Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Neckarsulm (Landkreis Heilbronn) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen     
Zur Geschichte des Betsaals / der Synagoge   
Fotos / Darstellungen  
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte   
Links und Literatur   

    

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde     
   
In dem vom Ende des 15. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts dem Deutschen Orden gehörenden Neckarsulm bestand eine jüdische Gemeinde im Mittelalter, die durch die Judenverfolgungen 1298 und 1349 vernichtet wurde. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts kamen nach der Ausweisung der Heilbronner Juden einige von ihnen nach Neckarsulm. Seitdem lebten vermutlich ununterbrochen bis zum 20. Jahrhundert Juden in der Stadt. 
  
Die Entstehung der neuzeitlichen Gemeinde geht in die Zeit der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zurück. 1625 lebten 45 jüdische Einwohner in der Stadt, 1639 waren es acht jüdische Familien, dazu kamen einige auswärtige Juden, die auf Grund des Krieges in die Stadt geflohen waren. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts lebten jeweils fünf bis acht jüdische Familien in der Stadt. 
  
Die höchste Zahl jüdischer Einwohner wurde um 1752 mit 13 Familien (ca. 90 Personen) erreicht, danach ging die Zahl zurück (1802 sieben Familien). 
  
Im 19. Jahrhundert wurde die Höchstzahl um 1869 mit 54 Personen erreicht. 
  
1832
wurde Neckarsulm Filialgemeinde zu Kochendorf und gehörte zum Bezirksrabbinat Lehrersteinsfeld. Von Kochendorf kam der dortige Religionslehrer fortan regelmäßig zum Religionsunterricht nach Neckarsulm (siehe unten Ausschreibungen der Stelle). 1887 waren es zwei schulpflichtige jüdische Kinder, denen der Kochendorfer Lehrer wöchentlich zwei Stunden Religionsunterricht erteilte (siehe unten Ausschreibung 1887).  
  
Bereits im Oktober 1874 wurde auf Grund der schnellen Abwanderung der Juden insbesondere nach Heilbronn die Gemeinde aufgelöst. Seitdem gehörten die noch in Neckarsulm lebenden Juden der Kochendorfer Gemeinde an; nach der Auflösung der Kochendorfer Gemeinde 1925 der Heilbronner Gemeinde. 
  
1933 wurden noch 17 jüdische Einwohner in der Stadt gezählt.    
 
Von den in Neckarsulm geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Amalie Bodenheimer (1875), Alice Harburger geb. Rheinganum (1906), Werner Römmele (1914).    
    
    
   
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1872 / 1876 / 1887 / 1891 für Kochendorf mit Neckarsulm (und Oedheim) 

Kochendorf Israelit 04121872.jpg (67334 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Dezember 1872: "Religionslehrer- und Vorsänger-Gesuch. Die Gemeinde Kochendorf sucht per 1. Januar 1873 einen Religionslehrer und Vorsänger, welcher auch den Religionsunterricht in Oedheim und Neckarsulm wöchentlich 2 Mal mit je 2 Stunden zu erteilen hat. Gehalt 475 Gulden pro Jahr nebst freier Wohnung und Emolumenten. Qualifizierte, unverheiratete Bewerber wollen ihre Zeugnisse franko dem Unterzeichneten einsenden. 
Heilbronn am Neckar, 19. November 1872. Das Königlich Württembergisch Bezirks-Rabbiner: Dr. M. Engelbert."     
    
Kochendorf Israelit 14061876.jpg (64136 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Juni 1876: "Die Religionslehrer- und Vorsängerstelle in Kochendorf, welche Mitte Juli dieses Jahres vakant wird, soll alsbald wieder besetzt werden. Der Gehalt für diese Stelle, mit welcher der Religionsunterricht in Oedheim und Neckarsulm verbunden ist, beträgt  8.0 (?) Mark pro Jahr nebst freier Wohnung und Emolumenten. Qualifizierte Bewerber wollen ihre Meldungen und Zeugnisse innerhalb 3 Wochen dem Unterzeichneten einsehen. 
Heilbronn am Neckar, 12. Juni 1876. Das Königliche Bezirksrabbiner. Dr. M. Engelbert."  
  
