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Marktheidenfeld (Main-Spessart-Kreis)
Jüdische Geschichte / Betsaal
(Seite erstellt unter Mitarbeit von Leonhard
Scherg, Marktheidenfeld)
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde
In Marktheidenfeld bestand eine kleine jüdische Gemeinde
von 1910 bis 1942. Erst nach 1871 hatten sich - vor allem durch Zuzüge
aus den benachbarten Orten Homburg (Familie Freimark) und Urspringen (Familie
Adler) - einige jüdische Familien niedergelassen. Die Zahl der jüdischen
Einwohner entwickelte sich bis 1933 wie folgt: 1880 6 jüdische Einwohner (0,2 %
von insgesamt 2.423 Einwohnern), 1900 19 (1,0 % von 1.942), 1910 25 (1,3 %
von 1.973), 1925 14 (0,7 % von 2.030), 1933 17 (0,8 % von 2.232).
1910 konnte eine selbständige Gemeinde begründet werden, die dem
Rabbinatsbezirk Würzburg zugeteilt wurde (bis Frühjahr 1937, dann zum
Bezirksrabbinat Aschaffenburg). An
Einrichtungen war ein Betsaal vorhanden (s.u.). Die Toten der Gemeinde wurden im
jüdischen Friedhof in Karbach
beigesetzt.
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Simon Levi (geb.
28.4.1882 in Neubrunn, gef. 5.1.1917). Sein Name steht auf dem Mahnmal für die Kriegstoten des Ortes
jenseits der Brücke auf der Anhöhe auf der der Stadt gegenüberliegenden
Mainseite oberhalb des König-Ludwig-Denkmals (auf diesem Mahnmal stehen auch
die Namen der ermordeten Juden der Stadt während der
NS-Zeit).
Seit Mitte oder Ende der 1920er-Jahre wurde die religiöse Betreuung der
Gemeinde Marktheidenfeld durch den jüdischen Lehrer in Urspringen
übernommen.
1933 lebten noch 17 jüdische Personen im Marktort, 1937 waren es
noch 16. In den folgenden beiden Jahren verließen sieben von ihnen
Marktheidenfeld. Drei emigrierten (zwei in die USA, einer nach Holland), vier zogen in andere
deutsche Orte (Frankfurt, München), einer verstarb am Ort. Am 1. Oktober 1938
wurden bei einem Überfall auf ein jüdisches Wohnhaus die Fenster
eingeschlagen. Auch beim Novemberpogrom 1938 kam es zu Ausschreibungen. Im Februar 1942 lebten noch neun jüdische Personen
am Ort. Sie wurden 1942 über Würzburg nach Izbica bei Lublin (Polen) deportiert
und wurden ermordet.
Von den in Marktheidenfeld geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Rosa Regina Adler geb. Freimark (1887), Bertold Adler (1921*), William Adler (1888),
Bernhard Freimark (1880), Emanuel Freimark (1888), Friedrich Freimark (1902), Getta Freimark geb. Bierig
(1879), Hermina Freimark geb. Adler (1876), Regina Freimark (1879), Rosa
Gut(t)mann geb. Löwenstein (1888), Samuel Gut(t)mann (1889), Lina Katz geb.
Blumenthal (1876), Leopold Levy
(1881), Regina Levy (1884), Carola Miesberger geb. Adler (1899), Fanny Simon
geb. Blumenthal (1882), Lina Wahler geb. Freimark (1892).
* Bertold Adler ist auf dem Gedenkstein der Opfer von Krieg und Gewalt
gleichfalls genannt: er fiel als amerikanischer Soldat 1945 im Raum Aachen.
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Jüdischer Wanderlehrer gesucht (1926)
Anzeige
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 7.
Oktober 1926: "Der Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden
beabsichtigt in Unterfranken für die Gemeinden Karbach, Marktheidenfeld
und Homburg einen Wanderlehrer anzustellen, der den
Religionsunterricht und die Schechita in diesen drei Gemeinden zu
übernehmen und abwechselnd in jeder dieser Gemeinden als Vorbeter zu
wirken hat. Seminaristische Vorbildung, wenn auch ohne
Anstellungsprüfung, wird verlangt. Die Besoldung erfolgt nach den
Leitsätzen des Verbandes in Anlehnung an die Reichsbesoldungsordnung. Die
durch die Betreuung mehrerer Gemeinden erwachsenden Unkosten werden
gesondert vergütet. Bewerbungen mit Lebenslauf und Zeugnissen an den
Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden, München, Herzog-Max-Str.
