Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Tholey (Kreis St. Wendel)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen    
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen
Links und Literatur   

    

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)

In Tholey konnten sich Juden seit der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts niederlassen. Von einer ersten jüdischen Familie am Ort wird aus dem Jahr 1729 berichtet (Josef und Sara Isaak mit Sohn Josef). 1749 kam die Familie Josef Can in die Stadt. Er war wie Josef Isaak von Beruf Metzger. 1787 konnten sich zehn jüdische Händlerfamilien aus der Pfalz ansiedeln. 1790 wurden 41 jüdische Einwohner gezählt (etwa 7 % von insgesamt etwa 600 Einwohnern). 
 
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die Zahl der Juden am Ort weiter zu: 1843 waren von den 952 Einwohnern Tholeys 88 jüdischen Glaubens (fast 10 % der Gesamtbevölkerung, 15 Familien). Zwanzig Jahre später umfasste die jüdische Gemeinde in Tholey bis zu 30 Familien. Noch in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts ging die Zahl der jüdischen Gemeindeglieder durch Aus- und Abwanderung zurück (1895 noch 91 jüdische Einwohner). Ursache der Auswanderung war u.a. die Einführung des Freihandels 1872, was zu einem Verfall der Preise landwirtschaftlicher Produkte führte. 1893 wurde eine jüdische Gemeinde mit Korporationsrechten gebildet. 
 
An Einrichtungen der jüdischen Gemeinde bestanden außer der Synagoge mit Mikwe eine jüdische Schule. Dies war spätestens seit 1841 als Privatschule eingerichtet, in der ein Elementarlehrer unterrichtete (vgl. unten Meldung von 1841. Auch 1856 erfolgte eine Ausschreibung der Lehrerstelle für einen Elementar- und Religionslehrer. Offiziell fand die Schule als "öffentliche Elementarschule" jedoch erst 1876 Anerkennung. Auch ein Friedhof war vorhanden. 1886 konnte ein eigenes Schulgebäude mit Lehrerwohnung eröffnet werden (Trierer Straße 32). Unter den ersten Lehrern waren Lehrer Sender (1875 genannt), G. Scheuer (um 1882 genannt) und Emanuel Alexander aus Illingen. Sein Nachfolger war von 1901 bis 1916 der Rabbiner und Lehrer Willy Jonas. Die Elementarschule bestand bis 1916 (danach noch Religionsschule); das Schulgebäude wurde 1936 verkauft. 
 
1925 gehörten zur jüdischen Gemeinde noch 50 Personen, d.h. 3,7 % von insgesamt ca. 1.360 Einwohnern. Damals war Vorsteher der jüdischen Gemeinde Manuel Joseph. Vorbeter und Lehrer war Salomon Haber. Er unterrichtete in Religion die damals sechs schulpflichtigen jüdischen Kinder. 1932 war Vorsteher Jakob Lion. Lehrer Haber unterrichtete nur noch drei Kinder. 

Nach der Angliederung des Saargebietes an das Deutsche Reich 1935 wurden noch 41 jüdische Einwohner in Tholey gezählt, doch wanderten  wenig später die meisten von Ihnen aus.   
  
Von den in Tholey geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945", ergänzt durch Angaben bei Landau s. Lit.): Brünette Aach geb. Sender (1887), Eva Abraham geb. Bähr (1876), Albert Bähr (1882), Julius Bähr (1874), Emma Bermann geb. Loeb (1864), Frederike Bermann geb. Markus (1913), Julius Bermann (1900), Manfred Bermann (1935), Melinka Friedemann geb. Jakob (1887), Rosa Götz geb. Hirsch (1891), Adolf Hanau (1872), Bertha Herrmann geb. Großbauch (1873 oder 1878), Erna Herrmann (1882), Bertha Isaak geb. Katz (1870), Emma Isaak (1866), Fanny Isaak (1858), Josef Isaak (1883), Martha Isaak (1884), Moses Isaak (1860), Rosalie Jontofsohn geb. Isaak (1887), Moses Joseph (1860), Emilie Kahn geb. Katz (1886), Jeanne Kahn (1890), Veronika Katz geb. Isaak (1898), Irma Kayem (1900), Elise Kronenberger geb. Isaak (1892), Klara Leib geb. Lion (1875), Rosa Littfack geb. Loeb (1872), Emil Loeb (1900), Helene Schu geb. Isaak (1898), Martha Stern geb. Isaak (1884), Frieda Ullmann geb. Herrmann (1894), Jenny Voss geb. Isaak (1876), Johanna Weil geb. Jakob (1884).   
    
