Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Tauberrettersheim (VG Röttingen, Kreis Würzburg)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Berichte / Anzeigen zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen   
Links und Literatur   

  

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)  
    
In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zum Hochstift Würzburg gehörigen Tauberrettersheim (ursprünglich: Rettersheim) bestand eine jüdische Gemeinde bis 1936. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück. Um 1700 gestattete der Zehntamtsherr die Ansiedlung jüdischer Einwohner auf seinem Anwesen, dem Zehntamtshof. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts lebten die jüdischen Familien vom Stoff- und Warenhandel. Auch als Fleischlieferanten werden Juden genannt. Der in den 1780er- und 1790er-Jahren genannte jüdische Händler Jessel lieferte für die Landsoldaten Uniformteile. 
  
1813 sind der jüdischen Gemeinde am Ort 12 Matrikelstellen (d.h. für maximal 12 jüdische Familien) eingeräumt worden, 1817 und 1824 kam je eine weitere Stelle dazu. Die 1817 in die Judenmatrikel eingetragenen Haushaltsvorstände waren (mit neuem Familiennamen und Erwerbszweig, einschließlich der Nachträge bis 1824): Jaidel Wellheimer (lebt von seinem Vermögen), Wolf Grünfeld (Handel mit Schnittwaren), Fraidel Berg (vermutlich Witwe), Leser Weickersheimer (Weikersheimer, geringer Warenhandel), Joseph Gutmann (Viehhandel), Kaffel Berg (geringer Warenhandel), Salomon Weiter (Kleinhandel) Aron Sondheimer (Kleinhandel), Aron Sondheimer (Kleinhandel) Samuel Stettenheimer (Schmusen), Marx Gunzenhauser (Kleinhandel), Löw Gutmann (Schmusen), Isack Weikersheimer (Weikersheimer, lebt von Wohltaten), Wolf Weickersheimer (Weikersheimer, Metzgerei, 1817), Anschel Sulzbacher (Handlung, 1824).    
  
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1816 50 jüdische Einwohner (6,6 % von insgesamt 757), 1867 63 (9,0 % von insgesamt 697), 1880 42 (5,6 % von 752), 1900 38 (5,5 % von 692), 1910 32 (4,7 % von 682). Einige jüdische Familien betrieben nun Handlungen am Ort, mehrere waren auch in der Landwirtschaft tätig. 
  
An Einrichtungen waren eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule (1834-1899) und ein rituelles Bad vorhanden. Zur Versehung des Religionsunterrichtes gab es zeitweise einen eigenen Lehrer, der gleichzeitig als Vorbeter und Schochet tätig war. Seit 1826 wird in dieser Stellung Jakob Schwerin genannt. Aufsicht über seinen Unterricht - verbunden mit den regelmäßigen Schulprüfungen - hatte gemeinsam mit dem Lokalschulinspektor der Rabbiner/Lehrer Samuel Weisbart aus Allersheim. In den 1840er-Jahren war einige Zeit Salomon Falk Lehrer in Tauberrettersheim, später in Aub (siehe Berichte dort). Die Toten der jüdischen Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof in Weikersheim beigesetzt. 
  
Um 1924, als noch 19 Personen der jüdischen Gemeinde angehörten (2,7 % von insgesamt 712 Einwohnern), war Gemeindevorsteher Karl Berg (auch noch 1932). Die Gemeinde gehörte zum Distriktsrabbinat in Kitzingen. Einen eigenen Lehrer gab es bereits längere Jahre nicht mehr. Den Religionsunterricht der Kinder und besondere religiöse Aufgaben der Gemeinde übernahmen auswärtige Lehrer (z.B. Lehrer Bernstein aus Aub bei der Beerdigung von Adolf Grünfeld)

1933 lebten noch 10 jüdische Personen am Ort (1,5 % von insgesamt 651). 1935 kam es zu Anschlägen auf jüdische Häuser, u.a. wurde das Wohnhaus der Geschwister Josef und Betty Gunzenhäuser mehrmals mit Kot beschmiert. Beim Novemberpogrom 1938 drangen SS- und SA-Leute in die beiden jüdischen Häuser am Ort ein: in einem der Häuser wurden ein Fenster und ein Leuchter zerstört, im anderen sämtliche Möbel und der Hausrat zerschlagen (zur Synagoge s.u.). Bis 1939 konnten sieben der jüdischen Einwohner emigrieren beziehungsweise in andere Orte Deutschlands verziehen. Im Winter 1939/40 wurden zwei (nichtjüdische) Dorfbewohner beschuldigt, der Handelswitwe Gretel Grünfeld Brennholz verkauft zu haben. Anfang 1942 gab es noch zwei ältere jüdische Frauen am Ort, die im März 1942 in das Würzburger Altersheim kamen und von dort aus im April 1942 nach Izbica bei Lublin (Polen) beziehungsweise im September 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurden.  
   
