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Geroldshausen (Kreis
Würzburg)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Geroldshausen bestand eine jüdische Gemeinde bis
1938/41. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17./18. Jahrhunderts
zurück.
Bei der Erstellung der Matrikellisten 1817 werden in Geroldshausen auf den insgesamt
10
Matrikelstellen die folgenden jüdischen Familienvorstände
genannt (mit
bereits neuem Familiennamen): Isack Neumann (Judenvorsteher), Herz Straus, Moses
Adler, Joseph Mayer, Joel Hirsch, Isak Weinberg, Zibore Mayer (Witwe von
Samuel), Anna Blum (Witwe von Löb), Hipfe Hermann (Witwe von Moses) und Salomon
Hermann.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner
wie folgt: 1814 50 jüdische Einwohner (21,5 % von insgesamt 233 Einwohnern),
1867 35 (11,2 % von insgesamt 313), 1890 28 (8,4 % von 335), 1900 17 (5,0 % von
337). Nach dem unten zitierten Dokument von 1843 bildeten den "Israelitische
Kultusvorstand" die Herren Moses Mayer, Samuel Strauß, Benjamin Strauß, Moses
Strauß, Joseph Maier, Jacob Adler, Isak Weinberg, Joseph Adler, Salomon
Herrmann, Jacob Neumann, Isak Maier, Moses Neumann. Vermutlich setzte sich
der Gemeindevorstand damals aus allen Familienvorständen zusammen.
An Einrichtungen waren eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule und ein
rituelles Bad (Mikwe) vorhanden. Die Toten der Gemeinde wurden auf
dem jüdischen Friedhof in Allersheim
(teilweise möglicherweise auch in Wenkheim)
beigesetzt. Zeitweise hatte die jüdische Gemeinde gemeinsam mit der
Nachbargemeinde Kirchheim einen jüdischen Lehrer angestellt, der zugleich als
Vorbeter und Schochet tätig war. 1878 bis 1895 war für die beiden Orte Lehrer
Julius Sommer zuständig. Die Gemeinde gehörte zum Bezirksrabbinat in Kitzingen, seit
1937 zum Bezirksrabbinat Würzburg.
1932 wird als Gemeindevorsteher Jakob Maier genannt.
1933 und 1939 lebten noch jeweils neun jüdische Personen in
Geroldshausen (1,9 % von insgesamt 484). Durch die zunehmenden Repressalien und
die Folgen des wirtschaftlichen Boykotts verarmten die hier noch lebenden Juden:
1937 waren vier unterstützungsbedürftig geworden. Über Ausschreitungen gegen
die jüdischen Einwohner beim Novemberpogrom 1938 ist nichts bekannt. 1940/41
konnten noch fünf der jüdischen Einwohner in die USA emigrieren, einer verzog
1940 nach Würzburg, von wo aus er im September 1942 in das Ghetto
Theresienstadt verbracht wurde. Die letzten beiden jüdischen Einwohner von
Geroldshausen (Schuhhändler Salomon Bierig und seine Frau Therese geb. Mayer) wurden am 24. April 1942 über Würzburg nach Izbica bei Lublin
(Polen) deportiert.
Von den in Geroldshausen geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Jakob Ackermann (1866), Salomon Bierig (1886), Therese Bierig geb. Mayer
(1888), Regina Eisemann (1859), Regina Fisch geb. Main (1872), Siegfried Friedlein (1875), Theresia Friedlein (1885),
Emma Maier
(1866), Heinz Salo Maier (1924), Hermann Maier (1879), Jakob Maier (1882), Mina Maier geb. Strauss
(1891), Abraham (Alfred) Neumann (1876), Bella (Isabella) Neumann geb. Hahn
(1879), Felix Neumann (1872), Moritz (Moses) Neumann (1876), Sofie Solinger geb. Strauss
(1867), Regina Strauß geb. Strauss (1872).
1945 kam der in die USA emigrierte Heinz Maier kurzzeitig mit der
US-Armee zurück. Er hatte mit seinem Vater vor der Flucht die Unterlagen der
jüdischen Gemeinde versteckt. Sie blieben erhalten und sind wichtige Dokumente
für die jüdische Geschichte der Region.
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer
Zum Tod von Julius Sommer - Lehrer in der Gemeinde von
1878 bis 1895, gestorben 1927 in
Wittelshofen
Artikel
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 7.
