Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


Eingangsseite

Aktuelle Informationen

Jahrestagungen von Alemannia Judaica

Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft

Jüdische Friedhöfe 

(Frühere und bestehende) Synagogen

Übersicht: Jüdische Kulturdenkmale in der Region

Bestehende jüdische Gemeinden in der Region

Jüdische Museen

FORSCHUNGS-
PROJEKTE

Literatur und Presseartikel

Adressliste

Digitale Postkarten

Links

 

   
zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"  
zu den Synagogen in Baden-Württemberg 

     
Nussloch (Rhein-Neckar-Kreis) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen
Links und Literatur   

      

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  (english version)

In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zur Kurpfalz gehörenden Nussloch bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17./18. Jahrhunderts zurück. Erstmals werden 1712 Juden am Ort genannt. 
   
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1825 51 jüdische Einwohner (2,9 % von insgesamt 1.770 Einwohnern), höchste Zahl um 1871 mit 68 Personen, 1875 65 (2,3 % von 2.766), 1900 41 (1,3 % von 3.100), 1910 37 (1,1 % von 3.324).    
      
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule und ein rituelles Bad. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bestand vermutlich ein jüdischer Friedhof am Ort, dessen genaue Lage nicht mehr bekannt ist. Im 19. und 20. Jahrhundert wurden die Toten der Gemeinde in Heidelberg oder Wiesloch beigesetzt. Die Gemeinde gehörte seit 1827 zum Rabbinatsbezirk Heidelberg.  

Um 1925
waren die Vorsteher der jüdischen Gemeinde Albert Mayer und Julius W. Bernheim. Damals war nur noch ein schulpflichtiges jüdisches Kind am Ort, das Religionsunterricht in Wiesloch erhielt. Zur jüdischen Gemeinde in Nussloch gehörten inzwischen auch die in Leimen noch lebenden jüdischen Personen (1925: 6). 1932 war Gemeindevorsteher Siegfried Mayer. Als Schatzmeister ist Julius W. Bernheim eingetragen. 
       
1933, als noch 21 jüdische Personen am Ort lebten, gehörten jüdischen Familien u.a. noch die folgenden Gewerbebetriebe: Schuhhandlung und Damenschneiderei der Familie Adler (Hauptstraße 61), Gasthaus "Zum Adler" der Familie Bernheim (Hauptstraße 56, Gasthhaus nur bis um 1915); Bäckerei und Viehhandlung der Familie Bierig (Sinsheimer Straße 19), Hopfenhandlung und Rohtabakfermentationsbetrieb Gebr. Ehrmann (Hauptstraße 88), Kaufmann Mayer (Friedrichstraße 6), Pferdehandlung und Textilwarengeschäft der Familie Neumann (Hauptstraße 60). Die Gastwirtschaft "Mayerhof" (bis heute bestehend) verdankt ihren Namen dem früheren jüdischen Besitzer Ludwig Mayer (Loppengasse 14). 
     
Von den in Nussloch geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Julius Bernheim (1857), Selma Bierig (1908), Emma Blum geb. Strauß (1865), Karl Freund (1882), Fanny Kolinski geb. Neumann (1895), Elsa Meyer (1890), Gertrud (Guta) Mayer (1896), Hugo Mayer (1864), Karoline Mayer geb. Bierig (1879), Walter Mayer (1890), Fanny Neumann (1866(, Berta Rothschild geb. Bernheim (1890), Adelheid Schlosstein geb. Strauß (1859), Rudolf Weiss (1905).
     
  

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Bericht über die Feier zum 25-jährigen Bestehen der Zigarrenfabrik S. Simon und Cie. (1891) 

