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zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Herrlingen (Gemeinde Blaustein,
Alb-Donau-Kreis)
Zur Geschichte jüdischer Einrichtungen
Übersicht:
Zur Geschichte jüdischer Einrichtungen im 20. Jahrhundert (english
version)
Seit 1912 befand sich in Herrlingen ein Kinderheim
für noch nicht schulpflichtige Kinder, gegründet und geleitet von Klara
Weimersheimer geb. Essinger, der Gattin des 1919 verstorbenen Herrlinger Bezirksarztes Dr.
Moritz Weimersheimer. Klara Weimersheimer war Schwester von Anna Essinger, die
später das Landschulheim gründete. Das Kinderheimer von Frau Weimersheimer war in dem Gebäude Oberherrlinger Str. 92 (früher Nr.
28) untergebracht. 1936 musste das Heim aufgelöst werden. Dr. Weimersheimer
wurde auf dem Friedhof Herrlingens beigesetzt, obwohl hier kein besonderer jüdischer
Teil vorhanden ist. Das Grab ist indirekt erhalten (siehe bei den Fotos unten). Am Haus Oberherrlinger Straße 92 ist
seit 1993 eine Gedenktafel vorhanden.
1927 bis 1939 gab es ein zweites Kinderheim, gegründet und geleitet von Käthe
Hamburg, im Haus
Karolinensteige 28 (früher Nr. 17). Auch an diesem Haus ist seit 1993 eine Gedenktafel
vorhanden.
Seit 1927 bestand ein Landschulheim (staatlich anerkannte Privatschule), das von
Anna Essinger (geb. 1879 in Ulm, gest. 1960 in Bunce Court, England) gegründet war. Nach
seiner Schließung 1933 beziehungsweise Verlegung nach England war in den Gebäuden ein jüdisches
Landerziehungsheim unter Leitung von Hugo Rosenthal
untergebracht. Es war in diesen Jahren ein Zentrum jüdischen Lebens in Süddeutschland,
zeitweise von über 100 Schülern besucht. 1939 wurde die Schule geschlossen.
Sie war in den Gebäuden Erwin-Rommel-Steige (früher: Wippinger Steige) 11, 13
und 28 untergebracht. Mindestens 15 ehemalige Schüler und Lehrer wurden Opfer der
Verfolgungszeit 1933 bis 1945.
1939 wurde im Haus Erwin-Rommel-Steige (Wippinger Steige)
28 ein (Zwangs-)Altersheim eingerichtet, in dem jüdische Bewohner
verschiedener württembergischer Orte eingewiesen wurden. 1942 wurden die Insassen nach Oberstotzingen verlegt und kurze Zeit später in Vernichtungslager
des Ostens weitertransportiert. Zuvor waren bereits 9 Insassen des Altersheimes
direkt in Lager deportiert worden.
Die Gebäude Wippinger Steige 11 und 13 wurden 1943 bis
1945 Generalfeldmarschall Erwin Rommel und seiner Familie zur Verfügung
gestellt. 1950 wurden sie von der Arbeiterwohlfahrt gekauft, die in ihnen bis
1974 ein Kindererholungsheim für Großstadtkinder unterhielt. Seit 1984 ist das
Haus in Privatbesitz. Eine Informationstafel
zu seiner Geschichte ist seit 1994 angebracht (Haus Friedenthal;
Martin-Buber-Haus).
Von den in ehemaligen Schülerinnen und Schülern des Landschulheimes sind
nach den Deportationen
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): (Liste noch unvollständig): Kurt Bütow
(1924), Dorothea Cohn geb. Meth (1904), Karl Frank (1925), Hans Grünewald (1919), Paul Hanau (1921), Heinz
Herrmann (1928), Hilde Kurniker geb. Prinz (1921), Lisbeth Lefkowitz (1922),
Lisbeth Mayer (1912), Ernst Marx (1920), Klärle Marx (1924), Rolf Rosenfeld
(1929), Georg Rosenthal (1919), Inge Rothschild (1924), Ruth Schwarzschild
(1919), Hans Sundheimer (1937), Julius Sundheimer (1895), Käthe Sundheimer geb.
Stamfort (1907).
