Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Ravensburg (Kreisstadt)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte zur jüdischen Geschichte der Stadt   
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Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)

In Ravensburg bestand eine jüdische Gemeinde im Mittelalter. Erstmals werden 1330 Juden in der Stadt genannt. Damals wurde der Jude Trösteli Bürger der Stadt unter Bürgschaft zwei anderer Juden, Eberlin und Säckeli, die gleichfalls Bürger in Ravensburg waren. 1340 wurde ein jüdischer Lehrer (scolasticus) namens Isaak aufgenommen, 1341 Eberli Sohn Mans, 1343 David und Sueskint von Lindau. Bei den Verfolgungen in der Pestzeit 1348/49 flüchteten die Ravensburger Juden auf die Burg, wurden jedoch dort gefangen gesetzt und am 4. Januar 1349 von der Bürgerschaft verbrannt. Die jüdischen Familien lebten vermutlich bereits vor dieser Verfolgung im Bereich der Nordmauer der Unterstadt in der "Judengasse" (heute "Grüner-Turm-Straße").       
  
Nach den Verfolgungen in der Pestzeit erfährt man erst 1380 von einer Neuaufnahme eines Juden in der Stadt (Jud Jökli von Richhal und seines Gefährten). 50 Jahre später kam bereits das Ende der mittelalterlichen Ansiedlung: 1429/30 wurde eine Ritualmordanklage gegen die Ravensburger Juden erhoben. Man hatte einen 13-jährigen Jungen im Haslachwald zwischen Ravensburg und Weingarten erhängt aufgefunden. Zunächst war ein Fuhrmann, der den Jungen in den Wald gefahren hatte, beschuldigt worden, doch bezichtigte dieser die Juden, einen Ritualmord begangen zu haben. Hierauf wurden die Ravensburger Juden gefangen genommen. Ein Teil von ihnen wurde im August 1430 verbrannt. Andere konnten fliehen oder wurden aus der Stadt vertrieben. Diese Ritualmordgeschichte führte zu Verfolgungen und Vertreibungen auch der Juden aus Buchhorn (Friedrichshafen), Konstanz, Lindau, Meersburg und anderen Städten. 1431 beschloss die Stadt Ravensburg, nie wieder Juden in der Stadt aufzunehmen. 1559 ließ sich die Stadt dieses Verbot von Kaiser Ferdinand I. ausdrücklich bestätigen.    
 
Bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Ansiedlung für Juden in der Stadt verboten. Um 1850 ließ sich als erster Jakob Wallensteiner mit seiner Frau Babette geb. Steiner in der Stadt nieder. Ihr Sohn Julius Wallensteiner ist am 10. August 1858 in Ravensburg geboren.    
   
Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1858 3 jüdische Einwohner, 1864 8, 1867 11, 1871 23, 1875 41, 1885 40, 1890 32, 1895 57, 1900 44, 1905 41, 1910 32, 1925 28.   
 
Eigene Einrichtungen wurden im 19./20. Jahrhundert von den zugezogenen jüdischen Familien nicht geschaffen. 1889 wurde jedoch durch den Buchauer Rabbiner Dr. Laupheimer erstmals seit dem Mittelalter wieder ein jüdischer Gottesdienst für die inzwischen sechs jüdischen Familien am Ort durchgeführt. Seit diesem Jahr wurde auch jüdischer Religionsunterricht für die jüdischen Schüler am Ort durch den Rabbiner erteilt. Man trat sich in einem Schulzimmer in der Realschule. Offiziell gehörten die jüdischen Einwohner der Stadt zur jüdischen Gemeinde in Buchau. Die in Ravensburg verstorbenen jüdischen Personen wurden im jüdischen Friedhof in Buchau.
  
An ehemaligen, teilweise bis nach 1933 bestehenden Gewerbe- und Handelsbetrieben im Besitz jüdischer Familien sind bekannt (Hinweis des Webmasters: die angegeben Adressen müssen teilweise nochmals überprüft werden): Warenhandelshaus Staufia, Inh. Gustav Adler (Marienplatz), Viehhandlung Isaak Bernheim (Gartenstraße 77, nach 1933 Georgstraße 14), Pferdehandlung Martin Erlanger (Pfannenstiel 1, führende Pferdehandlung im südlichen Oberschwaben), Elektrotechnisches Geschäft Raimund Finsterhölzl (Friedensstraße 17), Kaufmann David Harburger (Kirchstraße 11), Warenhaus Geschw. Knopf (Marienplatz 55), Textilgroßhandlung Joseph Kohn und Leopold Rosenthal (bis um 1910 Schulstraße 2-4), Warenhaus Friedrich und Julius Landauer (Marienplatz 31, bis 1929 ein weiterer Verkaufsraum im Nachbarhaus Marienplatz 29; Fam. Friedrich Landauer wohnte Eisenbahnstraße 26), Konfektionshaus/Schuhhaus Merkur, Inh. Hans und Siegfried Sondermann (Marktstraße 4 und 11 bis 1930, dann Kirchstraße 1), Damen- und Herrenkonfektion Fa. Hermann Wallersteiner (gest. 1906), später Kaufhaus Wohlwert, Inh. Gustav Adler (Marienplatz).    
 
1933 lebten 23 jüdische Personen in der Stadt. In den folgenden Jahren sind die meisten von ihnen auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Bis 1938 wurden alle jüdischen Geschäfte - zuletzt noch das Kaufhaus Wohlwert, das beim Novemberpogrom 1938 demoliert wurde - aufgegeben. Im Herbst 1939 wurden vorübergehend einige jüdische Familien/Personen aus dem Rheinland nach Ravensburg eingewiesen. 
  
Von den in Ravensburg geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Adolf Birnstein (1900), Therese Brückheimer geb. Pappenheimer (1863), Elsa Finsterhölzl geb. Landauer (1880), Jakob Harburger (1897), Gertrud (Gertrude) Heilborn (1898), Lydia Heilborn geb. Landauer (1875), Josef Herrmann (1866), Betty Landauer (1877), Helene Landauer geb. Stern (1876), Paul Landauer (1882), Walter Selmanson (1920), Adolf Uffenheimer (1864), Rosa Wallensteiner geb. Israel (1873), Clara Wallensteiner geb. Reichenbach (1869), Clara Weil geb. Landauer (1884). 
 
Im September 2006 wurden "Stolpersteine" verlegt für die Familien Harburger in der Kirchstraße 11, Landauer am Marienplatz 31 und Rose am Gespinstmarkt 27 sowie für Elsa Finsterhölzl in der Friedenstraße 17.   
  
