Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Fränkisch-Crumbach (Odenwaldkreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Aus dem jüdischen Gemeindeleben   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)

In Fränkisch-Crumbach bestand eine jüdische Gemeinde bis um 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück. 1728 lebten 14 jüdische Personen am Ort (6 Männer, 5 Frauen, 3 Kinder), 1761 waren es 6 jüdische Familien (mit den Familienvätern Jud Isaac Low, Isaac Zadoch, Moses Zadoch, Isaac Mordechai, Moses Simon, Löw Mordochai). Erst nach 1808 wurden jüdische Familiennahmen angenommen. Häufige Familiennamen waren danach Karlsberg, Neu, Oppenheimer und Nathan.
  
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1830 59 jüdische Einwohner, 1861 91 (5,7 % von insgesamt 1.605), 1871 105 (5,6 % von 1.751), 1880 108, 1895 81 (4,9 % von 1.634), 1910 86 (4,9 % von 1.762, in 18 Familien mit 22 Schulkindern). Die jüdischen Familien lebten überwiegend vom Handel mit Vieh und Manufakturwaren. Im 19. Jahrhundert wurden einige Handlungen und Gewerbebetriebe am Ort eröffnet. 
  
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), daneben ein Schulhaus mit Räumen für die Lehrerwohnung und eine Religionsschule sowie in einem Badhaus ein rituelles Bad. Die Toten der Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof in Reichelsheim beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (vgl. Ausschreibungen unten). Die jüdische Gemeinde gehörte zum (liberalen) Bezirksrabbinat Darmstadt I.
 
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Leo Karlsberg (geb. 13.10.1896 in Fränkisch Crumbach, gef. 5.5.1918) und Leopold Karlsberg (geb. 16.8.1893 in Fränkisch Crumbach, gef. 13.4.1917), gleichfalls der aus Fränkisch-Crumbach stammende und inzwischen in Frankfurt wohnhafte Simon Oppenheimer. 
    
Seit der Zeit um 1900 hatte große Bedeutung für den Ort die Zigarrenfabrik von Moritz Oppenheimer, die in den 1920er bis 1930-Jahren etwa 300 Beschäftigte hatte. Moritz Oppenheimer war von 1913 bis 1929 Mitglied des bürgerlichen Gemeinderates, Mitbegründer des SPD-Ortsvereins Fränkisch-Crumbach und mit weiteren kommunalen Aufgaben befasst. 1930-31 war er stellvertretendes Mitglied im Oberrat (Landesverband der Israelitischen Religionsgemeinden in Hessen). An weiteren Gewerbebetrieben sind zu nennen: die Viehhandlung der Familie Neu, die Leder- und Schusterartikelhandlung der Familie Oppenheimer sowie mehrere kleine Textilläden. 
     
Um 1924, als 57 jüdische Gemeindeglieder gezählt wurden (3,3 % von insgesamt 1.746 Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Moritz Oppenheimer und Moritz Karlsberg II. Die jüdischen Kinder (1924 nur zwei) wurden durch Lehrer H. Sulzbacher aus Groß Bieberau unterrichtet. 1932 waren die Gemeindevorsteher Simon Karlsberg (1. Vors.), Moritz Karlsberg II (2. Vors.) und Hugo Oppenheimer (3. Vors.).
   
1933 lebten noch 52 jüdische Personen in 12 Familien am Ort (2,9 % von 1.772 Einwohnern). In den folgenden Jahren ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Ent
rechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. 1937-38 waren noch neun jüdische Familien am Ort, danach ging die Zahl durch Auswanderung und Wegzug in andere Städte (insbesondere Frankfurt am Main) schnell zurück. In die USA konnten 10 Personen emigrieren, nach Venezuela 2, Paraguay 4, Uruguay 3, weitere 11 nach dem übrigen Südamerika. 12 Personen verzogen innerhalb von Deutschland. Beim Novemberpogrom 1938 wurden jüdische Wohnungen überfallen, Inneneinrichtungen völlig demoliert, jüdische Bewohner teilweise schwer misshandelt, darunter ein 66jähriger, körperlich behinderter Mann die Treppen seines Hauses hinuntergestoßen. 1939 wurden nur noch 8 jüdische Einwohner gezählt. Es handelte sich vor allem um die Familie von Julius Neu im Gebäude Römersberg 15 (mit Ehefrau Frieda und der Tochter Martha sowie dem Bruder von Julius: Moses Neu). Im Januar 1940 lebten keine jüdischen Personen mehr in Fränkisch-Crumbach.   
         
