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Saarwellingen
(Kreis Saarlouis)
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Saarwellingen bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938/40. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17./18.
Jahrhunderts zurück. Erstmals werden 1671 Juden am Ort genannt. Im
letzten Viertel des 18. Jahrhunderts lebten 25 Familien innerhalb des Gebiets
der freien Reichsherrschaft. Sie lebten damals fast ausschließlich vom Handel und Geldverleih. Zum Bereich
der Synagogengemeinde Saarwellingen gehörten 1815 die in den Kantonen Tholey
und Lebach lebenden jüdischen Personen.
Im 19. Jahrhundert nahm die Zahl der
jüdischen Einwohner zu (1808 108 jüdische Einwohner): die Höchstzahl wurde 1895
mit 191 Personen erreicht (bei insgesamt 3.195 Einwohnern). Danach ging die
Zahl durch Aus- und Abwanderung langsam zurück. Die Gemeinde gehörte zum
Bezirksrabbinat Trier.
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine jüdische
Volks- bzw. Elementarschule (Gebäude Engelstraße 12), ein rituelles Bad
sowie einen eigenen Friedhof. Mehrere jüdische Vereine prägten das
Gemeindeleben: bereits Mitte des 19. Jahrhunderts bestanden drei
Wohltätigkeitsvereine (Chewrot), darunter der um 1860 durch den
damaligen Lehrer Epstein gegründete Talmud-Tora-Verein (vgl. unten
Bericht über die Einweihung einer neuen Torarolle 1864) sowie die Armenkasse.
1854 wird auch bereits eine Kinderbibliothek genannt (siehe Bericht unten von
1854). Ingesamt galt die jüdische Gemeinde Saarwellingen als "vorzügliche
Landgemeinde" (Bericht von 1865 s.u.) beziehungsweise als "eine der
bedeutendsten Saargemeinden" (Bericht von 1879 s.u.). Jüdische Familien
beziehungsweise Gewerbetreibende eröffneten im 19. Jahrhundert mehrere für das
wirtschaftliche Leben am Ort wichtige Einzelhandelsgeschäfte und Handlungen.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde: Moritz Aron (geb.
17.12.1891 in Saarwellingen, gef. 19.2.1915), Lazar Blum (geb. 22.6.1890 in
Sulz, gef. 28.9.1914), Walter Edelstein (geb. 21.6.1886 in Kurl, gef.
18.9.1914), Siegfried Feldmann (geb. 13.2.1896 in Buttenhausen, gef. 1.12.1917)
und Richard Jakob (geb. 16.12.1891 in Saalwellingen, gef. 10.9.1914).
Außerdem sind gefallen: Gefreiter Alfred Levy (geb. 26.10.1884 in
Saarwellingen, vor 1914 in Kassel wohnhaft, gef. 10.8.1916). Gefreiter Myrtil
Lewy (geb. 1.2.1873 in Saarwellingen, vor 1914 in Saarlouis wohnhaft, gef.
19.4.1918), Moses Ucko (geb. 21.2.1882 in Saarwellingen, vor 1914 in Schwabach
wohnhaft, gef. 10.8.1917) und Ludwig Hirsch (geb. 13.8.1881 in Saarwellingen,
vor 1914 in Oberstein wohnhaft, gef.
23.4.1917).
Um 1925, als noch 150 jüdische Gemeindeglieder gezählt wurden (3 % der
Gesamteinwohnerschaft von etwa 5.000 Personen), gehörten dem Synagogenvorstand
an: L. Lazar, Moses Bonnem und Siegfried Levie. Mitglieder der Repräsentanz
waren V. Weiler, M. Lazar, Ed. Lazar und Is. Ucko. Als Lehrer, Kantor und
Prediger war Josef Heß angestellt. An jüdischen Vereinen gab es weiterhin die bereits
Mitte des 19. Jahrhunderts genannten Vereine: den Verein
Gemilus Chassodim (Wohltätigkeit, Verteilung von Holz für die Armen), den
Verein Hanorim (Krankenpflege, Darlehen), den Talmud Tora Verein, den
Israelitischen Frauenverein (Wohltätigkeit) und die Kasse für
Wanderarme. 1932
gehörten weiterhin Siegfried Levie und Moses Bonnem dem Synagogenvorstand an;
Schriftführer war Isidor Moses. Die jüdische Volksschule unter dem Lehrer Leo Grünfeld
wurde damals noch von 16 Kindern besucht.
