeben, und den Bürgern die Hälfte der Forderungen erlassen. Ähnliche Verfügungen erließen im Jahre 1604 Maximilian, Erzherzog von Österreich, Adolf II., Fürst zu Anhalt-Köthen, und andere Fürsten des deutschen Reiches. Es ist also kein Wunder, dass die armen Israeliten des Haardtfeldes in entsetzlicher Furcht schwebten, denn von Innen quälte sie der Hunger und von Außen schreckte sie der Pöbelhass.
Salomon Zebi aber wusste nichts von dieser Furcht. Ein einziger Gedanke beseelte sein ganzes Wesen; er ließ ihn Alles vergessen, was außer ihm vorging. Er war ein hart bedrängter Familievater. Seine kummervolle Frau forderte Geld, und seine sechs unerzogenen, hungerbleichen Kinder verlangten Brot; aber er hatte weder Geld noch Brot. Die Sorgen rissen ihn schmerzlich in das Alltagsleben herab, aber er unterdrückte die Tränen der Wehmut über das eigene Unglück, denn die Not seiner Glaubensgenossen erschien ihm größer, und sie zu mildern hielt er für die heiligste Pflicht. Er fühlte sich glücklich in dem Bestreben, seine Gefühle, die sein Herz erfüllten, seine Gedanken, die seinen Geist bewegten, niederzuschreiben. Die Beschuldigung nämlich, dass der jüdische Glaube Hass und Verachtung gegen das Christentum und seine Bekenner vorschreibe, war von getauften Juden ausgegangen, die, nachdem sie ihren geld- und Charakter-Kredit bei ihren Glaubensgenossen verloren hatten, durch Anschwärzung und Verleumdung derselben ihr Heil bei den Christen versuchten. In diesem Sinne und zu diesem Zwecke gaben sie Schriften heraus, z.B. Anton Margarita, Der ganze jüdische Glaube (1530, Wolfii Bibl. Hebr. I.III No. 335); Viktor von Carben, Juden-Büchlein (1550, No. 565), Ernst Ferdinand Heß, Juden-Geißel (1601, No. 217); Johann Adrian von Emden, Send- und Warnungsschreiben an die Juden (1610, No. 809). Im Jahre 1614 gab Samuel Friedrich Brenz, höchgräflicher Diener zu
Aufhausen AZJ 01061846b.jpg (321284 Byte)Oettingen, geboren zu Osterberg bei Memmingen, getauft zu Feuchtwangen 1610 nebst Frau und zwei Kindern, eine Schrift unter dem Titel heraus: ‚Jüdischer abgestreifter Schlangenbalg’ (Wolfii Bibl. Hebr. I. III No. 2131), worin er seine früheren Glaubensgenossen und ihre Religionsschriften von der schändlichsten Seite darstellte, sodass der Unwille gegen sie sehr groß wurde. Salomon Zebi war ein weit gereister und im Hinblick auf seine Zeit gebildeter und vorurteilsfreier Mann. Auf seinen Wanderungen durch ‚Deutschland und Welschland’ hatte er Gelegenheit, mit christlichen Gelehrten, und durch sie mit dem Neuen Testamente bekannt zu werden. Oft wurde er in Versuchung geführt, seinen Glauben zu verlassen. Die so genannte Judenbekehrung wird angestrebt, weil man sie als vollgültige Zeugen für die Echtheit des Christentums gewinnen möchte, wie man etwa die Mitglieder einer vom Throne gestoßenen Dynastie zur Anerkennung der neuen Regierung zu bewegen sucht; dann aber auch, weil man es für ein religiöses Verdienst hält, wie sich, ein Jahrhundert später, eine von dem König Friedrich von Preußen unterm 8. August 1703 in Betreff des Alenu-Gebetes erlassene Verfügung offiziell ausdrückte: ‚In Erwägung, dass die Statthalter Gottes auf Erde nicht allein die zeitliche Wohlfahrt ihrer anvertrauten Untertanen befördern, sondern weil dieselbe nicht allein vor diese Welt geschaffen, und in dem sterblichen Leibe eine unsterbliche Seele tragen, auch dafür nötig zu sorgen haben, dass, wo sie nicht alle zu Gott bekehret, wenigstens doch ihr Gericht einstens ihnen nicht schwerer werde – wenn dann in solcher Erwähnung Wir mit erbarmenden Augen das arme Judenvolk, so uns Gott in unsern Landen unterwürfig gemacht, ansehen, so wünschen wir herzlich, dass dieses Volk, welches der Herr ehemals so herzlich geliebet, endlich von seiner Blindheit möge befreit und mit uns zu einer Gemeinschaft im Glauben gebracht werden etc. etc.’ (Beck vom Rechte der Juden, Kap. II § 1). Zebi hatte aber seinem Gemüte den väterlichen Glauben zu tief eingeprägt, als dass er je in demselben hätte erschüttert werden können. Er las die christlichen Religionsschriften offenbar nur in der Absicht, um die Feinde der israelitischen Religionsschriften mit ihren eigenen Waffen zu bekämpfen, was in jeder Zeit als notwendig erscheint, weil man dadurch mit der Verteidigung den Angriff verbinden, und den Kampfplatz auf das jenseitige Gebiet verlegen kann, nach der Taktik der Franzosen, die immer den Krieg in das Ausland wälzten und dadurch in dem eigenen Lande Ruhe und Frieden erhielten. Durch seine freimütigen Äußerungen schützte er sich vor weiteren Bekehrungsversuchen. Aber der redliche Zebi hatte zuviel Zutrauen zu den Menschen, seine eigenen Freunde betrogen ihn um sein Vermögen. Gleichwohl glühte in seinem Herzen das Feuer der Liebe zu seinen unglücklichen Glaubensgenossen, das kein Missgeschick zu dämpfen vermochte. Die Widerlegung des Schlangenbalges nahm seine ganze Denk- und Tatkraft in Anspruch, sodass er für jedes andere Geschäft untauglich war. Standespersonen hatten ihm bemerkt, dass die in der bezeichneten Schrift den Juden zur Last gelegten Fehler, Laster und Verbrechen nicht unwahr sein müssten, weil sie sonst von einem jüdischen Gelehrten widerlegt werden würden. Wenn auch die Bessergesinnten sie bezweifeln wollten, so sei doch das rohe Volk jederzeit geneigt, das Böse zu glauben. Er kaufte das Buch und las mit Schrecken die grässlichen Beschuldigungen gegen seine Glaubensgenossen, die dadurch in ein tiefes Elend gestürzt werden sollten. Zebi beteuerte, dass Brenz ein unverschämter Lügner sei. Dieser kam am Vortrage des Zerstörungstages Jerusalems im Harnisch und mit Waffen nach Aufhausen, stellte sich vor die Türe des Hauses, in welchem sein Gegner wohnte, und fragte ihn, wie er es wagen konnte, sein gegen die Juden geschriebenes Buch ein Lügenbuch zu nennen? Werde er seine Beleidigung nicht zurücknehmen und widerrufen, so werde er ihn auf der Stelle töten. Zebi aber ließ sich nicht aus der Fassung bringen; vor der Menge, die zusammenlief, schalt er ihn