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"Synagogen im Kreis Bergstraße"
Viernheim
(Kreis Bergstraße)
Jüdische Geschichte / Synagoge
(Seite wurde erstellt unter Mitarbeit von Harry
Siegert, Viernheim)
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Viernheim bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938/42. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17./18. Jahrhunderts
zurück. Erstmals wird 1609 ein jüdischer Einwohner genannt. Um die
Mitte des 17. Jahrhunderts ließen sich auch jüdische Flüchtlinge aus Wien in
Viernheim nieder (die beiden Familien mit dem späteren Familiennahmen
Sternheimer und Kaufmann). 1713 und 1721 werden gleichfalls Juden
genannt. 1795 lebten bereits zehn jüdische Familien in Viernheim.
Im 19.
Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Gemeindeglieder
wie folgt: 1806 29 jüdische Einwohner, 1828 60, 1861 114 (3,2 % von insgesamt
3.577 Einwohnern), 1880 115 (2,3 % von 4.912), 1900: 123 (1,7 % von 7.226), 1910
110 (1,2 % von 9.238). Die
jüdischen Familien lebten im 17./18. Jahrhundert fast ausschließlich vom
Viehhandel. Später kam der Tabakhandel dazu. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts
gehörten jüdischen Gewerbetreibenden mehrere für das wirtschaftliche Leben
des Ortes bedeutende Handlungen
und Geschäfte, aber auch Zigarrenfabriken (Heinrich Jakob & Comp., Isaak Weissmann).
An Einrichtungen hatte die Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Religionsschule
sowie ein rituelles Bad (1897 instandgesetzt, siehe Bericht unten). Die Toten
der Gemeinde wurden im jüdischen Friedhof in Hemsbach
beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer
angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (vgl.
Stellenausschreibungen unten). An Lehrern
werden genannt: um 1840 Feist Traub, nach 1864 bis 1875 Jacob Gottschall aus Griesheim bei
Darmstadt (danach in Michelstadt), 1890 Lazarus Tannenwald,
vor 1921 bis 1937 Heinrich Loew. Die jüdische
Gemeinde gehörte seit 1895 zum liberalen Rabbinat Darmstadt I.
Im Ersten Weltkrieg
fielen aus der jüdischen Gemeinde Jakob Kaufmann (geb. 4.3.1892 in
Viernheim, gef. 24.8.1914) und Vizefeldwebel Ludwig Weißmann (geb. 26.5.1885 in
Viernheim, gef. 28.3.1918).
Um 1925, als noch 100 Personen der jüdischen Gemeinde angehörten (0,8 % von
insgesamt etwa 12.000 Einwohnern), waren die Vorsteher der Gemeinde: Hermann
Weißmann, Willi Gernsheimer und Isak Kaufmann. Als Lehrer, Kantor und Schochet
war der bereits genannte Heinrich Loew tätig (noch bis 1937, als er auch die Kinder in Rimbach
unterrichtete). Er erteilte damals sechs Kindern
Religionsunterricht und war zugleich als Mohel (Beschneider) in Viernheim und
Umgebung tätig (siehe Anzeige unten). An jüdischen Vereinen gab es einen
Armenverein, einen
Frauenverein und den Töchterausstattungsverein.
Nach 1933 ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder (1933: 69 Personen) auf Grund der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen (Mannheim) beziehungsweise ausgewandert (20). Beim Novemberpogrom
1938 wurde die Synagoge niedergebrannt, aber auch zahlreiche Geschäfte und
Wohnungen jüdischer Familien geplündert und demoliert (u.a. die Wohnung des
jüdischen Lehrers Heinrich Loew in der Hügelstraße 4). SA- und SS-Leute waren
mit Beilen in die Wohnungen eingedrungen. Die nach Mannheim verzogenen
jüdischen Gemeindeglieder wurden bereits im Oktober 1940 nach Gurs deportiert.
