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Odenwaldkreis"
Michelstadt (Odenwaldkreis,
Hessen)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Michelstadt bestand eine jüdische Gemeinde bis 1940. Ihre Entstehung
geht in die Zeit des 17. Jahrhunderts zurück. Um 1650 lebten zwei jüdische
Familien in der Stadt, 1786 waren es 18 Familien, 1791 104 jüdische Einwohner.
Große Bedeutung erlangte
Michelstadt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch das Wirken von
Rabbi Seckel Löb Wormser (1768-1847), der Wundermann ("Baal Schem"
von Michelstadt. Bevor er als Rabbiner wirken durfte, gründete
er eine Talmudschule, die weltbekannt wurde und in der er um 1800 bis zu 70 Schüler
unterrichtete. Seit 1811 nahm er Rabbinatsfunktionen in
Beerfelden, Reichelsheim, Fränkisch Crumbach und König wahr, 1823
bemühte er sich um eine feste Anstellung in der Grafschaft Erbach. Neben ihm
war - vor allem auch in Michelstadt selbst - der Vorsänger und Schochet Wolf
Muhr als Rabbiner tätig. Nach dem Tod der beiden 1846 und 1847 wurde der
Rabbinatsbezirk Michelstadt aufgelöst und dem Rabbinat Darmstadt zugeteilt.
Pläne um 1895, das Rabbinat wieder zu errichten (siehe Artikel unten) blieben
erfolglos.
Die Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich im 19. Jahrhundert
in Michelstadt wie folgt: 1828 177 jüdische Einwohner, 1861 192 (6,2 % von insgesamt 3.098
Einwohnern), 1871 194 (6,0 % von 3.247), 1880 175 (5,3 % von 3.296), 1900 124
(3,8 % von 3.224), 1910 126 (3,5 % von 3.630).
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule,
ein rituelles Bad und ein Friedhof. Zur
Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war zur Zeit des Rabbiners Wormser
der bereits genannte Rabbiner, Vorsänger und Schochet Wolf Muhr am Ort. Später
war ein Lehrer angestellt, der auch als Vorbeter und als Schochet tätig war (vgl. Ausschreibungen der Stelle unten). Als Lehrer werden u.a. genannt: Lehrer
Levi (1845-1865), Lehrer Baruch Plaut (1865-1875), Lehrer Jakob Gottschall
(1875-1900) und Abraham Fröhlich (1900-1911).
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde: Abraham Fleischer
(geb. 3.9.1892 in Mülbach, gef. 22.3.1915) und Ludwig Strauß (geb. 11.3.1893
in Trebur, gef. 25.10.1918).
Um 1924, als noch 99 jüdische Einwohner gezählt wurden (2,5 % von 3.013
Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Heinrich Oppenheimer, Otto
Reichardt und S. Hecht. Als Lehrer, Kantor und Schochet war Leo Grünfeld
tätig. Er erteilte auch fünf jüdischen Kindern in Bad König den
Religionsunterricht. In Michelstadt hatte er damals 19 Kinder zu unterrichten. 1932
waren die Gemeindevorsteher Emil Straus (1. Vors.), Otto Reichardt (2. Vors.);
als Schatzmeister ist Hugo Katz eingetragen. Als Lehrer war nun Leo Straus
tätig. Er unterrichtete im Schuljahr 1931/32 13 jüdische Kinder. An jüdischen
Vereinen gab es insbesondere die beiden Chewroth: Frauenchewra und
Männerchewra.
1933 lebten 91 jüdische Personen in der Stadt,
von denen in den folgenden Jahren noch 48 emigrieren konnten. 14 wurden 1942-43
von Michelstadt aus in Vernichtungslager deportiert.
Von den in Michelstadt geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Erna
Bertha Bacharach geb. Strauss (1899), Luise Cohn geb. Haas (1880), Sara Feilmann geb.
Plaut (1871), Albert Haas (1874), Anna Haas geb. Kayem (1892), Isabella (Bella) Haas geb. Strauss
(1897), Fred
Haas (), Karl Haas (1874), Leopold Haas (1882), Margerit (Margrit, Marquitta) Haas (1924), Werner
Josef Haas (1926), Hedwig Jakobi geb. Joseph (1870), Auguste Kahn (1867), Emanuel Kahn (1870), Laura Kahn geb. Rais (1897), Paula Kahn
(1902), Rosa Kander geb. Menges (1883), Doris Katz (1924), Hugo Katz (1882),
Lina Katz geb. Reichhardt (1882), Martha Katzenstein
geb. Speyer (1899), Flora Krieg geb. Dreifuss (1883), Hedwig Ladenburger geb.
Ettlinger (1899), Sidonie (Sydonia) Löbmann geb. Marx (1888), Alfred Lorch
(1899), Franziska Lorch geb. Oppenheimer (1903), Anna Lesem geb. Speyer (1897,
oder Losem),
Gertrude Meier geb. Speyer (1903), Johanna Morgenthau (1875), Ludwig Neu (1886),
Meta Neu (1882), Moses Neu (1884), Adolf Neumann (1880), Babette Oppenheimer
geb. Speyer (1873), Heinrich Oppenheimer (1875), Leopold Oppenheimer (1871),
Mathilde Oppenheimer geb. Ettlinger (1904), Dr. Michael Friedrich Oppenheimer
(1904), Emilie Reichhardt geb. Jonas (1885), Gertrud Reichhardt (1929), Lotte
Reichhardt (1921), Edgar G. Rothschild
(1929), Meta Rothschild geb. Levi (1897), Moritz Rothschild (1890), Adolf Straus (1869), Rosa
Straus geb. Hirsch
(1872), Aron Strauss (1873), David Strauss (1930), Emanuel Strauss (1868), Emil Strauss
(1879), Frieda Strauss geb. Nebel (1884), Herbert Strauss (1932), Jenny Strauss
geb. Spier (1885), Johanna Strauss geb. Mayer (1866), Lina Strauss
geb. Lindheimer (1873), Max Strauss (1870), Max Strauss (1896), Max Strauss
(1907), Michael Strauss (1933), Mina Strauss (1900), Uri M. Strauss (1933),
Wilhelm Strauss (1902), Lizzi Wassum geb. Ascher (1888), Rosi (Rosa) Weber geb.
Rais (1893).
Nach 1945: Eine neue jüdische Gemeinde hat sich
durch die Zuwanderung einiger jüdischer Familien aus den Ländern der
ehemaligen Sowjetunion in den 1990er-Jahren gebildet.
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1865 /
1875 / 1876 / 1900 / 1911 / 1922 / 1925
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Juni 1865: "Die
Stelle eines Lehrers und Vorbeters der israelitischen Gemeinde Michelstadt
ist neu zu besetzen. – Hierauf Reflektierende belieben sich wegen des
Näheren unter genauer Angabe ihrer bisherigen Wirksamkeit an den
Unterzeichneten zu wenden. Michelstadt. Der Vorstand der israelitischen
Gemeinde Albert Strauß." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Oktober 1875: "Gesuch.
Bei der hiesigen israelitischen Gemeinde ist die Stelle eines Lehrers,
Vorbeters und Schächters alsbald zu besetzen. Seminaristisch gebildete
Lehrer erhalten den Vorzug. Jährliches Einkommen circa 1.200 Mark ohne
Nebenverdienst. Bewerbungen sind nebst Zeugnissen baldmöglichst
einzureichen. Michelstadt, den 8. Oktober 1875. Der Vorstand des
israelitischen Gemeinde: Lyon." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. August 1876: "Lehrer-,
Kantor- und Schächterstelle sofort zu besetzen. Gehalt fix 900 Mark
nebst den nicht unbedeutenden Schächtgebühren. Durch die hiesige
Realschule ist reichliche Gelegenheit zur Erteilung von Privatunterricht
geboten. Qualifizierte Bewerber wollen sich baldigst an Unterzeichneten
wenden. Michelstadt, den 17. August 1876. Der Vorstand der israelitischen
Gemeinde. Lyon." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. August 1876: "Vorbeter,
zugleich Baal Tokea, für die ernsthaften Tage gesucht.
Michelstadt, den 17. August 1876. Der Vorstand der israelitischen
Gemeinde. Lyon." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. August 1900: "Lehrergesuch!
Nachdem Herr Lehrer Gottschall seines hohen Alters wegen, die schon, seit
24 Jahren innehabende Stelle als: Religionslehrer, Vorbeter, Schochet und
Friedhofskommissär zu allgemeinem bedauern gekündigt hat, wird solche
hiermit zur Neubesetzung ausgeschrieben. Geeignete seminaristisch
gebildete Bewerber wollen Ihre Offerten mit genauer Personalbeschreibung,
nebst Zeugnisabschriften alsbald an unterfertigte Stelle einreichen.
Bemerkt wird, dass die Stelle mit Nebeneinkünften ca. Mark 1.800
einträgt. Michelstadt, hessischer Odenwald, 14. August 1900. Der
Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde Michelstadt:
Speyer." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. September 1911:
"In unserer Gemeinde ist die Stelle eines seminaristisch gebildeten Religionslehrers,
Kantors und Schochets baldigst zu besetzen. Gehalt nebst festem
Nebeneinkommen ca. 2.600 Mark sowie Pensionsberechtigung. Bewerber wollen
sofort ihre Gesuche nebst Zeugnisabschriften und Lebenslauf an
Unterzeichneten einreich. Der Vorstand der israelitischen Gemeinde
Michelstadt Theodor Strauß." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. März 1922:
"Wegen Übergang des bisherigen Lehrers in den Staatsdienst ist die
hiesige Religionslehrerstelle möglichst bald zu besetzen. Mit
derselben ist das Amt des Vorbeters und Schochets verbunden. Die Rechnungsführung
für die israelitische Gemeinde, sowie die 'Speyer'sche Stiftung' und
Friedhofsverband werden bei eventueller Übernahme extra honoriert.
Oberrealschule, höhere Töchterschule und staatliche Gewerbeschule am
Platz. Bewerber belieben Gesuche mit Gehaltsangabe an den Unterzeichneten
zu richten. Ledige Bewerber erhalten den Vorzug.
Michelstadt, den 20. März 1922. Der Vorstand der israelitischen
Gemeinde. Theodor Strauß." |
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Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Oktober 1922:
"Wir suchen per sofort einen seminaristisch geprüften, orthodoxen Lehrer,
der auch als Schochet und Chasan (Vorsänger) zu fungieren
hat. Fixum 100 mille. Erhebliche Nebeneinkommen. Einkommen in der staatlichen
Pensionskasse. 2. Lehrerprüfung erwünscht. Sofortige Verwendung an
landwirtschaftlicher Winterschule und staatlicher Gewerbeschule mit ca. 20
Wochenstunden bei zeitgemäßer Besoldung möglich, für Mathematik, Deutsch
etc.). Wohnungsbeschaffung vorläufig nur für ledigen Herrn möglich.
Angeh. Bewerbungen unter Beifügung von Referenzen und Zeugnisabschriften
erbeten an den
Vorstand der Israelitischen Gemeinde Michelstadt: Theodor
Strauß." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Februar 1925:
"In hiesiger Gemeinde ist die Stelle eines Religionslehrers,
Kantors und Schochets per 1. Juni eventuell früher zu besetzen. Die
Besoldung erfolgt nach staatlichen Grundsätzen. Bewerber wollen
ausführliche Angebote mit Zeugnisabschriften und Lebenslauf einreichen.
