Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Kleinwallstadt (VG Kleinwallstadt, Kreis Miltenberg)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule    
Aus dem jüdischen Gemeindeleben   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde 
Weitere Dokumente  
Kennkarten aus der NS-Zeit     
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen  
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte   
Links und Literatur     

  

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)         
    
In Kleinwallstadt bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück. 1719 wird erstmals ein Jude aus Kleinwallstadt genannt. 
  
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1803 acht jüdische Familien, 1814 52 jüdische Einwohner (4,3 % von insgesamt 1.212 Einwohnern), 1867 66 (4,9 % von 1.359), 1880 54 (3,8 % von 1.425), 1900 81 (5,5 % von 1.477). 
  
Bei der Erstellung der Matrikellisten 1817 werden in Kleinwallstadt 12 Familien genannt. Die Namen der Matrikelinhaber fehlen jedoch (für den Bereich des ehemaligen Landgerichtes Kleinwallstadt) vollständig.   
  
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule (von 1899 an für einige Jahre Elementarschule in einem dazu neu erbauten jüdischen Schulhaus) und ein rituelles Bad (im Untergeschoss der Synagoge). Die Toten der Gemeinde wurden im jüdischen Friedhof Schweinheim bei Aschaffenburg beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Religionslehrer (nach 1899 für einige Jahre ein Elementarlehrer, s.u. bei Lehrer Simon Grünfeld) angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. Die Gemeinde gehörte zum Distriktsrabbinat Aschaffenburg.  
  
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Moritz Freund (geb. 14.11.1889 in Kleinwallstadt, vor 1914 in Aschaffenburg wohnhaft, gef. 26.2.1916).      
   
Um 1924, als noch 50 jüdische Einwohner gezählt wurden (3,0 % von insgesamt 1.656), war Gemeindevorsteher Richard Grünebaum. Als Lehrer der damals nur noch zwei schulpflichtigen jüdischen Kinder kam Lehrer Leopold Lehmann aus Eschau nach Kleinwallstadt. Er war auch Schochet in Kleinwallstadt. 1932 waren die Gemeindevorsteher Richard Grünebaum (1. Vors.), Max Stern (2. Vors.) und Sally Reis (3. Vors.). Als Lehrer war Julius Stern tätig. Er unterrichtete im Schuljahr 1931/32 fünf jüdische Kinder in Religion. 
   
1933 wurden noch 45 jüdische Einwohner gezählt (2,3 % von insgesamt  1938 Einwohnern). Noch in diesem Jahr kam es zu ersten Anschlägen auf die Synagoge und die jüdischen Wohnhäuser, wo (mehrfach in der Folgezeit) die Fenster eingeworfen wurden. Zwischen 1934 und 1935 verließen fünf der jüdischen Einwohner den Ort, weitere 16 zwischen 1936 und 1938. 1938 wurden die letzten jüdischen Einwohner der Gemeinde Aschaffenburg angegliedert.  Insgesamt verließen bis 1938 38 der jüdischen Einwohner den Ort; von ihnen emigrierten 16 in die USA, vier nach Holland, je zwei nach Frankreich und Palästina. Die anderen verzogen in andere deutsche Orte (11 nach Frankfurt am Main).  
    
Von den in Kleinwallstadt geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):  Ricka Bender geb. Grünebaum (1887, vgl. Kennkarte unten), Hedwig Eckstein geb. Grünebaum (1889), Emma Eggener geb. Oppenheimer (1884), Rosalie Frank geb. Grünebaum (1896), Karoline Freitag geb. Reis (1882), Heinrich (Hayum) Freund (1868), Max Freund (1885), Adolf Grünebaum (1885), Jacques Grünebaum (1880), Kurt Grünebaum (1924), Bertha Kahn geb. Grünebaum (1885), Zippora Landsberg geb. Grünebaum (1895), Karolina Lehmann geb. Freund (1878, Tochter des Gemeindevorstehers Liebmann Freund), Josef Oppenheimer (1866), Regina Oppenheimer (1875), Berta Rosenzweig geb. Grünebaum (1889), Karoline Schmidt geb. Stern (1863), Johanna Schönmann geb. Stern (1870), Bernhard Stern (1859), Ida Sulzbach geb. Grünebaum (1883, vgl. Kennkarte unten)), Jenni Wertheim geb. Oppenheim (1879).     
    