einen Lügner und Verleumder, und schwur, dass er seine Behauptung vor aller Welt noch in diesem Jahre in einer Gegenschrift beweisen werde. Der Feige hatte diesen Mut nicht erwartet, und fluchend und drohend zog er sich zurück. Zebi aber kaufte sich Papier, Feder und Tinte, und verfasste seine Verteidigungsschrift. Er wollte eifern mit der heiligen Glut des Feuereifers wie Elias, der Tischbite gegen die Baalsdiener, er wollte schreiben mit geharnischten Worten wie Josephus gegen den Griechen Apion, denn schon zu viele Lästerschriften seien bisher in Deutschland erschienen, ohne dass von einem Israeliten eine Verteidigung geschrieben worden wäre, sodass man zuletzt glauben müsste, die Beschuldigungen seien in die Wahrheit gegründet. Er sei zwar kein wirklicher Rabbiner, aber eben deswegen konnte er den Kampf wagen, denn sagte er, … wenn er irren sollte, so werde man sagen, dass nur Salomon Zebi
Aufhausen AZJ 01061846c.jpg (292095 Byte)von Aufhausen geirrt habe; werde er aber Ehre erhalten, so werde man sagen, dass, wenn schon Salomon Zebi solche Ehre errungen hat, wie erst müssten die großen Rabbiner Israels zu Ruhm gelangen, wenn sie sich auf den Kampfplatz begeben wollten. Übrigens fühle er sich einer solchen Arbeit gewachsen, weil er durch eigenen Schaden klug und erfahren wurde, und in fremden Sprachen und in den christlichen Religionsschriften nicht unbewandert sei. Freilich wisse er wohl, dass er nicht allen Lesern gefallen werde; aber selbst Moses habe ja nicht Jedermann gefallen können, um wie viel weniger dürfe es Salomon Zebi von Aufhausen erwarten!
Er schrieb an alle bedeutenden Rabbiner in Deutschland und in Prag, stellte ihnen die Wichtigkeit des Unternehmens vor, und bat sie dringend um ihre Unterstützung. Sie schrieben ihm zwar aufmunternde Antworten zu, aber luden ihm allein das Joch auf den Hals. Deshalb sagte er, habe ich, weiß Gott, der Alles weiß, große Mühe und leidensvolle Arbeit, weiten Weg, großes Geld und Versäumnis länger als dreiviertel Jahr gehabt, denn ich habe mein Weib mit sechs kleinen Kindern in Elend bei teurer Zeit nackt und bloß zurückgelassen, und ist nicht auf das Papier zu schreiben, welche Not und Angst ich und sie seither gehabt haben. Aber ich habe Gott, den Allmächtigen, den man vor allen Menschen lieben, und dem man, wie Abraham, die Kinder lieber opfern muss als seine Befehle übertreten, angerufen, und Weib und Kind in den Wind geschlagen, um meinen Traktat verfertigen zu können. Ich habe das Buch mit deutschen Lettern drucken lassen, auf Verlangen von hohen und niedrigen christlichen Standespersonen (Anmerkung: Wolf a.a.O. III No. 576 befindet sich im großen Irrtum, wenn er übersetzt: exposui in libro illo, quem contra Christianos scripsi), aber auch mit hebräischen Lettern für jüdische Männer und Weiber, damit sich Jedermann in vorkommenden Fällen gegen Christen zu verteidigen wisse, auch daraus einsehe, welch eine große Sünde es ist, einen Christen zu betrügen mit Worten oder Werken.
Die Schrift erschien zu Hanau 1615 in der Druckerei von Elias Ulmo, unter dem Titel ‚Jüdischer Theriak’ (Anmerkung: Name des von dem Arzte Anthromachus unter Nero erfundenen, aus Schlangenkraut, Vipernfleisch und anderen Bestandteilen zusammengesetzten Gegengifter. Vgl. Babylonischer Talmud, Traktat Sabbat 109b, Traktat Nedarim 41b. Richtig schreibt Maimonides Teriak. Tur Or. Ch. (Wiener Ausg.) Kap. 442: Teriak. Sch.Ar. § 4: Teriaka).
Er schrieb gegen seinen Gegner, wie man immer in jener zeit schrieb, mit persönlicher Anzüglichkeit und leidenschaftlicher Hitze, denn der Kampf gegen die Sache war ein Kampf gegen die Person. Mit naivem, treffendem Witze beschämte er oft den Gegner durch derbe Anspielungen auf dessen früheren Lebenswandel. Oft hätte er Tatsachen, die er in Abrede stellte, durch den Umstand entschuldigen können, dass auch der Israelite eine Galle habe, und dass ja selbst der Wurm sich krümme, wenn er getreten werde. Seine Bitte, dass man ihm die Schrift abkaufen wolle, wenigstens aus Mitleid mit ihm, seiner Frau und seinen Kindern, die er in dieser Zeit der Hungersnot wegen der Ausarbeitung der Verteidigungsschrift sich selbst überlassen müssen, und in Erwägung, dass ihm die Kosten der deutschen Ausgabe nicht ersetzt würden, sowie in Betracht, dass dieses Werk neu in seiner Art, wie noch keines erschienen sei, wurde nicht beachtet. Er reiste selbst zu den zerstreut wohnenden Glaubensgenossen, um sein Werk abzusetzen, und auf dieser Reihe starb er zu Regensburg auf offener Straße – den Hungertod. Aber die Stimme des treuherzigen Theriakologen war nicht verhallt, selbst nicht in den Stürmen des Dreißigjährigen Kriegs. Wohl hatte das Schlangengift des Argwohns und Verdachtes verderbliche Früchte getragen; aber auch die Theriakologie hatte in manchem Herzen Zutrauen und Leitseligkeit erregt. Im Jahre 1680 wurde das Werk in jüdischen Lettern zu Altdorf in der Universitäts-Buchdruckerei neu aufgelegt, und 1681 zu Nürnberg von dem Prediger und Professor Johann Wülfer mit Anmerkungen herausgegeben. Eisenmenger hat sich unendlich viele Mühe gegen, Gegenbeweise herbeizubringen (Entdecktes Judentum, Th. I siehe Register S. 982); aber Eisenmenger hat den Flug eines schuldlos gedrückten Volkes seinem Namen eingeprägt, und das Andenken Zebi’s wird gesegnet, seinem heiligen Eifer wird das Gefühl der Bewunderung und seinem Unglück die Träne des Mitleids gezollt."
Artikel zu Samuel Friedrich Brenz in der Jewish Encyclopedia  
In der Geschichte Feuchtwangens von Wilhelm Schaudig findet sich die Bemerkung: "Unter dem Dekan Monninger, 1597 bis 1607, der zuvor Rektor zu Ansbach gewesen war, wurde am 12. Juli 1599 jener Jude Löw nebst seinem Weib Oedelein und zwei Söhnen getauft, der 1612 zu Nürnberg den "Abgestreiften jüdischen Schlangenbalg" herausgab. Er erhielt den Namen Samuel Friedrich Brenz. Der ältere Sohn Viktorin Christoph Brenz war später Pfarrer in Auernheim und wurde als Insimus in Feuchtwangen 1620 mit der Bürgerstochter Margarete Beck getraut." (Quelle). 