Von den in Fränkisch-Crumbach geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):  David Freitag (1875), Erna Goldschmidt geb. Neu (1900), Sara Goldschmidt geb. Dornberg (1872), Leopold Karlsberg (1882), Max Karlsberg (1877), Moses Karlsberg (1865), Ilse Elisabeth Lang geb. Neu (1909), Frieda Mayer geb. Oppenheimer (1875), Bertha Oppenheimer (1877), Gustav Oppenheimer (1873), Hannchen Oppenheimer (1871), Ida Oppenheimer (1885), Leopold Oppenheimer (1873), Löser (Lazarus) Oppenheimer (1870), Margarete Oppenheimer geb. Kraemer (1892), Moritz Oppenheimer (1878), Johanna Sommer geb. Karlsberg (1887), [Johanna Strauss geb. Oppenheimer (1874; herausgenommen, siehe unten)], Emilie Fanny Wolf geb. Dornberg (1874), Flora Wolf geb. Oppenheimer (1886).  
   
Hinweis: nach den Recherchen des Arbeitskreises "Stolpersteine" in Guntersblum (mitgeteilt von Fred Trumpler, Guntersblum vom 4.4.2011) hielt sich
Johanna Strauss geb. Oppenheimer (geb. 1874 in Fränkisch-Crumbach) nach dem 14. Dezember 1938 - von Michelstadt kommend - besuchsweise in Guntersblum auf und konnte durch Flucht nach Johannesburg, Südafrika entkommen.    
             
      
      

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1877 / 1881 / 1885  

Fraenkisch Crumbach Israelit 11041877.jpg (43876 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. April 1877: "Lehrer-Gesuch. Die israelitische Religionsgemeinde zu Fränkisch-Crumbach, Großherzogtum Hessen, sucht einen Lehrer und Vorbeter. Jährliches Einkommen 700 Mark nebst freier Wohnung und Heizung. Nebenverdienste entsprechend. Auf Bewerber ledigen Standes wird reflektiert. Bemerkt wird, dass die Stelle vakant, daher alsbald angetreten werden kann. 
Fränkisch-Crumbach, 6. April 1877. Der Vorstand." 
 
Fraenkisch Crumbach Israelit 20071881.jpg (41744 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Juli 1881: "Die israelitische Gemeinde Fränkisch Crumbach, Kreis Dieburg, sucht zum alsbaldigen Eintritt einen Lehrer und Vorbeter ledigen Standes gegen einen Gehalt von Mark 500 nebst Mark 200 Nebeneinkommen. Freie Wohnung und Heizung. Reisespesen erhält nur derjenige, der die Stelle erhält. Der Vorstand J. Oppenheimer III."
 
Fraenkisch Crumbach Israelit 22091885.jpg (61078 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. September 1885: "Die israelitische Religionslehrerstelle zu Fränkisch Crumbach, Hessen, ist noch nicht besetzt und soll sofort besetzt werden. Bewerber wollen sich alsbald an den Vorstand wenden. Gehalt 600 Mark nebst Logis in der neu erbauten Synagoge. Bemerkt wird jedoch, dass nur derjenige Reisekosten in Anspruch nehmen kann, welcher die Stelle übertragen bekommt. 
Fränkisch-Crumbach, 15. September 1885. Der Vorstand."

   
Spendenaufruf des jüdischen Lehrers Gottlieb Lind (1878)

Fraenkisch Crumbach israelit 30011878.jpg (84297 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Januar 1878: "Einer meiner Jugendlehrer, ein sehr würdevoller Mann, der sein ganzes Leben dem Wohle der Menschheit widmet und der mich bis zum Eintritte in meinen Beruf unterrichtete, ist durch lange Krankheit und der seiner Gattin in die entsetzlichste Lage gekommen. Allen Freunden und Bekannten in der Nähe und Ferne rufe darum zu, eilet und helfet mir meinen geliebte, frommen Lehrer erhalten, und seid auch in Eurer Umgebung tätig, denn hier ist Hilfe sehr notwendig und richtig angewendet. Der Öffentlichkeit wegen will keinen Namen nennen, wer es aber wünschen sollte, dem werde es besonders brieflich tun. 
Gaben werde gern im Empfang nehmen und in diesem Blatte öffentlich darüber quittieren. 
Lind, israelitischer Prediger und Lehrer in Fränkisch-Crumbach, Prov. Starkenburg, Kreis Dieburg."  
 