  
Hinweis zur Stadtteil Burach: Im Burachhof lebte seit 1925 die Fam. Dr. Ludwig Erlanger, der (Burach 2) Obstgutbesitzer und Landwirt war. Auf dem Gut wurden nach 1933 jüdische Jugendliche zur Auswanderung nach Palästina ausgebildet (Hachschara). Seit 1990 erinnert die "Ludwig-Erlanger-Anlage" (mit Gedenkstele) an die Geschichte dieser Familie. Im September 2006 wurden vier "Stolpersteine" zur Erinnerung beim Bildungszentrum St. Konrad am Sonnenbüchel 45 verlegt.  

Besondere Erinnerung an die mittelalterliche jüdische Geschichte: Vom Grünen Turm befinden sich je ein "Judenkopf-Ziegel" im Bayerischen Nationalmuseum München (Inv. KER 138) und im städtischen Museum Ravensburg (Darstellungen eines bärtigen Kopfes eines Juden mit spitzem Hut auf Ziegel, vermutlich aus der Zeit um 1400).
   
   
   
Berichte zur jüdischen Geschichte der Stadt     
   
Über die mittelalterliche jüdische Geschichte   

Beitrag von Rabbiner Dr. Schweizer (Weikersheim): Die Juden in der alten schwäbischen Reichsstadt Ravensburg 
     

