Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Großen-Buseck (Gemeinde Buseck, Kreis Gießen)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer 
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen 
Erinnerungsarbeit vor Ort - aktuelle Presseartikel  
Links und Literatur   

    

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)

In Großen-Buseck bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938/40. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück, als die Ortsherrschaft (Herren von Buseck) mehrere jüdische Familien aufnahmen. Großen-Buseck gehörte damals mit anderen Orten der Umgebung im Busecker Tal auf Grund der hohen Zahl jüdischer Bewohner zu einem auch als "Klein Palästina" bezeichneten Gebiet (1778).
Nach Angaben bei Arnsberg (s. Lit. S. 283) sollen schon um 1400 Juden in Großen-Buseck ansässig gewesen sein.
  

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1828 120 jüdische Einwohner, 1830 102, 1871 83, 1895 74 (4,4 % von insgesamt 1.684 Einwohnern), 1905 66, 1910 49 (2,6 % von 1.843). Die jüdischen Familienvorstände waren Viehhändler, Metzger, Textilhändler. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts eröffneten mehrere von ihnen Geschäfte und Handlungen am Ort (u.a. auch Manufakturwarenhandlungen; am Ort bestand auch eine Mazzenbäckerei, die sich zuletzt im Besitz von Isaak Rosenberg befand). 

An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule (Mitte des 19. Jahrhunderts, d.h. mindestens von 1844 bis 1860 eine Israelitische Elementarschule), ein rituelles Bad sowie ein Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet fungierte (vgl. Ausschreibungen der Stelle unten). Nachdem die Zahl der jüdischen Einwohner zurückging, wurden die Aufgaben (vor allem des Unterrichts) durch auswärtige Lehrer übernommen.   
 
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Sally Jakob. Sein Name steht auf dem Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges im jüdischen Friedhof
 
Um 1924, als noch 48 jüdische Einwohner gezählt wurden (2,4 % von insgesamt 1.993 Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Isaak Rosenberg (seit 1919), Bernhard Berlin und Hermann Rothschild. Die schulpflichtigen jüdischen Kinder erhielten ihren Religionsunterricht durch Lehrer Max Goldschmidt aus Nieder-Weisel in der Synagoge am Ort. Auch die Kinder aus umliegenden Orten (u.a. Alten-Buseck) kamen zum Unterricht nach Großen-Buseck. An jüdischen Vereinen bestand vor allem der Wohltätigkeitsverein (1924 unter Leitung von Ferdinand Wallenstein, damals 15 Mitglieder).

1933 lebten noch 34 jüdische Personen in Großen-Buseck (1,6 % von insgesamt 2.117 Einwohnern).
In den folgenden Jahren sind die meisten der jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. 1938 wohnten noch 13 jüdische Personen am Ort. Von den anderen sind drei eines natürlichen Todes gestorben, zwölf waren in die USA emigriert, einer nach den Niederlanden; die übrigen sind innerhalb Deutschlands verzogen. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge durch SA-Leute zerstört. Mehrere jüdische Männer aus Großen-Buseck wurden in das KZ Buchenwald verschleppt, wo einer von ihnen am 4. Dezember 1938 ermordet wurde. 1939 wurden nur noch vier jüdische Einwohner in Großen-Buseck gezählt, darunter Bertha Hahn geb. Berlin, die nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde sowie die 15jährige Ilse Wallenstein, die nach der Deportation in Sobibor ermordet wurde. 

Von den in Großen-Buseck geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Bernhard Berlin (1871), Berta Bock geb. Wallenstein (1888), Ella Ehrlich geb. Berlin (1891), Johanna Frank geb. Berlin (1889), Bertha Hahn geb. Berlin (1873), Max Jacob (1890), Leopold Katz (1878), Berta Meyer geb. Rosenberg (1879), Samuel Rosenberg (1859), Emmy Rothschild geb. Berlin (1895), Moses Walldorf (1884), Adolf Wallenstein (1890), Alfred Wallenstein (1923), David Wallenstein (1894), David Wallenstein (1899), Emmi Wallenstein geb. Adler (1901), Hermann Wallenstein (1880), Ilse Wallenstein (1927), Klara Wallenstein (1890). 
 
