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Urspringen (Main-Spessart-Kreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge
(Seite erstellt unter Mitarbeit von Leonhard
Scherg, Marktheidenfeld)
Übersicht
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts
unterschiedlichen Herrschaften gehörenden Urspringen bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938/42. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 16. Jahrhunderts
zurück. 1655 gab es bereits 12 jüdische Haushaltungen mit 34 Personen. Mitte
des 18. Jahrhunderts wurden 14 Haushaltungen gezählt, von denen 12 unter dem
Schutz der Familie von Castell, zwei unter dem Schutz der Familie von Ingelheim
standen. Ihre Blütezeit erlebte die jüdische Gemeinde im 19. Jahrhundert.
Die
Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich im 19. Jahrhundert wie folgt: 1803/04 20 jüdische
Familien, 1813 166 jüdische Einwohner (17,1 % der Gesamteinwohnerschaft), 1815
185 (16,5 % der Gesamteinwohnerschaft von 1.123 Personen), 1837 220 (20,8 %
von insgesamt 1.060), 1867 213 (20,7 % von insgesamt 1.030), 1880 194 (18,3
% von 1.062), 1900 154 (15.1 % von insgesamt 1.020).
Bei der Erstellung der Matrikellisten 1817 werden in Urspringen die
folgenden jüdischen Familienvorstände genannt (mit neuem Familiennamen und
Erwerbszweig): unter bisherigem Schutz der Familie von Castell auf 27
Matrikelstellen (dazu Nachträge/Veränderungen bis 1825): Löw Faust Fränkel
(Pferd- und Rindviehhandel), Nathan Faust Fränkel (Pferd- und Rindviehhandel),
Moses Faust Fränkel (Pferd- und Rindviehhandel), Samuel Hohna Schwab
(Schmuserei), Feist/Faust Nathan Fränkel (Pferdehandel, seit 1819 Pferd- und
Rindviehhandel, Eisen- und Leder-, Hausierhandel mit Spezereiwaren), David Isaak
Adler (Vieh- und Warenhandel), Abraham Isaak Adler (Viehhandel, ab 1819
Rindvieh- und Ellenwarenhandel), Hirsch Samuel Tannenwald (Schmuserei), Moses
Samuel Geyer (Schlächterei und Schmuserei), Jacob Wolf Straus (Schmuserei),
Joseph Isaak Adler (Viehhandel und Schmuserei, ab 1819 Handel mit Eisen, Leder,
Spezerei- und Ellenwaren), Feist/Faust Wolf Straus (Viehhandel und Schmuserei), Maier
Hirsch Krumm (Schmuserei), Jacob Moses Rosenbusch (Schlächterei und
Viehhandel), Moses Aron Freudenreich (Ellen- und Spezereiwarenhandel), Götz
Löw Goldberg (Vieh- und Warenhandel, ab 1819 Ellenwaren-, Bettwerk-
Lederwerkhandel), Abraham Mose Schloß (Warenhandel), Abraham Moses Rosenfeld
(Warenhandel), Eleasar Nathan Trepp (Warenhandel), Himmerla David Rothfelder
(Handarbeit und Unterstützung), Joseph David Rothfelder (Schmuserei), Isack
Moses Schloß (Warenhandel), Abraham Jakob Grün (Warenhandel, seit 1819
Ellenwaren), Maier Leser Stern (Warenhandel), Aron Moses Schloß (Warenhandel),
Lazarus Jakob Waldauer (Warenhandel, seit 1819 Ellenwaren und Bettfedern),
Nathan Moses Fränkel (Feldbau, ab 1824), Löw Moses Sonnenhell (Metzgerei, ab
1818), Hirsch Schmey Schloß (Warenhandel mit offenem Laden, seit 1822), Aron
Fränkel (Handel mit offenem Laden, seit 1825); unter bisherigem Schutz der
Familie von Ingelheim auf neun Matrikelstellen: Joseph Isaak Klein
(Mäklerei), Joel Isaak Klein (Mäklerei), Salomon Löw Stern (Handel mit
Schnittwaren), Nathan Hayum Heimann (Privatlehrer), Hona Isaak Klein
(Viehhandel), Hayum Isaac Dillberger (Viehschlächterei), Nathan Anschel Mandelbaum
(Viehhandel), Michel Hona Frank (Mäklerei); nicht in die Liste aufgenommen
wurde die Witwe von Hajum Isack Klein (Handarbeiten).
Bereits seit der Mitte des
19. Jahrhunderts stagnierte die Zahl der jüdischen Einwohner durch Aus- und
Abwanderung, um danach zurückzugehen. In die USA zogen u.a. Mitglieder der Familien
Heilner, Mosenfelder, Freudenreich.
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.) sowie
eine
jüdische Elementar- und Religionsschule und eine Mikwe (rituelles Bad; letzteres 1826 in der Quellenstraße
neu erbaut). Die Toten der Gemeinde wurden in Laudenbach
beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer
angestellt, der als Vorbeters und Schochet tätig war (vgl. Ausschreibungen der
Stelle unten). Seit dem 19. Jahrhundert gehörte die jüdische Gemeinde Urspringen
zum Distriktsrabbinat in Würzburg.
Näheres zu einzelnen Lehrern: ab etwa 1800 war als 'Judenschulmeister' Gabriel
Wormser (gest. 1825) tätig, der Vater des späteren und einzigen
Distriktrabbiners von Gersfeld Samuel
Wormser (geb. 1807; 1840-1892 Rabbiner in Gersfeld). - Erster Lehrer der neu
errichteten Israelitischen Elementarschule war von 1830 bis 1864 bis zu seinem
Wegzug nach Stuttgart, Aron Heilner (1804-1891), dessen Enkel Dr. Richard
Heilner ab 1926 als Generaldirektor an der Spitze der Deutschen Linoleumwerke in
Bietigheim-Bissingen, eines der größten deutschen Industrieunternehmen, stand.
Sigmund Heilner (1834-1917), einer von Arons Söhnen, zählt zu den Pionieren
Oregons. - Besonders bekannt war der seit 1878 in Urspringen tätige Lehrer Simon
Kissinger. Er konnte 1903 sein 25jähriges, 1928 sein
50jähriges Dienstjubiläum feiern. Bis 1929
blieb er - zuletzt als Hauptlehrer - in der Gemeinde tätig. 1918 war
zwar die Israelitische Elementarschule aufgelöst wurden, doch blieb Simon
Kissinger auch als Religionslehrer am Ort. 1929 wurde die
Stelle neu ausgeschrieben, konnte jedoch nicht mehr besetzt werden, sodass
Lehrer Kissinger auch weiterhin unterrichtete (Berichte zu Kissinger s.u.).
An jüdischen Vereinen bestanden insbesondere: der
Wohltätigkeitsverein Chewra Schnnijah (1851 gegründet, 1924/25 unter Leitung von Moses
Adler, damals 12 Mitglieder), der Wohltätigkeitsverein Chewra Neorim
(1924/24 unter Leitung von J. Dillenberger, damals 12 Mitglieder) unter der Frauenverein
Sara (1924/25 26 Mitglieder). Die Chewra Schnijah hatte auch eine Bücherei
eingerichtet. Auch eine Zweigstelle des Jüdischen Nationalfonds Keren
Kajemet le Jisrael bestand in Urspringen.
Seit 1900 ging die Zahl der jüdischen Gemeindeglieder weiter zurück von 111
Personen im Jahr 1910 (11,2 % von insgesamt 991) auf 86 im Jahr 1925 (9,1 % von
943). Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Friedrich
Philipp Freudenreich (geb. 20.10.1888 in Urspringen, gef. 5.7.1915), Louis Leopold
(geb. 4.4.1877 in Schmalnau, gef. 1.9.1917) und Hermann Samuel. Unter den vermissten jüdischen
Soldaten waren Albert Adolf Ackermann (geb. 28.1.1890 in Urspringen, gef.
15.7.1915) und Gefreiter Siegmund Samuel (geb. 17.2.1893 in Karbach, gef.
18.8.1918). Andere kehrten mit teils
hohen Auszeichnungen zurück. Im Oktober 1914 konnte bereits gemeldet werden.
Um 1924, als noch 100 jüdische Einwohner gezählt wurden (10 % von
insgesamt etwa 1.000 Einwohnern) gehörten dem Gemeindevorstand an: Bernhard Dillenberger, A.