    
    
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde  
    
Aus der Geschichte der jüdischen Schule und der Lehrer  
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1872 / 1879 / 1889 / 1892 / 1920  

Kleinwallstadt Israelit 03071872.jpg (37973 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Juli 1872: "Zur sofortigen Besetzung ist die Stelle eines Religionslehrers und Vorbeters mit einem fixen Gehalt von 265 Gulden bei freier Wohnung nebst 50-60 Gulden jährlichem Einkommen in loco für Schächterdienst, wenn solcher mitversehen werden kann, vakant. 
Reflektanten wollen sich gefälligst an den hiesigen Kultusvorstand wenden. 
Kleinwallstadt bei Aschaffenburg, den 10. Juni 1872."
 
Kleinwallstadt Israelit 13081879.jpg (51198 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. August 1879: "Offene Lehrerstelle. Die hiesige Stelle eines Kantors und Religionslehrers, verbunden mit Schächterdienst, ist vom 1. September 1879 ab zu besetzen. Gehalt Mark 500-600 und freue Wohnung. Nebenverdienste ca. 200 (?) Mark. 
Bewerber wollen sich an den Unterzeichneten wenden. 
Klein-Wallstadt (Bayern), 6. August 1879. Der Kultusvorstand: L. Freund."
 
Kleinwallstadt Israelit 28031889.jpg (49130 Byte) Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. März 1889: "Offene Lehrerstelle. Die hiesige Religionslehrerstelle, verbunden mit Vorsänger- und Schächterdienst ist vom 1. Mai dieses Jahres ab zu besetzen. 
Anfangsgehalt Mark 500.- nebst freier Wohnung eventuell Mark 50.- Entschädigung hierfür. 
Nebenverdienste circa Mark 400.- 
Reisekosten werden nur demjenigen vergütet, der die Stelle erhält. 
Kleinwallstadt am Main (Bayern), 25. März 1889. Kultusvorstand: Liebmann Freund."
 
Kleinwallstadt Israelit 01081892.jpg (46738 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. August 1892: "Offene Lehrerstelle. Die hiesige Stelle eines Religionslehrers, Kantors und Schochets ist sofort zu besetzen. Gehalt Mark 650. - Nebenverdienste ca. Mark 400. - Verheiratete Lehrer mit kleiner Familie werden bevorzugt. 
Kleinwallstadt am Main, 29. Juli 1892. Kultusvorstand Liebmann Freund."
  
Kleinwallstadt Israelit 04031920.jpg (48590 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. März 1920: "In unserer Gemeinde ist die Stelle als Elementarlehrerverweser, Vorbeter und Schächter auf 15. März oder 1. April zu besetzen. Festes Gehalt 3.000 Mark und 1.000 Mark Nebeneinkommen garantiert, sehr schöne, freue Wohnung. Erwünscht wäre ein Selbstverköstiger. Angebote nimmt entgegen der Kultusvorstand der Gemeinde Kleinwallstadt in Bayern."

   
Spendensammlung für das neue jüdische Schulhaus 
Anmerkung: Am Bau des neuen Schulhauses beteiligten sich zahlreiche Spender. In der Zeitschrift "Der Israelit" wurden diese Spenden immer wieder quittiert:

Kleinwallstadt Israelit 18091899.jpg (9340 Byte)Aus einer Spendenliste in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. September 1899: "An Herrn Vorstand L. Freund in Kleinwallstadt: zum Bau des Schulhauses daselbst....10.- (Mark)".  