1961 kehrte ein ehemaliger jüdischer Einwohner wieder zurück (Julius Berlin, geb. 1906), um hier noch einige Jahre ein Manufakturwarengeschäft zu betreiben. 
    
 
    

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibungen der Stelle des Lehrers / Vorbeters / Schochet 1872 /1891 / 1900 / 1902

Gross-Buseck Israelit 21021872.jpg (31447 Byte) Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Februar 1872: "Für die israelitische Gemeinde zu Groß-Buseck wird ein Lehrer, der gleichzeitig die Funktionen eines Vorbeters versehen soll, mit einem annehmbaren Gehalt und freier Wohnung gesucht. Bewerber wollen ihre Offerten an den Vorstand der israelitischen Gemeinde zu Groß-Buseck einsenden." 
 
Grossbuseck Israelit 07081872.jpg (38944 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. August 1872: "Die Vorbeter- und Lehrerstelle bei der israelitischen Gemeinde zu Groß-Buseck, Kreis Gießen, soll anderweit besetzt werden. Mit derselben sind 350 Gulden Fixum, sowie Wohnung mit Garten und anderweitige bedeutende Akzidenzien verbunden. Qualifizierte Bewerber wollen sich bei dem Vorsteher Isaac Rosenberg zu Groß-Buseck melden."
 
Grossenbuseck Israelit 06081891.jpg (30182 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. August 1891: "Wir suchen per 1. September dieses Jahres einen Religionslehrer und Vorbeter. Fixes Gehalt 480 Mark. Nebenverdienst 100 Mark nebst freier Wohnung und Garten. Bewerber wollen sich wenden an den Vorstand zu Großenbuseck."
 
Grossenbuseck Israelit 22021900.jpg (70166 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Februar 1900: "Die hiesige Kantor-, und Religionslehrerstelle ist am 1. April zu besetzen. Gehalt mit Filialen und Nebeneinkünften ca. 1.250 Mark nebst freier Wohnung und Garten. Schöne Lage, in 10 Minuten ist Gießen mit der Bahn zu erreichen. Verheirateter Lehrer bevorzugt. Reflektanten werden gebeten, sich an den Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Großenbuseck zu wenden."
  
Grossenbuseck Israelit 10041902.jpg (56433 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. April 1902: "In der hiesigen Gemeinde ist die Stelle eines Lehrers, Vorbeters und Schächters per 16. Juni zu besetzen. Das feste jährliche Gehalt beträgt 600 Mark, bei freier Wohnung im Gemeindehause. Nebeneinkommen ca. 5-600 Mark. Meldungen nebst Zeugnisabschriften sind einzusenden an den Vorstand: S. Wallenstein. Großen-Buseck bei Gießen."



Neujahrsgruß von Lehrer A. Eisenheimer (1897)  

Grossen-Buseck Israelit 20091897.jpg (22869 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. September 1897: "Allen Freunden und Bekannten gute Einschreibung und Besiegelung wünscht herzlichst Lehrer A. Eisenheimer, Großen-Buseck".  

  
  
   
  
Zur Geschichte der Synagoge

Zunächst war vermutlich ein Betsaal oder eine ältere Synagoge vorhanden (1739 in der ehemaligen "Judengasse" genannt). 
  
1844
erwarb die jüdische Gemeinde ein Wohnhaus mit Fachwerk im Obergeschoss und integrierter Scheune aus dem späten 18. Jahrhundert (nach Altaras erst 1837 errichtet), um dieses zu einem jüdischen Gemeindezentrum mit Synagoge und Schule umzubauen. 1846 konnte die Synagoge eingeweiht werden. Um 1886 wurde das Gebäude renoviert. Baron von Rothschild spendete hierzu 50 Gulden. 

Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge durch SA-Leute völlig zerstört. Eine Inbrandsetzung unterblieb auf Grund der engen Bebauung in der unmittelbaren Umgebung. 1945 kam das Gebäude in den Besitz der Gemeinde Großen-Buseck. Es wurde wenig später wieder zu einem Wohnhaus umgebaut und teilweise noch als solches genutzt. Im Vorgarten steht seit 1983 ein Gedenkstein. 
 