Schloss, Simon Kissinger und Max Freudenreich. Im Schuljahr 1924/25 waren nur
zwei jüdische Kinder in der Religionsschule zu unterrichten. 1932 waren
die Gemeindevorsteher Moritz Dillenberger (1. Vorsitzender) und Hermann
Landauer (2. Vorsitzender).
1933 wurden noch 78 jüdische Gemeindeglieder gezählt (7,9 % von 992).
In der ersten Jahren der NS-Zeit blieben die meisten der jüdischen
Gemeindeglieder in ihrem Heimatort. Erst ab 1937 (noch 71 jüdische Einwohner)
entschlossen sich mehrere zum Umzug in die Städte oder zur Auswanderung. Zu
Ausschreitungen gegen die jüdischen Häuser und Familien kam es erstmals am 29.
September 1938, als in vier jüdischen Häusern die Fenster eingeschlagen
wurden. Zu weiteren Verwüstungen der jüdischen Wohnungen kam es beim Novemberpogrom
1938. Dabei wurde selbst das Haus heimgesucht, in dem eine verstorbene
jüdische Frau aufgebahrt war. 1939
wurden noch 56 jüdische Einwohner gezählt (5,8 % von 973). Im April
1942 wurden 42 jüdische Einwohner aus Urspringen über Würzburg in
Vernichtungslager deportiert. Die Urspringer Juden stellten bei dieser
Deportation das größte Kontingent einer jüdischen Gemeinde aus dem Gebiet des
heutigen Landkreises Main-Spessart. Die letzten vier Urspringer Juden wurden
noch im
Laufe des Jahres 1942 deportiert.
Von den in Urspringen geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem): Adolf Adler (1882), Berry Adler (1925), Bertha Adler
geb. Weinberg (1892), Bettina Adler geb. Hahn (1893), David Adler (1879), Dina
Adler (1893), Fanny Adler (1899), Fanny Adler geb. Landauer (1875), Fanny Adler (1924),
Frieda Adler geb. Landauer (1875), Friedrich Adler (1888),
Ida Adler geb. Israel (1892), Inge Adler (1934), Isaak Adler (1876), Justin
Adler (1906), Leo Adler (1924), Lina Adler geb. Schönfärber (1901), Ludwig
Adler (1892), Manfred Adler (1932), Mathilde Adler (1898), Nathan Adler (1878),
Paula Adler geb. Grün (1886), Philipp Adler (1865), Ruth Adler (1924), Senta
Adler (1921), Emilie Altgenug geb. Klein (1879 oder 1882), Gitta Dillenberger
geb. Gerson (1893), Hans Dillenberger (1931), Joachim Dillenberger (1924),
Lenchen Dillenberger geb. Frank (1892), Marga Dillenberger (1927), Max
Dillenberger (1899), Moritz Dillenberger (1879), Rosa Dillenberger geb. Grün
(1883), Rudolf Dillenberger (1893), Werner Dillenberger (1926), Fanny Ehrmann
geb. Adler (1850), Alfons Fränkel (1888), Hermann Fränkel (1866), Isidor
Fränkel (1871), Hermina Freimark geb. Adler (1876), Abraham Freudenreich
(1884), Alice Freudenreich (1921), Dina Freudenreich geb. Freudenreich (1889),
Jenny Freudenreich (1894), Max Freudenreich (1894), Mira Freudenreich (1889), Ruth Freudenreich (1924), Sigi Freudenreich (1924),
Gerda Hecht (1908), Sofie Hecht geb. Adler (1878), Isaak Hobel (1887), Bertha Hochstädter geb. Dillenberger (1882),
Karola Kaufmann geb. Rosenstein (1861), Julius
Kissinger (1894), Abraham Klein (1865), Josef Klein (1880), Hermann Landauer
(1882), Hilda Landauer geb. Adler (1893), Hilde Krug geb. Adler (1887), Luise
Morgenroth (1882), Moses Morgenroth (1862), Wolfgang Rosenstein (1865), Alfred Rothfeld (1920), Berthold Rothfeld (1908), David
Rothfeld (186), Hannchen Rothfeld geb. Müller (1882), Hilda Rothfeld geb.
Müller (1886), Julius Rothfeld (geb. ?), Maria (Marianne) Schömann geb. Adler
(1870), Aron Simon (1926), Hermann Simon (1891), Meta Simon geb. Grün (1889),
Fanny Stern geb. Kissinger (1902).
Anmerkung: Ein großer Teil dieser Personen lebte schon einige Zeit bis lange
vor 1933 nicht mehr in Urspringen.
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der
Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule
Aus der Zeit des Lehrers Simon Kissinger
Der jüdische Lehrer Simon
Kissinger (1859-1939) mit Frau Babette geb. Fränkel, eigenen Kindern und
den Schulkindern in Urspringen. Kissinger lebte 50 Jahre lang in
Urspringen.
Quelle: Kissinger
Family |
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| 25jähriges
Dienstjubiläum und Ehrenbürgerrecht für Lehrer Kissinger 1903 |
Aus der
"Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30.10.1903: "Dem
Israelitischen Volksschullehrer Kissinger in Urspringen wurde anlässlich
seines 25jährigen Dienstjubiläums das Ehrenbürgerrecht mit Diplom
verliehen"
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Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. September 1903:
"Urspringen, 25. September (1903). Nachdem der israelitische
Volksschullehrer, Herr S. Kissinger, 25 Dienstjahre seit seinem
Seminaraustritte ausschließlich in der hiesigen Kultusgemeinde zugebracht
hat, wurden ihm außer zahlreichen und wertvollen Geschenken durch
einstimmigen Beschluss der Gemeindeverwaltung das Ehrenbürgerrecht mit
Diplom verliegen und durch den Herrn Bürgermeister Albert mit ehrender
Ansprache überreicht." |
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| Silberne Hochzeit und
30jähriges Dienstjubiläum von Lehrer Kissinger 1908 |
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. November 1908:
"Urspringen bei Karlstadt, 20. November (1908). Am 29. November
feiert Herr Lehrer S. Kissinger mit seiner Gemahlin geborenen Fränkel,
das Fest der silbernen Hochzeit und auch gleichzeitig das 30jährige
Dienstjubiläum. Welch großer Beliebtheit sich Herr Kissinger erfreut,
der seit seiner Seminarabsolvierung in hiesiger Gemeinde als
Volksschullehrer wirkt, geht daraus hervor, dass ihm schon zu seinem
25jährigen Dienstjubiläum neben zahlreichen anderen Ehrungen auf
einstimmigem Gemeindebeschluss hin das Ehrenbürgerrecht verliehen
wurde." |
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| 45jähriges
Dienstjubiläum von Lehrer Kissinger (1923) |
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. August 1923:
"Urspringen, 10. August (1923). Ein seltenes Jubiläum kann Herr
Hauptlehrer Kissinger dahier am 22. August begehen. An diesem Tage werden
es 45 Jahre, dass Herr Kissinger seit seinem Seminaraustritt im Jahre 1878
ohne Unterbrechung in der hiesigen Kultusgemeinde tätig ist. Es dürfte
dieser Fall wohl sehr selten vorkommen. Alle Kreise der Bevölkerung
nehmen freudigsten Anteil an dem seltenen Ereignis." |
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| 50jähriges
Dienstjubiläum von Lehrer Kissinger (1928) |
Artikel
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 13.
