Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge

 

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte des Rabbinates in Müllheim   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Antijüdische Vorgänge um 1848 und in den 1890er-Jahren      
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen
Links und Literatur   

         

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)

In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zur Markgrafschaft Baden gehörenden Müllheim bestand eine - zeitweise relativ große und bedeutende - jüdische Gemeinde bis 1939/40. Ihre Entstehung geht in die Zeit Anfang des 18. Jahrhundert zurück. Möglicherweise gab es bereits im 15./16. Jahrhundert Juden am Ort. 
    
Um 1716 wurden mehrere jüdische Familien aus Breisach, vermutlich auch aus Stühlingen und aus der Schweiz aufgenommen (namentlich werden 1719 Marx Günzburger und Jacob Bloch genannt). 1728 werden acht jüdische Familien genannt (zu den beiden genannten Familien: Paul Zivi, Jacob Bloch der Ältere, Jacob Bloch der Jüngere, Jakob Schwab, Israel Meyer und Salomon Geismar), 1750 13 (neue Familiennamen sind Heimann [Heyum, Heim], Levi, Bickert [= Picard]), um 1800 20 mit zusammen 120 Personen. 1720 konnte ein erstes Haus durch einen jüdischen Einwohner "im Grien" in Obermüllheim käuflich erworben werden. Bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts ließen sich die jüdischen Familien hauptsächlich "im Grien" (zwischen dem Klemmbach und dem "Bergle" rechts und links der heutigen Hauptstraße) nieder. Alte jüdische Häuser standen u.a. auf den Grundstücken Hauptstraße 96, 98, 100, 102, 104, 107, 109 (teilweise sind die Häuser noch erhalten).      
   
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1804 133, 1825 146 jüdische Einwohner (7,1 % von insgesamt 2.048 Einwohnern), 1852 372 (12,9 % von 2.893), 1861 401, höchste Zahl 1864 mit 422 Personen (14,1 % von 2.997), 1875 343 (11,1 % von 3.089), 1900 266 (8,9 % von 2.993), 1910 170 (3,8 % von 4.533). Die jüdischen Familien lebten zunächst hauptsächlich vom Vieh-, Pferde- und Weinhandel. Seit Ende des 19. Jahrhunderts eröffneten mehrere von ihnen Geschäfte am Ort (Eisenwaren, Kleider- und Kurzwaren, Lacke und Farben u.a.m.).  
  
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde insbesondere eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule, ein rituelles Bad und einen Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war - außer einem zeitweise am Ort tätigen Rabbiner - ein Lehrer angestellt, der teilweise zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. Zeitweise gab es in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts neben dem jüdischen Lehrer zusätzlich einen Vorbeter und Schochet. Als erste Vorbeter werden seit Ende des 18. Jahrhunderts genannt:  Schmaje Samuel, danach Hirschel Bickert und ab 1798 Moses Hayum (vgl. unten zur Synagogengeschichte). Die jüdische Schule bestand als Konfessionsschule seit 1828 (zuvor mindestens seit 1790 als Religionsschule). Sie wurde 1838 von 54 Kindern besucht. 1876 wurde die Schule im Zusammenhang mit der Auflösung der badischen Konfessionsschulen geschlossen beziehungsweise als Religionsschule weitergeführt. An Lehrern werden nach 1828 genannt: 1830 bis 1870 Leopold Flegenheimer aus Neidenstein, 1872 bis 1883 Adolf Heidingsfeld (s.u.), 1887 bis 1901 Samuel Müller, 1901 bis 1923 Salomon Seligmann aus Wangen (s.u.). Ein jüdisches Schulhaus wurde bereits um 1800 erbaut und 1829 durch ein größeres Gebäude ersetzt (das Haus des Maurers Bollin war 1828 gekauft und bis zum folgenden Jahr zu einem Schulhaus hergerichtet worden). Ein Badhaus mit dem rituellen Bad wurde auf einem 1729 von der Müllheimer Judenschaft erworbenen Platz südlich des Klemmbaches "in der Mühlinmatten" erbaut. 1871 hielt der Synagogenrat einen "Neubau des israelitischen Frauenbades" für nötig. Wenig später ist dieser Neubau direkt am rechten Klemmbachufer neben der Synagoge erstellt worden. Das Gebäude wurde nach 1945 zu einem Wohnhaus umgebaut (heutiges Haus Hauptstraße 94).     
   
1814 wurde Müllheim zum Sitz des Rabbiners der oberrheinischen Provinzsynagoge bestimmt, jedoch 1827 dem Bezirksrabbinat Sulzburg zugeteilt. Seit 1834 gab es in der Person von Salomon Rothschild einen "Stifts- und Ortsrabbiner" in Müllheim. Die Stelle ging auf die Stiftung eines Beth HaMidrasch (Talmudschule) durch Jehuda Israel Jakobsohn (gest. 1841, siehe Bericht unten) zurück. Nach dem Tod von Salomon Rothschild 1876 wurde die Stelle neu ausgeschrieben; es ist nicht bekannt, ob sie noch einmal besetzt werden konnte.        
  
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Joseph Heim, Maier H. Mayer, Adolf Maier, Fritz Maier, Ludwig Maier, Dietmar Heim und Heinrich Zivi. Ihre Namen stehen auf einem Gefallenendenkmal im jüdischen Friedhof, das früher seinen Platz in der Synagoge hatte.  
  
Um 1925, als zur jüdischen Gemeinde noch 110 Personen gehörten (3,0 % von insgesamt 3.724 Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Adolf Heimann, May Meier und Josef Meier. Als Lehrer (insbesondere für den Religionsunterricht in der Realschule) und Kantor war inzwischen Jakob Alperowitz tätig, als Synagogendiener Nathan Günzburger. Religionsunterricht erhielten damals noch 15 Kinder. An jüdischen Vereinen bestanden die Wohltätigkeitsvereine Chewra dowor tow (1924 unter Leitung von Moses Hirsch Heim), Chewra gemiluth chessed (bzw. Chewrah Gmiluss Chassodim; Wohltätigkeitsverein, 1924/32 unter Leitung von Josef Heim; Zweck und Arbeitsgebiet: Unterstützung Bedürftiger, Bestattungswesen), Chewra hachnossath kallah (Brautausstattungsverein, 1924/32 unter Leitung von Josef Meier-Blum; für die Brautausstattung war eine Stiftung vorhanden) und den Israelitischen Frauenverein (1932 unter Leitung der Frau von Josef Meier-Blum; Zweck und Arbeitsgebiete: Unterstützung Kranker, Bestattungswesen). Dazu gab es eine Zdokokasse (1932 von Kantor Alperowitz verwaltet). 1924 gehörten zur Gemeinde auch sechs in Badenweiler lebende jüdische Personen. 
1932 waren die Gemeindevorsteher Gustav Zivi (1. Vors.), Leopold Mayer (2. Vors.) und Julius Mayer-Levi (Badenweiler). Lehrer war weiterhin Jakob Alperowitz. Er erteilte auch in Efringen-Kirchen den jüdischen Religionsunterricht. Im Schuljahr 1931/32 besuchten den Religionsunterricht der Gemeinde noch acht Kindern. Inzwischen gehörten aus Badenweiler 11 Personen zu jüdischen Gemeinde. Auch die in Schönau, Wehr und Weil lebenden jüdischen Personen (nur einzelne Personen) gehörten zur Gemeinde in Müllheim.           
  
An ehemaligen, überwiegend bis nach 1933 bestehenden Handels- und Gewerbebetrieben im Besitz jüdischer Familien sind bekannt (nach dem Müllheimer Adressbuch 1931): Kurz-, Weiß- und Wollwaren Leo Bernheim-Günzburger (Hauptstraße 118), Fellhandlung Isak Günzburger (Hauptstraße 121), Vieh- und Pferdehandel Emil Heim (Staltengasse 3), Viehhandlung Josef Heim (Hauptstraße 53), Eisenhandlung Adolf Heimann, Inh. A. Heimann und Heinrich Mayer (Werderstraße 18; bis vor 1930), Viehhandlung Salomon Heimann (Hauptstraße 91), Antiquitäten, Trödel Berthold Levi (Hauptstraße 34), Viehhandlung Gustav Maier (Hauptstraße 37), Viehhandlung Josef Maier-Blum (Hauptstraße 104), Pferdehandel Max Maier (Mühlenstraße 1), Viehhandlung Josef Mayer (Elias Sohn, Hauptstraße 26), Leder und Felle Leopold Mayer (Hauptstraße 97), Zigarrenspezialgeschäft Emil Meier Wwe. (Hauptstraße 81), Tabakwarengroßhandel Samuel Moses (Hauptstraße 99), Farben, Lacke, Malereiartikel Laura Müller-Zivi (Hauptstraße 132), Näh- und Flickarbeiten Jeanette Schwab (Werderstraße 3, abgebrochen), Kaufhaus Weil (Hauptstraße 147), Damenschneiderin Rosa Wolff (Badstraße 6), Viehhandlung Gustav Zivi (Hauptstraße 107), Farben en gros Hugo Zivi (Parkstraße 1), Felle Josef Zivi (Hauptstraße 61); Büglerin Mathilde Zivi (Kirchgasse 4).      
      
