Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Gleusdorf (Gemeinde Untermerzbach, Kreis Hassberge)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:  

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer 
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen  
Links und Literatur   

     

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde         
    
In Gleusdorf bestand eine jüdische Gemeinde bis 1909. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 16./17. Jahrhunderts zurück (nach Angaben bei I. Schwierz s.Lit. bestand "wahrscheinlich ab ca. 1520" eine jüdische Gemeinde). Die ältesten urkundlichen Belege liegen jedoch erst aus der Zeit um 1660 vor, als in Gleusdorf sechs jüdische Familien ansässig waren. 
  
Im 18. Jahrhundert war etwa ein Fünftel der Einwohnerschaft Gleusdorfs jüdischer Konfessionszugehörigkeit. Die jüdischen Familien wohnten in einer eigenen Gasse am südöstlichen Ortsrand.  
   
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: um 1817/20: neun Familien, 1830 44 jüdische Einwohner (15,9 % der Einwohnerschaft von insgesamt 276 Personen), Ende 1830er-Jahre 45 jüdische Einwohner (von insgesamt 330 Einwohnern; nach M. Siebert Das Königreich Bayern... 1840 S. 409). Die jüdischen Familien lebten in ärmlichen Verhältnissen. Neben Viehhandel werden "Landkramhandel", Lumpensammeln, Weberei und Seifensiederei als Erwerbstätigkeiten genannt.   
  
Die Matrikelliste von 1817 für Gleusdorf ist nicht erhalten. Auf einer aus dieser Zeit erhaltenen Unterschriftsliste für die Eidesleistungen werden die folgenden jüdischen Familienvorsteher genannt (mit neuem Familiennamen): Salomon Hermann, Isaac Kunzenhauser (später: Gunzenhäuser), Männlein Herrmann, Jonas Herrmann, Hajum Herrmann, Witwe Schindel Rau, Moses Weil und Witwe Klärla Bank. Nicht in die Matrikel wurde Schir Fleischmann aufgenommen. Mitte des 19. Jahrhunderts waren die jüdischen Familiennamen Baum, Fleischmann, Gunzenhäuser, Herrmann, Kaufmann, Morgenthau, Rau.      
  
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule und - in den mehreren Häusern der "Judengasse" - jeweils ein rituelles Bad. Die Toten der jüdischen Gemeinde wurden im jüdischen Friedhof in Ebern beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war zeitweise ein Lehrer in der Gemeinde tätig war, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. Einer dieser Lehrer war Mitte des 19. Jahrhunderts der 1897 in Wiesenbronn verstorbene Lehrer Jacob Rosenbaum (siehe Bericht unten). Die Gemeinde war orthodox geprägt,  
    
1909 wurde die jüdische Gemeinde Gleusdorf aufgelöst und das Vermögen der Gemeinde der Israelitischen Kultusgemeinde Memmelsdorf übertragen. 1909 ist mit Moritz Gunzenhauser der letzte jüdische Einwohner Gleusdorfs in Ebern beigesetzt worden.   
   
Von den in Gleusdorf geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen ist in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Josef Baum (geb. 1880 in Gleusdorf, später in Bamberg wohnhaft, umgekommen nach Deportation 1941 nach Riga).    
     
     
     
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde      
    
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Zum Tod des Lehrers Jacob Rosenbaum (1897)   