Von den in Tauberrettersheim geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Berta (Bella) Adler geb. Sulzbacher (1863), Bertha Frank geb. Grünfeld (1900), Zerline Grünewald geb. Grünfeld (1876), Betty Grünfeld (1898), Emma Grünfeld (1879), Gretchen (Gretel) Grünfeld geb. Sulzbacher (1867), Josef Grünfeld (1898), Leo (Jehuda) Grünfeld (1901), Willy Grünfeld (1896), Bertha Gunzenhäuser (1856), Betty Gunzenhäuser (1889), Josef Gunzenhäuser (1886), Mina Gunzenhäuser (1892), Minna Heinemann geb. Grünfeld (1874), Selma (Sara) Strauss geb. Berg (1880), Karl Sulzbacher (1872), Babette Weiter (1855)
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Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde    
    
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
  
Der Schuldienst-Exspektant Abraham Adler aus Dittlofsroda wird Religionslehrer und Vorsänger in Tauberrettersheim (1867)      

Anzeige im "Königlich Bayerischen Kreis-Amtsblatt von Unterfranken und Aschaffenburg" vom 26. November 1867: "Durch Regierungs-Entschließung vom 20. November laufenden Jahres ad Nr. 42955 ist die von der israelitischen Kultusgemeinde Tauberrettersheim, königlichen Bezirksamts Ochsenfurt, beschlossene Übertragung ihrer Religionslehrers- und Vorsängerstelle an den israelitischen Schuldienst-Exspektanten Abraham Adler aus Dittlofsroda, königlichen Bezirksamtes Hammelburg, genehmigt worden."      

 
Lehrer Marx Reinhold warnt die Bewerber auf eine Religionslehrerstelle (1872) 
Anmerkung: aus der Anzeige geht nicht hervor, ob Lehrer Reinhold speziell vor der Vertragsabschließung im Blick auf eine Stelle in Tauberrettersheim oder ganz allgemein warnt.

Tauberrettersheim Israelit 28021872.jpg (27576 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Februar 1872: "Jeder Übernehmer einer israelitischen Religionslehrerstelle wird gewarnt, beim Abschließen seines Vertrages nicht auf vierteljährliche Kündigung einzugehen. Tauberrettersheim, den 22. Februar 1872. Marx Reinhold, Lehrer zu Gochsheim." 

   
   
Berichte / Anzeigen zu einzelnen Personen der Gemeinde
 
Zum Tod von Hajam Sulzbacher im Oktober 1896

Tauberrettersheim Israelit 09111896.jpg (86276 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. November 1896: "Tauberrettersheim. Vorige Woche verschied der in weiten Kreisen bekannte Hajam Sulzbacher nach kurzem schweren Leiden im Alter von 71 Jahren. Von Nah und Fern waren Verwandte und Bekannte herbeigeeilt, um dem teueren Verblichenen das letzte Geleit zu geben. Das große Leichenbegängnis gab von der Achtung, die ihm allenthalben zuteil wurde, beredtes Zeugnis. Sein Haus stand den Armen immer offen. Weit und breite war er auch durch sein Wohlwollen bekannt. Aber nicht im Wohl tun allein suchte er seine Religion zu betätigen, sondern auch in der Ausübung jeder Mizwa (Gebot). So gering dieselben auch scheinen möchten, war er stets eifrig bemüht, dieselbe ganz zu vollführen. Sein ganzes Sinnen und Streben war darauf gerichtet, ein Gott wohlgefälliges Leben zu führen. Neben der Ausübung der jüdischen Pflichten, war er bis fast zu seinem Ende in seinem Geschäfte eifrigst bemüht. Seine strenge Reellität und wahre Rechtschaffenheit gaben ihm bei Glaubensgenossen und Andersgläubigen großes Ansehen. Am Grabe sprach der Lehrer der dortigen Gemeinde über die herrlichen Tugenden des Verblichenen.  Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."