   
Die Einweihung des neuen jüdischen Schulhauses am 26. September 1899 

Kleinwallstadt Israelit 05101899.JPG (280077 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Oktober 1899: "Kleinwallstadt (Unterfranken). Es ist gewiss eine erfreuliche Erscheinung, wenn eine kleine Landgemeinde der Bildungsstätte ihrer Jugend besondere Pflege angedeihen lässt, wie dies bei der Kultusgemeinde Kleinwallstadt der Fall ist. Sie hat im verflossenen Jahre ihre Religionsschule in eine Elementarschule umgewandelt und in Befolgung der behördlichen Anordnung, einen Schulhaus-Neubau errichtet. 
Zur Einweihungsfeier dieses neu erbauten Schulhauses hatten sich am Schmini Azzeret (= 26. September 1899) Nachmittags 3 Uhr die gesamte Kultusgemeinde und viele Auswärtige in dem festlich dekorierten Lehrsaale der neu erbauten Schule versammelt, woselbst sich auch auf Einladung der Kultusgemeinde Herr königlicher Bezirksamtmann Fischer aus Obernburg, Herr königlicher Lokalschulinspektor Pfarrer Löffler, Herr Bezirkstechniker Haas, der Herr Bürgermeister, Herren Gemeinderäte und die Herren Lehrer des Ortes einfanden. Nach feierlichem Absingen eines Weiheliedes durch die Schüler, trug eine Schülerin in wirkungsvoller Weise ein sinnvolles Gedicht vor. In seiner Ansprache, die hierauf Herr Lehrer Grünfeld an die Versammlung richtete, brachte er dem himmlischen Vater unter Anwendung des Psalmistenwortes: 'Wenn Gott nicht hilft ein Haus zu bauen, vergebens bemühen sich seine Erbauter damit', Lob und Dank dar. Dank zollte er hierauf den Schulbehörden für das Wohlwollen, das sie der Kultusgemeinde bei ihrem Unternehmen entgegenbrachten, der gesamten Kultusgemeinde mit ihrem tatkräftigen Vorstand, für ihre Opferwilligkeit und Hingebung zur Sache. Des Weiteren hob er hervor, dass ein sittlich religiöser Geist das ganze Schulleben durchzieht, dass aber auch die Schule eine Pflanz- und Pflegestätte einer vernünftigen Bildung und der Liebe zu König und Vaterland sein müsse. Mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf den Landesregenten, Seiner königlichen Hoheit Prinz Luitpold von Bayern, schloss der Redner seine Ausführungen. Herr königlicher Lokalschulinspektor Pfarrer Löffler verlas hierauf ein Schreiben des königlichen Distriktsschulinspektors Pfarrer Grünewald aus Mömlingen, der in freundlicher Weise für die Einladung dankte, sein Bedauern aussprach, infolge dringender Amtsgeschäfte an der Teilnahme verhindert zu sein und dem Wunsche Ausdruck gab, dass Gottes reichster Segen sich auf das neue Haus ergießen möge. In gleicher Weise hatte Herr königlicher Bezirksamtsassessor Grill in einem Schreiben an den Kultusvorstand, der Kultusgemeinde die Glück- und Segenswünsche übermitteln lassen. Hierauf richtete Herr Pfarrer Löffler an den Lehrer Worte der Begeisterung, ermunterte ihn zur Berufsfreude und treuer Pflichterfüllung, ermahnte die Schüler zu Fleiß, Aufmerksamkeit und Gehorsam und bat die Eltern, die Schule in jeder Weise zu unterstützen. Herr Bezirksamtmann gratulierte der Kultusgemeinde, rühmte ihre Opferwilligkeit und äußerte den Wunsch, dass der bisherige gute Stand der Schule auch in das neue Haus übertragen werden möge. Herr Bürgermeister Rohe dankte der Kultusgemeinde für das schöne Haus, das eine Zierde des ganzen Ortes sei, betonte das gute Einvernehmen der politischen mit der Kultusgemeinde. Hierauf dankte Herr Kultusvorstand Liebmann Freund allen Teilnehmern der Eröffnungsfeier und empfahl die Schule dem ferneren Wohlwollen der Behörde. Nachdem noch an die Schüler Lebkuchen verteilt worden waren, besichtigte man die Räume, über welche volle Befriedigung allerseits herrschte. Mit Stolz kann die Kultusgemeinde auf ihr vollbrachtes Werk und ihre heutige Feier, die sich einem Kiddusch Haschem (Heiligung Gottes) im wahrsten Sinne des Wortes gestaltete, zurückblicken. Und wenn wir auch bei einer gewissen Seite, von der man gerade eine Beihilfe hätte erwarten sollen, aus naheliegenden Gründen merkwürdigerweise, einen grundsätzlichen Gegner fanden, so gedieh unser Werk doch vortrefflich, wobei uns 
Kleinwallstadt Israelit 05101899c.jpg (52144 Byte)die Zuwendungen zahlreicher Glaubensgenossen, die uns die Ausführungen unseres Unternehmens ermöglicht hatten, wesentlich zustatten kam. Den edlen Spendern sei an dieser Stelle nochmals der wärmste Dank zum Ausdruck gebracht. Noch ist die Kultusgemeinde mit dem Ausbau ihrer Gemeinde-Institutionen nicht zu Ende. Es ist ihr sehr daran gelegen, ein zweckdienlicheres Betlokal und entsprechenderes Ritualbad als die bisherigen neben dem Schulgebäude auszuführen, sobald die geeigneten Mittel zur Verfügung stehen. Möge Gott, der mit seiner hilfreichen Hand, bei Errichtung unserer Schule, uns so sichtbar beigestanden, auch unserem neuen heiligen Werke seinen Schutz und Beistand angedeihen lassen."