1933 lebten noch 134 jüdische Personen am Ort. Nachdem die Saar 1935 vom
Deutschen Reich annektiert wurde, verließen viele der jüdischen Einwohner den
Ort und emigrierten teilweise nach Frankreich (36 Personen), nach Luxemburg (27
Personen) oder verzogen in andere deutsche Städte. Innerhalb weniger Monate
sank dadurch die Zahl der jüdischen Einwohner von 140 auf 68. Beim Novemberpogrom
1938 wurden auch in Saarwellingen die Inneneinrichtungen jüdischer
Wohnungen zerstört und ihre Bewohner misshandelt, u.a. wurde der alte
Handelsmann Max Aron blutig geschlagen. Einige Tage nach der Pogromnacht fanden
weitere Misshandlungen und der Versuch einer Abschiebung der noch in
Saarwellingen lebenden jüdischen Einwohner über die französische Grenze
statt. Doch schickten die französischen Zöllner sie zurück. Eine Anzahl von
jüdische Personen blieb in der Folgezeit in Saarwellingen. Die letzten
jüdischen Einwohner musste in einem "Judenhaus" zusammenziehen, bis
sie (neun Personen) im Oktober 1940 nach Gurs deportiert wurden.
Von den in Saarwellingen geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Millie (Amalie) Andres geb. Weil (1887), Bernard Aron (1878),
Dorothea Aron geb. Stern (1858), Henri Aron (1928), Isaak Aron
(1887), Max Aron (1897), Palmyra Aron geb. Salomon (1901), Rosa Aron geb. Salomon (1894),
Siegfried Aron (1922), Sylvain Aron (1922), Ella August geb. Lazar (1885),
Johanna Bär geb. Lewy (1876), Johanna Baum geb. Bonem (1886), Regina Baum geb. Levy (1885), Paula
Blatt geb. Lazar (1889), Ella Bonnem geb. Bonnem (1888), Sarah Wina Bonnem
(1922), Rosa Edelstein geb. Lazar (1881), Martha Franken geb. Levy (1874), Alfred
Grünfeld (1934), Leo Jehuda Grünfeld (1901), Zerline Grünfeld geb. Unna (1896),
Ernestine (Erna) Hahn geb. Levy (1893), Emma Hirsch (1883), Olga Jakob (1899),
Oscar
Jakob (1885), Oskar Jacob (1888), Carl (Charles) Kahn (1909), Clara Kahn geb. Weil (1881), Isak Kahn
(1874), Josefine Kaufmann geb. Lazarus (1861), Ida Landau geb. Bonneur (1887), Else Lazar (1894), Isidor Lazar (1875),
Jacob Lazar (1866), Morel Lazar (1880), Myrtil Lazar (1883), Moses Lazar (1884),
August Levi (1884), Erika Levie (1920), Waldemar Levie (1890), Erna Levi geb. Haas (1892), Felix
Levie (1878), Morel Levie (1881), Waldemar Levie (1892), Thekla Löb geb. Weiler
(1882),
Ernestine Löwenstein geb. Ucko (1883), Hilde Löwenstein (1922), Otto
Löwenstein (1879), Alma Mayer geb. Lazar (1911), Milly Nathan geb. Jacob
(1893), Hedwig Okuniew geb. Mann (1894), Elfriede Okuniew (1926), Alice Reinheimer
geb. Bonnem (1898), Elise Rothschild geb. Weil (1877), Herta Simon (1910), Louise Sribny (1879),
Thekla Strauß geb. Lazar (1880), Hertha Ucko geb.
