|
Eingangsseite
Aktuelle Informationen
Jahrestagungen von Alemannia
Judaica
Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft
Jüdische Friedhöfe
(Frühere und
bestehende) Synagogen
Übersicht:
Jüdische Kulturdenkmale in der Region
Bestehende
jüdische Gemeinden in der Region
Jüdische
Museen
FORSCHUNGS-
PROJEKTE
Literatur
und Presseartikel
Adressliste
Digitale
Postkarten
Links
| |
zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"
zurück zur Übersicht "Synagogen in Unterfranken"
Allersheim (Markt
Giebelstadt, Landkreis
Würzburg)
Jüdische Geschichte / Synagoge
(Seite wurde erstellt unter Mitarbeit von Joachim Braun,
vgl. Lit.)
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde
(english
version)
In dem von der Mitte des 16. bis Anfang des 18.
Jahrhunderts als Lehen des Hochstiftes Würzburg den Freiherren Geyer von
Giebelstadt gehörenden Allersheim bestand eine jüdische Gemeinde bis zum Beginn des 20.
Jahrhunderts. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 16./17. Jahrhunderts
zurück. Nach Angaben von J. Braun (s. Lit.) werden erstmals 1580 Juden
in Allersheim genannt. In den folgenden 100 Jahren werden Juden nur vereinzelt
genannt. In der Allersheimer Bürgermeisterrechnung von 1693 und den folgenden
Jahren erfährt man die Namen der damaligen jüdischen Haushaltsvorsteher am
Ort: Sussmann, Marx. Feußlein, Löb und Morgel. Ein Memorbuch (Toten- und Märtyrergedenkbuch) der Gemeinde wurde um
1700 angelegt. Von Bedeutung für die Umgebung war Allersheim durch den
1665 angelegten Bezirksfriedhof.
Im 18. Jahrhundert nahm die Zahl der jüdischen Familien zu: 1711
werden folgende Familienvorsteher genannt: 'Totengräber' Joel Simson, Löw
Junior, Jessel, Lämmleins Sohn Jacob, Honala und dessen Tochtermann Joseph
Salomon, Wolff (Sohn von Schumela), Säcklein, Eissig, Jacob Löw und der 'Vorgänger'
(jüdischer Gemeinde- und Synagogenvorsteher) Abraham; 1718 waren es neun
jüdische Familien am Ort, den in insgesamt sechs Häusern lebten. 1748
12 jüdische neben 26 christlichen Familien. Bis 1797 stieg die Zahl auf
18 Familien an, die überwiegend vom Handel lebten (überwiegend
Klein-/Hausierhandel mit Dingen des täglichen Bedarfs). Als 'Vorgänger' wird
1797 Jud Jessel genannt, andere Vorgänger im 18. Jahrhundert waren Josef ben
Schneior Gideon und Samuel ben Mosche. Die Gemeinde war dem "Ritterschaftlichen Oberrabbinatsbezirk"
mit Sitz in Heidingsfeld unterstellt.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts (1804) wurden gleichbleibend 18 jüdische
Haushaltungen genannt (darunter eine Familie mit sieben Kindern, zwei mit fünf
Kindern, fünf mit vier Kindern, eine mit drei Kindern, drei mit zwei Kindern,
vier mit einem Kind und zwei Familien ohne Kinder). 1816 wurde die Höchstzahl
von 90 Personen bei einer
Gesamtbevölkerung von 331 (27,9 %) festgestellt.
1813 sind der jüdischen
Gemeinde am Ort 17 Matrikelstellen (d.h. für maximal 17 jüdische Familien)
eingeräumt worden, 1822 und 1824 kam je eine weitere Stelle dazu. Die 1817 in
die Judenmatrikel eingetragenen Haushaltsvorstände waren (mit neuem
Familiennamen und Erwerbszweig, einschließlich der Nachträge bis 1824): Isaak Löw
Grünbaum Handel mit alten Kleidern),
Moses Seckel Friedlein (Handel mit alten Waren), Minkela Binges Weikersheimer
(ohne Erwerb), Manasses Salomon Stern (Handel mit Waren),
Jeremias Seckel Friedlein (Schmusen), Wolf Samuel Rothstein (ohne Erwerb), Samuel Wolf
Rothstein (Handel mit Waren), Wolf
Abraham Rosenthal (Viehhandel), Raphael Abraham Rosenthal (Viehhandel), Grela Löw Wolf
Rothstein (Kälberhandel und Vieheinkaufen), Geja
Anschel Seckel Friedlein (Warenhandel und Viehschlachten), Abraham Seckel
Friedlein (Schacherhandel), Isaac Jacob Neuburger (Pferdehandel), Ischa
Simon Neuherr (Spezereihandel), Moses Isaac Neumark (Schmusen), Joseph Samuel Adler
(Pferdschmusen) und Jacob Kallmann Tischbecker (Kleiderhandel). Die
jüdischen Familien lebten damals zwar weiterhin überwiegend vom Vieh- und Warenhandel,
doch wandten sich mehrere auch der Landwirtschaft und dem Gartenbau zu, einige der Jungen erlernten ein Handwerk.
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine
jüdische Schule, ein rituelles Bad sowie den schon genannten Friedhof.
1768 wurde in einem im Dorf gelegenen Wohnhaus ein jüdisches Schulhaus
eingerichtet. Einige Zeit später wurde ein eigener jüdischer Lehrer
angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet fungierte. Er erhielt freie
Wohnung im jüdischen Schulhaus. Im 18./19. Jahrhundert hatte Allersheim
zeitweise einen eigenen Rabbiner, der seine Wohnung im Synagogengebäude
hatte. Ein erster Rabbiner wird mit 'Rheba' Joel Simson genannt (1770/71), Reb
Calm Jud (1804). Seit 1828 war Rabbiner und Lehrer der Gemeinde Samuel
Weissbart (s.u.), nach 1868 kurze Zeit Elias Weissbart, dann bis zu seinem Tod
1902 Abraham Weissbart (vgl. Bütthard, zu
seinem Tod siehe Bericht unten).
Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Zahl der
jüdischen Einwohner wie folgt: 1837 85 jüdische Einwohner (22,4 % von
insgesamt 380), 1848 81, 1867 67 (20,6 % von 325), 1880 8 (von 327), 1900 6 (von 333).
1837 gehörten 16 1/2 Anwesen am Ort jüdischen Personen. Von den 1848 erfassten
16 Matrikelinhabern waren zwei im Handwerk tätig, vier betrieben eine
selbständige Landwirtschaft, zwei einen Kramhandel, zwei lebten vom
Schacherhandel und sechs weitere von anderen Erwerbszweigen.
