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Ingelheim (Landkreis
Mainz-Bingen)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Zur jüdischen Geschichte in Ingelheim sowie
aktuellen Aktivitäten und Informationen
siehe vor allem auch die Seiten des Deutsch-Israelitischen Freundeskreises
Ingelheim e.V.
www.dif-ingelheim.de
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
Ingelheim am Rhein entstand 1939 durch Zusammenlegung von Ober-Ingelheim,
Nieder-Ingelheim und Frei-Weinheim.
Zur Stauferzeit bestand eine bürgerliche Siedlung neben der Kaiserpfalz in Nieder-Ingelheim. Vermutlich waren hier Juden im
14. Jahrhundert ansässig, da
ein Ingelheimer Gerichtsbuch des 14. Jahrhunderts einen Judeneid enthielt und
1368 eine "Judengasse" genannt wird. Nach den
Judenverfolgungen 1348/49, in deren Zusammenhang Ingelheim jedoch nicht genannt
wird, sind 1424 erstmals Juden (eine Familie) in Nieder-Ingelheim
urkundlich nachweisbar. Später lebte hier ein Jude mit
dem Beinamen Bacharach (1434). Im 15. Jahrhundert sind nach Ingelheim benannte
Juden in Bingen und Mestre bei Venedig genannt. Von einer Vertreibung der Juden
aus der Stadt ist nichts bekannt. So lebten möglicherweise vom 16. Jahrhundert bis
zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fast durchweg Juden in der Stadt.
1719
wurden fünf jüdische Haushaltungen registriert. 1803 erreichten die 56
jüdischen Einwohner einen Anteil von etwa 4 % der Gesamtbevölkerung des Ortes.
1824 lebten 128 Juden in Ober-Ingelheim und 21 in Nieder-Ingelheim. Die höchste
Zahl jüdische Einwohner wurde in Ober-Ingelheim um 1850 mit 200 Personen, in
Nieder-Ingelheim um 1926 mit 60 Personen erreicht. Jeweils danach ging in beiden
Orten die Zahl zurück. Bis zu Beginn der NS-Zeit spielten die jüdischen
Einwohner der Stadt eine hervorragende Rolle im wirtschaftlichen und kulturellen
Leben.
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine
Religionsschule, ein rituelles Bad und einen Friedhof. Zur Besorgung religiöser
Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und
Schochet tätig war (vgl. die Ausschreibungen der Stelle unten). Die Gemeinde gehörte zum Rabbinat in Bingen.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Erwin Bonné und
Julius Levy (geb. 31.3.1897 in Ober-Ingelheim, gef. 6.1.1916). Ihre Namen stehen auf dem Denkmal für die Gefallenen des Ersten
Weltkrieges vor der Burgkirche. Außerdem ist gefallen Offz.St. Dr. Hugo Mattes
(geb. 17.11.1879 in Ober-Ingelheim, vor 1914 in Mainz wohnhaft, gef.
14.9.1915).
Um 1925, als noch 82 jüdische Einwohner in Ober-Ingelheim und 49 in
Nieder-Ingelheim gezählt wurden, waren die Vorsteher der jüdischen Gemeinde:
Joseph Eisemann, Ferdinand Oppenheim, Gustav Nußbaum (letzterer in
Nieder-Ingelheim). Als Volksschullehrer, Religionslehrer und Kantor wirkte Louis
Langstädter (auch noch Anfang der 1930er-Jahre). Damals gab es noch 12
schulpflichtige jüdische Kinder am Ort (im Schuljahr 1932/33 noch 9). An jüdischen
Vereinen bestanden: Ein Israelitischer Männerverein, ein Israelitischer
Frauenverein (Ziele Wohltätigkeit, Sterbekasse), ein Israelitischer
Wohltätigkeits-Verein (Ziel Unterstützung Hilfsbedürftiger), eine Ortsgruppe
des Central-Vereins und ein Israelitischer Jugendbund. 1932 waren die
Vorsteher
der Gemeinde: Ferdinand Oppenheimer (1. Vorsteher und Schriftführer), Willy
Kahn und Gustav Nußbaum.
1933 lebten noch 134 jüdische Personen in Ober- und Nieder-Ingelheim. Ein
größerer Teil von ihnen konnte im Zuge der Folgen des wirtschaftlichen
Boykottes, der zunehmenden Restriktionen und
antijüdischen Maßnahmen der Nationalsozialisten in den folgenden Jahren
auswandern oder verzog in andere Orte Deutschlands. Im September 1942 wurden die letzten Juden aus Ober-Ingelheim
deportiert.
Von den in Ingelheim geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Recha Abraham geb. Bonné (1863),
Anna Baum (1868), Emma Baum (1875), Lina
Bloemendal geb. Kahn (1873), Manfred Bloemendal (1907), Emilia Cohen geb. Levas
(1878), Paula Dammann geb. Raphael (1879), Flora Daniel geb. Strauss (1904),
Paula (Pauline) Doiny geb. Kahn (1879), Ernst
Eisemann (1891), Marius
Eisemann (1890), Thekla Eisemann geb. Teutsch (1902), Irma Glas geb. Strauss
(1913), Emmy (Emy) Hahn geb. Mayer
(1905), Johanna Hausmann geb. Stern (1862), Rosa Hene geb. Dreyfuss (1864),
Bertie (Birdie) Kahn geb. Lichtenberger (1888), Emilie Kahn geb. Loeb (1879),
Eugen Kahn (1872), Fritz Kahn (1910), Henri Kahn (1900), Wilhelm (Willy) Kahn (1880),
Alfred Koch (1886), Lina Koch (1881), Elisabeth Langstädter geb. Kahn (1895), Erna
Loeb geb. Kahn (1905), Ernst Loeb (1891), Günther Loeb (1927), Sigmund Loeb
(1865), Selma Maas geb. Nathan (1888), Berthold Marx (1861), Ferdinand Mayer
(1887), Johanna Mayer geb. Kapp (1880), Margot Lea Mayer (1922), Olga Philipine Mayer
geb. Mayer (1886), Otto Friedrich Mayer (1882), Robert Heinrich Mayer (1888), Catherina Meyer geb. Hertz (1882), Max Michel (1868), Else Neumann geb. Bender
(1888), Hedwig Neumann geb. Roos (1883), Lilly Neumann geb. Mayer (1882), Moritz Neumann (1880), Lotte Nussbaum
(1920), Anita Oppenheimer (1923), Sophie Oppenheimer geb. Stein (1874), Werner
Moritz Oppenheimer (1921), Fanny Raphael (1869), Ida Rosenau geb. Stern (1864),
Ernst Arthur Schäfer (1894), Betty Schäfer geb. Bendorf (1904), Inge Schäfer (1927), Anna Schönthal geb. Kahn
(1875), Auguste Stern (1878), Ida Stein (1884), Emma Stern geb. Oppenheimer
(1851), Hedwig Stern
(1877), Emma Strauss geb. Gärtner (1879), Anna Friederike Wertheim geb. Oppenheimer (1903), Josef Wertheim (1895), Renate Wertheimer (1935), Albert Wolf (1879),
Bertha Wolf geb. Oppenheimer (1856), Frieda Wolf (1883).