Israelitische Gemeinde Michelstadt in Hessen. Der Vorsteher: Heinrich
Oppenheimer." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Oktober 1925:
"Wir suchen per sofort oder 1. Januar 1926 Religionslehrer, Kantor
und Schauchet. Gehalt nach staatlicher Besoldung und Möglichkeit zu
guten Nebenverdiensten. Bewerber (Reichsdeutsche) mit nur Ia Zeugnissen
und Empfehlungen belieben sich zu melden
Vorstand der israelitischen Gemeinde Michelstadt (Hessen). Heinrich
Oppoenheimer." |
Zum Tod von Lehrer Levi (1865)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Juni 1865: "Michelstadt.
Unserem schlichten Städtchen, das sich so selten der Erwähnung in einem
öffentlichen Blatt erfreut, umso mehr aber im Munde des Volkes durch
seinen dahingegangenen Rabbinen HaRaw HaGadol Raw Sekel Lew – seligen
Andenkens – einen guten Klang hat, steht ein bedeutender Verlust
bevor. – Unser hoch geehrter Herr Lehrer Levi, der schon seit mehr als
zwanzig Jahren die hiesige Lehrer- und Predigerstelle zur allgemeinen
Zufriedenheit bekleidete, wird schon dieser Tage unsere Gemeinde verlassen
und in Frankfurt eine bessere Stelle antreten. Die dankerfüllten Schüler
dieses Mannes fühlen diesen herben Verlust wohl am meisten, da unser Herr
Lehrer nicht nur durch seine lebendige, ansprechende Unterrichtsweise,
sondern auch durch sein freundlich herzliches Entgegenkommen unsere Herzen
gewann. Aber auch in das Gemüt eines jeden Einzelnen schlägt das
Scheiden dieses jahrelangen Leiters unserer Gemeinde eine tiefe Wunde;
denn abgesehen davon, dass es schwer fallen wird, unter gleichen
Bedingungen einen würdigen Nachfolger zu finden, der, wie sein
Vorgänger, sein ganzes wohl der Ausübung seiner Amtspflichten opfert, so
wird man auch das wohlwollende Wesen, mit welchem er Jedem durch Rat und
Tat an die Hand ging, empfindlich vermissen. Möge diesen biederen
Ehrenmann auch ferner Gottes sichtbarlicher Segen begleiten, und dessen
zukünftiges Wirken von ebenso glücklichen Erfolgen gekrönt sein, als
dies bei uns der Fall war! Möge es aber andererseits auch unserer
Gemeinde gelingen, einen Mann heranzuziehen, der das schwierige Amt eines
Lehrers so handhabt, wie es, vom jüdischen Standpunkt betrachtet,
erforderlich ist! E." |
Auszeichnung für Lehrer Gottschall (1900)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. Dezember 1900: "Michelstadt,
10. Dezember (1900). Eine seltene Auszeichnung wurde dem seit Ende Oktober
in den Ruhestand getretenen Herrn Lehrer Gottschall dahier zuteil. In
ehrender Anerkennung seiner langjährigen pflichtgetreuen Dienste wurde
ihm am Geburtstage Seiner Königlichen Hoheit, des Großherzogs von
Hessen, der Verdienstorden 'Philipp des Großmütigen' verliehen.
Möge der Orden noch lange Jahre die Brust des wackeren Jugenderziehers
schmücken." |
Zum Tod von Lehrer Jakob Gottschall (1903)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Dezember 1903:
"Höchst i.O., 4. Dezember. Ein großer Trauergefolge bewegte sich
vergangenen Sonntag nach dem israelitischen Friedhofe Michaelstadt. Galt
es doch, dem nach 55jähriger, ersprießlicher Tätigkeit als
Religionslehrer und Jugendbildner, in die ewige Heimat abberufenen Herrn
Jakob Gottschall die letzte Ehre zu erweisen. Seine Ehrwürdigen Herr
Landesrabbiner Dr. Marx aus Darmstadt widmete dem Entschlafenen in der
Friedhofshalle einen überaus ehrenden Nachruf. Unter Zugrundlegung der
Textwort: 'und Jakob ging weg aus Beer Sheba und er ging nach Haran'
verglich Redner den von uns Hinweggegangenen Jakob Gottschall mit unserem Stammvater
Jakob unserem Vater. Wie bei dem Wegzuge unseres Patriarchen Jakob der
Glanz, das Licht und der Ruhm von seiner Heimat schwand, so sei auch
mit dem Wegzuge dieses Mannes der Ruhm, |
der
Glanz und das Licht der israelitischen Gemeinde Michelstadts erloschen.
Weiter entwickelte der Herr Rabbiner ein ergreifendes Lebensbild des
Entschlafenen in Bezug auf seine dreifache Tätigkeit als Familienvater,
als Lehrer einer Religionsgemeinde und als ein, seiner Verpflichtungen
gegen die Allgemeinheit sich bewusster Mensch. Auch ihm würden sich, wie
unseren Frommen, drei Engel vom Gottesthrone nahen und ihm zurufen:
'Friede mit Dir! Lohn wird Dir werden für Deine aufopfernde Liebe und
Treue Deinen Angehörigen gegenüber, Lohn wirst Du empfangen für die
Saat, die Du in langen Jahren hingebendester Tätigkeit in die
empfänglichen Kinderherzen gestreut hast, Lohn wirst Du erhalten für
Deine allumfassende Menschenliebe, die auch dem sorgenvollsten, sich Dir
nahenden, einen Lichtblick gewährte.' Wohl sei der Stand der jüdischen
Kultusbeamten nicht auf Rosen gebettet und auch der Dahingeschiedene
hätte die Not des Lebens gelernt; aber diejenigen, die mit Tränen säen,
tröstete der Landesrabbiner, würden in hellem Jubel die Früchte ihrer Tätigkeit
vor dem Throne des allmächtigen Vaters im Himmel einst ernten und
genießen. Nach der fast einstündigen Rede des Herrn Rabbiners ergriff
der Vorsitzende des israelitischen Lehrervereins in Hessen, Herr
Wertheimer, Heldenbergen, das Wort, um in kurzer, markiger Rede Abschied
zu nehmen von dem teuren Freunde, dem gewissenhaften Kollegen, dem erst
arbeitenden Vereinsmitgliede, und ihm Dank zu sagen für seine selbstlose
Tätigkeit im Interesse der sozialen Besserstellung der israelitischen
Lehrer Hessens. Der Nachfolger des Entschlafenen, Herr Fröhlich -
Michelstadt, hob in seiner Ansprache insbesondere hervor, dass auch unser
allverehrter Landesfürst, Seine königliche Hoheit Großherzog Ernst
Ludwig, die Verdienste Gottschalls anerkannte, indem er ihm den Orden
Philipps des Großmütigen verlieh; dass der Gesangverein 'Liederkranz' es
sich nicht nehmen ließ, seinem früheren Dirigenten vor dem Sterbehause
einen Abschiedsgesang zu widmen und dass auch Direktion und Lehrkörper
der Großherzoglichen Realschule, dem langjährigen Religionslehrer dieser
Anstalt, das Ehrengeleite gaben. Weiter betonte Herr Fröhlich das Sterben
des Seligen nach Vervollkommnung, sein Sehnen, durch peinlichste
Gewissenhaftigkeit alle seine Schüler zu tüchtigen, ehrenvollen Menschen
zu machen und seinen süßesten Lohn, seine Lehren, in die Tat umgesetzt
zu sehen. Von der Friedhofshalle aus, in welcher Gottschall so oft und so
herzlich Vielen Trost zugesprochen, wurden dann die sterblichen Überreste
dieses Großen in Israel - der mit den Kronen der Gelehrsamkeit und des
guten Namens geschmückt war - der kalten Erde übergeben. Sein Geist aber
lebt weiter in unserer Mitte und wird uns ein Ansporn sein, ihm ähnlich
zu werden. 'Zum ewigen Gedenken sei der Fromme!' Nach
erfolgter Beerdigung statteten die Lehrer des Odenwaldbezirks dem Herrn
Landesrabbiner einen Besuch ab und baten ihn, bei einem alle vier Wochen
zu veranstaltenden Lernen in Mischna und Dinim
(Religionsgesetzen) den Vorsitz zu übernehmen. Hoch erfreut über diesen
Lerneifer willigte Herr Dr. Marx ein und bestimmte die erste Zusammenkunft
für Sonntag, den 6. Dezember nach Reinheim. Möge dieses Beispiel auch
Andre aneifern, immer mehr und mehr sich dem Studium unserer heiligen
Lehre zu widmen. H.K." |
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Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 22. Januar 1904: "Michelstadt,
im Januar (1904). Am 26. vorigen Monats stark plötzlich infolge eines
Herzschlages der pensionierte Lehrer Jacob Gottschall im Alter von 78
Jahren. Er fungierte als Religionslehrer und Kantor in Schornsheim
(Rheinhessen), Viernheim und
Michelstadt i.O., in letzterer Gemeinde ca. 25 Jahre. Hier wurde er auch
an der großherzoglichen Realschule sofort als israelitischer
Religionslehrer angestellt. Die verschiedenen Dirigenten der Schule
schätzten ihn hoch und anerkannten seine unterrichtlichen Erfolge. Vor
ca. 2 Jahren, als er in Pension trat, legte er auch dieses Amt
krankheitshalber nieder. Seine musikalische Befähigung wurde in
Michelstadt bald bekannt, und der Gesangverein ‚Liederkranz’, dem die
besseren Elemente der Stadt angehören, wählte ihn zu seinem Dirigenten.
Er wurde mit der Zeit Freunde und Berater und Helfer vieler Familien der
Stadt; er diente Arm wie Reich in gleicher Liebe und Hingebung. So kam es,
dass er von allen wieder geliebt wurde, was sich deutlich bei seinem
Leichenbegängnisse zeigte. Am Grabe entwarf Rabbiner Dr. Marx-Darmstadt
ein getreues Lebensbild des verdienten Lehrers, des sorgenden Gatten und
Vaters, des treuen Freundes und Kollegen, das Herzen rührte und vielen
Tränen in die Augen lockte. Darnach ergriff Lehrer Wertheimer –
Heldenbergen als Vorsitzender des israelitischen Lehrervereins im
Großherzogtum Hessen das Wort, um dem Heimgegangenen, der seit Gründung
des Vereines eines seiner eifrigsten Mitglieder war, warme Worte des
Nachrufes zu widmen. Er betonte, dass er der Stolz des Vereines war, zu
dem alle Mitglieder mit Hochachtung und Verehrung aufblickten. Er blieb
bis zum Ende der treue, aufopfernde Lehrer. Nebst verschiedenen
Remunerationen seitens der großherzoglichen Staatsregierung verlieh ihm
der Großherzog das silberne Kreuz des Verdienstordens Philipps des
Großmütigen." |
Suche eines Hilfsvorbeters für die hohen Feiertage (1915)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. August 1915: "Wir
suchen für die hohen Feiertage einen Hilfsvorbeter.
Offerten nebst Gehaltsansprüche umgehend erbeten.
Der Vorstand der Israelitischen Gemeinde Michelstadt. Theodor Strauß." |
Regelung der Lehrerbesoldung (in der Inflationszeit 1922)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Juli 1922: "Darmstadt, 27.