Ravensburg Israelit 29071909a.jpg (504422 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Juli 1909: "Ravensburg, eine Stadt mit über 12.000 Einwohnern, im Königreich Württemberg, zwischen der Donau und dem Bodensee gelegen, hat eine große historische Vergangenheit. Wie die meisten schwäbischen Städte, war auch Ravensburg nach dem Untergange der Hohenstaufen und des Herzogtums Schwaben reichsunmittelbar geworden. Kaiser Rudolf von Habsburg, der im Jahre 1286 persönlich in Ravensburg weilte, verlieh der freien Reichsstadt das Recht, alle Samstage einen Wochenmarkt halten zu dürfen. Aus kleinen Anfängen entwickelte sich im Laufe der Jahre ein überaus lebhafter Handel in der Stadt. Es entstand die sogenannte 'Große Ravensburger Gesellschaft', welche im Jahre 1431 über ein Kapital von 300.000 Goldgulden verfügte und ihren Waren- und Goldhandel bis Mailand, Genua, Neapel einerseits und die Niederlande andererseits ausdehnte.   
Der lebhafte Handel Ravensburgs hat schon sehr frühe die Juden nach der freien Reichsstadt hingezogen. Sie waren die ersten gewesen, die auf den Gedanken kamen, den an Ravensburg vorbei in den Bodensee-Fluss schiffbar zu machen. Im Jahre 1400 verlieh König Wenzel in der Tat der Stadt das Recht, 'das Wasser, das von ihrer Stadt abrinnet in den Bodensee, und das man nennet die Schussen, solcher Gestalt zu bauen und zu machen, dass es ein geladen Schiff bis in den Bodensee ertragen möge nach allen Städten.
Der erste urkundlich überlieferte Name eines Juden von Ravensburg ist Aaron. Im Jahre 1425 schwört Hans Murat von Meersburg Urfehde, dass er an Ravensburg die Strafe nicht rächen wolle, die er erhielt, weil er 'Aaron den Juden, Bürger in Ravensburg', darniedergeworfen, ihm das seinige genommen und ihn misshandelt hat. Die Urkunde ist mit dem Siegel des Grafen Hugo von Werdenberg versehen. 
Das Ulmer Steuerbach von Jahre 1427 führt noch zwei andere Juden von Ravensburg auf: Es zahlt Jud Lee von Ravensburg 1 Gulden, Salomon von da 3 Gulden Steuer. 
Ein anderer Jude von Ravensburg wird urkundlich in Verbindung mit einem anderen Glaubensgenossen von Colmar genannt, der eine Denunzierung begangen. Laßmann, Jud zu Ravensburg, war von Abraham, Juden von Colmar beschuldigt worden, falsche Insiegel zu machen, er habe das selber gesehen. Laßmann wurde deshalb 'gehaimet' eingezogen) und in das 'vangnuß' (Gefängnis) gebracht. Er verspricht, die Strafe nicht zu rächen. Die Urkunde ist mit dem Siegel des Hand Homburg und des Unterlandvogts Jorg Kröl versehen. 
Über die rechtliche Stellung der Juden Ravensburgs wird nichts besonderes überliefert. Sie werden allem Anschein nach dieselbe Stellung eingenommen haben wie in allen Reichsstädten. Doch über den Judeneid hat die Stadt Ravensburg das Nähere mit folgenden Worten bestimmt. 'Es ist zu wissen, wenn der Jud schwören soll über eine Sach, die er leugnet, so soll er gehen in die Juden-Schul, und soll schwören auf dem Buch, da die zehn Gebot unseres Herrn angeschrieben stehen: Ich schwöre bei dem allmächtigen Gott und bei der Ehr, so unser Herre Gott vom Himmelreich Moysen gab auf dem Berg Sinai, dass ich der Sach, der man mich schuldiget, unschuldig bin, noch nit weiß. Der Jud hat den Gewalt, dass er schwören soll über zween Tag und sechs Wochen, so ihm erteilt wird, dass er schwören soll, oder will er gern, so schwört er zumall (sogleich) wie vorgeschrieben steht.' Man sieht, dass der Judeneid in Ravensburg nicht jene die Juden entehrende und tief kränkende Formen aufwies, wie sie zur damaligen Zeit in anderen Städten vorhanden waren. 
Doch harrte ihrer im 15. Jahrhundert ein hartes Los; mit blutgetränkten Lettern ist in der Geschichte Ravensburgs das Jahr 1430 verzeichnet, in welchem sämtliche Juden Ravensburgs infolge einer ruchlosen, völlig unbegründeten Anschuldigung den Märtyrertod erlitten. Es war die Zeit, wo man die Juden für alle vorhandenen Übel verantwortlich machte, wo man behauptete, sie hätten die Brunnen vergiftet und Christenkinder gemordet, schon die bloße Beschuldigung war für die große Masse das Signal, über die wehrlosen, unschuldigen Juden herzufallen und sie ihrer Habe, ihres Eigentums zu berauben, und auf die gewaltsamste Weise ihnen den Tod zu bereiten. So wurden am Ende des 14. und am Anfang des 15. Jahrhunderts an vielen Orten Schwabens die Unglücklichen grausam verfolgt, verbrannt und erschlagen. Den Märtyrern zu Überlingen, Memmingen, Lindau, Augsburg, Zürich, Schaffhausen, Winterthur und Konstanz, folgten nun auch die zu Ravensburg. 
Am 2. Mai 1428 fand in Ravensburg die Hochzeit der einzigen Tochter des reichen Juden Lazarus, die einen anderen Ravensburger Juden heiratete, statt. Viele Juden aus den benachbarten Städten beteiligten sich an dem Freudenfeste des reichen Lazarus. Da lief, nach der phantasievollen Anklageschrift, ein Schulknabe namens Ludwig Etterlein aus Brugg bei Zürich, der das Ravensburger Gymnasium besuchte, mit anderen, ihm befreundeten Judenkindern in das Hochzeitshaus, um das Fest mit anzusehen. Als Lazarus den Ludwig sah, ließ er ihn in die Küche kommen, um daselbst den Braten zu wenden. [Schon dieses Moment beweist das Sagenhafte der Erzählung.] Der Knabe war frohen Mutes in die Küche eingetreten. Als der Abend angebrochen war, soll nun Lazarus zwei bekannte Juden herbeigerufen haben, um ihnen sein Vorhaben mitzuteilen, dass er nämlich diesen Knaben ermorden und dessen Blut auffangen wolle, wozu die zwei Juden ihre Hilfe versprachen. Dem Knaben, nichts Böses ahnend, wurde der Hals mit einem Schleier verbunden,     
Ravensburg Israelit 29071909b.jpg (536729 Byte)damit er nicht schreie, dann zog man ihm die Kleider aus und legte ihn nackt auf einen Tisch. Sie sollen ihm nun mit spitzigen, scharfen Messern und Nadeln die Adern geöffnet haben, dass das Blut vom Tisch in die unterstehenden Geschirre floss; so lange sollen sie den Knaben fortgemartert haben, bis er seinen Geist aufgab. Nach vollbrachter Tat sollen sie den entseelten Körper in einen Sack gesteckt und diesen bis nach beendigter Hochzeitsfeier unter die Treppe gelegt haben. Später habe einer, namens Anselm, den Sack auf die Schulter genommen und ihn aus der Stadt hinausgetragen; unterwegs sei er einem Fuhrmann mit einem leeren Wagen begegnet. Der Fuhrmann sollte den Sack in den Wald mitnehmen für hohen Lohn und dabei durch einen Eid versprechen, über die ganze Handlung Diskretion zu beobachten. Aus Liebe zum Geld tat der Fuhrmann alles, was man von ihm wollte
Wer weiß, ob der Fuhrmann nicht eben von christlicher Seite bestochen war, einen Christenknaben zu töten und dann das Gerücht auszusprengen, die Juden hätten den Knaben ermordet; wer weiß, ob diesem Märchen vom den sogenannten Ritualmord in Ravensburg anno 1429 nicht die historische Tatsache zugrunde liegt, dass christlicherseits ein Mord begangen wurde und die Blutschuld dann den Juden aufgehalst wurde, um ihnen so den Prozess machen zu können und ihrer dadurch ein- für allemal los zu werden. Jedenfalls ist diese Kriegslist auffallend gut gelungen.
Als der Knabe Ludwig längere Zeit nicht heimkam, wurde sein Hausherr stutzig. Er suchte ihn in der ganzen Stadt, ohne ihn jedoch zu finden. Eines Tages kamen viele Knaben in den Wald, um Vogelnester zu suchen, da fanden sie ihren Schulkameraden Ludwig tot im Walde hängen. Sie meldeten den grausigen Fund sofort dem Hausherrn, der seinerseits die Anzeige beim Rat der Stadt machte. Man ging hinaus und holte den Leichnam. Die ruchlose Tat wurde bald weit und breit bekannt.  
Der Fuhrmann soll nach Entdeckung des grässlich-verstümmelten Leichnams von Ravensburg nach Überlingen an den Bodensee geflohen sein, da der Verdacht auf ihn gefallen war, weil er öfters durch jenen Wald gefahren. Der Fuhrmann, Nikolaus Knoll mit Namen, wurde in Überlingen gefangen genommen und peinlich befragt. In seiner Aussage bezichtigte er die Juden des Mordes, er wurde aber gleichwohl aufs Rad geflochten.