Cohnreich (1889), God(e)froy Weil (1879), Rosa Wagner geb. Aron (1880), Clara
Weil (1880), Celestine Weiler geb. Lazar (1868), David
Weiler (1879), Ernest Weiler (1906), Eve Wolff geb. Lazar (1888), Johanna Worms
geb. Wertheim (1884), Helmuth Worms (1920).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der
Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule
Ausschreibungen der Stelle des Elementarlehrers, Kantors und Schächters 1873 /
1888 / 1889
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. Dezember 1873:
"In unserer Gemeinde ist die Stelle des Elementarlehrers, Kantors und
Schächters zu besetzen. Bewerber wollen sich baldigst bei dem
unterzeichneten Vorstand melden. Der Gehalt beträgt 300 Taler Fixum,
freie Wohnung und 100 Taler Nebengebühren werden garantiert. Der Eintritt
bis zum 1. Januar 1874. Saarwellingen bei Saarlouis. Der Vorstand. Daniel
Lazar." |
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Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 20. Dezember 1888: "Die hiesige israelitische Gemeinde sucht zum sofortigen
Einritt einen verheirateten geprüften Elementarlehrer, welcher
gleichzeitig die Stelle als Kantor und Schächter mit
versehen muss. Der fixe Jahresgehalt beträgt bei freier Wohnung 1.000
Mark, außerdem 5-600 Mark Nebeneinkommen. Die Gemeinde ist bereits um
Korporationsrechte eingekommen. Bewerber wollen sich gefälligst beim
unterzeichneten Vorstand melden. Saarwellingen, 5. Dezember 1888. Daniel
Lazar." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Januar 1889: "Die
hiesige Gemeinde sucht zum sofortigen Eintritt einen geprüften
Elementarlehrer, der gleichzeitig die Stelle als Kantor und Schächter mit
versehen muss. Der fixe Gehalt beträgt 1.000 Mark nebst 5-600 Mark
Nebeneinkünften. Verheiratete werden bevorzugt.
Die Gemeinde ist bereits um Korporationsrecht eingekommen.
Bewerber wollen sich gefälligst beim unterzeichneten Vorstand melden.
Saarwellingen bei Saarlouis. Daniel Lazar." |
Lob des Oberrabbiners Kahn über die jüdische Schule in Saarwellingen (1841)
Artikel
in den "Israelitischen Annalen" vom 26. März 1841: "4)
Kreis Saarlouis. Hier ist seit kurzem durch die Vorsteher Joseph Mayer und
Emanuel Rouff, Sohn, manche Verbesserung durchgeführt. Das Wichtigste ist
ein 'Verein zur Unterstützung des Handwerks und Ackerbaues', dessen
Mitglieder zugleich sich zur Belehrung über Bibel und jüdische Literatur
versammeln. Der würdige und kenntnisreiche Lehrer, Herr Levy, hält jeden
Sabbat Vorträge, worin er den Mitgliedern das Wissenswerte erklärt. Man
hält zu diesem Ende die Zeitschriften und schafft die neuesten
Erscheinungen dieses Faches an, welche unter den Teilnehmern zirkulieren.
Das treffliche Streben findet bei der Humanität der Zivil- und
Militärbehörden wie der Geistlichkeit gebührende Anerkennung und jeden
erwünschten Vorschub. In Wellingen (= Saarwellingen), wo 30
Familien wohnen, trifft man eine schöne, und eine gute Schule,
welcher Herr Lewysohn vorsteht. - Joseph Kahn". |
Verlobungsanzeige von Zerline Unna und Lehrer Leo Grünfeld (1930)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. April 1930: "Gott
sei gepriesen.
Zerline Unna - Leo Grünfeld. Verlobte.
Frankfurt am Main, Uhlandstraße 58 - Saarwellingen / Tauberrettersheim.