September 1928: "Urspringen. Am 8. September waren es 50
Jahre, dass Hauptlehrer Kissinger die Stelle eines Volksschullehrers an
der damals noch sehr gut besuchten jüdischen Volksschule in Urspringen
angetreten hat. Er amtierte an dieser Schule bis zu ihrer vor 10 Jahren
erfolgten Auflösung, verblieb aber in treuer Anhänglichkeit an seine
Gemeinde als Religionslehrer dortselbst und hat bis vor kurzem diesen
Dienst in mustergültiger Weise versehen. Seine eifrige und ersprießliche
Tätigkeit wie seine Sorge um das Allgemeinwohl fanden vielseitige
Anerkennung nicht nur bei der jüdischen Bevölkerung, sondern auch in
hohem Grade bei der politischen Gemeinde, die ihm anlässlich seines
25jährigen Dienstjubiläums das Ehrebürgerrecht verlieh. Der Jubilar
gehört zu den wenigen noch lebenden Gründungsmitgliedern unseres Vereins
(gemeint: Israelitischer Lehrerverein in Bayern). Möge ihm ein recht
langer und heiterer Lebensabend beschieden sein!" |
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Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. September 1928: "Urspringen,
2. September (1928). Am nächsten Schabbos sind es 50 Jahre, dass der
allseits beliebte und hochgeschützte Herr Hauptlehrer Simon Kissinger
in Urspringen seine ersprießliche und erfolgreiche Tätigkeit als Lehrer
begann. Es gibt wohl verschwindend wenige Lehrer, deren ganze
Lehrtätigkeit sich nur auf eine Gemeinde erstreckt. Bei Simon Kissinger
war dies der Fall. 40 Jahre war er in Urspringen als Volksschullehrer
tätig und seit seiner Pensionierung lieh er seine Dienste dieser Gemeinde
als Religionslehrer, bis er vor ganz kurzer Zeit in den wohlverdienten
Ruhestand trat. Ihm war es vergönnt, drei Generationen in einer Gemeinde
zu guten Menschen und zu guten Juden zu erziehen. Während seines
Berufslebens vollbrachte er stets die Mizwo, die an seinem Jubelschabbos
verlesen wird. So sind ihm denn nicht nur die Kinder seiner Gemeinde in
Liebe zugetan, sein Name hat in allen kreisen der bayerischen Judenheit
einen guten Klang und insbesondere freiern diesen Tag alle seine
jüdischen Berufskollegen mit ihm. Er gehörte ja zu den wenigen noch
lebenden Gründungsmitgliedern des Israelitischen Lehrervereins für
Bayern. Dass der Jubilar aber auch bei der nichtjüdischen Bevölkerung
einen guten Namen hat, das beweist wohl das Ehrenbürgerrecht, das ihm vor
25 Jahren von der politischen Gemeinde Urspringen verliehen wurde. Möge
dem Jubilar ein recht langer und glücklicher Lebensabend beschieden
sein." |
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Artikel
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15.
November 1928: "Urspringen. Nachdem Herr Hauptlehrer a.D. S.
Kissinger alle ihm zugedachten offiziellen Veranstaltungen seitens der
Kultusgemeinde, der politischen Gemeinde und Vereine sowie des
Distrikt-Rabbinates und Synagogenchores Würzburg mit Rücksicht auf die
wirtschaftlichen Verhältnisse abgelehnt hatte, verlief dessen 50jährige
Jubelfeier in Stiller Weise im allerengsten Kreise. Eine Unmenge von
Zuschriften von Privaten sowie solche sehr ehrendem Inhalt liefen ein vom
Verband der Israelitischen Gemeinden Bayerns mit einer Ehrengabe, vom
Distrikt-Rabbinate Würzburg und ein sehr herzlich gehaltenes
Glückwunschschreiben der hiesigen politischen Gemeinde; das Schreiben der
letzteren ist ein erfreuliches Zeichen des schönen Verhältnisses der
drei Konfessionen in hiesiger Gemeinde. Möge dies weiter so
bleiben." |
Artikel von Lehrer Kissinger "Selbstachtung"
- Kritische Betrachtung (1923)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. August 1923: "Selbstachtung.
Kritische Betrachtung von Hauptlehrer a.D. S. Kissinger in Urspringen.
Abwehr und Wiederaufbau! Unter diesen Zeichen steht heute das Streben des
deutschen Volkes! Für uns Juden ist es nicht nur eine nationale, sondern
auch eine religiöse Pflicht, an der Wiedergenesung unseres geliebten
Vaterlandes nach Kräften mitzuhelfen. Uns Juden aber, wenigstens denen,
denen das Judentum keine hohle Phrase, sondern ein unser ganzes Leben
durchdringendes Gesetz ist, obliegt noch eine andere Pflicht, d.i. Abwehr
und Wiederaufbau auf dem Gebiete des religiösen Lebens, Abwehr aller
destruktiven Bestrebungen, deren Endziel die Zersetzung des religiösen
Lebens ist und Wiederaufbau des durch die Zeitverhältnisse und den Krieg
stark in Mitleidenschaft gezogenen toratreuen Pflichtenlebens. Die
Auswirkung des Krieges nach dieser Richtung zeigt sich bei einem großen
Teil der Judenheit, auch bei einem Teil der sich noch orthodox nennenden,
in erschreckender Weise. Man hat keine Mittel mehr für die Mizwot
(Weisungen) an Pessach, für die Arba'a Minim am Sukkot-Fest
(Laubhüttenfest) und für die Lichter am Chanukka-Fest, für Mischloach
Manot (Geschenke geben) an Purim, für Anschaffung der Tefillin,
Talit und Mesusa, für die Erfüllung der heiligsten
Pflichten der Frauen ist bei vielen Alles zu teuer, im Hause sieht man
keine Tefila und Chumasch mehr, das Lesen einer jüdischen
Zeitschrift neben den Tagesblättern, die Anschaffung eines belehrenden
Buches aus religiöser Literatur wird als unmöglich bezeichnet und für
die Besoldung der Kultusbeamten, die Vertreter ihrer vitalsten
Angelegenheiten, hat man in vielen Gemeinden eine geradezu unbegreifliche
Hartherzigkeit und ein an Zynismus grenzendes Verhalten an den Tag gelegt.
Ich frage nun: Sagt man denn auch bei anderen Anforderungen des Lebens
auch sofort: Non possumus - das können wir nicht leisten? Leistet man
sich da nicht häufig mehr als das Allernotwendigste, auf das man sich
heute in den Nöten der Zeit beschränken sollte? Und wenn wir heute
vielfach über Missachtung des Judentums klagen hören, so frage ich:
Woher soll denn die Achtung kommen, wenn man in nichtjüdischen Kreisen
sieht, wie leichtfertig und arrogant man sich über die heiligsten
Religionsgesetze hinwegsetzt? Wie kann unser Ansehen erhalten werden, wenn
man seine engeren Beamten hungern und darben lässt, wenn man sie
Beschäftigungen in die Hände treibt, die absolut mit dem Stand
unvereinbar sind? Früher hat man den Opfersinn der Juden
behördlicherweise zum Öfteren öffentlich anerkannt, den sie für die
Erhaltung ihrer Bildungsan- |
stalten
an den Tag legten, heute dagegen lässt man sie untergehen und zum Teil
ein kümmerliches Dasein fristen. Wie oft schon haben nichtjüdische
Geistliche die Juden z.B. an der Beobachtung ihrer Sabbate und Feiertage
in ihren Predigten als Muster angeführt, heute scheuen sich oft junge
Leute nicht, an den Feiertagen und Samstagen ohne Rücksicht auf ihre
religiös-fühlenden Eltern anzukommen und abzureisen. Da ich gerade bei
der Nichtachtung unserer eigenen Sache stehe, möchte ich auf einen sehr
wunden Punkt hinweisen. gegen nichtjüdische Beamte zeigt man oft ein
geradezu von Seriosität strotzendes, rücksichtsvolles Benehmen, während
man häufig gegen die eigenen jüdischen Beamten mit einer geradezu
zynischen Gleichgültigkeit sich verhält. Ich bin gewiss der Letzte, der
die Verletzung der konventionellen Pflichten gegen Andersgläubige das
Wort redet und habe während meiner 45jährigen Dienstzeit zur Genüge
bewiesen, allein ich verlange die gleiche Rücksicht und Anerkennung auch
für den jüdischen Beamten sowohl in dienstlicher als auch in
gesellschaftlicher Hinsicht. Ich fasse meine Ausführungen in das Resümee
zusammen und sage: Selbstachtung müssen wir üben, Selbstachtung
bezüglich unserer religiösen Pflichten, Hochachtung gegen die eigenen
Beamten und ihre Bildungsstätten, Achtung all dessen, was den Juden erst
recht zu einem Juden stempelt. Wir müssen den von Herrn Regierungsrat
Goslar in einer Versammlung in Frankfurt am Main gemachten Ausführungen,
dass wir den Antisemitismus am besten bekämpfen, wenn wir alle ganze
Juden sind, uneingeschränkt beipflichten.