Januar 1927: "Am Montag, dem 27. Dezember, wurde ein treuer Kollege,
Lehrer Julius Sommer von Wittelshofen, zu Grabe getragen. Sommer, der am
16. Oktober 1858 in Höchheim geboren war, wirkte von 1878 bis 1895 in den
Gemeinden Geroldshausen-Kirchheim bei Würzburg, und seit dieser Zeit,
also über 31 Jahre, in Wittelshofen. Viele Jahre hindurch betreute er
auch die Nachbargemeinde Wassertrüdingen.
Fast vollzählig gab ihm seine Gemeinde das letzte Geleit zum weit
entfernten Begräbnisplatz in Schopfloch
und zeigte damit, wie sehr sie ihren Beamten schätzte. Vor dem
Trauerhause würdigte Bezirksrabbiner Dr. Munk (Ansbach)
in einem ehrenden Nachrufe die verdienstvolle Tätigkeit wie das
anspruchslos und bescheidene Wesen des Dahingeschiedenen, worauf die
Kultusvorstände von Wittelshofen und Wassertrüdingen dem geliebten
Lehrer und langjährigen geistigen Führer Worte warmer Anerkennung und
herzlichen Dankes widmeten. Am Grabe sprachen Lehrer Rosenstein
(Schopfloch) für den israelitischen Lehrehrverein, Hauptlehrer Levite
(Gunzenhausen) für die Bezirkskonferenz Ansbach und Lehrer Erlebacher (Mönchsrot)
als Nachbarkollege. Tov schem mischemem tov! Der gute Name, den der
wackere Kollege hinterlassen hat, gereicht mit der trauernden Familie auch
dem Lehrerstande zur Ehre. Max Levite (Gunzenhausen). |
Zur Geschichte der Synagoge
Die Synagoge wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erbaut.
In der Synagoge wurden zwei wertvolle Toraschrein-Vorhänge von 1843/44 aufbewahrt,
möglicherweise aus der Zeit nach der Einweihung der Synagoge. Bei der
Synagoge handelte es sich um einen Sandsteinbau. Im Gebäude befand sich auch
die Lehrer-/Vorbeterwohnung.
Die nachstehende, in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 21. August 1843 geschilderte Begebenheit fand in der Synagoge
Geroldshausen statt. Die Gemeinde hatte den unterfränkischen Lehrer Dr. Neumann vor seiner Abreise nach Riga auf
den Schabbat, 29. Juli 1843 zu einer Predigt in der Synagoge
geladen:
Unser
Landsmann, der als Prediger und Schuldirektor nach Riga berufene Herr Dr.
Neumann hat uns vor seiner Abreise an seinen Bestimmungsort einen so hohen
geistigen Genuss bereitet, dass wir uns gedrungen fühlen, ihm hierfür
den tiefgefühltesten Dank der hiesigen Kultus-Gemeinde öffentlich
auszusprechen. Derselbe erfreute uns nämlich auf unseren dringenden
Wunsch am Schabbat Paraschat Matot uMase (4. Mose 30,2-32,4 und
33,1-Ende, Datum: 29. Juli 1843). mit einer dreiviertelstündigen Predigt,
worin er sich unter Zugrundelegung der Wochenabschnitte mit lichtvoller
Klarheit und eindringlicher Beredsamkeit über die rechte Art und Weise
verbreitete, wie wir vor Gott einher ziehen müssen, um das gelobte Land (Olam
haba, die kommende Welt) in Besitz zu nehmen. Sämtlich jüdische, wie
nichtjüdischer Zuhörer waren von dem hinreißenden Vortrage aufs tiefste
ergriffen und wussten nicht, ob sie mehr den sich darin entfaltenden
Reichtum an schönen, kernhaften, mitunter überraschend neuen Gedanken,
oder die von hoher Begeisterung zeugende ausgezeichnete Diktion bewundern
sollten. Man hatte hier die schönste Gelegenheit, die unwiderstehliche
Macht der aus dem innersten Herzen strömenden Überzeugung wahrzunehmen;
denn kein Herz blieb ungerührt, kein Auge trocken. Wohl der Gemeinde, der
es gelungen, einen solchen Prediger und Jugendbildner zu akquirieren! Wohl
ihr, die aus solchem Munde Gottes heiliges Wort verkünden hört!