  
Jüdische Persönlichkeiten aus Aufhausen:
 
 
Liebmann Leopold 01.jpg (51771 Byte)Leopold Liebmann (geb. 1805 in Aufhausen als Sohn des Lehrers und Handelsmannes Joseph Liebmann und der Fanny geb. David): Besuch der Talmudschule in Oettingen, seit 1822 Studium am Lehrerseminar in Esslingen. Seit 1825 Lehrer an der israelitischen Volksschule in Esslingen; verheiratet mit Babette geb. Schwarz aus Pappenheim (gest. 1842). 1842 wurde Leopold Liebmann Lehrer und Hausvater des damals neu gegründeten Israelitischen Waisenhauses "Wilhelmspflege" in Esslingen; 1842 zweite Ehe mit Sophie geb. Veit aus Sontheim. Liebmann war jüdischer Religionslehrer am Lehrerseminar Esslingen und weiterhin Vorsänger in der Israelitischen Gemeinde in Esslingen. 1873 Zurruhesetzung und nach Stuttgart verzogen, wo er 1893 verstarb und im israelitischen Teil des Pragfriedhofes beigesetzt wurde.
 
Liebmann Breweries 01.jpg (37492 Byte)Samuel Liebmann (geb. 1799 in Aufhausen, älterer Bruder zu Leopold Liebmann s.o.): ließ sich zum Landwirt und Bierbrauer ausbilden; kaufte 1830 das Schlossgut Schmiedelfeld (Gemeinde Sulzbach-Laufen, Kreis Schwäbisch Hall) und betrieb hierin eine Kleinbrauerei (galt wenig später als Musterökonomie); 1840 nach Ludwigsburg verzogen, da Liebmann durch den Umzug in die Stadt seinen Kindern eine gute Schulbildung ermöglichen wollte. In Ludwigsburg Inhaber des Gasthauses "Zum Stern" mit Brauerei. 1854/55 wanderte die Familie Liebmann nach Now York aus, wo Samuel Liebmann die Liebmann'sche Brauerei begründete, innerhalb weniger Jahre eine der bedeutendsten Brauereien im Land. Die Familie genoss höchstes Anwesen in Brooklyn und New York. Samuel Liebmann starb 1872.
Weiteres zur Geschichte siehe Beitrag von Rolf Hofmann: "Die Liebmann Brauerei in New York":   
Die Geschichte der Rheingold Brauerei (Brauerei der Familie Liebmann) in New York  (pdf-Datei) 
Artikel von R. Hofmann in der Zeitschrift "Der Aufbau" (englisch)   
  
   
Über den aus Aufhausen stammenden Fabrikanten Gustav Heß in Paris (geb. 1817 in Aufhausen)  