Die in Viernheim verbliebenen mehr als zehn, meist alten Menschen wurden im März
beziehungsweise September 1942 in Vernichtungslager nach Polen und nach
Theresienstadt deportiert.
Von den in Viernheim geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Alice
Engel geb. Weissmann (1893), Emil Fischer (1881), Emilie Fischer (1881), Rosa
Fischer geb. Gernsheimer (1883), Siegmund Gernsheimer (1880), Erna Grünebaum
geb. Kaufmann (1896), Max Herzfeld (1865), Rosa Holzmann geb. Kaufmann (1869),
Bertha Kahn geb. Kaufmann (1871), Alfred Kaufmann (1934), Auguste Kaufmann geb.
Jakobsohn (1864), Elsa Kaufmann geb. Jakob (1907), Moses Kaufmann (1889), Ruth
Kaufmann (1930), Auguste Mayer (1883), Babette Mayer (1878), Ferdinand Siegmund
Mayer (1863), Luzia Mayer (1903), Sara Mayer geb. Speyer (1867), Theodor Mayer
(1881), Wolf Mayer (1883), Hilda (Hildegard) Rosenthal geb. Lublin (1904), Josef
Rosenthal (1936), Hermann Schindler (1922 oder 1924), Sara Schindler geb.
Schiffer (1865), Auguste Schönberger geb. Weißmann (1894), Friederike Seewald
geb. Lublin (1896), Regina Silberthau geb. Sternheimer (1866), Hugo Sternheimer
(1897), Jettchen Sternheimer geb. Herzfeld (1870), Leopold Sternheimer (1859),
Fanny Ullmann (1886), Max Friedrich Ullmann (1882), Minna Ullmann geb. Ullmann
(1882), Hugo Weissmann (1858), Robert Weissmann (1864), Albert (Adolf) Wolf
(1886), Auguste Zehner geb. Schiffer (1897), Selma Zehner (1924).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des
Religionslehrers/Vorbeters/Schächters 1876 / 1884 / 1886
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. November 1876:
"Konkurrenz-Eröffnung. Die Stelle eines Religionslehrers,
Vorbeters und Schächters in der hiesigen israelitischen Gemeinde ist
vakant und soll alsbald wieder besetzt werden. Fixer Gehalt 800 bis 1.000
Mark; Akzidenzien ca. 600 Mark nebst freier Wohnung. Lusttragende Bewerber
wollen sich bei dem Unterzeichneten melden. Viernheim, den 19. November
1876. Der Vorstand Lazarus Lublin." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. November 1884:
"Die Viernheimer Religionslehrer-, Schächter- und Vorsänger-Stelle
soll bis zum 1. Januar 1885 neu besetzt werden. Die Stelle trägt
inklusive Nebenverdienste ca. 1.500 Mark ein. Solche, welche das Seminar
besucht und gute Zeugnisse aufzuweisen haben, erhalten den Vorzug. Samuel
Gernsheimer, Vorsteher." |
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Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Februar 1886:
"In Folge der Einberufung des seitherigen Lehrers zum Militärdienst
ist bei unserer Gemeinde die Stelle der israelitischen Religionslehrers
und Vorsängers vakant geworden und soll wieder besetzt werden. Bewerber
um diese Stelle, zu der auch die Schächterfunktionen gehören, wollen
sich, unter Vorlage der Zeugnisse über die bestandene Prüfung bei uns
melden. Bewerber ledigen Standes werden bevorzugt. Das Einkommen der
Stelle, einschließlich der Akzidenzien, beläuft sich neben möblierter
freier Wohnung auf ca. 14-1500 Mark.