   
Lehrer Simon Grünfeld wird "definitiver Lehrer" an der jüdischen Schule mit "definitivem Charakter" (1900)

Kleinwallstadt AZJ 22031900.jpg (22132 Byte)Meldung in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 22. März 1900: "Kleinwallstadt bei Aschaffenburg. Die königliche Kreisregierung verlieh unserer Volksschule den definitiven Charakter unter Ernennung des derzeitigen Stelleninhabers, Herrn Grünfeld, zum definitiven Lehrer an derselben." 
Anmerkung: bei Lehrer Grünfeld handelte es sich um Simon Grünfeld: geb. 1872 in Tauberrettersheim, Ausbildung zum Lehrer an der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt in Würzburg, Examen 1892. Er war Lehrer u.a. in Kleinwallstadt, ab 1913 Lehrer, Hauptlehrer an der einklassigen israelitischen Volksschule in Heidingsfeld; 1925 erkrankt, wenig später im Ruhestand; emigrierte im Mai 1939 nach Tel Aviv. Er war verheiratete mit Lea geb. Jameson aus London. 
Die Tochter Betty ist 1908 in Kleinwallstadt geboren und ließ sich später zur Erzieherin ausbilden; heiratete den Lehrer Selig Wolf (geb. 1908), Lehrer in Siegburg; nach Emigration in Jerusalem wohnhaft (noch in den 1980er-Jahren). 
(Quelle: Strätz, Biographisches Handbuch der Würzburger Juden Bd. I S. 213).

  
  
Aus dem jüdischen Gemeindeleben   
Zur Gemeinde Kleinwallstadt gehören nun auch die in Hofstetten lebenden jüdischen Personen (1931) 

Kleinwallstadt BayrGZ 15041931.jpg (58603 Byte)Bekanntmachung in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15. April 1931: "Bekanntmachung über die Erweiterung des Gebietes der Israelitischen Kultusgemeinde Kleinwallstadt. Die Israelitische Kultusgemeinde Kleinwallstadt hat beschlossen, ihr Gebiet auf die Gemeinde Hofstetten auszudehnen. Es ergeht hiermit die Aufforderung an alle Religionsgenossen, die in dem von der Ausdehnung betroffenen Gebiete wohnen oder unabhängig vom Wohnsitz steuerpflichtig sind, etwaige Einsprüche gegen die Gebietserweiterung bis spätestens 15. Mai 1931 bei dem Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Kleinwallstadt schriftlich oder mündlich einzulegen. 
München, den 10. April 1931. Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Dr. Neumeyer."