Erst wenn sich das Prophetenwort 'deine Zerstörer und Verwüster
ziehen fort von dir' (Jesaja 49,17), d.h. wie der unvergessliche
Mendel Hirsch übersetzt: wenn die, die dich zerstörten und niederreißen
wollen, aus dir verschwinden, erst dann wird für uns wieder das Morgenrot
besserer Tage anbrechen und die Selbstachtung wird uns auch die Achtung
unserer nichtjüdischen Mitmenschen als Lohn einbringen nach dem bekannten
Ausspruch (hebräisch und deutsch): 'Wer mich ehrt, den werde ich wieder
ehren lassen.'" |
Artikel von Lehrer Kissinger
"Die Hebung des jüdischen Lebens in Stadt und Land" (1924)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. August 1924: "Die
Hebung des jüdischen Lebens in Stadt und Land. Von S. Kissinger,
Hauptlehrer a.D. in Urspringen. Es ist höchst erfreulich, dass sich
zurzeit vielfach Bestrebungen zeigen zur Hebung des jüdischen Wissens und
Lebens in Stadt und Land, denn es sind hier wie dort weite Kreise fast auf
dem Nullpunkt angelangt. Man suchte seither durch allerlei Vorträge eine
Besserung herbeizuführen, allein die Erfolge waren ähnlich wie bei den
Literaturvereinen so minimal, dass ein weiteres Beschreiten dieses Weges
nicht zu empfehlen ist. Die verschiedenen Vereinigungen suchen durch
Wanderredner und Wanderlehrer etwas zu erreichen. Die Leute auf dem Lande
z.B. sind aber nach des Tages Mühen weder geistig noch körperlich zum
Anhören eines gelehrten Vortrages disponiert; ähnlich wird es in den Städten
sein. So wurde mir erzählt, dass ein Redner, der seinen Vortrag
rechtzeitig angekündigt hatte, in einer 150 Seelen zählenden Gemeinde
vor einem halben Dutzend Menschen sprechen musste. Bei dem zurzeit
herrschenden Indifferentismus auf religiösem Gebiet und bei der
wirtschaftlichen Not braucht man sich über derartige Erscheinungen nicht
zu wundern. Wie soll nun eine Wandlung zum Besseren erzielt werden? In
erster Linie muss das Streben der maßgebenden Kreise, wozu auch die
Gemeinden gehören, darauf abzielen, Lernmöglichkeiten für die Jugend zu
schaffen, durch die es ihr möglich ist, ihr Schulwissen in den
Religionsfächern zu erweitern. Mit der Schaffung der Schulen bzw.
Unterrichtskurse muss aber auch darauf hingewirkt werden, dass die
Angehörigen zunächst sich selbst für die jüdischen Ideale
interessieren, dieses Interesse auf ihre Kinder übertragen und sie zur
Weiterbildung im jüdischen Schrifttum anhalten.
Wie kann nun das Interesse für das Judentum in den Familien geweckt
werden. Ich glaube, unsere Führer des letzten und gegenwärtigen
Jahrhunderts haben uns den Weg gezeigt, indem sie ihre Geistesprodukte in gemeinfasslicher
Sprache schrieben, um sie so der großen Masse leichter zugänglich zu
machen. Greifen wir diesen Fingerzeig auf und sorgen wir dafür, dass die
Schriften in jedes jüdische Haus wandern. In keinem Hause sollten die
bekannten populären religionsgesetzlichen Schriften fehlen. Nicht zu
vergessen sei die weitgehendste Verbreitung auf dem Boden positiven
Schrifttums stehender, jüdischer Zeitschriften. Die Art und Weise, wie
die bekannten Schriften verbreitet werden sollen, hängt mit der Klugheit
und dem Takt der mit der Sache Betrauten ab.
Nun wird man mir einwenden, woher die Mittel nehmen zu dem großzügigen Unternehmen?
Dazu sei folgendes bemerkt. Wenn man die horrenden Beträge für
Wanderredner und Wanderlehrer, für deren Reisen und Verpflegung, für
Bereitstellung, Beheizung und Beleuchtung der Lokale usw., für die
Herstellung obengenannter Werke und entsprechender Zeitschriften verwenden
würde, so könnte man viele Tausende von Exemplaren in die Hände des
Publikums gelangen lassen. Außerdem wird sich so mancher Mäzen finden,
der für den Zweck eine Auflage eines guten Werkes veranlasst und zur
Verfügung stellt, wie dies ja z.B. in Frankfurt am Main schon öfters der
Fall war.
Ich bin der festen Überzeugung, dass in vielen Familien die anziehend
geschriebenen Schriften und Zeitschriften gerne gelesen werden, und dass
ein ganz neuer Geist in viele Familien getragen und so der Boden für das
eigentliche Lernen gründlich vorbereitet wird nach den Worten Jecheskel
(Hesekiel) Kap. 36 Vers 26: 'Ich werde euch geben ein neues Herz und
einen neuen Geist. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe
euch ein Herz von Fleisch'." |
Ausschreibung der Lehrerstelle nach der Zurruhesetzung von Lehrer Kissinger 1929
Zeitschrift "Der
Israelit" am 13. Juni 1929: "Die Israelitische Kultusgemeinde
Urspringen (Unterfranken) beabsichtigt möglichst sofort ihre frei
gewordene Lehrerstelle wieder zu besetzen. Bewerber, die der
gesetzestreuen Richtung angehören, die Schlussprüfung an einem
staatlichen anerkannten Lehrerseminar abgelegt haben und das Kantorat
sowie den Schächtdienst zu übernehmen in der Lage sind, werden ersucht
Bewerbungen unter Vorlage von Zeugnissen bei dem unterfertigten Vorstand
einzureichen. Der Gehalt bemisst sich nach der Besoldungsordnung des
Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Dem Beamten obliegt neben
dienstlichen Verpflichtungen in der Gemeinde Urspringen auch der
Religionsunterricht, die Schechita sowie die religiöse Betreuung der
Gemeinden Karbach und Marktheidenfeld nach Maßgabe näherer Vereinbarung.
Urspringen, den 7. Juni 1929. Der Vorstand der Israelitischen
Kultusgemeinde Urspringen. Bernhard Dillenberger. |
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Dieselbe
Ausschreibung in der "Bayerischen Israelitischen
Gemeindezeitung" vom 15. Juni 1929. |
Aus dem jüdischen Gemeinde-
und Vereinsleben
80jähriges Bestehen der Chewra (Wohltätigkeits- und
Bestattungsverein) (1931)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. April 1931:
"Urspringen, 16. März (1931). Die Chewra konnte am 27. Adar (= 16.
März 1931) auf ihr 80jähriges Bestehen zurückblicken. Die Chewra wurde
im Jahre 1851 durch Herrn Lehrer Heilner (nicht: Frilner!) gegründet und sind die von dem
Gründer wunderbar ausgearbeiteten Statuten fast alle heute noch maßgebend.
Derzeitiger Kassierer ist Justin Adler, der das Amt seit 7 Jahren
bekleidet." |
Vorstandwahlen (1936!)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. März 1936: "Urspringen,
16. März (1936). In der heute vorgenommenen Neuwahl für den Vorstand der
hiesigen Kultusgemeinde wurden gewählt: 1. Vorstand Justin Adler, 2.
Vorstand Hermann Landauer, Kassier: Berthold
Rotfeld." |
Berichte
zu einzelnen Personen aus der Gemeinde
Zum Tod des aus Urspringen stammenden Rabbiners Samuel Wormser (1892)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Mai 1892: "Nekrolog. Anfangs April brachten diese Blätter die traurige Kunde
von dem Ableben des Gersfelder
Distriktrabbiners Wormser – das Andenken an den Gerechten ist zu Segen
-. Der ausdrückliche Wunsch des bescheidenen Entschlafenen verbot der
kurzen Notiz einen wohlverdienten Nekrolog beizufügen. Heute, nachdem die
Trauertage verflossen, können wir es uns jedoch nicht versagen, des edlen
Toten nochmals in kurzen Worten zu gedenken.
Was Rabbiner Wormser für die große Welt gewesen, das aufzuführen ist
wohl unnötig. Jedermann weiß, mit welch aufopfernder Liebe er vierzig
Jahre lang sich den Sammlungen von Beiträgen für palästinische Zwecke
unterzogen. Selbst hervorgegangen aus einer wenig bemittelten
Lehrerfamilie, kannte er aus eigener früherer Erfahrung das Herz der bedürftigen
Armen und nie verließ ein Armer unbeschenkt sein Haus und ohne, dass der
Verschiedene ihn nach Maßstab der eigenen Vermögensverhältnisse
beschenkt hatte. Trotz des bescheidensten Gehalts überwies der Edle seine
Trauungsgebühren meist der verschämten Armut, sich persönlich nur das
unumgänglich Notwendigste gönnend. Obwohl er durch seine 50jährige
Amtstätigkeit zur Überweisung der ‚Ludwigsmedaille’ berechtigt war,
machte er von einer diesbezüglichen Bewerbung keinen Gebrauch.
