Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Marktheidenfeld (Main-Spessart-Kreis)
Jüdische Geschichte / Betsaal
(Seite erstellt unter Mitarbeit von Leonhard Scherg, Marktheidenfeld)  

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Aus dem jüdischen Gemeindeleben   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Zur Geschichte des Betsaals      
Fotos / Darstellungen 
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  
Links und Literatur   

     

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde               
   
In Marktheidenfeld bestand eine kleine jüdische Gemeinde von 1910 bis 1942. Erst nach 1871 hatten sich - vor allem durch Zuzüge aus den benachbarten Orten Homburg (Familie Freimark) und Urspringen (Familie Adler) - einige jüdische Familien niedergelassen. Die Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich bis 1933 wie folgt: 1880 6 jüdische Einwohner (0,2 % von insgesamt 2.423 Einwohnern), 1900 19 (1,0 % von 1.942), 1910 25 (1,3 % von 1.973), 1925 14 (0,7 % von 2.030), 1933 17 (0,8 % von 2.232). 
   
1910 konnte eine selbständige Gemeinde begründet werden, die dem Rabbinatsbezirk Würzburg zugeteilt wurde (bis Frühjahr 1937, dann zum Bezirksrabbinat Aschaffenburg). An Einrichtungen war ein Betsaal vorhanden (s.u.). Die Toten der Gemeinde wurden im jüdischen Friedhof in Karbach beigesetzt. 
  
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Simon Levi (geb. 28.4.1882 in Neubrunn, gef. 5.1.1917). Sein Name steht auf dem Mahnmal für die Kriegstoten des Ortes jenseits der Brücke auf der Anhöhe auf der der Stadt gegenüberliegenden Mainseite oberhalb des König-Ludwig-Denkmals (auf diesem Mahnmal stehen auch die Namen der ermordeten Juden der Stadt während der NS-Zeit).
  
Seit Mitte oder Ende der 1920er-Jahre wurde die religiöse Betreuung der Gemeinde Marktheidenfeld durch den jüdischen Lehrer in Urspringen übernommen.        
     
1933 lebten noch 17 jüdische Personen im Marktort, 1937 waren es noch 16. In den folgenden beiden Jahren verließen sieben von ihnen Marktheidenfeld. Drei emigrierten (zwei in die USA, einer nach Holland), vier zogen in andere deutsche Orte (Frankfurt, München), einer verstarb am Ort. Am 1. Oktober 1938 wurden bei einem Überfall auf ein jüdisches Wohnhaus die Fenster eingeschlagen. Auch beim Novemberpogrom 1938 kam es zu Ausschreibungen. Im Februar 1942 lebten noch neun jüdische Personen am Ort. Sie wurden 1942 über Würzburg nach Izbica bei Lublin (Polen) deportiert und wurden ermordet. 
   
Von den in Marktheidenfeld geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Rosa Regina Adler geb. Freimark (1887), Bertold Adler (1921*), William Adler (1888), Bernhard Freimark (1880), Emanuel Freimark (1888), Friedrich Freimark (1902), Getta Freimark geb. Bierig (1879), Hermina Freimark geb. Adler (1876), Regina Freimark (1879), Rosa Gut(t)mann geb. Löwenstein (1888), Samuel Gut(t)mann (1889), Lina Katz geb. Blumenthal (1876), Leopold Levy (1881), Regina Levy (1884), Carola Miesberger geb. Adler (1899), Fanny Simon geb. Blumenthal (1882), Lina Wahler geb. Freimark (1892).  
* Bertold Adler ist auf dem Gedenkstein der Opfer von Krieg und Gewalt gleichfalls genannt: er fiel als amerikanischer Soldat 1945 im Raum Aachen.  
   