Juni. Die ‚Arbeitsgemeinschaft’ schreibt: Nach gütlichem
Übereinkommen mit der Verwaltung der israelitischen Gemeinde Michelstadt
hat diese dem neu anzustellenden Lehrer und Kantor ein festes Gehalt von
40.000 Mark sowie Einkauf in die Fürsorgekasse für Gemeindebeamte
bewilligt. Wir empfehlen die Stelle der allgemeinen Bewerbung und
bemerken, dass tüchtigen Kollegen neben der Schechitoh noch
reichlich Gelegenheit zu Nebenverdiensten durch Privatstunden namentlich
in den Handelsfächern und der Musik geboten ist." |
Aus der Geschichte des Rabbinates in
Michelstadt
Bilder von Rabbiner Wormser sowie zwei Dokumente aus dem Staatsarchiv Darmstadt
zur Beantragung seiner festen Anstellung 1823
(übernommen aus Arnsberg, Bilder s.Lit. S. 151)
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| Rabbiner Seckel
Löb Wormser, der "Baalschem" von Michelstadt |
Der alte,
nicht mehr vorhandene Grabstein für S. K. Wormser |
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Gesuch
von Isaac Löw Mathes Wörmser zu Michelstadt vom 24. Juni 1823:
'Seiner hochgräflichen Erlaucht, dem regierenden Herrn Grafen Albert zu
Erbach, Herrn zu Breuberg und Rothenberg; untertänigste Bitte des Isac
Löw Matthes Wormser, zu Michelstadt (um) Gnädigste Anstellung als Rabbi
in dem Umfange der Grafschaft Erbach..." |
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Auszugsweise
Zitat: "Erlauchtester Graf, Gnädigster Graf und Herr... Vor einigen
Tagen wurden die hiesige Judenschaft sowohl, als die übrigen
Judenschaften der gesamten Grafschaft Erbach von der Regierung durch den
Landrat aufgefordert, zu erklären, ob sie wünschen, in
Rabbiner-Angelegenheiten künftig unter dem Oberrabbi zu Darmstadt zu
stehen, oder ob es ihr Wunsch sei, einen eigenen Rabbi zu haben. Die
Meinung der Deputation der hiesigen Gemeinde sprach sich für einen
eigenen Rabbi aus. Nun, Gnädigster Graf und Herr, bin ich ein Landeskind,
ohne alles Vermögen im Besitze einer sehr zahlreichen Familie, studiere
seit vierzig Jahren als Rabbi, habe dreifach als Rabbi promoviert, ...
seit 1811 ist mir von der Gräflichen Regierung die Erlaubnis erteilt, in
den Distrikten Beerfelden, Reichelsheim, Fränkisch Crumbach und König,
auf Verlangen, die Verrichtungen eines Rabbi auszuüben, und wünsche
jetzt eine feste Versorgung. Ich erlaube mir daher zur hohen Gnade Eurer
Hochgräflichen Erlaucht, die untertänigste Bitte zu erlassen: um
gnädigste Anstellung als Rabbi in dem Umfange der Grafschaft
Erbach-Fürstenau. In tiefster Ehrfurcht ersterbend, Erlauchtester Graf,
Gnädigster Graf und Herr! Eurer Hochgräflichen Erlaucht untertänigster
Isak Löw Matthes Wormser." |
Zum Tod von Rabbi Isaak Löb (Seckel Löb) Wormser (1847)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 18. Oktober 1847: "Michelstadt
(auf dem Odenwalde, im Großherzogtum Hessen), 29. September (1847). Eine
Trauerfeier seltener Art bewegte am 16. dieses Monats unsere Stadt. Der
berühmte und würdige Rabbi Isaak Löb Wormser ist heimgegangen zu seinen
Vätern. Schon längere Zeit mit den beschwerden des Alters kämpfend, ist
er am 13. dieses Monats gegen Abend gottergeben und noch mit sterbender
Stimme seinen Herrn preisend, zur Ewigkeit eingegangen, im 76. Jahre
seines Lebens. Tiefe und aufrichtige Trauer erregt sein Tod nicht nur bei
seinen Hinterlassenen, die nun durch diesen harten Schicksalsschlag aller
Stütze und Versorgung beraubt, der bittersten Armut und dem größten
Elend preisgegeben sind, sondern auch bei seinen zahllosen Gönnern,
Verehrern und Freunden in dem ganzen Rabbinatsbezirke und weit hin über
die Grenzen Deutschlands, Europas, ja selbst über den Ozean wird sein
Hingang von gläubigen Herzen beklagt und betrauert werden. So einfach und
geräuschlos sein Leben und Wirken in unserer Mitte war, so berühmt und
allgemein bekannt und hoch geschätzt war er durch seine Frömmigkeit,
seine tiefe Lehrweisheit, seine felsenfeste Treue am Gotte Israelis und
seine unbegrenzte Wohltätigkeit bei Israeliten und Nichtisraeliten. Sein
ganzes Leben, das in Entbehrungen, Entsagungen und Aufopferungen bestand,
war nur der Beglückung seiner Mitmenschen ohne Unterschied des Glaubens
gewidmet, viele Tränen der Armut und des Unglücks trocknete er, manches
wunde Herz hat er geheilt und manchen Kummer als Freund und Tröster
brüderlich geteilt und gelindert. In welch allgemeiner Verehrung und
Liebe er hier und in der Umgegend gestanden war, bewies sein
Leichenbegängnis, bei welchem eine gewiss sehr seltene Teilnahme
betätigt wurde, denn über achthundert verschiedener Konfessionen
Angehörige schlossen sich dem Leichenzuge an. Schon abends vorher und mit
kommendem Tagesanbruch sah man von allen Seiten, zum Teil aus
beträchtlicher Ferne, Freunde und Verehrer des Verstorbenen in Menge
herbeiströmen. Gegen 10 Uhr bewegte sich der Zug in der musterhaftesten
Ordnung durch die Stadt, wie folgt: Dem Sarge, getragen von den
Vorständen des Rabbinatsbezirks, folgten drei israelitische Lehrer,
welche große in Flor gehüllte Folianten, die geschriebenen talmudischen
Abhandlungen des Verstorbenen, trugen. Den hierauf folgenden Angehörigen
des Verstorbenen hatte sich die israelitische Schuljugend angeschlossen
und dieser folgte Herr Rabbiner Dr. Auerbach von Darmstadt, welcher
gekommen war, seinem greisen Kollegen die letzte Ehre zu erweisen,
begleitet von Herrn Levi, Lehrer und Vorsänger der |
hiesigen
israelitischen Gemeinde und Herrn Fromm, dem Privatlehrer des
Verstorbenen. Hierauf folgten zwei hiesige evangelische Geistliche, die
Geistlichen von Erbach, viele auswärtige israelitische Lehrer und die
Lehrer der hiesigen Real- und Stadtschulen. Auch Seine Erlacht, der
regierende Graf zu Erbach-Fürstenau hatten die Gnade, Seine Achtung dem
Verblichenen durch eine Deputation zu bezeugen, welcher sich nun der
Landrat des Bezirks, der hiesige Beigeordnete und Gemeinderäte
anschlossen. Sodann folgten zahlreiche Beamte und Bürger, und eine
unabsehbare Reihe israelitischer Glaubensgenossen beiderlei Geschlechts
– die zum Rabbinatsbezirk gehörenden Orte nach alphabetischer
Rangordnung eingeteilt – beschloss endlich den Zug. Erst vor der Stadt
begann der Wechsel der Leichenträger, welcher sich nun oft wiederholen
musste, um es auch den übrigen zum Rabbinatsbezirke gehörigen Gemeinden
möglich zu machen, ihren verehrten Rabbiner zur Ruhestätte bringen zu
können. Alles dies ist aber in so großer Ordnung vor sich gegangen, dass
der Zug fast nicht die mindeste Unterbrechung erlitt. Auf dem Friedhofe
angekommen, hatten sich schon zahlreiche Zuhörer daselbst versammelt, und
nachdem die üblichen Gebete und Gebräuche verrichtet waren, hielt Herr
Dr. Auerbach die erste Rede; nach diesem trat der eine evangelische
Geistliche, Herr Mitprediger Bauer, auf, an dessen Rede sich noch zwei
andere reihten, gehalten von Herrn Fromm und Herrn Levi. Hierauf folgten
nun die Schlussworte, gesprochen von Herrn Stadtpfarrer Hessig. Sämtliche
Redner hoben in höchst ansprechender Weise die Tugenden und Verdienste
des Seligen hervor und zeigten, welche Stütze des Judentums mit ihm
gebrochen, welche Hoffnung mit ihm hinabsank, wie seine ganze Kraft seinem
wichtigen und heiligen berufe gewidmet war, und wie Wohl tun gegen
Jedermann, ohne Unterschied des Glaubens, der Grundzug seines biederen
Charakters gewesen, wodurch er sich ein bleibendes Gedächtnis bei
Israeliten und Christen gestiftet hat; besonders ergreifend war die Rede
des Herrn Mitprediger Bauer und die sehr gehaltvollen Schlussworte des
Herrn Stadtpfarrer Hessig, welche gewiss in den Herzen aller Anwesenden
den tiefsten Eindruck gemacht, und selbst die Orthodoxesten, welche einen
so seltenen Fall, evangelische Geistliche am Sarge eines Israeliten reden
zu hören, noch nicht erlebt hatten, verließen dankbar gerührt den
Friedhof. Diese Leichenfeier, obgleich vom Wetter nicht begünstigt, war
eine wahrhaft erhebende und gewährte ein erfreuliches Bild der Humanität
und Toleranz. Gewiss kann es nur von guter Nachwirkung sein, dass die
evangelische Geistlichkeit, mit gutem Beispiele vorangehend, den
Biedermann ehret, wo sie ihn findet, und die Scheidewand fallen lässt,
die nur zu oft Christen und Juden trennet!
Schließlich erlaubt sich Einsender dieses zu bemerken, dass zur
Versorgung der nun armen und hilflosen Familie des Verstorbenen ein
Komitee zur Errichtung eines Fonds sich hier gebildet hat, welches zur
Erreichung eines solch heiligen Zweckes, durch einen demnächst ergehenden
öffentlichen Aufruf, die kräftige Unterstützung aller edlen
Menschenfreunde erbitten wird. L." |
Anregung von Rabbiner Dr. Formstecher (Offenbach) nach
dem Tod von Seckel Löb Wormser: Bildung einer Unterstützungskasse für Witwen
israelitischer Geistlicher (1848)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. Januar
1848: "Offenbach, 19. Dezember 1847. Aufruf zur Bildung einer
Unterstützungskasse für Witwen israelitischer Geistlichen.
Lange schon nähre ich den Plan, gleichgesinnte Amtsgenossen zu
veranlassen, die zerstreuten Kräfte zu Bildung einer überschriftlich
bezeichneten Unterstützungskasse zu vereinen. Auch würde ich bei der
diesjährigen Rabbinerversammlung bestimmt Teilnehmer an meinem Streben
gewonnen haben, wenn diese selbst nciht auf ein Jahr hätte verschoben
werden müssen. - Nun aber sehe ich mich durch ein mich schmerzlich
berührendes Ereignis veranlasst, meinen Vorschlag auf diesem Wege meinen
Amtsbrüdern zur Prüfung und zur Beherzigung vorzulegen. Zu Michelstadt
im Großherzogtum Hessen starb am 13. September dieses Jahres der dortige,
in gewinnen Kreisen sehr berühmte Rabbiner Is. Löw Wormser nach
vieljähriger Amtsverwaltung in seiner solchen Dürftigkeit, dass für
die, durch seinen Tod brotlos gewordene Witwe und deren drei unversorgte
Kinder sich ein Unterstützungskomité bilden musste, welches durch
öffentliche Aufforderungen und Rundschreiben so viel aufzubringen sich
bemühet, um die armen Verlassenen vor dem bittersten Mangel zu schützen.
- Es ist dieses zwar nicht das erste und nicht das alleinstehende
Beispiel, dass für die dürftigen Hinterlassenen eines Rabbiners
gebettelt werden muss, und dennoch kann das teilnehmende Herz eines tiefen
Schmerzes sich nicht erwehren, so oft solch ein düsteres Bild in seiner
furchtbaren Wirklichkeit vor unsere Augen tritt..." |
Der
weitere Abschnitt wird nicht ausgeschrieben, da er zu weit über die
Thematik der jüdischen Geschichte in Michelstadt hinausgeht; bei
Interesse bitte anklicken. |
Listen über eingegangene Beiträge zur Unterstützung der Familie von
Rabbiner Löw Wormser (1848)
Links:
Das "Comitee zur Unterstützung für die unversorgte Familie
Wormser" empfiehlt seine Arbeit und veröffentlicht eine erste Liste
von eingegangenen Spenden.