Herrn Dr. Neumann begleiten unsere heißesten Segenswünsche in seine neue
Heimat. Seine schönen Abschiedsworte werden wir als teures Andenken in
unserem Herzen bewahren und danach handeln. Möge er in Riga fruchtbaren
Boden für seine Wirksamkeit finden, und ihm dort die Anerkennung zuteil
werden, deren ihn sein biederer Charakter, seine vorzüglichen Kenntnisse
und sein Feuereifer für Israels Heil so würdig machen!
Geroldshausen in Unterfranken im August 1843. Der israelitische
Kultusvorstand: Moses Mayer, Samuel Strauß, Benjamin Strauß, Moses
Strauß, Joseph Maier, Jacob Adler, Isak Weinberg, Joseph Adler, Salomon
Herrmann, Jacob Neumann, Isak Maier, Moses Neumann. |
Wie lange die Synagoge auf Grund der klein gewordenen Zahl der
jüdischen Einwohner (bereits um 1900 dürfte es große Schwierigkeiten beim
Zustandekommen des Minjan gegeben haben) zu regelmäßigen Gottesdiensten
genutzt wurde, ist nicht bekannt.
Über Ausschreitungen gegen die jüdischen Familien oder gegen die Synagoge beim
Novemberpogrom 1938 liegen keine Informationen vor (nach Ophir/Wiesemann
und Schwierz). Die ehemalige Synagoge blieb nach 1945 erhalten, kam in
Privatbesitz und wurde zu einem bis heute bestehenden Wohnhaus umgebaut. Die
Bausubstanz ist noch fast vollständig erhalten.
Adresse/Standort der Synagoge: Hauptstraße 12
(früher "Im Judenhof")
Fotos
(Quelle: Schwierz, s.Lit. S. 59)
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| Die ehemalige Synagoge als
Wohnhaus (1987) |
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| Weitere Fotos
werden noch ergänzt; über Zusendungen freut sich der Webmaster von
Alemannia Judaica, Adresse siehe Eingangsseite |
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Literaturhinweis
zum Ulrich Völkleins "Judenacker")
2001/2002 sorgte das Buch des Autors und Journalisten Ulrich Völklein (geboren
1949 in Geroldshausen) für Unruhe und Gesprächsstoff im Ort. Unten sei die
Buchbesprechung von Peter Roos aus DIE Zeit Nr. 51/2002 - ein Jahr nach
Erscheinen des Buches und mit einem Rückblick auf den Umgang mit dem Buch -
wiedergegeben:
DIE
ZEIT
"Nix mehr wiss!" Wie ein Dorf in Franken mit seinem "Judenacker"
lebt – und einem Buch darüber
Von Peter Roos
Geroldshausen, ein kleines Dorf im Fränkischen
bei Würzburg an der Bahnlinie Stuttgart–Berlin. Landwirtschaft,
mittelständische Betriebe, 870 Seelen, Schlafstatt der Städte drum herum
– Idylle, Runkelrüben, Pferdekoppel, Kühe auf der Weide. Wenn nur
dieses Buch nicht wäre!
Da erbt ein Hamburger Autor 5200 Quadratmeter Ackerland
aus örtlichem Familienbesitz und freut sich. Aber ganz so einfach ist ein
deutsches Erbe nicht. Denn das unschuldige Fleckchen Mutterboden trägt
den Flurnamen "Judenacker". Arisierter Besitz? Der Bedachte wird
misstrauisch. Nicht umsonst hat er fünf Abhandlungen zum
Nationalsozialismus geschrieben. Der Vater war bei der Leibstandarte Adolf
Hitler, der Großvater Parteigenosse erster Stunde, als Ingenieur am Bau
des Führerbunkers Wolfsschanze beteiligt. Judenacker? Geroldshausen? Den
Flecken kennt der Publizist Ulrich Völklein nicht nur aus seiner Kindheit
bei der Omi. Der in Würzburg Geborene hat die erste Biografie des
KZ-Arztes Mengele verfasst und weiß deshalb, dass der Auschwitz-Arzt und
Mengele-Chef, der 1909 in Würzburg geborene Dr. med. Eduard Wirths, aus
diesem Dorfe stammt.