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte
der jüdischen Lehrer / Vorbeter und der Schule
Ausschreibungen der Stelle des Hilfsvorbeters 1890 und des Religionslehrers und
Kantors 1892 / 1903 / 1908
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Juli 1890:
"1 Hilfsvorbeter für Neujahr und Versöhnungstag gesucht. Offerten
beliebe man an den Vorstand der israelitischen Gemeinde Ober-Ingelheim
einzusenden." |
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| Nachfolgende Ausschreibung wurde nach dem
Weggang von Kantor Hermann Zivi (s.u.) notwendig: |
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Dezember 1892:
"Lehrer- und Kantorstelle vakant.
Zum baldigen Eintritt wird ein tüchtiger,
seminaristisch gebildeter Lehrer und Kantor gesucht. Nur solche, die über
gute Stimm-Mittel verfügen und imstande sind, einen bestehenden
Synagogen-Chor selbständig zu leiten, wollen Abschriften ihrer Zeugnisse
sofort anher einsenden. Gehalt beträgt bei freier Dienstwohnung 1.200
Mark pro Jahr. Ober-Ingelheim am Rhein, 18. Dezember (1892). Der
israelitische Vorstand." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Februar 1903:
"Die Stelle eines Religionslehrers und Kantors dahier ist zu
besetzen. Gehalt 1.200 Mark und freie Wohnung. Seminaristisch gebildete
musikalische Bewerber, welche im Stande sind. einen Synagogenchor
selbstständig zu leiten, wollen sich mit Zeugnisabschriften, welche nicht
zurückfolgen, an untenstehende Stelle melden.
Der Vorstand der israelitischen Gemeinde Ober-Ingelheim." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. September 1908:
"Die hiesige Religionslehrer- und Kantorstelle ist bis zum 15.
März laufenden Jahres neu zu besetzen, seminaristisch gebildete
Reflektanten, welche auch einen Synagogen-Chor leiten können,
wollen sich unter Einsendung der Zeugnisse bei unterzeichneter Stelle
melden. Das Gehalt als Kantor beträgt bei freier Wohnung pro Jahr 700
Mark.
Das Gehalt des Lehrers je nach dem Dienstalter von 900 Mark anfangend. Die
Lehrerstelle ist staatliche und pensionsberechtigt. Außerdem sind noch
einige hundert Mark sicherer Nebenverdienst.
Der Vorstand der israelitischen Gemeinde Ober-Ingelheim." |
Reichstagsabgeordneter Dr. Ludwig Bamberger spendet für die Bürgerschule
(1890)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. November 1890: "Aus
Rheinhessen. Der Reichstagsabgeordnete Dr. Ludwig Bamberger hat zur
inneren Einrichtung der neu errichteten Bürgerschule zu Ober-Ingelheim
die Summe von 3.000 Mark gespendet." |
Zum Tod des Kantors und Lehrers Joseph Klingenstein
(1890)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. November 1890:
"Oberingelheim, 13. November (1890). Herr Joseph Klingenstein, Kantor
der hiesigen israelitischen Gemeinde und Lehrer an der hiesigen
Kommunalschule, ist heute plötzlich verschieden. Derselbe gab in den
60er-Jahren eine Zeitung für jüdische Lehrer heraus. Er huldigte der
Reform." |
Zum 70. Geburtstag des Oberkantors Hermann
Zivi, bis 1892 Kantor und Lehrer in Ober-Ingelheim (Artikel von
1937)
Artikel in der "CV-Zeitung" vom 20. Mai 1937: "Oberkantor
Zivi 70 Jahre. Am 19. Mai feierte Oberkantor Hermann Zivi seinen 70.