Hinweis: der genannte Lehrer soll nach Angaben der Publikation "Juden in Steinbach" von Müller/Damrath (siehe Literatur bei Steinbach) Gottlieb Lied (also nicht Lind) heißen, war 1853 geboren in Crainfeld und zur Zeit seiner Heirat (am 11.12.1877) mit Mariann geb. Katz aus Steinbach  Lehrer in Fränkisch-Crumbach. Allerdings gab es in Crainfeld mehrere Familien Lind und nicht Lied, sodass die Publikation von Müller/Damrath S. 74 an dieser Stelle zu korrigieren ist.     

   
    
Aus dem jüdischen Gemeindeleben  
Drei Berichte zum Thema Antisemitismus in Fränkisch-Crumbach (1892/93) 

Fraenkisch Crumbach Israelit 04041892.JPG (121690 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. April 1892: "Fränkisch-Crumbach, 28. März (1892). Auch in unserem Orte, der vor nicht langer Zeit sich noch des konfessionellen Friedens erfreut hat, erhebt der Antisemitismus frech sein lügenhaftes Haupt. Mehrere Heißsporne dahier verschrieben sich den Böckel, und er kam auch gestern und hielt seine Hetzrede im Saale des Gasthauses 'Zur Sonne', den er für 25 Mark gemietet hatte. Er gab den unbefangenen Bauern alle alten schön längst bekannten und vielfach widerlegten antisemitische Verlogenheiten zum Besten, besprach ausführlich den Xantener Knabenmord und bezeichnete ihn als ein nie zu sühnendes jüdisches Verbrechen, stachelte nach bekannter antisemitischer Methode die niedrigsten Leidenschaften des Volkes auf, griff die Regierung wegen angeblich lauer Handhabung der Justiz den Juden gegenüber an und verstieg sich zu der kühnen Behauptung, die Lüge sei dem Juden angeboren, und sie begleite ihn im Leben. (?!) - Merkwürdig! Dr. Böckel, der dem Talmud, natürlich ohne ihn zu kennen, alles Böse zudichtet, bestätigt unwillkürlich die Wahrhaftigkeit desselben. Unsere Weise lehren nämlich im Talmud 'Wer seinen Nächsten aus Bosheit einen Makel anzuhängen sucht, hängt ihnen vorzüglich seinen eigenen Makel an.' Die Antisemitenführer scheinen die Verwerflichkeit ihrer Lügengespinste am Besten zu kennen und dichten deshalb diese schweren Laster den Juden an; übrigens spekuliert Herr Bückel gar zu viel auf die Vertrauensseligkeit der Landsleute, denen es doch auch kein Geheimnis bleibt, dass seine weltbeglückende (?!) Mission nichts weiter als Geschäfts-Reklame ist. S.W." 
   
Fraenkisch Crumbach Israelit 22121892.jpg (56073 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Dezember 1892: "Reichelsheim i.O. An einem Sonntage im September begegneten 3 junge Burschen von hier, Anhänger von Böckel, zwischen Reichelsheim und Eberbach, ein antisemitisches Lied singend, dem jungen israelitischen Handelsmann Julius Neu von Fränkisch-Crumbach, ohne jegliche Veranlassung fingen sie sofort an, denselben durch antisemitische Zurufe zu verhöhnen und dann auch tatsächlich zu misshandeln. Dafür erhielten zwei, welche schon vorbestraft waren, Gefängnisstrafen von 10 beziehungsweise 8 Wochen und der dritte, der noch unbestraft war, eine solche von 6 Wochen. Der Großherzogliche Staatsanwalt hatte 4 beziehungsweise 2 Monate beantragt. Das sind die Früchte Böckel'scher Aussaat."
    