1933 lebten noch 80 jüdische Personen in Müllheim (2,0 % von insgesamt 4.093 Einwohnern). In Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien sind die meisten von ihnen alsbald vom Ort verzogen oder konnten auswandern. Insgesamt 51 Personen konnten vor allem in die Schweiz und in die USA emigrieren. 17 Personen starben in Müllheim bis 1940. Am 1. November 1938 wurden noch 37 jüdische Einwohner gezählt. Beim Novemberpogrom 1938 wurden die Synagoge, das jüdische Gemeindehaus und zahlreiche jüdische Wohnungen überfallen und demoliert. Auch der Friedhof wurde geschändet. Die meisten der jüdischen Männer wurden in das KZ Dachau verschleppt. Zum Zeitpunkt der Deportation nach Gurs im Oktober 1940 lebten in Müllheim keine jüdischen Einwohner mehr. Allerdings wurden von anderen Orten frühere jüdische Einwohner Müllheims nach Gurs und von dort teilweise weiter in die Vernichtungslager verschleppt.
     
Von den in Müllheim geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"; abgestimmt mit der Übersicht bei R. Schuhbauer s.Lit.): Sophie Bernheim (1903), Babette Bloch geb. Rieser (1873), Klara Bloch geb. Mager (1858), Louis Bloch (1857), Judith Feibelmann geb. Rieser (1874), Clara Frank geb. Meier (1885), Hermine Goldstein (1874), Isack Günzburger (1886), Hedwig Grumbacher geb. Zivi (1886), Julius Moses Heim (1885), Caroline (Lina) Heim (1878), Hilda Kahn geb. Günzburger (1887), Siegfried Kahn (), Juditha Kirchheimer geb. Schwab (1873), Elise Landauer geb. Zivi (1868), Mina Löb geb. Mayer (1868), Arthur Maier (1912), Emil Maier (1875), Moritz Maier (1872), Joseph Mayer (1879), Marie Mayer geb. Maier (1863), Siegfried Mayer (1881), Alfred Leopold Meier (1905), Ida Meier (1887), Julius Meyer (1882), Berthe Rebekka Moses gesch. Dreyfuss (1881), Julius Moses (1892), Mina Moses (1890), Samuel Moses (1888), Dr. Leo Müller (1892), Albert Rieser (1881), Fritz (Fischel) Schaller (1880), Frieda Schwab (1909), Jeanette Schwab (1875), Markus Schwab (1872), Erna Seligmann (1890), Salomon Seligmann (1861), Hermine Snadorfer (auch Snatager) geb. Mayer (1881), Elise Weil geb. Heim (1878), Sara (Anna) Weil geb. Heim (1881), Max Weiler (1866), Elise Willstätter geb. Mayer (1856), Rosa (Renle) Wolff geb. Maier (1890), Balbine Wurmser geb. Levi (1897), Carry Zivi geb. Heimann (1885), Eugen Zivi (1882), Helene Zivi (1878), Herbert Jakob Zivi (1893), Josef Zivi (1868), Mathilde Zivi (1884).   
  
Für einige der genannten Personen wurden in Müllheim "Stolpersteine" gelegt: Informationen zur "Stolperstein-Aktion" Müllheim  
(pdf-Datei mit Informationen zu den einzelnen Steinen, auch intern einzusehen)  
    
   

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
Aus der Geschichte des Rabbinates in Müllheim   
Zum Tod von Stifts- und Ortsrabbiner Salomon Rothschild (1876)  
Anmerkung: Ein Beth HaMidrasch (Talmudschule) konnte auf Grund der Stiftung des Jehuda Israel Jacobsohn 1819 eingerichtet werden (siehe Bericht unten zu seinem Tod 1841). Als Lehrer wurde wenig später Rabbiner Salomon Rothschild angestellt. 

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. August 1876: "Müllheim (Baden). Wieder ist einer aus der Schar jener Männer heimgegangen, die sich durch besonders jüdisches Wissen, Frömmigkeit und Charakterstärke auszeichneten; Rabbiner Aharon Schlomo Rothschild – das Andenken an den Gerechten ist zum Segen. Herr Salomon Rothschild, welcher 42 Jahre als Stiftungsrabbiner in hiesiger Gemeinde wirkte, ist derselben am Schabbat Paraschat Balak im Alter von 75 Jahren durch den Tod entrissen worden. Der selige Verblichene war Rabbiner am hiesigen, seiner Zeit sehr besuchten Beth MaMidrasch, aus welchem sehr gelehrte Männer, welche in Baden und auswärts als Rabbiner wirken, hervorgegangen sind. Sein Lebensgang bietet unserm Auge die mannigfachsten Ereignisse, wie sie nur das menschliche Leben, oft erfreuend, aber auch oft bitter täuschend, bewegen können. Mit großem talmudischem Wissen und mit den besten Zeugnissen seiner Lehrer, bei welchen er theologische Vorlesungen gehört, ausgestattet, trat er seine hiesige Stelle als Vorstand des Beit HaMidrasch nach vorherigem persönlichen Übereinkommen mit dem Stifter desselben an. Viele Schüler  von nah und auswärts traten in dasselbe ein und lauschten mit Begierde den Worten ihres Lehrers, die aus einer Quelle des tiefsten Wissens innig und mit Wärme hervorkamen.   
In seiner Familie lächelte ihm anfangs das Glück, sowohl zufrieden und gottergeben mit seinen eigenen Verhältnissen als auch mit den seiner in ihren Lebensstellungen günstig situierten Kinder. Bald trafen den Frommen jedoch und zwar besonders in seinen letzten Tagen, die härtesten Schläge, indem ihm zuerst seine Frau, seine verheiratete Tochter, sein 20-jähriger Sohn und seine 18-jährige jüngste Tochter sowie die Frau eines seiner Söhne in rascher Aufeinanderfolge entrissen wurden. Wenn ihm auch das Herz blutete ob solcher herben Verluste, ergab er sich in frommer Hingebung den Fügungen des Himmels.   Als er seine letzte Stunde herannahen fühlte und Minjan (= 10 religionsmündige Männer zum Gebet bzw. Gottesdienst) bei dem teuren Scheidenden versammelt war, drückte er den Wunsch aus, dass ihm sowohl jetzt beim Hersagen von Psalmen als auch nach seinem Tode in dem Sprechen des Gebetes für Verstorbene der Name Aharon beigelegt werden möge. So unbegreiflich auch manchen dieser Wunsch war,  so schien er doch vielen gerechtfertigt, wenn sie sein Leben mit dem des Priesters Aharon verglichen. Mochte er sich nicht im Geiste an die Stelle des Hohenpriesters Aharon versetzt denken, dem an seinem größten Freudentage, als er die Weihe zum Hohenpriester erhielt, in Gegenwart seine geliebten Söhne plötzlich entrissen wurden? Vielleicht ergab auch der Verblichene sich in diesem Augenblicke derselben stillen Hingebung wie der Dulder des gleich Namens. Als Rabbiner suchte er in hiesiger, aber ehemals in viele Parteien zerrissenen Gemeinde wieder den Frieden von der Kanzel aus herzustellen, er liebte den Frieden und er jagte dem Frieden nach; und wenn er durch seine Worte die Leidenschaften in der Gemeinde beschwichtigt hatte, zog er sich wieder in sein stilles Kämmerlein zum Studium der heiligen Tora zurück. Die sehr ergreifenden Leichenreden hielten Herr Bezirksrabbiner Dreifuß von Sulzburg sowie seine Schüler, die Herren Rabbiner Picard von Randegg und Rabbiner Weill von Karlsruhe. Viele Teilnehmende von hier und Umgegend bezeugten ihre Trauer ob des schweren Verlustes; am meisten jedoch trauert die hiesige Gemeinde, die ihren Führer und Friedensstifter verloren. Möge der verwaiste Stuhl bald wieder besetzt werden. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."
  