Von den Bewohnern des jüdischen "Altersheimes" sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): (Liste noch unvollständig) Hedwig Baer
(1892), Berta Dornacher (1890), Klara Dreyfuss (1877), Samuel Hallheimer (1895),
Josef Herrmann (1866), Emilie Lemberger (1893),
Alfred Moos (1871), Alfred Nathan (1880), Henriette Ottenheimer (1876), Alice
Plaut (1892), Abraham Pressburger (1865), Sophie Rosenfeld (1904), Sara Stein
geb. Künstler (1869, nach Grafeneck), Bedilla Westheimer (1877), Ida Westheimer
(1869).
Betsaal/Synagoge in Herrlingen
Zumindest während der Zeit von 1933 bis 1939 wurden im
Landerziehungsheim unter Leitung von Hugo Rosenthal Gottesdienst gefeiert. Als Betsaal
diente der hierzu hergerichtete Speisesaal des Landerziehungsheimes.
Aus der Geschichte der jüdischen Einrichtungen
Zum "Jüdischen Landschulheim" im Herbst 1933 - Anna Essinger
übergibt das Anwesen in Herrlingen an Hugo Rosenthal
Artikel
in der "Bayrischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 1.
November 1933: "Jüdisches Landschulheim in Herrlingen bei Ulm an
der Donau. Es kann als bekannt vorausgesetzt werden, dass sich die
Landschulheimbewegung in verhältnismäßig kurzer Zeit durchsetzen
konnte. Nachdem die natürlichen Erziehungsgemeinschaften, wie sie die
Familie darstellen, in immer bedrohlicherem Ausmaß ihre pädagogischen
Aufgaben nicht mehr zu erfüllen vermochten (der Zerfall der Familie was
aus den bekannten Ursachen in so vielen Fällen festzustellen), war es
dringend erforderlich, dass andere Gebilde die Erziehungsarbeit
übernehmen. Die Landschulheime hatten für diese Aufgaben mit großem
Erfolg sich zur Verfügung gestellt. Sie bringen die Großstadtjugend der
Natur wieder näher, regen zur Einfachheit und zur Beschaulichkeit an, sie
sind auch in der Lage, wenn sie in familienhaftem Geiste und mit
individueller Pädagogik geleitet werden und jedem einzelnen Kinde, ohne
in den Fehler der Verwöhnung zu verfallen, einfühlendes Verständnis
bekunden, den ihnen anvertrauten Kindern das Leben in der Familie zu
ersetzen.
Es braucht nicht näher dargelegt zu werden, dass auch die jüdischen
Landschulheime besonders heute eine sehr wichtige erzieherische Funktion
zu erfüllen haben, dass sie sich heute geradezu als unentbehrlich
erweisen. Wer es gut meint mit der jüdischen Jugend, wer für sie den
Wunsch geht, dass unverlogene, aufrechte junge Juden heranwachsen, die
getarntes Judentum aus tiefster Seele verabscheuen, wird sich herzlich
darüber freuen, wenn er von der Gründung neuer jüdischer Landschulheime
gerade heute hört. Daher wird man es auch überall innerhalb des
deutschen Judentums mit großer Genugtuung begrüßen, dass Frau Anna
Esslinger, die bis zur |
Überführung
ihres Landschulheims nach England ihre hervorragende erzieherische
Wirksamkeit in Herrlingen bei Ulm a.D. entfaltete, ihr gesamtes, ein
Terrain von zehn Morgen Wald, Wiese und Gartenland und vier schöne
Häuser umfassendes Anwesen Herrn Hugo Rosenthal in Berlin zur Verfügung
stellte, damit jetzt hier jüdische Kinder aller sozialen Schichten zu
Persönlichkeiten erzogen werden, die - deutsch und jüdische Bildung in
sich vereinend - den Aufgaben, die die Zukunft uns stellt, gewachsen sind.
Das Landschulheim liegt oberhalb des Dorfes Herrlingen, 8 Kilometer von
Ulm a.D., 580 Meter hoch, an der Schwäbischen Alb. Es soll etwa 70 Kinder
aufnehmen, entspricht in seinem Lehrziel dem Typ des Reform-Realgymnasiums
und ist als jüdische Erziehungsinstitution durch ministeriellen Erlass
der Regierung von Württemberg anerkannt. Seine Aufgaben lassen sich in
drei Punkte4n zusammenfassen: Heimischmachung der Kinder im deutschen und
jüdischen Kulturkreise, ihre sprachliche Vorbereitung auf die
Auswanderung, Vorbereitung auf handwerkliche, gärtnerische und
hauswirtschaftliche Ausbildung im Rahmen der beruflichen Umschichtung der
Juden.