Geburtstag. Es gilt. dem vorbildlichen Kollegen, dem zielbewussten Musiker
herzlichste Glückwünsche darzubringen. Geboren am 19. Mai 1867 in Müllheim
in Baden, absolvierte Zivi das Lehrerseminar in Karlsruhe, wo er auch
für den Kantorenberuf vorbereitet wurde. Von Ober-Ingelheim aus,
seiner ersten amtlichen Wirkungsstätte als Kantor und Lehrer, bildete er
sich auf gesangstechnischem und kompositorischem Gebiete in den Konservatorien
zu Frankfurt am Main und Mainz weiter. Der Ruf seiner Baritonstimme und
seiner kantoralen Vortragskunst führte ihn 1893 nach Düsseldorf und 1898
nach Elberfeld, wo er Jahrzehnte hindurch segensreich wirkte. Weit
darüber hinaus erwarb er sich anerkennende Würdigung durch seine
synagogalen und weltlichen Kompositionen. Er schuf einen
Freitag-Abend-Gottesdienst und einen Abend-Gottesdienst für Scholosch
regolim, in denen er die Mitwirkung der Gemeinde besonders
berücksichtigte. Neben einer stattlichen Anzahl anspruchsvollerer
Kompositionen für die Synagoge errang Zivi auch auf dem Gebiet weltlicher
Musik schöne Erfolge; hervorzuheben sind u.a. die sinfonische Dichtung
'Über Babylon und Rom' und die zur 300-Jahr-Feier der Stadt Elberfeld komponierte
Festhymne. Von Zivis umfassender literarischer Betätigung legen
zahlreiche Veröffentlichungen beredtes Zeugnis ab, die sich mit der
jüdischen Musik beschäftigen. So darf der Jubilar mit Genugtuung auf ein
gesegnetes Leben zurückblicken, reich an Arbeit und wohlverdienter
Anerkennung. Mögen Hermann Zivi noch viele Jahre in Gesundheit und
Rüstigkeit beschieden sein. E. Kirschner, München." |
"Kleiner Kulturkampf" um die Besetzung
einer Lehrerstelle (1921)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 4. Februar 1921:
"Mainz, 28. Januar (1921). Ein kleiner Kulturkampf im
benachbarten Ober-Ingelheim um die Besetzung einer Lehrerstelle ist in der
hiesigen Gemeinde ausgebrochen. Im Gemeinderat stand die Frage der
Anstellung eines israelitischen Lehrers zur Abstimmung. Der Schulvorstand
hatte sich dagegen ausgesprochen, da nur zwei israelitische Kinder die
Volksschule besuchen, während auf jeden der fünf evangelischen Lehrer je
56 evangelische Schüler, auf jeden der drei katholischen Lehrer 52
katholische Schüler und auf den frei-religiösen Lehrer 28 freireligiöse
Kinder kommen. Da keine der genannten drei Konfessionen auf eine ihr
bisher zugestandene und innegehabte Lehrerstelle verzichten will, lehnte
der Schulvorstand die Anstellung des israelitischen Lehrers Landstädter
ab. Der Gemeinderat stimmte dagegen mit 12 gegen 5 Stimmen für die
Anstellung des israelitischen Lehrers. Die Entscheidung liegt jetzt bei
der Schulbehörde." |
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde
Zum Tod des Kriegsveteranen von 1870 Louis Mayer im
Dezember 1887
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Dezember 1887:
"Nieder-Ingelheim, 18. Dezember (1887). Dem 'Mainzer Anzeiger' wird
von hier geschrieben. Heute wurde Herr Louis Mayer von hier auf dem
israelitischen Friedhofe beerdigt. Der Verstorbene hatte den Feldzug von
1870 mitgemacht. Der Kriegerverein mit seiner Musik gab demselben in
würdiger Weise das Geleite, und die üblichen Salven am Grabe konnten es
weithin verkünden, dass hier noch nicht die giftige Aussaat (sc. der
Antisemitismus) Wurzel geschlagen hat, welche man von gewisser Seite aus
als die heilsamste für die Zukunft des Vaterlandes und der Menschheit
anpreist. Solche Beerdigungen jüdischer Krieger, die ja nicht weniger
zahlreich im Verhältnisse sind, als die der Christen, sollten doch den
konservativen '*Nationalen' und 'Reichsfreunden', die einem Böckel
zujauchzen, zu denken geben. Der Redner am Grabe gab diesem Gedanken auch
ungescheut Ausdruck." |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeige von Heinrich Koch (1890)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. November 1890: "Ein
Mädchen von 15-16 Jahren als Kindermädchen zu zwei Buben von 5
Jahren auf Weihnachten gesucht. Offerten mit Gehaltsansprüchen an
Heinrich Koch,
Nieder-Ingelheim." |
Buchhalterin sucht Stelle (1901)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. September 1901:
"Tüchtige Buchhalterin,
gewandt im Korrespondieren, schreibmaschinen- und sprachenkundig, sucht
Stelle in der Nähe von Mainz. Reser. Offeren unter R.E. postlag.
Oberingelheim". |
Anzeige der Metzgerei Mayer & Jesselsohn (1903)
Anzeige
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 24. Juli 1903:
"Suchen per sofort einen kräftigen Lehrjungen aus
anständiger Familie in unserer Metzgerei.
Mayer & Jesselsohn, Nieder-Ingelheim." |
Anzeige von Frau Dr. Marx (1916)
Anzeige
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 29. Dezember
1916: "Suche für sofort junges, gebildetes Mädchen zu 2
Kindern von 6 und 3 Jahre. Dieselbe muss aber auch leichte Hausarbeit mit
versehen. Angebote mit Gehaltsansprüchen an
Frau Dr. Marx Niederingelheim am Rhein." |
Zur Geschichte der Synagoge
Schon im 18. Jahrhundert war vermutlich ein Betsaal vorhanden, der
möglicherweise im Haus Stiegelgasse 25 eingerichtet war, das später Vorhaus zu
der 1841 neu errichteten Synagoge wurde. Jahrelang sammelte die jüdische
Gemeinde die Finanzmittel für einen Synagogenneubau, der im April 1840 von den
Behörden genehmigt und in den folgenden Monaten erstellt wurde. Die Synagoge
wurde in maurischem Stil ("schön copierter orientalischer Styl")
erbaut und am 27. August 1841 durch Bezirksrabbiner Dr. Sobernheim aus Bingen
feierlich eingeweiht. Noch vor der
Einweihung unterzeichneten am 30. Juli 1841 die Gemeindevorsteher Leopold, Gerhard und Joseph Oppenheimer
eine neue Synagogenordnung. Die Abtragung der Schulden wurde teilweise durch die
Verpachtung der Synagogenstühle geregelt. Noch 1855 ging es bei der Verpachtung
von frei gewordenen Stühlen in der Synagoge darum, dass diejenigen, die Geld
zum Bau der Synagoge 1840 zur Verfügung gestellt hatten, Anspruch auf einen der
Stühle hatte. 35 Personen hatten damals insgesamt 3896,30 Gulden gespendet. Da
aber zwischen 1840/41 und 1855 zehn Personen der Religionsgemeinde verstorben
oder in andere Orte verzogen waren, wurden bis 1855 auch zehn durch Spenden für
den Synagogenbau erworbene Stühle frei.