Anzeige in der Zeitschrift "Der treue Zionswächter" vom 18.
Januar 1848. |
Dieselbe
Liste des Unterstützungskomitees, veröffentlicht in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 17. Januar
1848.
Liste wird nicht ausgeschrieben, bei Interesse bitte Textabbildung
anklicken. |
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| "Zweite Liste
der zur Bildung eines Fonds für die Hinterbliebenen des seeligen Rabbinen
J. L. Wormser dahier eingegangenen Beiträge" in der Zeitschrift
"Der treue Zionswächer" vom 15. September 1848 |
Oben: Fortsetzung
der "Zweiten Liste..." in der Zeitschrift "Der treue
Zionswächter" vom 15. September 1848. Liste wird nicht
ausgeschrieben - bei Interesse bitte Textabbildung anklicken. |
Zum Tod von Rabbi Wolf Wormser, Sohn von Seckel Löb
Wormser (1892)
Anmerkung: Rabbi Seckel Löb Wormser hatte aus zwei Ehen zusammen 15
Kinder. Der nachstehend genannte Wolf Raphael Wormser war das zweitjüngste Kind aus der zweiten Ehe mit Johanna geb. Benzinger, aus der
insgesamt 10 Kinder hervorgingen.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. April 1892: "Michelstadt im
Odenwald, 28. März (1892). Am verflossenen Mittwoch, dem 24. Adar, starb
der unverheiratete 67 Jahre alte Rabbi Wolf Wormser, der zweitjüngste und
noch allein hier lebende Sohn des im Jahre 1847 dahier verstorbenen,
weltberühmten Rabbiners, des HaGaon Hagadol, unser Lehrer, der Herr,
Herr Sekel Löw Wormser – das Andenken an den Gerechten und Heiligen ist
zum Segen -. Der Verstorbene hatte sich zur Lebensaufgabe gemacht zu
lernen und zu lehren um zu beachten und zu tun alle Worte des Talmud, der
Tora Gottes in Liebe; dabei war er ein großer Menschenfreund, übte
Wohltätigkeit im höchsten Grade und opferte Alles, was er verdiente,
für die Armen und Bedürftigen ohne Unterschied des Glaubens. – Wo es
edlen Zwecken halt, gab er mit vollen Händen. – Daher die zahlreiche
Beteiligung der jüdischen und Nichtjüdischen Bevölkerung, und
auswärtiger Glaubensgenossen – bei seinem Leichenbegängnisse. – Auf
telegraphische Nachricht war Rabbiner Dr. Marx aus Darmstadt hierher
geeilt, welcher auf dem Friedhof eine ergreifende, von Herzen kommende und
zu Herzen gehende Leichenrede hielt, die den tiefsten Eindruck machte und
hinterließ. – Redner entwarf mit Rücksicht auf die Abstammung des
Hingeschiedenen, auf seine Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit, sein
edles Wirken und seinen musterhaften Lebenswandel und besonders auf seine
Torakenntnis ein sehr treffliches, wahrheitsgetreues Charakterbild desselben.
J. Gottschall, Lehrer." |
Überlegungen, das Rabbinat Michelstadt wieder zu
errichten (1895)
Anmerkung: 1895 wurde das Rabbinat Darmstadt in ein liberales und ein
orthodoxes Rabbinat geteilt. Damals stimmten in Michelstadt 19
Gemeindemitglieder für die liberale Richtung; die übrigen Gemeindemitglieder
waren gegen eine Trennung des Rabbinats und wollten wieder ein eigenes Rabbinat
in Michelstadt.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Juni 1895: "In Bensheim, so
schreibt man der ‚Laubhütte’ fand eine Gemeindeversammlung statt, in
welcher darüber beraten wurde, ob man der Errichtung eines Rabbinates
Bensheim zustimmen solle. Nach eingehender Beratung wurde beschlossen,
diesen Antrag abzulehnen. Der Vorstand der israelitischen
Religionsgemeinde Bensheim gehört zu den persönlichen Anhängern des
Herrn Dr. Marx in Darmstadt und wünscht deshalb den Anschluss an dessen
Religionsgesellschaft und Rabbinat. Es sind noch einige Gemeinden in der
Bergstraße, die ebenso gesinnt sind. Es werden äußerst wenig Gemeinden
vorhanden sein, welche für den Anschluss an den Rabbiner der ‚liberalen’
Gemeinde, Herrn Dr. Selver in Darmstadt stimmen. In Michelstadt fand eine
Versammlung statt, von welcher ich Ihnen berichten kann, dass die Gemeinde
einstimmig beschlossen hat, den Antrag zu stellen, dass das Rabbinat
Michelstadt wieder errichtet werde." |
Gedenktafel für Rabbi Seckel Löb Wormser (1909)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Dezember 1908: "Michelstadt,
22. Dezember (1908). Der Gemeinderat beschloss, wie das ‚Erbacher
Kreisblatt’ meldet, zu Ehren des 1847 verstorbenen weltberühmten Rabbis
Seckel Löb Wormser, der als Gelehrter und Menschenfreund seiner
Vaterstadt viele Wohltaten und Ehren erwiesen hatte, eine Gedenktafel an
dem hause, in dem er zuletzt wohnte, gegenüber dem Amtsgericht, anbringen
zu lassen. Ein Komitee, das sich teils aus dem Gemeinderat, teils aus der
Bürgerschaft rekrutiert, soll das hierzu Nötige in die Wege leiten.
Durch die im ‚Israelit’ vor zwei Jahren erschienene Erzählung, deren
Held Rabbi Seckel Löb Wormser ist, wurde die Aufmerksamkeit der
Michelstädter Bürgerschaft erneut auf Rabbi Seckel Löb Wormser gelenkt,
ein Interesse, das jetzt zu dem erwähnten Beschluss geführt hat." |
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Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Februar 1909: "Michelstadt
im Odenwald, 12. Februar (1909). Unter dem Vorsitze des Herrn
Bürgermeisters Hieronymus beriet vorgestern ein Komitee über die
Ausführung der vom Gemeinderat beschlossenen Ehrung des berühmten Rabbi
Seckel Löb Wormser. Es wurde beschlossen, eine Sammlung zu veranlassen,
deren Erträge teils zu einer Gedenktafel an seinem ehemaligen Wohnhaus
benutzt, teils zu einer Stiftung festgelegt werden sollen, die seinen
Namen tragen und deren Zinsen im Geiste des großen Rabbi zu wohltätigen
Zwecken ohne Unterschied der Konfession Verwendung finden sollen." |
Zum Tod von Justizrat Dr. Elias Straus in München,
Urenkel des Baal Schem von Michelstadt (1933)
Anmerkung: eine der drei Töchter des Rabbi Seckel Löw Wormser hieß
Gertrude (Gnendel, geb. 1800, gest. 1878). Sie war in Michelstadt verheiratet
mit dem früh verstorbenen Elias Strauss. Ihr Sohn Samuel Strauss gelangte
später in Karlsruhe als Bankier zu Ansehen und Reichtum und war ein bedeutender
Philanthrop (gest. 1904). Seine Söhne waren der nachstehende Dr. Elias (Eli)
Strauss in München, und der Historiker Rafael Strauss.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Juni 1933:
"München, 20. Juni (1933). Am Sonntag wurde unter außergewöhnlich
großer Teilnahme der ganzen jüdischen Bevölkerung Justizrat Dr. Elias
Straus, der zweite Vorsitzende der Kultusgemeinde München, zu Grabe
getragen. Dr. Straus war der älteste Sohn von Samuel Straus – das Andenken an der Gerechten
ist zum Segen – in Karlsruhe, ein Urenkel des Baal Schem von
Michelstadt. Mit hohen Geistesgaben ausgestattet und von starkem
jüdischen Arbeitswillen erfüllt, hat er in München eine umfassende
sozial-philanthropische Tätigkeit entfaltet, das Wohlfahrtswesen der
Gemeinde München sowie darüber hinaus dasjenige des Bayerischen
Gemeindeverbandes mustergültig organisiert und dabei mit seinem goldenen
Herzen als wahrer Fürsprecher und Helfer der Armen und Bedrückten ohne
Unterschied der Herkunft durch persönliches Eingreifen manche Träne
getrocknet. Der zionistischen Bewegung von Anfang an tatkräftig
hingegeben, trat er dennoch überall im öffentlichen leben für die
Interessen der Orthodoxie ein und hat auch in seiner persönlichen
Lebensführung den religiösen Traditionen seines Vaterhauses pietätvoll
die Treue gewahrt. Seine Sehnsucht galt dem heiligen Lande; in dem
schweren Leid seines monatelangen Krankenlagers traf er die
Vorbereitungen, dorthin überzusiedeln, sobald es sein Gesundheitszustand
gestatten werde.
An der Bahre zeichnete Rabbiner Dr. Ehrentreu in bewegten Worten die
menschlich-jüdischen Wesenszüge des Heimgegangenen, worauf
Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer dem unersetzlichen Verluste Worte lieh,
den die Gemeinde München und er selbst durch das frühe Ende der
gesegneten Wirksamkeit des Freundes erlitten habe. Ferner sprachen
Rabbiner Dr. Bärwald, für die Ostjuden besonders herzlich Rabbiner
Wiesner, für die zionistische Ortsgruppe Justizrat Dr. Fränkel. Dem
Schmerze der Familie verlieh Herr Jacob Rosenheim aus Frankfurt in einigen
Abschiedsorten Ausdruck, die die seelischen Wurzeln aufzuzeigen suchten,
aus denen das Wesen des Heimgegangenen emporgewachsen sei. Seine Seele sei
eingebunden in den Bund des Lebens." |
| Justizrat Dr. Straus hatte auch noch manche
Erinnerungsstücke an Seckel Löb Wormser in seinem
Besitz: |
Aus
einem Artikel in der "Bayerischen Israelitischen
Gemeindezeitung" vom 19. September 1927 (in dem Artikel geht es um
Ritualien, hier um Kidduschbecher): "Dass solche Becher nicht
einmaliges Erzeugnis waren, beweist u.a. auch ein etwas älteres Stück
nahezu gleicher Ausführung im Besitz des Justizrates Dr. E. Straus
(München). Dieser besitzt auch einen ebenfalls dem 18. jahrhundert
entstammenden Becher Warschauer Herkunft, der eine besonders lebhafte
Formenfreude zeigt. Mehr historischen Charakter trägt ein Familienstück
im gleichen Besitz, ein dem sogenannten 'Baalschem von Michelstadt', Rabbi
Seckel Löb Wormser von der Gemeinde Beerfelden
gespendeter Pokal..." |
Weitere Meldungen aus der Gemeinde
Bezirkstagung der 'Freien Vereinigung' in Michelstadt (1931)
mit dem Höhepunkt des Besuches des Grabes von Rabbi Seckel Löw
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Juli 1931: "Die
Bezirkstagung der ‚Freien Vereinigung’ in Michelstadt. Michelstadt,
lieblich eingebettet zwischen den Hügelketten und herrlichen Wäldern des
Odenwaldes, heute noch eine stattliche jüdische Landegemeinde, hat eine
stolze jüdische Vergangenheit. An einem alten Bau prangt eine Tafel, von
der Stadt gewidmet ihrem großen Sohn, Rabbi Seckel Löb, der in diesem
Haus gewohnt und gewirkt und Michelstadt einen kleinen Weltruhm gesichert
hat. Draußen erhebt sich auf welligem Boden terrassenförmig ein
Friedhof, wie man ihn malerischer und idyllischer kaum sonst in der Welt
sehen kann. Am äußersten Ostrande ragt der gut gepflegte weiße
Sandstein mit der Krone aus dem Grabhügel des Baal Schem, Rabbi Jizchok
Arje, genannt Seckel Löb, heraus. Unten aber, nur durch eine ganz schmale
Fahrstraße getrennt, ist das Stadion angelegt, das größte in der
Gegend, das Stadion mit seiner Arena für Boxkämpfe und Meisterspiele,
mit seinem Familienbade, mit allem, was zu einem Olympus der Zeit gehört.