Wie die Leitung des selbstverständlich rituell geführten Heimes sich die
Verwirklichung dieser Aufgaben im einzelnen denkt, zeigt sehr anschaulich
ein Prospekt, der soeben von ihr versendet wird und jedem, der sich für
das Heim interessiert, zur Verfügung steht.
Ich hatte selbst Gelegenheit, mich von der wundervollen Lage des
Landschulheimes zu überzeugen, auch habe ich feststellen können, dass
die Ausstattung des Heimes modernsten pädagogischen Anforderungen
entspricht. Der sehr helle Werkraum, der in dem zuletzt erst erbauten
Hause sich befindet, hat mir besonders gut gefallen. Darauf hinweisen
möchte ich noch, dass Herr Ministerialrat Dr. Otto Hirsch in Stuttgart,
1. Vorsitzender des Ausschusses der Reichsvertretung der deutschen Juden,
sich um die Gründung des neuen jüdischen Landschulheimes besonders
bemüht hat.
Bezirksrabbiner Dr. Ernst Steckelmacher in Bad Dürkheim." |
Schabbat im Landerziehungsheim in Herrlingen
1934 -
dargestellt von einem 13jährigen Heimbewohner
(aus: Herrlinger Leben, Heft 3, Juni 1934; abgedruckt in Lucie
Schachne s. Lit. S. 202)
Schon am Freitag morgen merkt man den kommenden Schabbat. Der Unterricht ist
am Freitag nicht wie sonst immer durch eine Hausreinigung unterbrochen. Diese
schließt an eine ausgiebige Ruhezeit an. Es ist ein
"Großreinemachen". Sonst dauert die Hausreinigung eine knappe halbe
Stunde, jetzt 1 1/2 - 2 Stunden. Sind wir mit der Hausreinigung fertig. so
reinigen wir uns selbst, und in dem Augenblick, in dem wir uns dann vor
dem Speisesaal, der jetzt zum Betsaal umgewandelt ist, versammeln,
beginnt der Schabbat. Um 7 Uhr gehen wir in den Speisesaal, die Mädchen sagen
zusammen die Bracha über das Schabbatlicht, und dann beginnt der eigentliche
Gottesdienst.
Dieser Gottesdienst ist nun wie in der Synagoge und doch ganz anders. Wir singen
gemeinsam die schönen Psalmen, und jetzt kommt etwas ganz anderes als in der
Synagoge: Wir unterhalten uns alle, vom Ältesten bis zum Jüngsten, über ein
Thema, das der Vorbeter anregt. Einmal z.B. über die verschiedenen Brachoth und
warum man sie sagt, einmal über den Unterschied zwischen Vertrauen und Glauben
und einmal über den Psalm "Ein wackeres Weib". Diese Diskussionen
sind sehr interessant und fast immer sehr fruchtbar. Nach dem Gottesdienst macht
Hugo Rosenthal Kiddusch, und dann setzen wir uns zum Nachtessen, das von
zahlreichen Liedern unterbrochen, sehr fröhlich und gemütlich verläuft. Dann
kommt das Tischgebet, und kurz darauf liegen wir müde und uns auf dem kommenden
Tag freuend im Bett. - Am nächsten Morgens stehen wir später auf,
frühstücken, machen unsere Betten, und dann ist wieder Gottesdienst. Dieser
verläuft in seiner Art so ähnlich wie der am Freitag-Abend. Doch jetzt begehen
wir eine sehr feierliche Handlung: die Aushebung der Tora und die Vorlesung.
Dann kommt eine Übersetzung des gelesenen Abschnitts aus der Buberbibel, und es
folgt wieder eine lebhafte Diskussion über das Gelesene. Diese ist oft so
interessant, dass wir sie in Arbeitsgemeinschaften danach dem Gottesdienst fortsetzen.