Kurzmeldung
zur Einweihung der Synagoge in der
"Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 16. Oktober 1841:
"Oberingelheim, 19. September (1841): A, 27. vorigen Monats wurde
hier die neue, in orientalischem Stile herrlich gebaute Synagoge durch den
Rabbiner Dr. Sobernheim eingeweiht". |
Ausführliche Berichte zur Einweihung der Synagoge in
Ingelheim und Beschreibungen der Verhältnisse der jüdischen Gemeinde um 1841
finden sich in zwei Artikeln in der Zeitschrift "Israelitische
Annalen" vom 5. November 1841 und vom 12. November 1841:
1. Artikel vom 5.11.1841: "Rheinhessen. Oberingelheim, im
Oktober 1841. - Es freut mich, Ihnen wieder einiges von hier für Ihre werten
Annalen mitteilen zu können. - Ich glaube, dass es jedem Freund des Lichtes und
des Fortschreitens wahrhaft erfreulich sein wird, zu hören, dass man auch in
kleineren Gemeinden anfängt, andere und bessere Einrichtungen hinsichtlich des
Kultus vorzunehmen. - Schon als ich Ihnen deshalb am 3. November 1839
berichtete, wurde hier der Anfang zu einem bessern und würdiger abzuhaltenden
Gottesdienst gemacht und obschon der Raum der damaligen alten Synagoge sehr
beschränkt war, so geschah im Verhältnis zu diesem Überstande mehr, als man
selbst geglaubt hatte, leisten zu können. Man sah jedoch ein, dass diese
Einrichtungen auch mit dem besten Willen nicht würden fortbestehen können, da
oft des engen Raumes wegen, manche Störung unvermeidlich war. - Eine neue
Synagoge zu erbauen, schien jedoch der kleinen Gemeinde, aus kaum 30 Mitgliedern
bestehend, keine geringe Aufgabe, zumal da sie ganz kurz nacheinander den Ankauf
eines Gemeindehauses, Einrichtung eines Schullokals, Erbauung eines Badehauses
und der Ankauf sowie die Einfriedigung eines Begräbnisplatzes zu bestreiten
hatte. Da kein Gemeindefonds vorhanden ist, so mussten diese Kosten teils durch
freiwillige Gaben, teils durch Umlagen der Gemeindeglieder gedeckt werden. Hier
kann man nun recht deutlich wahrnehmen, was der gute Wille und die Liebe zur
Religion vermag. Trotz allen diesen Ausgaben brachte es der Vorstand mit Mut und
Ausdauer dahin, die Gemeinde von der Notwendigkeit eines neu zu erbauenden
Gotteshauses zu überzeugen, und obschon wie allenthalben, so auch hier, manches
Schwierige zu bekämpfen war, so wurden doch zum Bau einer Synagoge 4.000 Gulden
freiwillig unterzeichnet. Der Bau derselben wurde sogleich unternommen und
herrlich ausgeführt; dieselbe ist in orientalischem Stil erbaut und hat deren
zweckmäßige Bauart bei Kennern und jedem, der solche gesehen, gleichen Beifall
gefunden. |
- Die Einweihung derselben fand am 27. August d.J. (sc. 1841) statt,
ich hätte Ihnen über die Art und Weise, wie dieses Fest begangen wurde, schon
früher berichtet, wenn ich nicht die Absicht gehabt hätte, Ihnen noch eine
andere Festlichkeit, die drei Wochen später statt finden sollte zu beschreiben.
- Zuvor also von der Einweihung selbst. Nachdem man am Freitag Mittag das Mincha
Gebet in der alten Synagoge verrichtet und eine kurze Abschiedsrede in derselben
abgehalten worden war, brachte man in Stille die Gesetzesrollen in das
Vorderhaus der Synagoge; um drei Uhr nachmittags wurde die Synagoge geöffnet
und die Eintretenden wurden am Portal derselben von den Festordnern empfangen
und eingeführt; es ist wohl hier kaum nötig, zu bemerken, dass dieselbe bei
der größten Vorsicht, die gebraucht wurde, bevor noch die Festlichkeit begann,
schon besetzt war, das beim Beginn des Gottesdienstes fast niemand mehr
eingelassen werden konnte. Um 4 Uhr wurden die Gesetzesrollen aus dem Vorderhaus
von dem Rabbiner, Vorstand und Vorsänger abgeholt und in die Synagoge getragen,
bei deren Erscheinen eine ergreifende Musik begann, während welcher man die
Gesetzrollen in die heilige Lade brachte. Herauf wurde von dem hier bestehenden Sängerchor
mit Begleitung der Musik unter der Leitung des Lehrers Herrn Schimmel, Ma tubu
wechselseitig mit dem Vorsänger Herzfeld vorgetragen, und dann eben so mehrere
Psalmen unter Musikbegleitung abgesungen; es folge nun der Segenspruch für Se.