Kochendorf Israelit 13101887.jpg (70064 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. Oktober 1887: "Die Religionslehrer- und Vorbeterstelle in Kochendorf (Bezirksrabbinat Heilbronn am Neckar) soll am 1. Januar 1888 anderweitig von einem ledigen Mann besetzt werden. Gehalt pro anno bei freier Wohnung Mark 560 und Mark 18 Holzentschädigung, sowie einen für den Religionsunterricht in Neckarsulm, 2 Kinder, wöchentlich 2 Stunden, aus der israelitischen Zentralkirchenkasse zu beziehenden Gehalte von Mark 85 jährlich, nebst Emolumenten. Qualifizierte Bewerber wollen ihre Meldungen nebst Zeugnissen dem Unterzeichneten bis zum 1. November dieses Jahres einsenden. 
Heilbronn. Dr. M. Engelbert, Bezirksrabbiner."    
    
Kochendorf Israelit 10081891.jpg (49683 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. August 1891: "Kochendorf. Die Stelle als Religionslehrer und Vorbeter in hiesiger Gemeinde ist per sofort oder längstens innerhalb drei Monaten zu besetzen. 
Jährliches Einkommen, bei freier Wohnung, Mark 560, Holzgeldentschädigung Mark 18, für die Filiale Neckarsulm Mark 85 und nicht unbedeutende Nebenverdienste. 
Ledige, seminaristisch gebildete Lehrer wollen sich melden und Zeugnisse beifügen. 
Kochendorf bei Heilbronn, 9. August 1891. Vorsteheramt: Levi."  

  
  
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen   
Lehrlingssuche des Kaufhauses Stern (1912) 

Neckarsulm FrfIsrFambl 26041912.jpg (50649 Byte)Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 26. April 1912: "Lehrling 
gesucht bei freier Station. Sohn achtbarer Eltern. Selbstgeschriebene Offerten an 
Kaufhaus Stern 
Neckarsulm
."   

    
    
  
  
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge   
   
Die ehemalige "Judengasse" (parallel zu einem Teil der Marktstraße und zu einem Teil der Kolpingstraße; gegenüber der Pfarrkirche St. Dionysius) könnte Hinweis auf ein mittelalterliches Wohngebiet sein. Durch die Bebauung nach 1945 ist diese Judengasse aus dem Stadtbild völlig verschwunden. 
     
Seit dem 17. Jahrhundert konzentrierte sich das jüdische Wohngebiet auf den östlichen Teil der Rathausstraße bis zur Neutorgasse. Hier wurde auch ein Betsaal beziehungsweise eine Synagoge eingerichtet. Eine erste Nennung stammt aus dem Jahr 1625. Der wegen den Kriegsunruhen von Erlenbach nach Neckarsulm gezogene Jude Hirtz hatte in Neckarsulm ein Haus gekauft, worin eine Synagoge eingerichtet werden konnte ("darin sie ihre Synagog erbaut"). 1639 starb Hirtz. In diesem Jahr wird in Neckarsulm Aaron, Männlins Sohn genannt, der in dem damals erstellten Judenverzeichnis als "einfältiger Rabbiner" bezeichnet wird.  
       
Mehrfach wird in den 1690er-Jahren der Betsaal genannt, vermutlich noch derselbe wie ein halbes Jahrhundert zuvor in einem Gebäude am Ende der Rathausgasse unweit des Amorbacher Hofes. Da ein Teil der jüdischen Familien verstreut in der Stadt lebte, stellte sich für den damaligen deutschordischen Amtmann das Problem, dass beispielsweise "Benedict der Rabbi" über den Markt und durch mehrere Gassen zur Synagoge gehen musste. Der Amtmann überlegte, ob die Juden der Stadt "nicht näher zusammengezogen" werden könnten. Mit welchem Erfolg, wird nicht berichtet.
      