Aufhausen Israelit 17061868.jpg (143954 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Juni 1868: "Pflaumloch (Württemberg). In Ihrem geschätzten Blatte, in welchem gerne Notizen über Männer unseres Glaubens, die sich durch eigenes Verdienst Anerkennung und Auszeichnung verschafft, Aufnahme finden, wolle gefälligst nachstehendem Toaste, ausgebracht von dem pensionierten Musterlehrer Löwenstein in Pflaumloch bei einem Hochzeitsmahle auf Herrn Fabrikanten Gustav Heß, Ritter des Friedrichsordens in Paris, ein Raum gestattet werden, da das Wirken des Gefeierten Vielen als Muster gelten dürfte. Der Toast lautete, so viel uns erinnerlich, also:
 'Ich erlaube, dem allverehrten Gaste unseres Festes, Herrn Fabrikant, Herrn Fabrikanten Gustav Heß aus Paris, Inhaber vieler Ehrenmedaillen, Ritter des Friedrichsordens, einen Toast auszubringen. Geboren am 27. November 1817 zu Aufhausen, einem kleinen Dörfchen diesseitigen Amtes, von wenig bemittelten, aber wahrhaft frommen Eltern, hatte derselbe nach dem Austritte aus der Schule das Tuchmacherhandwerk erlernt. Mit leerer Tasche trat er nach erstandener Lehrzeit eine Wanderreise an; aber Schätze, mehr geeignet den Weg zum Glück zu bahnen als Geld und Gold, Schütze, die kein Zufall rauben kann, nahm er mit sich. Eine gute Erziehung, ein heller, strebsamer Geist, ein liebevolles Herz, ein heiterer Sinn und empfehlendes Äußeres, das waren die Reisemittel, die den Mann, dem unser Toast gilt, in die größeren Werkstätten Deutschlands und Italiens einführten, von wo er, bereichert mit Kenntnissen seines Faches und getrieben von Lernbegierde, nach Lyon ging, und von da trieb ihn sein Wissensdurst bald nach der Stadt, von der die Mode ausgeht für die Welt, nach Paris. Dort als Werkführer einer größeren Fabrik angestellt, legte er seine Ersparnisse sicher an, durch die er 1843 schon für eigene Rechnung eine Werkstätte zur Erzeugung von Modestoffen anlegte. In  
Aufhausen Israelit 17061868a.jpg (152738 Byte)den Ausstellungen 1840 in Paris, 1851 in London und wieder in späteren Ausstellungen wurden seine Fabrikate mit Medaillen gekrönt. König Wilhelm von Württemberg lohnte dieses schöne Streben eines geborenen Württembergers bei der Ausstellung in Paris 1854 durch Verleihung der goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft und 1861 durch Auszeichnung des Bandes des württembergischen Kronenordens. 1862 ward ihm die erste Medaille (Prize Medall) in der Ausstellung zu London zuerkannt und wieder 1867 die erste Medaille (Silberne Medaille) bei der Ausstellung zu Paris. 1867, während des Aufenthaltes des Königs Karl von Württemberg in Paris, wurde er, in Anerkennung seiner großen Verdienste, zum Ritter des Friedrichsordens ernannt. 
Bei allen diesen hohen Auszeichnungen, bei dem großen Reichtume, dessen sich unser edler Freund erfreut, richtete er stets seinen Blick dankend aufwärts zu Gott, sah nie stolz herab auf andere. Wie er keine größere Freude kannte als seine Eltern, so lange sie lebten, zu ehren und zu erfreuen, und wie er deren Grab mit kindlich-frommen Dankgefühlen besucht, so hat er ein liebend Herz seinen Geschwistern, seinen Verwandten, seinen Jugendfreunden, seinem Geburtsorte bewahrt. Für Arme hat er stets offene Hand. Die heutige Hochzeitsfeier seiner Nichte, die meinen Nachfolger im Amte geehelicht, schmückt er mit seiner Gegenwart und zwei liebliche Blumen aus seinem Familiengarten, zwei seiner Kinder brachte er mit zur Teilnahme. 
Mit gerechtem Stolze nennen Geschwister und Verwandte den Mann, der so viel geleistet und der solcher Auszeichnung sich erfreut, den ihrigen, und seine Glaubensgenossen, denen er mit warmer Liebe stets angehört, freuen sich nicht minder darob. 
Sie, geehrte Anwesende, stimmen, gewiss freudig darein, wenn ich Sie nun auffordere, unserm verehrten Gaste ein dreimaliges Hoch auszubringen!' - Es erfolgte ein stürmisches Hoch."  

   
Die jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkrieges  

Rechts: Die Kriegergedenktafel von Aufhausen verzeichnet als Gefallenen auch Louis Hilb (geb. 27. April 1880, gefallen 16. September 1917 in Galizien); dieser wohnte wohl vorübergehend in Aufhausen. Im Gedenkbuch "Die Jüdischen Gefallenen des deutschen Heeres usw. 1914-1918" wird er unter Pforzheim genannt (Angaben von Peter Karl Müller, Kirchheim / Ries, in dessen Sammlung sich auch die Kriegergedenktafel befindet).  Aufhausen Gefallene 100.jpg (124572 Byte) Aufhausen Gefallene 101.jpg (39122 Byte)
     
Rechts: Gefallenendenkmal in Bopfingen für die im Ersten Weltkrieg umgekommenen Soldaten, darunter Josef und Moritz Leiter aus Aufhausen (Fotos: Peter Karl Müller, Kirchheim / Ries; die beiden lebten vor dem Ersten Weltkrieg bereits in Bopfingen) Bopfingen Gd 102.jpg (35926 Byte) Bopfingen Gd 100.jpg (81767 Byte) Bopfingen Gd 101.jpg (92200 Byte)

   
   

Kleinere Berichte und Anzeigen zum jüdischen Leben in Aufhausen  

Jüdischer Reisebericht über Aufhausen (1848)    

Artikel in der Zeitschrift "Der treue Zionswächter" vom 25. Januar 1848: "Eine Reise in das württembergische Unterland. Von Ulm. (Fortsetzung). 
Aufhausen, allwo der rüstige Kämpfer für Wahrheit und Recht, Sal. Zebi, geboren wurde, lebte und wirkte, zählt zwischen siebzig bis achtzig israelitische teils wohlhabende Familien, die sich fleißig mit Feldbau beschäftigen. Die schöne Synagoge wurde vor etwa zwanzig Jahren neu erbauet. In der Person des wackern Lehrers, Herr Frank, habe ich eine mir sehr teure Bekanntschaft gemacht. dieser hat, seiner gediegenen Kenntnis und seines ehrenwerten Charakters wegen, so wie Herr Löwenstein in Pflaumloch, seitens der oberen Schulbehörde die Erlaubnis erhalten, Schulkandidaten unterrichten zu dürfen, von welcher Erlaubnis schon beide mit dem besten Erfolg Gebrauch gemacht haben.
Außerhalb Aufhausens ersteigt man einen Höhenrücken, der eine Wasserscheide zwischen Rhein und Donau bildet, das Ries bekränzt und die Fernsicht in das Remstal eröffnet. - Das auf einen zuckerhutsähnlich geformten Berg liegende schöne Schloss, das man von hier aus, rechts, erblickt und das den ganzen Sechtachgrund beherrscht, ist Hohenbaldern. Hier lebten bis zum Jahre 1801, zu welcher Zeit der letzte Sprössling dieses Hauses starb, die Grafen von Hohenbaldern, die Schutzherren der Juden zu Oberdorf und zu Aufhausen. Am Fuße des Bergs liegt das Dorf Baldern, wo einst auch Juden gewohnt haben, und man zeigt noch das Frauenbad und das Haus, in welchem die Synagoge gewesen."         