königliche Hoheit unsern Landesvater, welcher von dem eben genannten Herrn
Schimmel nach schon früher hier eingeführter Weise, würdevoll vorgetragen
wurde; hierauf wurde ein deutscher Choral abgesunden, und nun betrat der Rabbiner
Herr Dr. Sobernheim aus Bingen die Kanzel und sprach ein wahrhaft ergreifendes
Weihgebet, worauf dann die Schlussverse des eben erwähnten Chorals abgesunden
wurden. Derselbe Prediger hielt sodann eine erbauliche, der Bedeutung des Tages
angemessene Predigt, mit der man allgemein so zufrieden war, dass von vielen der
Wunsch geäußert wurde, man möchte solche veröffentlichen; am Schluss dieser
Predigt wurde der schöne Choral aus dem Johlsohn'schen Gesangbuch: "Sammelt
euch, o Brüder," etc. abgesungen. der gewöhnliche Abendgottesdienst
begann nur mit Chorgesang und Musikbegleitung nach der schön längst
eingeführten Weise. Was die Gesänge nun im Allgemeinen betrifft, so wurden so präzis
solche vom Chor und vom Vorsänger ausgeführt, dass dem mit der Leitung des
Gesanges beauftragten Lehrer, Herrn Schimmel, sowie dem trefflichen Vorsänger
Herzfeld die vollkommenste Anerkennung von allen Anwesenden wurde. - Die vielen
Beamten, Geistliche usw., die sich zu diesem Feste zahlreich einfachen, waren
mit der Anordnung und Abhaltung des Gottesdienstes, wie sie wiederholentlich
erklärten, sehr befriedigt. |
2. Artikel: Rheinhessen. Oberingelheim, im Oktober (Schluss). - Die zweite
Feierlichkeit, welche vier Wochen nach der Einweihung der Synagoge statt fand,
nämlich am 20. Oktober nachmittags 3 Uhr, ist die Konfirmation dreier Mädchen
und zweier Knaben. Es ist dies das erste Mal, dass auch Mädchen mit konfirmiert
wurden, um man war allgemein mit dieser Einrichtung zufrieden, ja, man bedauerte
es, dass nicht schon früher der Anfang damit gemacht worden war. Sehr erfreulich
war es uns, dass nebst vielen Fremden, auch diesmal andere Glaubensgenossen,
Beamte, Geistliche, Schullehrer und angesehene Bürger sich einfangen, um der
Feierlichkeit beizuwohnen. Um 3 Uhr ertönte das Ma Tobu, wechselnd zwischen
Chor und Vorsänger in schöner Melodie. Hierauf folge ein Hallelujah, welches
so schön als präzis vom Sängerchor vorgetragen wurde, dass es die
Aufmerksamkeit des ganzen Auditoriums ansprach. Diesem folgte nun ein schöner
deutscher Choral aus Johlsohn's Gesangbuch, welcher die Gemüter zu der heiligen
Handlung vorbereitete. Dann trat Herr Lehrer Schimmel auf die Kanzel, die
Konfirmanden in feierlicher Stille traten zur Rechten und Linken derselben hin,
und nun hielt der Obergenannte eine herzliche und ergreifende Anrede an die
Gemeinde, worin derselbe, vorzüglich auf die Notwendigkeit einer Religionsweihe
bei der israelitischen Jugend und besonders auf die bisher in dieser Beziehung
vernachlässigte weibliche Jugend hinwies; die Worte kamen sichtlich aus dem
Herzen und gingen auch zum Herzen. Die Prüfung mit den Konfirmanden wurde
hierauf von ihm vorgenommen; dieselben beantworten die an sie gestellten Fragen
kurz und deutlich und bewiesen bei dieser Gelegenheit ihren Eltern sowohl als
allen Anwesenden, dass sie die Lehren ihrer Religion nicht allein erlernt,
sondern solche begriffen und beherzigt hatten. Herr Schimmel hielt hierauf
eine liebevolle Anrede an die Konfirmanden, ermahnte sie, ihrer Religion
treu zu bleiben und fortzufahren, die Lehren derselben immer besser verstehen zu
lernen und den Pfad der Tugend und der Sittsamkeit nicht zu verlassen; es waren
dies Worte, wie sie nur ein liebender Vater zu seinen Kindern sprechen kann,
alle Zuhörer waren davon sichtbar ergriffen. |
Die Konfirmanden leisteten den Eid
der Treue, und nun fand die Segenerteilung statt. Ein Schlussgebet, so wie noch
das Gebet für unsern geliebten Landesvater, endigten diese schöne und heilige
Feier, welche in dem Herzen aller Anwesenden in langem Andenken verbleiben wird.
Das Micha-Gebet schloss sich dieser Feier an. Niemand verließ den Gottesdienst
vor Beendigung desselben. - Über diese Feierlichkeit sprach sich hier auch eine
Stimme dahin aus, dass der Lehrer Herr Schimmel, der sich auch sonst schon viele
Verdienste um die hiesige Gemeinde erworben hat, fortfahren möge, mit gleichem
Fleiß und Eifer zu wirken, möge derselbe den Lohn für seine vielen
Bemühungen, in dem eigenen Bewusstsein, Gutes zu stiften, finden, denn eine
solche Aussaat muss auch herrliche Früchte bringen. - Zum Schluss dieses
Artikel noch einiges über den hier eingeführten Gottesdienst selbst. - Man
darf mit Recht behaupten, dass derselbe stets mit der größten Ruhe und Ordnung
abgehalten wird. Die Gebete werden von dem Vorsänger und dem Chor teils in
Rezitativen, teils in mehrstimmigen Chorälen vorgetragen; die Gemeinde selbst
betet nur ganz leise nach. Herr Schimmel hält öfters recht erbauliche
Vorträge, und fast bei jedem Gottesdienste ist die Synagoge auch von andern
Glaubensgenossen besucht, was gewiss den Beweis liefert, dass vieles
hinsichtlich des Gottesdienstes hier anders und besser geworden ist. |
Würdigung des Synagogenbaus in Ober-Ingelheim: "Ein sehr erfreulicher
Beweis der Fortschritte der Kultur unter den Juden..."
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. November 1841:
"Bingen, 13. Oktober. In No. 42 dieser Zeitung findet sich ein
Korrespondenzartikel, den Bau der neuen Synagoge zu Ober-Ingelheim
betreffend. Dieses ist nun das zweite neue Gotteshaus, das wir seit
einigen Jahren in unserem Kreise erstehen sehen. Es ist wirklich ein sehr
erfreulicher Beweis der Fortschritte der Kultur unter den Juden, wenn
kleinere Gemeinden, mit beschränkteren Mitteln, bedeutende Opfer nicht
scheuen, um einen regelmäßigen, dem Zeitgeiste angemessenen Gottesdienst
abzuhalten.
Die Tätigkeit unseres Gemeindevorstandes (sc. in Bingen) hat seit Kurzem
bedeutende Verbesserungen ins Leben gerufen, die unser würdiger Herr
Kreisrat Wieger aufs kräftigste fördert und unterstützt. Dankbare
Anerkennung verdient auch die Humanität unseres städtischen Vorstandes,
der zum Bau der Synagoge sowohl, als auch zu sonstigen Anschaffungen aus
den städtischen Fonds Beiträge bewilligte...". |
1865 erhielt die Synagoge eine Orgel. Mehrfach musste sie in den folgenden
Jahrzehnten renoviert werden.
Ende September 1891 konnte das 50jährige Bestehen der Synagoge
gefeiert werden:
Meldung
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 16. Oktober 1891:
"Ende September feierte die israelitische Gemeinde Ingelheim das Fest
des 50jährigen Bestehens der Synagoge." |
Die letzte größere Feier in der Synagoge fand 1932 aus Anlass des
hundertjährigen Bestehens des jüdischen Frauenvereines statt. Die Ingelheimer
Zeitung berichtete darüber: "Der jüdische Frauenverein feierte sein
hundertjähriges Bestehen. In der festlich geschmückten Synagoge fand ein
Festgottesdienst statt, in dem Lehrer Langstädter die Predigt hielt. Der 1.