Empfang: Samstag, 26. April 1930 und Sonntag, 27. April
1930." |
Geburtsanzeige des Sohnes Alfred von Lehrer Leo
Grünfeld und seiner Frau Zerline geb. Unna (1934)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 29. März 1934:
"Die glückliche Geburt unseres Sohnes zeigen an
Leo Grünfeld und Frau Zerline geb. Unna.
Saarwellingen, den 22. März 1934 / 6. Nissan." |
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Aus der Zeit großer Spannungen zwischen liberalen und orthodoxen Richtungen im
Judentum: die Gemeinde Saarwellingen unterstellt sich dem Rabbiner der
(orthodoxen) Israelitischen Religionsgesellschaft - Artikel von 1879
- ein teilweise polemisch geschriebener Artikel aus der orthodoxen
Zeitschrift "Der Israelit", nachdem es in Trier zur Spaltung der
Gemeinde gekommen war und dies nun auch in den Landgemeinden Auswirkungen hatte
Artikel
aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. August 1879: "Von
der Saar. Die Reformer zu Trier, welche so leichten Herzens die
Spaltung in der dortigen Gemeinde hervorgerufen, scheinen mit der
Schlappe, die sie erlitten haben, noch nicht zufrieden zu sein. Sie haben
bereits auch in den Gemeinden des Bezirks ihre Arbeit begonnen,
hoffentlich mit demselben moralischen Erfolg, wie zuhause. Sie behaupten
auch ihrerseits einen Rabbiner engagieren zu wollen, der an Frömmigkeit
etc. nichts zu wünschen übrig lasse. Die Herren vergessen aber in wie
hohem Grade sie selbst das Vertrauen zu ihrem zu erwählenden Rabbiner im
Voraus erschüttern. Wie der 'Israelit' kürzlich berichtete, muss die
Gemeinde das Gehalt ihres Rabbiners sehr reduzieren; es ist nun sehr
begreiflich, wenn die Bezirksgemeinden das Defizit decken sollen, aber sie
sind doch nicht unvernünftig genug, so leicht auf den Leim zu
gehen.
Bis jetzt haben die Briefe, die diese Herren zur Diskreditierung der
Trierer Religions-Gesellschaft und ihres Rabbiners ausgesandt, sowie die
Agitationsreisen, welche sie zu diesem Zwecke unternommen haben, recht
erfreuliche Resultate erzielt. Die Bezirksgemeinden sind begierig, den
Rabbiner, der ihnen als pechrabenschwarzes Ungeheuer geschildert wird,
doch einmal zu sehen und zu hören, während man sich sagt, dass damit
demjenigen Rabbiner, der den Gemeinden so 'geschäftsmäßig' durch
Reisende aufgedrungen werden soll, keine so große Eile haben kann; denn
dieser wird uns keinesfalls entgehen.
So hat bereits Herr Rabbiner Dr. Ehrmann auf vergangenen Schabbat
Paraschat Reeh (sc. Schabbat mit der Toralesung Reeh = 5. Mose
11,26-16,17, das war Schabbat 16. August 1879) eine Einladung nach Saarwellingen,
einer der bedeutendsten Saargemeinden, erhalten und dieselbe auch
akzeptiert. Der Erfolge seines dortigen Auftretens war ein so
großartiger, dass sofort die ganze Gemeinde ihn einstimmig zu ihrem
Rabbiner erwählte, und sich dem Rabbinat der Israelitischen
Religionsgesellschaft zu Trier anschloss.