Für jeden von uns hat der Schabbat nun etwas Eigenes. Nachdem man die ganze
Woche für die Schule, das Heim, die Gemeinschaft geistig und körperlich
gearbeitet hat, erholt man sich am Schabbat wirklich tüchtig und beschäftigt
sich, so geht es mir wenigstens, mit seinen eigenen Gedanken. Oft kommt das
dadurch zum Ausdruck, dass man sich mit jemand, mit dem man sehr gut steht,
ausspricht. Die Umgebung, in der man lebt, zwingt einen fast dazu, und da man
sehr viel Zeit hat, steht einem nichts im Wege. Am Nachmittag, im Oneg Schabbat,
kommt man wieder auf andere Gedanken. Der Oneg Schabbast kann auf viele Arten
gemacht werden, und da ihn fast immer jemand anders hält, wirkt er jedes Mal
anders. Nach dem Oneg ist Nachtessen, und mit der Hawdalah und dem Erlöschen
des Lichts ist der Schabbat zu Ende. |
Schawuoth (Wochenfest) im Landschulheim
Herrlingen, dargestellt von einer 12jährigen Heimbewohnerin
(aus: Herrlinger Leben, Heft 3, Juni 1934; abgedruckt in Lucie
Schachne s. Lit. S. 203)
Heute ist Eref Schawuoth. Alles tummelt sich geschäftig und bereitet sich
auf den kommenden Tag vor. Der Speisesaal, der gleichzeitig für den
Gottesdienst bestimmt ist, wird mit jungen Birken ausgeschmückt. Gerade kommt
eine neue Ladung. "Wo bleibt denn Yogi mit den Nägeln?" hört man es
da und dort rufen. "Hugo Rosenthal, soll diese Birke neben die Tür?"
"Ja, aber du solltest schon längst im Bett liegen!" "Gute
Nacht!" -
"Hallo! Rahel, bist du schon wach?" flüstere ich am andern Morgen.
"Ja guck mal, was für schönes Wetter ist, richtig für einen
Feiertag." "Du", seufze ich, "ich weiß das Lied vor der
Thoraaushebung nicht mehr. Eine schöne Blamage, wo wir doch vorsingen
sollen." Es gongte zum Aufstehen. Wir machten uns fertig und gingen zum
Frühstück hinunter. Heute schmeckte der Butterbarches noch schöner als sonst.
Danach holten wir Mädchen uns die Kränze, die wir am vorigen Abend geflochten
hatten. Die großen Mädchen streikten. Sie kamen sich zu "erwachsen"
vor. Bald versammelten wir uns im Speisesaal, denn der Gottesdienst begann.
Zuerst sangen wir unsere Schabbathlieder wie immer, dann gingen wir in die
Bibliothek und stellten uns vor den Schrank, in dem die Thora aufgewahrt wurde.
An diesem Feiertag sollte sie eingeweiht werden. Bevor wir sie lasen, machten
wir einen Umzug auf dem Sportplatz und sangen "Bezeth Israel" und
"Halleluja" und setzten uns danach wieder auf die Plätze. Während
der Vorlesung war mir ganz komisch zu Mute. Ich durfte die Thora wieder
anziehen, weil ich neben Hugo Rosenthal saß, der den Gottesdienst leitete. Wie
ich mich fühlte!
Zur Feier des Tages gab es zum Mittagessen Eis. Dabei waren wir ausnahmsweise
ganz still und aßen mit Andacht. - Wir hatten einen freien Nachmittag, und als
ich am Abend todmüde ins Bett fiel, hatte ich das Gefühl, einen besonders
schönen Tag verlebt zu haben. |
Weitere Berichte über die religiösen Feiern in Herrlingen siehe im
Buch von L. Schachne.
Über das Landschulheim Hugo Rosenthal im Frühjahr 1937
Artikel
in der Zeitschrift des "Central-Vereins" (C.-V.-Zeitung) vom 1.
April 1937: "Im Tal der Blau. Ein Besuch in Herrlingen / Von Hans
Oppenheimer. In unserem Aufsatz 'Stuttgart und Ulm, Bild zweier Gemeinden'
(C.-V.-Zeitung Nr. 10 vom 11.3. 1937) hatten wir angekündigt, dass ein
Bericht über Herrlingen folgen werde.
Da, wo das Tal der Blau sich verengt, nicht weit von seinem Ursprung
Blaubeuren, liegt säuberlich an den Hang geschmiegt Herrlingen.
Schon vom Bahnhof aus sieht man die vier Gebäude des Landschulheims,
in dem heute über 100 jüdische Kinder erzogen und unterrichtet werden.
Aus allen Teilen des Reiches kommen sie hier zusammen, um in der
Abgeschiedenheit dieser Landschaft Wissen und Bildung zu erlernen, die sie
für den späteren Kampf des Lebens festigen sollen. Eine schwere Aufgabe.