Reichelsheim Israelit 23011893.jpg (93348 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Januar 1893: "Aus der Provinz Starkenburg. Wie bekannt, wüten die Antisemiten am meisten in Reichelsheim im Odenwalde. Doch zeigt sich auch hier eine Besserung. Bei der jüngst stattgehabten Kreistagswahl erhielt der durch seinen Antisemitismus wohlbekannte Apotheker Mayer nur 3 Stimmen. – In den jüngsten Tagen waren wieder einmal die Häuptlinge des Antisemitismus, die Herren Böckel, Hirscher und Roether hier zusammen, um über die im nächsten Jahre vorzunehmenden Wahlen zum hessischen Landtage – wobei die Antisemiten bekanntlich die seitherigen Abgeordneten vollständig beseitigen wollen, zu beraten. – Die 3 Burschen, welche unlängst wegen Misshandlung eines Israeliten von Fränkisch-Crumbach vom Schöffengericht Fürth im Odenwald zu 10, 8 und 6 Wochen Gefängnis verurteilt wurden, haben gegen dieses Urteil Revision eingelegt und kommt also die Anngelegenheit in Darmstadt zur nochmaligen Verhandlung." 

  
       
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde  
Über Familie Moritz und Margarete Oppenheimer     

Zigarrenfabrikant Moritz Oppenheimer ist 1878 als Sohn des Gründer des Zigarrenfabrik in Fränkisch-Crumbach - Isaak Oppenheimer - geboren. Es genoss - wie bereits oben berichtet - im Leben des Ortes und der jüdischen Gemeinde höchstes Ansehen: 1913 bis 1929 war er Mitglied des örtlichen Gemeinderates; er war Mitbegründer des SPD-Ortsvereines Fränkisch-Crumbach und mit weiteren kommunalen Aufgaben befasst. Verheiratet war er seit 1924 mit der aus Mannheim stammenden Margarete (Grete) geb. Krämer (geb. 1892). Das Ehepaar hatte sechs Kinder: Ernst, Werner, Hannah, Ruth (geb. 1929), Michael und Feodora. Moritz Oppenheimer musste auf Grund der Folgen der Weltwirtschaftskrise 1929 seine Zigarrenfabrik bereits zum 1. Februar 1933 schließen. Nach dem Novemberpogrom 1938 (siehe Bericht unten von Ruth David) wurde er mit seinem Sohn Ernst in das KZ Buchenwald verschleppt. Er kam gesundheitlich schwer angeschlagen zurück. Ab Januar 1939 konnte Margarete Oppenheimer die Leitung des jüdischen Waisenhauses in Mannheim (R 7,24) übernehmen. Seitdem wohnte die Familie in Mannheim. Sohn Werner war inzwischen nach Argentinien emigriert; sein Bruder Ernst konnte in die USA emigrieren. Die Töchter Hannah und Ruth konnten über einen Kindertransport im Juni 1939 nach England verbracht werden. Moritz und Margarete Oppenheimer sind mit den beiden jüngsten Kindern Michael und Feodora am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert worden. Dort wurden die beiden Kinder gerettet. Moritz und Margarete Oppenheimer wurden 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet.               

   
Reichelsheim MOppenheimer 010.jpg (50080 Byte) Reichelsheim Ruth David 010.jpg (45200 Byte) Reichelsheim Ruth David 011.jpg (33251 Byte)
Oben: Ehepaar Margarete (Grete) und Moritz Oppenheimer mit Tochter Feodora (geb. 1934) in Mannheim 1939. Grete Oppenheimer war seit Januar 1939 Leiterin des Israelitischen Waisenhauses in Mannheim. Zusammen mit ihrem Mann Moritz, der krank aus dem KZ Buchenwald zurückkam, betreute sie etwa 15 Waisenkinder. Mit zwei ihrer Kinder - Michael und Feodora - und den etwa 15 Waisenkindern wurde das Ehepaar am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert. 1942 wurde das Ehepaar nach Auschwitz deportiert und ermordet. Michael und Feodora wurden gerettet. Oben: Ruth L. David geb. Oppenheimer (jeweils 2.von rechts), die 1929 geborene Tochter von Grete und Moritz Oppenheimer berichtet an der Georg-August-Zinn-Schule im Oktober 2004 in Reichelsheim. Zusammen mit Hilde Katzenmaier - Autorin eines Buches zur jüdischen Geschichte in Fränkisch-Crumbach- , gab Ruth David mit Auszügen aus ihrem Buch, "Ein Kind unserer Zeit", teilweise erschütternde Einblicke in das Leben jüdischer Familien im Nazi-Deutschland.
Fotos: links aus Volker Keller: Bilder vom jüdischen Leben in Mannheim 1988 S. 93; die beiden Fotos oben aus der Website der Georg-August-Zinn Schule in Reichelsheim (fotos: koe; Quelle).
   