Namens des Vorstandes der israelitischen Gemeinde Viernheim: Samuel
Gernsheimer." |
Der jüdische Lehrer gerät in den Streit zwischen
orthodoxen und liberalen Gruppen (1855)
Anmerkung: Mitte des 19. Jahrhundert gab es zwischen orthodoxen und
liberalen Richtungen im Judentum immer wieder starke Auseinandersetzungen, die
(z.B. anlässlich der Einrichtung einer Synagoge mit einer Orgel) bis hin zu
Spaltungen in zahlreichen städtischen Gemeinden führten. Aber auch in
kleineren Gemeinden fanden Auseinandersetzungen statt, wie der Fall des
Viernheimer Lehrers zeigt. Nach seiner Entlassung wurde in der liberal
gesonnenen Zeitschrift "Der Israelitische Volksschullehrer" ein
scharfer Artikel gegen die für die Entlassung verantwortlichen orthodoxen
Kreise geschrieben.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelitische Volksschullehrer" vom
Januar 1855: "Aus dem Großherzogtum Hessen. - Wieder ist einer
unserer Lehrer, und zwar ein Mann mit zahlreicher Familie, ein Opfer des
zelotischen Eifers und pharisäischen Verfolgungsgeistes geworden - es ist
dieses der zuletzt in Viernheim gestandene Lehrer R...t. Derselbe war der
Unterlassung unbedeutender religiöser Observanzen gerüchtsweise Angeklagte, unter Anderem habe er - für seine kranke Frau! - am Sabbat
eine Suppe kochen lassen. Darauf hin wurde ihm von dem betreffenden
Rabbiner, bei welchem der religiöse Eifer oft das Mitglied überwuchert,
das Schächten untersagt; die betreffende Gemeinde warf ihn in Folge
dessen buchstäblich aus der Schule hinaus, und der arme Mann irrt nun mit
Weib und Kindern brotlos und trostlos umher! - |
Lehrer Heinrich Loew empfiehlt sich das Mohel
(Beschneider) (1924)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Februar 1924:
"Viernheim, Hessen.
Als geprüfter Mohel empfiehlt sich
H. Loew, Lehrer." |
Lehrer Heinrich Loew sucht einen Zahnarzt für
Viernheim (1926)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 15. April 1926: "Zahnarzt - Existenz.
Tüchtigem jungen Zahnarzt (Dr.) ist gute Existenz geboten. Ort 12.000
Einwohner.
Angebote an H. Loew, Lehrer, Viernheim,
Hessen." |
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Instandsetzung der Mikwe (1897)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. Dezember 1897:
"Viernheim, im Dezember (1897). Den edlen Bemühungen des Herrn
Lehrers Goldschmidt, im Verein mit dem ehemaligen Klausrabbiner Herrn Dr.
Rosenthal aus Mannheim, ist es endlich gelungen, das seit langem in
Verfall geratene rituelle Frauenbad in hiesiger Gemeinde seinem heiligen
Zwecke wieder zu übergeben." |
Berichte
zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde
Zum Tod von Adolf Gernsheimer (1921)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Mai 1921:
"Viernheim (Hessen), 28. April (1921). Adolf Gernsheimer hat am 4.
Pessachtag, kaum 33-jährig, das Zeitliche gesegnet. Wer ihn kannte,
weiß, was wir alle an ihm besessen, was wir alle an ihm verloren. Ein edel
und redlich denkender Mensch, aus einem altehrwürdigen, frommen Hause
stammend, verstand er es von frühesten Jugend an, alle, die ihm näher
getreten, für sich zu gewinnen. Sie alle werden dem ehrlichen braven
Menschen, der bis noch vor wenigen Tagen mit dem stillen Mute der
Entsagung, den nur Gottesfurcht gibt, sein Geschick getragen,
ehrendes Andenken bewahren. Die große Trauerversammlung gab Beweis,
welchen großen Wohltäter und liebevollen Menschen wir zu Grabe getragen.
Herr Lehrer Loew ließ noch einmal das Lebensbild des Verstorbenen in
kurzen Worten an uns vorüberziehen. Seine Seele sei eingebunden in den
Bund des Lebens." |
Nach 1945: Todesanzeige von Alfred Lublin (1949 in den
USA)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Aufbau" vom 22. April 1949:
"Mein geliebter Mann, unser guter Vater, Schwiegervater, Großvater,
Bruder, Schwager und Onkel
Alfred Lublin
(früher Viernheim-Mannheim) ist am 15. April nach kurzer, schwerer
Krankheit im Alter von 61 Jahren sanft entschlafen. Im Namen der
Hinterbliebenen: Jenny Lublin geb. Rohrheimer.