   
Ausschreibung des Rabbinates (1876)
   

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. August 1876: "Bekanntmachung. Die Stelle eines hiesigen Stifts- und Orts-Rabbiners ist durch einen geprüften Rabbinen oder Rabbinatskandidaten zu besetzen, mit einem jährlichen Gehalt von Mark 1.700.   
Bewerber wollen sich an den Vorstand der israelitischen Gemeinde dahier, Herr J.M. Mayer, gefälligst werden.   
Müllheim (in Baden), den 20. August 1876. Der Synagogenrat, J.M. Mayer, Vorstand."    
   




Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer und des Vorbeters/Schächters   
Anmerkung: im 19. Jahrhundert war neben dem jüdischen Elementarlehrer zusätzlich ein Vorbeter und Schochet angestellt. Mit dem Kleinerwerden der jüdischen Gemeinde reichte in den letzten Jahrzehnten der Gemeindegeschichte ein Religionslehrer aus, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war.   
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1861 / 1862 / 1887 / 1900 / 1922     

Muellheim AZJ 25061841.jpg (61562 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 25. Juni 1861:  "Bekanntmachung
Die Stelle eines Vorsängers und Schächters in hiesiger israelitischer Gemeinde in erledigt; Bewerber haben sich alsbald an den hiesigen Synagogenrat zu wenden. Dabei wird bemerkt, dass der neu Anzustellende 
a) streng religiös, b) musikalisch gebildet sein, und c) talmudische Kenntnisse besitzen muss.  
Über diese drei Punkte müssen gute Zeugnisse vorgelegt werden.  Dagegen wird dem neu angehenden oder anzustellenden Vorsänger und Schächter ein Gehalt zugesichert, womit er sein hinlängliches Auskommen finden kann.  Müllheim (Baden), den 9. Juni 1861. Der Synagogenrat. Marx Mayer."  
 
 
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Juni 1861"Bekanntmachung..."   
Derselbe Text wie oben.   
 
    
    
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 25. Februar 1862:  "Bekanntmachung
Die hiesige Vorsänger- und Schächterstelle wird wiederholt zur Bewerbung ausgeschrieben mit dem Anhange, dass 1) der fixe Gehalt jährlich auf 600 Gulden festgesetzt ist, und die Nebeneinkünfte sich circa auf 400 Gulden jährlich belaufen.   2) hat jeder Bewerber glaubhafte Zeugnisse vorzulegen   
a. Über sittlichen und religiösen Lebenswandel,  b. Über dessen Alter und Familienstand,   c. Über musikalische und ausgedehnte Religionskenntnisse.  
Müllheim (Großherzogtum Baden), den 9ten Februar 1862. Der Synagogenrat."
 
Muellheim Israelit 03011887.jpg (48480 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Januar 1887: "Die Stelle des Kantors und Schächters der Gemeinde Müllheim (Baden) ist erledigt. Mit derselben ist ein Fixum von 12-1500 Mark und ein Nebeneinkommen von mindestens 1.200 Mark verbunden. Bewerbungen sind an den Synagogenrat Müllheim (Vorsteher Herr A. Rieser) zu richten. Reisekosten werden nicht vergütet. 
Die Bezirks-Synagoge
."
 
Muellheim Israelit 07061900.jpg (45432 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Juni 1900: "Zu der mit einem Gesamteinkommen von ca. 3.000 Mark ausgestatteten Kantor- und Schächterstelle Müllheim wollen tüchtige, besonders seminaristisch gebildete Bewerber sofort sich melden und Zeugnisabschriften einsenden. 
Bezirkssynagoge Freiburg-Sulzburg in Freiburg in Baden."
 
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Oktober 1922: "In Müllheim (Baden) ist die Stelle eines Religionslehrers, Kantors und Schochets baldigst zu besetzen. Das Gehalt regelt sich nach der Besoldungsordnung des Badischen Oberrats der Israeliten. Hierzu kommen größere Nebeneinnahmen und schöne Dienstwohnung mit Garten. Bewerber mit eigenem Hausstand wollen sich unter Vorlegung von Zeugnisabschriften alsbald bei der unterzeichneten Stelle melden. 
Die Bezirkssynagoge Freiburg in Baden."    

   
Zum Tod von Lehrer Adolf Heidingsfeld (1872-1883 Lehrer in Müllheim, danach in Freiburg, gest. 1915)
   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24.Juni 1915: "Aus Baden. In dem großen Sterben unserer Tage sei es gestattet, noch einen kurzen Blick auf ein jäh und unerwartet abgeschlossenes Menschenleben zu werfen, an dessen Sarge mit den Verwandten eine große Gemeinde trauert. Hauptlehrer Adolf Heidingsfeld in Freiburg starb am 24. April, am Tage nach seinem 50-jährigen Dienstjubiläum. Er war Lehrer mit ganzem Herzen, ein Kenner, Freund und Führer der Jugend. Wer, wie ich, in jahrelanger Freundschaft mit ihm verbunden war, der konnte oft einen Blick tun  in sein kindlich lauteres Inneres. In ihm verbarg sich ein unversiegbarer Idealismus, der den gereiften Mann hinuntersteigen ließ in die träumenden Ideale der Jugend und den von Idealen geschwellten Jüngling verehrungsvoll hinaufschauen ließ zu dem jugendfrischen Mann im Silberhaar. Mit seiner reichen methodischen Erfahrung unterstützte er tatkräftig die Bestrebungen des israelitischen Religionslehrervereins in Baden zur pädagogischen Vertiefung des Religionsunterrichts. Insbesondere suchte er als Vorsitzender der Abteilung für biblische und nachbiblische jüdische Geschichte diesem Unterrichte neue und höhere Ziele zu weisen und größere Geltung zu verschaffen und ihn durch eine bessere methodische Behandlung fruchtbarer zu gestalten.  
In umfassender Weise widmete er sich humanitären Bestrebungen. In einem Alter, in dem andere von ihrer Lebensarbeit auszuruhen pflegen, nahm er vor 3 Jahren noch die Bürde eines Vorsitzenden des Naphtali Epstein-Vereins, der die Unterstützung hilfsbedürftiger jüdischer Lehrer und besonders Lehrerwitwen in Baden zur Aufgabe hat, auf sich. Unablässig war er darauf bedacht, dem Verein die nötigen Mittel für seine wachsenden Aufgaben zuzuführen, und bis in die letzten Tage hinein war es seine Sorge, wie der Verein den durch den blutigen Krieg sich steigenden Anforderungen werde gerecht werden können.   
Vom Jahre 1883, wo er nach elfjähriger, segensreicher Wirksamkeit an der Volksschule in Müllheim nach dem schönen Freiburg übersiedelte. Bis zu seinem Tode gehörte er dem Vorstand des israelitischen Frauenvereins an, ferner dem Vorstand des israelitischen Handwerkervereins in Freiburg und des Friedrich-Luisen-Hospizes im Solbad Dürrheim. Mit besonderer Hingebung wirkte er als Vorsitzender der Ortsgruppe Freiburg des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens.   
Bei diesen Bestrebungen fand er verständnisvolle Unterstützung in seiner gleichgesinnten Gattin, mit der er, wenn ihm auch Kinderglück versagt war, in Gott gesegneter Ehe nahezu 40 Jahre verbunden war.  
Sein verdienstvolles Wirken wurde schon vor Jahren durch Verleihung des Verdienstkreuzes vom Zähringer Löwen und der Friedrich-Luisen-Medaille vom Großherzog von Baden anerkannt. Was in den vielen herzlichen und ehrenden Ansprachen dem Entschlafenen ins Grab nachgerufen wurde, wird den flüchtigen Augenblick überdauern. Heidingsfelds Name wird in seiner Gemeinschaft lebendig bleiben und zum Segen sein. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."
  

  
Hauptlehrer Salomon Seligmann leitet als Obst-, Gartenbau- und Bienenzüchter einen Gartenbaukursus für Lehrer (1903)
  
Salomon Seligmann ist 1861 als Sohn eines Handelsmannes in Wangen geboren. Er ließ sich 1877 bis 1879 in Karlsruhe am Lehrerseminar ausbilden und übernahm bis 1882 zunächst die Religionslehrerstelle in Messelhausen. 1882 war er Unterlehrer in Gailingen, 1885 Hauptlehrer in Hoffenheim, wo er bis zum Wechsel nach Müllheim 1901 geblieben ist. Salomon Seligmann war verheiratet mit Mathilde geb. Welt (1863-1938). Das Paar hatte vier Kinder: Erna (Ernestine, 1890 Freiburg - 1942 Auschwitz), Siegmund (1892 Hoffenheim - 1940 emigriert in die USA), Edith (1901 in Hoffenheim - ?) und Blanka (Baette, 1903 in Müllheim, 1936 nach Italien emigriert). Lehrer Seligmann ließ sich 1924 in den Ruhestand versetzen; er blieb noch zwei Jahre in Müllheim. 1941 wurde er ein Opfer der Euthanasie-Morde.    