   
   
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde       
  
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer 
Jüdischer Wanderlehrer gesucht (1926)  

Marktheidenfeld BayrGZ 07101926.jpg (93065 Byte)Anzeige in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 7. Oktober 1926: "Der Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden beabsichtigt in Unterfranken für die Gemeinden Karbach, Marktheidenfeld und Homburg einen Wanderlehrer anzustellen, der den Religionsunterricht und die Schechita in diesen drei Gemeinden zu übernehmen und abwechselnd in jeder dieser Gemeinden als Vorbeter zu wirken hat. Seminaristische Vorbildung, wenn auch ohne Anstellungsprüfung, wird verlangt. Die Besoldung erfolgt nach den Leitsätzen des Verbandes in Anlehnung an die Reichsbesoldungsordnung. Die durch die Betreuung mehrerer Gemeinden erwachsenden Unkosten werden gesondert vergütet. Bewerbungen mit Lebenslauf und Zeugnissen an den Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden, München, Herzog-Max-Str. 7/I." 

  
Ausschreibung der Lehrerstelle in Urspringen mit Betreuung der Gemeinde Marktheidenfeld (1929)  

Urspringen Israelit 13061929.jpg (66475 Byte)Zeitschrift "Der Israelit" am 13. Juni 1929: "Die Israelitische Kultusgemeinde Urspringen (Unterfranken) beabsichtigt möglichst sofort ihre frei gewordene Lehrerstelle wieder zu besetzen. Bewerber, die der gesetzestreuen Richtung angehören, die Schlussprüfung an einem staatlichen anerkannten Lehrerseminar abgelegt haben und das Kantorat sowie den Schächtdienst zu übernehmen in der Lage sind, werden ersucht Bewerbungen unter Vorlage von Zeugnissen bei dem unterfertigten Vorstand einzureichen. Der Gehalt bemisst sich nach der Besoldungsordnung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Dem Beamten obliegt neben dienstlichen Verpflichtungen in der Gemeinde Urspringen auch der Religionsunterricht, die Schechita sowie die religiöse Betreuung der Gemeinden Karbach und Marktheidenfeld nach Maßgabe näherer Vereinbarung. 
Urspringen, den 7. Juni 1929. Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Urspringen. Bernhard Dillenberger. 
  
Urspringen BayrGZ 15061929.jpg (83046 Byte)Dieselbe Ausschreibung in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15. Juni 1929.  

   
   
Aus dem jüdischen Gemeindeleben 
Gründung der Israelitischen Kultusgemeinde Marktheidenfeld (1910)  

Marktheidenfeld AZJ 01071910.jpg (24839 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. Juli 1910: "Die seitens der israelitischen Bevölkerung in Marktheidenfeld (Bayern) schon so lange angestrebte Gründung einer Kultusgemeinde wurde vom Königlichen Bezirksamte genehmigt, und als Vorsitzender Herr Albert Heimann hier gewählt." 

  
  
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde  
Auszeichnung vom I. Blumenthal für 25jährige Dienstzeit bei der Feuerwehr (1901)
Anmerkung: in der Pressemitteilung ist von J. Blumenfeld die Rede, allerdings gab es in Marktheidenfeld nur eine Familie Blumenthal, von der Isaak Blumenthal für die Ehrung in Frage kommt: Isaak Blumenthal, seit 1876 Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, kam wohl 1875 aus Anlass seiner Hochzeit mit Sarah Thalmann aus Neubrunn nach Marktheidenfeld. Er war Kriegstielnehmer von 1870/71, erhielt 1898 die Gedenkmedaille für Kaiser Wilhelm I., war Gründungsmitglied des Kriegervereins Marktheidenfeld (1874), ab 1881 in der Vorstandschaft, Mitglied der Festausschusses für die Jubiläumsfeier des Kriegervereins 1899 (25 Jahre). 1920 wurde Blumenthal Ehrenmitglied des Kriegervereins, erhielt 1924 das Ehrenzeichen für 50jährige Mitgliedschaft.   
Die Familie Blumenthal war die erste jüdische Familie, die in Marktheidenfeld - vorübergehend - sesshaft wurde. 1909 übersiedelte die Familie nach Lohr, später nach Frankfurt.   