5530 S. Kimbark Ave., Chicago 15, Ill." |
Über Max Liebster (1915-2008)
Artikel
von Harry Siegert im "Viernheimer Tageblatt" vom 29. Juli 2008:
"Gesellschaft: Zeitzeuge Viernheimer Geschichte gestorben. Max
Liebster im Alter von 93 Jahren verstorben.
Aix-les-Bains/Viernheim (kt) - Wie erst in diesen Tagen bekannt wurde,
ist in seinem Haus im französischen Kurort Aix-les-Bains ein Zeitzeuge
der Nazizeit in Viernheim, Max Liebster, im Alter von 93 Jahren
gestorben. Max Liebster wurde 1915 in
Reichenbach im Odenwald in eine streng gläubige jüdische Familie
geboren. Bevor er im Jahre 1929 eine Lehre im Textilgeschäft seiner
Cousins Julius und Hugo Oppenheimer in Viernheim begann, besuchte Max
Liebster die Volksschule in Reichenbach..." Zum weiteren Lesen des
Artikels bitte anklicken. |
In der jüdischen Presse fand auch der (nichtjüdische) Lehrer, dann
Schuldirektor Fiedler Beachtung:
Zum Tod des kaiserlichen Schuldirektors a.D. Fiedler (vermutl. bis 1871
Volksschullehrer in Viernheim, 1898)
Anmerkung: Lehrer Fiedler war offenbar bis 1871 als Lehrer in Viernheim
tätig, danach als Direktor der landwirtschaftlichen Lehranstalt in Rufach,
Oberelsass; im Ruhestand lebte er in Darmstadt. Beachtlich sind seine geradezu
prophetischen Worte über die Antisemitenbewegung (unten kursiv/fett
markiert).
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. September 1898: "Darmstadt.
Am 26. August starb an einem Herzschlag im Alter von 72 Jahren der sehr
verdienstvolle und in weiten Kreisen bekannte Schulmann, der kaiserliche
Schuldirektor a.D. Fiedler in Darmstadt. Früher war er Volksschullehrer
in Viernheim bei Mannheim und einer der Mitbegründer des
hessischen Landeslehrervereins. Seine Wirksamkeit auf landwirtschaftlichem
Gebiete veranlasste im Jahre 1871 seine Berufung als Lehrer an die neu
gegründete landwirtschaftliche Lehranstalt in Rufach im
Oberelsass, zu deren Direktor er später ernannt wurde und an der er eine
Reihe von Jahren segensreich wirkte. Nach seiner Versetzung in den
Ruhestand siedelte er nach Darmstadt über, wo er sich jedoch nicht
beschaulicher Ruhe hingab, sondern sich eifrig an gemeinnützigen
Bestrebungen beteiligt. So war er u.a. Vorsitzender des
Volksbildungsvereins und Vorstandsmitglied des Gartenbauvereins, in dem er
häufig Vorträge hielt. Er war ein makelloser Charakter und ehrenhafter
Mann, der aus seiner liberalen Gesinnung niemals ein Hehl machte, weshalb
er zur Zeit der Reaktion unter der Regierung Dalwigks vielfach zu leiden
gehabt hatte.
Fiedler ist auch in Wort und Schrift energisch zugunsten unserer
Glaubensgenossen eingetreten. Namentlich in Hessen hat sein Wort und
Beispiel schön gewirkt. So hat er in der Bezirkslehrerversammlung zu
Darmstadt am 17. Januar 1891 einen Vortrag gehalten über 'die
Antisemitenbewegung in Deutschland in ihren Ursachen und Folgen.'