     
Zum Tod von Esther Sulzbacher (1908)   

Tauberrettersheim Israelit 30011908.jpg (64932 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Januar 1908: "Tauberrettersheim, 20. Januar (1908): Dieser Tage geleitete man Frau Esther Sulzbacher von hier zur letzten Ruhe. Die Dahingeschiedene war bekannt ob der hervorragenden Wohltätigkeit, die sie allezeit geübt. Im Sterbehaus hielt ihr Herr Lehrer Blumenthal von Aub einen warmen Nachruf. Es sprachen dort ferner zwei Söhne der Verstorbenen, die Herrn Lehrer Sulzbacher von Biebrich und von der Religionsgesellschaft in Stuttgart ergreifende Worte über die Innigkeit, mit der ihre Mutter an unserer heiligen Tora hing. Herr Rabbiner Dr. Schweizer von Weikersheim, wo die Heimgegangene zur Beisetzung kam, sprach sein Bedauern aus, dass er infolge der Nähe des Sabbats von einem Nachruf absehen müsse. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."  

   
Zum Tod des jüdischen Landwirtes und Viehhändlers Josef Grünfeld im Dezember 1925 - 
"einer der letzten Zeugen von der Blütezeit der hiesigen kleinen Gemeinde"

Tauberrettersheim Israelit 28011926.jpg (160811 Byte)Artikel aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Januar 1926: "Tauberrettersheim (Unterfranken). 1. Januar (1926). Einer der letzten Zeugen von der Blütezeit der hiesigen kleinen Gemeinde ging von uns mit Josef Grünfeld. Erzogen in einer Zeit, in der man noch auf dem Land über den Segnungen der Tora groß werden konnte, hatte er sich in seiner Jugend ein reiches jüdisches Wissen erworben, das er mit bewunderungswürdigem Scharfsinn handhabte. Und sein ganzes Leben war ein immer wieder erneuerter Versuch, der jüdischen Lehre Gestaltung im Leben zu geben. Lehre und Leben waren für ihn Pole, die nur in ihrem Aufeinanderbezogensein, in gegenseitiger Durchdringung in jedem Momente ihren Sinn fanden. Das zeigte sich in seinem Familienleben, in seiner geschäftlichen Tätigkeit, das zeigte sich vor allem in seiner Lieblingsbeschäftigung als jüdischer Landwirt auf dem Felde. Im Verein mit seiner, einer altehrwürdigen jüdischen Familie entstammenden Gattin Lina geb. Fromm, verstand er es, ein jüdisches Herz par exellence zu errichten und alle seine Kinder auf den derech hajaschar (den rechten Weg) des Judentums zu führen. Sein eiserner Fleiß war in der ganzen Umgegend sprichwörtlich geworden; er war ein Fürst der Arbeit, eine Verkörperung des "groß ist die Arbeit, die ihren Herrn zu Ehren bringt". Das Ideal des jüdischen Bauern auf eigener Scholle war ihm ans Herz gewachsen; kein Wunder, dass er dem neu entstehenden jüdischen Siedlungswesen in Erez Jisroel größtes Interesse widmete. Der Bahre folgte ein unübersehbare Menschenmenge. Die gesamte christliche Bevölkerung des Dorfes, viele, viele Freunde aus der Umgegend - Jude und Nichtjude -, war die würdige Erscheinung des Verstorbenen doch jedem Kinde der Umgegend bekannt. Mit welchen Augen ihn die christliche Bevölkerung sah, das zeigte am besten der Ausspruch des christlichen Arztes vom nahen Städtchen: 'Er war der Typ des alten Patriarchen, an Würde, an Wissen und an Kraft!' Herr Rabbiner Dr. Kahn, Bad Mergentheim gab in warmempfundenen