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 4. September 1903: "Müllheim in Baden, im August (1903). Gartenbaukursus für Lehrer. Am 23. vorigen Monats ging ein Kursus zu Ende, der bis jetzt einzig in seiner Art sein dürfte. Eine edle Spenderin, Frau Dukas in Freiburg, deren verstorbener Gatte, der Bezirksälteste Dukas, die Gewinnung der Juden für die Landwirtschaft als sein höchstes Ziel erstrebte, hat, um das Andenken ihres Gatten zu ehren, 25.000 Mark gestiftet, um aus deren Zinsen die Mittel zu diesem Zwecke bereit zu stellen. Der Großherzogliche Oberrat suchte nun zunächst die Lehrer auf dem Lande für Obst- und Gartenbau, sowie für Bienenzucht durch dazu geeignete Veröffentlichungen zu interessieren. Hierauf setzte sich derselbe mit Herrn Hauptlehrer Seligmann hier, der schon viele Jahre Obst-, Gartenbau- und Bienenzucht mit Erfolg betreibt, und mit dem Großherzoglichen Landwirtschaftsinspektor Bach - Emmendingen in Verbindung, welche sich zur Übernahme eines Kursus in genannten Gegenständen bereit erklärten. 12 Herren, darunter 11 Lehrer nahmen daran teil. Außer einer namhaften Tagesvergütung wurde auch freie Fahrt gewährt. Mit großem Eifer und unermüdlichem Fleiße gaben sich die Lehrer dem zu erlernenden Stoffe hin, was jedoch hinsichtlich ihrer Kräftigung und Gesundheit von bester Wirkung war."           

 
Anzeige des Lehrers Siegmund Marx (1921)
   

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Juli 1921:  "Während der Sommerferien findet ein Kind aus religiösem Hause Erholungsaufenthalt bei guter, reichlicher, streng ritueller Verpflegung bei 
Lehrer Siegmund Marx, Müllheim in Baden.  
Referenzen streng orthodoxer Persönlichkeiten stehen zur Verfügung"    

   
Zum Tod von Cilli Alperowitz geb. Rom, Frau von Kantor Alperowitz  (1933)
     

Artikel in der Zeitschrift "der Israelit" vom 23. Februar 1933:  Müllheim, 20. Februar (1933). Allgemein und herzlich war die Teilnahme, die der frühe Tod unserer Frau Kantor Cilli Alpewitz (für Alperowitz) geb. Rom hervorgerufen hat. Das Ableben der erst 53-jährigen Frau hinterlässt eine Lücke in unserer Gemeinde, die kaum auffüllbar ist. Zu einer erhebenden Kundgebung der Liebe und Verehrung gestaltete sich die Bestattung, zu der sich von Nah und Fern zahllose Freunde der Familie einfanden. Am Grab gab Herr Rabbiner Dr. Zimels, Freiburg, einen Überblick über das Leben der Verstorbenen. Als jüngstes Kind der durch jüdische Gelehrsamkeit und soziale Wirksamkeit auch in Frankfurt bekannten Familie Rom, genoss sie eine echt jüdische Erziehung und bewahrte sich zeitlebens neben echter Herzensfrömmigkeit eine starke Vorliege für geistige Werte. Ihre gütige Natur gestaltete ihr Haus zu einer Stätte der Gastlichkeit. In 26-jähriger Ehe war sie ihrem Gatten eine wahre Hilfe für ihn. Ihre Kinder verlieren in der Entschlafenen eine gute Mutter und vorbildliche Erzieherin. Namens der Familie sprach der Schwager der Verstorbenen bewegte Worte des Danke und des Abschiedes. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."     

  
   
Antijüdische Vorgänge um 1848 und in den 1890er-Jahren 

Antijüdische Ausschreitungen in Müllheim (1848)
  

Artikel (Teil eines größeren Artikels mit Berichten aus Baden) in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 20. März 1848: "Bis dahin war es insonders das Städtchen Müllheim, in welchem insonders Unfug am Eigentum der Juden verübt worden. Die neueste Mannheimer Abendzeitung bringt aber einen langen Bericht aus Bruchsal und Heidelsheim, wo ebenfalls von bewaffneten Banden die Läden der Juden erbrochen, die Möbel zerschlagen, die Waren zerstreut wurden, und – die Stadtbehörden währenddessen ruhig am Tarok, dicht nebenan, saßen, eine Untersuchung auch erst Tags darauf um Mittag gegen – eine Person eröffneten. Nun, wird von oben herab nichts dagegen geschehen? Wir wollen es abwarten. Mit Judenverfolgungen haben alle Volksbewegungen in Deutschland angefangen - der Elsass ist auch deutsch - und in dieser Steppe verliefen sie sich gewöhnlich!"  
     
Artikel in der Zeitschrift "Der treue Zionswächter" vom 21. März 1848: "Karlsruhe, den 10. März (1848). Die Judenverfolgungen haben leider eine Ausdehnung erlangt, die es dringend nötig macht, dass die Bestrebung der guten Bürger, solche Schändlichkeiten zu verhüten oder zu unterdrücken, in einzelnen Gegenden durch die öffentliche Gewalt unterstützt werden müssen. Nicht überall ist geschehen, was der Abgeordnete Helbing mit gerechtem Stolz von Emmendingen berichtete, dass die Bürger ohne amtliche Aufforderung zusammentraten und das Eigentum der Israeliten gegen angekündigte Frevel kräftig schützten. Nicht überall ist die Stimmung wie in Mannheim, wo nicht die Juden, wohl aber jeder, der sich unterfangen würde, sie zu verletzen, Gefahren ausgesetzt ist. Staatsrat Bekk setzte die Kammer von einer am 8. getroffenen Anordnung in Kenntnis, wodurch die Beamten angewiesen wurden, an den Orten, wo sich Spuren beabsichtigter Exzesse zeigen, die Gemeinde zu versammeln, die Bürger über das Unsinnige und Strafbare solcher Handlungen zu belehren, die Gutgesinnten zur Mitwirkung aufzufordern, um Unordnungen niederzuhalten. Was die Bürger zu diesem Zwecke dienlich erachten, soll geschehen. Die Staatsgewalt wird die größte Tätigkeit entwickeln. Nach Müllheim ist auf Requisition der Gemeindebehörde Militär beordert, um die Bürger zu ermutigen und gegen die Frevler zusammen zu halten. Auch in den Gegenden von Sinsheim, Eppingen u.a. sind militärische Streifzüge angeordnet. Gestern ist ein Bataillon auf der Eisenbahn nach Langenbrücken abgegangen, um von dort nach Sinsheim zu marschieren und die Gegend zu durchstreifen. Es ist zu erwarten, dass das Verdammungsurteil aller wohlmeinenden Bürger, unterstützt durch die Anordnungen der Regierung, den Gelüsten zu Freveln, welche dem ganzen Lande zur Schmach gereichen, alsbald ein Ziel setzen werde.   (D.Z.)."     

       
Die Injurienklage des Abgeordneten Max Liebermann von Sonnenberg gegen Jacob Mayer wird zurückgenommen (1890)
   
Anmerkung: Max Liebermann von Sonnenberg (1848-1911) war einer der früheren antisemitischen Publizisten im deutschen Kaiserreich, Mitinitiator der "Antisemitenpetition" 1881; 1890 bis 1911 Reichstagsabgeordneter der antisemitischen Deutschsozialen Partei;  vgl. Wikipedia-Artikel zu Max Liebermann von Sonnenberg.    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. November 1890: "Müllheim in Baden. Der Abgeordnete Liebermann von Sonnenberg hatte gegen den Weinhändler Jacob Mayer dahier eine Injurienklage angestrengt wegen einer Äußerung über das Hoch, welches Herr von Liebermann auf den Großherzog von Baden in einer Versammlung ausgebracht hatte. Die Verteidigung hatte der bekannte badische Abgeordnete Rechtsanwalt Oskar Muser in Karlsruhe übernommen. Es war auch bereits ein Termin angesetzt. Wie jetzt mitgeteilt wird, hat kurz vor dem Termin Herr von Liebermann telegraphisch die Klage zurückgenommen."        