Durch Aus- und Abwanderung
(vor allem nach Würzburg, sie z.B. bei der unten genannten Familie Weissbart) war die Zahl der
jüdischen Gemeindeglieder in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bereits stark
zurück gegangen, sodass bereits in den 1870er-Jahren kein Minjan (die zum Gottesdienst notwendige
Zehnzahl der Männer) mehr vorhanden war. 1872 wurde die israelitische
Religionsschule zuletzt von zwei jüdischen Werktagsschülern besucht, die in
diesem Schuljahr mit ihren Eltern aus Allersheim wegzogen. Dies bedeutete das
Ende der Religionsschule in Allersheim; Abraham Weissbart war danach nur noch
Religionslehrer in Bütthard. 1901 stellten
die beiden letzten Gemeindevorsteher Abraham Weissbart und Julius Rothstein beim
Bezirksamt Ochsenfurt den Antrag auf Anschluss der noch in Allersheim lebenden
jüdischen Personen an die Gemeinde in Bütthard.
Der Antrag wurde genehmigt.
1910 wurden noch drei jüdische Einwohner
gezählt, 1925 (nach Zuzug der Familie von Heinrich Baumann aus Mosbach; er war Friedhofsaufseher und hatte ein Wohnhaus mit einem kleinen Laden
im Haus Nr. 55) vier, 1933 gleichfalls vier (Familie Baumann).
In der NS-Zeit wurde am 10. November 1938 die
Wohnungseinrichtung des Friedhofsaufsehers Heinrich Baumann durch ein SA- oder SS-Kommando
demoliert. Er selbst wurde verhaftet und in das Gefängnis von Ochsenfurt
gebracht. Im März 1942 wurde er mit seiner Frau nach Izbica bei Lublin deportiert und ermordet.
Von den in Allersheim geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Heinrich Baumann (1877), Jenny Baumann geb. Blumenthal
(1883), Arnold Friedlein (1867), Tilli Weißbarth (1883).
Berichte aus der
Geschichte der jüdischen Gemeinde
Berichte
über Angehörige der Familie Weissbart
Eine der bekanntesten Allersheimer jüdischen Familien war die Familie
Weissbart (beziehungsweise Weißbart):
Samuel (beziehungsweise Nathaniel Gabriel) Weissbart wird in den Quellen als "Rabbiner in
Allersheim" bezeichnet. Er stand seit 1828 im Dienst der israelitischen
Kultusgemeinde Allersheim, bewarb sich 1830 um die Stelle des Religionslehrers
am Ort, die er nach Bestehen eines Qualifikationsprüfung erhielt. Er
unterrichtete bis zu seinem Tod 1868 auch die Kinder in Bütthard
und beaufsichtigte den Religionsunterricht in Tauberrettersheim.
Neben der Tätigkeit als Religionslehrer und Ortsrabbiner (beziehungsweise
Rabbinatsverweser) war Weisbart auch
Friedhofsaufseher und Vorbeter in der Synagoge. Er starb 1868.
Zwei seiner Söhne waren Jakob und Isaak
Weissbart:
Isaak Weissbart (geb. 1835 in Allersheim, gest. 1913 in Würzburg) verzog
in den 1860er-Jahren von Allersheim nach Würzburg, wurde Buchhändler und
führte in Würzburg eine hebräische Buchhandlung (Glockengasse 6).
Jakob Weissbart (geb. 1833 in Allersheim, gest. 1909 in Würzburg). Nach
dem Besuch mehrerer Jeschiwot legte er in Darmstadt das staatliche
Lehrerexamen ab und wurde 1866 als hauptamtlicher Lehrer neben Ludwig Stern und
Isaak Schlenker an die Israelitische Lehrerbildungsanstalt nach Würzburg (ILBA)
berufen.
Weitere Söhne waren: Abraham Weissbart (jüdischer Lehrer in Allersheim
und Bütthard nach 1868 bis 1902) sowie Elias Weissbart (Rabbinatskandidat,
um 1868 Lehrer in Allersheim).
Zum Tod der Tochter Fanny (geb. 1832 in Allersheim, gest. 1889 in Richen)
siehe Bericht unten.
Zum Tod von Nathaniel Gabriel Weissbart
(1868)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Dezember 1868:
"Heidingsfeld, Ende Kislew. (hebräisch
und deutsch Zitat aus Sprüche 4,18:) Der Weg der Gerechten ist wie das
Licht des Morgens! Das Stückchen Erde, auf dem der fromme
gotterfüllte Jude seinen Erdengang gewandelt, wird geheiligt.
Ach! Wieder sind wir um Einen dieser Frommen ärmer!
Wieder ist ein Glaubensheld unseres Volkes heimgegangen. Rabbi N. G.
Weisbart in Allersheim in Bayern ist nicht mehr. Gewiss kannten viele
Leser dieser geschätzten Blätter den edlen mit so vielen Tugenden
geschmückten Mann, und die Krone all seiner Tugenden war seine tiefe
Gelehrsamkeit. Auch die lieblichste der Tugenden - die Bescheidenheit -
zierte ihn. Wer ahnte wohl in dem schlichten, jede äußere Auszeichnung
meidenden Manne, den Feuergeist, der ihm innewohnte, seine scharfe,
schnelle Fassungsgabe! Wie zufrieden war er mit seiner so bescheidenen
Stelle in Allersheim, wo er viele Jahre als Rabbinatsverweser und
Lehrer fungierte!
Wie freundlich war er im Umgange, und welche Gastfreundschaft wohnte in
seinem Hause! Streng lebte er nach den Vorschriften der von seinem frommen
und gelehrten Vater hinterlassenen Willen, die von dem Geiste der
wahrsten Gottesfurcht durchweht ist. - Seine Person galt ihm
nichts, Entbehrungen aller Art legte er sich auf: Seine Söhne in Tora
und seine Kinder Alle in Gottesfurcht zu erziehen, Lernen der Tora und
Wohltätigkeit gegenüber den Lebenden und den Toten, das war seine
Lebensaufgabe! -
'Wen der Ewige liebt, den straft er' (Sprüche 3,12). Wie oft war
der Edle von schweren Drangsalen heimgesucht; welche körperlichen Leiden
hatte er zu dulden! Aber stark, unerschütterlich, wie der Feld im Meere,
war sein Vertrauen auf Gott und seine Liebe zu Ihn; selbst zu
seinen schwersten Leidenszeiten hörte der Mund nicht auf vom Studium
des Gesetzes, ein wahrer Mann, der sich mit der Tora beschäftigte
inmitten von Bedrängnissen und inmitten von Qualen! Eine treue, liebevolle Teilnehmerin
in Leid und Freud stand ihm sein frommes, wackeres Weib stets hilfreich
zur Seite. - Häufig durchwachte er ganze Nächte im eifrigen Torastudium.