 

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1856

Tholey AZJ 11021856.jpg (61717 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. Februar 1856: "Ein geprüfter Lehrer, der den Elementar- und Religionsunterricht zu erteilen und die Kantorstelle zu versehen hat, findet hier sofort eine Stelle mit einem jährlichen Gehalte von 150 Thalern. Nebeneinkünfte ungefähr 30 Thaler. Bewerber wollen ihre Zeugnisse franco an den Unterzeichneten senden. Tholey, Regierungsbezirk Trier, den 20. Januar 1856. Der Vorstand Jacob Baehr."

  
Meldung zur jüdischen Elementarschule (1841)

Tholey IsrAnnalen 26031841.jpg (11447 Byte)Mitteilung in den "Israelitischen Annalen" vom 26. März 1841: "Auch in Tolei, wo 15 Familien wohnen, ist ein Lehrer des Elementarfaches tätig."

  
Prüfungen der israelitischen Schule in Tholey (1882)

Tholey AZJ 14111882.jpg (175977 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. November 1882: "Tholey (Regierungsbezirk Trier), 2. November (1882). Am Dienstag, den 31. vorigen Monats inspizierte der Herr Regierungs-Präsident Nasse von Trier, in Begleitung des Königlichen Landrats Herrn Freiherr von Richthofen, des Königlichen Kreisschulinspektors Herrn Dr. Tyßka (beide von Ottweiler) und des hiesigen Bürgermeisters Herrn Clemens, die einklassige israelitische Schule dahier. Nachdem der Herr Präsident selbst die Schüler in vier verschiedenen Elementarfächern geprüft, sprach er sich sehr anerkennend über deren Leistungen, sowie über die Ordnung und Reinlichkeit der Schule aus und ermunterte sodann die Schulkinder, 33 an der Zahl, ihrem Lehrer durch Fleiß und gute Führung stets Freude zu machen. - Mit dem Herrn Präsidenten über die nicht beneidenswerten allgemeinen Anstellungsverhältnisse der jüdischen Lehrer des Bezirks zu sprechen, war Einsender dieses - in Anwesenheit der Schuljugend - nicht möglich. Es muss dies - wie folgt - auf dem schriftlichen Wege geschehen. Nach gemeinsamer Vorbesprechung gelegentlich der großen amtlichen Seminarkonferenz zu Ottweiler am 28. August dieses Jahres nämlich sammeln die israelitischen Lehrer Nußbaum - Trier, Scheuer - Saarwellingen und Sender - Tholey augenblicklich umfassend statistisches Material aller israelitischen Schulstellen des Regierungsbezirkes Trier, um auf Grund desselben in einer Kollektiv-Eingabe die Emanzipierung der Schulen respektive deren Lehrer von Königlicher Regierung demnächst zu erbitten. Zu diesem Zwecke findet nächste Weihnachten zu Trier eine Versammlung aller jüdischen Lehrer des Bezirks statt und werden hoffentlich alle betreffenden Kollegen - in ihrem eigenen Interesse - gemäß Einladungskarte pünktlich erscheinen. 
Möge es uns vergönnt sein, bald einen guten Erfolg berichten zu können: Ihr lieben Herrn Kollegen im weiteren Vaterlande, geht hin und tut desgleichen! Lasset der Regierung in dieser hochwichtigen Angelegenheit keine Ruhe; unser gerechtes Streben wird endlich mit unserer völligen Gleichstellung belohnt werden. Dies gebe Gott!  G. Sender."

  

Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Einzelpersonen 
Anzeige von Simon Baehr (1890)    

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Mai 1890: "Tüchtiger Bäckergeselle sucht Stellung. Offerten an 
Simon Baehr, Tholey."   