   
Gerichtsverhandlung gegen den kriminellen und zugleich antisemitischen früheren Bürgermeister von Rheinweiler bei Müllheim (1892)
   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Juli 1892: "Freiburg, 7. Juli (1892). (Schwurgericht). Heute nahm die Verhandlung gegen den früheren Bürgermeister von Rheinweiler (bei Müllheim in Baden), Franz Josef Müller, wegen Betrugs, Unterschlagung, Fälschung, Brandstiftung, Meineids beziehungsweise Anstiftung hierzu etc. ihren Anfang. Mit ihm sind noch sein Bruder und zwei seiner früheren Bediensteten angeklagt. Den Vorsitz der mindestens drei Tage dauernden Verhandlung führt Herr Oberlandgerichtsrat Kern. Die Anklage ist in Händen des Herrn Staatsanwalts Geiler, den eine seltsame Ironie des Schicksals zwingt, denselben Müller, den er seinerzeit als klassischen, einwandfreien Zeugen und Ehrenmann bezeichnet hat, heute anzuklagen. Der Fall ist auch für weitere Kreise umso interessanter, als der Hauptangeklagte notorisch ein Führer der Antisemiten und intimer Freund des Hetzapostels Pfarrer Specht von Zell i.W. Ist. Müller war die Veranlassung, dass ein jüdischer Handelsmann von Müllheim – Max Josef Mayer – der, mag auch sein Vorleben nicht ganz einwandfrei sein, in diesem Falle vollständig unschuldig war, wegen Betrugsversuch, falscher Anschuldigung und Verleitung zum Meineid in Untersuchung kam und zweifelsohne heute im Zuchthaus säße, wenn nicht durch seine  
Muellheim Israelit 14071892b.jpg (359910 Byte)Krankheit die Hauptverhandlung gegen ihn hätte verschoben werden müssen und sich nicht in der Zwischenzeit die dringendsten Verdachtsmomente gegen den Bürgermeister herausgestellt hätten. Es liegen 15 verschiedene Anklagepunkte gegen ihn vor. Im Ganzen sind 47 Zeugen geladen, Müller, der schon im Jahre 1886, infolge der straffälligen Beseitigung von Fahrnissen seines verstorbenen Vaters, sich genötigt sah, die überschuldete Erbschaft desselben anzutreten, wusste sich aus seiner finanziellen Kalamität nicht anders herauszuhelfen, als dass er sich im Jahre 1888 in Rheinweiler, wo er als Wirt großen Einfluss besaß, zum Bürgermeister wählen ließ. Er wurde mit 2/3 Majorität gewählt. Trotzdem er bereits vorbestraft und überaus verschuldet war und trotz der Wahlanfechtung wurde er als Bürgermeister bestätigt.       
Zum weiteren Lesen der Kriminalgeschichte aus dem Jahr 1892 bitte Text anklicken.  
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Handelsmann Marx Josef Mayer wird freigesprochen (1892)  
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. August 1892: "Freiburg, 24. Juli (1892). Handelsmann Marx Josef Mayer von Müllheim, das Opfer des antisemitischen Bürgermeisters Müller von Rheinweiler, wurde von der hiesigen Strafkammer von der Anklage des Betrugs und falscher Anschuldigung kostenlos freigesprochen und die Kosten für drei Verteidiger der Staatskasse auferlegt."          

    
Antijüdische Berichterstattung anlässlich der Ermordung eines jüdischen Mannes bei Müllheim (1893) 
   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. September 1893:  "Freiburg im Breisgau, 3. September (1893). Das Amtsblatt für das Amt Freiburg nimmt aus der vor etwa 14 Tagen erfolgten Ermordung eines Juden bei Müllheim Veranlassung zu einer bedenklichen Hetze. Die Angehörigen des Ermordeten werden, da das Blatt völlig unwahre Behauptungen aufgestellt hat, um seinen Zweck zu erreichen, die Sache bei Gericht anhängig machen. Da es ausgeschlossen ist, dass die verhetzenden Artikel des Amtsblattes an zuständiger Stelle übersehen werden, so lässt das Schweigen der Regierung verschiedene Deutungen zu. Das General-Amtsblatt, die 'Badische Korrespondenz', würde sich um weite, und zwar nicht allein jüdische Kreise sehr verdient machen, wenn es die nachfolgende Frage ohne Umschweife beantworten würde: Fehlt es der badischen Regierung an Macht oder an Willen darauf hinzuwirken, dass die Amtsverkündiger, die in gewissen Kreisen gehalten werden müssen, sich jeder das Volk verhetzenden Tätigkeit enthalten?"                

     
     
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde 

Zum Tod von Jehuda Israel Jakobsohn (1841)
   

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. Juli 1841: "Müllheim (Großherzogtum Baden), 28. Mai (1841). In der Nacht vom 20. auf den 21. Mai starb hier Jehuda Israel Jakobssohn in seinem 74. Lebensjahr, ein Mann, der in unserer Zeit eine desto seltenere Erscheinung war, weil er bei einer gänzlich vernachlässigten Erziehung sich durch einen klaren Sinn und hochherzigen Geist für alle Gute und Edle, während seiner ganzen Lebensdauer auszeichnete, weswegen er auch von allen, die ihn kannten, ohne Unterschied der Religion, geachtet und beliebt war.    
Was aber den von uns Geschiedenen zum segenreichen Andenken und zu dankbarer Erinnerung vorzüglich auszeichnet, sind zwei Stiftungen, die er begründet hat, wovon die eine unstreitig unserer Gegend zum Heile gereicht, indem der Mangel ähnlicher Anstalten zur Heranbildung von israelitischen Schullehrern und Theologen, nur allzu sehr gefühlt wurde.   Im Jahre 1819 stiftete er ein Kapital von 300 Gulden Renten, nebst einer Wohnung, zur Begründung eines israelitischen, theologischen Instituts, durch Anstellung eines Lehrers für das Studium angehender israelitischer Theologen und Schullehrer, zum Unterricht in hebräischer Sprache, Bibel und Talmud. Diese Stiftung hat bereits schon früher die Großherzogliche Staatsgenehmigung erhalten, und ist umso zweckmäßiger in hiesiger Stadt, da zugleich ein gutes und berühmtes Pädagogium sich hier befindet, und die humane Gesinnung des Direktors desselben diese Institute zur Beförderung der allseitigen Kenntnisse der diesseitigen Studierenden zu verbinden strebt. Nicht lange vor seinem Tode stiftete er noch ferner 3.000 Gulden, deren Zins alle drei Jahre zur Aussteuer armer Mädchen, die sich durch ein religiöses und sittliches Betragen auszeichnen, verwendet werden soll.   Erstbenannte, für unsere Gegend so notwendig und segenbringende Stiftung, wurde sogleich im Jahre 1819 in Werktätigkeit gesetzt, und schon sind aus derselben Volkslehrer und Rabbinen hervorgegangen, und befindet sich von den Jüngstausgebildeten mehrere hoffnungsvolle Jünglinge zur Vervollkommnung ihres Berufs, auf Seminarien und Universitäten.   
Freilich hätte dieses gute Werk seinen vollkommenen Zweck nicht erreichen können, wenn die religiöse, gutgesinnte und wohltätige israelitische Gemeinde Müllheim, solches nicht unterstützt hätte, indem sie den Lehrern eine Zulage gab, und den Studierenden freie Kost verabreichte. Dieser Umstand war auch die Veranlassung, dass dieses Institut sich eines vielseitig gebildeten, für das Gute eifervoll bemühten Rabbinen, Herrn Salomon Rothschild, zu erfreuen hat. Doch wäre es zu wünschen, dass diese wohltätige Gemeinde dem schönen Werke die Krone aufsetzen möge, indem sie dafür sorge, dass das Institut in ein anderes, geräumigeres, und dem Zwecke angemesseneres Lokal verlegt würde, damit der Rabbine nicht genötigt wäre, den Unterricht in seinem ohnehin so kleinen Wohnhause, und sogar in seinem Wohnzimmer, erteilen zu müssen.  
Mögen doch wohlhabendere Israeliten, und besonders ein reiches kinderloses Ehepaar in hiesiger Gegend für ihre Gemeinde ähnliches zu ihrem eigenen Heil und zur Verewigung ihres Namens vollbringen."