 
Opferbereitschaft der Gemeinde für verfolgte russische Glaubensgenossen (1891)

Kuenzelsau Israelit 01061891.jpg (79644 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Juni 1891: "Künzelsau (Württemberg). Infolge Anregung in Nummer 39 und 40 des 'Israelit und Jeschurun' haben sich die hiesigen Gemeindemitglieder zusammengefunden, um wegen des russischen Unterstützungsprojektes zu beraten. Die Anwesenden haben je einen Beitrag von 2-5 Mark gezeichnet und sich verbindlich gemacht, diesen Beitrag monatlich, auf die Dauer von 6 Monaten zu spenden. Die erste Sammlung ergab 72 Mark. Da von einer dem Mittelstande angehörenden Gemeinde mit etlichen 20 Familien dieses geleistet wurde, so könnte, wenn diesem Beispiele in der ganzen jüdischen Diaspora nachgeahmt würde und besonders die Leistungsfähigen nicht zurückstehen, Großes und Ersprießliches erreicht werden. (Auch von der kleinen Gemeinde in Aufhausen bei Bopfingen wird uns von der großen Opferwilligkeit der Gemeindemitglieder berichtet, welche auf eine Predigt des Herrn Lehrer Adler 68 Mark spendeten. Red.)."

  
Aus dem Prospekt des Fremdenverkehrsvereins (1913)

Aufhausen Pr 004.jpg (71269 Byte)Aufhausen Pr 003.jpg (50122 Byte)Aus dem Prospekt des "Vereins zur Hebung des Fremdenverkehrs" in Aufhausen: "Ein im Jahre 1912 gegründeter Verein zur Hebung des Fremdenverkehrs greift überall helfend, schmückend, erhaltend und zierend ein; er besitzt auch eine vom Schultheißenamt verwaltete Auskunftsstelle und Wohnungsnachweis. Katholischer und israelitischer Gottesdienst findet im Ort statt, während evangelischer Gottesdienst in dem nahen Bopfingen (mit der Bahn in 7 Minuten erreichbar) geboten ist."

     
Werbung für das Kinderheim in Aufhausen (1926 / 1928)

Aufhausen Israelit 18031926.jpg (47476 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. März 1926: "Kinderheim. Luftkurort Aufhausen. Linie Stuttgart - Nördlingen. Ab 2. Mai finden Kinder von 4 Jahre ab beste Aufnahme. Streng rituell, glänzende Verpflegung, gewissenhafte pädagogische Aufsicht, ärztliche Überwachung. Auf Wunsch Prospekte sowie erstklassige Referenzen. Anmeldung bald erwünscht. Leitung: Frl. Laura Wassermann, Frl. Lina Nager, Nördlingen-Bayern."
   
Aufhausen CV 05031926.jpg (62932 Byte) Anzeige in der Zeitschrift des "Central-Vereins" (CV-Zeitung) vom 5. März 1926.
Aufhausen Israelit 24051928.jpg (35082 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Mai 1928. 

    
   
Weitere Dokumente   
(aus der Sammlung von Peter Karl Müller, Kirchheim / Ries)           

Schreiben des Synagogenrates in Gailingen an das Schultheißenamt in Aufhausen (1899)  Gailingen Dok 185a.jpg (110645 Byte) Gailingen Dok 185.jpg (91530 Byte)
    Schreiben "die Verlassenschaft der verstorbenen Salomon Kubitschek Witwe Babette geb. Metzger betreffend"; diese war die 2. Ehefrau des Salomon Kubitschek aus Aufhausen, war aber vorher in Gailingen mit Daniel Hirsch Kahn verheiratet. 
      
Brief von Koppel David Schloss aus Laudenbach an 
Heinrich Thalheimer in Aufhausen (1863)
 
Laudenbach Dok 275a.jpg (97363 Byte) Laudenbach Dok 275b.jpg (116475 Byte) Laudenbach Dok 275c.jpg (76496 Byte) Laudenbach Dok 275.jpg (162098 Byte)
Der Brief wurde am 29. Oktober 1863 von Koppel David Schloss aus Laudenbach verschickt. Koppel war der Neffe von Heinrich Thalheimer, dessen Schwester Esther am 21. Mai 1829 David Schloss aus Laudenbach heiratete. Im Brief teilt der Neffe seinem Onkel die Geburt seiner Tochter Thekla mit, und dass Mutter und Kind wohlauf sind. Der Empfänger Heinrich Thalheimer ist am 22. Juni 1822 in Aufhausen geboren, heiratete am 9. September 1835 Sophie geb. Fröhlich; er war von Beruf Weber. 
        
      
Brief von Christian Weiß aus Stuttgart
(nichtjüdisch) an David Jacobi 
in Aufhausen (1851)  
Aufhausen Dok 460a.jpg (108022 Byte) Aufhausen Dok 460.jpg (151953 Byte)
   Der Brief - mit einer der ersten württembergischen Briefmarken (die es erst seit dem 15. Oktober 1851 gab) - wurde am 30. Oktober 1851 von Stuttgart nach Aufhausen geschickt. Der Absender Christian Weiss jun. teilt David Jacobi mit, dass er einen Schuldschein von ihm erhalten hat, um dessen Begleichung er hiermit bittet. Nach den jüdischen Familienbüchern von Aufhausen ist David Jacobi am 25.4.1815 als Sohn von Alexander Jacobi in Aufhausen geboren und war seit 21.10.1846 mit Nanette geb. Bär verheiratet.
     

     
    
Sonstiges  

Grabstein (rechts) mit Inschriftenplatte (link) im "Hebrew Rest Cemetery" in New Orleans für:
"Bernard Hess  born in Aufhausen Württemberg, Germany, April 13, 1856, died in New Orleans,
November 29. 1932".      

     
     
     
Zur Geschichte des Betsaals/der Synagoge                
    
Schon seit der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts war vermutlich ein Betsaal in einem jüdischen Privathaus eingerichtet. Im Zusammenhang mit dem Bau einer Synagoge 1730 wird von einer "neuen Synagoge" geredet. Der Standort dieser Synagoge ist nicht mehr bekannt.  
      
Bereits 1777 war der Neubau einer Synagoge nötig (Gebäude Nr. 41). Dieses Gebäude wurde im Herbst 1821 verkauft, nachdem man ein neues Grundstück zum Bau einer Synagoge gekauft hatte.  
  
Vom Frühjahr 1822 an wurde eine neue Synagoge erbaut, in der auch die die Wohnung des Vorsängers und seit 1829 eine jüdische Schule untergebracht war. Die Synagoge wurde 1824 fertiggestellt und mit einem feierlichen Gottesdienst am 18. September 1824 (25. Elul 5584) eingeweiht. Die Predigt hielt Rabbinatskandidat Wolf Seligmann Rothenheim aus Wallerstein. Der am Gebäude angebrachte "Traustein" (Chuppa-Stein) trug die Inschrift (übersetzt):  "Das Haus, das die Heilige Gemeinde Aufhausen für G"tt gebaut hat im Jahr 584 nach der kleinen Zählung" (entspricht 1824). Für die damals etwa 250 Gemeindeglieder wurde ein stattlicher Bau erstellt, der über ein Jahrhundert Mittelpunkt des jüdischen Gemeindelebens war.   