Wiesenbronn Israelit 16121897.jpg (125681 Byte) Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Dezember 1897: "Wiesenbronn, im Kislew. Wiederum hat der Tod eine weite Lücke gerissen, nicht nur in eine Familie und in unsere Gemeinde, sondern für das ganze Judentum wird der Verlust unersetzlich sein. Unser Lehrer und Führer, der hier nahezu 34 Jahre seines Amtes mit großer Treue waltete, Herr Jacob Rosenbaum weilt nicht mehr unter uns. Nachdem er noch am Sonntag unterrichtete, machte am Dienstag Nacht eine Herzlähmung seinem edlen Leben, welches nur der Tora, Aboda (Gottesdienst) und Gemilus Chasodim (Wohltätigkeit) gewidmet war, ein Ende. Mehr als 60 Jahre stand er als Lehrer, Chasan und Schochet in den jüdischen Gemeinden Germersheim, Klein-Ostheim, Gleusdorf, Rödelmaier und zuletzt hier in einer Weise vor, die ihm überall die Achtung, Liebe und Anhänglichkeit seiner Kultusmitglieder erwarb. Davon legte seine am Eref Schabbos (Freitag) stattgehabte Beerdigung den sprechendsten Beweis ab. Von nah und fern waren Freunde, Schüler und Kollegen herbeigeeilt, um dem teueren Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Vor dem Trauerhause gaben die Herren Lehrer Strauß - Kleinlangheim, Lehmann - Schonungen, Eisenheimer - Großenbuseck, Rosenbaum - Berolzheim (Sohn des Verstorbenen) und der protestantische Lehrer Zemer - Wiesenbronn, den Gefühlen des Schmerzes in ergreifenden Reden Ausdruck. Die ganze Bevölkerung Wiesenbronns, ohne Unterschied des Konfession, gab dem von Allen verehrten Dahingeschiedenen das Geleite. Auf dem Begräbnisplatze, in dem eine Stunde entfernten Rödelsee, hatten sich zahlreiche Freunde und Verehrer des Verlebten eingefunden und hier gaben Lehrer Frank - Rödelsee und Kissinger - Frankenwinheim ein treffliches Lebensbild, des als Jehudi, als Lehrer und als Mensch gleich groß dastehenden Mannes, der uns ebenso unersetzlich als unvergesslich sein wird. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."       

    
    
    
Zur Geschichte der Synagoge            
    
Zunächst war vermutlich ein Betraum vorhanden. In den 1850er-Jahren wurde eine Synagoge erbaut. Beim Gebäude handelt es sich um einen massiven Sandsteinquaderbau. Zur Finanzierung der Synagoge wurde eine Sammlung in den bayerischen jüdischen Gemeinden durchgeführt, die von höchster Stelle genehmigt worden war:  

Gleusdorf Synagoge 12061855.jpg (39192 Byte)Anzeige im "Königlich-bayerischen Kreis-Amtsblatt der Pfalz" vom 12. Juni 1855: "...den 8. Juni 1855. 
(Bitte der Israeliten zu Gleusdorf um Bewilligung einer Collecte zum Neubau einer Synagoge betreffend). 
Im Namen Seiner Majestät des Königs.  
Seine Majestät der König
haben allergnädigst zu genehmigen geruht, dass zur Unterstützung der Israeliten zu Gleusdorf, Königlichen Landgerichts Baunach, bei dem Neubaue ihrer Synagoge, in allen Synagogen eine Sammlung frommer Gaben veranstaltet werden dürfe. Die Königlichen Landcommissariate werden beauftragt, benehmlich mit den Bezirks-Rabbinaten zum Vollzug das Weitere zu verfügen und die Erträgnisse der Collecte an die unterfertigte Stelle einzusenden.  
Speyer, den 6. Juni 1855. 
Königlich Bayerische Regierung der Pfalz, 
Kammer des Innern. Hohe. Ernesti".   
 

Vermutlich wurde die Synagoge 1856/57 erbaut und eingeweiht.     
    
Nach Auflösung der jüdischen Gemeinde 1909 wurde das Synagogengebäude verkauft. Es kam in Privatbesitz und wurde später als Mehrzweckraum (Werkstatt, Abstellraum usw.) verwendet. Das Gebäude ist bis zur Gegenwart erhalten. Im Inneren ist noch der blaue Innenanstrich erkennbar, gleichfalls die Spuren des Torascheines.
  
Nach einem Beschluss des Untermerzbacher Gemeinderates vom November 2015 soll das Synagogengebäude für die Zukunft bewahrt werden. Für eine mögliche Sanierung wurde ein Förderantrag an den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung eingereicht. Nach einem ersten Sanierungskonzept ist geplant, das Nachbargebäude der Synagoge (ehemalige jüdische Schule) abzubrechen, um Platz für einen Anbau an das Synagogengebäude (für Eingang, Lager und sanitäre Anlagen) zu gewinnen. 2016 wurde das Synagogengebäude von der Gemeinde Untermerzbach erworben. Es ist geplant, das Gebäude einer öffentlichen Nutzung zuzuführen und dabei in das bereits bestehende Konzept der Synagoge Memmelsdorf einzubinden.    
  