Grabstätte und Spielplatz sind so nahe und so gern voneinander, wie Tod
und Leben… Wer stört wen? Von unten dröhnt das losgelassene Getöse
des heiteren, leichten Lebens vielleicht zu einer einsamen Frau hinaus,
die sich oben mit ihrer Not und dem Kummer ihres Herzens auf das Grab des
großen Wundermannes geworfen hat … Möglicherweise sieht aber auch
manch einer unten mitten im Spiel und frohen Lachen auf, zu den erhobenen
steinernen Fingern oben, die an eine allem rauschenden Leben gesetzte
Grenze gemahnen, mahnen, dass tosende Hemmungslosigkeit vielleicht nicht
ungestraft die heilige Ruhe großer Toten stören darf … Man empfindet
eine gewisse Disharmonie, man wird sie im gleichen Maße oben wie unten
empfinden…
Unser Weg und unser Blick gehen nach oben.
In der Glut des Sommernachmittags fahren wir in dem schon fast
traditionellen gelben Postautobus gegen 3 Uhr in Michelstadt ein. Einige
und 30 Plätze hat der Wagen, annähernd 50 Menschen, auch einige ‚blinde
Passagiere’ fahren mit. Sachte Fahrt durch herrliche Waldungen und
froher Worte in bester Gesellschaft trösten über Ende und sengende
Sonnenglut hinweg. Die Jugend ist vorausgefahren und empfängt uns dort
mit freudigem Hallo.
Agudas Jisroel-Jugendgruppe, Esra und Schülergruppen sind schon seit
Stunden ganz heimisch im Städtchen des Baal Schem, fiebern vor Aufregung.
Alles ist in Spannung und froher Erwartung. Der ganze jüdische Odenwald
scheint sich ein Stelldichein zu geben. Das Darmstädter Auto, vollbesetzt
wie unseres, folgt uns auf dem Fuße. Von allen Seiten strömen Menschen,
Bekannte und Unbekannte. Eine Huldigung des Baal Schem von Michelstadt.
Und weil so gar kein äußerer Anlass vorliegt, kein Geburtstag und kein
Todestag, so ist diese Ehrung, spontan aus dankbarem Herzen einer Nachwelt
geboren, wie das plötzliche Erwachen eines Schulgefühles. Dankesschuld
abtragen an einen Mann, der seiner Zeit und seiner Gegend den Stempel
seines Geistes, wie es scheint, für Jahrhunderte aufgedrückt hat. Es
durfte nur eines Rufes der ‚Freien Vereinigung’, sie gab den Rahmen,
die Menschen, die Herzen und Seelen, waren da, als hätten sie nur darauf
gewartet. …
Über den Verlauf der Tagung geht uns folgender Bericht zu: Gegen 4 Uhr
beginnt die Versammlung im Saalbau, einem auch nach städtischen Begriffen
schönen und geräumigen Festsaale. Die Teilnehmer, die die Reihen
füllen, zählen nach vielen Hunderten. Herr Realschullehrer Bick richtet
an die Versammlung ein kräftiges und äußerst wirksames Grußwort. Die
Stadt habe vom Lande so viel an Menschen und geistigen Werten erhalten,
dass es schon längst an der Zeit gewesen wäre, dass sie in irgendeiner
Weise ihre Dankesschuld an die Nährmutter abträgt. Die Stadt hatte aber
das Land vergessen und es gewähren lassen, dass dort eine geistige Öde
eintrat, eine Landgemeinde nach der anderen starb und verdarb. Nun kommt
die Stadt, und die Beteiligung und das Interesse zeigen, wie sehr man
dieses Weckrufes gewartet hatte. Er dankt der Freien Vereinigung und
muntert die Jugend auf, in die Reihen des Agudas Jisroel zu treten. Die
Freie Vereinigung verdiene wärmste Unterstützung bei all denen, die an
der Erhaltung des Judentums auf dem Lande ein Interesse haben.
Herr Dr. Ehrmann übernimmt den Vorsitz und begrüßt die Versammlung. Er
verliest ein äußerst herzlich gehaltenes Begrüßungsschreiben des
orthodoxen ‚Hessischen Landesverbandes’ und gedenkt mit warmen,
ehrenden Worten des plötzlich heimgegangenen Dr. Gustav Stiegel seligen
Andenkens, der stets ein treuer Freund und verständnisvoller Mitarbeiter
der ‚Freien Vereinigung’ war. Die Versammlung erhebt sich zu seinen
Ehren von den Plätzen.
Der erste Referent ist Herr Rabbiner Dr. Merzbach, Darmstadt. In
Erklärung des Wortes … spricht er von den verschiedenen Tönen – und
Misstönen – die heute das jüdische Leben beherrschen. Aber der
jüdische Ton bleibt doch im jüdischen Leben vorherrschend. Und es ist
ein Dreiklang: Agudas |
Jisroel, Freier Vereinigung und die orthodoxen Landesverbände. In
ergreifenden, tief zu Herzen gehenden Worten spricht er von der Not der
Zeit und dem, was der wahre Jehudi von jeher dieser Notwelle
entgegenzusetzen hat: dem unverwüstlichen Bitochaun
(Gottvertrauen). Haben wir Anspruch auf mehr Freiheit, mehr Glück, lehr
Wohlstand als unsere Väter im Ghetto, unsere Brüder in anderen Ländern?
Das Glück, seine Toten bestatten zu dürfen, quittierte jüdische
Dankbarkeit in alten Zeiten mit dem Segensspruch hatow uhametiw,
der heute noch ein Bestandteil unseres Tischgebetes ist. So anspruchslos
und dankbar waren die Alten. Zum Schluss hat Redner ein paar eindringliche
Worte über das Kapitel Reinheit der Familie, den Quell unserer
Volkskraft, der heute getrübt und gefährdet ist. Die formschöne und
inhaltsreiche Rede wird mit lebhaftem Beifall aufgenommen.
Michelstädter Schulkinder tragen einen Prolog sowie jüdische
Deklamationen vor und führen auch ein kleines Theaterstück auf, das
Elijahu und Elisa zu Helden hat. Dann ergreift Herr Emil H. Lehmann das
Wort zu einem sachlichen Berichte über die Tätigkeit der Freien
Vereinigung in den letzten Jahrzehnten. Ausgehend von den Schlussworten
der Haftora asot mischpat usw. legt er das Programm der
Freien Vereinigung fest: Wahrung des religiösen Rechtes nach außen,
Werke der Liebe und Wohlfahrt, Förderung aller Institutionen, die der
Jüdischkeit und dem Zniusideal (Mikwo) dienen. Nach einer kurzen Pause
erfolgt das mit Spannung erwartete Referat des Herrn Red. S. Schachnowitz
über das Thema ‚Wahrheit und Dichtung über den Baalschem von
Michelstadt’.
Schon rein äußerlich zeigte die lautlose Stille, welche während des
fast einstündigen Vortrages herrschte, wie sehr Referent es verstand,
seine Zuhörer in den Bann dieser eigenartigen Studie zu ziehen. Der
gewissenhafte Historiker, der sich auch nicht scheut. Liebgewordene
Vorstellungen zu zerstören, wenn sie nicht den Tatsachen entsprechen,
vereinigte sich mit dem verständnisvollen Hüter und Pfleger alles
Wertvollen, was die jüdische Volksseele an lebendigen Impulsen aus der
Vergangenheit sich in die Gegenwart gerettet hat und ließ ein Gemälde
entstehen, welches zunächst den bewegten Hintergrund jener Zeit
aufzeichnete, in welcher Baal Schem der Welt geschenkt wurde. Aber nicht
nur Persönlichkeiten wie der Begründer des Chassidismus der Baal schem
tauw in Polen, Rabbi Nathan Adler, Frankfurt, der junge Chasam Sofer und
das damalige Frankfurter Judenghetto wurden plastisch gezeichnet, Redner
verstand es auch in meisterhafter Weise, den Unterschiede zwischen einem
unjüdischen lebensfremden Mystizismus und der echt jüdischen
Wissenschaft der Kabbala, welche ein ‚unschätzbares Repositorium des
Geistes von T’nach und Schaß’ (Bibel und Talmud, Neunzehn
Briefe) darstellt, so herauszumeißeln, dass jeder Hörer Verständnis
für die Welt bekam, in welcher Baalschem lebte. In eindrucksvoller Weise
schilderte Referent die Judenzeit im Bes Hamidrasch (Lehrhaus) von Rabbi
Nathan Adler, das Verkanntsein in der eigenen Heimat und die schließlich
Anerkennung nach einem kurzen Aufenthalt in Mannheim, die Gründung der
Michelstädter Jeschiwa mit ihren 70 Bachurim, der allmählich wachsende
Zustrom von mit Schicksal und Sünde Beladenen, welche in das kleine
Städtchen im Odenwald pilgerten, um dort Rat, seelische und körperliche
Heilung zu suchen und zu finden. Zu dichterischem Schwung erhob sich der
Referent, als er die Verschwommenheit der Grenzlinien aufwies zwischen
dem, was Menschen natürlich und übernatürlich nennen, und an Hand der
geschichtlichen Tatsache, dass Baalschem selbst es entschieden ablehnte,
als ‚Wundertäter’ im üblichen Sinne zu gelten, den Nachweis
erbrachte, dass eine ganze Fülle der überlieferten Erzählungen über
den Baalschem sich rationell deuten lassen, wenn man eben daran denkt,
dass hier eine Persönlichkeit von außerordentlich suggestiver kraft
diese Kraft dazu verwandte, um allen Suchenden den Weg zu ihrer von Gott
gezeichneten Pflicht finden zu lassen. Ein verständnisvolles Eingehen auf
die einschlägige Literatur und speziell auf den ‚Baalschem von
Michelstadt’ von Judäus gab dem Referenten Gelegenheit, unbewusst und
ungewollt eine Charakteristik jener Geschichtsdarstellung zu geben, die
für ihn selber zutrifft. Eine Geschichtsdarstellung nämlich, die nicht
bloß zum Kopfe und Gedächtnis spricht, sondern zum jüdischen Herzen und
bei peinlicher Berücksichtigung des Tatsachenmaterials doch Ansporn zum
Erringen jüdischer Persönlichkeitswerte im reichsten Maße vermittelt.
Impulsiver, sich immer wiederholender Beifall beschloss diese Weihestunde,
welche eine würdige Introduktion des Besuches der Grabstätte vom
Baalschem gab.