Wie wahrhaft wusste er das 'in Demut wandeln' zu betätigen! Noch am Schabbat Paraschat Wejera (Schabbat mit der Toralesung Wajera
= 1. Mose 18,1 - 22,24, das war Schabbat, 31. Oktober 1868), an seinem 80.
Geburtstage, dem Tag vor seinem Heimgange, als die zunehmenden Schwäche
ihm ihn mehr erlaubte, selbst zu 'lernen', musste einer seiner Söhne ihm
vorlernen.
Darum lasset uns tief betrauern den Verlust, den Israel erlitten. Ihm aber
rufen wir nach: 'Es zieht voran deine Gerechtigkeit, die Herrlichkeit
des Ewigen schließt deinen Zug' (Jesaja 58,8)." |
Zum Tod von Jakob Weißbart (geb. 1837 in Allersheim,
gest. 1909 in Würzburg)
Anfang
des Nachrufes auf Seminarlehrer Weißbart in der Zeitschrift "Der
Israelit" vom 11. November 1909: "Seminarlehrer Weißbart - das
Gedenken an den Gerechten ist zum Segen -. Würzburg, 9. November
(1909). Seminarlehrer Jakob Weißbart weilt nicht mehr unter den Lebenden.
Seine sterbliche Hülle hat man zu Grabe getragen. Ein schwerer Gang für
alle, die ihm das letzte Geleite gaben. War sich doch ein jeder der
Größe des Verluste bewusst. ... Weißbart - das Gedenken an den
Gerechten ist zum Segen - war am 31. Juli 1837 in Allersheim (Bayern)
geboren. Das Ziel, das dem Verstorbenen von Jugend auf vorschwebte, war:
ein Vorbild für Menschen zu werden. Sein Leben galt darum der Arbeit, der
Tätigkeit. Ein Mensch wird zur Mühsal geboren (Hiob 5,7). Der
Mensch ist zur Arbeit geboren; das war sein Wahlspruch. Diese Tätigkeit,
die in der Ausbildung seines inneren Menschen bestand, veredelte,
vervollkommnete seinen Charakter, bildete seinen Geist. Dabei hatte er das
Glück, aus einem Haus zu stammen, in dem Gottesfurcht und Tora
gepflegt wurden, den Vorzug, sich zu den Schülern des großen Würzburger
Raw (Rabbiner Seligmann Bär Bamberger) - das Gedenken an den Gerechten
ist zum Segen - und des Homburger Rabb. Fromm - das Gedenken an den
Gerechten ist zu Segen - zählen zu können. Im Verkehr mit solch
geistig und sittlich hochstehenden Persönlichkeiten hat er sich jene
Eigenschaften erworben, welche den Menschen adeln...." |
Zum Tod von Fanny Hanauer
geb. Weißbart, Tochter von Nathaniel Gabriel Weißbart (gest. 1889 in Richen)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. April 1889: "Richen
(Baden). Am 6. März (3. Weador) ist Frau Fanny Hanauer, Gattin des Moses
Hanauer von hier, im 57. Lebensjahre zur ewigen Ruhe entschlafen, eine
Frau, die es wahrhaft verdient, dass ihr Name in diesen Blättern
rühmlich genannt werde. Die Verstorbene war eine Tochter des
berühmten Rabbi Nathaniel Gabriel Weißbart seligen Andenkens zu Allersheim
in Unterfranken und erhielt in ihrem elterlichen Hause eine sorgfältige
und religiöse Erziehung, Anleitung zu allem Guten und Edlen. Hier wurde
sie richtig vorbereitet für ihren späteren Beruf als Gattin und Mutter.
Die guten Lehren schlugen Wurzel. 24 Jahre lang hatte sie das Glück,
ihrem Manne Gattin, ihren Kindern Mutter zu sein und während dieser Zeit
hat sie mit seltener Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit ihrem Berufe
gelebt. Es war ihr nicht beschieden im Glanz und Reichtum zu leben. Doch
gerade in engen Verhältnissen zeigt sich der Wert des Menschen. Wie gut
verstand es die Entschlafene sich darein zu finden. Geschmückt mit allen
Tugenden des Weibes und zumal des jüdischen Weibes, mit
vorzüglichen |
Herzens- und Geistesgaben ausgestattet, war ihr die Ehe ein Heiligtum,
ihre Häuslichkeit ein Tempel, wo sie am liebsten verweilte, so sie
rastlos von früh bis spät mit Körper und Geist zum Wohl der Ihrigen
tätig war, den sie nie verließ, um an den Vergnügungen und
Zerstreuungen der Welt teilzunehmen, auch nicht, um der Nachbarin
Geschwätz zuzutragen. Doch, wo es galt, eine Mizwoh auszuüben, Kranke zu
besuchen, Trauernde zu trösten, Toten die letzte Ehre zu erweisen, da
wurde sie nirgends vermisst, da war ihr kein Weg zu weit. Wie gegen ihren
Gatten die treue, liebevolle Frau, so war sie auch ihren Kindern die
aufopferndste Mutter, von zärtlicher Liebe zu ihnen erfüllt. Nicht, dass
sie ihnen deswegen auch nur das Geringste nachsah, nein, kein hässliches
Wort verzieh sie ihnen; nur auf ihre Ausbildung und Erziehung bedacht,
opferte sie derselben ihr Gut und Blut. Vom Munde sparte sie es sich ab,
dass ihre Söhne bessere Schulen besuchen konnten, um es zu etwas
Tüchtigem zu bringen. Doch ihre Hauptsorge war es, dass dabei ihre
religiöse Ausbildung vor allem gefördert, dass dieselben im heiligen
Glauben gestärkt wurden. Auch ihre Töchter suchte sie zu tüchtigen
Hausfrauen auf jüdisch-religiöser Grundlage zu erziehen. Leider sollte
sie die Früchte ihrer Entsagung, ihrer Mühen nicht mehr erleben, sie
wurde abberufen, ehe die Kinder der über alles geliebten Mutter ihre
Dankbarkeit erweisen konnten, in dem Maße, wie sie es verdiente.
Wie gegen ihre nächsten Angehörigen und ihre weitere Familie, so war sie
überhaupt gegen alle Menschen von Liebe und Freundlichkeit erfüllt. Sie
beherzigte den jüdischen Grundsatz, dass Gutes zu tun nicht allein den
Reichen zukomme, und nie ließ sie sich eine Gelegenheit entgehen, durch
Wort und Tat es zu üben. Dabei tat sie es ohne jede Nebenabsicht, wie
dies ganz in ihrem Wesen lag, nur aus Freude daran, anderen sich nützlich
und gefällig zu erweisen.
Der Grundzug des Charakters der seligen Entschlafenen war Wahrheit,
Aufrichtigkeit und Treue. Nie kam ein Wort der Lüge über ihre Lippen.