   
   
     

Zur Geschichte der Synagoge

Im 18. Jahrhundert besuchten die jüdischen Einwohner von Tholey die Gottesdienste in Saarwellingen, das gleichfalls unter lothringischer Verwaltung stand. 1837/38 hatte sich in Tholey eine eigene Gemeinde mit einem Betsaal (in örtlichen Akten "Judenkirche", im Texte zur Einweihung "alte Synagoge" genannt) gebildet. 
 
Um 1860 bestand der Wunsch zum Bau einer Synagoge. 1863 wurde eine Kollekte zur Sammlung von Geldern genehmigt, die vor allem in den jüdischen Gemeinden des Rheinlandes durchgeführt wurde. Noch im selben Jahr konnte der Bau des Synagoge verwirklicht und die Synagoge am 4. Dezember 1863 durch Bezirksrabbiner Kahn aus Trier eingeweiht werden, worüber in der jüdischen Presse mehrere Artikel erschienen:

Bericht zur Synagogeneinweihung in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums":

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 19. Januar 1864: "Trier, im Dezember (1863). In unserem Regierungsbezirk wurde am 4. dieses Monats eine neue Synagoge in Tholey und am Sabbat-Chanukka eine Torarolle in Merzig, welche der dortige Gesangverein gewidmet, feierlichst eingeweiht. Beide gottesdienstliche Festlichkeiten machten auf alle Anwesende, unter denen auch die Spitzen der Behörden, tiefen Eindruck und wurden durch gediegene Predigten des Oberrabbiners Kahn gehoben und verherrlicht". 

Ausführlicher Bericht zur Synagogeneinweihung in der Zeitschrift "Ben Chananja"

Tholey Ben Chananja 03011864.jpg (194505 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Ben Chananja" vom 3. Januar 1864: "Tholey, 9. Dezember (1864). Am 4. laufenden Monats fand in erhebendster Weise die feierliche Einweihung der neu erbauten Synagoge hierselbst statt. Da die Hauptmomente der Feier auch in weiteren Kreisen Verbreitung verdienen, so mögen dieselben nachstehend mitgeteilt werden. Die Feier begann, vom herrlichsten Wetter begünstigt, um halb 1 Uhr mit einem Festzuge aus der alten nach der neuen Synagoge. Unter Anwesenheit des Landrats Herrn von Schlechtendal, des Bürgermeisters Herrn Merten, der Honoratioren und Bürger des hiesigen Ortes, sowie der in großer Anzahl eingetroffenen fremden Glaubensgenossen entwickelte sich das Fest auf die schönste Weise. Durch die dicht mit Zuschauern gefüllten Straßen, an den mit Fahnen geschmückten Häusern entlang, bewegte sich der Zug unter den Klängen der Musik in bester Ordnung nach dem schön gelegenen neuen Gotteshause. Hier angelangt, überreichte der Herr Oberrabbiner, nachdem von einem Mädchen ein passendes Gedicht vorgetragen worden, den Schlüssel zur neuen Synagoge dem Herrn Landrat mit einer kleinen Ansprache, worauf letzterer einige herzliche Worte erwiderte und die Pforten des Gotteshauses erschloss. Den Glanzpunkt der Feier bildete ohnstreitig die von dem würdigen Herrn Oberrabbiner Kahn aus Trier gehaltene gediegene und gehaltvolle Festrede, welche die zahlreiche Versammlung mit großer Aufmerksamkeit entgegen nahm. Der Redner behandelte das Thema über die wesentliche Bestimmung Israels und den Einfluss, den der israelitische Gottesdienst auf die Erfüllung dieser Mission ausgeübt hat, und legte dabei den Text 1. Buch Mose Kap. 32, Vers 22 und folgende (Kampf des Engels mit Jakob) zugrunde. Er schilderte die Aufgabe Israels als Gotteskämpfer 1) für den Glauben an den einzigen Gott, 2) für Recht und Gerechtigkeit, Humanität und Menschenliebe, und 3) gegen alle Anfeindungen von Außen. Aus der an innerem Gehalte so reichen Rede ist hauptsächlich hervorzuheben der Gedanke, der in dem dritten Teile derselben durchgeführt wurde, dass nämlich, nachdem den Juden bereits die Morgenröte einer besseren Zeit angebrochen war, sie noch immer Hemmnisse, falsche Beschuldigungen und Anfechtungen aller Art zu erleiden hatten, welche sie mit den Waffen des Geistes indessen so siegreich bekämpften, dass ihre Feinde, gleich Jakobs Gegner in der Bibel, ihre Bewunderer geworden sind und es aufgaben, den Bestrebungen zugunsten der Juden entgegen zu treten, sodass auch ihnen, gleich Jakob, die Sonne der Gleichberechtigung aufgegangen ist. Zur gehobenen Stimmung trug nicht wenig ein hübscher Chorgesang bei, und verließen gewiss alle die heiligen Räume mit innigster Befriedigung. Der Verlauf des Festes am anderen Tage entsprach denn auch in allen Stücken der Hauptfeier, und glaubt Referent annehmen zu dürfen, dass dasselbe noch lange in den Herzen aller Anwesenden eine wohltuende Erinnerung bleiben wird."