1736 wurde ein Vertrag der Judenschaft mit der Stadt Neckarsulm abgeschlossen "das Haus der Judenschaft betreffend". Gemeint war damit das Gebäude der "Judenschul" oder die "sogenannte Männer- und Weiber-Synagoge in der Rathausgassen". Die Judenschaft hatte das Haus für 300 Gulden gekauft, wobei es sich um die alte Synagoge handelte, die vermutlich nun aus privatem Besitz in das Eigentum der Gemeinde überging. Nach dem mit der Stadt ausgehandelten Vertrag sollten alle Anlieger freien Aus- und Eingang zu dem Grundstück haben. Bei dem Gebäude handelte es sich nach der damaligen Zählung um das Gebäude Nr. 205a an der Rathausgasse.
   
Nachdem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Zahl der jüdischen Einwohner schnell zurück ging und die Gemeinde 1874 aufgelöst wurde, wurde auch die Synagoge geschlossen. Letztmals hatte man 1852 an dem Gebäude eine bauliche Veränderung vorgenommen, wobei für die Besucher "eine besondere Tür angebracht" wurde. 1861 wird berichtet, dass die Neckarsulmer Juden die Synagoge in Kochendorf besuchten. Möglicherweise wurde damals nur noch an Festtagen Gottesdienst in der Neckarsulmer Synagoge gefeiert. 
    
Über die Auflösung der Gemeinde und den anstehenden Verkauf von Synagoge und Synagogeninventar berichtet die Zeitschrift "Der Israelit" am 24. März 1875: 

Neckarsulm Israelit 24031875.jpg (82255 Byte)"Neckarsulm. Unsere israelitische Gemeinde, vor Jahrhunderten zahlreich und wohlausgestattet, seit 1828 ein Filial der israelitischen Gemeinde in Kochendorf, hat sich, herabgesunken auf etliche Mitglieder, nun völlig aufgelöst. Unser Kirchengut, bestehend aus dem Synagogengebäude, Torarollen, wertvollen Vorhängen, silbernem Toraschmuck, Leuchtern und dergleichen wird nach dem Erkenntnis der Königlichen Oberkirchenbehörde meistbietend verkauft(!) und der Erlös zunächst der Zentralkirchenkasse zugewiesen, aus welcher der Betrag seiner Zeit zu Gunsten israelitischer Gemeinden verwendet wird. Es ist dies vielleicht der erste Fall, dass in unserem Lande in solcher Weise über das Gemeindevermögen verfügt wird, und diese Verfügung gibt ein Präjudiz für künftige Fälle der Auflösung jüdischer Gemeinden infolge ihrer Entvölkerung und der Übersiedelung in andere Orte. Bei der jetzigen starken Wanderung der Israeliten vom Lande in die Städte dürfte das Eingehen der Landgemeinden bald öfters vorkommen und den Grundstock vermehren, aus welchem bedürftigen Gemeinden Subsidien zugewendet werden können."

Die Versteigerung des Synagogeninventars am 16. Mai 1875 auf dem Rathaus in Heilbronn erbrachte den Betrag von 335 Gulden.  