 
 
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde  
Silberne Hochzeit des Gemeindevorstehers Liebmann Freund (1902)

Kleinwallstadt Israelit 27031902.jpg (80021 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. März 1902: "Kleinwallstadt, im März. Am 30. dieses Monats feiert Herr Kaufmann Liebmann Freund dahier das Fest des silbernen Ehejubiläums. Der geehrte Jubilar, der sich in den weitesten Kreisen besonderer Hochachtung und Wertschätzung erfreut. ist gleichzeitig seit 24 Jahren Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde, welches Ehrenamt er in selten umsichtiger Weise bekleidet, wie die unter seiner Leitung geschaffenen Institutionen beredtes Zeugnis ablegen. Möge es dem Jubelpaare vergönnt sein, noch lange im frohen Familienkreise Tage der Freude, der Gesundheit und des Glückes zu verbringen!"

  
Zum 80. Geburtstag von Karoline Grünebaum geb. Schmidt (1933)    

Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 1. März 1933: "80. Geburtstag. Herr Hirsch Schmidt in Giebelstadt bei Würzburg, früher langjähriger Kultusvorstand der Gemeinde Giebelstadt, und dessen Zwillingsschwester Frau Karoline Grünebaum in Kleinwallstadt bei Aschaffenburg konnten am Samstag, den 11. Februar 1933, gemeinsam in voller Rüstigkeit ihren 80. Geburtstag feiern."   

   
Hinweis zur Familie des amerikanischen Politikers Henry Morgenthau jun. (1891-1967)  

Lazarus Morgenthau (geb. 1815 in Kleinwallstadt) war verheiratet mit Barbara geb. Guggenheim (geb. 1826). Das junge Ehepaar zieht 1843 nach Mannheim, wo Lazarus Morgenthau eine Zigarrenfabrik erfolgreich aufbaut (Informationen auf einer Seite des Stadtarchivs Mannheim). Die beiden haben 13 Kinder, von denen zwei früh gestorben sind. Als 1865 die Tabakpreise verfallen, wandert die Familie Morgenthau in die USA aus. Hier war Lazarus Morgenthau wiederum erfolgreicher Unternehmer. Später macht er sich als Wohltäter einen Namen (Artikel in der "New York Times" vom 13.11.1896 (pdf-Datei).       
   
Von den Kindern des Ehepaares Morgenthau wird Sohn Heinrich Morgenthau (Henry Morgenthau sen., 1856-1946) erfolgreicher Diplomat als Botschafter der USA in der Türkei.  
Der Enkel Henry Morgenthau jun. (1891-1946) war amerikanischer Finanzminister 1934-1945. Er trat 1944 durch den nach ihm benannten Plan hervor ("Morgenthau-Plan"), Deutschland zu verkleinern und zu entindustrialisieren und zu einem reinen Agrarstaat machen (Schrift 'Germany is our problem', 1945).    
    
Morgenthau Lit 010.jpg (11470 Byte)Literatur:  Henry Morgenthau: Mostly Morgenthaus: A Family History. 1991.  (amazon.de)  

    
    
Weitere Dokumente  
(aus der Sammlung von Peter Karl Müller, Kirchheim/Ries; Erläuterungen gleichfalls von P.K. Müller)   

Ansichtskarte aus Kleinwallstadt 
an Flora Adler in Laudenbach (1910)
 
Laudenbach 091910a.jpg (222570 Byte) Laudenbach 091910.jpg (192867 Byte)

Die Ansichtskarte aus Kleinwallstadt wurde im September 1910 an Fräulein Flora Adler in Laudenbach per Adresse Herrn Samuel Adler II verschickt (nicht zu verwechseln mit dem Lehrer Samuel Adler). Samuel Adler II war der Kaufmann Samuel Adler aus Laudenbach (verheiratet mit Fanny geb. Landauer aus Urspringen). Flora Adler war eine Tochter des Ehepaars. Leider erschließt sich aus dem Text nicht wer die Absenderin in Kleinwallstadt ("Freundin Martha") war. 
vgl. Quellen: http://www.stolpersteine-wuerzburg.de/wer_opfer_lang.php?quelle=wer_paten.php&opferid=380