Predigt zur Synagogeneinweihung: "Der wahre Tempel. Predigt gehalten bey der Einweihung des Bethauses der Israeliten zu Aufhausen im Königreiche Württemberg (am 25. Ellul 5584( den 18. September 1824 von Wolf Seligmann Rothenheim. Cand.Theol. aus Wallerstein. Nördlingen, gedruckt mit Beckschen Schriften.
Vorwort. Ich habe den Aufforderungen meiner geehrten Gönner und Freunde diese Predigt dem Publikum zu übergehen nicht widerstehen können - und dieses ist die Ursache weshalb ich sie der Presse übergab. Allzu große Unruhen, die in dem Tempel während des Gottesdienstes herrschten - und eine Folge der großen Volksmenge war, die sich hier versammelte, machten es unmöglich diese Rede ganz - und so wie ich es eigentlich wünscht, vortragen zu können. Durch den Druck derselben glaube ich also auch diejenigen einerseits zu entschädigen, die da von Ferne herbeikamen - das lebendige Wort Gottes verkünden zu hören. Der Verfasser."  
(die Predigt konnte durch Hinweis von Rolf Hofmann, Stuttgart eingestellt werden)
             
Aufhausen P182401.jpg (59250 Byte) Aufhausen P182402.jpg (215329 Byte) Aufhausen P182403.jpg (239928 Byte) Aufhausen P182404.jpg (244301 Byte) Aufhausen P182405.jpg (244198 Byte)
         
Aufhausen P182406.jpg (241306 Byte) Aufhausen P182407.jpg (240768 Byte) Aufhausen P182408.jpg (267312 Byte) Aufhausen P182409.jpg (141384 Byte)  

  
Im Gottesdienst der Synagoge Aufhausen wurde eine für die damalige Zeit hoch moderne Synagogenordnung eingeführt. Ein auswärtiger Besucher des Synagogengottesdienstes berichtete 1838 tief beeindruckt über einen Gottesdienstbesuch in Aufhausen:  

Beeindruckt vom Gottesdienst in der Synagoge Aufhausen (Bericht von 1838)  

Aufhausen AZJ 06091838.jpg (127689 Byte) Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. September 1838: "Ich hatte am 11. dieses Monats Gelegenheit in dem württembergischen Dorfe Aufhausen dem Gottesdienste nach der neu eingeführten Ordnung beizuwohnen und wurde durch die dabei herrschende ehrfurchtsvolle Stille, namentlich aber durch den herrlichen mit größter Präzision und Reinheit ausgeführten vierstimmigen Gesang wahrhaft erbaut und tief ergriffen. Ich hatte bis jetzt die Anordnung durchgängig vierstimmiger Gesänge als einen Missgriff angesehen, der an der Ausführung scheitern müsse, aber hier habe ich die Ausführbarkeit auf eine vollständig befriedigende Art gesehen. Dank, innigen Dank der königlich württembergischen Oberkirchenbehörde, welche durch Aneignung und allgemein Einführung dieser herrlichen Gesänge sich ein neues Verdienst um die jüdische Liturgie erworben und damit zugleich auch eine Vermittlung zwischen dem, der Synagoge immer fremd bleibenden, protestantischen Choralgesang und den allzu weltlichen Melodien bewirkt hat; Anerkennung dem Talent des Herrn Lehrers Frank, welcher durch seine musikalischen Kenntnisse, unterstützt von einem glücklichen Organ den Gesang auf eine solche Stufe gehoben hat, wie man ihn in einer Synagoge nicht leicht hören wird. Dank aber auch dem edlen Eifer der Herren Kirchenvorsteher, welche eine Ehre darein setzen, allen höheren Anordnungen den pünktlichsten Vollzug zuzuwenden, wodurch sie vielen ihrer Kollegen in und außer Württemberg ein würdiges Beispiel geben."

  
Das Ende der Synagoge 

Nachdem schon in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg kaum mehr ein Minjan zum Gottesdienst zusammenkam, wurde die Synagoge 1925 geschlossen und ging nach Auflösung der Gemeinde in den Besitz des Israelitischen Oberrates über. 1931 kam es zuerst zu Verhandlungen mit der neuapostolischen Gemeinde Oberdorf, die die Synagoge als Kirche verwenden wollte. Am 31. August 1931 verkaufte der Oberrat die Synagoge an die politische Gemeinde Aufhausen. Wie aus einem Briefwechsel von Altbürgermeister Wörle mit seinem Nachfolger Weiler hervorgeht, hat damals Wörle selbst aus seinen Ersparnissen 1.800 Mark in den Kauf der Synagoge investiert und die Synagoge als eine Stiftung in die Verwaltung der Gemeinde überführt. Zwar war damals noch nicht klar, welchem Verwendungszweck die Synagoge zugeführt werden sollte, doch war im Kaufvertrag bestimmt worden, dass sie nicht zu unwürdigen Zwecken verwendet werden sollte. 1934/35 war geplant, entweder die Synagoge zu einer Turnhalle umzubauen oder das Rathaus in die ehemalige Synagoge zu verlegen. Dann war geplant, sie zu einem HJ-Heim umzubauen. Ende 1938/ Anfang 1939 war das Synagogengebäude - obwohl im Besitz der Gemeinde - der Zerstörung ausgeliefert. In seinem Brief vom 19. Februar 1939 redet Wörle von einer "täglichen Demolierung" bis zur Unbrauchbarkeit des Gebäudes.    