  
  
Adresse/Standort der Synagoge:  Zwischen Dorfstraße 3 und 5 (Nebengebäude rechts von Dorfstraße 3)  
    
    
Fotos   

 Das Synagogengebäude 
in Gleusdorf
 Gleusdorf Synagoge 030.jpg (53583 Byte)  Link zu aktuellem Farbfoto 
  Foto aus den 1980er-Jahre)  
     
Grundstücksplan für ehemalige Synagoge
 und jüdische Schule 
(Quelle: Gemeinde Untermerzbach)  
Gleusdorf Synagoge Plan.jpg (25248 Byte)
  Die Gebäude der ehemaligen Synagoge und der jüdischen Schule sind auf dem Flurstück 25 eingetragen.  
Quelle: Website Initiative Rodachtal - Wohnhaus mit Nebengebäuden in Gleusdorf Flurstücke 10 und 25 (zum Verkauf 2015/16)  
     

    
   
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  

Dezember 2015: Rat nimmt sich der ehemaligen Synagoge an 
Artikel von Helmut Will am 1. Dezember 2015:    
  
 
März 2017: Material zur Gleusdorfer Synagoge gesucht  
Anmerkung: Der Untermerzbacher Bürgermeister Helmut Dietz bittet darum, Bilder, Schriftmaterial und sonstiges Wissen über die jüdische Bevölkerung in Gleusdorf zusammenzustellen und der Gemeindeverwaltung für das geplante Projekt "Jüdische Schule und Synagoge in Gleusdorf" zur Verfügung zu stellen.   
 
 
Dazu Hinweis von Helmut Dietz, 1. Bürgermeister in  Untermerzbach (aus der Website www.untermerzbach.de): 
"LEADER-Förderung: Synagoge Gleusdorf - Erstellung eines Entwicklungskonzeptes zur nachhaltigen Nutzung für die Gemeinde Untermerzbach
Die Gemeinde Untermerzbach mit ihren Orts- und Gemeindeteilen ist eine Flächengemeinde im Landkreis Haßberge mit großem Reichtum an Geschichte, Kulturgütern und Natur. Der Landkreis Haßberge ist als LEADER-Förderregion anerkannt, und dies will die Gemeinde nutzen um mit einem Projekt einen weiteren touristischen Anziehungspunkt für sich und den Landkreis Haßberge zu schaffen und so die Region als Gesamtes weiter zu entwickeln.
Die Gemeinde Untermerzbach ist seit 2016 Eigentümerin der ehemaligen Synagoge in Gleusdorf samt der zugehörigen einstigen Judenschule. Beide Gebäude wurden zuletzt landwirtschaftlich genutzt und sollen nach entsprechenden Umbau- bzw. Sanierungsmaßnahmen einer neuen Nutzung zugeführt werden. Der Träger- und Förderverein Synagoge Memmelsdorf (Ufr.) e.V. wird im Anschluss den Betrieb übernehmen und in das eigene Konzept einbinden.
Im Rahmen des europäischen Förderprogramms LEADER soll für die ehemalige Synagoge samt Judenschule ein Nutzungs- und Entwicklungskonzept für eine nachhaltige Nutzung entwickelt werden, das das Landjudentum zum Inhalt hat und dabei das lokale Judentums mit seinen Bezügen nach außen und seinen weitreichenden Vernetzungen aufzeigen soll.
Mit der Konzepterstellung soll ein Fachbüro beauftragt werden. Sofern an der Erarbeitung eines Nutzungs- und Entwicklungskonzeptes für die nachhaltige Nutzung der Synagoge samt ehemaliger Judenschule Interesse besteht, werden geeignete Bewerber gebeten, ihr konkretes und detailliertes Angebot (Projektinhalt, Zeitplan, Projektorganisation, Kosten, Projektteam) bis zum 15.03.2017 an die Gemeinde zu richten.
Inhalt und Ziele, Aufgabenstellung / Leistungsbeschreibung sowie Einzelheiten zum abzugebenden Angebot finden Sie hier zum Download.
Bei Fragen stehen zur Verfügung unter Tel. (09533) 9809-0 (1. Bürgermeister Helmut Dietz) bzw. (09533) 9809-23 (Geschäftsleiter Edgar Maier)."   
 

 
      

Links und Literatur

Links:   

Website der Gemeinde Untermerzbach 
Seite zu Gleusdorf in jewish-studies.com:  http://www.jewish-studies.com/ebern/gleusdorf.html     

Literatur:  

Israel Schwierz:  Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 60-61; S. 1992² S. 65. 
Dirk Rosenstock: Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle. Reihe: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13. Würzburg 2008. S. 136-137. 

      
       n.e.           

                   
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Stand: 30. März 2017