Der ermordete Ludwig Etterlin wurde in der Stadtpfarrkirche zu Ravensburg hinter dem Hochaltar beigesetzt und als Märtyrer gefeiert, der im Tode noch Wunder erzeugt habe.   
Die Folge dieses Mordes war eine grässliche Judenverbrennung in Ravensburg und Lindau. Im städtischen Archiv zu Ravensburg befindet sich eine Urkunde vom Jahre 1430, in welcher die Städte Ravensburg und LIndau wegen der Verbrennung der Juden gerechtfertigt werden: 'Wir Erkinger von Saunsheim, Herr zu Schwarzenberg, und Jacob, Truchseß zu Waldburg, das Reichs Landvogt in Schwaben, bekennen uns offenbar mit diesem Brief: Als von des Mords wegen, so die Juden zu Ravensburg an einem Knaben von Brugg im Ergöw getan und begangen haben, darum uns der allerdurchlauchtigst Fürst und Herr, Herr Sigmund, römischer König, zu allen Zeiten Mehrer des Reichs, und zu Ungarn, zu Böheim, Dalmatien und Kroatien König, unser gnädigster Herr, mit seiner Gnaden königlichen Briefen empfohlen, und darin Macht gegeben hat, solch Übel und Mord an Seinerstatt zu verhören, und fürzunehmen, besonders den Stätten mit Namen: Konstanz, Ravensburg, Überlingen, Lindau, Buchhorn (das jetzige Friedrichshafen am Bodensee) und Meersburg, als sie die Juden, bei ihnen wohnhaft, und ihr Gut von des berührten Mords wegen gefangen und gehefft hand, geschrieben und denen geboten hat, uns an solcher seiner Befehlnüsse und Werbung nicht zu säumen, sondern uns dazu beraten und beholfen zu sein, als das Seiner Gnaden Brief uns und ihnen darum gesandt, mit mehr Worten der Geschrift klarlichen Inhalt. Und auf solch' unser Werbung, so haben sich die ehegenannten zwo Städte von Ravensburg und von Lindau, in des genannten unsers Herrn des Königs Befehl, gehorsam und willig finden lassen, und haben wir beide, und sie mit uns, den Handel des berührten Mords für uns genommen, und von einem Stuck nach dem andern uns miteinander unterredet, und dazu den ganzen Lands-Läumden (Ruchbarkeit) für uns genommen, und dazu mehr denn ein redlich trefflich Stuck daraus wahrlich zu erkennen und zu merken ist, dass die Juden den berührten Knaben lästerlich getötet und gemordet haben, und seien auf solche Macht, die der benannte unser gnädigster Herr, der römische König uns darum gegeben und empfohlen hat, mit den benannten zween Städten Ravensburg und Lindau, und sie mit uns, ganz einig geworden, dass wir zu den Juden und Jüdinnen, so jetzt in denselben zween Städten behaft gewesen sind, verhängt, und mit dem Feuer haben lassen richten, als denn solcher übeltätiger Jüdischheit von recht zugehört, und seien auch dabei und mit gewesen, und haben die Sach also miteinander gehandelt und getan, und wir, ob der ehegenannt unser Herr, der römisch König von jemand anders, wer der wäre, über kurz oder lang unrecht unterweist würde, dass er oder andere Leute von dieser Geschichte wegen an die von Ravensburg oder an die von Lindau darüber Verantwortung tun würden; so sollen und wollen wir beide sie dessen gegen Seiner Gnaden, und gegen männiglich allweg verantworten, vertreten, versprechen und verstehen, nach allem unserm besten Vermögen, nach, nach ihrer Notdurft, ohne alle Gefährde. - Und dess' zu gutem Urkund, so haben ich, Erkinger von Saunsheim, und ich Jacob, Truchseß zu Waldburg, vorgenannt unser jeglicher besonders, sein eigen Innsiegel lassen hängen an diesen Brief, der geben ist am Montag nach St. Peter- und Pauls-Tag der heiligen zwölf Boten, nach Christi Geburt, als man zählt Tausend Vierhundert und in dem Dreißigsten Jahr.'                  
Ravensburg Israelit 05081909a.jpg (108823 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit vom 2. August 1909: "Am St. Ulrichs-Abend des Jahres 1430 wurden die Juden von Ravensburg lebendig verbrannt. Ihre Verlassenschaft wurde vom Bürgermeister und Rat der Stadt dem Königlichen Fiskus überantwortet. Das betreffende Dokument befindet sich im Königlichen Staatsarchiv zu Stuttgart:
'Wir Erkinger von Saunsheim, Herr zu Schwarzenberg, und Jacob, Truchseß zu Waldburg, des Reichs Landwacht in Schwaben, bekennen uns offenbar mit diesem Brief: Als da die Ehrsamen, weisen, ein Bürgermeister und ein rat der Stadt zu Ravensburg, zu etlichen Juden und Jüdinnen gerichtet hand mit Recht, um von des verlassenen Guts wegen, so dieselben Juden und Jüdinnen nach Tod verlassen hand, dass selb Gut und Hab unserm allergnädigsten Herrn, Herrn Sigmund, Römischen König, zu allen Zeiten Mehrer des Reichs, und zu Ungarn, zu Böheim, König, zugehört; da nun Seine königliche Gnade uns empfohlen, und darin Macht gegeben hat, solch verlassen Gut und Fälle an Seiner königlichen Gnaden Statt einzunehmen und einzubringen; bekennen wir mit diesem Brief, dass die ehegenannten, ein Bürgermeister und ein Rat zu Ravensburg, uns dasselbe verlassene Gut   
Ravensburg Israelit 05081909b.jpg (416994 Byte)und Hab, es sei liegendes oder fahrendes, und insonders Josen Christans, der sich hat taufen lassen, Gut und Hab, was das alles in ihrer Stadt auf die Zeit gewesen ist, zu unsern Händen und in unsern Gewalt, geben und geantwortet hand; als das Gut alles an einer Summe in dem Brief, so uns die genannten von Ravensburg von solcher Hab wegen geben hand, merklichen begriffen, Um das, so versprechen wir ihnen, ob das wäre, dass der allerdurchlauchtigst Fürst und Herr, Herr Sigmund, römischer König, unser gnädigster Herr, oder jemand Anders von Seinetwegen, die ehegenannten von Ravensburg oder ihre Nachkommen, von der obgeschriebenen Hab und Guts wegen, immer bekümmern oder anrechnen würde; dass wir denn sie darin vertreten, versprechen und verstehen sollen und wollen, ohne allen ihren Schaden, nach aller ihrer Notdurft. Wäre auch, als da etliche ihrer Juden, so von ihnen gewichen sind, Schuldbrief mit sich hinweggeführt hätten, an denselben Briefen etlichen erbern Leute Geld und Schuld den obbeschriebenen von Ravensburg bezahlt hand und vielleicht noch bezahlen werden, das uns zu unsern Händen geben und verrechnet wäre oder würde, wo dann das die Juden dieselbe ehrbare Leute, von denen sie den Brief hand, bekümmern und vertrieben würden, und dass die Obengenannten von Ravensburg oder ihre Nachkommen darum bekümmert würden, darum sollen wir sie denn auch verantworten, vertreten, versprechen und verstehen, nach allem unserm besten Vermögen, ohne allen ihren Schaden, nach aller ihrer Notdurft, ohne alle Gefährde. - Und das alles zu wahrem Urkund, so haben Wir Erkinger von Saunsheim, und Jacob Truchsess von Waldburg und Innsiegel lassen hängen an diesen Brief, der geben ist, am Donnerstag nach St. Ulrichs-Tag des heiligen Bischofs, nach Christi Geburt, als man zählt, Tausend Vierhundert und in dem dreißigsten Jahr.'  
Und noch eine 3. Urkunde, die auf die Judenverbrennung von Ravensburg sich bezieht, wird im Königlichen Staatsarchiv aufbewahrt. Es ist dies ein Notariats-Instrument vom 3. November 1475 (sc.  Bischof Johann V. war von 1465-1486 Bischof in Trient), in welchem bezeugt ist, dass Bischof Johann von Trient durch einen abgesandten Boten sich Gewissheit über das vorliegende Faktum verschaffte: 
'Im Namen des Herrn, Amen! ...
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Ravensburg Israelit 19081909.jpg (427255 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. August 1909: "Und wann ich, Franz Sproll, Konstanzer Bistums, ein offenbarer Notar und Schreiber bei der obengenannten Eröffnung und obgemeldten Sachen eins, mit den vorgeschriebenen Notarien in Beiwesen der Gezeugen obgenannt persönlich gewesen; dass die Ding ungefährlich gehandelt, beschehen, gesehen und gehört hab; Hierum hab ich diess mit meiner eigenen Hand mit samt den abgemeldeten Notarien unterschriebenen, und mit meinem gewöhnlichen Namen bezeichnet und gefestnet. Zu Urkund der Wahrheit aller vorgeschriebenen Ding, dazu ernstlich erfordert und gebeten. 
(Notar-Zeichen) (unterz. Franz Sproll).
   