Die Bewerbung zu Gunsten des Rabbiners der Trierer Religionsgesellschaft
nimmt hierdurch täglich größere Dimensionen an, und hoffe ich darüber
gelegentlich weitere Mitteilungen machen zu können." |
Berichte zu
einzelnen Personen aus der Gemeinde
Zum Tod von Abraham Jakob (1910)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 14. Januar
1910: "Saarwellingen. Am 2. Januar starb das älteste Mitglied
unserer Gemeinde, Herr Abraham Jakob, geb. am 15. März 1815, also fast in
einem Alter von 95 Jahren. Noch bis vor einem Jahre erfreute sich der
Greis körperliches und geistiger Rüstigkeit. Er war stolz darauf, einer
der ältesten Kriegsveteranen zu sein und ließ es sich seinerzeit nicht
nehmen, seinen Enkel in die Garnison Saarlouis zu begleiten, woselbst er
vor fast 70 Jahren einst ebenfalls treu gedient hatte. Mit dem
Verstorbenen geht ein Stock Kehillohgeschichte (Gemeindegeschichte)
ins Grab." |
Goldene Hochzeit von
Gemeindevorsteher Daniel Lazar und Babette geb. Bernheim (1906)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 23.
November 1906: "Trier. Die Eheleute Daniel Lazar und Frau
Babette geb. Bernheim zu Saarwellingen, begehen am 1. Dezember in
voller Rüstigkeit ihre goldene Hochzeit. Gleichzeitig feiert der Jubilar
sein 50-jähriges Jubiläum als Vorstand der israelitischen
Gemeinde". |
Zum Tod des langjährigen Gemeindevorstehers Daniel Lazar (1911)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 12. Mai 1911:
"Saarwellingen. Am 5. Mai starb im 87. Lebensjahre Daniel
Lazar, 1. Vorstand der Synagogengemeinde. Ein gutes Stück altehrwürdiger
Kehillo-(Gemeinde-)Einrichtung ist mit diesem Manne, dessen
achtungsgebietendes Äußere und herzgewinnende Freundlichkeit einen
großen Kreis von Freunden um ihn scharte, dahingegangen. Bis zu seinem
letzten Lebenstage - 54 Jahre hindurch - versah er das Amt des Parnes
(Gemeindevorstehers). Alle religiösen Institutionen hatten an ihm einen
treuen Hüter, sodass die Gemeinde, was ihre Einrichtungen betrifft, den
größten als Muster dienen könnte." |
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagogen
Über die Synagogengeschichte ist nicht sehr viel bekannt.
1770 ist ein Betsaal genannt. 1828 wurden Pläne für eine
neue Synagoge, die 1829 genehmigt wurden "statt des
bisherigen baufälligen Gebetshauses". 1832 ist die Rede von Bauarbeiten an
der Synagoge "nach dem großen Brand". Im Zusammenhang mit einem
Bericht vom 20. November 1854 in der "Allgemeinen Zeitung des
Judentums" wird die Synagoge in Saarwellingen als ein "anständiges
Gotteshaus" beschrieben; man erfährt innerhalb dieses Berichtes zum
Rabbinatsbezirk Trier ein wenig mehr zum jüdischen Gemeindeleben in
Saarwellingen:
Artikel
in der Allgemeinen Zeitung des Judentums vom 20. November 1854: "Aus dem Regierungsbezirk Trier, im
November (1854). Gestatten Sie mir, einmal auch einige Notizen aus unserm
Bezirke mitzuteilen, aus welchem so selten eine Kunde kommt, und in dem doch ein
sehr reges Leben herrscht, in welchem kaum eine Gemeinde, in welcher nicht ein
oder mehrere Exemplare der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" und des
"jüdischen Volksblattes", das so allgemeinen Anklang gefunden,
gehalten werden. - Mit Kleinem fange ich an. Saarwellingen (mit 30 Juden,
sc. männliche erwachsene Juden gemeint) besitzt ein anständiges
Gotteshaus, einen geregelten Gottesdienst, eine Elementarschule; an hohen Festen
Predigt, eine gemäßigte Reform auf dem liberalsten Wege; es bestehen drei Chewroth
(sc. Wohltätigkeitsvereine), wovon die eine Kohlen und Mazzot für die Armen
beschafft, die zweite für die Synagoge wirkt, aber auch im Sommer Brot