Worten ein treffendes Charakterbild des Verblichenen. Der Neffe, Herr Lehrer Leo Grünfeld - Darmstadt schilderte in wehmutsvollem Gedenken die Lücke, die durch den Tod des Onkels in Familie und Gemeinde entstanden ist. Als nun noch der Sohn, Herr Dr. J. Grünfeld - Hamburg Abschied vom Vater nehmen wollte, versagte ihm die Stimme in wildem Schmerz. Sein Schweigen sagte mehr, als Worte vermochte hätten. Möge der schwergeprüften Gattin und seinen Kindern vom Allgütigen Trost erstehen in dem Bewusstein, dass Josef Grünfeld im Andenken seiner zahlreichen Freunde und Bekannten fortleben wird für alle Zeiten. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." 
Josef Grünfeld war verheiratet mit Carolina (Lina) geb. Fromm, mit der er mehrere Kinder hatte: 
Bei dem im obigen Artikel genannten Sohn Dr. J. Grünfeld handelte es sich um Dr. Isidor (Jesaja) Grünfeld (in London Grunfeld): geb. 1900 in Tauberrettersheim, Lehrerausbildung an der Israelitischen Präparandenschule Höchberg, anschließend an der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt in Würzburg; Examen 1922; anschließend Jurastudium in Marburg, Frankfurt am Main und Hamburg sowie Besuch von Jeschiwot in Frankfurt und Hamburg, Rabbinerexamen; ab 1927 als Referendar, dann Rechtsanwalt in Würzburg, aktiv in verschiedenen Gruppen und Einrichtungen, u.a. Mitglied im Landesvorstand der Zionistischen Vereinigung für Deutschland; im Juli 1933 emigriert; ab 1936 Rabbiner in London, 1939 bis 1945 Richter am Gerichtshof des Oberrabbiners von London (Dajan), zahlreiche Mitgliedschaften und Ehrenämter in britisch-jüdischen Institutionen und Vereinigungen, wichtige Veröffentlichungen; gest. 1975. 
(Quelle: Strätz, Biographisches Handbuch der Würzburger Juden Bd. I S. 214). War verheiratet mit Dr. Judith Rosenbaum (aus Frankfurt am Main), Kinder. Anne Ruth verh. Cohn, Naomi, Joseph, Raphael, Alexander.
Sabbath Grunfeld.jpg (63410 Byte)Hirsch Grunfeld.jpg (14484 Byte)Unter den zahlreichen Publikationen von Dr. Isidor Grunfeld sind ein bis heute viel gelesenes Buch über den Sabbath wie auch Übersetzungen der Werke von Samson Raphael Hirsch in die englische Sprache (links: Samson Raphael Hirsch: Horeb - A Philosophy of Jewish Laws and Observances. Translated by Dayan Dr. I. Grunfeld).  
Artikel der Tochter von Isidor Grunfeld: Dr. Anne Ruth Grunfeld Cohn: In-Depth Features - Dayan Dr. Yishai I. Grunfeld, zt"l (Artikel von 2005) über ihren Vater: hier anklicken (auch als pdf-Datei). 
Ein weiterer Sohn war Willy Grünfeld (geb. 1909 in Tauberrettersheim): erlernte in Würzburg den Beruf eines Schneider (zw. 1926 und 1931 Lehrling, dann Geselle im Schneiderbetrieb Nußbaum in Würzburg).
Ein weiterer Sohn war Moritz Grünfeld (geb. 1913 in Tauberrettersheim), Lehrerausbildung an der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt in Würzburg, Examen 1933. Ab 1935 (?) Lehrer an der jüdischen Volksschule Würzburg, Mitglied im jüdischen Kulturbund; Anfang 1939 nach London emigriert; 1982 als Rabbiner tätig (?) 
(Quelle: Strätz, Biographisches Handbuch der Würzburger Juden Bd. I S. 213).

 
Zum Tod von Adolf Grünfeld, Bruder des oben genannten Josef Grünfeld (1927)