Im nachfolgenden Zeitzeugenbericht berichtet die 1929 geborene Tochter Ruth David geb. Oppenheimer über die Zeit nach 1933:  
Dem Holocaust entkommen. Lesung mit Ruth David an der Georg-August-Zinn-Schule Reichelsheim (Oktober 2004). 
Reichelsheim. Zu einer außergewöhnlichen Lesung strömten Schülerinnen und Schüler der Reichelsheimer Georg-August-Zinn-Schule in einen bereits überfüllten Klassenraum. Der Grund war Ruth L. David, geborene Oppenheimer. Sie hatte ihre Freundin Hilde Katzenmaier mitgebracht, die besonders schmerzende Passagen aus ihrem Buch vorzulesen übernahm. Die Buchautorin, 1929 in Fränkisch-Crumbach geboren, war gekommen, um von ihrer Kindheit als jüdisches Mädchen in der Nachbargemeinde zu berichten. Seit einigen Jahren besucht die in den USA lebende Autorin hessische Schulen und liest aus ihrem Buch "Ein Kind unserer Zeit". Das erste Mal tat sie dies in der Georg-August-Zinn-Schule in Reichelsheim. Über das große Interesse der Schülerinnen und Schüler freute sich nicht nur Ruth David, sondern auch der Schulleiter Richard Reinhold, der sie ganz herzlich begrüßte. So wichtig Bücher auch seien, können sie niemals authentische Berichte von Zeitzeugen ersetzen, betonte der Schulleiter. Frau David war gerade vier Jahre alt als Hitler an die Macht kam. Von nun an hörte sie zu Hause oft das Wort "Auswanderung. Aber warum auswandern? Ihr Vater, Moritz Oppenheimer, war ebenfalls hier geboren und stammte aus einer alt eingesessenen deutschen Familie. Er war zur dieser Zeit als Sozialdemokrat im örtlichen Gemeinderat. Es schien als sei die Familie völlig integriert. Auch der Großvater, der um 1870 in Fränkisch-Crumbach eine Zigarrenfabrik gegründet hatte, war hier geboren. Aber Verwandte hatten sich bereits für Südamerika entschieden, wohin auch Ruths Bruder Werner ausreisen, Boden urbar machen und die Familie nachholen sollte. Ab 1933 veränderte sich das Leben in dem kleinen Odenwald-Dorf schlagartig: Das Bild Hitlers war nun überall zu sehen, immer mehr Menschen liefen in braunen Uniformen herum, und Hakenkreuze, wohin das Auge blickte. "Sie lösen heute noch bei den Überlebenden ein Schaudern aus, so Ruth David. Von deutsche Häusern prangten Hakenkreuz-Fahnen. Juden war dies verboten, so dass man so ein jüdisches Haus gleich von weitem erkennen konnte.  
Ruth Oppenheimer wird 1935 im Alter von sechs Jahren in Fränkisch-Crumbach eingeschult. Sie begreift sehr schnell, dass sie anders ist. Während alle Klassenkameraden beim Betreten des Lehrers aufstehen und den Arm zum Hitler-Gruß in die Höhe reißen, muss Ruth als einzige Jüdin sitzen bleiben. Aber nach bereits einem halben Jahr endet für sie die Schulzeit in der Volksschule. Die Nationalsozialisten im Odenwald wollten besonders "fortschrittlich" sein und ihre Schulen schnell "judenfrei" haben. Nach dem Rausschmiss aus der Schule bemühen sich die Eltern, die Kinder irgendwo anders unterrichten zu lassen. In Höchst wird eine kleine Schule eingerichtet, die die jüdische Gemeinde finanziert. Es waren etwa 35 Kinder aus dem ganzen Odenwald, berichtet Ruth David, die zum Teil mit einem alten zum "Schulbus umgebauten Auto nach Höchst gefahren wurden. Ihr Schulweg führt von Reichelsheim nach Fränkisch-Crumbach, über Brensbach und Höllerbach nach Höchst. Ein Erlebnis blieb ihr besonders im Gedächtnis haften, als ein NSDAP-Mann ihren Schulweg blockierte und mit einer Motorkurbel sämtliche Scheiben ihres Autos einschlug. Oft wurde der 'Judenbus' mit Steinen beworfen. 