Marktheidenfeld Israelit 10011901.jpg (16210 Byte)Meldung in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Januar 1901: "Sonderhofen. Die Herren J. Blumenthal (für Blumenfeld) in Marktheidenfeld am Main und Herr Simon Oppenheimer in Aub erhielten das königliche Ehrenzeichen für 25jährige Dienstzeit bei der freiwilligen Feuerwehr."  

 
 
 
Zur Geschichte des Betsaals         
   
Nachdem 1910 eine eigene Gemeinde gegründet werden konnte, war zunächst in einem Haus am Mainkai, später und bis zur Auflösung der jüdischen Gemeinde und der Deportation ihrer letzten Mitglieder 1942 im Anwesen der Familie Adler in der Glasergasse 5 ein Betsaal eingerichtet. 1934 wurde das Gebäude mit antisemitischen Parolen beschmiert. Über Ausschreitungen in Marktheidenfeld im November 1938 "liegen keine Quellen vor" (Angabe bei Ophir/Wiesemann S. 358).   
 
Das Gebäude mit dem früheren Betsaal ist bis heute erhalten. Es wird als Wohnhaus genutzt.  
  
  
 
Adresse/Standort der SynagogeGlasergasse 5  
  
  
Fotos
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum September 2006)

Marktheidenfeld Synagoge 122.jpg (64542 Byte) Marktheidenfeld Synagoge 121.jpg (60662 Byte) Marktheidenfeld Synagoge 120.jpg (42580 Byte)
Das Anwesen in der Glasergasse, das bis in die 1930er-Jahre der jüdischen Familie Adler 
gehörte und in dem sich der Betsaal der Gemeinde befand. 
   
Text der Hinweistafel: "In diesem Haus befand 
sich in der Zeit der Weimarer Republik der
 Gebetssaal der Jüdischen Gemeinde" 
   
   Marktheidenfeld Betsaal P01.jpg (58045 Byte)   
   Plan der Wohnung Adler mit dem eingerichteten
 Betsaal, untergliedert in Männer- und
 Frauenbereich (Quelle: Scherg S. 34). 
  

   
   
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  

Oktober 2009: Vortrag in Marktheidenfeld über Judenwege und andere Flurnamen   
Marktheidenfeld PA 2009010.jpg (147222 Byte)AMarktheidenfeld PA 2009010a.jpg (65904 Byte)rtikel von Martin Harth im "Lohrer Echo" vom 14. Oktober 2009
(Artikel wurde von Fred G. Rausch zur Verfügung gestellt): 
"Auf den Spuren der 'Judenwege'.   Kulturwissenschaft: Barbara Rösch erklärte Flurnamen.  
Marktheidenfeld.
Die Berliner Kulturwissenschaftlerin Barbara Rösch befasste sich am Mittwochabend in der Marktheidenfelder Volkshochschule mit den so genannten Judenwegen und erläuterte ihren spezifischen Forschungsansatz zur deutsch-jüdischen Alltagsgeschichte.   
Die Autorin der wissenschaftlichen Arbeit 'Der Judenweg' erforschte Wegebezeichnungen außerhalb geschlossener Ortschaften und verwandte Flurnamen wie Judenstein, -baum, -brunnen, -pfad, -steig, -acker und ähnliches. Von Interesse sei dabei, wie solche Toponyme zustande kämen und sich mündlich oder schriftlich überlieferten. Mit den Begriffen gehe oft neben der reinen Sachinformation auch ein Werturteil einher. Früheste Belege fänden sich im 15. und 16. Jahrhundert.  
Schwerpunkt um Marktheidenfeld.
Ein Schwerpunkt ihrer auf den gesamten deutschsprachigen Raum ausgeweiteten Arbeit sei der 'Waldsassengau' sagte Rösch und meint mit diesem etwas altertümlichen Begriff die Region um Marktheidenfeld zwischen Gemünden/Karlstadt und Wertheim. Die Forscherin konnte auf eine in der Qualität höchst unterschiedliche Flurnamensammlung aus dem ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts in Bayern zurückgreifen. Weitere Belege lieferten historische Katasterpläne für Grundsteuern oder Hypotheken. Im bereich um Marktheidenfeld ließen sich 132 Einzelbelege für etwa 20 Wegstrecken finden, 16 Judenpfade, fünf Judenwege, drei Judenstraßen und drei Judengassen. Oft liefen diese parallel zu wichtigen Handelswegen durch die früher gemischtherrschaftliche Region..."   
Zum weiteren Lesen bitte Textabbildung anklicken
 