Ein Acker von Juden? Judenacker? Ein Jahr lang
recherchierte sich Völklein durch die lokalen Schweigemauern hindurch in
die Archive bis nach Amerika hinüber, und am Ende der Reise heißt sein "Tatsachenroman"
dann Der Judenacker. Eine Erbschaft, erschienen 2001. Völklein
erzählt die 600-jährige Geschichte der Geroldshauser Juden. Am
Einzelfall einer kleinen Kommune entfaltet er das ganze antisemitische
Drama unserer Geschichte, berichtet von mittelalterlichen Massakern, Plünderungen
und Pogromen; eine Horror- und Terrorgeschichte wird ausgebreitet von
Berufsverbot, Ausgrenzung, Mordbrennerei, Niederlassungsbeschränkung,
Namenszuweisung, Heiratsverbot und Schutzgelderpressung. Eine so plastisch
komponierte Chronik, dass der Leser mühelos nachvollziehen kann, welch
leichtes Spiel die Nazis ab 1933 hatten. Auch in Geroldshausen.
Der "Tatsachenroman" stellt griffig in das Geflecht um
die Dorfjuden drei lokale Helden, die als Einzelschicksale den allgemeinen
Lauf von Lebensgeschichte in brauner Zeit vertreten. Völklein lässt den
KZ-Standortarzt Wirths auftreten, der sich nach 1945 das Leben nimmt; er lässt
den Sohn des "Viehjuden" fiktiv berichten von Ausgrenzung, Vernichtung bis
zur so genannten "Entschädigung" nach dem Krieg, und vor allem schont der
Autor nicht sich und seine Familie: Der SS-Vater will sich der Verhaftung
durch Flucht in den Gemeindewald entziehen, und zuvor lässt er sich vom
Dorfdoktor Mühlhäuser die SS-Nummer aus dem Oberarm schneiden. Wie "entjudet"
und arisiert wird, was aus Synagoge und Badehaus wird – alles erwähnt
mit vollen Namen. Und als die einst wohlhabenden jüdischen Mitbürger mit
dem erlaubten 20-Kilo-Koffer und dem zulässigen Restbesitz von 400 Mark
zum letzten Mal morgens um sechs mitten durchs Dorf zum Bahnhof gehen müssen,
zum Transport ins KZ via Würzburg, da, rapportiert die Erbschaft,
hätten die Dörfler alle ihnen nachgesehen, und keine einzige Seele habe
sich verabschiedet. Und? Jetzt? Geroldshausen? Wie gehen Leute und Leser
dort mit diesen Enthüllungen und Entblößungen ihrer nächsten Heimat
um?
Ein Riss geht durch die Bevölkerung. Er trennt
kantenscharf die Einheimischen von den Zugereisten. Gelesen hat, das sagen
alle, das halbe Dorf die 250 Seiten. Zumindest weiß ein jeder, dass es "so
was" gibt. Dafür sorgte nicht das Buchgeschäft, sondern die lokale Main
Post. Auf einer Zeitungsseite wurde Völkleins Untersuchung
vorgestellt und war sofort in aller Munde. Wirbel gab’s, die Aufregung
war groß, die erste Unruhe seit 1975, als ein holländisches Fernsehteam
die Idylle mit der Suche nach dem Standortarzt von Auschwitz schon einmal
störte. Da wollten die Dörfler sich kaum den Fragen der Fremden stellen,
vor allem wollten sie "ihr Ruh". "Nur Stunk hat der Schmöker gemacht",
sagt der Bürgermeister.
Mit Sicherheit ist dieser Judenacker tief in
die Seele des Gemeindekörpers eingedrungen. Zu heftig reagiert das Pro
und Contra heute noch, wenn nach dem Buch gefragt wird, obwohl es vor
einem Jahr erschienen ist – das öffentliche Reden und die familiäre
Diskussion sind längst versandet. Aber der Schwelbrand ist sofort
entfacht, auch wenn es aus dem Friseursalon ertönt: "Es ist vorbei!" Was
ist vorbei? "Die Zeit des Buches und die Zeit der Juden." Die Alten hätten
schon einmal ein Wort dazu verlauten lassen, "zu den", Pause, "Juden",
aber die junge Kundschaft wäre für "so ein Thema" nicht alt genug. Und
weil es keine Wartezeiten, sondern heutzutage nur Termine gäbe für
Messerschnitt und Dauerwelle, würde nun "nicht mehr geratscht". Auch im
Kleintierzuchtverein "ist irgendwo mal drüber gesprochen worden und so
Juden, die ham hier auch halt mal gewohnt". Der Ton? Gereizt. Ein alter
Handwerksmann, der den Nazis trotzte, sie verspottet haben soll – wütend
schleudert er den Hörer auf die Gabel; zuvor schreit er ins Telefon, er
wolle davon "nix mehr wiss", der Anrufer sei "komisch" und "ein Heini".