Sofort nach Ausrottung der Juden von Ravensburg im Jahre 1439 wurde vom Bürgermeister und Rat der Stadt beschlossen, dass fürderhin für ewige Zeiten keinem Juden und keiner Jüdin gestattet sein solle, in Ravensburg sich niederzulassen. 
Die Erbitterung gegen die Juden und die Abneigung gegen allen Verkehr mit ihnen wirkte noch lange nach. Noch 129 Jahre später, im Jahre 1559, zeigte sich in einem Schutzbrief, den Kaiser Ferdinand I. der Stadt Ravensburg verlieh, der Hass gegen die Juden in seiner ganzen Stärke. Diese Urkunde sagt zu diesem Betreff folgendes: 
'Dess haben Wir angesehen ihr hochbeschwerlich Obliegen und demütig Bitt, auch die angenehme, getreue und willige Dienst, so sie (die Bürger von Ravensburg) Weilard unsern Vorfahren am Reich und Uns, ganz gehorsamlich und willfährig erzeigt, auch hierfüro wohl tun mögen und sollen; und darum den vorgenannten Bürgermeistern und Rat der Stadt Ravensburg diese besondere Gnad getan und die Freiheit gegeben: Nämlich dass nun hinfüro kein Jud oder Jüdin gedachten ihren Bürger, Einwohnern etc. weder auf einige liegende oder unbewegliche Hab und Güter, es sei Leben oder eigen, auch kein derselben Brief oder andere Verschreibungen desgleichen einig fahrende und bewegliche Pfand und Güter, wie die Namen haben, ohne ihr Bürgermeister und Rat der Stadt Ravensburg und ihre Nachkommen Vorwissen, Erlaubnis und Bewilligen, weder mit noch ohne Wucher; weder wenig noch viel sondern auch sonst nichts überall, mit oder ohne Pfand mit Leihen oder fürstrecken, auch mit ihnen nichts tauschen, handeln, wechseln, noch einigen Kontrakt, wie der Name haben möge, er werde benennt oder unbenennt, weder mündlich noch schriftlich; heimlich noch öffentlich, um was Sachen das auch wäre oder sein möchte, fürnehmen, unangesehen, ob solche Obligationen, Kontrakt und Schulden mit Hand gegebenen Glauben und Treuen, auch geschwornen Eid bestätigt, darinnen denn auch gar kein verborgener List und Betrug gebracht, solches alles nichtig, kraftlos tod und ab, und das Hauptgut mitsamt darauf folgender Schuld, alles verwürkt und verwürkt und verfallen sein und Bürgermeister und Rat der Stadt Ravensburg zustehen und ohne Verhinderung bleiben soll. etc.'  
Dem großen Blutbad von Ravensburg im Jahre 1430 entrannen nur wenige Juden. Im städtischen Archiv zu Ravensburg befindet sich eine Urkunde, besiegelt von Jakob, Truchsess von Waldburg, Landvogt in Schwaben; Jörg Kröl, Unterlandvogt; Martin Gögel, Stadtamman zu Lindau; Ulrich Ehinger, Stadtamman zu Konsstanz; Klaus Umgelter, Bürger zu Ulm; Jos Stüdlin, Stadtamman zu Memmingen. Nach dieser Urkunde konnte damals sich retten Aaron, Jud und Blümli, sein Weib (die Freigebung des Weibes und ihrer beiderseitigen Habe wurde durch ein unmittelbares Dekret des Königs Friedrich III. bewirkt); Mosse, Jud und Rächli, sein Weib, Jakob, jud, ihr beider Sohn, alle Bürger zu Ravensburg und Ysach, Jud von Konstanz. Sie waren in das Gefängnis zu Ravensburg wegen Knabenmordes gekommen und hatten nun ihre Freiheit erlangt, mussten aber vor ihrem Abzug Urfehde schwören. Sie versprachen, 'gegen die Herren von Ravensburg ein ganz frundtschaft und stätte (stete, fortwährende) urfehen getrewlich zu halten'.  Als Bürgen sind unterzeichnet ein Jude von Lindau, je zwei von Ravensburg, Konstanz, Ulm und Memmingen.    
In den Jahren 1726 und 1732 wurde zu Ravensburg und Memmingen Städtetag abgehalten, auf denen Maßregeln gegen die Ausfuhr von Pferden und Vieh, Früchten, Flachs und Garn und auch wegen der 'Münzen-Kipperei der Juden' getroffen wurden. 
In der Instruktion der Polizeiwache vom Jahre 1804, Art. 18, heißt es: Da die Juden hier kein Gewerbe oder Handelschaft treiben dürfen, so sind überhaupt keine anderen, als mit der Post oder Kutsche herein- oder durchfahrend in die Stadt einzulassen, die übrigen aber, wenn sie nicht einen Erlaubnisschein zum längeren oder kürzeren Aufenthalt vom Polizeiamt erhalten haben, sind von der Polizeiwacht aus der Stadt zu schaffen. 
So lebten in der späteren Zeit noch die Erinnerungen an die im 14. und 15. Jahrhundert in Ravensburg eingesessenen Juden unter der Bürgerschaft weiter fort, und bis in die neueste Zeit hinein ragt das Überbleibsel ihrer einstigen Wohnstätten, das ehemalige Judenviertel von Ravensburg, trägt heute noch den Namen 'Judengasse'. 
Der Schwur, dass in ewigen Zeiten in Ravensburg keine Juden mehr wohnen sollen, ist nun auch gebrochen, indem seit Ausgang des 19. Jahrhundert dort eine ansehnliche Kolonie sich gebildet hat, die dem Rabbinat Buchau zugeteilt." 