Im Alter von neun Jahren muss die kleine Ruth Oppenheimer die schlimmsten Ängste ihres Lebens durchleiden. In der Nacht vom 10. November 1938, der sogenannten 'Reichspogromnacht', in Fränkisch-Crumbach mit eintägiger Verspätung, wurde sie von einem donnernden Klopfen gegen die Haustür geweckt. Die Schläge einer Axt und das Splittern von Holz waren zu hören, unmenschliche Schreie. Sie flüchtet sich mit ihrer Schwester Hannah in panischer Angst über eine Treppe hinunter in den Innenhof des Hauses, wo sie sich in dem Auto des Vaters versteckt halten. Frierend mit nur einem dünnen Nachthemd bekleidet kauern sie auf dem Rücksitz bis der Tumult im Haus aufhört. Als sich die Schwestern ins Haus zurück trauen, finden sie die ganze Einrichtung zerstört. Hasserfüllte Nazis hatten Vater und Bruder Ernst zusammengeschlagen und dann mitgenommen. Sämtliches Mobiliar war kurz und klein geschlagen. Den geliebten und schwerbehinderten Onkel Gustav hatte die Nazibande samt Rollstuhl die Treppe hinunter gestoßen, das Gesicht der Tante war fürchterlich zugerichtet. Zu keinem Zeitpunkt in ihrem Leben, so Ruth L. David, habe sie so schreckliche Angst verspürt wie damals. Ruth war wohl noch zu klein, aber ihre ältere Schwester Hannah erinnert sich noch gut daran, dass viele Nachbarn zugeschaut haben. Danach war klar, dass sie hier nicht mehr länger bleiben konnten. Die Familie Oppenheimer versucht nun, in einer Stadt anonym unterzukommen. Die Mutter, Grete Oppenheimer, hatte noch Beziehungen nach Mannheim und konnte dort als Leiterin des jüdischen Waisenhauses arbeiten. Ihre Familie konnte ebenfalls dort wohnen. Immer noch hofften sie auf eine Ausreise in die USA, aber die Warteliste der jüdischen Antragsteller war lang. Ruths Eltern unternahmen alles, um ihre vier Kinder zu retten. England machte in dieser Zeit ein "wunderbares Angebot, so die Zeitzeugin, wonach jüdische Kinder ohne Pass , ohne Visum und ohne Geld für bestimmte Zeit einreisen konnten. Zunächst reiste Ruth, dann ihre Schwester Hanna mit dem Kindertransport nach England. Besonders still war es im Klassenzimmer als Hilde Katzenmaier das jüdisches Gebet vorlas, mit dem Ruths Eltern sie am Vorabend ihrer Abreise in eine ungewisse Zukunft segneten. Sie sollten sich nie mehr wieder sehen. Im Juni 1939 kommt die zehnjährige Ruth in England an, drei Monate später beginnt Hitler den Krieg. Von nun an ist es sehr schwierig, in Briefkontakt mit den Eltern zu bleiben. Das Ehepaar Oppenheimer wird mit ihren zwei jüngsten Kindern (sc. Michael und Feodora) in das südfranzösische Lager Gurs deportiert. Die Geschwister werden von französischen Widerstandskämpfer versteckt und gerettet. Ihre Eltern treten im August 1942 ihre letzte Reise an – nach Auschwitz, wo sie umgebracht werden. 
Manch einer der jugendlichen Zuhörer kämpfte mit den Tränen als der letzte Brief von Ruth L. Davids Mutter vorgelesen wurde, der trotz Postzensur im Lager Gurs die verzweifelte Sehnsucht nach ihren Kindern zum Ausdruck bringt. In dem Transport, der das Ehepaar Oppenheimer in das Vernichtungslager Auschwitz brachte, befanden sich insgesamt 1000 Menschen. Nur drei überlebten. Als der Krieg 1945 zu Ende war, wartete Ruth mit 23 anderen Mädchen in ihrem englischen Asyl auf Nachricht von den Eltern. Nur ein Mädchen bekam Post. Insgesamt wurden anderthalb Millionen jüdische Kinder vergast, verbrannt, erschossen oder für medizinische Experimente missbraucht, etwa 10.000 Kinder wurden wie Ruth L. David gerettet. 
Ruth David beendete ihre Lesung mit einem Kompliment an die Schülerinnen und Schüler, die außerordentlich aufmerksam ihrer Lebensgeschichte gelauscht hatten. Viele Fränkisch-Crumbacher waren unter ihnen. Sie versicherte, dass es ihr viel Freude bereitet habe, an die GAZ zu kommen und auf soviel Interesse zu stoßen. Die Schülerinnen Pelin Duran und Gülten Yildiz überreichten sowohl Ruth L. David als auch ihrer Freundin Hilde Katzenmaier einen Blumenstrauß."    
Weitere Berichte zu Veranstaltungen mit Ruth L. David:   Seite des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge   
Bericht über eine Lesung in der Buber-Schule Heppenheim     