Auch der Kindergarten ist "der falsche Ansprechpartner", weil die Eltern,
die die Kinder bringen, "20 Jahre alt bis 40" sind, die haben "nie nich drüber
gredt"; aber "ghört hat man" natürlich, dass "es so ein Buch" gegeben
haben sollte. "So ein Buch."
Geroldshausen? Das offizielle Dorf, die Gemeinde und
ihre Verwaltung – beide mauern. Der Bürgermeister hat "schon mal darin
gelesen", aber viel von seiner Ortschaft weiß er eh nicht, "was da
defensiv gelaufen ist", sagt er und meint definitiv, denn erst seit 1976
wohnt er hier. Jedenfalls hat ihm "der Schmöker ganz schön viel Stunk
gemacht, die einen sagen ,einseitig‘, die andern sagen ,richtig‘ –
was soll man dazu sagen?" Und sein Administrator sekundiert: "Wie soll man
mediengerecht damit umgehen?" Der zweite Meister seiner Bürger "möchte
momentan dazu überhaupt nichts sagen. Wir haben aktuell brennendere
Probleme, der Radweg, unsre Sporthalle. Aber", tröstet er, "die Nazizeit
ist nicht aus der Welt!" Einen Tagesordnungspunkt ist der Judenacker
der Ratsversammlung nicht wert. Im offiziellen Gemeindeboten kommt das
Buch nicht vor, die Legenden des lokalen Bildkalenders schweigen.
Gedenktafel? "Warum?" "Wieso?" "Wohin?" In der Schule sind die Kinder "dafür"
noch zu klein, der Lehrplan sieht die Römer vor. Sagt die Lehrerin, die
in der umgebauten Synagoge aufgewachsen ist. Der Vorschlag, den Judenacker
von Völklein zu erwerben, von der Familie Wirths, die ein Steinwerk führt,
eine Felsspende zu erbitten, einen der Bildhauer aus der Gegend mit einem
Nach-Denkmal zu beauftragen – Unverständnis, Schweigen und Entsetzen: "So
was wurde nicht mal angedacht!" Und den Verfasser Völklein zu Lesung und
Gespräch zu laden? "Kein Handlungsbedarf!"
Also lädt er sich selber ein zur Buchpräsentation vor
50 Besuchern im Wirtshaus Anfang November. Niemand begrüßt ihn
offiziell, kein Bürgermeister, kein Gemeinderat, kein Pfarrer oder Lehrer
leitet die Diskussion. Harscher Widerstand der Dörfler gegen die
Moralkeule: "Sie brauchen über unsere Juden nicht zu
schreiben!" Dafür bittet man den Autor zweimal in der Universitätsstadt
Würzburg zur Lesung, einmal in der Alten Synagoge Kitzingen, und in
Ochsenfurt empfängt ihn ein beschmiertes Plakat: das Foto ausgeixt, der
Name ersetzt mit Filzstift – "Ich Arschloch".
Im Publikum gibt’s Wut und Tränen und manch fahl
gewordenes Gesicht, es kommt aus Geroldshausen. Meist sind es sowieso die
so genannten Neubürger, die "ihre" Gemeinde ins Flutlicht gestellt sehen.
Kein Wort in der Diskussion. Danach steht man zusammen, stumm. Einige
wollen "es" nicht wahrhaben, andere begreifen nicht, die Dritte fährt täglich
mit Gänsehaut im Zug die Strecke, auf der die letzten Juden deportiert
wurden. "So sind die Dörfler, ganz genau beschrieben!", sagt sie
halblaut; laut will sie nichts gesagt haben, sie sei nur angestellt und
alleinerziehend.
Die "Neigschneitn", "Zugreisten", die "Fremden", "Künschdler"
oder "die WG" – das sind die, die "das alles" immer wieder "vorzerren", "auffrischen"
und "sich einmischen", "wo die doch erschd seit 20 Jahren hier wohnen!"
Das stimmt natürlich nicht, denn es gibt auch
Eingeborene, die nicht abwehren und aufrechnen, herumrechten und
beckmessern am Einzelfall: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Der
Vater des Exbürgermeisters beispielsweise, einer vom "weißen Jahrgang",
der findet "das Buch in Ordnung, wichtig und nicht schlecht". Es entspräche
der Wahrheit bis auf zwei, drei Fakten; vor allem hat ihn sehr
beeindruckt, dass "die Familie von dem Verfasser nicht geschont wird".