Falschheit war ihrem Wesen gänzlich fremd, und wie sie gut und fromm war,
so glaubte sie auch den Maßstab an andere anlegen zu müssen: Nie hat sie
eine Beleidigung nachgetragen und lieber wollte sie vielmals Unrecht
leiden, als dass sie es einmal vergalt. dazu war sie von einer Geduld und Nachgiebigkeit
beseelt, die wahrhaft bewunderungswürdig war, und die sie manches
ertragen ließ, was sonst für Menschen nicht leicht ertragbar schien.
Dass die Verblichene, trotz ihrer großen Bescheidenheit und
Anspruchslosigkeit volle Anerkennung ihres edlen und gottesfürchtigen Lebenswandels
genoss, dass alle, die sie kannten, liebten und schätzten, das bedarf bei
einem solchen Charakter nicht mehr der Versicherung, das zeigte sich am
deutlichsten während ihres 9wöchentlichen schweren Krankenlagers und
ihres Hinscheidens, als der Tod sie von ihrem Leiden erlöste, nachdem das
Organ, das Herz, das stets nur von Güte und Liebe überströmte, zuerst
seinen Dienst eingestellt hatte. Die Teilnahme an ihrem Begräbnis war
eine allgemeine, und Juden und Christen, bei denen die Dahingeschiedene
wegen ihrer Biederkeit in gleichem Maße beliebt war, von Nah und Fern
ließen es sich nicht nehmen, der Verstorbenen die letzte Ehre zu
erweisen.
Vor Abgang des Leichenzuges widmete der Schwager, Herr Lehrer Hanauer von Steinsfurt,
der Heimgegangenen ehrende Worte des Nachrufes, indem er die Tugenden
derselben der Trauerversammlung vor Augen führte und ihr allzufrühes
Hinscheiden beklagte. Am Grabe sprach Herr Lehrer Eichstetter von Eppingen,
indem er hervorhob, wie die selig Entschlafene die guten Lehren, die sie
im Elternhaus empfangen, zur sittlichen und religiösen Erziehung ihrer
Kinder verwertete, wie auch diese Kreise das Gute sich forterbe und immer
wieder Früchte trage. Schließlich rief der älteste Sohn der
Hingeschiedenen, Kandidat der Medizin, von tiefer Rührung ergriffen, der
geliebten Mutter den letzten Abschiedsgruß zu, indem er das Gelöbnis der
Kinder aussprach, das Andenken der seligen Mutter dadurch in Ehren halten
zu wollen, dass sie stets in dem Geiste lebten, in dem sie von der Mutter
erzogen wurden. Möge die Dahingeschiedene in einer besseren Welt für
ihren guten und frommen Lebenswandel hienieden ihren Lohn
bekommen!" |
Persönlichkeiten. Bei dem im letzten
Abschnitt genannten ältesten Sohnes von Fanny Hanauer handelte es sich
um:
Wilhelm Hanauer (1866 Richen - 1940), Mediziner, Prof. an der Universität Frankfurt am Main; setzte sich für die Tuberkulosefürsorge und die soziale Hygiene ein. |
Zum Tod von Lehrer und Friedhofsverwalter Abraham Weißbart (1902)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. August 1902: "Giebelstadt,
20. August (1902). In dem nahen Allersheim ist dieser Tage ein Mann
aus dem Leben geschieden, der es verdient, dass ihm in diesen Blättern
ein kleines Denkmal gesetzt wird. Es wurde daselbst Lehrer und
Friedhofsverwalter Abraham Weißbart am Freitag vor Schabbat mit der
Toralesung Matot uMaseh (d.i. Freitag, 1. August 1902) zu Grabe
getragen. Aus einer streng-frommen Gelehrtenfamilie stammend, war sein
ganzes Leben seiner Abstammung und Erziehung entsprechend. Durch seine
Gewissenhaftigkeit in beiden mühevollen Ämtern, seine Freundlichkeit und
große Bescheidenheit hatte er sich die Liebe und Verehrung weiter Kreise
erworben. Sein Leichenbegängnis bestätigte dieses in vollem Mae. Aus
allen Gemeinden des Bezirkes waren Männer herbeigeeilt, um ihm die letzte
Ehre zu erweisen. Der Bruder des Verstorbenen, er ruhe in Frieden -
Herr Seminarlehrer Weißbart, widmete nur einige tief empfundene Worte als
Nachruf, da wegen des Vorabends zum Schabbat von einer (längeren) Trauerrede
Umgang genommen werden musste. Es wird verschlingen der Tod auf ewig." |
Berichte zu weiteren
Personen aus der Gemeinde
Zum Tod von Gitel Grünbaum (1876)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Juli 1876:
"Bütthard. Am 21. Mai (1876) wurde unter großer Teilnahme die
Leiche der Frau Gitel Grünbaum, früher in Allersheim wohnhaft, zu
Grabe getragen. Wer diese fromme, edle Frau kannte, wird den großen
Schmerz und den herben Verlust bemessen können. Die guten Eigenschaften,
die ernsthafteste Frömmigkeit, das wohledle Herz dieser Verstorbenen ist
uns nur im geringen Maße zu bezeichnen möglich. Dieselbe verband wahre
Frömmigkeit mit großer Humanität, und nicht bloß gegen ihre
Glaubensgenossen war sie so wohltätig, sondern auch gegen jeden
Andersgläubigen. Als ein Beispiel wollen wir die Gastfreundlichkeit
erwähnen (Hachnassat Orachim), die sie besonders gegen die Armen
ausübte, da sie ihnen unentgeltlich Logis bot und mit Speise und Trank
labte, zugleich aber mit aller Freundlichkeit und Herzensgüte bewirtete.
Ebenso ihre wahr Frömmigkeit breitete sie auch im fleißigen Lesen der
heiligen Schriften aus, sowie auch sie alle Gelehrten der heiligen Schrift
sehr hoch ehrte und unterstützte, verband sie zugleich das Lernen der
Tora mit dem Unterstützen derer, die Tora lernen.
Auch Wohltätigkeit übte sie im höchsten Grade sowohl an Lebenden
als auch Wohltätigkeit im Blick auf die Wahrheit, an Reichen und
Unbemittelten. Sie glich wahrlich in jeder Art unseren Stammmüttern, 'vor
Frauen im Zelte gesegnet' (Richter 5,24), sie liebte den Frieden und
hasste den Streit, dafür wurde sie auch von allen Bekannten und
Unbekannten hoch geehrt und gedachtet, welches sich auch beim
Leichenbegängnisse bewies, an dem von Nah und Fern und selbst viele
Christen, der Herr Bürgermeister und die Herren Gemeinderäte,
Teilnehmende sich beteiligten.