Nussloch Israelit 17061891.jpg (164200 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Juni 1891: "Nußloch (Baden). Am Sonntag, den 24. Mai wurde hier ein sehr schönes Fest gefeiert, nämlich das Jubiläum des 25-jährigen Bestehens der Zigarrenfabrik der Herren S. Simon und Cie. in Mannheim und zugleich die Einweihung ihres Fabrik-Neubaues. An diesem Feste nahmen außer den Herren Inhabern der Firma, das Büro- und Werkführerpersonal, der hiesige Gemeinderat, die Geistlichkeit, der Landtagsabgeordnete des Bezirks, verschiedene eingeladene Ehrengäste und ca. 300 Arbeiter teil. Kurz vor 11 Uhr bewegte sich der Zug vom Fabrikgebäude aus in die prachtvoll dekorierten Räume des Gasthofes zur 'Sonne', wo um 11 Uhr mit einer Begrüßungsansprache des Herrn Simon sen. die Festfeier begann. Nach derselben wurden die Arbeiter, welche schon 25 Jahre in der Fabrik genannter Firma tätig waren, mit Diplomen in schöner Widmung und je 50 Mark in Gold neuester Prägung in einem Etuis seitens ihrer Herrn beschenkt. Herr Verwalter Sauer hielt alsdann die Festrede und überreichte dieser am Schlusse das Geschenk der Arbeiter: die Photographien derselben in 5 Gruppen auf einem Gesamtbilde in prachtvoller Einrahmung. Die Gemeinde Nußloch wollte mit ihrem Dank gegen die Firma nicht zurückbleiben und ließ den Herrn S. Simon und H. Willstätter durch Herrn Ratschreiber Leonhard die Urkunden, laut welchen beide Herren als Ehrenbürger der Gemeinde Nußloch aufgenommen wurden, feierlichst überreichen, welcher schönen Aufgabe sich Herr Leonhard mit einer trefflichen Rede, in welcher er die Verdienste der Firma um das Emporblühen und den Wohlstand unter der Arbeiterbevölkerung in hiesiger Gemeinde hervorhob, entledigte. Herr Willstätter dankte tief gerührt über die empfangene Ehre, die ihnen von allen Seiten entgegengebracht wurde. Ein Arbeiterjubilar sprach dann zum Schlusse den Herren Arbeitsgebern namens der Arbeiter in kurzem Vortrage seinen Dank für die reichen Geschenke aus. Bei dem Bankett, an welchem 250 Arbeiter teilnahmen, reihte sich ein Trinkspruch an den andern. Herr J. Willstätter toastirte auf den Großherzog, Herr Hauptlehrer zuerst auf die Groß-  
Nussloch Israelit 17061891a.jpg (110854 Byte)herzogin, dabei herrschte ein wirklich herzlicher Verkehr zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, der auf die eingeladenen Gäste den wohltuendsten Eindruck macht. Herr Hauptlehrer Hurst verlas dann eine Depesche, welche an Seine Königliche Hoheit abgeschickt wurde mit folgendem Wortlaut:  
'Der Gemeinderat in Nußloch, welcher heute die Inhaber der Firma S. Simon und Sie., die Herren S. Simon und J. Willstätter in Mannheim, zu Ehrenbürgern ernannte, erlaubt sich in Gemeinschaft mit dieser Firma und 300 Arbeitern, worunter zahlreiche ausgezeichnete Jubilare anlässlich der Feier des 25jährigen Bestehens ihrer hiesigen Zigarrenfabrik Eurer Königlichen Hoheit, unsern allerdurchlauchtigsten Landesfürsten, dem erhabenen Beschützer und Förderer des Handels und der Industrie, ehrfurchtsvoll seine tief gefühlte Huldigung darzubringen. Rausch, Bürgermeister.'  
Des anderen Tages traf folgendes huldvolle Telegramm ein. An den Bürgermeister Rausch in Nußloch! Ihre Mitteilungen haben mich herzlich erfreut und ich nehme lebhaften Anteil an der Jubelfeier, welche Sie in Anerkennung der Mir bezeichneten Firma und der daselbst zahlreich beschäftigten Arbeiter begangen haben. Friedrich, Großherzog.'  
Das ganze Dorf nahm an der Feier teil und wünscht der Firma ferneres Wachstum, Blühen und Gedeihen."  

   
   
   
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge

Bereits in der Mitte des 18. Jahrhunderts bestand ein von dem damaligen Vorsteher Manis eingerichteter Betsaal in Nussloch. 1749 ist als Vorsänger Neta ben Elias aus Crailsheim genannt, der 36 Jahre in Nussloch wirkte und damals auf Kosten des Vorstehers Manis ein Memorbuch anfertigen ließ.   
     