Über die 2011 diskutierten Pläne für die Zukunft des Gebäudes siehe Pressebericht unten.    
  
  
Adresse/Standort der Synagoge  Am Anger 10            

Fotos
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum: 27.3.2008)

Das Gebäude der 
ehemaligen Synagoge 
Grossen Buseck Synagoge 110.jpg (88665 Byte) Grossen Buseck Synagoge 114.jpg (80601 Byte)
     Blick auf das Gebäude  Eingang 
        
    Grossen Buseck Synagoge 112.jpg (121305 Byte) Grossen Buseck Synagoge 113.jpg (82757 Byte)
    Gedenkstein mit Inschrift "In diesem Gebäude befand sich die Synagoge der ehemaligen
 jüdischen Gemeinde Großen-Buseck 1von 1886 bis zu ihrer Zerstörung am 9. November 1938.
 Zum Andenken an die Synagoge und die Opfer der Gewaltherrschaft. 9. November 1983.
 Gemeinde Buseck."

   
   

Erinnerungsarbeit vor Ort    

September 2008: Presseartikel zur jüdischen Geschichte im Busecker Tal   
Artikel von "mb" im "Gießener Anzeiger" vom 6. September 2008 (Artikel):   "Als das Busecker Tal noch "ein klein Palästina" war. 
Zahlreiche Spuren jüdischen Lebens noch heute sichtbar - Jahrhundertelange Siedlungsgeschichte im Spannungsfeld von Toleranz und Unterdrückung  
BUSECK (mb). Vor mehr als 60 Jahren nahm das jüdische Leben in Buseck ein abruptes Ende. Schuld daran war der nationalsozialistische Terror. Zum Teil verließen die Busecker Juden rechtzeitig ihre Heimat, dabei konnten sie oftmals nur das Nötigste mitnehmen. Im Frühjahr 1942 wurden diejenigen, die noch in der Gemeinde lebten, deportiert und zumeist in Vernichtungslagern umgebracht..."  
 
August 2011: Neue Pläne für das Synagogengebäude    
Artikel von "rüg" in der "Gießener Allgemeinen" vom 12. August 2011 (Artikel): 
"Großen-Buseck: Anger 10 als Mehrgenerationenhaus?
Buseck
(rüg). Eine Ortsbesichtígung am Montag vor der Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses soll den Busecker Kommunalpolitikern mehr Informationen über die Weiterführung der Einfachen Stadterneuerung in Bezug auf die Gebäude Anger 1 (Thal’sches Rathaus) und Anger 10 (ehemalige Synagoge) bringen..."     
 
November 2011: Gedenken am Jahrestag des Novemberpogroms 1938  
Artikel im "Gießener Anzeiger" vom 11. November 2011: "*400-jährige Tradition vor 73 Jahren vernichtet'. 
Großen-Buseck. Busecker gedenken der Opfer der Reichspogromnacht. 
(tk) Zahlreiche Busecker Bürger kamen auf Einladung der örtlichen Friedensinitiative und des SPD-Ortsbezirks Großen-Buseck am Mittwochabend zur Gedenkfeier anlässlich der Reichspogromnacht am 9. November 1938 zur ehemaligen Synagoge am Anger 10..."  
Link zum Artikel .     
 
 

 


Links und Literatur

Links:

Website der Gemeinde Buseck  

Literatur:  

Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 282-284.  
Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 S. 81.
dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 69. 
Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen II Regierungsbezirke Gießen und Kassel. 1995 S. 29-30.
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 139-140.
     


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Grossen-Buseck  Hesse. Established before 1739, the community numbered 120 in 1828, but had already declined to 74 (4 % on the total) in 1895. Religious facilities were shared with the Jews of Alten-Buseck, Beuern and Reiskirchen. On Kristallnacht (9-10 November 1938), the synagogue was vandalized and anti-Jewish violence occured. Of the 34 Jews still living there in 1933, 13 emigrated and by November 1939 none remained.   
   

     

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 10. Dezember 2011