Alles das vorher Gesagte wurde von unserem Herrn Lehrer am Grabe durch
eine treffliche Trauerrede (Hesped) hervorgehoben. Das Abreisen des
Frommen von dieser Welt macht ein ein Zeichen, das Hinausgehen
des Frommen macht ein Zeichen, daher müssen wir mit großem Bedauern aussprechen:
unser Glanz und unsere Krone ist uns entrissen worden.
Mögen ihre guten Handlungen bei dem allgütigen Vater im Himmel ihre
Fürsprecher haben, 'und es zieht voran deine Frömmigkeit, und die
Herrlichkeit des Ewigen schließt deinen Zug' (Jesaja 58,8), und das
Andenken der Frommen bleibt zum Segen - das Andenken des Frommen bleibt
zum Segen." |
Zur Geschichte der Synagoge
Zunächst wurden Gottesdienst in Privathäusern -
möglicherweise gemeinsam mit den Juden aus Giebelstadt - abgehalten.
Eine Synagoge wird erstmals 1718 in einer Güter- und
Feldbeschreibung über den Flecken Allersheim als 'das Jenige Hauß oder Juden
Schul' genannt, 'welches der gemeinen Judenschaft gehörig'. Ob die Synagoge neu
erbaut oder zu ihrer Einrichtung ein bestehendes Wohnhaus umgebaut wurde, ist
nicht bekannt. Von vornherein war in der Allersheimer Synagoge neben der Wohnung
des Rabbiners auch rituelles Bad eingerichtet. Es befand sich im Keller des
Gebäudes (Haus Nr. 49). 1829 wurde es auf behördliche Anweisung in ein
separates "Badhaus" auf dem Anwesen des Hauses Nr. 49
verlegt.
Mit der starken Aus- und Abwanderung jüdischer Familien aus Allersheim war
bereits um 1880 kein regelmäßiger Minjan mehr am Ort vorhanden. Seitdem
wurden die Gottesdienste vor allem in der Nachbargemeinde Giebelstadt besucht. 1886
wurde das Synagogengebäude einschließlich der Rabbinerwohnung, dem Badhaus und
dem Hofraum von der Israelitischen Friedhofkorporation Allersheim übernommen.
Nachdem 1901 die in Allersheim lebenden jüdischen Einwohner der Gemeinde
in Bütthard angeschlossen worden waren, wurden die Ritualien der Synagoge und
das Memorbuch in die Synagoge nach Bütthard
gebracht. Am 8. März 1911 wurde das Synagogengebäude mit Anwesen für 900 Mark
an Wilhelm Eubel in Allersheim verkauft, der das Gebäude zu einem Wohnhaus
umbaute. Das Gebäude ist als Wohnhaus erhalten (in derzeit schlechtem
Erhaltungszustand).
| Februar/März/April 2010:
Das ehemalige jüdische Gemeindezentrum (mit Synagoge
und Schule) soll abgebrochen werden |
Artikel in der "Main-Post" vom 2.
Februar 2010 (Artikel):
"GIEBELSTADT. Abriss der ehemaligen Synagoge in Allersheim.
(fcn) Einstimmig erteilten der Bau- und Umweltausschuss dem Abriss der ehemaligen Synagoge in Allersheim ihr Einvernehmen. Dabei handelt es sich nicht um eine typische Synagoge, sondern um das im Vermessungskataster von 1830 als Lehrerwohnhaus mit Gebetsraum ausgewiesene Gebäude. Möglicherweise wird es aber Auflagen geben, beispielsweise, dass ein Gedenkstein errichtet werden müsste." |
| |
Artikel in der "Main-Post" vom 20. März 2010 (Artikel):
"ALLERSHEIM - "Typische Landsynagoge": Schandfleck mit Geschichte
- Zeugnis der jüdischen Geschichte in Franken
Hauptstraße 20 im Giebelstädter Ortsteil Allersheim: Da fällt ein Haus zusammen. Decken sind durchgebrochen, eine Außenwand sieht aus, als hätte eine Abrissbirne eingeschlagen. Das marode Gemäuer an der Hauptstraße ist eine Gefahr für die Allgemeinheit.
Seit 1998 steht es auf der Denkmalschutzliste und 'keiner', sagt Giebelstadts Bürgermeister Helmut Krämer,
'weiß, warum'. Die Eigentümer wollen das Haus abreißen, die Giebelstädter Gemeinderäte stimmten zu.
Das Haus steht auf der Liste, weil es bis 1880 der Mittelpunkt der jüdischen Allersheimer war. Egon Johannes Greipl, der Generalkonservator des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, beschreibt es als
'eine typische Landsynagoge, die, ebenso wie die Veitshöchheimer Synagoge, mehrere Nutzungen unter einem Dach
vereinte'. Ein Rabbiner hatte hier seine Wohnung, hier trafen sich die Gläubigen zum Gebet und zum rituellen Tauchbad, der Mikwe.
Mehr als 90 Mitglieder zählte die jüdische Gemeinde in Allersheim nie, und das war im Jahr 1816, bei einer Gesamtbevölkerung von 331 Menschen.
Weil ihre Wirtschaftskraft begrenzt war, ist das Gebäude, errichtet als Fachwerkkonstruktion,
'bedeutend kleiner' als anderswo, teilt Greipl mit. Früher hätten die jüdischen Gemeinden häufig solche Gebäudetypen gebaut, heute gebe es nur noch wenige davon. Das Allersheimer Haus sei
'aus diesem Grund ein wichtiges Zeugnis der jüdischen Geschichte und Sachkultur in
Franken'.
Hermann Eidel lebt seit bald 50 Jahren im Giebelstädter Ortsteil Allersheim, er dient der Gemeinde als zweiter Bürgermeister. Eidel sagt, bis vor wenigen Jahren habe keiner im Ort von der Synagoge gewusst. Nicht in der Grundschule, noch in der Heimatkunde sei davon die Rede gewesen. An den Stammtischen, beim Frühschoppen sei das alte Haus kein Thema; für die Leute sei uninteressant, wer da früher lebte. Ein Gemeinderatsmitglied habe das baufällige Gemäuer einen Schandfleck genannt, und die Allersheimer stünden auf der Seite des Eigentümers, der es abreißen will. Denn keiner könne sich vorstellen,
'was man daraus entwickeln könnte', auch er nicht.
Die Würzburger haben einem Gymnasium den Namen ihres Bischof Friedrich von Wirsberg gegeben; seinem Nachfolger Julius Echter von Mespelbrunn widmeten sie eine Straße, ein Spital, ein Hefeweizen. 1560 vertrieb Bischof Friedrich die jüdischen Würzburger. 1575 verschärfte Bischof Julius das Dekret, das Juden
verbot, sich in Würzburg niederzulassen. Die Vertriebenen zogen aufs Land, in Dörfer, über die Reichsritter herrschten; die waren den Bischöfen nicht untertan, ihnen waren die Steuern und Abgaben, darunter ein Schutzgeld, der Juden recht.