Es ist zu hoffen, dass Gelegenheit gegeben wird, das Referat durch Druck
einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Nunmehr führte
eine Frankfurter Esragruppe (Leitung Erich Weil) in bereits bewährter
Weise, das Theaterstück ‚Barkamza’, nach dem bekannten Texte im
Talmud Gittin, vor einem aufmerksamen und dankbaren Auditorium auf. Es
folgt noch ein kurzes Referat des Gemeindelehrers, Herrn Strauß, über
die ‚Pflichten der Eltern den Kindern gegenüber’. Er entwirft ein
trübes Bild von der geistigen Öde auf dem Lande und den Gefahren für
die Zukunft. Retten könne nur das lebendige Beispiel der Eltern, die die
Kinder von jüngster Kindheit auf in einer Atmosphäre der praktischen
Mizwotat (Handeln nach den jüdischen Weisungen) erziehen. |
Nun
pilgerten die Hunderte auf den 'guten Ort' zum Grab des Mannes, der die
ganze Veranstaltung beseelt und sie wie mit unsichtbarer Hand geleitet
hatte. Mit einem Minchogebete in der Halle traf man die Weihe und
Vorbereitung für den heiligen Gang. Herr Rabbiner Dr. Merzbach sprach
noch ein paar Worte über die tiefere Bedeutung eines solchen
Gräberbesuches und das wahre Leben, das aus heiliger Erde zu uns spricht.
Dann standen wir am 'Kewer' (Grab), jeder in seine Gedanken versunken,
jeder in seine eigenen Gebete vertieft. Jedermann hat heute manches auf
dem Herzen, das er wie Ballast hier zu Füßen des heiligen Mannes
abwerfen möchte. Es geht eine Beruhigung aus diesem von Käfern
umsummten, von wilden Pflanzen umrankten und Erdbeerstauden umkränzten
Grab aus. man tritt frisch und aufgerichtet den Heimweg an.
Und diese Stimmung hält an während der ganzen frohen Rückfahrt, der
untergehenden Sonne entgegen. Links die schwarzen Wände der Wälder,
rechts das schönste Abendrot am Horizont. Es war ein Ausflug eigener Art,
an dem Stadt und Land, soweit sie dabei waren, noch lange zehren werden.
Agudas Jisroel Jugendgruppe in Michelstadt. Im Anschluss an die Tagung der
Freien Vereinigung am letzten Sonntag hat die Frankfurter Agudas Jisroel
Jugendgruppe Verhandlungen mit den anwesenden Jugendlichen von Michelstadt
und Umgegend aufgenommen, mit dem Ziele, eine gemeinsame Arbeit im Rahmen
der Agudas Jisroel Jugendorganisation herbeizuführen. Herr
Realschullehrer Bick, der schon auf der Tagung die Jugendgruppe begrüßt
und darauf hingewiesen hatte, dass die Agudo die einzige Organisation sei,
die aufgebaut ist auf der Grundlage der Tauro (Tora), begrüßte und
leitete auch diese Besprechungen." |
Berichte zu einzelnen
Personen aus der Gemeinde
Zum Tod von Babette Joseph (1898)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Dezember 1898: "Michelstadt
i.O., 12. Dezember. In der Nacht vom Sonntag, den 4. auf Montag, den 5.
dieses Monats, 21. Kislew, verschied hier nach etwa fünfwöchigem
Krankenlager eine Frau, die es nach ihrem sittlich-religiösen leben
verdient, in diesen geschätzten Blättern einen ehrenden Nachruf zu
erhalten. Frau Babette Joseph, 64 Jahre alt, Witwe des nun vor fünf
Jahren heimgegangenen seligen Herrn Abraham L. Joseph IV. dahier hat das
Zeitliche gesegnet. Sie war das Muster eines echt-jüdischen Weibes, die
treue Gattin, die liebende, bildende, schaffende und ordnende Mutter.
Dabei war die Beobachtung der göttlichen Gebote das Hauptziel ihres
Strebens, die religiöse Erziehung ihrer Kinder die Hauptaufgabe ihres
Wirkens. Die Heilighaltung der Sabbate und Feiertage war ihr eifrigstes
Bemühen; meistens betrat sie an solchen Tagen das Gotteshaus schon vor
Beginn des Gottesdienstes, um sich auf denselben in würdiger und
andächtiger Weise vorbereiten zu können. Sehr gerne unterstützte sie
die Armen und speiste die bedürftigen Hungrigen; ‚sie breitet ihre
Hände aus zu dem Armen und reicht ihre Hand dem Bedürftigen’
(Sprüche 31,20). Was aber ihrem Lebenswandel die Krone aufsetzte, war
ihre Liebe zum Frieden, den sie mit allen Menschen, sowohl mit ihren
Glaubensgenossen, als auch mit Andersgläubigen, stets aufrecht zu
erhalten suchte; dies zeigte sich denn auch deutlich bei der ungemein
zahlreichen Beteiligung bei ihrem am Mittwoch, dem 7. dieses Monats, dem 23.
Kislew, stattgehabten Leichenbegängnisse; auch eine große Menge
Nichtjuden nahm teil. Auf dem Friedhof sprach Herr Lehrer Gottschall
dahier tief empfundene Worte. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des
Lebens." |
Unteroffizier Leo Frank wird mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet
(1915)
Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. August 1915: "Michelstadt,
10. August (1915). Dem Unteroffizier Leo Frank von Michelstadt wurde am 7.
August das Eiserne Kreuz verliehen." |
Zum Tod von Emanuel Frank (1923)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. April 1923: "Michelstadt
(Hessen), 19. März. In hohem und gesegnetem Alter verschied unser
ältestes Gemeindemitglied Emanuel Frank, der der Tora so gerne
huldigte, in Ausübung von Gottesdienst und Wohltätigkeit
den Inhalt seines Lebens suchte. In einem riesigen Trauergefolge hatten
sich Juden und Christen aus Nah und Ferne vereint, um dem allseits
beliebten Manne die letzte Ehre zu erweisen. – Emanuel Frank war wohl
der letzte Lebende, der dem ‚Baalschem von Michelstadt’ als junger
Schüler zu Füßen saß. Mit seinem Heimgang ist – wie am Grabe
hervorgehoben wurde – die starke Säule eingestürzt, die das jüdische
Leben unserer Gemeinde viele Jahrzehnte hindurch trug. Er war Seele und
Rückgrat aller unserer Chewraus (Vereine). Einem strahlenden
Gestirne gleich prangte er am Firmamente des Judentums; seine Sonne
erhellte die Kehillo (Gemeinde), mit deren Schicksal er seit mehr
als zwei Generationen aufs innigste verknüpft war. Unsagbar groß war die
Verehrung aller für ihn, denen er Führer und Berater war, unersetzlich
scheint der Verlust, tief und aufrichtig ist die Trauer um ihn. – Am
Grabe sprach Herr Rabbiner Dr. Marx aus Darmstadt im Namen der Familie,
dem Schmerze der jüdischen Gemeinde gab Herr Lehrer Bick Ausdruck. Seine
Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
Zum Tod von Aron Straus (1932)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Februar 1932: "Michelstadt
(Hessen), 25. Februar (1932). Am Freitag, den 12. Februar hauchte das
älteste Mitglied unserer Gemeinde, Aron Straus, im 80. Lebensjahre seine
reine Seele aus. Tiefe Trauer zog in jedes jüdische Haus der Kehilloh
(Gemeinde) ein und erschütterte jeden Einzelnen ob der Größe des
erlittenen Verlustes. Der Name Aron Straus bedeutete für unsere Gemeinde
seit vielen Jahrzehnten ein unerschütterliches Programm und zwar das des
gesetzestreuen Judentums, einen Wegweiser, der in die Pfade der Tora
hineinführte, einen Leitstern, der jedem den Weg zur Emunoh, zur
Wahrheit, zur Rechtschaffenheit und zum Frieden wies. Der Verstorbene
fühlte die starke Verpflichtung in sich, das Erbe eines Baalschem mit
ganzer Kraft zu hüten und über der von ihm geliebten und geleiteten Kehilloh
(Gemeinde) den Geist von Tauroh (Tora) und Awaudoh
(Gottesdienst) schweben zu lassen. Kein Zweiter glich ihm an Vornehmheit,
an Adel der Gesinnung, an Größe der Seele, an Liebe zu Tauroh
(Tora). Ein Thorawort konnte ihn jederzeit beglücken; nach Maßgabe
seines bei jüdischen Altmeistern erworbenen Wissens forschte er
unablässig in unseren heiligen Büchern; Gebete und Taurohworte
stammelten seine Lippen, bis in Gott dem Erdendasein entführte.
Herzensgüte, Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit leuchteten aus dem
edlen Antlitz des auch an Gestalt besonders bevorzugten Mannes, jedem
Ehrfurcht und Bewunderung abnötigend. Herr Rabbiner Dr. Merzbach aus
Darmstadt und Herr Lehrer i.R. Bravmann von hier zeichneten am Grabe in
tief zu Herzen gehenden Worten ein Bild von dem segensreichen und
verdienstvollen Leben des Verklärten. Eine unübersehbare Menschenmenge umstand
die irdische Hüllte des teuren Mannes und bekundete durch eine sichtlich
tiefe Ergriffenheit, wie sehr der Schmerz um den Heimgang des allseits
hoch geachteten Mannes von der gesamten Bevölkerung empfunden wird. Seine
Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
Zum Tod von Sophie Straus geb. Marx (1935)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Februar 1935: "Michelstadt,
12. Februar (1935). Am 6. Februar wurde Frau Sophie Straus geb. Marx,
Gattin des unvergesslichen Aron Straus seligen Andenkens zu Grabe
getragen. Eine unübersehbare Menschenmenge aus nah und fern, Juden und
Nichtjuden, gaben dieser edlen Frau das Geleite. In streng frommen
Elternhause in Strümpfelbrunn erzogen, hatte sie den Geist von Thora und
G’ttesfurcht frühzeitig eingezogen und gleich ihren Geschwistern –
von denen Prof. Rabbiner Dr. Marx – das Andenken an den Gerechten ist
zum Segen – eine besondere Zierde war – in treuer Anhänglichkeit an G’ttes
Wort und Tradition gelebt und gewirkt. Selbst in einer für eine Frau
ungewöhnliche Weise kundig des Schriftwortes und seiner Ausdeutung war
sie beglückt, an der Seite ihres frommen Mannes die im Elternhaus
erworbenen heiligen geistigen Güter erhalten und bereichern zu können.
Sanftmut und Bescheidenheit, Freundlichkeit, Friedensliebe und
Wohltätigkeit zierten diese überaus vornehme Frau. Man bewunderte ihre
hohen Geistesgaben, ihren köstlichen Mutterwitz ebenso wie ihren edlen
Charakter. – Da die Verstorbene sich einen Nachruf am Grabe verbeten
hatte, so zeichnete Herr Rabbiner Dr. Merzbach im Trauerhause die hehre
Gestalt und das geweihte Leben der Verklärten. Ihre Seele sei
eingebunden in den Bund des Lebens." |
Ausschreibungen der Hoffaktor Speyer'schen Stiftung
für bedürftige Mädchen
aus den Jahren 1889 / 1891 / 1803 / 1907
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in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Februar 1889: "Aufforderung.
Aus der hiesigen Stiftung des verlebten Hoffaktors Moses Emanuel Speyer
und dessen gleichfalls verlebten Ehefrau Gütel geb. Enoch, soll für das
Jahr 1889 an ein bedürftiges Mädchen, das mit den Stiftern verwandt ist,
ein Brautlegat von 1.028,57 Pfg. vergeben werden. Diejenigen, welche
hierauf Anspruch machen wollen, haben sich innerhalb sechs Wochen unter
Einreichung ihrer Verwandtschafts- und Armutszeugnisse an den
Unterzeichneten zu wenden. Michelstadt i.O., Januar 1889:
Der Vorstand der Hoffaktor Speyer’schen Stiftung. Straus."
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in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Januar 1891: Aufforderung.
Aus der hiesigen Stiftung des verlebten Hoffaktors Moses Emanuel Speyer
und dessen gleichfalls verlebten Ehefrau Gütel geb. Enoch, soll für das
Jahr 1891 an ein bedürftiges Mädchen, das mit den Stiftern verwandt ist,
ein Brautlegat von 1.028 Mark 57 Pfennig vergeben werden. Diejenigen,
welche hierauf Anspruch machen wollen, haben sich innerhalb sechs Wochen
unter Einreichung ihrer Verwandtschafts- und Armutszeugnisse an den
Unterzeichneten zu wenden. Michelstadt i.O., 9. Januar 1891.