Ob sie dort gelöst wird, lässt sich heute noch nicht entscheiden. Wenn
man aber den kurzen Besuch überdenkt, so möchte man meinen, dass hier
tatsächlich der Versuch unternommen wird, einen neuen Typ der jüdischen
Schule herauszubilden, der das jüdische Wissen mit der allgemeinen
Bildung harmonisch verbindet, der es vermeidet, nach irgendeiner Seite ins
Extrem zu verfallen.
Da ist zunächst als Zelle des Ganzen das 'Martin-Buber-Haus'. Man
hat ihm hetzt bergab einen Krankenpavillon angebaut mit vier
Krankenzimmern zu zwei Betten mit Bad und Schwesternzimmer. Sein Dach
bildet eine geräumige Veranda. Diese Erweiterung und die Errichtung eines
neuen Schulgebäudes am 'Bialik-Haus', das man aufwärts durch
hohen Tannenwald erreicht, wurde durch Unterstützungen des Oberrats und
der Schulgemeinde Ulm, die einen Teil ihrer Kinder in Herrlingen
unterrichten lässt, ermöglicht. Schließlich sind noch das 'Rambam-Haus'
und das Gärtnerhaus zu erwähnen.
Dem Außenstehenden, der an einem Nachmittag hier hineinschneit, fällt es
schwer, in diesem wimmelnden Getriebe die ordnende und führende Hand zu
erkennen. Er sieht die Schlaf- und Aufenthaltsräume der Jungen und
Mädchen, die zu zweit, zu dritt und zu viert je einen Raum in den
verschiedenen Häusern bewohnen. Er sieht das Bemühen der Kinder, jedes
Zimmer behaglich auszustatten. Die Bilder an den Wänden, die Gegenstände
auf den Borden, die Bücher auf den Regalen lassen schon eher einen
Schluss auf den Geist des Hauses zu. Das Lachen, das man überall hört,
die frischen Gesichter, die einem entgegenstrahlen, beweisen mehr als
viele Unterhaltungen, dass diese Kinder wenigstens nicht allzu sehr mit
den Sorgen der Älteren belastet sind. Da sieht man den großen Esssaal
mit seiner warmen Holzvertäfelung, den Werksaal, den Raum für den
chemischen und physikalischen Unterricht, die großen Gärten, den Sport-
und Spielplatz und immer wieder die beruhigende Landschaft, die einen
wesentlichen Teil dieser Anstalt ausmacht.
Fünfzehn Lehrkräfte teilen sich in den Unterricht, in dem neuerdings der
Werkunterricht, das Hebräische, das Englische (gegenüber dem
Französischen) in den Vordergrund treten. Etwa 15 Fächer verzeichnet der
Lehrplan. Von den Mitarbeitern sprechen wir, außer dem Leiter Hugo Rosenthal
und seiner Frau, die Studienrätin Jenny Heymann, die hauptsächlich
Sprachunterricht erteilt. und Hans Hainebach, der die Grundschule
betreut. Sie sind bemüht, uns die Besonderheiten Herrlingens zu
erklären. Gemeinschaftsleben ist das Ziel der Schule. Es spielt sich in
drei Bezirken ab: das ist zunächst der Heimdienst, der jedem
Insassen eine bestimmten praktische Tätigkeit zuschreibt (Hausdienst,
Tischdienst, Postdienst, Säuberungsdienst, Krankendienst usw.). Neu
eingeführt wurde der Kalenderdienst, der alle mit dem religiösen Leben
im Zusammenhang stehenden Fragen zu betreuen hat. Der nächste kleinere
Bezirk ist die Gruppe, an jüdische Tradition anknüpfend, 'Chewra'
genannt. Sieben Chewrot mit acht bis zwölf Mitgliedern zählt das Heim.
Sie wohnen nicht zusammen und sie weisen verschiedene Altersstufen auf.
Aber sie essen am Abend zusammen, sie wandern zusammen und sie suchen
gemeinsam eine Spezialarbeit zu übernehmen, etwa die Pflege der
Blumenbeete, das Ausschmücken der Räume, das Betreuen der Vögel usw.