   
  
Aus der Geschichte des 19./20. Jahrhunderts  
In Ravensburg wird erstmals seit dem Mittelalter wieder ein jüdischer Gottesdienst abgehalten und Religionsunterricht erteilt (1889)    

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. März 1889: "Aus Oberschwaben, 28. Februar (1889). Zu den ehemaligen Reichsstädten Oberschwabens, die im Mittelalter jüdische Gemeinden beherbergten, gehört auch die gewerbsame Stadt Ravensburg. Zwei Urkunden aus dem Jahre 1430 verzeichnen, dass in diesem Jahre die Juden von Ravensburg und Lindau wegen 'Christenknabenmords mit Feuer hingerichtet wurden, stattgehabt anno Domini 1430.' Seit mehreren Jahrzehnten haben sich auch in dieser Stadt wieder einzelne jüdische Familien niedergelassen, die der israelitischen Gemeinde Buchau zugeteilt sind. Nicht nur im Interesse von deren Kindern und auswärtigen Schülern der beiden höheren Lehranstalten daselbst, sondern auch betreffs des öfters ausgesprochenen Anstoßes bei den christlichen Lehrern, warum die jüdischen Kinder ohne Religionsunterricht wie 'Heiden' aufwachsen, war der Mangel jeder religiösen Unterweisung sehr zu bedauern, und es wurde daher die durch die Bemühung des Herrn Rabbiner Laupheimer von Buchau erfolgte Entschließung der Israelitischen Oberkirchenbehörde freudig begrüßt, dass von diesem Geistlichen in Ravensburg jährlich 30 mal ein 3-stündiger Religionsunterricht erteilt werde Die wenigen Familienväter daselbst bringen für den Zweck namhafte Opfer; der Stiftungsrat hat zu diesem Zweck ein Lehrzimmer in der Realschule zur Verfügung gestellt. Auch wurde bereits einmal durch Herrn Rabbiner Laupheimer ein Gottesdienst abgehalten, der erste israelitische Gottesdienst seit 4 Jahrhunderten. Wir wünschen der kleinen Gemeinde, die erst 6 Familien zählt, Gedeihen und Förderung des religiösen Sinns, den sie bis jetzt so schön betätigt hat. B. St."          

   
   
Dokumente zu jüdischen Gewerbebetrieben 
(aus der Sammlung von Peter Karl Müller, Kirchheim/Ries)  

Postkarte an die 
Weißwarenfabrik Theilheimer (1881) 
Ravensburg Dok 0201.jpg (151542 Byte) Ravensburg Dok 0201a.jpg (197005 Byte)
Es handelt sich um eine am 25. Mai 1881 in Eberhardzell geschriebene und von Bad Waldsee versandte Postkarte an Herrn Theilheimer, Inhaber einer Weißwarenfabrik in Ravensburg. Der Inhalt ist geschäftlich. 
Beim Besitzer der Weißwarenfabrik handelt es sich um Josef Theilheimer (geb. 3. Mai 1831 in Dittenheim als Sohn von Gabriel Theilheimer und der Bella geb. Theilheimer; gest. 9. Mai 1894). Dieser war seit 6. Juli 1865 in Buchau verheiratet mit Rosalie geb. Dorville (geb. 25. März 1844 in München als Tochter von Salomon Dorville und der Bertha geb. Engel; gest. 10. Juli 1925 in St. Gallen). Das Ehepaar hatte sechs Kinder, die alle in Ravensburg geboren sind: Bella Sara (geb. 26. Juni 1867), Gustav (geb. 18. August 1868), Hedwig (geb. 8. Juni 1870), Sofie (geb. 26. Mai 1872), Felix (geb. 1. Juli 1875, gest. 18. November 1878 in Ravensburg), Elsa (geb. 4. Juni 1881, seit 1907 verheiratet in St. Gallen). 
Der genannte Sohn Gustav Theilheimer heiratete am 1. März 1909 in Genf Martha Jakobine geb. Löb (geb. 18. Dezember 1886 in Freiburg i.Br. als Tochter von Eduard Löb und der Maria geb. Wolf); die beiden hatten zwei in St. Gallen geborene Kinder: Nelly (geb. 7. April 1910) und Heinz Werner (geb. 12. Januar 1914).
Die Tochter Nelly (Enkelin zu Josef und Rosalie Theilheimer) war später in Zürich als Künstlerin im Bereich der Bronzeplastik tätig (Schülerin von Alfons Magg und Germaine Richier; Bildnisbüsten und torsohafte Figuren). Sie war verheiratet mit Werner Bär, Sohn des Gründers der Zürcher Bank Julius Bär. Sie starb am 19. August 1975 in Castiglone della Pescaia. Quelle: Artikel im Lexikon zur Kunst in der Schweiz; Presseartikel zu Werner und Nelly Bär.   
Nach den Angaben des Familienregisters Ravensburg ist die Familie Josef Theilheimer am 12. Juni 1881 nach Neu-Ulm verzogen, später lebten mehrere Familienmitglieder in St. Gallen.      
   
Werbevignette des
Konfektionshauses Wallersteiner 
  
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Die Werbevignette des Konfektionshaus Wallersteiner erinnert an die "Damen- und Herrenkonfektion Fa. Hermann Wallersteiner" in Ravensburg. Das Geschäft befand sich am Marienplatz in Ravensburg, dem späteren Standort des Kaufhaus Wohlwert, Inh. Gustav Adler.  

     
Ansichtskarte des Warenhauses 
Geschwister Knopf in Ravensburg (1910/20) 
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Die Karte rechts mit der Abbildung des Warenhauses der Geschwister Knopf ist Teil eines Leporellos mit Ortslegende und sechs Ansichtskarten von Ravensburg, herausgegeben vom Verlag Geschwister Knopf. Das Leporello erschien vermutlich zwischen 1910 und 1920. 
Bereits 1893 gab es das Warenhaus Knopf in Ravensburg, damals wohl noch in angemieteten Räumen. 1907 errichtete Max Knopf ein neues architektonisch ansprechend und mit Jugendstilelementen verziertes Kaufhaus in bester Lage Ravensburgs. 
Das Foto rechts zeigt das ehemalige Kaufhaus Knopf im Juli 2011 am Marienplatz 55 (Quelle: Wikimedia Commons).   
Quellen: http://de.wikipedia.org/wiki/Warenhäuser_Knopf 
http://www.badische-zeitung.de/suedwest-1/einkaufen-bei-s-knopfe--40003824.html 
Literatur: Andrea Hoffmann: Schnittmengen und Scheidelinien. Juden und Christen in Oberschwaben. Tübingen 2011.    

   
   
 
 
Zur Geschichte der Synagoge    
     
Eine Synagoge war nur im Mittelalter vorhanden. Sie wird erstmals im Ravensburger Stadtrecht von 1345 im Zusammenhang mit dem in ihr zu leistenden "Judeneid" als "Judenschule" (scola) genannt.   