Vorsitzende der Gemeinde, Ferdinand Oppenheimer, konnte neben zahlreichen Ehrengästen
auch Bürgermeister Dr. Rückert begrüßen. Der Frauenverein hat einen Vorhang
für die heilige Bundeslade gestiftet."
Am Vormittag des 10. November 1938 wurde die Synagoge demoliert, möglicherweise
auch in Brand gesetzt. Im April 1939 wurde die Ruine verkauft und später zu
einem Wohnhaus umgebaut. In unmittelbarer Nähe des Grundstückes der Synagoge
(Synagogenplatz) errichtete 1992 der Deutsch-Israelische Freundeskreis mit einer
von Schülern des Sebastian-Münster-Gymnasiums geschaffenen rohen Betonstele
ein Mahnmal als Gedenkstätte. Die Daten der Messingtafeln erinnern an Leiden
und Schicksal der im Holocaust ermordeten Ingelheimer Juden.
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Presseartikel vom November 2003: Einziges Fotodokument von der
Synagoge (zum Foto siehe unten)
Die jüdische Religionsstätte
wurde 1841 eingeweiht und bestand 97 Jahre bis zur Zerstörung -
Artikel vom 05.11.2003
wie. INGELHEIM - Auf Luftaufnahmen aus dem Jahr 1930, die das Stadtarchiv
Ingelheim vor einiger Zeit angekauft hatte, ist, so Stadtarchivar Hans-Jürgen
Finkenauer, auch die Synagoge der jüdischen Gemeinde Ober-Ingelheim zu
erkennen. Es ist das bisher einzige bekannte Fotodokument von diesem Gebäude.
In ihrem Buch "Sie sind mitten unter uns" von Hans-Georg Meyer und
Gerd Mentgen haben die beiden Autoren die bisher vorliegenden Informationen und
Dokumente zur Synagoge zusammengetragen.
In einem Schreiben vom 24. August 1855 ging es zum Beispiel um die
Verpachtung von frei gewordenen Stühlen in der israelitischen Synagoge zu
Ober-Ingelheim. Der Vorstand erklärt in dem Bericht, dass jeder, der eine
bestimmte Summe Geldes zum Bau der Synagoge im Jahre 1840 zur Verfügung
gestellt hatte, Anspruch auf einen der Stühle erworben hat. 35 Personen hatten
insgesamt 3896,30 Gulden gespendet. Da aber zwischen 1840/41 und 1855 zehn
Personen der Religionsgemeinde verstorben oder in andere Orte verzogen waren,
wurden bis 1855 auch zehn durch Spenden für den Synagogenbau erworbene Stühle
frei, berichten Meyer und Mentgen in ihrem Buch. Die letzte größere Feier in der Synagoge fand 1932 aus
Anlass des hundertjährigen
Bestehens des jüdischen Frauenvereines statt. Die Ingelheimer Zeitung
berichtete darüber: "Der jüdische Frauenverein feierte sein hundertjähriges
Bestehen. In der festlich geschmückten Synagoge fand ein Festgottesdienst
statt, in dem Lehrer Langstädter die Predigt hielt. Der 1. Vorsitzende der
Gemeinde, Ferdinand Oppenheimer, konnte neben zahlreichen Ehrengästen auch Bürgermeister
Dr. Rückert begrüßen. Der Frauenverein hat einen Vorhang für die heilige
Bundeslade gestiftet. "Mit dem 9. und vor allem dem 10. November 1938 rückte, wie Meyer und Mentgen
berichten, die Ober-Ingelheimer Synagoge, wie alle Synagogen in Deutschland,
wieder in den Mittelpunkt der Berichte. In einem Funkspruch des damaligen
Kreisamtes vom 10. November 1938 hieß es: "Aktionen gegen Juden nicht
hindern. Sorge tragen, dass keine Beschädigungen an Nachbargebäuden durch Brände
vorkommen. Männliche Juden (reiche) möglichst festnehmen, soweit Platz
vorhanden, mittleres Alter. Archive der Synagogen sicherstellen, besonders
wertvolle Schriften. Meldung der Festgenommenen unter Angabe der Personalien.
Leben nicht gefährden - Plündern verhindern!" Im Verlauf des Vormittags wurde die Synagoge zerstört. Dabei gibt es von
Ingelheimer Zeitzeugen unterschiedliche Darstellungen über das Geschehen. Während
die einen von einem Brand sprechen, weisen andere darauf hin, dass wegen der
angrenzenden Häuser die Synagoge nicht in Brand gesteckt wurde. Damit war die 97 jährige Geschichte der Ingelheimer Synagoge zu Ende. |
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Fotos:
(Obere Zeile Quelle: Synagogenbuch des Landesamtes für
Denkmalpflege s.u. S. 194-195; Farbfotos: Hahn, Aufnahmedatum 29.3.2005)
Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
Stolpersteine in Ingelheim (2008)
Foto:
Drei Stolpersteine in der Stiegelgasse 51 erinnern an die Familie Eisemann.
Die ersten beiden wurden 2006 verlegt. Archivfoto: Thomar Schmidt. Artikel
von Beate Schwenk in der "Allgemeinen Zeitung"
(Rhein-Main-Presse; Artikel)
vom 16. Dezember 2008: Stolpersteine für Opfer des NS-Regimes.
Erinnerung an deportierte und ermordete Ingelheimer Juden/Neue AZ-Serie
INGELHEIM Alles begann 1997 in Berlin. Dort wurden die ersten Stolpersteine von Gunter Demnig verlegt. Auch in Ingelheim soll auf diese Weise an unschuldige Opfer des Nationalsozialismus erinnert werden. Diese kleine AZ-Serie will ebenfalls einen Beitrag dazu leisten.