Der Kahal, die Gemeinde, ist der dritte Bezirk. Er besteht aus den
Mitarbeitern (Lehrern) und besonders würdigen Heiminsassen (Schülern). Die
Wahl erfolgt nicht durch die Schüler, sondern aus dem Kreis der
Mitarbeiter und der Mitglieder des Kahals. Hier werden grundlegende Fragen
der Schulgestaltung diskutiert. Die Frage, die der Außenstehende beim
Besuche solcher Heime sicher immer zuerst stellt, ist die nach der
Autorität. Hugo Rosenthal sucht sie für seine Anstalt im Bericht über
das Schuljahr 1935/36 wie folgt zu beantworten: 'Es ist naheliegend, dass
in einer jüdischen Erziehungsgemeinschaft die Autorität des Erzieherischen
in den Vordergrund tritt. In dem, was das Erzieherische ist, findet auch
der Erzieher selbst seinen Platz und seine Autorität... Die im
Landschulheim Herrlingen entstandenen Institutionen des
Gemeinschaftslebens stellen einen Teil des Erzieherischen dar. Sie
schaffen immer wieder aufs neue Situationen, in denen die Autorität des
Erzieherischen wirksam wird... und lassen so der Entfaltung wahrer
Erzieherpersönlichkeiten dennoch den weitesten Raum.'
Draußen ist es dunkel geworden. Wir sitzen in der Chewra des Hans
Hainebach rund um den Tisch, trinken den Kakao aus großen Steinguttassen
und langen uns die Butterbrote vom Riesenteller. Natürlich sind die
Kinder nicht frei von Scheu. Aber langsam wird es lebendig. Viele Grüße
nach München und Berlin werden uns aufgetragen. Sie sind alle getreulich
bestellt worden. Zur Diskussion steht an diesem Abend die Purimfeier. Jede
Chewra besitzt den Ehrgeiz, etwas Eigenes zur Verschönerung der Feiertage
beizutragen, und da es ein Fest der Ausgelassenheit ist, kann sich die
Phantasie frei entfalten. Wir wissen nicht, was aus all dem Mummenschanz
geworden ist, aber wir wissen, dass Menschen am Werk sind, die über den
Schulbetrieb hinaus um einer Idee willen an und in dieser Schule
arbeiten." |
Über "New Herrlingen" - Anna Essingers Heim in England
Anmerkung: Anna Essinger verlegte im Sommer ihr 1926 in Herrlingen
gegründetes Landschulheim 1933 in die Grafschaft Kent (siehe nachstehender
Bericht). Nachdem 1940 Südengland zum Verteidigungsgebiet erklärt worden,
musste die Schule innerhalb einer Woche nach Mittelengland verlegt werden. Ein
Gebäude 'Trench Hall' in Shropshire konnte als Schulgebäude notdürftig
hergerichtet werden. Hier besteht bis zur Gegenwart eine Schule, an der im Mai
2007 eine Erinnerungsplakette an die Evakuierungszeit von 1940 bis 1946
angebracht wurde. Bei Gedenkveranstaltungen am 24. Mai und am 19. Juli 2007
trafen sich mehrere ehemalige Schülerinnen und Schüler von "New
Herrlingen" in Shropshire; anwesend war auch eine Delegation des
Anna-Essinger-Gymnasiums in Ulm.
Als das Internat von Anna Essinger 1948 geschlossen wurde, hatten über 900
Kinder aus Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei und Polen dort ihre
Heimat gefunden. Unter den Schülern waren zehn spätere Professoren, aber auch Künstler
wie Frank Auerbach, der Berater des amerikanischen Präsidenten Helmut
Sonnefeld, oder der Dokumentarfilmer Peter Morley.
Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom
15. Dezember 1937: "Die Erziehungsstätte New Herrlingen. Wenn
man in Dover den englischen Boden betritt, hat man nur noch eine Bahnfahrt
von 1 1/2 Stunden zurückzulegen bis zur Station Lenham, um dann in
wenigen Minuten mit dem Auto nach dem Landschulheim New Herrlingen zu
gelangen, das sich im historisch interessanten Süden von England (nicht
weit von Canterbury) in der landschaftlich besonders reizvollen Grafschaft
Kent befindet.
Die Erziehungsstätte wird von Frau Anna Essinger, einer erfahrenen
Pädagogin, geleitet, die ihr Landschulheim von Herrlingen bei Ulm a.d.