(erschien in Darmstadt bei H. Schmitt.). Darin heißt es:
'Deutsche Männer aller Bekenntnisse, täuschen wir uns nicht über den
Ernst der Zeit. Die Totengräber des religiösen Friedens sind zugleich
die Totengräber des deutschen Reichs. Und dieser Friede liegt schwer
geschädigt darnieder. Die ersten Spatenstiche zum Grabe desselben sind
bereits aufgeworfen. Und schon stehe der Kondukt, der den Leichenzug des
religiösen Friedens feierlich leiten möchte, marschbereit an den Toren
des Vaterlandes.
Wir können und dürfen nicht zugeben, dass das bereits angefangene Werk
Vollendung findet. Das auf den Schlachtfeldern für Deutschlands Einheit
und Größe geflossene Blut würde gegen uns zum Himmel um Rache
schreien!
Darum ist es Pflicht Aller, deren Väter, Brüder oder Söhne in den
heiligen Kämpfen für Deutschlands Einheit gefallen sind; Aller, die in
jenen furchtbaren Kämpfen mitgerungen haben; Aller, welche die Folgen der
Antisemiten-Bewegung zu überschauen vermögen, dass sie zusammentreten,
um diesen verderblichen Strom in sichere Ufer einzudämmen.
Und wenn manche unter uns sein sollten, welche von Juden Unbilligkeiten
erfahren haben, so mögen sie das eigene Weg vergessen gegenüber dem
Unheil, welches der ganzen deutschen Bevölkerung durch einen Sieg der
Antisemiten droht.'
Aus lauterem Herzen geboren, mögen diese Worte lautere Herzen gewinnen.
Besser kann die Erinnerung an den edlen Mann nicht bewahrt
werden!" |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeigen jüdischer Zigarrenfabrikanten 1899 und 1904
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. November 1899:
"Suche per sofort eine tüchtige
Haushälterin,
welche
imstande ist, einem Haushalt von drei Personen selbständig vorzustehen.
Offerten, Zeugnisse, Photographie und Ansprüche an
J. Weißmann, jr.,
Zigarrenfabrik, Viernheim bei Mannheim." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Juli 1904:
"Sichere
Existenz!
Hohe Provision und Extra-Honorar zahlt erstklassige
Zigarrenfabrik gut eingeführt. Agenten, bei monatliche Abrechnung, welche
hervorragende Spezialitäten mitverkaufen. Eventuell Generalvertretung.
Offerten mit Angabe des erreichten Umsatzes erbeten.
Heinrich Jakob
& Comp.,
Zigarrenfabrik, Viernheim bei Mannheim". |
Anzeige von J. Weißmann (1902)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 27. Oktober 1902:
"Für einen Jungen, aus guter Familie, ist eine
Lehrstelle zu vergeben. Näheres
J. Weißmann, Viernheim bei Mannheim." |
Zur Geschichte der Synagoge
Zunächst war ein Betsaal in einem jüdischen Privathaus
vorhanden. 1821 beantragte die jüdische Gemeinde bei den Behörden den
Bau einer Synagoge. Die Genehmigung wurde erteilt und eine Synagoge konnte 1826/27
erbaut und im August 1827 eingeweiht werden. Sie war Mittelpunkt bis jüdischen Gemeindelebens bis zur
Zerstörung in der NS-Zeit. Mehrfach wurde sie renoviert und erweitert,
insbesondere 1865, 1902 und zum 100jährigen Bestehen 1927. Aus
der Geschichte der Synagoge in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts liegt
ein ungewöhnlicher Berichte aus dem Jahr 1880 vor:
Der Polizeidiener muss für Ordnung
in der Synagoge sorgen (1880)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30. März 1880:
"Bonn, 21. März (1880). 'Der Starkenburger Bote' meldet, dass