 

      
Titelseiten des Buches von Ruth L. David (s. Lit.): die beiden deutschen Auflagen sowie rechts die englische Ausgabe  Fraenkisch Crumbach Lit 010.jpg (29426 Byte) Fraenkisch Crumbach Lit 012.jpg (30003 Byte) Fraenkisch Crumbach Lit 011.jpg (20443 Byte)
       

Tafel am ehemaligen jüdischen Waisenhaus R 7,24 in Mannheim mit Erinnerung an Familie Oppenheimer (pdf-Datei)   
    

Fraenkisch Crumbach Oppenh 010.jpg (32101 Byte)Weitere Informationen zum jüdischen Waisenhaus Mannheim und der Familie Oppenheimer auf einer Info-Seite zur Stadtgeschichte jüdisches Mannheim   
Von hier auch das Foto links:  die Kinder der Familie Oppenheimer (Foto von 1938). Die beiden ältesten Söhne, Ernst und Wernern emigrieren in die USA beziehungsweise nach Argentinien. Die beiden mittleren Töchter Hannah und Ruth kommen mit einem Kindertransport nach England. Die beiden jüngsten Kinder, Michael und Feodora wurden nach Gurs deportiert, dort aber rechtzeitig vor der weiteren Verschleppung gerettet (Foto: Stadtarchiv Mannheim - ISG, Bildsammlung KF 041516).

  

   
      
         
Zur Geschichte der Synagoge      

Im 18. Jahrhundert besuchten die jüdischen Familien in Fränkisch-Crumbach zunächst die Synagoge in Reichelsheim. Im Oktober 1744 wird berichtet, dass die jüdischen Familien bereits seit 5 Jahren am Sabbat im Ort zusammenkommen, "aber keine ordentliche 'Schule' abhalten". Man wollte auch in Fränkisch-Crumbach einen Betsaal zur Abhaltung von Gottesdiensten haben. Torarollen wurden angeschafft. Im Haus der Familie Zadoch konnte man sich zu den Gottesdiensten treffen. Zunächst gab es Widerstände von Seiten der Ortsherrschaft, doch wurde schließlich die Abhaltung der Gottesdienste erlaubt.  
    
Eine neue Synagoge wurde 1874 erbaut. Es handelte sich um einen Saalbau mit Satteldach giebelseitig (Ostgiebel) zum Verlauf der Straße mit einer rechteckigen Grundflüche von etwa 8 mal 13 Metern. Der Betsaal hatte eine zweiseitige Empore. An der Südseite war das Schulhaus angebaut mit der Schulstube im Erdgeschoss und einer kleinen Wohnung im Obergeschoss. Neben diesem wiederum lag das Badehaus mit der Mikwe auf einer Grundfläche von 2,5 mal 4 Metern und eigenem Eingang. Der Straßengiebel der Synagoge hatte einst zwei hohe Rundbogenfenster mit einem erkerartigen Vorbau an der Stelle des Tora-Schreines.    
        
Bis 1936 konnten in der Synagoge Gottesdienste abgehalten werden. Danach wurde das Gotteshaus auf Grund der zurückgegangenen Zahl der jüdischen Einwohner geschlossen. Im Frühjahr 1938 wurde das Synagogengebäude an den anliegenden Kinobesitzer verkauft und entging damit der Zerstörung beim Novemberpogrom. Die Ritualien wurden nach Darmstadt verbracht. Das Synagogengebäude wurde zur Verwendung als Kino völlig umgebaut, wobei der Synagogensaal um etwa das Doppelte verlängert wurde. Dabei wurden das Schul-/Lehrerhaus und das kleine Badehaus abgebrochen. Auch im Inneren erfolgt durch Abbruch der Empore und des Treppenhauses eine völlige Veränderung. Durch das Zumauern der Fenster ging der ursprüngliche Charakter des Gebäudes als eines bisherigen Bethauses völlig verloren.  
  