Aufhausen BM Woerle.jpg (51713 Byte)Links Bürgermeister Martin Wörle (geb. 1865 Aufhausen - 1940 Aufhausen), der die Synagoge 1931 aus eigenen finanziellen Mitteln für die Gemeinde kaufte und sich gegen die Demolierung und Zerstörung des Gebäudes 1938/39 zur Wehr setzte.
Aufhausen Brief 004.jpg (224014 Byte)Brief von Altbürgermeister Martin Wörle an seinen Nachfolger Emil Weiler vom 19. Februar 1939: "Mein lieber Herr Weiler! Ihren Brief vom 11. ds. Mts. habe ich erhalten und von dem Inhalt Kenntnis genommen...  
Nun zu dem Zweck Ihres Schreibens: Der Karren mit der Synagoge ist verfahren und damit auch das von mir jederzeit bewiesene Wohlwollen und Sorgen für die Gemeinde Aufhausen. Wenn man 32 Jahre lang als Ortsvorsteher seine Kraft bis zur Neige geopfert und muss Erfahrungen machen, wie es bei mir der Fall war, kann man sich nicht wundern, dass an Stelle der Sorgen um das Wohl der Gemeinde Interesselosigkeit tritt. Die Synagoge ist beim Ankauf in halbwegs ordentlichem baulichen Zustand gewesen und heute ist sie ein Trümmerhaufen. Dieses tägliche Demolieren bis zur Unbrauchbarkeit des Gebäudes hätte mit allen Mitteln verhindert werde müssen. Wenn ein der Gemeinde gehörendes Gebäude - wie mit Absicht - zerstört werden kann, wenn Polizei und Landjäger nächste Nachbarn sind, und sich nichts darum bekümmern, dann sind diese auch am jetzigen Zustand nicht schuldfrei. Mir persönlich wurde in 2 Wirtschaften hier von 2 Herren, die auf dem Rathaus sitzen, der Vorwurf gemacht: Mit der Synagogen-Stiftung habe ich der Gemeinde nur eine Last auferlegt. Glauben Sie mir, Herr Weiler, dass es für mich ein Vergnügen war, seinerzeit 1.800 Mark Erspartes meiner zahlreichen Familie (nach der Inflation) zu nehmen und zur Bezahlung der Synagoge zu verwenden? Es ist damals auf dem Rathaus die Äußerung gefallen, 'ob nun beim Schultheiß Wörle nichts mehr zu holen ist'. Und nun muss ich dem Zerstörungswerk des Gebäudes zuhören und zusehen von meinem Garten aus. Meine Frau ist wiederholt selbst zur Synagoge hinüber und musste schließlich mit einer frechen Antwort heimkehren. Ich behaupte, dass es Leute hier gibt, welche Interesse an der Wertlosmachung des Gebäudes haben und darum zu allem Tun und Treiben schweigen. Wie hat man mich durch Beschlüsse des Gemeinderats sofort nach meinem Weggang bestürmt, Schultheiß Wörle soll die 'versprochene Rückzahlung' machen und die zweite Zahlung bei der Sparkasse vorlegen! Es handelte sich ja hier um keine 'Rückzahlung', sondern um eine 'freiwillige Gabe'. Ich habe meinen Gehalt, den ich gesetzlich zu beanspruchen hatte, in legaler Weise - durch Beschuss des Gemeinderats festgesetzt - bezogen, wie meine anderen Kollegen mit gleicher Dienstzeit. Der Unterschied war nur der, dass die Letzteren den ganzen Gehalt behielten, und ich bereue es heute, nicht ebenso gehandelt zu haben. Mein Dank für alles, was ich zum Wohle meiner Heimatgemeinde getan habe, kam beim Weggang von meinem 32 Jahre lang gewissenhaft und pünktlich besorgten Amt als Ortsvorsteher zum Ausdruck, - und zwar so, wie es in Württemberg in keiner Gemeinde noch keinem
Aufhausen Brief 005.jpg (142326 Byte) Kuhhirten geschehen ist. Wie Sie sich noch erinnern werden, hat bei der Amtsübergabe der Oberamtsvorstand den versammelten Gemeinderat gefragt, ob niemand 'sprechen' wolle; und die Herren waren sich alsbald einig, mit einem 'Nein' zu antworten. Sogar der vielseitige 'Sprecher' konnte sich seine Weisheit vorenthalten. War diese 'Einigkeit' verabredet, oder waren die anderen Vertreter der Gemeinde zu naiv, um ein paar Worte des Dankes auszusprechen? -- Als Sie ihr Amt antraten, brachte man auch mir abends - trotz meiner Ablehnung - ein 'Ständchen' und als besonders 'hoch' habe ich es angeschlagen, dass mir der Herr Vorstand König einen Blumenstrauß als 'Anerkennung' und als Dank überreichte für 32 Dienstjahre. Punktum und von vorne. - Dass ich nun in der längst 'verbockten' Synagogensache mich wieder in voraussichtlich für mich undankbarer Weise verwenden soll, nachdem scheint's der Handel mit Kleebauer spruchreif ist, dazu habe ich keine Lust. Ich weiß überhaupt nicht, ob der Eintrag der Stiftung ins Grundbuch und Amtgrundbuch - wie besprochen und auf der Urkunde vermerkt - erfolgt ist? Ferner, ob die Gemeinde die Stiftungsurkunde seinerzeit dem Ministerium zur Genehmigung unterbreitet hat?  Nur dann gilt die Stiftung als solche. Ist dies unterblieben, dann bin ich nach 8 Jahren nur noch der 'Blamierte'  - wenn ich jetzt Einspruch erhebe. Und ich will mich in meinem derzeitigen krankhaften Zustand mit diesen Leuten nicht noch verfeinden. Wenn Sie selbst an einem Kauf interessiert sind, müssen Sie sich beeilen; soviel ich weiß, hätte am Dienstag der Kaufvertrag beurkundet werden soll, wenn Herr Waibel nicht erkrankt wäre..."

Das Synagogengebäude wurde schließlich an einen örtlichen Landwirt verkauft. Im Zusammenhang mit dem Umbau zu einem Wohnhaus mit Stallungen ist es teilweise abgebrochen worden; die Grundmauern des Erdgeschosses sind in dem hier stehenden Wohnhaus mit Stallungen erhalten (Lauchheimer Straße 21).  
      