in Viernheim der gewiss seltene Fall eingetreten, dass ein
Polizeidiener in der Synagoge die Ordnung aufrecht erhalten muss. Es kamen
nämlich daselbst während des Gottesdienstes derartige Ruhestörungen und
Ungehörigkeiten vor, dass auf erhaltene Anzeige sich das Kreisamt zu der
erwähnten Maßregel veranlasst sah, wofür die israelitische Gemeinde den
Polizeidiener besonders honorieren muss. Wegen des angegebenen
Ärgernisses meiden viele Israeliten die dortige Synagoge jetzt
gänzlich." |
Über
die Feier zur Wiedereinweihung der Synagoge mit Rabbiner Dr. Italiener aus
Darmstadt im August 1927 liegt ein Bericht aus der Zeitschrift "Der
Israelit" vom 8. September 1927 vor:
"Viernheim,
22. August (1927). Am Sonntag beging die israelitische Gemeinde Viernheim das
hundertjährige Bestehen ihrer Synagoge mit einem Festgottesdienst. Nach einer
Begründungsrede des Lehrers Loew hielt Rabbiner Dr. Italiener - Darmstadt die
Festpredigt. Kraft, Stolz und Geduld erfülle den Juden, der der Väter, die
dieses Gotteshaus errichteten, gedenkt. Von ihrer Tat ging um so größeres
Licht aus, als bis damals die Juden von außen unterdrückt und im Ghetto
innerlich verkümmert waren. Oberarzt Dr. Fried - Worms hielt die
Gedächtnisrede für die im Weltkrieg gefallenen Juden der Gemeinde Viernheim.
Im Namen der Gemeinde Viernheim erklärte Bürgermeister Lamberth, dass er
eigens seinen Urlaub unterbrochen habe, um an dieser bedeutungsvollen Feier
teilzunehmen. Es sei ihm ein Bedürfnis, den vorbildlichen Beziehungen aller
Konfessionen in der Gemeinde Vierheim Ausdruck zu geben. Kaplan Oestreicher
überbrachte die Glückwünsche zugleich im Namen des Herrn geistlichen Rat
Wolf, der gesamten Pfarrgeistlichkeit, des Kirchenvorstands und der katholischen
Gemeinde. Er begann in hebräischer Sprache mit dem Psalmwort: "Wenn der
Herr nicht wacht, wacht der Wächter umsonst."
Direktor Benjamin - Darmstadt überbrachte die Glückwünsche des Landesverbands
der Israelitischen Religionsgemeinden Hessens, Syndikus Erwin Baer - Frankfurt
a.M. diejenigen des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens,
Polizeioberwachtmeister Kühne die der Polizeibehörde, ein Mitglieder des
Synagogenrats die der Gemeinde Mannheim, Rektor Mayer - Vierheim überbrachte
die Glückwünsche der Schule.
Prachtvolle Chöre des Klaussynagogenchors, Mannheim, mit Solis des Oberkantors
Eppstein umrahmten weihevoll die Ansprachen.
Zu dieser Feier wurde eine Festschrift, verfasst von Herrn Lehrer Loew -
Viernheim, herausgegeben, die interessantes geschichtliches Material enthält." |
| Hinweis: Die Abschrift
der genannten Festschrift ist online zugänglich. |
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge am
10. November zerstört. Bereits am Vormittag dieses Tages wurde eine
Brandstiftung versucht, die misslang. Am Mittag brachen drei SS-Männer
gewaltsam in die Synagoge ein, raubten Davidstern, Opferstock und silberne
Leuchter, übergossen die Torarollen und andere Kultgegenstände mit Benzin und
entfachten ein Feuer. Die Synagoge brannte völlig nieder. Die Brandruine wurde
wenig später abgebrochen.
Bei den Gerichtsprozessen 1946-1952 auf Grund der Gewaltaktionen gegen
die Synagoge Viernheim vor dem Landgericht Darmstadt wurde nur ein Täter
verurteilt, die übrigen Angeklagten mangels Beweisen freigesprochen.