7/I." |
Ausschreibung der Lehrerstelle in Urspringen mit Betreuung der Gemeinde
Marktheidenfeld (1929)
Zeitschrift "Der
Israelit" am 13. Juni 1929: "Die Israelitische Kultusgemeinde
Urspringen (Unterfranken) beabsichtigt möglichst sofort ihre frei
gewordene Lehrerstelle wieder zu besetzen. Bewerber, die der
gesetzestreuen Richtung angehören, die Schlussprüfung an einem
staatlichen anerkannten Lehrerseminar abgelegt haben und das Kantorat
sowie den Schächtdienst zu übernehmen in der Lage sind, werden ersucht
Bewerbungen unter Vorlage von Zeugnissen bei dem unterfertigten Vorstand
einzureichen. Der Gehalt bemisst sich nach der Besoldungsordnung des
Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Dem Beamten obliegt neben
dienstlichen Verpflichtungen in der Gemeinde Urspringen auch der
Religionsunterricht, die Schechita sowie die religiöse Betreuung der
Gemeinden Karbach und Marktheidenfeld nach Maßgabe näherer Vereinbarung.
Urspringen, den 7. Juni 1929. Der Vorstand der Israelitischen
Kultusgemeinde Urspringen. Bernhard Dillenberger. |
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Dieselbe
Ausschreibung in der "Bayerischen Israelitischen
Gemeindezeitung" vom 15. Juni 1929. |
Aus dem jüdischen
Gemeindeleben
Gründung der Israelitischen Kultusgemeinde
Marktheidenfeld (1910)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. Juli 1910:
"Die seitens der israelitischen Bevölkerung in Marktheidenfeld
(Bayern) schon so lange angestrebte Gründung einer Kultusgemeinde wurde
vom Königlichen Bezirksamte genehmigt, und als Vorsitzender Herr Albert
Heimann hier gewählt." |
Berichte zu
einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde
Auszeichnung vom I. Blumenthal für 25jährige Dienstzeit
bei der Feuerwehr (1901)
Anmerkung: in der Pressemitteilung ist von J. Blumenfeld die Rede,
allerdings gab es in Marktheidenfeld nur eine Familie Blumenthal, von der Isaak
Blumenthal für die Ehrung in Frage kommt: Isaak Blumenthal, seit 1876 Mitglied
der Freiwilligen Feuerwehr, kam wohl 1875 aus Anlass seiner Hochzeit mit Sarah
Thalmann aus Neubrunn nach Marktheidenfeld. Er war Kriegstielnehmer von 1870/71,
erhielt 1898 die Gedenkmedaille für Kaiser Wilhelm I., war Gründungsmitglied
des Kriegervereins Marktheidenfeld (1874), ab 1881 in der Vorstandschaft,
Mitglied der Festausschusses für die Jubiläumsfeier des Kriegervereins 1899
(25 Jahre). 1920 wurde Blumenthal Ehrenmitglied des Kriegervereins, erhielt 1924
das Ehrenzeichen für 50jährige Mitgliedschaft.
Die Familie Blumenthal war die erste jüdische Familie, die in Marktheidenfeld -
vorübergehend - sesshaft wurde. 1909 übersiedelte die Familie nach Lohr,
später nach Frankfurt.
Meldung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Januar 1901: "Sonderhofen.
Die Herren J. Blumenthal (für Blumenfeld) in Marktheidenfeld am Main
und Herr Simon Oppenheimer in Aub erhielten das königliche Ehrenzeichen
für 25jährige Dienstzeit bei der freiwilligen Feuerwehr." |
Zur Geschichte des Betsaals
Nachdem 1910 eine eigene Gemeinde gegründet werden
konnte, war zunächst in einem Haus am Mainkai, später und bis zur Auflösung
der jüdischen Gemeinde und der Deportation ihrer letzten Mitglieder 1942
im Anwesen der Familie Adler in der Glasergasse 5 ein Betsaal eingerichtet. 1934
wurde das Gebäude mit antisemitischen Parolen beschmiert. Über Ausschreitungen
in Marktheidenfeld im November 1938 "liegen keine Quellen vor" (Angabe
bei Ophir/Wiesemann S. 358).
Das Gebäude mit dem früheren Betsaal ist bis heute erhalten. Es wird als
Wohnhaus genutzt.
Adresse/Standort der Synagoge: Glasergasse
5
Fotos
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum September 2006)
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Das Anwesen in der
Glasergasse, das bis in die 1930er-Jahre der jüdischen Familie Adler
gehörte und in dem sich der Betsaal der Gemeinde befand.
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Text der Hinweistafel:
"In diesem Haus befand
sich in der Zeit der Weimarer Republik der
Gebetssaal der Jüdischen Gemeinde" |
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Plan der Wohnung Adler mit dem
eingerichteten
Betsaal, untergliedert in Männer- und
Frauenbereich
(Quelle: Scherg S. 34). |
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Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
| Oktober 2009:
Vortrag in Marktheidenfeld über Judenwege und
andere Flurnamen |
A rtikel
von Martin Harth im "Lohrer Echo" vom 14. Oktober 2009
(Artikel wurde von Fred G. Rausch zur Verfügung gestellt):
"Auf den Spuren der 'Judenwege'. Kulturwissenschaft:
Barbara Rösch erklärte Flurnamen.
Marktheidenfeld. Die Berliner Kulturwissenschaftlerin Barbara Rösch
befasste sich am Mittwochabend in der Marktheidenfelder Volkshochschule
mit den so genannten Judenwegen und erläuterte ihren spezifischen
Forschungsansatz zur deutsch-jüdischen
Alltagsgeschichte.