    

Kennkarten aus der NS-Zeit            
               
Am 23. Juli 1938 wurde durch den Reichsminister des Innern für bestimmte Gruppen von Staatsangehörigen des Deutschen Reiches die Kennkartenpflicht eingeführt. Die Kennkarten jüdischer Personen waren mit einem großen Buchstaben "J" gekennzeichnet. Wer als "jüdisch" galt, hatte das Reichsgesetzblatt vom 14. November 1935 ("Erste Verordnung zum Reichsbürgergesetz") bestimmt. 
Hinweis: für die nachfolgenden Kennkarten ist die Quelle: Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland: Bestände: Personenstandsregister: Archivaliensammlung Frankfurt: Abteilung IV: Kennkarten, Mainz 1939" http://www.uni-heidelberg.de/institute/sonst/aj/STANDREG/FFM1/117-152.htm. Anfragen bitte gegebenenfalls an zentralarchiv@uni-hd.de       
 
 Kennkarten zu Personen, 
die in Kleinwallstadt geboren sind
 
 Kleinwallstadt KK MZ Bender Ricke.jpg (92929 Byte)  Kleinwallstadt KK MZ Sulzbach Ida.jpg (92972 Byte)  
  KK (Dieburg 1939) für Ricka Bender geb. Grünebaum 
(geb. 2. Juni 1887 in Kleinwallstadt), wohnhaft in Dieburg und 
Frankfurt; am 11./12. November 1941 deportiert ab Frankfurt
 in das Ghetto Minsk, umgekommen   
 KK (Mainz7 1939) für Ida Sulzbach geb. Grünebaum
 (geb. 21. November 1883 in Kleinwallstadt), wohnhaft in Mainz 
und Hungen, am 25. März 1942 deportiert ab Mainz - Darmstadt 
in das Ghetto Piaski, umgekommen  
 

     
     
     
Zur Geschichte der Synagoge                   
     
Zunächst war ein Betsaal oder eine erste Synagoge vorhanden. Eine (neue) Synagoge wurde 1827 erbaut. Bei der Einweihung des jüdischen Schulhauses in Kleinwallstadt 1899 wurde der Wunsch nach einem "zweckdienlicheren Betlokal und entsprechendem Ritualbad" geäußert, die neben dem Schulgebäude ausgeführt werden sollten (siehe oben Bericht). 
   
In der NS-Zeit war die Synagoge mehrfach Ziel von Anschlägen durch Nationalsozialisten. Am 11. Juli 1933 wurde die große farbige Scheibe der Synagoge eingeworfen. 1934 wurde nach einem Bericht des Regierungspräsidenten von Unterfranken ein Brandanschlag auf die Synagoge geplant. Da im angrenzenden Garten ein mit Petroleum gefüllte Flasche gefunden wurde, an der ein kleines Bündel dürres Reisig befestigt war, konnte der Anschlag noch rechtzeitig verhindert werden. In den Folgejahren wurde auch nachts in die Synagoge eingebrochen und Ritualien gestohlen. 1936 drangen SS-Leute während eines Gottesdienstes in die Synagoge ein und verhinderten, dass dieser zu Ende geführt werden konnte (Angaben von Achim Albert in www.synagogen.info zu Kleinwallstadt).
    
Nachdem die Zahl der jüdischen Gemeindeglieder stark zurückgegangen war, wurde die Synagoge am 29. März 1938 an nichtjüdische Privatpersonen verkauft. Dadurch entging das Gebäude einer Schändung beim Novemberpogrom 1938. Das Gebäude wurde in der Folgezeit zu einem Wohnhaus umgebaut und ist als solches (mehrfach umgebaut und erneuert) bis heute erhalten.
    
Eine Gedenktafel wurde im Herbst 1986 am Rathaus der Gemeinde angebracht. Sie wurde am 24. Dezember 1986 gestohlen. Eine neue Gedenktafel wurde daraufhin angebracht (siehe Foto unten).  
   