Zu Urspringen in Unterfranken
geboren, erreichte Rabbiner Wormser – das Andenken an den Gerechten
ist zum Segen – das hohe Alter von 85 Jahren. Der Verstorbene
hinterließ 6 Kinder, von denen einer, Herr Lehrer Leopold Wormser der rührige
Direktor des Dinslaker Waisenhauses ist. Gott möge die trauernden
Hinterbliebenen trösten. Die Gersfelder Gemeinde aber, deren Seelenhirt
der Verblichene während seiner ganzen Amtsdauer war, ist durch doppelte
Weise Gelegenheit geboten, ihren heimgegangenen Rabbiner zu ehren und zwar
einerseits durch Beherzigung der Lehren und des Lebens desselben und
andererseits, indem sie der Witwe desjenigen, der so lange für sie
gearbeitet – den Abend ihres Lebens durch ausreichende Pension
erheitern." |
Zum Tod des jüdischen Arztes Dr. M. Drey im
Frühjahr 1885, 54 Jahre Arzt in Urspringen
Artikel
aus der Zeitschrift
"Der Israelit" vom 11. Mai 1885: "Urspringen, 1. Mai
(1885). Heute wurde der nach kurzem Krankenlager dahier verschiedene Herr Dr. M.
Drey zur letzten Ruhe nach Laudenbach verbracht. Der Verstorbene, der seit 54
Jahren hier mit den schönsten Erfolgen wirkte, stand bei allen, die ihn näher
kannten, in größter Achtung. eine große Menschenmenge begleitete die Leiche
und als erst der herbeigeeilte Herr Rabbiner Bamberger aus Würzburg in
ergreifenden Worten die Verdienste des Dahingeschiedenen um die leidende
Menschheit schilderte, blieb fast kein Auge tränenleer. War doch der Verlebte
ein äußerst pflichttreuer, gewissenhafter Arzt, ein treuer Ratgeber Aller, die
ihn aufsuchten; ja sogar in der Beobachtung seiner religiösen Pflichten ließ
er sich, nur in dringenden Fällen ausgenommen, nicht stören. Trotz seines sehr
hohen Alters besuchte er noch bis zuletzt in seiner ausgedehnten Praxis
regelmäßig seine Patienten. Auch für die Armen hatte er stets eine offene
Hand, aber immer nur da, wo er überzeugt war, dass Almosengeben am Platz war.
Möge er in jener Welt den Lohn seiner Taten reichlich ernten"
|
Zum Tod von Särche Schloß geb.
Weigersheimer aus Heßdorf 1891
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Dezember 1891:
"Urspringen. Am Ausgang des Heiligen Schabbat, dem 14. Marcheschwan
(= 14. November 1891) starb hier Frau Särche Schloss geb. Weigersheimer
aus Heßdorf. Aus einem für alles
Jüdische begeisterten Hause stammend, ausgerüstet mit einem bei Frauen
seltenen Wissen aus unserer Heiligen Literatur, erfahren in allen Zweigen
der wichtigsten Religionsvorschriften, getragen von einer seltenen
Begeisterung für diem heilige Tora war sie das Muster eines echt
jüdischen Weibes, einer tüchtigen Gattin und einer zärtlichen Mutter.
Gastfreundschaft zu üben, Torabeflissene zu beehren und deren
Bestrebungen zu unterstützen, der Besuch des Gottesdienstes an Werk- und
Feiertagen, die peinlichste Gewissenhaftigkeit in den Pflichten ihres
Wirkungskreises waren Eigenschaften, die sie in hohen Maße
auszeichneten." |
25jähriges Jubiläum von Lion Adler als Vorstand der Gemeinde ( 1907)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. März 1907:
"Urspringen, 8. März (1907). Am 19. dieses Monats begeht Herr Lion
Adler sein 25jähriges Jubiläum als Vorstand der hiesigen israelitischen
Gemeinde. Es ist ihm seitens der Kultusgemeinde eine entsprechende Feier
und Ehrengabe zugedacht." |
Eisernes Kreuz für den Weltkriegsteilnehmer Rudolf
Dillenberger (1914)
Meldung
aus dem "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 16.
Oktober 1914: "Urspringen. Artillerist Rudolf Dillenberger, Sohn des
Gutsbesitzers Bernhard Dillenberger erhielt das Eiserne
Kreuz".
|
Goldene Hochzeiten von Nathan Fränkel und Hannchen geb. Sauer sowie Abraham
Dillenberger und Jeanette geb. Schloß (1925)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Juni 1925: "Urspringen,
1. Juni (1925). Am 15. Juni fern H. Nathan Fränkel und seine Frau
Hannchen geb. Sauer, und am 22. Juni H. Abraham Dillenberger und seine
Frau Jeanette geb. Schloß das seltene Fest ihrer goldenen Hochzeit." |
Mitteilung über den aus Urspringen stammenden Lehrer Ferdinand Kissinger (1929)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. November 1926: "Urspringen,
17. November (1926). Der hier gebürtige, an der israelitischen
Volksschule in München angestellte Lehrer Ferdinand Kissinger wurde von
der Regierung von Oberbayern zum Hauptlehrer befördert." |
Zum 60. Geburtstag von Lina Adler (1931)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. März 1931:
"Urspringen, 8. März (1931). Eine der beliebtesten und angesehensten
Frauen unseres Ortes, Frau Lina Adler Wwe. Feiert am 25. Adar ihren 60.
Geburtstag. Frau Adler ist eine Frau von echt jüdischer Frömmigkeit.
Seit 14 Jahren bekleidet sie das Kassieramt des Israelitischen
Frauenvereins in gewissenhafter und mustergültiger Weise. Gott möge sie
noch lange Jahre gesund und frisch erhalten." |
Zur Goldenen Hochzeit von Bernhard Dillenberger und Betty geb. Frank (1933)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Juli 1933:
"Urspringen, 13. Juli (1933). Am 19. Juli feierten die Eheleute
Bernhard Dillenberger und Frau Betty geb. Frank in Urspringen bei
Karlstadt am Main das seltene Fest der Goldenen Hochzeit. Die Jubilare
befinden sich noch bei bester Gesundheit und feierten an diesem Tage im
engsten Familienkreise mit ihren Kindern und Enkeln dieses Freudenfest.
Fünf Söhne der Jubilare kämpften fürs Vaterland." |
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Links:
Grabsteine von Bernhard Dillenberger (gest. 1939) und Betty Dillenberger
geb. Frank (gest. 1936) auf dem jüdischen Friedhof in Laudenbach. |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
| Anzeige von
Distriktrabbiner Bamberger, Würzburg (1884) |
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. März 1884: "Ich
sehe mich veranlasst, hiermit zu erklären, dass ich für die rituelle
Zubereitung der Mazzos bei Herrn Bäcker Adler in Urspringen
keinerlei Garantie übernehme.
Distiktsrabbiner Bamberger, Würzburg." |
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| Anzeige des Putz-, Mode-
und Weißwarengeschäftes Abraham Adler (1890) |
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. August 1890: "Ein
mit der Putz-, Mode- und Weißwarenbranche vertrautes Mädchen sucht in
einem an Sonn- (gemeint wohl Schabbat!) und Feiertagen
geschlossenen Geschäfte Stelle als Volontärin.
Offerten beliebe man an Abraham Adler, Urspringen bei Karlstadt am Main zu
senden." |
Doppel-Verlobungsanzeige von Friedl Adler und Jacob
Schönfärber sowie Lina Schönfärber und Justin Adler (1930)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. April 1930:
"Friedl Adler - Jacob Schönfärber Lina
Schönfärber - Justin Adler.
Verlobte.
Urspringen - Kitzingen - Kitzingen -
Urspringen/Würzburg. Nissan 5690." |
Zur Geschichte der Synagoge
Die erste Synagoge wurde noch im 17. Jahrhundert als
kleinerer Fachwerkbau errichtet (erste Erwähnung 1702).