Im August 2006 hat der Kölner Bildhauer Gunter Demnig im Ingelheimer Stadtgebiet die ersten Stolpersteine verlegt. Die 17 Messingplatten, die an sechs verschiedenen Stellen in Ober- und Nieder-Ingelheim liegen, erinnern an die letzten jüdischen Bürger, die am 20. September 1942 aus Ingelheim deportiert wurden. Initiatoren der Aktion vor zwei Jahren waren Schülerinnen und Schüler der Integrierten Gesamtschule (IGS). Die Jugendlichen, die sich in der Anti-Gewalt-AG (AGAG) engagieren, wollten mit der Initiative an jenen Tag erinnern, an dem die Geschichte der Ingelheimer Juden ein gewaltsames Ende fand.
Stolpersteine. Es war um die Mittagszeit am 20. September 1942, als die 17 Männer, Frauen und Kinder von Nationalsozialisten aus ihren Häusern geholt und auf Lastwagen abtransportiert wurden. Sie waren die letzten jüdischen Bürger, die zu diesem Zeitpunkt noch in Ingelheim lebten. Keiner von ihnen hat seine Heimatstadt je wiedergesehen. Die Deportierten stammten aus angesehenen Familien, waren Weinhändler oder Metzger, Textil- oder Kolonialwarenhändler. Das jüngste Opfer war gerade sieben Jahre alt. Die kleine Renate Wertheim wurde zusammen mit ihren Eltern und ihrer Großmutter aus der Heimesgasse 6 in Ober-Ingelheim verschleppt. Bis heute gilt sie als verschollen.
Vor ihrem letzten Wohnort und vor fünf weiteren Häusern im Stadtgebiet hat Gunter Demnig im Sommer 2006 die ersten Stolpersteine verlegt. In diesem Jahr kamen nun sieben weitere hinzu - fünf von ihnen auf Initiative des Deutsch-Israelischen Freundeskreises
(DIF). Zwei weitere Steine ließ Brigitte Luithle vor ihrem Haus in der Mainzer Straße 14 verlegen. Die heutige Eigentümerin will damit das Andenken an die Geschwister Lina und Alfred Koch wach halten, die nach dem Ersten Weltkrieg in dem Anwesen gegenüber der Remigiuskirche gewohnt hatten.
Am 8. November wurden die neu verlegten Stolpersteine der Öffentlichkeit übergeben; dies im Beisein ehemaliger Ingelheimer Juden, die eine Woche lang auf Einladung der Stadt und des Deutsch-Israelischen Freundeskreises in ihrer früheren Heimat zu Gast waren. Nicht nur in der Mainzer Straße konnten sie zwei neue Stolpersteine begutachten, sondern auch vor drei weiteren Häusern: Zwei Steine liegen in der Bahnhofstraße 23 für Karl und Luise (Lilly) Neumann und zwei in der Bahnhofstraße 79 für Moritz und Hedwig Neumann.
Ein weiterer wurde für Ernst Simon Eisemann in der Stiegelgasse 51 verlegt. Es ist bereits der dritte Stolperstein vor dem Eckhaus in der Stiegelgasse. Die anderen beiden erinnern seit August 2006 an Marius und Thekla
Eisemann. Ernst Simon, der Bruder von Marius Eisemann, wurde im Januar 1943 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. |
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Artikel in der "Allgemeinen
Zeitung" (Rhein-Main-Presse, Artikel) vom 24. Dezember 2008: Messingplatte in Stiegelgasse
- Erinnerung an Ernst S. Eisemann
pea. INGELHEIM Alles begann 1997 in Berlin. Dort wurden die ersten Stolpersteine von Gunter Demnig verlegt. Auch in Ingelheim soll auf diese Weise an unschuldige Opfer des Nationalsozialismus erinnert werden. Diese kleine AZ-Serie will ebenfalls einen Beitrag dazu leisten.
Seit wenigen Wochen liegt vor dem Eckhaus in der Stiegelgasse 51 ein weiterer Stolperstein - zwei erinnern bereits seit 2006 an Marius und Thekla Eisemann. Der Stein erinnert an den Ober-Ingelheimer Juden Ernst Simon Eisemann, der 1943 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurde. Ernst Simon war einer von vier Söhnen des Kolonialwarenhändlers Josef Loeb Eisemann und dessen Frau Emma.
Stolpersteine. In dem kleinen Tante-Emma-Laden in der Stiegelgasse konnten die Ober-Ingelheimer so ziemlich alles kaufen, was sie für ihren täglichen Bedarf benötigten. Von Butter bis zu Tabak reichte das Sortiment. Während Sohn Marius in die Fußstapfen des Vaters trat und das Geschäft übernahm, schlug Ernst Simon eine andere Richtung ein; er wurde Diplom-Ingenieur. Nach der Hochzeit mit Meta Offenbacher, die aus Marktredwitz stammte, ließ er sich mit seiner Gattin in Nürnberg nieder.
Dort musste der Ober-Ingelheimer einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen. Nach der Geburt der gemeinsamen Tochter Ellen im Jahre 1927 starb seine Ehefrau Meta. Deren Schwester Lola, die ebenfalls verwitwet war, wurde Ernst Simons zweite Frau. 1939 entschied sich Lola, mit den drei Kindern nach Amerika auszuwandern. Vermutlich hat diese Entscheidung ihr das Leben gerettet. Denn ihr Ehemann Ernst Simon, der in Deutschland zurücklieb, überlebte den Nazi-Terror nicht. Er wurde ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert und am 28. Januar 1943 ermordet.
Den in Ingelheim gebliebenen Eisemanns ging es nicht besser. Bereits im September 1933 gab es einen Anschlag auf ihre Wohnung in der Stiegelgasse. In den folgenden Jahren wurde es der Familie immer schwerer gemacht, ihren Betrieb weiterzuführen. Im Herbst 1935 hatte der Ober-Ingelheimer Gemeinderat "Abwehrmaßnahmen gegen den jüdischen Einfluss in Ober-Ingelheim" beschlossen. Es wurde verboten, mit Juden Geschäfte zu machen und bei Juden einzukaufen. Mit perfiden Methoden versuchte die Obrigkeit, dies durchzusetzen. "Volksgenossen", die noch bei Juden kauften, mussten mit der Veröffentlichung ihres Namens in der Zeitung rechnen. Kinder, die beim "Juden Eisemann" Süßigkeiten kauften, wurden von Schulkameraden beim Lehrer angeschwärzt und mit Prügeln bestraft. Im November 1938 spitzte sich die Lage weiter zu. Während der Reichspogromnacht wurden Wohnung und Geschäft in der Stiegelgasse 51 völlig zerstört. Nachdem die Eltern Eisemann 1937 beziehungsweise 1939 gestorben waren, wohnten nur noch Marius und Thekla Eisemann in dem Anwesen. Im Dezember 1939 beschlagnahmte man in ihrem Kolonialwarenladen Lebensmittel und Bedarfsgegenstände für die "Nationalsozialistische Volkswohlfahrt". Am 20. September 1942 endete mit der Deportation von Marius und Thekla Eisemann die Geschichte der Familie in Ingelheim. |
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Karl und Lilly Neumann wurden im KZ Theresienstadt
ermordet. Foto: privat
Artikel von Beate Schwenk vom 5. Januar 2009 in der "Allgemeinen Zeitung"
(Artikel):
"Im Konzentrationslager ermordet.