Von alldem will man in den Kneipen "rein gar nichts gehört"
haben, und was in der Silver-Ranch oder in der Krone gesprochen worden
sei, "geht niemand etwas an". "Flaute" und "totale Stille" herrsche um das
Buch, wo vorher "zu viel Wind war", bilanzieren zwei Geschäftsleute, die
hier nur wohnen. Man sei "empört gewesen und enttäuscht, weil das Buch
so voller Fehler" sei, aber mehr darüber wolle man nicht sagen: "Die
Geschichte ist zu heiß!" Denn wenn jemand erführe, dass man sich "positiv
zum Judenacker geäußert hat, dann ist die Scheiße am Kacken".
Die gute Nachbarschaft sei wichtiger als die Juden, "das gute Image der
Firma darf keinen Schaden nehmen", sagt barsch der smarte Verkäufer, den
seine Visitenkarte als "Sales-Manager" ausweist, und insofern, bilanziert
sein Kollege, sind "die Juden heute noch ein Wirtschaftsfaktor". Der
Jugend ist das Büchlein ziemlich "wurschd". Neben dem "Na und?" wird nur
registriert, dass sich "Mama tierisch aufregt". Höchstens Mädchen
merken, dass es um "ihre" Heimat geht. Die eine liest mit großen Augen,
weil sie von alldem direkt in der Nachbarschaft gar nichts gewusst hat;
sie wird "wütend, weil und dass so was überhaupt geschehen konnte". Die
andere quält der Zwiespalt zwischen Zweifeln, wie sie sich verhalten hätte
und der Kritik am Umgang mit den Juden.
Es sind die Leute mit dem fremden Blick, die tief verstört
aus diesem Buch auftauchen, die Pädagogen, Theologen, die Malerin und der
Theatermacher beispielsweise. Alle nachgeboren, haben sie sich mit
Deutschlands Nazihypothek herumgequält. Nicht einmal fällt das Modewort "Betroffenheit".
Aber plötzlich geht man "mit anderen Augen durch das Dorf", schaut "fremd
die Alten an und mustert ihre Häuser" – und sich selbst, auf dass das
Misstrauen nicht umschlägt in Vorurteil und Verurteilung. Diese Bewohner
Geroldshausens zeigen sich emotional und politisch bewegt: "Wir wollen
etwas tun!" Den "historischen und den allgegenwärtigen Schrecken bannen",
im Dorf "Definitionspunkte setzen und Plätze benennen", die sich stemmen "gegen
den falschen Selbstschutz des Vergessens". Dabei geht es "nicht um
Schuldzuweisung!" sagt die Seelsorgerin; sie war erleichtert über dieses
Buch und seine Sachlichkeit, sie "will nicht ruhen lassen, was wach
bleiben muss", und solange es "im Dorf ein Kriegerdenkmal gibt, muss es
ein Mahnmal für die Juden geben". Denn immerhin, als wolle sie die
Einheimischen trösten, die sich fast alle angegriffen fühlten, sei "unser
Dorf gerecht behandelt worden und gut weggekommen".
Da allerdings stellt sich der alte Hausarzt quer, dessen
Vater nicht nur im Buch die SS-Nummer von Völkleins Vater zum
Verschwinden bringen wollte. Er hält’s mit Möllemann: "Die Juden überspannen
ihren Bogen. Sind denn die Wiedergutmachungsgelder nicht reichlich
geflossen? Warum soll an jedes Haus, wo mal ein Jude drin war, eine Tafel
dran? Das deutsche Volk hat unter Adolf Hitler genauso gelitten wie die
Juden!", ruft er erregt ins Telefon. "Völlig harmlos war die Nazizeit in
Geroldshausen, nur dass man das heute nicht mehr sagen darf! Es gibt
keinen Antisemitismus in diesem Volk. Nicht umsonst sind die Eskalationen
am Dorf vorbeigegangen. Das Miteinander mit den Juden war problemlos –
was ist ihnen nicht alles heimlich zugesteckt worden! Schließlich sind
die Juden freiwillig zum Bahnhof hinmarschiert", bramarbasiert der
Landarzt Mühlhäuser, er führt den gemeinnützigen
Soldatenkameradschaftsverein. Eine Lesung bei den alten Kämpen? "Steht
nicht zur Debatte, der Judenacker ist da auch schon wieder fast
vergessen, und langsam ist es an der Zeit, die alten Sachen ruhn zu
lassen!" Das Buch sei "schön aufs Dorf zugeschnitten, aber Dokumentation
wäre besser gewesen als Sensation". Jedenfalls habe man sich "damit
befasst und drüber nachgedacht, und damit ist der Käs gegessen".