Aus dem Jahr 1580 berichtet der Würzburger Historiker Joachim Braun, stammt die erste schriftliche Erwähnung von Juden in Allersheim. Darin klagt Ortspfarrer Christoph Beyer in einem Schreiben an die bischöfliche Verwaltung, die Juden im Ort verweigerten den
'kleinen Zehnten', der Reichsritter Philipp Geyer habe ihnen das so aufgetragen. In mehreren Gemeinden stammten erstmalige Erwähnungen jüdischen Lebens aus diesem Zeitraum. Braun nennt im 69. Band der Würzburger Diözesan-Geschichtsblätter Acholshausen, Bütthard, Eibelstadt, Gaukönigshofen und Goßmannsdorf.
Bürgermeister Eidel berichtet, über Allersheims jüdische Gemeinde sei nur wenig bekannt, weil sie
'ein Parallelleben' zur christlichen Gemeinde geführt hätte. Braun brachte Dokumente über Streitigkeiten zutage, wie sie auch andernorts ausgetragen wurden. Die Christen verlangten von ihren jüdischen Nachbarn, christliche Feiertage einzuhalten. Feierten die jüdischen Allersheimer eine Hochzeit oder hatten sie einen Verstorbenen zu beerdigen, so mussten sie beim katholischen Pfarrer Gebühren entrichten, obwohl sie seine Dienste gar nicht in Anspruch nahmen. Braun beschreibt ein
'überwiegend religiös motiviertes, weitverbreitetes Misstrauen' der Christen gegenüber den Juden; trotzdem gebe es
'in der Frühzeit', anders als anderswo, keine Belege für Übergriffe auf jüdisches Leben oder Eigentum. Abgesehen von wirtschaftlichen Kontakten seien die Juden meist unter sich geblieben.
Am 3. September 1802 weint sich in der Würzburger Residenz der Fürstbischof die Augen aus. 2000 pfalz-bayerische Soldaten, Verbündete von Napoleons Großer Armee, stehen vor der Tür; Georg Karl von Fechenbach muss abtreten. Die katholische Kirche verliert ihre jahrhundertelang währende weltliche Herrschaft über die Stadt. Juden (und auch Protestanten) dürfen wieder in Würzburg einziehen, nach bald 230 Jahren Vertreibung. Trotzdem wächst die jüdische Gemeinde in Allersheim noch bis 1816 auf ein knappes Drittel aller Dorfbewohner an. Dann beginnt sie zu schrumpfen.
Der Historiker Braun berichtet, eine Synagoge wird erstmals 1718 in einer Güter- und Feldbeschreibung über den Flecken Allersheim als
'das Jenige Hauß oder Juden Schul' genannt. Das passt zur Annahme der Landesdenkmalbehörde, dass Anwesen in der Hauptstraße 20 aus dem 18. Jahrhundert stammt. Ob jüdische Gläubige das Haus als selbst bauten oder aber erwarben, ist laut Braun nicht mehr festzustellen. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege weiß auch nicht mehr; es beruft sich auf Brauns Forschung.
1880 sind viele Allersheimer Juden nach Würzburg oder in größere Gemeinden wie Gaukönigshofen umgezogen, einige sind ausgewandert. Keine zehn leben mehr im Dorf – nach jüdischem Recht zu wenige, um einen Gottesdienst abzuhalten. Die Synagoge, der ehemalige Mittelpunkt der Gemeinde, wird bedeutungslos. 1911 erwirbt eine christliche Familie das Gebäude und baut es zu einem Wohnhaus um.
In der vergangenen Woche ist Hans-Christoph Haas vom Landesamt für Denkmalpflege in Allersheim gewesen, zur Besichtigung des historischen Anwesens. So baufällig ist es geworden, dass er nicht wagte, die Haustreppe hoch zum Dachgeschoss zu steigen. Im Keller fand er ein kleines, in Sandstein gefasstes Wasserloch, das einen hohen Grundwasserspiegel anzeigt – ein Hinweis auf die Mikwe; das rituelle Bad muss nach dem jüdischen Reinheitsgebot von
'reinstem lebendigem Wasser' versorgt sein. Haas fand auch den Abdruck einer Mesusa, einer am Pfosten der Haustür befestigte Schriftkapsel.
Das Landesamt hat noch nicht entschieden, ob es einem Abbruch zustimmt. Es räumt
'enorme substanzielle Schäden' ein. Sollte das Haus nicht mehr zu halten sein, seien
'auf alle Fälle eine wissenschaftliche Untersuchung und Dokumentation
erforderlich'. Für Eidel, den Bürgermeister, ist das Haus schon weg. Er halte einen Gedenkstein
'an geeigneter Stelle für angebracht', sagt er, 'weil ganz unter den Teppich kehren sollte man diesen Aspekt der Allersheimer Geschichte
nicht'." |
| |
Artikel in der "Main-Post" vom 19.
April 2010 (Artikel):
"ALLERSHEIM. Synagoge darbt weiter vor sich hin - Noch keine Entscheidung
Das Schicksal der Synagoge im Giebelstadter Ortsteil Allersheim bleibt weiter ungeklärt. Auch nach einem Ortstermin mit Hans-Christoph Haas vom Landesamt für Denkmalpflege hat sich nichts getan, erklärt Bürgermeister Helmut Krämer auf Anfrage.
Wie berichtet, befindet sich das Bauwerk in einem üblen Zustand. Deshalb will der Besitzer das Gemäuer aus Sicherheitsgründen abreißen lassen.
Der Gemeinderat hat bereits zugestimmt. Doch die Synagoge steht seit 1988 auf der Denkmalschutzliste.
Obwohl für das Haus laut Krämer keine Einsturzgefahr besteht, befindet es sich nach seinen Worten
'in einem jämmerlichen Zustand' und ist wohl nicht mehr zu retten. Dennoch sei die Gefahr nicht akut.
Das Landesamt hat sich jedenfalls noch nicht entschieden, bestätigte Haas." |
| |
Artikel von Franz Nickel in der "Main-Post" vom 16. März 2011 (Artikel):
"ALLERSHEIM
Vorerst kein Abbruch ehemaliger Synagoge
Behörde ordnete Bestandsaufnahme an – Bauausschuss befürwortet freiwilligen Zuschuss
vergrößern schließen Ortstermin des Bauausschusses: Rechts ist die Einsturz gefährdete ehemalige Synagoge zu sehen. Auch das linke Nebengebäude ist in einem sehr schlechten Zustand.