Der Vorstand der Hoffaktor Speyer’schen Stiftung: Strauß." |
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| Anzeige von 1893 |
Anzeige von 1907 |
Anzeige von 1915 |
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Lehrer Arno Bick wirbt für das Odenwald-Pensionat
(1925)
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in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Juni 1925: "Odenwald-Pensionat
in Michelstadt. Nach Fertigstellung meines Neubaues im Herbste dieses
Jahres - große Villa in Waldesnähe, ausgedehnte Gärten mit Spiel- und
Turnplatz, offene und gedeckte Veranden, fließendes Wasser, warm und
kalt, Zentralheizung - können noch 3-4 Knaben aufgenommen werden.
Vorzügliche Verpflegung, gew. Nachhilfe in allen Fächern einschließlich
Fremdsprachen, strenge Beaufsichtigung, liebevolle individuelle Behandlung
(nur 10 Knaben insgesamt). Prachtvolle Höhenlage in waldreicher Umgebung.
Regelmäßiger gemeinsamer Spaziergang. Für blutarme, nervenschwache
Kinder v. bed. Kinder- und Nervenärzten speziell empfohlen. Streng
rituell. Erstklassige Referenz. Nachweislich beste Erfolge. Alle besseren Schulen
am Platze. Anfragen schon jetzt erbeten. Arno Bick, staatlicher Lehrer an Intelligenzklassen." |
Bar Mizwa von Albrecht Valk aus Frankfurt (1925)
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in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Oktober 1925:
"Die Bar Mizwa unseres Sohnes Albrecht findet - so Gott
will - am Schabbat Paraschat Lech Lecha* - 31. Oktober / 13. Marcheschwan
in Michaelstadt im Odenwald statt.
Moses Valk und Frau Klara geb. Emmerich. Frankfurt am Main, Gwinnerstraße
14 II." |
| *) Schabbat mit der Toralesung Lech Lecha
= 1. Mose 12,1 - 27,27, das war am Schabbat, 31. Oktober 1925. |
Zur Geschichte der Synagoge
Die 1791 erbaute Synagoge wurde auf dem Platz
einer älteren Synagoge in der Mauerstraße unmittelbar neben der zweiten
Stadtbefestigung erbaut. Hier wirkte von 1822 bis 1847 Seckel Löb Wormser. Zu
seiner Erinnerung wurde später eine Gedenktafel angebracht mit dem Text:
"Der Mensch verleiht seinem Platz Ehre. An dieser Stelle stand im gebet
vor seinem Schöpfer der Raw, der groß war in der Tora und in der reinen
Gottesfurcht. Heilig wird er genannt, Morenu und Rabbenu (unser Lehrer und
Rabbiner). Jizchak Arje, genannt Rabbi Seckel Löb Wormser, der in jedermanns
Mund genannt war: Der Baalschem von Michelstadt. Das Andenken an den Gerechten
ist zum Segen".
1856 plante man einen Umbau beziehungsweise eine Renovierung der
Synagoge. 1911 beantragte man eine Anleihe für die Synagogenrenovierung
bei der Hoffaktor Speyer'schen Stiftung.
Beim
Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung zerstört. Nach der Nutzung als
Schuppen wurde das Synagogengebäude wiederhergestellt und darin 1979
das Landesrabbiner Dr.-Lichtigfeld-Museum untergebracht. Eine aus der
Synagoge in Gladenbach stammende Torarolle
wurde mit Zustimmung des Frankfurter Landesrabbiners dem jüdischen Museum
überlassen.
Seitdem eine neue jüdische Gemeinde in der Stadt entstanden ist, werden in der
Synagoge auch wieder regelmäßig Gottesdienste abgehalten.
Fotos / Darstellungen
Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
| Februar 2009:
"Stolpersteine"
am Ort geplant |
Artikel von Heidi Haag am 20. Februar 2009
in "Darmstädter Echo" - Echo online (Artikel):
Erinnerung auf Schritt und Tritt - Stolpersteine zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus erreichen Michelstadt.
MICHELSTADT. Wortwörtlich auf Schritt und Tritt will Michelstadt an jene seiner Einwohner erinnern, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft von 1933 bis 1945 ermordet worden sind. Dazu schließt sich die Stadt als 369.
Kommune der "Stolpersteine"-Bewegung an. Diese beruht auf dem Prinzip, im örtlichen Straßenbild für jedes Opfer des NS-Regimes eine zehn auf zehn Zentimeter große Messingplakette mit Namen sowie Geburts- und Todesdatum auszulegen.
Wachgehalten und aufgefrischt wird damit vor allem das Gedenken an die ehemaligen jüdischen Mitbürger, über die der Nationalsozialismus mit dem Holocaust das größte Leid und Verderben brachte. Die ersten Michelstädter Mahnpflaster sollen ab Oktober dieses Jahres verlegt werden.
Die Grundlagen dafür sind dank des Engagements einer örtlichen Stolperstein-Initiative geschaffen, die sich im vorigen Jahr im Zeichen des Bewusstseins gegründet hat, dass das Verschweigen alter Verbrechen neue Verbrechen wieder möglich macht.
Dabei begreifen die Mitglieder ihr Wirken vor allem deshalb als besondere Verpflichtung, weil Michelstadt vor dem Zweiten Weltkrieg die größte jüdische Gemeinde im Odenwald besaß. Davon als Zeugen für Gegenwart und Zukunft übriggeblieben sind die Synagoge von 1791 und der jüdische Friedhof aus der Zeit um 1700 mit dem Grab des Wunderrabbis Seckel Löb Wormser (1768- 1847), genannt der Baal Schem von Michelstadt. Er wird von den Juden in aller Welt verehrt, was der Stadt eine entsprechende Bekanntheit verschafft.
Für die Übertragung der Stolperstein-Idee auf Michelstadt war zunächst die Zustimmung der städtischen Gremien erforderlich; diese erfolgte ebenso rasch wie einstimmig. Darüber hinaus haben inzwischen breite Kreise der Bevölkerung und die örtlichen Schulen dokumentiert, dass sie das Vorhaben begrüßen – mit ideeller, aber auch finanzieller Unterstützung.
Gestützt wird die Initiative weiter von Pfarrerin Annette Herrmann-Winter und so von der Offenen Kirche der Stadtkirchengemeinde Erbach und Michelstadt, für die sie steht. Auch die Kirchengemeinden selbst, ob evangelisch oder katholisch, ob in Michelstadt oder Erbach, unterstützen das Projekt, unter anderem über ihre Gemeindebriefe.
Breit gefördert sehen seine Urheber damit ein Projekt, mit dem im ersten Schritt vor sechs Häusern insgesamt etwa 25 Stolpersteine verlegt werden sollen. Wem dabei zu gedenken ist, lässt sich dabei durch umfangreiche
Recherchen in Archiven der ganzen Welt ergründen, auf die per Internet Zugriff besteht.
Neben den regionalen Dokumentarstellen und den Staatsarchiven der Länder sind dabei vor allem das Bundesarchiv in Koblenz und die umfangreiche Datenbank der Holocaust-Opfer in Yad Vashem in Israel eine große Hilfe. Dankbar sind die Organisatoren darüber hinaus für weitere Hinweise von lokalen Zeitzeugen. Um den heutigen Besitzern der ehemals jüdischen Häuser mögliche Ängste zu nehmen, wird die Initiative im Frühjahr 2009 das Gespräch mit ihnen suchen. Dabei sollte grundsätzlich klar sein: Die heutigen Bewohner tragen in keiner Weise Schuld an den Geschehnissen der NS-Zeit.
Das damalige Unrecht ist nicht wieder gutzumachen, aber jeder kann heute mithelfen, die Demokratie zu verteidigen. Nicht übersehen sollte man aber auch, dass die Mehrzahl der Holocaust-Opfer keine Gräber haben, an denen die Nachfahren ihrer gedenken können. Für sie bezeichnet ein Stolperstein einen Platz zur Andacht. |
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| Dezember 2009:
Über eine nach Seckel Löb Wormser benannte
Birnensorte |
Foto links: Birgit Klar, Hans-Joachim Kosubek, Joachim Knoop und Jutta
Zimmermann pflanzten gemeinsam den Birnenbaum der seltenen Sorte
Seckel-Löb. Foto: photoagenten/Rainer Klotz.
Artikel von Martina Wirthwein in der "Wormser Zeitung" vom
10. Dezember 2009 (Artikel):
"Für Marmelade und Most
WORMS. BIRNBAUM Besondere Sorte Seckel-Löb wächst jetzt im Erlebnisgarten.
Bäume werden oft und an vielen Orten gepflanzt. Am Dienstagvormittag jedoch durfte Umweltdezernent Hans-Joachim Kosubek im Wormser Erlebnisgarten auf Initiative der Wormser Gästeführer (IWG) ein ganz besonderes Bäumchen in die Erde setzen: die sehr seltene und alte Birnensorte "Seckel-Löb". Namensgeber ist der einst in Michelstadt lebende Rabbiner Seckel-Löb-Wormser. Das Bäumchen fand seinen Weg nach Worms durch die im Jahr 2000 in Steinbach im Odenwald gegründete "Agenda-Gruppe Ortsbild", die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Art zu erhalten.
Die Vermehrung glückte seinerzeit dank der Unterstützung der Mitglieder des Obst- und Gartenbauvereins Fränkisch-Grumbach im dortigen Musterschulobstgarten. Im November 2004 konnte man erstmals 20 Jungbäumchen an interessierte Personen ausgegeben. 2006 habe man die Aktion erneut gestartet, berichtete Birgit Klar, die den Jungbaum nach Worms mitgebracht hatte. Nicht nur bei der Agenda-Gruppe ist die Steinbacherin aktiv, sondern auch als Gästeführerin. Bei einem überregionalen Treffen kam sie in Kontakt mit den Kollegen aus der Nibelungenstadt und berichtete von diesem seltenen Baum. Die Wormser Gästeführer waren sich sofort einig: "Den holen wir nach Worms".
Die seltene Birnensorte wurde früher überwiegend zur Herstellung von Marmelade und zur Mostgewinnung verwendet. Nach der Ernte ist sie sehr hart; erst nach gut vier Wochen wird sie weich und sollte dann aber zeitnah verarbeitet werden.
Seckel-Löb-Wormser galt als extremer Vegetarier, er hatte für sich eine streng asketische und chassidische (jüdisch-religiöse) Lebensweise gewählt, erklärte Dr. Irene Spille vom Institut für Stadtgeschichte. Dadurch interessierte er sich sehr für den Obstbau, es gelang ihm nach langen Versuchen die Züchtung einer neuen Obstart, die an Geschmack und Haltbarkeit die alten übertraf. Um für einen orthodoxen Juden genießbar zu sein, muss die Birne unbedingt wurmfrei bleiben; eventuell besaß diese Birnenart genau diese Eigenschaften, mutmaßt man heute.
Der Rabbiner wurde zirka 1770 in Michelstadt als Sohn des jüdischen Tuchmachers Mattisjahu geboren. Da aber genaue Aufzeichnungen fehlen, ist eine genauere Datierung nicht möglich. Früh zeichnete er sich durch seine ungewöhnliche Körperkraft und Intelligenz aus. Bereits mit 18 Jahren schloss er seine Studien ab und gründete eine Talmudschule. Er lebte, unterbrochen durch einige Jahre in Mannheim, bis zu seinem Tod 1847 als amtlich bestellter Bezirksrabbiner in Michelstadt. Berühmt wurde er als "Baal Schem von Michelstadt", dem übernatürliche Kräfte und Wundertaten nachgesagt wurden." |
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| Januar 2010:
Am 13. März
2010 werden die ersten "Stolpersteine" verlegt |
Artikel von Manfred Giebenhain in "Echo-online.de"
vom 14. Januar 2010 (Artikel;
Artikel
als pdf-Datei):
"Stolpersteine erinnern an Opfer der Nazis.