Die Söhne des Massenmörders: gekränkt,
gepeinigt, bedrückt.
Bleibt noch das Schicksal der Familie Wirths. Das
Mitleid der meisten Mitbürger ist ihnen sicher. Keiner möchte die Bürde
einer solchen Vater-Biografie tragen, schon gar nicht in so einem kleinen
Flecken, wo jeder über den anderen alles zu wissen glaubt. Man wusste bei
den Wirths durch Gespräche mit Völklein, dass das Buch erscheinen würde.
Und doch platzt die Publikation in ein mühevoll normalisiertes
Alltagsleben. Dünnhäutig reagiert man auch auf die verhalten gestellten,
vorsichtigen Fragen. Die Söhne sind gekränkt, gepeinigt und bedrückt.
Der eine Arzt und Sammler aller Vater-Fakten, der andere führt die Firma,
ist Gemeinderat und "versucht, ‚es‘ sachlich zu sehen". Aber der Vater
ist der Vater, und es ist schwer, die Funktion von diesem Bild zu trennen:
"Mein Vater war nicht Mengele, er hat, wenn er von Auschwitz in die Ferien
kam, im Dorf auch jüdische Frauen behandelt, obwohl das streng verboten
war." Das Gespräch über den Judenacker und wie der Band "hier
eingeschlagen hat", verläuft in Ruhe, aber in jedem Ton durchs Telefon
vibriert die Seelenpein, die Peter Wirths zeitlebens in Geroldshausen tief
bedrückt. "Schamgefühle" quälen ihn und "Mitschuld", obwohl der 1937
geborene den Vater im KZ immer nur besucht hat. Wirths Witwe, seine
Mutter, war "entsetzt", muss, was jetzt so aufgerührt da steht, "erst
noch verarbeiten". Indes, ihr Sohn Peter ist sich sicher: "Mein Vater hat
Gutes getan!" Sagt er wie zu sich selbst. "Auch in Auschwitz", sagt er, "obwohl
er amtlich und offiziell gearbeitet hat: Womöglich hat er einem viel größeren
Teil helfen können, als man bisher weiß!"
Verstrickt zwischen Abwehr, Rechtfertigung, Liebe und
Hoffnung klammern sich die Wirths an eine Doktorarbeit, die fast fertig
ist. Der junge Arzt, der sie verfasst – was sagt er, der sich zwei Jahre
lang ausschließlich mit Eduard Wirths in Auschwitz befasst hat? Der voll
Lob ist über die betroffene Familie, deren Offenheit und Mut, in
Geroldshausen das Archiv, Augen, Ohren und den Mund zu öffnen? Konrad
Beischl zuckt die Schultern: "Mit Wirths Rehabilitation kann ich leider
nicht dienen. Für eine seriöse Medizingeschichte führt kein Weg vorbei
am Begriff des Massenmörders."
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die
jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979
S. 209. |
 | Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in
Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische
Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 59. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany -
Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 445.
|
 | Ulrich Völklein: Der Judenacker - eine Erbschaft.
Eine familien- und ortsgeschichtliche Untersuchung. Bleicher-Verlag
Gerlingen 2001. dtv München 2004. (Buch des aus
Geroldshausen stammenden Autors und Journalisten) Buchbesprechung
in den Fränkischen Nachrichten Buchbesprechung
in "Die Zeit" 51/2002) (siehe unten) Buchbesprechung
beim Fritz-Bauer-Institut
|
 | Jutta Sporck-Pfitzer: Die ehemaligen jüdischen
Gemeinden im Landkreis Würzburg. Hrsg. vom Landkreis Würzburg. Würzburg
1988. S. 61.
|
 | Dirk Rosenstock (Bearbeiter): Die unterfränkischen
Judenmatrikeln von 1817. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg.
Band 13. Würzburg 2008. S. 225. |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Geroldshausen Lower
Franconia. Jews numbered 50 in 1814 (total 233) and nine in 1933. Four emigrated
to the United States in 1940-41 and the last two were deported to Izbica in the
Lublin district (Poland) via Wuerzburg on 25 April 1942.

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