   
Zum Tod von Esther Mayer geb. Günzburger (1885)
   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Januar 1885: "Nekrolog
Müllheim (Baden), 14. Januar (1885). Unsere Gemeinde hat einen großen, unersetzlichen Verlust erlitten. Letzten Heiligen Schabbat – Paraschat Schemot ist nach nur kurzem und unerheblichem Leiden im Alter von 81 Jahren sanft verschieden unsere teure Glaubensgenossin Esther geb. Günzburger – sie ruhe in Frieden, Witwe des Vorstehers und Bezirksältesten Josef Mayer jun. - seligen Andenkens – und Tochter des Rabbiners... David Günzburg – das Andenken an den Gerechten ist zum Segen. Wie die Verewigte in Allem das Ebenbild ihres großen Vaters war, so beruhte auch ihre ungewöhnliche Frömmigkeit auf dem festen Grunde verständnisinniger und lebendiger Überzeugung, weshalb auch ihr Einfluss auf ihre ganze Umgebung stets in hohem Grade fesselnder und belebender war, und wie von Mose gilt auch von ihr... Das Muster einer Gattin, hat sie es in seltener Weise verstanden, die würdige Ergänzung ihres vor 13 Jahren von hinnen berufenen wackeren und frommen Gatten – seligen Andenkens – zu bilden. Ihr Haus galt als ein solches von ausgesuchtester Gastfreundschaft und Mildtätigkeit, und wahrhaft patriarchalischer Ehrwürdigkeit; und wie sie ihren Gatten in seiner mehr als 40-jähriger Praxis als Mohel (Beschneider) mit uneigennützigstem Pflichtgefühl und nimmer rastender Berufstreue unterstützte, so war sie auch eine würdige Genossin in dem edlen Wetteifer für alles Gute und Gottgefällige. - Er wäre ermüdend, sich im Einzelnen über die vielen Werke gemeinnütziger Liebe zu verbreiten, welche diese wackere Frau zeitlebens ausübte und wohlverdient ist die seltene Liebe und Verehrung, ist die fast sprichwörtliche Volkstümlichkeit, deren sich die Verewigte erfreute, denn … Mit Fug und Recht klagen daher alle, alle über ihren Verlust (hebräisch und deutsch:) 'gefallen ist die Krone unseres Hauptes',  das Muster eines Weibes, das Ideal einer Jüdin, eine Königin an Geistes- und Herzenstiefe. - Und vollends die Armen und Dürftigen, die Witwen und Waisen, ohne Unterschied des Glaubens, denen ein reicher Quell werktätiger Liebe so rasch ist versieht, sie mischen ihre Tränen mit denen der Hinterbliebenen, wehklagend (hebräisch und deutsch), 'genommen ist uns Ester, eine Mutter in Israel!'  Ihre Söhne und Töchter hat die selig Entschlafene im Verein mit ihrem Gatten zu gottesfürchtigen Jehudim erwohen und mit wahrhaft kindlicher Liebe und Verehrung blicken dieselben stets zu ihr auf wie zu einer wahren Priesterin des Herrn. - Der Allgütige hat die Verewigte denn auch in den letzten Wochen noch die beglückende Freude erleben lassen, einen ihrer Söhne als Rabbiner eines der schönsten Bezirke des Heimatlandes erwählt zu sehen, dem es nun vergönnt sein möge, im Sinne seiner frommen Mutter die Tora groß zu machen und sie zu verherrlichen. - Entsprechend dem hohen Ansehen, in welchem die Verblichene stand, war auch, wie nicht anders zu erwarten, die Teilnahme an dem Leichenbegängnisse eine großartige und erhebende, und trotz der Ungunst der Witterung erstrebte sich Alles, Jung und Alt, Hoch und Nieder, Jude und Nichtjude, der teueren Verklärten die letzte Ehre zu erweisen. Dem allgemeinen Schmerze über den großen Verlust gaben teils im Sterbehause, teils auf dem Friedhof in tief empfundene Worten Ausdruck: Seine Ehrwürden Herr Bezirksrabbiner Dreyfus von Sulzburg, der obengedachte Sohn, Bezirksrabbiner Dr. Mayer von Bühl, sowie der Unterzeichnete.  Isak Mayer, J.S.  Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."      

    
25-jähriges Amtsjubiläum des aus Müllheim stammenden Oberkantors in Metz Moses Zivy (1914)
  

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 24. Juli 1914: "Metz, 17. Juli (1914). Das 25-jährige Jubiläum als Oberkantor an der Konsistorial-Synagoge zu Metz beging vor kurzem Herr Moses Zivy in geistiger und körperlicher Frische. Herr Zivy erfreut sich in allen Kreisen der Metzer Bürgerschaft wegen seiner lauteren Charaktereigenschaften großer Beliebtheit, und seine zahlreichen Freunde und Bekannten hatten den Tag dazu benutzt, um Herrn Zivy ihre Sympathien zum Ausdruck zu bringen. Der Jubilar stammt aus Müllheim. Schon im Alter von 18 Jahren war er Kantor in Bern, genügte dann seiner Militärpflicht und kam nach Bischheim im Elsass, wo er bis zu seiner Übersiedelung (1899) nach Metz lebte."   

   
85. Geburtstag des langjährigen Gemeindevorstehers Elias Heim (1926)
   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Juli 1926: "Müllheim (Baden), 16. Juli (1926). Herr Elias Heim, der 35 Jahre Vorsteher der jüdischen Gemeinde war, feierte am 16. Juli seinen 85. Geburtstag. Herr Heim ist körperlich und geistig rüstig und frisch.   
Trotz seines hohen Ansehens, das er nicht nur in Müllheim, sondern überall, wo man ihn kennt, in jüdischen und christlichen Kreisen genießt, lebt er sehr bescheiden und zurückgezogen, ein Mann von seltener Herzensgüte, stets allen ein verständiger Ratgeber und der Gemeinde ein würdiger Leiter. Er war wiederholt Abgeordneter der Synode und ist Träger des Zähringer Löwenordens.   
1918 feierten Herr Heim und seine treu besorgte Gattin im Kreis der ihn verehrenden Familie die goldene Hochzeit. Wir wünschen ihm einen frohen Lebensabend."       

      
70. Geburtstag des aus Müllheim stammenden Oberkantors Hermann Levi (1937)   

Ingelheim CV-Zeitung 20051937.JPG (113100 Byte)Artikel in der "CV-Zeitung" vom 20. Mai 1937: "Oberkantor Zivi 70 Jahre. Am 19. Mai feierte Oberkantor Hermann Zivi seinen 70. Geburtstag. Es gilt. dem vorbildlichen Kollegen, dem zielbewussten Musiker herzlichste Glückwünsche darzubringen. Geboren am 19. Mai 1867 in Müllheim in Baden, absolvierte Zivi das Lehrerseminar in Karlsruhe, wo er auch für den Kantorenberuf vorbereitet wurde. Von Ober-Ingelheim aus, seiner ersten amtlichen Wirkungsstätte als Kantor und Lehrer, bildete er sich auf gesangstechnischem und kompositorischem Gebiete in den Konservatorien zu Frankfurt am Main und Mainz weiter. Der Ruf seiner Baritonstimme und seiner kantoralen Vortragskunst führte ihn 1893 nach Düsseldorf und 1898 nach Elberfeld, wo er Jahrzehnte hindurch segensreich wirkte. Weit darüber hinaus erwarb er sich anerkennende Würdigung durch seine synagogalen und weltlichen Kompositionen. Er schuf einen Freitag-Abend-Gottesdienst und einen Abend-Gottesdienst für Scholosch regolim, in denen er die Mitwirkung der Gemeinde besonders berücksichtigte. Neben einer stattlichen Anzahl anspruchsvollerer Kompositionen für die Synagoge errang Zivi auch auf dem Gebiet weltlicher Musik schöne Erfolge; hervorzuheben sind u.a. die sinfonische Dichtung 'Über Babylon und Rom' und die zur 300-Jahr-Feier der Stadt Elberfeld komponierte Festhymne. Von Zivis umfassender literarischer Betätigung legen zahlreiche Veröffentlichungen beredtes Zeugnis ab, die sich mit der jüdischen Musik beschäftigen. So darf der Jubilar mit Genugtuung auf ein gesegnetes Leben zurückblicken, reich an Arbeit und wohlverdienter Anerkennung. Mögen Hermann Zivi noch viele Jahre in Gesundheit und Rüstigkeit beschieden sein. E. Kirschner, München."

    
    
   

Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge    
    

Die Gottesdienste wurden zunächst im jüdischen Privathaus des Paul Zivi abgehalten, der dieses Haus 1727 erworben hatte. Das Gebäude des ersten Betsaales in der Hauptstraße 115 blieb bis 1921 im Besitz der Familie Zivi.  
   