Neckarsulm Israelit 12051875.jpg (61350 Byte)Anzeige in der Zeitschrift der Israelit vom 12. Mai 1875: "Heilbronn. Versteigerung. Von dem Kirchengut der Israeliten in Neckarsulm werden in höherem Auftrag am Mittwoch den 16. Mai 1875, vormittags 9 Uhr, auf dem Rathause in Heilbronn, Zimmer Nr. 19, folgende Gegenstände gegen bare Bezahlung im Aufstreich verkauft:
Mehrere auf Pergament geschriebene, gut erhaltene Gesetzrollen (Siphre Tora und Megilla). 1 prächtiger, reichlich goldgestickter Vorhand mit silbernen Glocken (Paroches), 1 dto. und gewöhnliche Vorhänge, 4 Stück goldgestickte Tora-Mäntelchen. Weiße Vorhänge, Mäntelchen, Decken, Sargenes etc. 1 Stock silbernes Taß (Toraschmuck) nebst 2 Handdeuter (Jad), zusammen über 3 Pfund schwer. Wand-, Kron-, Arm-, Hänge- und Chanukka-Leuchter und 1 Handfass von Messing. Ferner: Bücher, Schofroth von Widderhorn und andere Utensilien. Viele dieser Gegenstände sind noch zur Ausstattung von Synagogen geeignet.
Israelitisches Kirchenvorsteheramt. A. A. Löwenstein, Vors."

Auch das Synagogengebäude wurde verkauft und spätestens um 1900 in eine Scheune umgebaut, die am 1. März 1945 kriegszerstört wurde. Noch um 1930 waren an den Innenwänden der ehemaligen Synagoge in Quadratschrift geschriebene, zum Teil gut erhaltene hebräische Inschriften zu sehen.  
    
   
  

Fotos 
Historische Fotos: 

Historische Fotos finden sich in der Publikation von Ansbert Baummann, siehe Literatur 

Plan: 

Neckarsulm Plan 01.jpg (130338 Byte)  Neckarsulm Plan 02.jpg (144320 Byte) 
Flurkarten-Ausschnitt: Neckarsulm 1892; 
links eingetragen die ehemalige "Judengasse";
 rechts unten die ehemalige Synagoge 
Nr. 205 und das Badhaus 205a
Karte: Neckarsulm 1834 nach dem Plan der 
ersten württembergischen Landesvermessung 
mit eingetragener "Judengasse" und 
der ehemaligen Synagoge

  
Fotos nach 1945/Gegenwart:  

   Fotos sind keine vorhanden   
        

   
   
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte 

April 2012: In Neckarsulm wurde ein "Stolperstein" verlegt   
Artikel von Helmut Buchholz in der "Heilbronner Stimme" vom 17. April 2012: "Stolperstein-Verlegung in Heilbronn und Neckarsulm..."  
Link zum Artikel      
Weiterer Artikel in der "Rhein-Neckar-Zeitung" vom 23. April 2012: "Schüler setzen Zeichen gegen das Vergessen. 'Stolperstein' zum Gedenken an Amalie Bodenheimer aus Neckarsulm verlegt..."  
Link zum Artikel (eingestellt als pdf-Datei)  
Anmerkung: der Gedenkstein für Amalie Bodenheimer (1875-1942) wurde in der Wilhelmstraße 14 verlegt.     
 

    

   

Links und Literatur

Links:

Website der Stadt Neckarsulm 
Seite zum jüdischen Friedhof in Neckarsulm (interner Link)  

Literatur:

Germania Judaica II,2 S. 571-572.
Paul Sauer: Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. 1966. S. 132-143.
Wolfram Angerbauer/Hans Georg Frank: Jüdische Gemeinden in Kreis und Stadt Heilbronn. 1986. S. 165-176.
Lothar Hantsch: Von den Juden in Neckarsulm, in: Historische Blätter des Heimatvereins Neckarsulm. Sept./Okt. 1985.
Ansbert Baumann: "...das wir sie nie so lang gehalten hetten". Die Vertreibung der Heilbronner Juden im 15. Jahrhundert und ihre Niederlassung in Neckarsulm. In: Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden. 16 Jg., Heft 2. 2006. S. 439-460. 
Ansbert Baumann: Die Neckarsulmer Juden. eine Minderheit im geschichtlichen Wandel 1298-1945. Thorbecke-Verlag. Ostfildern 2008. ISBN 978-3-7994-0819-1. 

     

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 31. Juli 2012