Gedenken: Michelstadt markiert Häuser jüdischer Mitbürger, die - im Krieg deportiert - meist in Lagern den Tod fanden.
MICHELSTADT. Bislang spielte der 22. Oktober 1941 in der Geschichte von Michelstadt keine Rolle. Das Datum wird zwar auch in Zukunft kaum jemand beachten, aber auf eine bescheidene stille Weise gleich drei Mal öffentlich in Erscheinung treten. Es war der Tag, an dem mit Otto und Emilie Reichhardt sowie deren Tochter Lotte die gewaltsame Verschleppung der einstigen jüdischen Mitbürger der Stadt durch die Gestapo begonnen hat. Zum Gedenken an die über 60 Opfer sollen sogenannte Stolpersteine in der Stadt gesetzt werden; und zwar genau dort, wo sie einst gewohnt haben und von den Nazischergen verhaftet worden sind.
Die ersten 21 Stolpersteine werden am 13. März im Bürgersteig vor den entsprechenden Häusern eingelassen. Die Vorbereitungen hierfür laufen seit etwa anderthalb Jahren, wie bereits berichtet. Jeder Stein ist etwa zehn auf zehn Zentimeter groß. Der Text darauf beginnt mit den Worten
'Hier wohnte...'. Es folgen Vor- und Zuname, das Geburtsjahr, der Tag der Verhaftung oder Vertreibung sowie der Ort, wohin die Person verschleppt oder wo sie inhaftiert wurde sowie der Todestag.
Bekanntlich überlebten den Holocaust nur wenige wie Nelly Pluhar, die im Dezember 1944 nach Theresienstadt verschleppt wurde und dort am 2. Februar 1945 befreit werden konnte. Sie wohnte in dem bekanntesten jüdischen Haus der Stadt, dem früheren Wohnhaus des Rabbiners Seckel Löb Wormser in der Erbacher Straße.
Getragen wird die Aktion von der Stadt, der evangelischen Stadtkirchengemeinde und der katholischen Kirchengemeinde St. Sebastian. Unter dem Titel
'Tag des Erinnerns' wird es um 10 Uhr eine besinnliche Eröffnung in der Stadtkirche geben, gefolgt von wenigen Grußworten von Vertretern des öffentlichen und kirchlichen Lebens vor dem historischen Rathaus. Verlesen werden die Texte der Stolpersteine, die anschließend vor sechs Häusern in der Innenstadt angebracht werden, von Schülern der
Theodor-Litt-Schule. Das Setzen der Steine selbst wird der Kölner Künstler Gunter Demnig vornehmen, der seine Idee zum Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im Jahr 1992 zum ersten Mal in die Tat umgesetzt hat. Inzwischen hat er in Hamburg seinen zwanzigtausendsten Stolperstein verlegt. Zu finden sind diese in über 480 Orten Deutschlands, ebenso in Österreich, Ungarn und in den Niederlanden. Im Odenwaldkreis ist Michelstadt die zweite Stadt nach Breuberg, wo Demnig am 18. März 2009 im Stadtteil Neustadt acht Stolpersteine verlegt hat.
'Mit der Aktion wollen wir bewusst an die Öffentlichkeit gehen, wie seinerzeit die Nationalsozialisten es mit der Pogromnacht auch
taten', leitet Klaus Schimmel die Beweggründe der Michelstädter Stolperstein-Initiative ein. Acht Mitbürger zählt die
'kleine Bürgerinitiative', wie der pensionierte Dekan sie gerne bezeichnet. Etliche Mitglieder haben über lange Zeit intensive Recherchen betrieben, die noch nicht abgeschlossen seien.
Daher würden noch zwei weitere Termine folgen, an denen Demnig, der die Verlegung stets persönlich vornehme, nach Michelstadt komme, ergänzt Heidi Haag. Finanziert wird die Aktion mit Spendengeld, dessen Gesamtbetrag Heinz-Otto Haag mit derzeit 6.535 Euro beziffert. Die Stolpersteine selbst bestehen aus Beton, auf den Demnig eine Messingplatte mit der Inschrift anbringt. Die Steine werden bündig mit der umgebenden Oberfläche im Boden eingefügt. Hindernisse beim Laufen seien nicht zu befürchten, erklärt Heidi Haag, gelte es vielmehr,
'über den Stein mit den Augen zu stolpern'." |
Information: Für 95 Euro kann jeder
eine Patenschaft für die Herstellung und Verlegung eines Stolpersteins übernehmen.
Spenden werden über die Konten der evangelischen Stadtkirchengemeinde
Michelstadt (Kennwort 'Stolpersteine Michelstadt') bei der Sparkasse
Odenwaldkreis (Kontonummer . 40009011) und bei der Volksbank Odenwald
(Kontonummer 617121) angenommen.
Am 26. Februar um 17 Uhr wird im Mehrgenerationenhaus (Kellereibergstraße 4) der 73-minütige Dokumentarfilm
'Stolperstein' gezeigt. Weitere Informationen im Internet unter www.stolpersteine.com. |
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| März 2010:
Erste "Stolpersteine" werden
verlegt |
Foto
links von Guido Schiek: Die Erinnerung an die jüdische Gemeinde Michelstadts und damit auch an die Vertreibung und Vernichtung ihrer Mitglieder hält die Synagoge im historischen Stadtkern wach, die inzwischen auch als Glaubensstätte zu neuem Leben erblüht ist. Das Gedenken an das Schicksal der Michelstädter Juden intensivieren sollen Namenstafeln vor den einst von ihnen bewohnten Häusern, die so genannten Stolpersteine. Der erste wird nun verlegt.
Artikel von in "Echo-online.de" vom März 2010 (Artikel):
"Morgen wird erster Stolperstein gelegt
Erinnerung an Naziopfer: Überlebende begleiten die Zeremonie in Michelstadt
MICHELSTADT. Wenn morgen der erste Stolperstein vor dem Haus in der Großen Gasse 20 in Michelstadt gesetzt wird, schauen auch von weit her angereiste Gäste zu: Marianne Cobb und ihr Sohn Jonathan (London) sowie Professor Walter Zwi Bacharach (Tel Aviv) und dessen Gattin begleiten den feierlichen Akt zum
'Tag des Erinnerns' an verfolgte jüdische Bürger der Stadt.
Der erste Stein erinnert an Erna Bacharach, geborene Strauß (Jahrgang 1899), die am 25. Februar 1944 von den Nazis in Westbork (Niederlande) verschleppt wurde und am 1. Oktober 1944 auf dem Weg von Theresienstadt nach Auschwitz ums Leben kam. Ihr Sohn Walter Zwi Bacharach wurde 1928 in Hanau geboren und hat den Holocaust als Gefangener in Theresienstadt und Auschwitz überlebt. Bis zu seiner Pensionierung war er als Historiker an der Bar Ilan Universität Tel Aviv und Direktor des Leo Baeck Instituts in Jerusalem tätig. Seine Cousine Marianne Cobb wurde in Michelstadt geboren und emigrierte 1936 als Sechsjährige mit ihrer Familie über Marseille nach Südafrika.
Alle 21 Steine werden von dem Ideengeber, dem Kölner Künstler Gunter Demnig, gesetzt, der inzwischen mehr als 20 000 Steine in rund 500 Städten verlegt hat. Schüler der Theodor-Litt-Schule verlesen dazu die Namen der Opfer und berichten über deren Schicksal.
'Die Tatsache, dass der Magistrat Michelstadt, die katholische Gemeinde St. Sebastian und die Evangelische Stadtkirchengemeinde zum Tag des Erinnerns einladen, finde ich angemessen und gut. So wird zum Ausdruck gebracht, dass die große Mehrheit der Michelstädter Bürger diese Veranstaltung begrüßt', erklärt Klaus Schimmel für die örtliche Stolperstein-Initiative.
Walter Zwi Bacharach hat seine Erlebnisse in den Konzentrationslagern übrigens auf 336 Seiten in dem Buch
'Dies sind meine letzten Worte. Briefe aus der Shoah" niedergeschrieben. Erschienen ist das Buch im Wallstein Verlag, Göttingen (2006). ISBN-10: 3892449910.
Programm. Eröffnet wird die Feier am Samstag (13.) um 10 Uhr in der Stadtkirche mit einer musikalischen Besinnung und Texten, die von Jonathan Cobb am Klavier begleitet werden. Dann sprechen Bürgermeister Stephan Kelbert sowie die Geistlichen Hermann Ofenloch und Frank Seeger. Gegen 11 Uhr kommt es zur Verlegung des ersten Steins. Die weiteren Stolpersteine fügt Gunter Demnig vor Häusern in der Braunstraße, in der Erbacher Straße und in der Kellereibergstraße ein. Im Herbst und im nächsten Frühjahr sollen an zwei Tagen zusammen etwa 40 weitere Stolpersteine verlegt werden." |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinde in Hessen 1972. Bd. II,
76-89. |
 | Thea Altaras: Synagogen in Hessen - Was geschah seit 1945.
Königstein im Taunus. 1988 S. 169.204.217. |
 | Rudolf Wind: Michelstadt. Ein Führer durch die Stadt. |
 | Judaeus: The Baal Shem Tov of
Michelstadt. New York— Jerusalem 1973.
Translated by M. F. Kuttner. |
 | Martin Schmall: Die Juden in Michelstadt 1658-1942. Michelstadt
1982. |
 | ders.: Die Juden in Michelstadt. Band 5 der Rathaus- und Museumsreihe.
Michelstadt 1988. |
 | Karl E. Grötzinger:
Der Ba’al Schem von Michelstadt und die Frankfurter Kabbalisten,
in: Menora - Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte, 1996. S. 324-340. |
 | ders.: Seckel Löw Wormser –
der Ba’al Schem von Michelstadt, Zum 150. Geburtstag, in: Aschkenas,
Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden, Nr. 10 2000 S. 157-176.
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 | Hans Teubner:
Vergessene Bauwerke - "Laubhütten" in Hessen. Mit mehreren
Beispielen aus Michelstadt. Online
zugänglich |
Michelstadt Hesse, Germany. Established
around 1740, the community rebuilt its synagogue in 1791, when it comprised 18
families. Jewish life flourished in the first half of the 19th century, thanks
largely to R. Seckel Loeb Wormser (1768-1847), the "Ba'al Shem of
Michelstadt", who opened a yeshiva attended by 70 students in 1805. He
gained particular renown as a healer, devising treatments that combined herbal
remedies woth science and Kabbalah. Legends were woven around the "Ba'al
Shem" and pilgrimages were made to his grave, non-Jews maintaining this
practice in secret during the Nazi era. At its height, in 1871, the community
numbered 194 (6 % of the total). Its members, affiliated with the Orthodox
rabbinate of Darmstadt, were sheltered from antisemitism until the 1930s. On Kristallnacht
(9-10 Nov. 1938), however, the synagogue's interior was destroyed (although
Torah scrolls had been rescued in advance), Jewish stores were looted, and Jews
sent to the Buchenwald concentration camp. Of the 91 Jews living there in 1933,
48 emigrated (mostly to the U.S.) and 14 were deported in 1942-43. After
Worldwar II, the grave of the "Ba'al Shem" was restored and the newly
repaired synagogue was transformed into a Jewish historical museum".
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