Um 1760/70 (vielleicht nach dem Tod des Vorstehers Manis 1773) konnte der Betsaal in dem der jüdischen Familie Maier gehörenden Haus eingerichtet werden. Nach einem Bericht von 1834 befand er sich hierin jedenfalls "schon seit 70 Jahren".  Bis 1828 musste die jüdische Gemeinde in Nussloch nicht einmal Miete für die Benutzung dieses Saales bezahlen, was als "Güte" des 1828 verstorbenen Salomon Maier in Erinnerung blieb. Der seit 1828 in dem Haus lebenden Familie Josef Maier bezahlte man eine jährliche Miete von 15 Gulden, da diese Familie darauf angewiesen war. Neben dem Haus befand sich auch ein kleines Badhaus, in dem in früheren Jahren ein rituelles Bad war, das jedoch zugeschüttet wurde, nachdem man an anderer Stelle ein Bad eingerichtet hatte. 1834 konnte die jüdische Gemeinde das Haus mit dem Betsaal zu einem Gesamtbetrag von 700 Gulden erwerben, von denen man 100 Gulden bar sofort bezahlen konnte. Den Restbetrag wollte man zuzüglich Zinsen nach einem Jahr begleichen. Im Laufe der folgenden Monate musste die Gemeinde die nachträgliche Genehmigung des Kaufes durch die Behörden einholen, was nicht ganz einfach war, zumal man im folgenden Jahr für die zu begleichende Restsumme ein Kapital von 400 Gulden aufnehmen musste. Die Wiederherstellung des rituellen Bades, der Wasserleitung und die Anschaffung eines dazugehörigen Warmwasserkessels hatten zusätzlich 100 Gulden gekostet. Kleinere Reparaturen schlugen mit 50 Gulden zu Buch. Die Behörden gaben jedoch bis zum Sommer 1835 ihre Zustimmung unter der Voraussetzung, dass der Kredit nach zehn Jahren getilgt sein müsse.   
  
Erst 1878 erfährt man wieder von der Nusslocher Synagoge. Es gab Schwierigkeiten, da sich im selben Haus des Betsaales auch eine Gastwirtschaft befand. Falls es sich um dasselbe Haus wie um 1834/35 gehandelt hat, wird die jüdische Gemeinde den Hausanteil ohne den Betsaal inzwischen wieder verkauft haben. Mit dem Gastwirt Baust gab es damals Probleme, da dieser einige der jüdischen Gemeinde gehörenden Plätze beim Haus ohne deren Erlaubnis benutzte. Nachdem es darüber sogar zu einem Prozess kam, der zugunsten der israelitischen Gemeinde ausging, hat Gastwirt Baust den ihm gehörenden Eingang des Hauses für die jüdische Gemeinde gesperrt, sodass diese im Juni 1878 nicht mehr zum Betsaal gelangen konnte. Die Gemeinde musste daraufhin eine Treppe zu dem im Obergeschoss liegenden Betsaal anlegen lassen. Das Gebäude dieses Betsaales befand sich mit dem Badhäuschen auf dem heutigen Grundstück Friedrichstraße 1.   
  
Das Grundstück mit dem Gebäude des Betsaales wurde am 22. Juli 1938 an Privatleute verkauft. Nach völligem Abriss der Synagogenruine erbauten die Käufer auf dem Grundstück ein Wohnhaus.  
   


Fotos 
Historische Pläne: 

Nussloch Synagoge 005.jpg (36680 Byte) Nussloch Synagoge 006.jpg (39151 Byte)
Front- und Seitenansicht der ehemaligen Synagoge in Nussloch
(Quelle: HStAS EA 99/001 Fotosammlung Bü 305 Fotos 1326-27)

Historische Fotos sind nicht bekannt, Hinweise bitte an den 
Webmaster von "Alemannia Judaica", E-Mail-Adresse siehe Eingangsseite


Fotos nach 1945/Gegenwart:  

Foto um 1985 
(Foto: Hahn)
Nussloch Synagoge 010.jpg (47714 Byte) 
Wohnhaus auf dem ehemaligen Synagogengrundstück 
Friedrichstraße 1
  
Ein neueres Foto des Synagogengrundstücks wird bei Gelegenheit erstellt

   
  

Links und Literatur

Links:

Website der Gemeinde Nussloch: hier anklicken 
Liste der 1815 in Nussloch wohnhaften jüdischen Personen (mit alten und neuen Namen)

Literatur:

Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968. S. 217-218.
Heimatbuch Nussloch. 1966 S. 103.
Leopold Löwenstein: Geschichte der Juden in der Kurpfalz. 1895 S. 162.  
Karl Günther: Manis aus Nussloch. Zur Geschichte der Juden in der Kurpfalz, in: Heidelberger Apokryphen. 1990. S. 72-86. 
Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern - Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem 1986. S. 415-416.  
synagogenbuch-1.jpg (32869 Byte)Joachim Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007.    
  
  

  

   
  


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Nussloch  Baden. The first three Jewish families arrived in 1743. Anti-Jewish riots broke out during the 1848 revolution. In 1866, Jews set up a cigarette factory that employed 300 by the end of the century. The Jewish population numbered 65 in 1875 (total 2,766) but declined steadily thereafter to 21 in 1933. In the Nazi era, 11 emigrated and five left for other German cities. The last four Jews were deported to the Gurs concentration camp on 22 October 1940. 
    

     

                   
vorherige Synagoge  zur ersten Synagoge nächste Synagoge

          

 

Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an Alemannia Judaica (E-Mail-Adresse auf der Eingangsseite)
Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 02. Januar 2010