Die ehemalige Synagoge ist in einem erbärmlichen Zustand. Nicht zuletzt deshalb hat der Eigentümer den Antrag auf Abbruch des Gebäudes gestellt (wir berichteten). Die untere Denkmalschutzbehörde ordnete an, dass zunächst eine Bau historische Bestandsaufnahme sowie eine Dokumentation erstellt werden müssen. Laut Schätzungen betragen dafür die Kosten insgesamt zwischen 32000 und 36000 Euro.
Bei einem Ortstermin nahmen nun die Mitglieder des Bauausschusses die Ruine von außen unter die Lupe. Nach eingehender Diskussion befürworteten sie es, sich mit maximal 5000 Euro an der Dokumentation zu beteiligen.
'Die Gemeinde ist eigentlich außen vor.' Bürgermeister Helmut Krämer informierte die Gremiumsmitglieder über die aktuelle Situation. Bei einem Ortstermin hätten Fachleute festgestellt, dass das alte jüdische Gebetshaus Einsturz gefährdet sei. Um die von den Behörden verlangten Untersuchungen machen zu können, müsse zunächst eine
'Notsicherung' erfolgen. Dazu müssten Sträucher entfernt und das links daneben stehende baufällige Gebäude teilweise abgerissen werden. Nur so werde es möglich, an der ehemaligen Synagoge ein Gerüst zu errichten.
Ein Statiker habe ein Konzept erstellt, wie man sich Zutritt in die Ruine verschaffen könne. Schätzungsweise betragen die Kosten für die Bau historische Bestandsaufnahme und die Dokumentation zwischen 8000 und 12 000 Euro, für die Notsicherung und den Teilabbruch circa 24 000 Euro.
'Die Bestandsaufnahme ist grundsätzlich die Sache des Eigentümers', sagte der Bürgermeister.
'Die Gemeinde ist eigentlich außen vor.' Im Raum steht aber die Frage, ob der Kommune die Dokumentation des historisch bedeutenden Gebäudes etwas wert sei. Noch unklar sei es, ob und in welcher Höhe die Denkmalschutzbehörden die Bestandsaufnahme förderten.
'Wir haben keine Verpflichtung zu einer finanziellen Beteiligung', betonte Krämer. Gremiumsmitglied Norbert Lange schlug einen genau
'fixierten' Zuschuss vor, der sich nur auf die Dokumentation beziehe und nicht auf den Abbruch. Als
'etwas verwunderlich' bezeichnete es der Bürgermeister, dass die ehemalige Synagoge erst Mitte der 90er Jahre in die Denkmalliste aufgenommen worden sei. Ernst Merz kommentierte diese späte Reaktion gar als
'Versäumnis' des Landratsamtes. Für eine Bestandsaufnahme und Dokumentation hätte man
'vor 15 Jahren keine Notsicherung des Gebäudes gebraucht'.
Wegen der akuten Gefährdung müsse unbedingt ein Bauzaun aufgestellt werden. Dies habe der Grundstückseigentümer zugesagt, erklärte Krämer. Auch das Nebengebäude auf der linken Seite befindet sich in einem schlechten Zustand und ist nur wenige Meter von der Hauptstraße entfernt.
Was nach der Bestandsaufnahme passiert, ist zwar noch nicht ganz klar. Es ist aber anzunehmen, dass dann der Abbruch erfolgt, weil ein Erhalt viel zu teuer wäre." |
| |
| August 2011:
Bauuntersuchung in der ehemaligen Synagoge |
Artikel in der "Main-Post" vom August 2011 (Artikel):
"Ist die alte Synagoge noch zu retten?
Auf den Spuren jüdischer Geschichte Zwei Bauforscherinnen haben den Auftrag, die alte Synagoge zu untersuchen – ein ziemlich marodes und heruntergekommenes Gemäuer.
Gell, Sie räuma endlich des alta Gerutsch auf!', ruft der Nachbar von nebenan, ein älterer Herr, zwei jungen Frauen zu. Die beiden winken ab, schleppen ihre schweren Koffer weiter das Gerüst hoch.
'Der Dachboden trägt. Keine Sorge', ruft Anna-Kristin Geller ihrer Kollegin zu. Die schaut skeptisch. Hat sie doch im Hinterkopf, dass ein Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalpflege schon einmal durch das Dach gebrochen ist. Zum Glück ist ihm nichts passiert. Kristina Bornschlägel setzt vorsichtig einen Fuß nach den anderen. Geschafft. Die beiden Bauforscherinnen können mit ihrer Arbeit beginnen.
Ein riesiger Haufen Schutt liegt neben dem historischen Haus. Ein Alteisenhändler kommt zufällig vorbei. Er freut sich über die alte Dachrinne, die aus den Steinen hervor lugt.
'Renoviert ihr?', fragt er die beiden jungen Architektinnen. Die überlegen kurz, schauen auf die durchgebrochenen Decken und all den Bauschutt ringsherum.
'Nein', antworten sie schließlich kurz und bündig und überlegen, ob die Frage des Alteisenhändlers nicht doch auch zynisch gemeint war.
Wahrlich fällt es schwer, sich das alte eingefallene Gemäuer renoviert vorzustellen. Der Besitzer will es abreißen. Die Giebelstadter Gemeinderäte hat er auf seiner Seite. Nur, so einfach ist die Sache nicht. Denn das Haus hat eine geschichtliche Bedeutung. Als wichtigstes Zeugnis jüdischer Geschichte steht es auf der Denkmalschutzliste.
In Allersheim zweifeln viele an der historischen Bedeutung des Hauses als Synagoge. Bis vor ein paar Jahren habe auch keiner davon gewusst. Kein Wort wurde darüber im Heimatkundeunterricht verloren. Anders verhält es sich mit dem jüdischen Friedhof am Ortsrand.
'Das ist etwas Greifbares', sagt Hans Eidel, Allersheimer und zweiter Bürgermeister im Markt Giebelstadt. Die Synagoge jedoch haben die Allersheimer bislang nur als normales Wohnhaus wahrgenommen.
Dass das kleine Wohnhaus aber auch der jüdischen Gemeinde in Allersheim als Synagoge diente, wird an mehreren Stellen deutlich. Die
Bamberger Bauforscherinnen zeigen sie. Unter dem Dach – die Treppe dorthin ist eingefallen – haben sie kleine Bögen in den alten Dachbalken entdeckt. Das deutet daraufhin, dass hier ein Holztonnengewölbe über den Gebetsraum im Stockwerk darunter gespannt war, sagen sie. Die Decke dazwischen wurde wohl erst später eingezogen. Am Giebel sind stellenweise auch Hinweise auf ein großes Fenster zu finden. Spuren eines sogenannten Misrach-Fensters, das nach Osten – also in Richtung Jerusalem – ausgerichtet war.