Tauberrettersheim Israelit 01121927.jpg (204099 Byte) Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Dezember 1927: "Tauberrettersheim (Unterfranken), 20. November 1927: "Unsere kleine, leider nun fast ausgestorbene Gemeinde, hatte wieder einen herben Verlust zu beklagen. Am Sonntag, den 6. November trug man Adolf Grünfeld - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - zu Grabe, den Inhaber des Herrenkonfektionsgeschäftes S. Sulzbacher Nachfolger. Zwei Jahre sind es erst her, seit wir den unvergesslichen Bruder des Verstorbenen, Josef Grünfeld, verloren. Nun sind mit den beiden Brüdern die letzten Stützen der hiesigen Gemeinde ins Grab gesunken. Die Beerdigung war ein beredtes Zeugnis der Beliebtheit Adolf Grünfelds in allen Kreisen der Bevölkerung. Juden und Nichtjuden des Dorfes und der Umgebung folgten der Bahre, Kriegervereine und freiwillige Feuerwehr gaben ihrem langjährigen Mitglied das letzte Geleite. Der Verstorbene halt als Muster eines ehrlichen und fleißigen Geschäftsmannes. Unermüdlich übte er oft bis tief in die Nacht hinein das Schneiderhandwerk aus. Wer ihm bei seiner Arbeit, das Mützchen nach jüdischer Sitte stets auf dem Haupte zusah, wird dieses Idyll alten jüdischen Gewerbefleißes nie vergessen können. Seine Werkstätte lag neben unserer stillen Dorfsynagoge - ein Symbol des Lebens des Dahingeschiedenen. Der Tora und der Arbeit war es gewidmet. Mit glühendem Eifer hielt Adolf Grünfeld - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - am überlieferten Judentum fest, besorgte er die Bedürfnisse der Öffentlichkeit und in demselben Sinne erzog er auch alle seine Kinder. Erst vor kurzem wurden ihm anlässlich seines 50jährigen Berufsjubiläums große Ehrungen zuteil und mit besonderer Freude pflegte er auf den Wert der Arbeit im Sinn und Leben unserer alten Weisen hinzudeuten. 
Vor dem Trauerhause gab Herr Lehrer Bernstein vom nahen Aub namens der Gemeinde dem Schmerz um den Verlust dieses echt jüdischen Mannes Ausdruck, für den Verwandtenkreis sprachen die beiden Neffen des Verstorbenen, Herr Lehrer und Oberkantor Grünfeld, Baden-Baden sowie Herr Dr. J. Grünfeld, Würzburg und schließlich nahm der Sohn, Herr Lehrer Grünfeld - Kempen (Rhein) in schmerzbewegten Worten vom Vater Abschied. - Immer mehr verwaist bleibt unsere einst so blühende kleine Gemeinde zurück, ein Beitrag zum traurigen Kapitel vom Untergang der Landgemeinden. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."  
Die Frau von Adolf Grünfeld - Gretchen Grünfeld geb. Sulzbacher - wurde am 23. September 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie am 13. Mai 1944 umgekommen ist.
Saarwellingen Synagoge 100.jpg (86069 Byte) Der in den beiden Artikeln zum Tod von Josef Grünfeld und zum Tod von Adolf Grünfeld genannte Lehrer Leo Grünfeld war Sohn von Adolf Grünfeld: geb. 1901 in Tauberrettersheim, Lehrerausbildung an der Israelitischen Präparandenschule Höchberg, anschließend 1919-1922 an der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt in Würzburg, um 1925 Lehrer in Darmstadt, um 1927 in Kempen (Rhein), danach letzter Lehrer der jüdischen Gemeinde in Saarwellingen; mit Frau und Sohn 1944 in Auschwitz ermordet. Nach ihm ist in Saarwellingen das Leo-Grünfeld-Haus benannt (links Gedenktafel für Leo Grünfeld in Saarwellingen). 
Ein weiterer Sohn war Willy Grünfeld: geb. 1896 in Tauberrettersheim, 1917/18 Teilnehmer am Ersten Weltkrieg; lebte als Kaufmann in Tauberrettersheim, seit ca. 1926 in Aub; Anfang 1939 nach Würzburg, leistete Zwangsarbeit; am 27. November 1941 mit Frau Frieda geb. Neuhöfer aus Wilhermsdorf und den beiden Kindern Hannelore (geb. 1928 in Aub) und Alfred (geb. 1930 in Aub) nach Riga deportiert. Alle vier wurden ermordet.

       
Verlobungsanzeige von Bertl Grünfeld und Jakob Frank (1925)

Tauberrettersheim Israelit 19021925.jpg (24701 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Februar 1925: 
"Statt Karten  Bertl Grünfeld  -  Jakob Frank  
Verlobte   
Tauberrettersheim Unterfranken  -  Edelfingen Baden."
Anmerkung: Bertha Frank geb. Grünfeld (geb. 1900, wohnhaft nach der Heirat in Edelfingen) ist nach der Deportation am 1. Dezember 1941 nach Riga umgekommen.

   
Verlobungs- und Hochzeitsanzeige von Bettina Grünfeld und Moritz Lissberger (1927 / 1928)  

Tauberrettersheim Israelit 22121927.jpg (31378 Byte)"Baruch HaSchem (Gott sei gepriesen) 
Bettina Grünfeld - Moritz Lissberger 
Verlobte
Tauberrettersheim (Bayern) - Creglingen (Württemberg) 
Schabbat Chanukka - 24. Dezember 1927."    
     