Die Synagoge in Tholey war gottesdienstliches Zentrum der jüdischen Gemeinde in Tholey bis in die 1930er-Jahre. Auf Grund der nach 1935 verstärkten Abwanderung eines großen Teiles der Gemeindeglieder wurde die Synagoge 1937 geschlossen und für 3.800 Goldmark verkauft. Der neue Besitzer wollte auf dem Synagogengrundstück ein Wohnhaus erbauen und begann mit dem Abbruch der Synagoge. Doch konnte der Plan nicht ausgeführt werden, sodass 1939 die politische Gemeinde das Ruinengrundstück für 7.300 Reichsmark erwarb. 

1948 beschloss der Gemeinderat Tholeys, die immer noch stehende Synagogenruine an zwei nach Tholey zurückgekehrte frühere jüdische Gemeindeglieder zu verkaufen. Diese verkauften ihrerseits am 9. Oktober 1950 das Ruinengrundstück an Privatleute, die schließlich in den folgenden Jahren auf den Grundmauern der Synagoge ein Wohnhaus errichteten.
 

Adresse/Standort der Synagoge: abgerückt von der Trierer Straße im Bereich Trierer Straße 49 (früher Hauptstraße). 
      


Fotos 

Historische Fotos sind nicht bekannt. Hinweise bitte an den Webmaster von "Alemannia Judaica", 
Adresse siehe Eingangsseite
     
     

      

Links und Literatur

Links:

Website der Gemeinde Tholey
Infoseite zur Geschichte von Juden im Kreis St. Wendel (Seite des Kaufmännischen Berufsbildungszentrums St. Wendel)
Ausführliche Infoseiten zu Juden im Kreis Birkenfeld und darüber hinaus (auch Kreis St. Wendel berücksichtigt)
Informationen zum jüdischen Friedhof Tholey (interner Link)
Website der Synagogengemeinde Saar 

Literatur:  

Bodo Bost: Die Juden in Tholey. In: Michael Landau (Hrsg.): Damit es nicht vergessen wird. Beiträge zur Geschichte der Synagogengemeinden des Kreises St. Wendel. 1988 S. 65-83.
Eva Tigmann: "Was geschah am 9. November 1938?" - Eine Dokumentation über die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung im Saarland im November 1938. Eine Veröffentlichung des Adolf-Bender-Zentrums St. Wendel. 1998. S. 41-45.
Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz/Staatliches Konservatoramt des Saarlandes/ Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): "...und dies ist die Pforte des Himmels". Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Mainz 2005. S. 463-464 (mit weiteren Literaturangaben).   

   


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Tholey, Saar. A Jewish butcher is mentioned in 1729. A hundred years later, the Jewish population was 23, growing to 91 (total 1,173) by 1895. By the Nazi era, the Jewish population dropped to 41. The community maintained a synagogue from 1864, a cemetery (probably from the 18th century) and an elementary school which operated from 1874 to 1916. Most Jews left under the Nazis. The last four were deported to the Gurs concentration camp on 22 October 1940. The synagogue and school building were sold in 1927.  
      

    

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 09. Januar 2012