      
 
     
Fotos 
Historische Fotos
(Quelle der Fotos obere Zeile Mitte und rechts sowie untere Zeile rechts: Jüdische Gotteshäuser und Friedhöfe in Württemberg. 1932 S. 53-54; die historische Postkarte ist abgebildet in: Bopfingen in alten Ansichten. Nördlingen 1981 S. 78):   

Aufhausen Synagoge 030.jpg (71007 Byte) Aufhausen Synagoge 003.jpg (99654 Byte) Aufhausen Synagoge 001.jpg (85557 Byte)
Historische Ansichtskarte von Aufhausen
 von 1903: rechts vor der Kirche ist die
 Synagoge zu sehen.
Die Synagoge in Aufhausen Innenansicht der Synagoge
   
Aufhausen Synagoge 020.jpg (36888 Byte) Aufhausen Synagoge 002.jpg (51093 Byte)
Auf der Empore der Synagoge  Der Traustein der ehemaligen Synagoge mit der Inschrift übersetzt: "Das Haus, das 
die Heilige Gemeinde Aufhausen für G"tt gebaut hat im Jahr 584 nach der kleinen 
Zählung" (hebräisch für 1824)  
 
     
Historische Ansichtskarten von
 Aufhausen mit Fotos der Synagoge
 
(alle Karten aus der Sammlung von 
Peter Karl Müller, Kirchheim/Ries) 
Aufhausen Synagoge 160.jpg (66622 Byte) Aufhausen Synagoge 161.jpg (48165 Byte)
  Blick auf Aufhausen, im Hintergrund links der Ipf 
   
    Aufhausen Synagoge 162.jpg (40905 Byte) Aufhausen Synagoge 163.jpg (49283 Byte)
    Blick auf Aufhausen, von Westen her kommen (d.h. aus Richtung Lauchheim kommend) 
   
Aufhausen Schule 160.jpg (71253 Byte) Aufhausen Synagoge 164.jpg (67039 Byte) Aufhausen Synagoge 165.jpg (32271 Byte)
Das Schulgebäude in Aufhausen, in dem
 sich auch die Israelitische Schule befand 
Luftaufnahme auf Aufhausen, im Vordergrund die Ruine Schenkenstein 
  
   
Aufhausen Synagoge 137.jpg (85353 Byte) Aufhausen Synagoge 136.jpg (69439 Byte) Aufhausen Synagoge 138.jpg (92627 Byte)
Die im Oktober 1913 von Aufhausen 
nach Paris verschickte Karte wurde von
 zwei jüdischen Gemeindegliedern namens
 Wassermann unterzeichnet 
Blick auf Aufhausen  Ausschnittsvergrößerung mit Kirche, 
Schule und Synagoge
 
        
   Rechts: Karte, verschickt im Jahr 1900 aus
 Aufhausen nach Speyer; angegeben ist 
als Adresse im Text "bei Isak Wassermann,
 Aufhausen"; die Synagoge ist auf der 
Karte im Hintergrund zu sehen.
Aufhausen Synagoge 139.jpg (87486 Byte)
       
       Karte       
Aufhausen Synagoge 310.jpg (108625 Byte) Aufhausen Synagoge 311.jpg (118930 Byte) Aufhausen Synagoge 312.jpg (142618 Byte) Meran Fam Gabai 010.jpg (74404 Byte)
Die Karte aus Aufhausen mit der Synagoge (Ausschnittsvergrößerung) wurde am 17. August 1928 (Poststempel Bopfingen) geschickt an Heinrich Gabai in Meran; die Anrede auf dem Kartentext ist "Liebste Dilber! Liebste Nourie, liebster Heini". Auf dem Foto rechts (Quelle) sind aus der Familie Gabai in Meran (Foto um 1930) zu sehen (von rechts): Dilber Gabai Perez, Moritz und Nouri Gabai Honig, Suleimann (Suli) Gabei, Sabetai Gabai, Enrico (= Heinrich) Gabai (Sohn von Dilber) sowie Albert und Emmy Gabai.  
Absender der Karte war "Gabai bei Lamm, Oberdorf". Die Absenderin (auf Vorderseite "von Eurer Jenny" ?) war zu Gast bei Familie Lamm in Oberdorf (ehemals Lange Gasse 20).      
     

   
Fotos nach 1945/Gegenwart:

Fotos um 1985:
(Fotos: Hahn)
   
Aufhausen Synagoge 101.jpg (88443 Byte) Aufhausen Synagoge 100.jpg (65834 Byte) Aufhausen Synagoge 102.jpg (58178 Byte)
Wohnhaus Lauchheimer Straße 21, erbaut
 über der großenteils abgebrochenen
 Synagoge; aus derselben Blickrichtung
 wie das historische Foto oben links
Seitenansicht des Gebäudes; 
erkennbar die massive Ostmauer der 
ehemaligen Synagoge
Auch hier ist die Ostmauer der 
ehemaligen Synagoge erkennbar
 
     
Fotos 2003:
(Fotos: Hahn; Aufnahmedatum 5.9.2003)
Aufhausen Synagoge 150.jpg (84514 Byte) Aufhausen Synagoge 151.jpg (43268 Byte) Aufhausen Synagoge 152.jpg (35327 Byte)
Ansicht wie oben, jedoch hinter 
belaubten Bäumen  
Vor dem Haus Lauchheimer Straße 21
 (frühere Stallungen)  
Ansicht ähnlich wie oben 
    

  
   

Links und Literatur  

Links:  

Website der Stadt Bopfingen 

Seite zur Geschichte der Familie Rosenfelder (Aufhausen - Gunzenhausen - Stuttgart)   (Hausgeschichte Marktplatz 14 in Gunzenhausen - bei  www.gunnet.de/stephani/step_p24.htm

Family sheet Moritz Rosenfelder of Aufhausen + Cannstatt   
Family sheet Samuel Rosenfelder of Aufhausen + Oberdorf + Cannstatt + Leipzig   

Literatur:  

Paul Sauer: Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. 1966. S. 29ff.
Ursula Laurentzsch: Zur Geschichte der Judengemeinde Aufhausen bei Bopfingen. Zulassungsarbeit zur 1. Dienstprüfung für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen im Frühjahr 1978 an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd (maschinenschriftlich vervielfältigt). 1978.
Felix Sutschek/Bernhard Hildebrand: Museum zur Geschichte der Juden im Ostalbkreis in der ehemaligen Synagoge Bopfingen-Oberdorf. Katalog.  Bopfingen 2004. S. 64-65  u.ö. 
Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern - Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem 1986. S. 33-34.  
synagogenbuch-1.jpg (32869 Byte)Joachim Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007.    
  
  

  

     
  


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Aufhausen  Wuerttemberg. Jews first settled in the 16th century and maintained a continous presence from the late 17th century, engaging in the cattle and grain trade and reaching a peak population of 378 in 1854. Thereafter their number declined rapidly, with only five remaining in 1933; only one emigrated and survived.
    

 

                   
vorherige Synagoge  zur ersten Synagoge nächste Synagoge

              

 

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Stand: 22. Juni 2013