Dieser erste Betsaal war nach einigen Jahren für die Bedürfnisse der inzwischen dreizehn jüdischen Familien, die 1753 in Ober- und Untermüllheim wohnten, viel zu klein geworden. Paul Zivi schlug vor, auf seinem Grundstück eine Synagoge zu errichten, was jedoch die Mehrheit der Gemeindeglieder nicht wollte. Am 6. Dezember 1753 beantragte Jacob Meyer "auf Ansuchen und im Namen der übrigen Müllheimer Juden" bei der markgräflichen Regierung in Karlsruhe um die Genehmigung des Neubaus einer Synagoge. Dabei ging er auch auf Paul Zivis Vorschlag ein: "Es hat dieser etliche Mal in Krankheiten und Gefahr Gelübde getan, dass er auf seine Kosten eine öffentliche Synagoge für die Müllheimer Juden bauen wolle". Dennoch war es der Wunsch der Mehrheit, dass "wir nunmehro weder eine Synagoge von ihm erwarten noch verlangen, sondern eine gemeinschaftliche Schule haben möchten, worinnen keiner das Eigentums-Recht praetendieren kann".  
    
Trotzdem erhielt Paul Zivi die von der Landesregierung erbetene Baugenehmigung, nachdem er am 18. Januar 1754 im Beisein des Oberamtsverwesers Johann Michael Salzer und des Sulzburger Rabbiners Isaac Kahn versprochen hatte, "den sämtlichen jüdischen Familien den Zutritt in seine an seiner Behausung neu zu erbauende Synagoge zu gestatten". 1754 scheint die neue Synagoge gebaut worden zu sein. Damit hatte "die Kammer des Zivi, worinnen wir die Schule gehalten", die "nur viele Beschwerlichkeiten verursachet", ausgedient. Wenig später erfährt man die Namen der ersten Vorsänger: bis 1783 war Schmaje Samuel, danach Hirschel Bickert und ab 1798 Moses Hayum an der Synagoge tätig. Dem Hirschel Bickert wurde 1796 die Entrichtung des Schutzgeldes erlassen, nachdem er sich verpflichtet hatte, "die herrschaftlichen Speicher unentgeltlich von Mäusen zu säubern". In einem Verzeichnis von 1801 wird Hirschel Bickert, der mit Frau und drei Kindern in Müllheim lebte, beruflich als "Mausfänger" bezeichnet. 
   
Im Juni 1798 konnte "die hiesige Judenschaft zur Erbauung einer neuen Synagoge" von Johannes Lang für den Kaufpreis von 1.650 Gulden dessen an der Hauptstraße gelegene "Behausung samt Scheuer, Schopf, Kraut- und Grasgarten" erwerben. Es handelte sich um ein Grundstück zwischen den Gebäuden Hauptstraße 92 und 94, worauf allerdings erst 1814 eine neue Synagoge erstellt wurde. Dennoch war auch diese Synagoge der im 19. Jahrhundert nochmals stark gewachsenen jüdischen Gemeinde bald zu klein.
  
1851/52 wurde an Stelle der alten Synagoge ein stattlicher Neubau nach Plänen des Freiburger Architekten Georg Jakob Schneider errichtet. Der Bau kostete fast 12.000 Gulden. Schneider hatte soeben seinen ersten Synagogenbau in Kippenheim zum Abschluss gebracht. So wundert es nicht, dass es zwischen beiden Synagogen manche Ähnlichkeiten gab. Beide Synagogen sind vom Rundbogenstil geprägt, bei beiden öffnet sich ein mittig erhöhtes Dreifachportal in eine kleine Vorhalle. Auch die Portalinschrift aus 1. Mose 28 ist identisch ("Dies ist nichts anderes als ein Haus Gottes"). Die Fassade ist durch Wandvorlagen dreigegliedert. Charakteristisch sind ein steigender Zinnenfries sowie ein Akroterion in Form der Gebotstafeln. 
   
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge zerstört. Kreisleiter Grüner hatte die Aktion befohlen. Am Vormittag des 10. November kam er mit einem Zerstörungstrupp nach Müllheim. Bereits in der Nacht zuvor war er in Müllheim gewesen und hatte mit NSDAP-Mitgliedern jüdische Wohnungen und Geschäfte mit Steinen beworfen, wobei viele Fenster zu Bruch gingen. Die Synagoge wurde aufgebrochen und ihre Inneneinrichtung völlig zerstört. Auf Brand- oder Sprengsätze verzichtete man, um die benachbarten Gebäude nichtjüdischer Familien nicht zu gefährden. Die Synagoge war nach dieser Zerstörungsaktion nicht mehr zu benutzen.
Von Ende 1938 bis 1940 konnten die Gottesdienste der verbliebenen jüdischen Gemeindeglieder noch einige Zeit im jüdischen Gemeindehaus (Hauptstraße 113) abgehalten werden. Nach der Deportation nach Gurs im Oktober 1940 endete das jüdische Gemeindeleben. 
  
1948 fand ein Prozess wegen der Schändung der Synagoge in Müllheim vor dem Landgericht in Freiburg statt. Durch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und die Beweisaufnahme der Hauptverhandlung konnten die Vorfälle am 10. November 1938 nur teilweise geklärt werden. Ungeklärt blieb, wer im einzelnen die Zerstörungen in der Synagoge vorgenommen hat. Keiner der Zeugen konnte dazu Sachdienliches aussagen, alle Angeklagten bestritten ihre Teilnahme; Beweise dafür fehlten.
Das Synagogengebäude überstand die Kriegs- und Nachkriegszeit und wurde 1968 im Einvernehmen mit dem Oberrat der Israeliten Badens abgebrochen. Beim Abbruch wurde unter dem Toraschrein der Grundstein mit Urkunden geborgen. 
Ein Gedenkstein erinnert seit 1973 am Synagogenstandort an die jüdischen Einwohner Müllheims und die Synagoge. Der Gedenkstein stellt eine Menora (siebenarmiger Leuchter) dar und trägt mit dem Friedensgruß in hebräischer Schrift "Schalom" die Inschrift: "Dem Gedenken ihrer jüdischen Mitbürger, deren Gotteshaus an dieser Stätte stand. Die Bürger der Stadt Müllheim".
  
Auf dem jüdischem Friedhof sind nach dem Abbruch der Synagoge 1968 die Säulen und der Schlussstein des Toraschreines aufgestellt worden. Seit 1987 erinnert eine Gedenkstätte mit Bronzetafeln und den Namen von 46 umgekommenen Juden aus Müllheim und Badenweiler an deren Schicksal. In das Denkmal wurde die Sandsteinkrone eines Seitentürmchens der Synagoge integriert.
  
Im Markgräfler Wein- und Heimatmuseum Müllheim befinden sich zur Erinnerung an die jüdische Gemeinde unter anderem eine Fotokopie und Übersetzung der Urkunde zur Grundsteinlegung der Synagoge 1851/52. Die Stadt Müllheim bewahrt die Türen des Toraschreins der ehemaligen Synagoge auf. In der Graphischen Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart finden sich zwei Skizzen der Synagoge Müllheims von Reinhold Nägele.

Presseartikel zur Erinnerung an die Müllheimer Synagoge 70 Jahre nach 1938 - 40 Jahre nach ihrem Abbruch  
Muellheim Synagoge 170.jpg (116479 Byte)Foto links: Die Müllheimer Synagoge vor ihrem Abriss 1968 - Foto: Glaubrecht.   
Artikel von Bernd Michaels in der "Badischen Zeitung" vom 22. November 2008 (ArtikelAM RANDE
Eine Ruine, das sind laut Fremdwörterbuch Wahrig "Reste eines zerstörten Bauwerks". Das Wort leitet sich vom lateinischen "ruina" ab, das für "Einsturz, Zusammenbruch" steht. Als das Bürgermeisteramt Müllheim der Archivdirektion Stuttgart auf deren Anfrage nach dem Zustand der Synagoge am 5. August 1964 mitteilte, dass "die ehemalige Synagoge als Ruine noch vorhanden" sei, nahm es das Rathaus mit dem Begriff "Ruine" nicht sehr genau.  
Gehen wir von der Annahme aus, dass wahr ist, was, jenseits aller subjektiven Einschätzung, mit der Wirklichkeit überein stimmt, muss eindeutig festgestellt werden, was auch ein Foto aus der damaligen Zeit dokumentiert: Die Müllheimer Synagoge war damals keine Ruine. Das gilt es um der historischen Wahrheit willen festzuhalten – gerade auch vor dem Hintergrund der aktuellen Müllheimer Diskussion um die Art und Weise von Gedenken.
Beim Novemberpogrom hatten die Nazischergen zwar Kultgegenstände und Bestandteile der Inneneinrichtung zerstört und die Zehngebotstafeln vom Westgiebel herunter gestoßen. Tragende bauliche Teile wurden aber nicht in Mitleidenschaft gezogen. Zwar wurde das Gebäude, das durch die "Arisierung" jüdischen Besitzes 1941 in den Besitz der Stadt Müllheim übergegangen war, als Kriegsgefangenenlager missbraucht. Auch war das ehemalige Gotteshaus dem Verfall preisgegeben. Es wurde nichts mehr repariert. Eine Ruine war das Gebäude gleichwohl nicht. 
Fakt ist, dass die Synagoge, ebenso wie der jüdische Friedhof nach dem Krieg an die israelitische Religionsgemeinschaft Südbaden restituiert (zurückgegeben) worden war. Fakt ist, dass die Stadt Müllheim mit Zustimmung des Gemeinderates (21. Februar 1949) die Synagoge für 10 000 Mark vom Oberrat der Israeliten Badens erworben hatte. Fakt ist, dass der Oberrat der Israeliten Badens in Karlsruhe der Stadt am 21. November 1961 mitteilte, dass gegen den Abbruch der entweihten Synagoge nichts einzuwenden sei. Fakt ist aber auch, dass die Stadt damals anders hätte handeln können.
Die Gemeinde Sulzburg kann sich glücklich schätzen, ihr nach dem Krieg nicht weniger marodes ehemaliges jüdisches Gotteshaus, das mit Mitteln des Landes liebevoll restauriert wurde und heute eine wichtige Begegnungsstätte ist, nicht abgerissen zu haben. Dies, obwohl auch hier der Oberrat der Israeliten Badens in Ermanglung einer religiösen Gemeinde am Ort der Meinung war, dass es mit einer Gedenktafel getan sei und einem Abriss nichts entgegenstehe. In Müllheim wurde die 1938 entweihte Synagoge dreißig Jahre später, im Sommer 1968, dem Erdboden gleich gemacht – obwohl sie keine Ruine war.   
 