   
Adresse/Standort der SynagogeRathausstraße 11  
   
   
Fotos 
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 16.3.2008)

Das ehemalige Synagogengebäude
Rathausgasse 11
Kleinwallstadt Synagoge 161.jpg (70374 Byte) Kleinwallstadt Synagoge 162.jpg (76104 Byte)
  Das ehemalige Synagogengebäude wurde zum Wohnhaus umgebaut. 
   
Erinnerung an die jüdische Gemeinde
 / Synagoge  
Kleinwallstadt Rathaus 160.jpg (71022 Byte) Kleinwallstadt Synagoge 160.jpg (68204 Byte)
  Rathaus von Kleinwallstadt mit Erinnerungstafel an der Nordseite: "In Kleinwallstadt bestand bis
 1938 eine Jüdische Kultusgemeinde. Synagoge Rathausgasse II. Zur Erinnerung und Mahnung".
     
Das ehemalige jüdische Schulhaus
Hauptstraße 29  
Kleinwallstadt Schule 160.jpg (78212 Byte) Kleinwallstadt Schule 163.jpg (93359 Byte)
   Das ehemalige jüdische Schulhaus, das am 26. September 1899 feierlich eingeweiht wurde 
(siehe Bericht oben)
 
  Kleinwallstadt Schule 161.jpg (113309 Byte) Kleinwallstadt Schule 162.jpg (59916 Byte)
   Eingang zum ehemaligen jüdischen Schulhaus mit Jahreszahl: hebräische Buchstaben ergeben 
die Inschrift: 'im Jahr 659 nach der kleinen Zählung" (gemeint 5659 = 1898/99);
 bzw. nach christlicher Zählung "1899".

     
     