Mai 2011: Marktheidenfeld beteiligt sich am Gedenkmarsch in Würzburg    
Artikel von "maha" in der "Main-Post" vom 26. April 2011 (Artikel): 
"URSPRINGEN. Gedenkmarsch auf dem Weg der Opfer 
Förderkreis und Main-Spessart-Gemeinden unterstützen Aktion – Schilder erinnern an Deportierte
(maha) Am 10. Mai soll in Würzburg unter dem Titel 'Wir wollen uns erinnern' ein Gedenkmarsch auf dem Weg der größten Deportation von Juden aus Unterfranken am 25. April 1942 von der ehemaligen Gaststätte 'Platz'scher Garten' am Friedrich-Ebert-Ring zum früheren Güterbahnhof Aumühle stattfinden.
Dabei soll auch der großen Anzahl von Opfern der nationalsozialistischen Rassenideologie aus dem heutigen Landkreis Main-Spessart gedacht werden. Der Förderkreis Synagoge Urspringen unterstützt diese Gedenkveranstaltung, wie dies der Vorsitzende Leonhard Scherg bei der Hauptversammlung des Vereins deutlich machte. Für die Aktion 'Wir wollen uns erinnern' wurden die Daten der Deportationsopfer vom 25. April 1942 aus einigen jüdischen Gemeinden überprüft und zusammengestellt. Über den Stand der Vorbereitungen für den Gedenkmarsch 'Wir wollen uns erinnern' am 10. Mai in Würzburg wurde bei der Hauptversammlung berichtet.
So haben sich die Stadt Marktheidenfeld und die Gemeinde Karbach bereits um Teilnehmer bemüht, welche die Namenstafeln der neun, beziehungsweise 27 Opfer aus den Gemeinden beim Gedenkmarsch tragen werden. Auch Triefenstein wird sicher mit fünf Vertretern für die Opfer aus Homburg dabei sein. Für Urspringen will Bürgermeister Heinz Nätscher Verbindung mit den Schulen in Marktheidenfeld aufnehmen, um Vertreter für die 42 Opfer aus seiner Gemeinde nach Würzburg schicken zu können. Georg Schnabel berichtete über den Stand der Vorbereitungen in Laudenbach.
Bürgermeister Kurt Kneipp aus Karbach will sich um zwei Busse bemühen, die für Vertreter aus dem ehemaligen Landkreis Marktheidenfeld eingesetzt werden, um die Aktion, die von 14 bis etwa 19 Uhr dauern könnte, gemeinsam abzuwickeln.
Josef Laudenbacher (Karbach) holt die Namensschilder für die vier Gemeinden vorher in Würzburg ab und verteilt sie in den Bussen. Bemerkenswert ist, dass im Fall von Karbach auch Nachkommen jüdischer Opfer zu dem Gedenkmarsch aus Israel nach Deutschland kommen wollen."  
  

  
    

Links und Literatur   

Links:  

Website der Stadt Marktheidenfeld  

Literatur:  

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979 S. 358-359. 
Israel Schwierz:  Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 87.  
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany - Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 515.  
Marktheidenfeld Lit 005.jpg (45737 Byte)Leonhard Scherg/Martin Harth: Juden im Landkreis Marktheidenfeld. Hrsg. Historischer Verein Marktheidenfeld und Umgebung e.V. Nr. 13. 1993.
MSP Publikation 01.jpg (23157 Byte)Leonhard Scherg: Jüdisches Leben im Main-Spessart-Kreis. Reihe: Orte, Schauplätze, Spuren. Verlag Medien und Dialog. Haigerloch 2000 (mit weiterer Literatur). S. 34.

               
   
n.e.       

                   
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Stand: 27. März 2013