Messingplatten in Bahnhofstraße 23 erinnern an Karl und Lilly Neumann
INGELHEIM. Alles begann 1997 in Berlin. Dort wurden die ersten Stolpersteine von Gunter Demnig verlegt. Auch in Ingelheim soll auf diese Weise an unschuldige Opfer des Nationalsozialismus erinnert werden. Diese kleine AZ-Serie will ebenfalls einen Beitrag dazu leisten.
Zwei Stolpersteine liegen seit Anfang Oktober in der Bahnhofstraße 23. Sie erinnern an Karl und Luise (Lilly) Neumann, die im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet wurden. In dem Haus, in dem sich heute ein Modegeschäft befindet, lebte bis 1938 die jüdische Familie Neumann. Vater Karl war Weinhändler und betrieb mit seinem jüngeren Bruder Moritz die Weinhandlung Laufer & Co. Karls Ehefrau Lilly Neumann, eine geborene Mayer, stammte aus einer alteingesessenen Ingelheimer Familie. Ihre Vorfahren lassen sich bis ins 18. Jahrhundert zurückzuverfolgen. Der älteste entzifferbare Grabstein der Familie auf dem jüdischen Friedhof in der Hugo-Loersch-Straße datiert aus dem Jahre 1885.
Das Ehepaar Karl und Lilly hatte drei Kinder: die beiden Söhne Walter und Hans sowie Tochter Bertha Luise. Vater Karl Neumann war im Ersten Weltkrieg ein engagierter Soldat. Auf einem Foto des Ingelheimer Landsturms ist der jüdische Weinhändler in der Uniform eines Unteroffiziers zu sehen. Am 2. März 1936 erhielt der Jude Karl Neumann das Ehrenkreuz für Frontkämpfer. Wohlgemerkt in einer Zeit, als jüdische Bürger bereits überall in Deutschland massiven Anfeindungen und Übergriffen ausgesetzt waren. Auch politisch war Karl Neumann in den 30er Jahren aktiv. Bei der Wahl des Reichspräsidenten am 10. April 1932 fungierte er als Beisitzer im III. Bezirk.
Stolpersteine.
Dann kam die Reichspogromnacht 1938. In Ingelheim fanden die Übergriffe am 10. November statt. Am helllichten Tag drang ein Schlägertrupp in die Wohnung der Neumanns ein und schlug alles kurz und klein. Als der 18-jährige Sohn Hans, damals Schlosserlehrling in Wiesbaden, von der Arbeit nach Hause kam, traute er seinen Augen nicht. Die Vermieterin Frau Thierbach zeigte ihm ganz aufgeregt, was der Mob angerichtet hatte. Die Wohnung im 2. Stock war völlig demoliert. Das gesamte Mobiliar lag zertrümmert im Hof. Vater Karl war verhaftet worden. Hans´ ältere Geschwister hatten Deutschland zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen.
Wenige Tage nach dem Pogrom wurde auch Hans am Bahnhof in Wiesbaden festgenommen und - wie sein Vater - vorübergehend im KZ Buchenwald interniert. Nach der Entlassung zog die Familie nach Wiesbaden, wo sie eine Wohnung gekauft hatte. Nun setzte man alle Hebel in Bewegung, um Deutschland zu verlassen. Hans erhielt schon bald vom Konsulat in Stuttgart das ersehnte Visum für die Einreise nach Amerika, wo bereits seine ältere Schwester und ein Vetter lebten. Auch Karl und Lilly hatten ein Visum beantragt, doch sie warteten vergebens. Bis kurz vor Deportation im September 1942 stand Hans, der sich in Amerika nun Harry Neumann nannte, in Briefkontakt mit seinen Eltern. Dann brach die Verbindung für immer ab. Der jüdische Weinhändler Karl Neumann wurde am 7. März 1943, seine Ehefrau Lilly am 10. April 1944 im KZ Theresienstadt ermordet." |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Germania Judaica II,1 S. 375; III,1 S. 581-582. (weitere
Literaturangaben). |
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen.
1971 Bd. I,409-411. |
 | Hans-Georg Meyer/Gerd Mentgen: Sie sind mitten unter uns.
Zur Geschichte der Juden in Ingelheim. Hg. vom Deutsch-Israelischen
Freundeskreis Ingelheim e.V. 1998 684 S. zahlr. Abb. |
 | Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz/Staatliches Konservatoramt
des Saarlandes/ Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): "...und dies
ist die Pforte des Himmels". Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem
Saarland. Mainz 2005. S. 194-195 (mit weiteren Literaturangaben) |
Kontaktadresse:
 | Deutsch-Israelischer Freundeskreis Ingelheim e.V.
Geschäftsführer: Klaus Dürsch, Grundstraße 3, 55218 Ingelheim Website |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Ober-Ingelheim. Founded in the early 18th century,
the community numbered 166 (6 % of the total) in 1871. Augmented by the Jews of
Nieder-Ingelheim, Ober-Ingelheim began to develop. A synagogue in the Moorish
style was constructed and a community center was established. Jews played a
leading role in the twin township's affairs until the Nazi era. On Kristallnacht
(9-10 November 1938), stormtroopers destroyed the synagogue and looted Jewish
homes. Of the 134 Jews living there and in Nieder-Ingelheim after 1933, at least
48 emigrated. Those who remained in Germany were mostly deported to the camps in
1942.
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