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. August 1928: Gott sei gepriesen
Emil Lissberger und Frau - Lina Grünfeld geb. Fromm  
beehrten sich die Vermählung ihrer Kinder Moritz und Bettina anzuzeigen.   
Tauberrettersheim (Bayern) - Creglingen (Württemberg).   
Trauung: Dienstag, den 28. August / 12. Elul 5688. Hotel Miltenberg, Bad Mergentheim."      

    
Verlobungsanzeige von Zerline Unna und dem (Lehrer in Saarwellingen) Leo Grünfeld (1930)  

Saarwellingen Israelit 24041930.jpg (32321 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. April 1930: "Gott sei gepriesen
Zerline Unna - Leo Grünfeld. Verlobte.  
Frankfurt am Main, Uhlandstraße 58 - Saarwellingen / Tauberrettersheim.  
Empfang: Samstag, 26. April 1930 und Sonntag, 27. April 1930."  

  
  
Weitere Persönlichkeiten aus Tauberrettersheim     
    
Aus Tauberrettersheim stammte Simon Grünfeld, vermutlich ein Bruder von Josef und Adolf Grünfeld:  geb. 1872 in Tauberrettersheim als Sohn des Viehhändlers Seligmann Grünfeld und der Babette geb. Ehrlich, Ausbildung zum Lehrer an der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt in Würzburg, Examen 1892; unterrichtete u.a. in Kleinwallstadt, ab 1913 Lehrer, Hauptlehrer an der einklassigen Israelitischen Volksschule; 1925 erkrankt, wenig später Ruhestand; emigrierte im Mai 1939 nach Tel Aviv.  
  
  
  
Zur Geschichte der Synagoge            
   
Eine ältere Synagoge aus dem 18. Jahrhundert wurde vermutlich vor dem Neubau der Synagoge 1845 abgebrochen. Bereits 1817 war das genaue Erbauungsdatum der älteren Synagoge nicht mehr bekannt. Eine neue Synagoge wurde 1845 erbaut.  Unter den Ritualien der Synagoge befand sich Torarollen-Silberschmuck von 1788 - möglicherweise ein Hinweis auf die Zeit der Erbauung einer ersten Synagoge. 

Die 1845 erbaute Synagoge war bis 1936 Mittelpunkt der jüdischen Gemeinde in Tauberrettersheim. Ihre Ritualien wurden 1936 dem Verband der Bayerischen israelitischen Gemeinden in München zur Verwahrung übergeben. Beim Novemberpogrom 1938 wurde von Angehörigen der SA und der SS, die auf Lastwagen aus Bütthard nach Tauberrettersheim gekommen waren, mit Stöcken und Stangen die Inneneinrichtung der Synagoge zerstört, obwohl sie nicht mehr in Benutzung war. Das Synagogengebäude kam wenig später für 200 RM in den Besitz der bürgerlichen Gemeinde, die die Einrichtung eines Jugendklubs plante. 

Nach 1945: Nach mehreren Umbauten wird das ehemalige Synagogengebäude schon längere Zeit als Wohnhaus verwendet
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Adresse/Standort der SynagogeIm Judenhof 6          
   
   
Fotos        

     
Fotos sind noch nicht vorhanden; über Zusendungen freut sich der Webmaster 
von Alemannia Judaica, Adresse siehe Eingangsseite
 
     

    
     

Links und Literatur

Links:  

Website der Gemeinde Tauberrettersheim  

Literatur:  

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979 S. 407-408.
Israel Schwierz:  Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 116.
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany - Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 500-501.
Jutta Sporck-Pfitzer: Die ehemaligen jüdischen Gemeinden im Landkreis Würzburg. Hg. vom Landkreis Würzburg. Würzburg 1988 S. 75-76. 
Dirk Rosenstock (Bearbeiter): Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg. Band 13. Würzburg 2008. S. 232.

    
     


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Tauberrettersheim  Lower Franconia.  A Jewish community is known from the early 19th century, numbering 63 (total population 697) in 1867 and ten in 1933. The synagogue was vandalized on Kristallnacht (9-10 November 1938) and subsequently sold. Two remaining elderly women were respectively deported to Izbica in the LUblin district (Poland) and to the Theresienstadt ghetto in 1942.        
      
       

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 20. Dezember 2013