Ravensburg Dok 080.jpg (98294 Byte)Der Name dieser "Judenschule" blieb noch jahrhundertelang mit diesem Gebäude verbunden, wie ein Kaufvertrag von 1760 zeigt, in dem es heißt: "Andreas Brugger, Reichs-Gottes-Haus Salmannsweyler Ammann zu Adelsreuthe, gibt zu kauffen dem Herrn Vigilio Knollenberger, Burger und cathol. Organisten allhier, sein eigenthumliches ihme von der Dallmannschen Gant-Massa loco solutionis zugefallenes Wohnhaus, die Juden Schul genanndt, in allhiesiger Stadt, an der Juden-Gassen gelegen, so ein Eckhaus..." 
(Quelle: Stadtarchiv Ravensburg)   

Im November 1983 wurde am Gebäude Grüner-Turm-Straße 5 eine Gedenk- und Hinweistafel angebracht. Aus diesem Anlass war der badische Landesrabbiner Dr. Nathan Peter Levinson zu einem Besuch in der Stadt. Eine Rückbenennung der "Grüner-Turm-Straße" in "Judengasse" war bereits 1978 im Gespräch. Damals sprachen sich im Rahmen einer Befragung zwei Drittel der Ravensburger Bürger dafür aus. Fünf waren später waren zwei Drittel dagegen. Als Kompromiss wurde die Anbringung der Gedenktafel vorgeschlagen.     

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Presseartikel in der 
"Schwäbischen Zeitung" 
vom 23. November 1983 
  
Presseartikel in der "Schwäbischen Zeitung" 
vom 26.11.1983 zum Vortrag des damaligen
 badischen Landesrabbiners 
Dr. Nathan Peter Levinson
Presseartikel in der 
"Stuttgarter Zeitung" 
vom 7. Dezember 1983 

     
     
     
Adresse/Standort der Synagoge    Grüner-Turm-Straße 5    
    
    
Fotos
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 14.6.2010)    

Erinnerungen an die mittelalterliche jüdische Geschichte
Das mittelalterliche 
jüdische Wohngebiet in der "Grüner-Turm-Straße" 
(bis 1934: Judenstraße bzw. Judengasse)
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   Hinweis am Straßenschild auf die frühere Bezeichnung sowie Hinweistafel: "Grüner-Turm-Straße (früher Judengasse). Die Grüner-Turm-Straße hieß seit dem Mittelalter 'Judengasse' (später 'Judenstraße', weil sich hier bis zur Vertreibung der Juden im Jahr 1429 das jüdische Ghetto befand. Der Straßenname bestand bis 1934. Dann wurde die Straße nach einem Hitlerjungen in die 'Herbert-Norkus-Straße' umbenannt und zwar vor allem deshalb, weil in der benachbarten 'Bauhütte' die Hitler-Jugend untergebracht war, die durch die Judenstraße an- und abmarschierte. Im Mai 1945 erhielt die Straße ihren heutigen Namen." 
     
Die Grüner-Turm-Straße 
im Juni 2010  
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    Die Fotos sind in entgegengesetzter Richtung aufgenommen. Auf beiden Fotos ist in der Bildmitte (auf linken Foto links der Mitte, auf rechtem Foto rechts der Mitte) das Gebäude zu sehen, das an Stelle der mittelalterlichen Synagoge erbaut wurde.
         
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Links: das an Stelle der mittelalterlichen Synagoge stehende Gebäude mit Hinweistafel (siehe Foto rechts): "Jüdische Synagoge. Mit der Vertreibung der jüdischen Bewohner im Jahr 1429 wurde auch die an diesem Ort überlieferte Synagoge zerstört. Der überaus tiefe Keller könnte auf eine Mikwe (jüdisches Reinigungsbad) hindeuten."  Hinweistafel (Foto Mitte) mit Text: "An dieser Stelle befand sich im Mittelalter eine Synagoge (erwähnt 1345) als Mittelpunkt der kleinen jüdischen Gemeinde, die von 1330 bis 1429 in Ravensburg nachweisbar ist. Die Juden lebten gettoartig in der heutigen Grüner-Turm-Straße, die bis 1934 Judengasse hieß. 1429 werden die jüdischen Mitbürger aus der Stadt vertrieben. Erst im 19. Jahrhundert konnten sich in Ravensburg wieder Juden niederlassen. Doch blieb ihre Zahl so klein, dass es nicht zur Wiedererrichtung einer Synagoge kam. Sie wurden in der Zeit des Nationalsozialismus 1933 bis 1945 erneut verfolgt und vertrieben." 
     
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Am Ende der ehemaligen "Judengasse" der "Grüne Turm"  Hinweistafel 
     
     
Einige ehemalige jüdische Geschäfte im 20. Jahrhunderts (bis zur NS-Zeit)    
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Marienplatz 31: 
ehemals Kaufhaus Landauer   
Marienplatz 55: Ehemals Warenhaus 
der Geschwister Knopf (Filiale zu Freiburg)
Kirchstraße 1, ehemals Schuhhaus Merkur,
 Inhaber Hans und Siegfried Sondermann   
       
Ravensburg Schulstr 2.jpg (82357 Byte) Rechts: Jüdischer Friedhof in 
Bad Buchau
mit Gräbern 
Verstorbener aus Ravensburg
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 Links: Schulstraße 2-4, bis um 1910
 Textilgroßhandlung Joseph M. Cohn 
und (Schwiegersohn) Leopold Rosenthal.
Grabstein für den links genannten 
Joseph M. Cohn aus Ravensburg 
(1832-1900)
         
     
"Stolpersteine" 
zur Erinnerung
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  "Stolperstein" für Elsa Finsterhölzl geb. Landauer (geb. 1880, umgekommen nach Deportation 1942; Foto rechts)  
     

  
  