Anne-Kristin Geller und ihre Kollegin Kristina Bornschlögl dokumentieren alles. Sorgfältig vermessen sie jeden Winkel des stark einsturzgefährdeten Hauses. Wenn alle Messpunkte erfasst sind, wird das Aufmaß mit Bleistift auf Karton
geplottet. 'Das hält noch am längsten', erklären sie. Viel länger jedenfalls als digitale Daten, die auf eine silberne DVD gebrannt werden. Die Arbeit der beiden Architektinnen, die zusätzlich zu ihrem Diplom auch einen Magister in Denkmalpflege haben, ist eine Anordnung der Denkmalschutzgebäude. Zumindest möchte die Behörde, sollte ein Abriss des Gemäuers unausweichlich sein, vorher alles dokumentiert und den Bestand aufgenommen haben. Wenn die beiden Bauforscherinnen ihre Arbeit abgeschlossen haben, wird sich auch noch eine Archäologin das Haus in der Allersheimer Hauptstraße Nr. 20 näher anschauen. Auch das Alter der verwendeten Hölzer soll bestimmt werden.
Die Arbeit der beiden Bauforscherinnen könnte aber auch nützlich sein, für einen eventuellen Wiederaufbau des Gebäudes im Freilandmuseum in Bad Windsheim. Museumsleiter Herbert May hat Interesse, will aber erst die Voruntersuchungen und die restauratorischen Befunde abwarten.
'Eine alte Ortssynagoge wie diese in Allersheim würde unser Gebäudeprogramm sicherlich
bereichern', sagt er. Und dann gelte es festzustellen, was an dieser alten Bausubstanz noch zu retten ist.
'Eine Rekonstruktion macht keinen Sinn. Die beste Lösung wäre noch der Erhalt vor
Ort', so Museumsleiter May.
Im und am kleinen Fachwerkhaus gibt es noch mehr jüdische Spuren. Da ist ein kleines, in Sandstein gefasstes, Wasserloch im Keller: die Mikwe – das rituelle Bad der jüdischen Gemeinde. Die beauftragte Archäologin will sich durch haufenweise Schutt im Keller graben und dieses Zeugnis jüdischer Geschichte in Allersheim noch näher betrachten. Neben der Eingangstür ins verfallene Wohnhaus ist am Türpfosten noch deutlich der Abdruck einer Mesusa, einer am Pfosten der Haustür befestigten Schriftkapsel zu sehen.
Dunkle Wolken ziehen über der Synagoge auf. Voller Sorge blicken die beiden Architektinnen nach oben und packen vorsorglich schnell ihr wertvolles Equipment wieder ein.
'Bei einem Gewitter sind wir hier schnell weg', sagen sie beide hastig. Die beiden wissen, wovon sie sprechen. In den Kirchgaden von Thüngersheim wären sie beinahe mal vom Blitz getroffen worden. Und seitdem sitzt der Schrecken tief." |
| |
| November 2011:
Die Ergebnisse der Bauuntersuchung liegen vor |
Artikel in der "Main-Post" vom 17.
November 2011: "Synagoge soll ins Museum.
Jetzt ist's amtlich: Das alte, profane Bauernhaus in der Allersheimer
Hauptstraße Nummer 20 ist eine Synagoge. Viele Dorfbewohner wollten das
niemals wahr haben. 'Das alte Gerütsch! Reißt es doch endlich ab',
schimpften Nachbarn..."
Link
zum Artikel - auch eingestellt
als pdf-Datei |
| |
| Mai 2012:
Die Synagoge kommt bis 2014 ins Freilandmuseum in
Bad Windsheim |
Artikel von Thomas Fritz in der
"Main-Post" vom 20. Mai 2012: "Allersheim. Synagoge wartet
auf den Umzug. Das Freilandmuseum in Bad Windsheim möchte das baufällige
Haus unbedingt haben...."
Link
zum Artikel |
| |
Adresse der Synagoge: Hauptstraße 20
(Plan-Nummer im Katasterplan Nr. 97)
Fotos
Synagoge und letztes
jüdisches Wohnhaus
(Quelle: J. Braun s. Lit. S. 610) |
 |
 |
| |
Gebäude der
ehemaligen Synagoge, in dem
auch der Betsaal und die Rabbiner-/
Lehrerwohnung waren - Aufnahme von
1992/93 - Foto: Christoph
Schwarz |
Mit Pfeil
markiert: Anwesen der
Familie Heinrich Baumann
(aufgenommen vor 1945);
das
Gebäude ist abgebrochen |
| |
|
|
Familie Heinrich Baumann
(Quelle: J. Braun s. Lit. S. 609) |
 |
 |
 |
 |
| |
Heinrich Baumann
(1877, nach
Deportation 1942
umgekommen) |
Jenny Baumann geb.
Blumenthal
(1883,
nach Deportation
1942 umgekommen) |
Amalie Baumann,
1932 nach
Fürth
verzogen, später
nach Basel/Schweiz |
Stefanie Baumann,
lebte bis
1938 bei
ihren Eltern, konnte
vermutlich emigrieren |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern.
Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische
Bildungsarbeit. A 85. 1988. S. 32. 1992² S. 32-33.
Anmerkung: Die Angabe bei Israel Schwierz, dass
das Synagogengebäude abgebrochen wurde und an seiner Stelle eine Garage gebaut wurde,
beruht auf einer Verwechslung mit dem Wohnhaus der jüdischen Familie Baumann
(Haus Nr. 55). |
 | Michael Trüger: Der jüdische Friedhof Allersheim. In: Der
Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern. Jg. 1998 13.
Jahrgang Nr. 76 vom April 1998 S. 12. |
 | Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die jüdischen Gemeinden in
Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979 S. 250-251. |
 | Jutta Sporck-Pfitzer: Die ehemaligen jüdischen
Gemeinden im Landkreis Würzburg. Hg. vom Landkreis Würzburg. Würzburg
1988 S. 51-53. |
 | Joachim Braun:
Die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Allersheim im Ochsenfurter Gau.
In: Würzburger Diözesangeschichtsblätter 2007 S. 535-610. |
 | Dirk Rosenstock (Bearbeiter): Die unterfränkischen
Judenmatrikeln von 1817. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg.
Band 13. Würzburg 2008. S. 228-229. |
Allersheim (in Jewish sources,
Alirshi, Alersha, Lower Franconia). Jews are known from the mid-17th century. The
cemetery, consecrated in 1665*, served numerous communities in the region.
In 1816, the Jewish population was 90 (total 331), declining steadily to four in
1933, including the caretaker of the cemetery, who was deported with his wife to
Izbica in the Lublin district of Poland in 24 March 1942.
*Encyclopedia: 1729.

vorherige Synagoge zur ersten Synagoge
nächste Synagoge
|