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  

März 2017: Achim Albert erforscht die jüdische Geschichte in Kleinwallstadt     
Artikel von Christel Ney im "Main-Echo" vom 24. März 2017: "Spurensuche bis in die USA. Achim Albert erforscht jüdische Geschichte in Kleinwallstadt
Kleinwallstadt.
Bis zum Jahr 1938 gab es in Kleinwallstadt eine jüdische Kultusgemeinde. An sie erinnert hat Achim Albert vom Heimat- und Geschichtsverein in seinem Vortrag am Donnerstag in der Zehntscheune. Er selbst recherchiert bereits seit seiner Schulzeit über das jüdische Leben im Ort, denn dies war das Thema seiner Facharbeit im Rahmen der Abiturprüfung- und es fasziniert ihn noch immer.
'Es ist ein schwieriges Unterfangen, denn seit 1939 gibt es keine jüdische Familie mehr und deshalb auch keine Zeitzeugen mehr im Ort', erläuterte Albert. Hauptinformationsquellen waren für ihn daher die Biografische Datenbank Jüdisches Unterfranken, die Register in Kleinwallstadt und Würzburg, aber auch private Ahnenforschungen und Erzählungen von Bürgern. So wohnten ursprünglich viele Juden im Ortsteil Hofstetten und siedelten sich erst später in Kleinwallstadt an. 'Viele betrieben Handel und mit dem Bau der Eisenbahnlinie im Maintal mit Halt in Kleinwallstadt war dies der bessere Ort, um ihren Geschäften nachzugehen', vermutet Albert.
Auf einem Ortsplan von 1920 konnten 14 Wohn- und Geschäftshäuser von jüdischen Mitbürgern identifiziert werden. Sie arbeiteten als Metzger, Viehhändler oder betrieben sonstige Handelsgeschäfte. Handwerkliche Tätigkeiten waren ihnen nur eingeschränkt erlaubt. Zu jedem dieser Häuser konnten Auskünfte gegeben werden. Und immer wieder taucht der Name Grünebaum auf.
Kontakt zu Nachkommen. Zu den Nachkommen des in Kleinwallstadt geborenen Siegfried Grünebaum, der 2004 als Fred Greenbaum in New Jersey/USA starb, hat Albert persönlichen Kontakt. Sein Sohn Don war 2016 zu Besuch in Kleinwallstadt und hat einen weiteren Besuch im Herbst angekündigt.
Das Leben der Juden in Kleinwallstadt war geprägt vom Bestreben nach Integration sowie nach Wahrung ihrer eigenen Identität und Kultur. Es gab lange Zeit im Ort eine jüdische, religiöse Schule und eine Synagoge, in der sie Traditionen und Religion leben konnten. Albert präsentierte eine Feldpostkarte an einen Herzlöb Grünebaum aus dem Ersten Weltkrieg, als es selbstverständlich war, dass jüdische Soldaten für ihr deutsches Vaterland kämpften.
Größeren Raum widmete Albert in seinem Vortrag der Zeit von 1933 bis 1945. Hier kam es zu vielfachen Angriffen auf das Hab und Gut, aber auch auf Leib und Leben der verbliebenen Juden, zu Verfolgungsmaßnahmen und Internierung in Konzentrationslagern. Im Juli 1933 begannen die Brandanschläge und das Einwerfen von Fensterscheiben. In die Synagoge wurde eingebrochen, Drohbriefe wurden geschrieben. Es kam zu zunehmender Isolation, zu Berufsverboten, zu direkten und indirekten Boykottaufrufen. Auf entsprechende Beschwerden beim Bezirksamt Obernburg gab es den Ratschlag, einfach weg zu ziehen. Dann sei das Problem gelöst. Im November 1935 fasste der Gemeinderat den Beschluss, keine Mitarbeiter mehr zu beschäftigen, die noch bei Juden einkaufen. Ein trauriger Höhepunkt wurde 1938 erreicht, als auf Antrag des zweiten Beigeordneten Fecher der Zuzug von Juden nach Kleinwallstadt für alle Zeit verboten wurde und sämtliche Gemeinderäte zustimmten.
29 Schicksale recherchiert. Den letzten Teil seines Vortrages widmete Albert dem Thema Erinnern. Für einige Juden, die Kleinwallstadt verließen, konnten die neuen Aufenthaltsorte ermittelt werden. Diese waren neben Orten in Deutschland auch Frankreich, Holland, Österreich, Südafrika, Palästina oder die USA, wo anhand von Passagierlisten die ankommenden Personen nachweisbar sind. Aber besonders die Aufenthaltsorte in Europa waren nicht sicher, so dass viele später deportiert wurden und in Internierungs- und Konzentrationslagern ums Leben kamen. 29 dieser Schicksale konnte Albert identifizieren. Jede Person und deren persönliche Daten und Schicksale zeigte er in einer beeindruckenden Power-Point-Präsentation zu dem traurig-klassischen Musikstück Adagio for Strings Op. 11 von Samuel Barber.
Achim Albert dankte Oded Zingher, der die Informationen aus der biografischen Datenbank zusammengetragen hat und ebenso Katrin Diehl, die die altdeutschen Schriftstücke in die deutsche Schrift übersetzte.
Für weiteres Material zur Unterstützung bei den Recherchen zum Themenkreis Jüdische Kultusgemeinde sei der Heimat- und Geschichtsverein jederzeit dankbar, so Albert."  
Link zum Artikel     

      

Links und Literatur   

Links:  

Website der (VG und Gemeinde) Kleinwallstadt    

Literatur:  

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979 S. 342-343.
Israel Schwierz:  Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 61.
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany - Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 555-556.
Dirk Rosenstock: Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle. Reihe: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13. Würzburg 2008. S. 181.  

   
    


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Kleinwallstadt  Lower Franconia.  A Jewish community existed in the early 18th century. A new synagogue was built in 1900, when the Jewish population stood at 81 (total 1.477). In 1933, 45 Jews remained. Windows in the synagogue and Jewish homes were smashed in 1933-34 and in 1936 rioters broke up prayer services. All the Jews left in 1934-1938, including 16 to the United States and 11 to Frankfurt.   
      
        

                   
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Stand: 26. März 2017