1803 wurde im frühklassizistischen Stil eine neue
Synagoge auf dem Grundstück der bisherigen Synagoge erstellt, die bis zur Schändung beim Novemberpogrom 1938 Zentrum des
jüdischen Gemeindelebens bleiben sollte. Beim Bau der neuen Synagoge
sollen Steine des 1802 abgebrochenen Teiles des Urspringener Schlosses verwendet
worden sein. Ein größerer Umbau der Synagoge fand 1860 statt. Bis dahin waren
die Bima (Almemor) mit dem Vorlesepult in der Mitte des Raumes; seitdem wurde
sie mehr in die Nähe des Toraschreines gerückt. Die mobilen Betständer (Stehpulte)
wurden durch Bankreihen ersetzt.
1932 wurde die Synagoge letztmals renoviert.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde von SA-Leuten die Synagoge aufgebrochen,
die Torarollen wurden hinausgeworfen und aufgerollt über die Straße
geschleift. Andere Ritualien wurden zur Kreisleitung der NSDAP nach
Marktheidenfeld gebracht. Es ist nicht bekannt, was mit ihnen geschah.
Nach
1945 blieb zwar das Gebäude der Synagoge stehen, doch war der Umgang mit diesem
Haus und der jüdischen Geschichte des Ortes jahrzehntelang mit großen
Schwierigkeiten verbunden. Dies geht noch aus einem Artikel hervor, in dem
über eine im Herbst 1985 durchgeführte Exkursion der Gesellschaft für
christlich-jüdische Zusammenarbeit in Unterfranken und die Erlebnisse in
Urspringen berichtet wird (Artikel aus: "Der Landesverband der
Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern" Dezember 1985 S. 8-9): "...
Wenn der Schlüssel zur Urspringer Synagoge mit 'Schuttplatz' etikettiert ist,
dann wird Nomen zum Omen, wenn zudem der Schlüssel nicht wie mit dem
Bürgermeister verabredet, im Nachbarhaus liegt beziehungsweise erst trotz
vorheriger Information beim Ortsvorsteher abgeholt werden muss, der es von sich
aus nicht für nötig hält, selbst anwesend zu sein und - was eine Sache des
Anstandes ist - den Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde, Herrn David
Schuster, und die übrigen Exkursionsteilnehmer zu begrüßen, dann kann und
darf dies nicht entschuldigt werden. Die Synagoge von Urspringen, einst das
Bethaus der Jüdischen Bewohner, ein architektonisch sehr wertvolles Bauwerk,
nunmehr in Gemeindebesitz, befindet sich in einem erbärmlichen Zustand, genau
gesagt in dem vom 9./10. November 1938. Zunächst als Holzabladeplatz der
umliegenden Bewohner 'genutzt', ist sie seit etwa 3 Monaten mit dem Holzschild
'Ehemalige Synagoge' zumindest gekennzeichnet, nicht mehr. Kein Wort über die
Zerstörung und Schändung im Jahre 1938. Schließlich gibt es doch dazu eine
Verordnung für die Gemeinden mit Synagogen für den Regierungspräsidenten von
Unterfranken, eine Tafel an den Gotteshäusern anzubringen, die diesen
Sachverhalt ungeschminkt festhalten soll. Davon hat man anscheinend in
Urspringen nicht gehört und will es nicht zur Kenntnis nehmen. Soll die
Synagoge gar abgerissen werden, wie schon geäußert wurde? Ist das die
Auseinandersetzung mit Geschichte, die allseits, gerade auch in Bayern gefordert
wird? Gehört dazu nicht auch die Erhaltung und Pflege von Synagogen und
Friedhöfen, letzte Zeugen einer fast 1000jährigen gemeinsamen Geschichte
zwischen Juden und Christen. In Urspringen will man aus dieser Geschichte
offensichtlich aussteigen. Wie hätte man sonst die Judengasse in Dorfstraße
umbenannt? Hier kommen jahrelange Versäumnisse zum tragen, die von Politikern
und auch von der örtlichen Geistlichkeit zu verantworten sind. Nicht einmal
heute eine Geste des guten Willens, ein Gefühl von Scham?! Mitscherlichs
traurige Feststellung von der 'Unfähigkeit zu trauern' hat angesichts dieses
Verhaltens weiterhin Gültigkeit." |
Wie aus obigem Artikel hervorgeht, war die ehemalige Synagoge nach 1938
jahrzehntelang als Lagerraum zweckentfremdet worden. Die Inneneinrichtung
blieb jedoch beschädigt erhalten (Aron Hakodesch mit mehreren hebräischen
Inschriften, Frauenempore mit tragenden Säulen). Seit Mitte der
1980er-Jahre gab es Bemühungen, den Zustand des Synagogengebäudes zu
verbessern und das Gebäude einer würdigen Nutzung zuzuführen. In Vorbereitung
einer Sanierung konnte 1988 im Dachraum eine Geniza entdeckt werden. Die Renovierung
wurde 1989 bis 1991 durchgeführt. Seitdem ist die ehemalige Synagoge eine Gedenkstätte, kulturelles Zentrum
sowie Museum zur Geschichte der Juden in der Region Main-Spessart. Mit
verschiedenen kulturellen und Gedenk-Veranstaltungen wurde im Jahr 2003
das 200jährige Bestehen des Gebäudes begangen. In der Synagoge sind
Kultgegenstände (Toramäntel, Gebetsbücher, Taschen- und Wandkalender) und
Dokumente zum Leben jüdischer Gemeinden im Landkreis Main-Spessart ausgestellt. Die
Synagoge Urspringen war mit Exponaten auf der internationalen Genizah/Genisa-Ausstellung
1992/93 und mit einem Abguss ihres Chuppa-Steines auf der Mappot-Ausstellung in
München 1997 - beide veranstaltet von The Hidden Legacy Foundation, London -
vertreten.
Erhalten hat sich als landwirtschaftliches Nebengebäude das 1826 in der
Quellenstraße errichtete Badehäuschen (Mikwe).
Adresse/Standort der Synagoge: Judengasse 5 (alte
Bezeichnung des hinteren Teiles der Judengasse: Schulhof, nach 1945 zeitweise
Adresse Dorfgasse 5)
Besichtigungsmöglichkeiten der Synagoge: vom 1. Mai
bis 30. September sonntags von 15-17 Uhr beziehungsweise vereinbar über Telefon
0-9396-385.
Hinweis auf den Förderkreis Synagoge Urspringen:
1990 wurde der "Förderkreis Synagoge Urspringen" gegründet, der
seitdem die Synagoge mit der Ausstellung betreut sowie Sonderausstellungen,
Vorträge und Veröffentlichungen initiiert. Kontaktadresse:
Förderkreis Synagoge Urspringen e.V. 1. Vorsitzender Dr. Leonhard Scherg
Luitpoldstraße 17 97828 Marktheidenfeld. E-Mail.
Fotos
(Außenaufnahmen Judengasse und ehemalige Synagoge: Hahn,
Aufnahmedatum 1.10.2006)
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Blick in die Judengasse, an
deren Ende (rechts) die ehemalige Synagoge steht |
Mesusa am Nachbargebäude zur
ehemaligen Synagoge |
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Historisches
(Aufnahme vom 24.7.1929 durch Theodor Harburger)
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Oben: Toraschmuck
aus der Synagoge Urspringen (Quelle: Central Archives Jerusalem,
veröffentlicht in: Th. Harburger, Die Inventarisation Bd. 3 S. 741). |
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| Die ehemalige Synagoge nach
der Renovierung |
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| Blick auf die ehemalige
Synagoge von der Judengasse (Nordseite) |
Westliche
Wandseite mit dem Hochzeitsstein und der üblichen (hier abgekürzten)
Inschrift:
"Kol sasson wekol simcha, kol
chatan wekol kalla": "Die Stimme der
Wonne und der Freude, die Stimme des Bräutigams und der Braut", vgl.
Jeremia 7,34 sowie inmitten des Davidsternes die Buchstaben für Mazel
Tow = Gut Glück |
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Die an Stelle des
Zugangs zu dem nach 1938 als Lager zweckentfremdeten Eingangstores durch
den Darmstädter Künstler Cornelis F. Hoogenboom gestaltete Türe
erinnert an die Deportationswege der Urspringer Juden. |
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| Innenaufnahme der
ehemaligen Synagoge nach der Renovierung |
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Foto: Albrecht Winkler
(Quelle: www.synagogen.info) |
Innenaufnahme aus der Website
der Stadt Marktheidenfeld (Quelle s.u. Links) |
Erinnerungsarbeit vor
Ort - einzelne Berichte
| Oktober
2008: Jahresversammlung des
Förderkreises Synagoge Urspringen am 18.10.2008 |
Artikel von Martin Harth im
"Main-Echo" am 22. Oktober 2008 Förderkreis Synagoge Urspringen bleibt weiterhin aktiv.