    

Fotos 
Historische Fotos: 

Fotos um 1895:
(Quelle: Ziwes s. Lit. S.36-39)
Muellheim Synagoge 001.jpg (66996 Byte) Muellheim Synagoge 002.jpg (86305 Byte)
Außenansicht der Müllheimer Synagoge von 1851/52 Innenansicht mit Blick zum Toraschrein
     
Skizzen von Reinhold Nägele 1936:
(Graphische Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart)
Muellheim Synagoge 011.jpg (70101 Byte) Muellheim Synagoge 010.jpg (51692 Byte)


Fotos nach 1945/Gegenwart:

Fotos um 1965 vor Abbruch der Synagoge
(Quelle: außer erstes Foto: Foto-Studio Wagener, Müllheim, Aufnahmedatum 5.6.1968)
  
Muellheim Synagoge 050.jpg (59195 Byte) Muellheim Synagoge 020.jpg (46597 Byte) Muellheim Synagoge 022.jpg (56295 Byte)
Außenansicht (Quelle: Hundsnurscher/ Taddey s.Lit. Abb.155) Der Eingangsbereich Im Inneren der ehemaligen Synagoge
     
Muellheim Synagoge 021.jpg (63634 Byte) Muellheim Synagoge 004.jpg (77631 Byte) Muellheim Synagoge 023.jpg (79259 Byte)
Ansicht von Süden Blick zum früheren Toraschrein Die Decke der Synagoge
     
Der Abbruch der Synagoge 1968
(Quelle: Foto-Studio Wagener, Müllheim, 1968)
Muellheim Synagoge 090.jpg (43747 Byte) Muellheim Synagoge 091.jpg (53463 Byte)
      Aus heutiger Sicht war die Zerstörung der Müllheimer Synagoge eine völlige Fehlentscheidung
   
Fotos um 1985:
(Fotos: Hahn)
Muellheim Synagoge 100.jpg (75024 Byte) Muellheim Synagoge 101.jpg (62725 Byte)
  Ein Parkplatz anstelle der Synagoge Als Erinnerung: ein Gedenkstein
     
Muellheim Synagoge 102.jpg (44977 Byte) Müllheim Friedhof05.jpg (94086 Byte) Müllheim Friedhof06.jpg (110328 Byte)
Gedenkstein mit der Inschrift: "SCHALOM (hebr.) - Die Bürger der Stadt Müllheim - Dem Gedenken ihrer jüdischen Mitbürger, deren Gotteshaus an dieser Stätte stand." Säulen aus der abgebrochenen Synagoge auf dem jüdischen Friedhof Ehemalige Inschrift über dem Toraschrein der abgebrochenen Synagoge ebd. (siehe oben)
     
Fotos 2003:
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 27.10.2003)
Muellheim Synagoge 153.jpg (53107 Byte) Muellheim Synagoge 152.jpg (63404 Byte)
  Blick über das ehemalige Synagogengrundstück
   
  Muellheim Synagoge 150.jpg (59943 Byte) Muellheim Synagoge 151.jpg (37740 Byte)
  Der Gedenkstein für die ehemalige Synagoge
   
Muellheim Friedhof 160.jpg (71246 Byte) Muellheim Friedhof 159.jpg (53107 Byte) Muellheim Friedhof 171.jpg (72492 Byte)
Sandsteinkrone der abgebrochenen Synagoge auf dem jüdischen Friedhof Säulen aus der abgebrochenen Synagoge ebd. Portalinschrift der ehemaligen Synagoge ebd. 

    
    

Links und Literatur

Links:

Website der Stadt Müllheim
Markgräfler Museum Müllheim  
Seite zum jüdischen Friedhof in Müllheim (interner Link)   
Website der Kaufmännischen Schule und Wirtschaftsgymnasium in Müllheim mit Dokumentation der "Stolpersteine" in Müllheim    
Kurze Informationsseite zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Müllheim bei jgm-net.de: hier anklicken

Literatur: 

Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968. S. 205-207.
Müllheim/Baden – Aus seiner Geschichte (Hg. AG für Geschichte und Landeskunde des Markgräflerlandes). 1961.
"Dem Gedenken der jüdischen Gemeinde", in: Fritz Fischer/Horst Tries: Müllheim, Stadt zwischen Wein und Reben. Freiburg 1978. S. 36.
Wolfgang Rülke: Zeugnisse der jüdischen Gemeinde Müllheim (Broschüre, mschr.).
Muellheim Buch 01.jpg (60476 Byte)Rolf Schuhbauer, Nehmt dieses kleine Heimatstück – Spuren und Leidenswege von Müllheimer und Badenweiler Juden zwischen 1933 und 1945. 1988 und 2001 (erweiterte Auflage).
Spuren. Katalog zur Ausstellung J. Brodwolf 1990 in Sulzburg. Mit Beiträgen über die Deportation der Sulzburger und Müllheimer Juden am 22.10.1940 von Rolf Schuhbauer, Jost Grosspietsch und W. Heidenreich.
Franz-Josef Ziwes (Hg.): Badische Synagogen. 1997 S.36-39.
Günter Boll: Jüdisches Leben in Müllheim, in: Markgräflerland 1997 S.84-93.
ders.: Der Judengalgen von Niederweier, in: Markgräflerland 1999 S.179-181.
ders.: Jüdische Häuser "zu Obermüllheim im Grien", in: Markgräflerland 2000 S.136-149;
Uwe Schellinger: Familienbande. Ein Brief von Müllheim nach Kippenheim als Indikator für die Genealogie und Verwandtschaft von Kurt Weill und Selma Stern. In: Das Markgräflerland. Bd. 2/2004 S. 93-113.   
Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern - Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem 1986. S. 403-406.        
synagogenbuch-1.jpg (32869 Byte)Joachim Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007.    
  
  

     


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Muellheim  Baden.  Four Jewish families from Stuehlingen and Switzerland arrived in 1716. A synagogue was built in 1754 and a religious school was opened in 1790. The beit midrash founded in 1819 under Reform influence provided rabbis and leaders to communities throughout Germany. A Jewish elementary school was opened in 1828 and a new synagogue in the Neo-Romantic style was erected in 1830. Jews fled during the revolutionary disturbances of 1848, when their homes were attacked. They earned their livelihoods as cattle and horse traders, wine merchants and shopkeepers. The Jewish population reached a peak of 422 in 1864 (total 2,997). With the trend of emigration setting in, the Jewish population fell steadily to 80 in 1933. On Kristallnacht (9-10 November 1938), the synagogue, community center, and Jewish homes were vandalized and most Jewish men were sent to the Dachau concentration camp. Afterwards, the last Jewish businesses closed and emigration was stepped up. In all, 51 Jews emigrated in the Nazi period, most to the United States and Switzerland. Fourteen of those who had left for other German cities or for subsequently occupied European cities perished in the camps, 11 of them at Auschwitz.    
    

 

                   
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Stand: 16. Dezember 2009