Am 10. November 1991 wurde gegenüber der ehemaligen Synagoge ein Gedenkstein gesetzt.
  

Adresse/Standort der SynagogeErbacher Straße 11

Fotos
(sw-Foto oben aus Altaras 1988 S. 168; Fotos: Hahn 18.6.2006)

Die ehemalige Synagoge Fraenkisch Crumbach Synagoge 150.jpg (71336 Byte)  Fraenkisch Crumbach Synagoge 202.jpg (58244 Byte)
Blick auf die ehemalige Synagoge 
(Ostgiebel) um 1985
Das Gebäude der ehemaligen Synagoge
 (Ostgiebel) 
     
Gedenkstein gegenüber der ehemaligen Synagoge Fraenkisch Crumbach Synagoge 200.jpg (98558 Byte) Fraenkisch Crumbach Synagoge 201.jpg (94100 Byte)
  Text des Gedenksteines: "Shalom - Friede. Das Haus gegenüber diente der 
jüdischen Gemeinde Fränkisch-Crumbach bis 1936 als Synagoge. Zum Gedenken
 der verfolgten und ermordeten Juden - Zur Mahnung für die Lebenden."
     
Ehemalige jüdische Zigarrenfabrik Oppenheimer & Söhne mit Hinweistafel Fraenkisch Crumbach Ort 111.jpg (49891 Byte) Fraenkisch Crumbach Ort 110.jpg (64115 Byte)
Inschrift der Tafel: "Ehemalige jüdische Zigarrenfabrik J. Oppenheimer & Söhne. In diesem Haus lebte und arbeitete der jüdische Mitbürger Moritz Oppenheimer von 1900 bis 1939 mit seiner Familie. Seine Zigarrenfabrik gab vielen Crumbachern Arbeit und Brot. Durch sein soziales Engagement und sein politisches Handeln machte er sich um die Gemeinde besonders verdient. Er war ein vorbildlicher Repräsentant der ehemaligen jüdischen Gemeinde in Fränkisch-Crumbach. 1942 wurden Moritz Oppenheimer und seine Frau Margarete in Auschwitz von den Nazis ermordet. Die Gemeinde Fränkisch-Crumbach".

    
     
Links und Literatur

Links:

Website der Gemeinde Fränkisch-Crumbach mit Seite zur Geschichte der Zigarrenfabrik Oppenheimer     

Literatur:  

Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 185-187.
Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 S. 168.
dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 142.
Fraenkisch Crumbach Lit 015.jpg (12603 Byte)Hilde Katzmeier: Geschichte der Juden in Fränkisch-Crumbach. 1994.   Inhaltsangabe als pdf-Datei  
Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 249-251.
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 290-291.
Ruth L. David: Ein Kind unserer Zeit. Erinnerungen eines jüdischen Mädchens an Deutschland und an das englische Exil, Dipa Verlag 1996 177 S. ISBN 10-376380396.  (links: Titelbild der 1. Auflage)  
2. Auflage
Thrun-Verlag Wiesbaden 2005. ISBN 10-3980951332.   Website des Thrun-Verlages.  
dies. (englische Ausgabe): Child of Our Time: A Young Girl's Flight from the Holocaust. 2003. ISBN 10 1-86064-789-8     
Fraenkisch Crumbach Lit 014.jpg (16791 Byte)dies.: "Im Dunkel so wenig Licht...". Briefe meiner Eltern vor ihrer Deportation nach Auschwitz. Thrun-Verlag Wiesbaden 2008. ISBN 10-3980951359.   Website des Thrun-Verlages  

    


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Fraenkisch-Crumbach  Hesse. Jews lived there from the early 18th century and numbered 105 (2 % of the total) in 1871, declining to 52 (3 %) in 1933. Between January 1933 and December 1939 all the Jews left, at least half emigrating to the United States and Latin America.   
    

    

                   
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Stand: 10. April 2011