Donau im Herbst 1933 nach England verlegt hat. Das geräumige Gutshaus
Bunce Court mit einem großen Obst- und Gemüsegarten, 40 Morgen Park,
Wald und Wiesenland wurden von Frau Essinger vorläufig auf sieben Jahre
gepachtet. Für die 10 Jüngsten (etwa 6- bis 10jährige) steht ein
getrennt liegendes kleines Haus zur Verfügung, wo sie wie eine
geschlossene Familie nach ihrem eigenen Rhythmus und nach ihrer eigenen
Weise leben können. Zum Mittagessen sehen wir die Kleinen und Kleinsten
ins Haupthaus gehen. Auch wenn musikalische Vorführungen oder
Feierstunden veranstaltet werden, versammeln sich die Kleinen mit den Größeren
im Haupthaus. Aber auch die Kinder des großen Gutshauses machen in der
'Cottage' täglich Besuch und helfen dort, wenn es nötig ist. Zum
Landschulheim gehört auch ein Holzhaus mit 20 Einzelzimmerchen für die
großen Jungen. Auch Werkräumen, Laboratorien für Chemie, Physik und
Biologie begegnen wir, auch einem kleinen Krankenhause, das in mustergültiger
Weise von der Schwester der Leiterin, Frl. Paula Essinger, betreut
wird.
Die Kinder werden für die englischen Prüfungen vorbereitet. Die
Erziehungsstätte New Herrlingen will ganz bewusst den Kindern alles
Schöne der deutschen Sprache, Dichtung, Kunst und Musik erhalten, aber
ebenso bewusst ihnen viele Brücken in fremde Länder bauen helfen, ihnen
den Zugang erschließen zu englischem Leben, zu englischen Menschen, zur
englischen Gedankenwelt. In den Ferien werden daher die Kinder in
englische Familien eingeladen. Auf diese Weise ist ihnen Gelegenheit
geboten, London und andere englische Städte kennen zu lernen und eigene
Beziehungen zur englischen Umwelt anzubahnen.
Eine junge Palästinenserin (gemeint: jüdische Frau aus dem damaligen
Palästina) kommt einmal wöchentlich, um Iwrith-Unterricht zu
erteilen. Auch in diesem Winter sind die wöchentlichen Vorträge, die
auch Judentumskunde vermitteln, wieder aufgenommen worden. Den Anfang
machte in diesem Winter Prof. Normann Bentwich mit einem Vortrage über
Palästina. Prof. Bentwich steht auch an der Spitze des Schulrates, der in
jedem Semester zusammentritt und die Leiterin berät.
Es wäre erwünscht, dass Kinder in jugendlichem Alter, also vor ihrer
schwierigsten Entwicklungszeit, in das Landschulheim eintreten, weil
Kinder in jugendlichem Alter, sowohl Knaben wie Mädchen, sich leichter
und unbefangener auf eine neue Umgebung einstellen, leichter und
selbstverständlicher eine neue Sprache erlernen.
Immer wieder werde ich um Auskunft über das Landschulheim New Herrlingen
ersucht. Mit diesen Darlegungen möchte ich die Anfragen aller derjenigen
beantworten, die sich an mich wenden wollen. Selbstverständlich bin ich
gerne bereit, auch noch persönlich jeder einzelnen Familie über New
Herrlingen Auskunft zu geben.
Rabbiner Dr. Ernst Steckelmacher, Ludwigshafen am Rhein." |
Werbeanzeige für das Landschulheim Herrlingen (1936)
Anzeige
in der "Jüdischen Rundschau" vom 23. Juni 1936:
"Landschulheim Herrlingen (bei Ulm/Donau) nimmt vom 24. Juli bis zum
20. August Ferienkinder auf". |
Bericht vom 30. Oktober 1938
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. November 1938:
"Das Landheim Herrlingen. Berlin, 30. Oktober (1938). Die
Schulabteilung der Reichsvertretung teilt mit: 'Das Landschulheim
Herrlingen (bei Ulm a.D.), das unter Leitung von Hugo Rosenthal ein
wertvolles Glied des jüdischen Erziehungswerkes in Deutschland geworden
ist, stand bis vor kurzem in Gefahr, wegen des plötzlichen durch die
Auswanderung der Eltern bedingten Abgangs einer größeren Anzahl von
Schülern bereits Ende November schließen zu müssen. Durch das
Eingreifen der Reichsvertretung und der süddeutschen Landesverbände ist
es gelungen, die Weiterführung des Landschulheims sicher zu stellen. Das Landschulheim
ist in der Lage, noch eine gewisse Anzahl von Schülern aufzunehmen.