Die Autorin der wissenschaftlichen Arbeit 'Der Judenweg' erforschte
Wegebezeichnungen außerhalb geschlossener Ortschaften und verwandte
Flurnamen wie Judenstein, -baum, -brunnen, -pfad, -steig, -acker und
ähnliches. Von Interesse sei dabei, wie solche Toponyme zustande kämen
und sich mündlich oder schriftlich überlieferten. Mit den Begriffen gehe
oft neben der reinen Sachinformation auch ein Werturteil einher. Früheste
Belege fänden sich im 15. und 16. Jahrhundert.
Schwerpunkt um Marktheidenfeld. Ein Schwerpunkt ihrer auf den gesamten
deutschsprachigen Raum ausgeweiteten Arbeit sei der 'Waldsassengau' sagte
Rösch und meint mit diesem etwas altertümlichen Begriff die Region um
Marktheidenfeld zwischen Gemünden/Karlstadt und Wertheim. Die Forscherin
konnte auf eine in der Qualität höchst unterschiedliche
Flurnamensammlung aus dem ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts in
Bayern zurückgreifen. Weitere Belege lieferten historische Katasterpläne
für Grundsteuern oder Hypotheken. Im bereich um Marktheidenfeld ließen
sich 132 Einzelbelege für etwa 20 Wegstrecken finden, 16 Judenpfade,
fünf Judenwege, drei Judenstraßen und drei Judengassen. Oft liefen diese
parallel zu wichtigen Handelswegen durch die früher
gemischtherrschaftliche Region..."
Zum weiteren Lesen bitte Textabbildung anklicken. |
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| Mai 2011: Marktheidenfeld
beteiligt sich am Gedenkmarsch in Würzburg |
Artikel von "maha" in der
"Main-Post" vom 26. April 2011 (Artikel):
"URSPRINGEN. Gedenkmarsch auf dem Weg der Opfer
Förderkreis und Main-Spessart-Gemeinden unterstützen Aktion – Schilder erinnern an Deportierte
(maha) Am 10. Mai soll in Würzburg unter dem Titel 'Wir wollen uns
erinnern' ein Gedenkmarsch auf dem Weg der größten Deportation von Juden aus Unterfranken am 25. April 1942 von der ehemaligen Gaststätte
'Platz'scher Garten' am Friedrich-Ebert-Ring zum früheren Güterbahnhof Aumühle stattfinden.
Dabei soll auch der großen Anzahl von Opfern der nationalsozialistischen Rassenideologie aus dem heutigen Landkreis Main-Spessart gedacht werden. Der Förderkreis Synagoge Urspringen unterstützt diese Gedenkveranstaltung, wie dies der Vorsitzende Leonhard Scherg bei der Hauptversammlung des Vereins deutlich machte.
Für die Aktion 'Wir wollen uns erinnern' wurden die Daten der Deportationsopfer vom 25. April 1942 aus einigen jüdischen Gemeinden überprüft und zusammengestellt. Über den Stand der Vorbereitungen für den Gedenkmarsch
'Wir wollen uns erinnern' am 10. Mai in Würzburg wurde bei der Hauptversammlung berichtet.
So haben sich die Stadt Marktheidenfeld und die Gemeinde Karbach bereits um Teilnehmer bemüht, welche die Namenstafeln der neun, beziehungsweise 27 Opfer aus den Gemeinden beim Gedenkmarsch tragen werden. Auch Triefenstein wird sicher mit fünf Vertretern für die Opfer aus Homburg dabei sein.
Für Urspringen will Bürgermeister Heinz Nätscher Verbindung mit den Schulen in
Marktheidenfeld aufnehmen, um Vertreter für die 42 Opfer aus seiner Gemeinde nach Würzburg schicken zu können. Georg Schnabel berichtete über den Stand der Vorbereitungen in Laudenbach.
Bürgermeister Kurt Kneipp aus Karbach will sich um zwei Busse bemühen, die für Vertreter aus dem ehemaligen Landkreis Marktheidenfeld eingesetzt werden, um die Aktion, die von 14 bis etwa 19 Uhr dauern könnte, gemeinsam abzuwickeln.
Josef Laudenbacher (Karbach) holt die Namensschilder für die vier Gemeinden vorher in Würzburg ab und verteilt sie in den Bussen. Bemerkenswert ist, dass im Fall von Karbach auch Nachkommen jüdischer Opfer zu dem Gedenkmarsch aus Israel nach Deutschland kommen wollen." |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die
jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979
S. 358-359. |
 | Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in
Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische
Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 87. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany -
Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 515. |
 | Leonhard
Scherg/Martin Harth: Juden im Landkreis Marktheidenfeld. Hrsg.
Historischer Verein Marktheidenfeld und Umgebung e.V. Nr. 13. 1993. |
 | Leonhard Scherg: Jüdisches
Leben im Main-Spessart-Kreis. Reihe: Orte, Schauplätze, Spuren. Verlag
Medien und Dialog. Haigerloch 2000 (mit weiterer Literatur). S. 34. |
n.e.

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