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  

Juli 2006: In Ravensburg sollen "Stolpersteine" verlegt werden  
Artikel vom 6. Juli 2005 (Artikel): "Steine sagen: "Der Terror begann hier"
(RAVENSBURG/vin) Sie wurden enteignet, verschleppt und ermordet: Ravensburger Juden im Dritten Reich. Einige überlebten den Rassenwahn, indem sie auswanderten. An das dunkle Kapitel der Stadtgeschichte erinnern bald 33 Stolpersteine, die vor den ehemaligen Wohn- und Geschäftshäusern der Juden verlegt werden.
Der Ravensburger Gemeinderat sprach sich einstimmig für das Projekt aus, das von der Jahrgangsstufe 13 des Welfen-Gymnasiums angestoßen worden ist. Gemeinsam mit ihrem Lehrer, Stadtrat Wilfried Krauss (Bürger für Ravensburg), haben zwölf Schülerinnen und Schüler Akten im Stadtarchiv gelesen, die Schicksale der acht jüdischen Familien Adler, Erlanger, Harburger, Heimann, Herrmann, Landauer, Rose und Sondermann studiert und dann die Texte für die "Stolpersteine" verfasst. 
Damit ist Ravensburg eine von 127 deutschen Städten, die sich an der Aktion des Kölner Künstlers Gunter Demnig beteiligen. Die zwölf mal zwölf Zentimeter großen Messingsteine tragen den Namen und das Schicksal des Opfers in Kurzform. Beispiel: "Hier wohnte Jakob Harburger, *1897, 1938 deportiert ins KZ Dachau, 1942 ermordet im KZ Auschwitz." Sie werden so im Boden verlegt, dass sie gut sichtbar sind und die Betrachter geistig (nicht körperlich) darüber stolpern. Eine bessere Rechtsschutzversicherung bräuchten die heutigen Besitzer der Häuser nicht abzuschließen, betonte Stadtarchivar Dr. Andreas Schmauder in der Sitzung des Gemeinderates.
Das Echo ist geteilt. Das Echo auf die Aktion sei bei den heutigen Hausbesitzern geteilt. Ein Drittel sei begeistert und wolle selbst die 95 Euro teure Patenschaft für die Herstellung des Steins übernehmen, ein weiteres Drittel sei zumindest nicht dagegen, und ein drittes Drittel habe sich noch etwas Bedenkzeit ausgebeten, um sich mit dem Gedanken anzufreunden. Die Gedenktafel in der Grüner-Turm-Straße erinnere übrigens nicht an die Nazi-Opfer, sondern an ein Pogrom in den 1430er-Jahren, sagte Schmauder. Nach einem Ritualmord an einem christlichen Jungen seien damals alle Ravensburger Juden vertrieben oder ermordet worden, ihre Synagoge in der Grüner-Turm-Straße, der damaligen "Judengasse", zerstört. Es sollte fast vier Jahrhunderte dauern, bis sich 1802 wieder jüdische Kaufleute in der Stadt ansiedelten. 
Als Hitler die Macht übernahm, lebten acht jüdische Familien in der Türmestadt. 28 Männer, Frauen und Kinder. Die Familie Sondermann etwa führte ein Schuhhaus an der Kirchstraße (heute [bis 2008] Schuhhaus Keckeisen), die Familie Landauer ein Kaufhaus am Marienplatz (heute Zentralapotheke), die Familie Erlanger den Burachhof, ein landwirtschaftliches Mustergut. Nach 1933 wurden sie diskriminiert, verfolgt, ihres Eigentums beraubt. Wer nicht rechtzeitig emigrierte oder untertauchte, wurde ins KZ deportiert, fünf wurden umgebracht. 
Alle Fraktionen im Gemeinderat sprachen sich für das Projekt aus. Dessen Initiator, Wilfried Krauss, sagte mit wenigen Worten sehr viel. "Es gibt hierzulande eine offizielle Gedenkkultur, eine organisierte «Trauerarbeit", die einerseits «entlastet" und andererseits echte Erinnerung oft nachhaltig verhindert. So verschwinden Menschen hinter Analysen, Theorien, Statistiken, erscheinen nur noch als anonyme Objekte der Verfolgung, als passive Opfer. Mit den Stolpersteinen in Ravensburg holen wir die vertriebenen und ermordeten jüdischen Mitbürger aus der Anonymität zurück, sie werden wieder Individuen, ihre schon fast vergessenen Namen kehren in das kollektive Gedächtnis der Stadt und ihrer Bewohner zurück. Der Terror, sagen die Stolpersteine, begann hier, in dieser Straße, in diesem Haus."
Pinchas Erlanger, der mit seiner Familie 1939 zwangsweise ausgewandert ist und heute in Israel lebt, will zur Verlegung des ersten Stolpersteines am 13. September nach Ravensburg kommen." 
 
September 2006: Die ersten 13 "Stolpersteine" wurden verlegt    
Kurzbericht mit Fotos zu der Verlegung von vier Stolpersteinen im Bereich des Bildungszentrums St. Konrad am Sonnenbüchel 45 (ehemals Burachhof der Familie Erlanger) siehe unter Link     
 
Hinweis auf der Website der Stadt Ravensburg (Link): "Stolpersteine
Das Projekt 'Stolpersteine' des Künstlers Gunter Demnig erinnert an die jüdischen Opfer der NS-Zeit: an deren letzte, selbst gewählte Wohnorte. Die Gedenkzeichen erinnern in ihrer Größe und Form an Kopfsteinpflaster; sie regen dazu an, sich niederzubeugen und zu lesen, was auf ihnen eingraviert ist.

Anfang der 1930er Jahre lebten in Ravensburg einige jüdische Familien. Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung wurden diese diskriminiert und zur Auswanderung gezwungen. Wer nicht floh, wurde in den Konzentrationslagern ermordet. Im September 2006 verlegte der Künstler Gunter Demnig die ersten 13 Stolpersteine in Ravensburg: für die Familien Erlanger am Sonnenbüchel 45, Harburger in der Kirchstraße 11, Landauer am Marienplatz 31 und Rose am Gespinstmarkt 27 sowie für Elsa Finsterhölzl am Marienplatz 17. Das Projekt wurde angestoßen durch Schüler des Welfengymnasiums.
Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst hier wohnten. Stolpersteine liegen bereits in über 300 Orten Deutschlands, ebenso in Österreich, Ungarn und in den Niederlanden."  

     

     
Links und Literatur

Links:

Website der Stadt Ravensburg   

Literatur:  

Germania Judaica II,2 S. 676-678; III,2 S. S. 1173-1177.   
Alfons Dreher: Geschichte der Reichsstadt Ravensburg. 1972. Bd. 1 und 2 passim.
Moritz Stern: Beiträge zur Geschichte der Juden am Bodensee und in seiner Umgebung. In: Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland. AF 1 / 1887.
Peter Eitel: Die spätmittelalterlichen "Kopfziegel" vom Grünen Turm in Ravensburg und ihre Bedeutung. In: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung. 95 1977 S. 135-139.  
Manfred Hauser: Antisemitismus und Schicksal der Juden in Ravensburg. In: Peter Eitel (Hrsg.): Ravensburg im Dritten Reich - Beiträge zur Geschichte der Stadt. Ravensburg 1997 S. 304-332. 
Hermann Hörtling: Was ist aus ihnen geworden? Auf der Suche nach den Ravensburger Juden. In: ebd. S. 333-341. 

    
     


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Ravensburg  Wuerttemberg. The Jews of the 14th century community were burned alive in the Black Death persecutions of 1348-49. 
The community was reestablished in 1835, numbering 40 in 1900 and under the aegis of the neighboring Bad Buchau rabbinate. Twenty-seven Jews remained in 1933, 20 subsequently emigrating and six dying in the camps.   
    
     

                   
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Stand: 09. April 2014