Anfragen sind an die Leitung des Landschulheims Herrlingen zu
richten.'" |
Fotos
Historische Fotos:
Fotos von religiösen Feiern in Herrlingen sind keine vorhanden,
eventuelle Hinweise bitte an den
Webmaster von Alemannia Judaica: Adresse siehe Eingangsseite
 |
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Das Landschulheim Herrlingen:
Gebäude Wippinger Steige 28 (Quelle: Gemeindearchiv Blaustein in:
Seemüller s.Lit. S. 13) |
Das Landschulheim Herrlingen
mit seinen Bewohnern
Quelle: : Schachne s. Lit. Titelbild |
Der Speisesaal des Gebäudes
Wippinger Steige 28 (um 1930), der auch als Betsaal genützt wurde
(Quelle: Sigrid Kaminski, Schondorf, in: Seemüller s. Lit. S. 25) |
Fotos nach 1945/Gegenwart:
Grab des jüdischen
Bezirksarztes Dr. Weimersheimer in Herrlingen
(Foto: Carl Bischof, Dornstadt, November 1989) |
 |
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Dr. Weimersheimer
wurde 1919 auf dem Friedhof beigesetzt; das Foto von 1989 zeigt die
Grabstätte, in der 1966 ein Dr. Kandler beigesetzt wurde, der den Wunsch
geäußert hatte, im Grab des Dr. Weimersheimer bestattet zu werden. Der
Grabstein von Dr. Weimersheimer blieb erhalten - die Metallplatte wurde ausgewechselt. |
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Neue Fotos der Gebäude
des Landschulheimes sind noch nicht vorhanden, über Zusendungen freut
sich
Webmaster von Alemannia Judaica: Adresse siehe Eingangsseite |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
|
 |
 | Paul Sauer: Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und
Hohenzollern. 1966. S. 103ff. |
 | Lucie Schachne: Erziehung zum geistigen Widerstand, Das jüdische
Landschulheim Herrlingen 1933-1939. 1986. |
 | Ruth Fichtner/Beate Wegemer: Kindern eine
Zukunft. Von zwei Kinderheimen in der Weimarer Zeit. Diplom-Arbeit
Erziehungswissenschaft Universität Tübingen. 1986. |
 | Hans-Otto Binder: Ritterkreuz und Judenstern: Rommel
und das jüdische Landschulheim Herrlingen. Hg. Fachschaft Geschichte der
Universität Tübingen. 1995. |
 |
Jizchak Schwersenz: Die versteckte Gruppe. Ein jüdischer
Lehrer erinnert sich an Deutschland. 1994³. |
 | Ulrich Seemüller: Das jüdische Altersheim
Herrlingen 1939-42. Hg. von der Gemeinde Blaustein 1997. |
 |
S. Giebeler: Das Landschulheim der Anna Essinger.
1997. |
 |
Hugo Rosenthal (Josef Jashuvi): Lebenserinnerungen (Hg. Micheline
Prüter-Müller/Peter Wilhelm A. Schmidt; = Panu Derech, Bereitet den
Weg Band 18). Verlag für Regionalgeschichte 2000. |
 |
Hansjörg Greimel: Tante Annas
Kinder. Bericht über ein Treffen ehemaliger Schüler der aus Ulm stammenden
jüdischen Pädagogin Anna Essinger. in: Mitteilungen des Dokumentationszentrums
Oberer Kuhberg Ulm e.V. Nr. 48 November 2007. S. 4-5. |
 |
Herrlingen
im Brennpunkt. Anna Essinger, Martin Buber, Erwin Rommel und anderen.
Beitrag in "Momente. Beiträge zur Landeskunde von
Baden-Württemberg" Heft 04 2008 S. 2-7. Beitrag
als pdf-Datei eingestellt.
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Herrlingen
Wuerttemberg. The Jews of Herrlingen, numbering 48 in 1933, formed part of the
nearby Ulm community. Herrlingen was best known for its Jewish educational
institutions, including a boarding school that maintained Jewish education in
the Nazi era (107 students in 1937) as well as serving as a teachers' training
center with such illustrious instructors as Martin Buber. Many students were
able to emigrate to Palestine prior to the school's closure in 1939.
Subsequently the school building was used as an old age home for Jews from the
Wuerttemberg region, the last of whom were deported to the Theresienstadt ghetto
in 1942.

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