Jahresversammlung: 20 Jahre an jüdisches Leben erinnert – Als kompetenter Ansprechpartner etabliert – Gedenkveranstaltung am 9. November.
Urspringen. Zur Jahresversammlung mit Neuwahlen kam am Samstagabend der Förderkreis Synagoge Urspringen im Pfarrheim von Urspringen zusammen. Vorsitzender Dr. Leonhard Scherg erinnerte daran, dass der Förderkreis im nächsten Jahr 20 Jahre lang als zentrale Anlaufstelle für Informationen zum früheren jüdischen Leben im Landkreis Main-Spessart wirkt. Im Jahr 2001 übernahm er die Programmgestaltung für die restaurierte Synagoge Urspringen als zentrale Gedenkstätte im Landkreis Main-Spessart. Diese Arbeit habe man erfolgreich gestalten können.
Jederzeit Führungen organisiert Die Mitgliederzahlen seien allerdings rückläufig. Nach dem Tod von Franziska Amrehn konnten die Öffnungszeiten der Synagoge zunächst weiter organisiert werden. Für nächstes Jahr müsse man aber in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Urspringen eine neue Lösung mit jungen Leuten suchen. Führungen durch das Denkmal und den
Friedhof in Karbach konnten jederzeit organisiert werden. Auch der jüdische
Friedhof in Laudenbach kann unter sachkundiger Führung von Georg Schnabel jederzeit besucht werden.
Der Förderkreis habe sich als kompetenter Ansprechpartner, gerade auch für Nachkommen jüdischer Familien etabliert. Er konnte auch der Gemeinde Karbach bei der gelungenen Rekonstruktion der ehemaligen Mikwe auf dem Marktplatz und der Gemeinde Adelsberg bei der Herausgabe einer Ortsgeschichte Informationen geben.
Ein besonderes Ereignis sei der von der Sparkassenstiftung unterstützte Erwerb eines Beschneidungsbuchs des David Adler aus Urspringen (wir berichteten). Eine erste Augenscheinnahme habe ergeben, dass das einmalige Dokument, in dem 366 Beschneidungen aus den Jahren 1813 bis 1856 im gesamten Raum um Marktheidenfeld verzeichnet sind, auf Papier geschrieben ist, das in der Homburger Papiermühle hergestellt worden war. Zur weiteren Bearbeitung wurde das Buch inzwischen digitalisiert.
Nach dem Bericht von Schatzmeister Peter Kausemann dankte Urspringens Bürgermeister Heinz Nätscher dem Förderkreis, weil er die Gemeinde von einer wichtigen Aufgabe fachgerecht entlastete. Er wünschte sich, im nächsten Jahr zum 20. Jubiläum die Synagoge wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Wünschenswert sei auch ein schnelles und koordiniertes Zusammenwirken der Stadt Marktheidenfeld und der Gemeinden der Verwaltungsgemeinschaft bei der Aufarbeitung gemeindlicher Archive. Aus Urspringer Sicht vermute er, dass dabei auch manches Dokument zur jüdischen Geschichte auftauchen könne.
Für den 9. November 2008 kündigte Dr. Scherg eine Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag des Novemberpogroms von 1938 im Zusammenwirken mit dem evangelischen und katholischen Dekanat an. Die Urspringer Genisa wird unter einem halben Dutzend derartiger Funde in ehemaligen unterfränkischen Landsynagogen bei einem Ausstellungsprojekt der Synagoge Veitshöchheim und der Landesstelle für nichtstaatliche Museen in Bayern Berücksichtigung finden.
Zum 20-jährigen Bestehen des Förderkreises im Jahr 2009 soll über den Winter eine Ausstellung konzipiert werden, die das Wirken des Vereins in seiner ganze Breite darstellt.
Schließlich stellt das erworbene Beschneidungsbüchlein den Förderkreis vor neue Aufgaben. Um es interessierten Menschen zu erschließen, soll es aus der hebräischen Schrift und jiddischen Sprache ins Deutsche übertragen werden, wofür man noch einen Fachmann sucht. Mit der Hilfe von Förderern soll es dann mit weiteren Dokumenten zur jüdischen Geschichte veröffentlicht werden. |
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| August
- September 2009: Ausstellung
"Abgelegt" in der ehemaligen Synagoge Urspringen |
Artikel
in der "Mainpost" vom 30. Juli 2009: "URSPRINGEN -
Mit Ehrfurcht beiseite gelegt
Ausstellung "Abgelegt" in ehemaliger Synagoge Urspringen eröffnet.
Bis Mitte September bietet die Ausstellung "Abgelegt" in der ehemaligen Synagoge Urspringen einen noch tiefer greifenden Einblick in das religiöse Leben des einstigen Landjudentums in Unterfranken, als es an dieser Stelle ohnehin der Fall ist.
Urspringens Bürgermeister Heinz Nätscher begrüßte eine ganze Reihe von Gästen zur Ausstellungseröffnung. Neben einigen Bürgermeistern und Kreistagkollegen war auch Pfarrer Mariusz Dolny an den historischen Ort gekommen.
Eine Delegation vom Förderkreis Synagoge Arnstein hatte Gäste aus dem israelischen Ort Gezer mitgebracht, mit dem die Stadt Arnstein eine Städtepartnerschaft anstrebt. Außerdem waren auch Vertreter der deutsch-israelischen Gesellschaft aus Frankfurt am Main zugegen und mit Elisabeth Singer war die für Urspringen zuständige Mitarbeiterin des Genisa-Projekts aus Veitshöchheim anwesend.
Mahnung für die Gegenwart. Nätscher nannte die frühere jüdische Minderheit, die mit der Deportation durch die Nationalsozialisten ein tragisches Ende gefunden habe, einen einst nicht wegzudenkenden Bestandteil im Ort. Die Gemeinde freue sich, mit Hilfe des Fördervereins und seines Vorsitzenden Dr. Leonhard Scherg mit der Gedenkstätte und dem Museum Synagoge Urspringen die Erinnerung wach halten zu können, die zugleich auch Mahnung für die Gegenwart sei.
Scherg erinnerte in seiner Eröffnungsansprache daran, dass der Genisa-Fund in der bis dahin als Feuerwehrhaus genutzten Synagoge in Veitshöchheim das Interesse an solchen Dingen im ländlichen Unterfranken erst richtig geweckt habe.
"Abgelegt" bedeute nicht, dass man Abfall beiseite geschafft habe, sondern dass man die Zeugnisse des religiösen Alltags bewusst und mit Ehrfurcht wegen ihrer Bedeutung weggelegt habe.
Auf Dachböden aufbewahrt. Die Genisot befänden sich auf den Dachböden der Synagogen heute in sehr unterschiedlichem Zustand. Das hänge von der Erbauung ab und von der späteren Nutzung. Genisa bezeichnet die in den Synagogen aufbewahrten Dokumente und Schriften, die den Gottesnamen enthalten und nicht weggeworfen werden durften, sowie Gegenstände des religiösen Alltags. Sie wurden in den Synagogen aufbewahrt.
In Urspringen führten die aufgefundenen Reste der Genisa nach ihrer Bergung 1998 zurück in die Phase des Erbauungsjahres des Gebäudes 1803. Die Bedeutung der Urspringener Funde sei schon 1992 in der internationalen Genisa-Ausstellung der Hidden Legacy Foundation aus London deutlich geworden. Seit damals seien in Unterfranken weitere Funde hinzugekommen und außerdem sei zu diesem Zeitpunkt auch nicht der volle Umfang wissenschaftlich erfasst gewesen.
In Veitshöchheim konzipiert. Dies sei nun das Verdienst des 1998 bei der früheren Synagoge in Veitshöchheim angesiedelten Genisa-Projekts. Von dort sei auch die in Urspringen gezeigte Wanderausstellung konzipiert worden. Scherg dankte den Mitarbeitern vom jüdischen Kulturmuseum Veitshöchheim, den Gemeinde Veitshöchheim und Urspringen für ihre Unterstützung und weiteren Mitwirkenden bei der Gestaltung der Ausstellung, der Plakate und Handblätter.