verteilt, die dritte, erst neu errichtet, nimmt sich der Kinder an, die aus der
Schule kommen und führt dieselben da weiter, wo sie in der Schule stehen
geblieben, stehet unmittelbar unter dem Lehrer, die Mitglieder lernen selbst
gratis nebiim (biblische Prophetenbücher), Raschi usw. Auch
eine Armenkasse besteht für durchreisende Arme. Auch hat die Errichtung von
einer Kinder-Bibliothek, wie sie der Herr Redakteur dieser Zeitung
vorgeschlagen, mit gutem Erfolge begonnen." |
An besonderen Ereignissen aus der
Synagogengeschichte erfährt man 1865 über die von der ganzen Ortsbevölkerung am
10. Dezember 1864 feierliche begangene Einweihung einer neuen Torarolle in Anwesenheit
von Oberrabbiner Kahn aus Trier. Auch Einzelheiten seiner in der Synagoge in
Saarwellingen damals gehaltenen Predigt werden wiedergegeben. Der Bericht über
Saarwellingen steht im Zusammenhang eines Berichtes über die Verhältnisse der
jüdischen Gemeinden im Regierungsbezirk Trier. Im Kontext dieses Berichtes wird
deutlich, dass es sich bei der jüdischen Gemeinde Saarwellingen um eine ganz
besondere, "vorzügliche Landgemeinde" (Zitat aus dem Bericht)
gehandelt hat:
Artikel in der Zeitschrift "Ben Chananja" vom 11. Januar 1865.
"Regierungsbezirk Trier Ende Dezember (1864). Beim Schlusse der
bürgerlichen Jahres will ich noch einige Mitteilungen über die
Verhältnisse unserer Regierungsbezirkes im Laufes des Jahres als Nachtrag
zu meinen Berichten zum Beginne des Jahres Ihrem 'Ben Chananja'
übergeben. Die Gemeinde Trier hat im Verlaufe des Jahres durch einige
Einwanderer von Außen wieder zugenommen, und sind ihre Verhältnisse
sehr geregelt und geordnet, sowie denn auch Eintracht und Frieden in
derselben herrscht. Dieselbe hat im Verlaufe des Jahres ein großes Stück
Feld zur Vergrößerung ihres Begräbnisortes angekauft und gehen die
Einzahlungen hierfür gut und pünktlich ein. Unser Herr Oberrabbiner Kahn
hat trotz seines Unwohlseins seine Predigt an den Hauptfesten und an den
Sabbaten, wie früher, abgehalten. Einige vakant gewesene Lehrerstellen
wurden durch dessen Bemühungen wieder besetzt. - In der Kreisstadt M.
wirkte der dortige katholische Geistliche gegen die Annahme des dortigen
vorzüglichen Kantors als Lehrers der französischen Sprache an der neu
errichteten höhern Schule, den der dortige Bürgermeister und Stadtrat
einstimmig wünschten. Dieselben bewilligten auch einen jährlichen
Beitrag von 50 Talern zur dortigen israelitischen Elementar- und
Religionsschule. In Neunkirchen
(Kreis Ottweiler) bewilligte ebenfalls der Gemeinderat 500 Taler zum Bau
einer neuen Synagoge, was auch die hiesige königliche Regierung genehmigt
hat. Diese Synagoge ist ein sehr schönes Gebäude und soll sie noch im
Verlaufe des Winters eingeweiht werden.
Von besonderen religiösen Festen will ich nur über das eine berichten,
bei welchem ich Augenzeuge war. Am Sabbat Wajeze (sc. Schabbat mit
der Toralesung Wajeze = 1. Mose 28,10-32,3; war am 10. Dezember 1864) fand
in Saarwellingen (bei Saarlouis), einer vorzüglichen Landgemeinde,
die Übergabe einer Torarolle, die ein dortiger Verein (Talmud
Tora) gespendet hat, durch Herrn Oberrabbiner Kahn statt. Die ganze
Anordnung des Festes durch den dortigen Lehrer, Herrn Epstein, auch
Gründer und Lehrer des Vereins, sowie die Ausführung, ließ nichts zu
wünschen übrig. Eine große Anzahl Israeliten von Nah und Fern fand sich
ein, da die ganze Gemeinde dieses Fest zu dem ihrigen macht und Gäste
hierzu einlud. Ich will nur einiges aus der Rede des Herrn
Oberrabbiners beim Frühgottesdienstes mitteilen, da diese mich sehr
ansprach wegen der Originalität und Anwendung auch auf viele andere
Gemeinden.