Das Grundstück der ehemaligen Synagoge lag im
Bereich des heutigen Grundstückes Hügelstraße 5. Ein
Denkmal für die zerstörte Synagoge wurde etwa 200 m von ihrem
Standort am Ende der Hügelstraße angebracht. Im Bereich des
Synagogengrundstückes wurde ein
Neubau (heutiges Wohnhaus Hügelstraße 5) erstellt, der jedoch baulich nichts
mit der ehemaligen Synagoge zu tun hat, von der seinerzeit auch die Grundmauern
geschleift wurden. Genaue Pläne der Bebauung vor 1938 wurden noch nicht
gefunden.
Adresse/Standort der Synagoge: im Bereich des
heutigen Grundstückes Hügelstraße
5
Fotos
| Historische Fotos |
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Gemeindevorstand und Lehrer
Loew
im Jahr des Synagogenjubiläums 1927 |
Innenansicht der Synagoge
in
Viernheim |
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Rekonstruktion /
Zeichnung der Synagoge in Viernheim von Harry Siegert (Viernheim) anhand
einer Skizze eines (bereits verstorbenen)
Herrn Fischer, Beschreibungen
(Festschrift Heinrich Loew) und der Erzählungen von Zeitzeugen. |
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Der Standort der ehemaligen
Synagoge und das Denkmal im Sommer 2007
(Fotos: Harry Siegert, Viernheim) |
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Blick auf das
Grundstück der ehemaligen Synagoge. Hinweis: das
heutige
Gebäude Hügelstraße 5 hat nichts mit der ehemaligen Synagoge zu
tun. |
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Gedenkstein mit
Abbildung der ehemaligen Synagoge und Inschrift: "In dieser Strasse
stand von 1828-1938 die Synagoge
der ehemaligen jüdischen Gemeinde
Viernheim. Sie wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938
zerstört." |
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Neue Tafel des
Gedenksteines
(Foto: Michael Ohmsen,
Aufnahme September 2010) |
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Inschrift:
"In der Hügelstraße 5 stand seit 1827 die Synagoge der jüdischen
Gemeinde
Viernheim. Nationalsozialisten zerstörten sie am 10. November
1938". |
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Gedenken an die jüdischen
Familien
Viernheims am Gebäude
der Stadtbibliothek
(Fotos: Michael Ohmsen; Aufnahmen
vom September 2010) |
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Die Tafel befindet
sich links des Eingangs in die Stadtbibliothek mit der Überschrift:
"Viernheims jüdische Familien in den 1930er-Jahren. Mit der Diktatur
der
Nationalsozialisten (1933-1945) gab Deutschland die Menschenrecht auf.
Viernheim
verlor seine jüdischen Mitbürger und mit ihnen einen Teil
seiner Tradition und Kultur".
Es folgen die Namen der jüdischen Familien. |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Heinrich Loew: Die israelitische Religions-Gemeinde
Viernheim (Hessen). Festschrift zur Jahrhundertfeier des Synagogenbaues im
August 1927. Viernheim 1927. Abschrift
online zugänglich (interne Seite). |
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II S. 321-324. |
 | ders.: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder -
Dokumente. S. 193. |
 | Brigitte Perker: Viernheim zwischen Weimar und Bonn.
Demokratie und Diktatur in einer deutschen Kleinstadt 1918-1949. Hg.
Magistrat der Stadt Viernheim. Viernheim 1988. |
 | Franz Haas: Die Juden in Viernheim. in: 777-1977.
Zwölfhundert Jahre Viernheim. Viernheim 1977 S. 99-108. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 27-28. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 275-277. |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Viernheim
Hesse. Jews lived there from the 17th century and established a community
numbering 60 in 1828. Jews prospered in the tobacco and livestock trade. The
community became affiliated with the Liberal rabbinate of Darmstadt. By 1900 the
Jewish population had grown to 123 (2 % of the total). In the wake of the Nazi
boycott campaign, Jews started leaving before Kristallnacht (9-10
November 1938), when stormtroopers burned down the synagogue and organized the
looting or destruction of Jewish property. During the years 1933-39, at least 28
of the 60 Jews in Viernheim emigrated (17 to the United States). Those who
remained were mostly deported in 1942.

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