Besonderen Dank sprach der Vorsitzende des Fördervereins dem engagierten Frauenkreis um Hedwig Albert aus Urspringen aus, der bei der Eröffnung, den Ausstellungszeiten und beim Aufbau mitwirkten.
Die Ausstellung "Abgelegt" ist bis zum 13. September in der früheren Synagoge (Judengasse) in Urspringen an Sonntagen von 15 bis 17 Uhr zu sehen. Sonderzeiten können mit der Gemeinde Urspringen, Tel. (0 93 96) 99 38
87 oder E-Mail vereinbart werden." |
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| September
2009: Weiterer Bericht über die
Ausstellung |
Foto
links (Harth): Vier unscheinbare Fragmente aus der Urspringer Genisa
erzählen Experten eine Menge über die religiösen Traditionen des
unterfränkischen Landjudentums.
Artikel (mh) in der "Mainpost" vom 1. September 2009: "URSPRINGEN.
Erbauliche Schrift aus alter Zeit: Buch über die Pflicht der Frauen. Sonderausstellung mehrerer Genisa in der ehemaligen Synagoge in Urspringen.
An den beiden kommenden Sonntagen bietet die Ausstellung "abgelegt" des Genisa-Projekts aus Veitshöchheim in der ehemaligen Synagoge in Urspringen die Gelegenheit, mehr über Religion und Tradition des einstigen unterfränkischen Landjudentums zu erfahren. Besondere Beachtung verdienen die aus der Urspringer Genisa stammenden Fundstücke.
Genisa, darunter versteht man den Brauch, unbrauchbar gewordene Schriften und Dinge des religiösen Alltags aus Ehrfurcht nicht einfach wegzuwerfen, sondern sie an bestimmten Orten sorgsam abzulegen, sie aufzubewahren und dem Zugriff Dritter zu entziehen. In Unterfranken geschah dies häufig auf den Dachböden der Synagogengebäude. Unbeachtet überstanden dort einmalige historische Zeugnisse die Jahrhunderte und auch die brachiale Vernichtungswut der Nationalsozialisten.
Die Ausstellung in der früheren Synagoge in Urspringen führt Fundstücke aus
Veitshöchheim, Goßmannsdorf,
Gaukönigshofen, Altenschönbach, Wiesenbronn,
Kleinsteinach und Memmelsdorf zusammen. Aus dem Vergleich der Genisot können Gemeinsamkeiten und Entwicklungen über Jahrhunderte aufgezeigt werden. In der Ausstellung zeigen Zettelkästen Folgerungen und Hypothesen, wie sie das Genisa-Forschungsprojekt in Veitshöchheim seit einigen Jahren wissenschaftlich erarbeiten konnte.
Will man die Ausstellung tief erfassen, muss man schon etwas Zeit mitbringen. Genisot sind ein ziemliches spezielles Gebiet und die Ausstellungsmacher haben es leider versäumt, ihre Erkenntnisse
"populär" aufzuarbeiten. Will man sich intensiv damit befassen, so heißt es viel zu lesen in einer ziemlich unübersichtlichen Zettelwirtschaft. Zum Glück bietet die besser aufbereitete Dauerausstellung auf der Frauenempore der Urspringer Synagoge für Laien eine verständlichere Ergänzung.
Manches, was in den unterfränkischen Genisot entdeckt wurde, hat nicht rein religiösen Hintergrund, sondern erzählt auch vom Leben in früheren Jahrhunderten. So findet man Spendenquittungen, Gemeindeberichte von Rabbinern, die auch schon einmal schmunzeln lassen, eine Bescheinigung über eine Pockenschutzimpfung oder eine fromme Strafarbeit von Schülern.
Besonders interessant ist, was über das rein Papierene hinausgeht wie Gebetsriemen und ihre Aufbewahrungstäschchen, ein Gebetsmantel, Socken oder Schuhe. Sie geben uns auch ein Bild über Materialien und Herstellungsformen, von denen sich nur wenige Beispiele im nichtjüdischen Umfeld erhalten haben.
Aus der Urspringer Genisa, deren Reste 1988 im Dachstuhl der Synagoge gefunden wurde und die seitdem im Magazin des Lohrer Spessartmuseums fachgerecht verwahrt werden, zeigt die Ausstellung aus über 800 Dokumenten vier fragmentarische Funde.
Aus dem Revolutionsjahr 1848 stammt ein Kalender in hebräischer und jiddischer Sprache für das jüdische Jahr 5508.
Der jüdischen Gebetsliteratur entstammt ein "Tikkun Lejl Schawuot" aus dem 18. Jahrhundert, eine Sammlung religiöser Texte. Das in Urspringen gefundene Fragment ist eine Besonderheit und beinhaltet einen Text des um 1500 in Thessaloniki geborenen und nach Safed in Galiläa ausgewanderten Kabbalisten Salomo Halevi
Alkabetz. Das 1776 bei Isaak Zirndorffer in Fürth gedruckte "Buch über die Pflicht der
Frauen" ist den erbaulichen Schriften des rabbinischen Judentums zuzurechnen. Ihm liegt das
"Sefer Mizwoth Ha-Naschim" des polnischen Rabbiners Benjamin Ahron Ben Abraham Slonik aus dem 16. Jahrhundert zugrunde. Das
"schön‘ Frauen Büchlein" gibt Auskunft über Menstruationsgebote, das Lichteranzünden am Sabbat oder die
"Challa", die Absonderung und Verbrennung eines Teil des Teigs beim Backen der Sabbat-Brote.
Regionalgeschichtlich ist schließlich das Fragment eines handschriftlichen Gebets für die Obrigkeit bedeutsam. Das vor 1802 entstandene Unikat dürfte den Schutzherren der Urspringer Juden, den Grafen von Castell, gegolten gaben.
Die Ausstellung "abgelegt" ist in der früheren Synagoge (Judengasse) in Urspringen an Sonntagen von 15 bis 17 Uhr zu sehen. Sonderzeiten: Tel. (0 93 96) 99 38 87." |
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| Rechts: Artikel
"Historische Funde aus Urspringen" aus dem "Lohrer
Echo" bzw. "Main-Echo" vom 2. September 2009 - zum Lesen
bitte Abbildungen anklicken. |
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| Die Ausstellungsdauer wurde verlängert - sie
war auch an den beiden Sonntagen 20. und 27. September von 15-17 Uhr
geöffnet. |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die
jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979
S. 419-420. |
 | Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in
Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische
Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 122. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany -
Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 398-399. |
 | Herbert Bald (Hrsg. im Auftrag des Landkreises
Main-Spessart und des Förderkreises Synagoge Urspringen): Das Projekt
Synagoge Urspringen. Würzburg 1993. |
 | Leonhard Scherg: Jüdisches
Leben im Main-Spessart-Kreis. Reihe: Orte, Schauplätze, Spuren. Verlag
Medien und Dialog. Haigerloch 2000 (mit weiterer Literatur). |
 | ders.: Urspringen. Eine jüdische Gemeinde, eine Synagoge
und eine Genisa. In: Falk Wiesemann (Hrsg.): Genizah - Hidden Legacies of
the German Village Jews - Genisa - Verborgenes Erbe der deutschen Landjuden.
Wien 1992. S. 51-57. |
 | ders.: Die Heilner-Brüder aus Urspringen - Eine
erfolgreiche Auswandererfamilie aus Bayern. In: Margot Hamm, Michael Henkel
und Evamaria Brockhoff: Good Bye Bayern. Grüß Gott Amerika. Augsburg 2004
S. 108-109. |
 | Dirk Rosenstock: Die unterfränkischen
Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche
Quelle. Reihe: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13.
Würzburg 2008. S. 163-165.
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Urspringen Lower Franconia. The first Jews settled in the
early 17th century after their expulsions from Wuerzburg. A new synagogue was
built in 1803 and a Jewish public school was subsequently opened. The Jewish
population reached 220 in 1837 (total 1.060) and thereafter declined steadily to
78 in 1933. Thirteen left in 1935-1938. On Kristallnacht (9-10 November
1938), the synagogue and Jewish homes were vandalized by local SA troops and a
few Jews were sent to the Dachau concentration camp. Another 13 Jews left by
late 1939. Of the remaining 44 Jews, 42 were deported to Izbica in the Lublin
district (Poland) via Wuerzburg on 25 April 1942.

vorherige Synagoge zur ersten Synagoge nächste Synagoge
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