Er sprach über die Himmelsleiter Jakobs. Diese sei ein Bild des
Fortschrittes. Der Mensch darf auch nicht nur auf dem Boden stehen, an der
Scholle kleben bleiben; er muss vielmehr auf der Himmelsleiter stets
hinauf und fortschreiten, bis er deren Spitze erreicht und zur Erkenntnis
Gottes und seiner Lehre gelangt ist.
Das Bild der Himmelsleiter bezeichnet uns auch wohlweise, wie wir in
religiöser Beziehung fortschreiten sollen, und zwar: 1) müssen wir von
Unten beginnen, hinauszusteigen, auch die unterste Stufe darf nicht übersprungen
werden; 2) müssen wir allmählich Stufe für Stufe hinaufsteigen, keine
Sprosse darf übersprungen werden; 3) müssen wir durch unser
Hinaufsteigen uns immer mehr und mehr Gott näher finden, und endlich 4)
sollen wir selbst aus freiem Willen und eigener Überzeugung hinaufsteigen
oder durch Belehrung Anderer hierzu gebracht werden, aber nicht durch
äußeren Zwang oder andere Gewalt. Der Fortschritt soll auch stets auf
die Erkenntnis und Bildungsstufe der Gemeinden Rücksicht nehmen, sowie
auch vorzüglich auf die Erhaltung des Friedens in denselben.
Der Redner bezeichnete hiermit seine eigene Wirkungsweise im Geiste des
Fortschrittes während seiner 23jährigen unermüdlichen Tätigkeit im
hiesigen Regierungsbezirke. - Jeder von uns muss ihm eingestehen, dass er
es verstanden hat, auf alle Gemeinden nach diesen seinen Prinzipien sehr
segensreich zu wirken, was jetzt auch allgemeine Anerkennung findet.
Vielleicht, dass dieses Bild auch andern, besonders jüngeren Rabbinen,
vorzüglich in ihrem Lande zum Muster dient, was ich auch mit dieser
Mitteilung hauptsächlich bezwecken wollte." |
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Ergänzend zum obigen
Bericht über Oberrabbiner Dr. Kahn in Saarwellingen eingestellt:
Geschenke
an den Trierer Oberrabbiner Dr. Kahn aus der Gemeinde Saarwellingen |
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| Die beiden abgebildeten Gefäße
zeigen Geschenke, die die Gemeinde Saarwellingen dem Trierer Oberrabbiner
Joseph Kahn gemacht hat. Die Geschenke befinden sich in Privatbesitz in
den USA. Fotos von Richard Almond, Alto Grado CA, USA - erhalten über
Willi Körtels, Konz. |
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Bis 1938 war die Synagoge Mittelpunkt der
jüdischen Gemeindelebens in Saarwellingen.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung
und die Fenster der Synagoge von einer SA-Truppe zerstört. Eine große Menge
Schaulustiger sah der Verwüstung von der Straße aus zu. Das Synagogengebäude
(wie auch das benachbarte jüdische Schulhaus) kam in den Besitz der politischen Gemeinde, die darin 1941/42 Versammlungsräume
für HJ und Frauenschaft, später eine Notturnhalle einrichtete. 1944/45 wurde
das Gebäude kriegsbedingt zu 70 % beschädigt. 1951/54 wurde über den
erhaltenen Mauern ein Wohnhaus erbaut.
Standort der Synagoge: Engelstraße 10
Zur ehemaligen jüdischen Schule: auf
dem Grundstück neben der Synagoge Engelstraße 12 stand die jüdische Schule
(heute Leo-Grünfeld-Haus). Seit dem 20. Januar 2002 ist das ehemalige
jüdische Schulhaus nach dem in Auschwitz ermordeten letzten jüdischen Lehrer
in Saarwellingen "Leo-Grünfeld-Haus" benannt. Das Gebäude gehört
der Stadt. Im Erdgeschoss befindet sich das Sozialamt der Gemeinde, im
Dachgeschoss zwei Versammlungssäle und im Dachgeschoss Räume der
Gemeinderatsfraktionen. Das Gebäude wurde von 1907 bis 1936 als jüdisches
Schulhaus genützt.
Fotos:
(farbige Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 17.4.2006)
| Historisches Foto |
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Das Gebäude der ehemaligen
Synagoge (Rundbogenfester) - Aufnahme von 1941 |
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| Gedenken in der
Gegenwart: das Leo-Grünfeld-Haus |
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Rechte
Gebäudehälfte: das ehemalige
jüdische Schulhaus - heute ein Gebäude
der Stadtverwaltung; auf dem
Grundstück links davon (heute linke Gebäudehälfte)
stand die Synagoge |
Eingang zum
ehemaligen
jüdischen Schulhaus |
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Gedenkstein für
Synagoge und die aus Saarwellingen ermordeten Juden mit der Inschrift:
"'Zur Mahnung und Erinnerung'. In dieser Straße standen das
Gotteshaus und die Schule
der Synagogengemeinde Saarwellingen. Am 9.
November 1938 wurde die Synagoge
zerstört. Die jüdischen Bürger mussten
Saarwellingen verlassen. In den
Konzentrationslagern kamen 51
Saarwellinger Bürger jüdischen Glaubens ums Leben". |
Gedenktafel für
Leo Grünfeld (geb. 1901
in Tauberrettersheim,
mit Frau und Sohn
Alfred nach der Deportation 1944
in Auschwitz ermordet) am
ehemaligen jüdischen Schulhaus |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Eva Tigmann: "Was geschah am 9. November
1938?" - Eine Dokumentation über die Verbrechen an der jüdischen
Bevölkerung im Saarland im November 1938. Eine Veröffentlichung des
Adolf-Bender-Zentrums St. Wendel. 1998. |
 | Klaus Mayer: Die jüdischen Familien in
Saarwellingen (1680-1940). In: Unsere Heimat 11. Jg., 1988 (Heft 3/4), S.
114-133. |
 | Werner Müller, Alois Prediger: Juden in
Saarwellingen. Hg. Gemeinde Saarwellingen 1989. |
 | Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz/Staatliches Konservatoramt
des Saarlandes/ Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): "...und dies
ist die Pforte des Himmels". Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem
Saarland. Mainz 2005. S. 457 (mit weiteren Literaturangaben).
|
 | Archivalienverzeichnis
zur Geschichte der Juden im Kreis Saarlouis |
 | Innerhalb des Dokumentes
der "Stiftung Demokratie Saarland" Dialog Nr. 9 (pdf-Datei zum
Download) finden sich auch Erinnerungen des in Saarwellingen 1923 geborenen
Jean Lewy.
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Saarwellingen
Saar. Jews are first mentioned in 1750 and engaged in moneylending down through
the 19th century. Their population rose to 191 (total 3,195) in 1895 but with
the industrialization of the Saar many young left for the big cities. The
community separated itself from the jurisdiction of the Trier rabbinate and
appointed its own rabbi. The private Jewish elementary school operating in the
community received public school status in 1891. In 1933, the Jewish population
was 134. When the Saar was annexed to the German Reich in 1935, most Jews left,
either emigrating (36 to France, 27 to Luxembourg) or moving to other German
cities (54). On Kristallnacht (9-10 November 1938), the synagogue was
vandalized and Jewish homes were destroyed. Subsequently the Jews were moved to
a single house until deportation to the Gurs concentration camp in southern
France (eight Jews on 22 October 1940). In all, 32 perished in the Holocaust,
including 22 in Auschwitz.

vorherige Synagoge zur ersten Synagoge nächste Synagoge
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