|
Eingangsseite
Aktuelle Informationen
Jahrestagungen von Alemannia
Judaica
Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft
Jüdische Friedhöfe
(Frühere und
bestehende) Synagogen
Übersicht:
Jüdische Kulturdenkmale in der Region
Bestehende
jüdische Gemeinden in der Region
Jüdische
Museen
FORSCHUNGS-
PROJEKTE
Literatur
und Presseartikel
Adressliste
Digitale
Postkarten
Links
| |
zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"
zurück zur Übersicht "Synagogen in Unterfranken"
links: mit hebräischen Buchstaben geschrieben: "Gerolzhofen"
auf dem Grabstein des Rabbiners Joseph Arjeh (Löb) Kellermann
(1832-1883),
der als Lehrer in Gerolzhofen von 1865 bis 1883 tätig war.
Zwischen "Gerolz" (rechts) und "hofen" (links) eine
"Levitenkanne",
darunter die Abkürzung hebräische P"T für "Hier ist
begraben"
Gerolzhofen (Landkreis Schweinfurt)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In dem bis Anfang des 19. Jahrhunderts zum Hochstift Würzburg gehörenden Gerolzhofen
lebten Juden bereits im Mittelalter. Bei der Judenverfolgung durch die
Banden des Ritters Rindfleisch (bzw. Rintfleisch) 1298 wurden auch hier Juden ermordet. Im 15.
Jahrhundert waren offensichtlich wieder einige Juden in der Stadt, die offenbar
mehrfach gefangengesetzt wurden. Um 1409 wird erstmals von einer Gefangensetzung
der Juden berichtet:
Links:
Schreiben aus der Zeit um 1409, in dem Erkinger von Seinsheim erklärt,
dass er keinerlei Ansprüche auf das Eigentum der Juden erhebt, die vom
Fürstbischof zu Gerolzhofen, Dettelbach (?) und Gochsheim
gefangen genommen werden. Der Ortsname "Gerolzhofen" in der
vierten Zeile von unten. |
Einige Jahre später wurden unter Bischof
Johann II. von Brunn (1412-1440) - wahrscheinlich im Jahr 1422 - die Juden
wiederum gefangen gesetzt. Bischof Gottfried von Limpurg (1443-1455) gewährte 1448 fünf in
Gerolzhofen wohnhaften Juden die gleichen Freiheiten wie seinen Juden in
Würzburg. 1453 war Gerolzhofen eine der sieben hochstiftischen Landstädte, die
zur Mitwirkung an der durch Bischof Gottfried verfügten Annullierung der
Judenschulden namentlich aufgefordert wurden. Auch im 16. Jahrhundert werden
Juden in der Stadt genannt: 1560 wandte sich der Jude Abraham aus Gerolzhofen
mit der Bitte an Melchior, Herzog von Würzburg, Rechte zu erhalten, die die
Juden anderswo auch erhielten. 1583 werden Issac Judt und Jobst Judt als
Hausbesitzer in Gerolzhofen genannt.
Im 17. Jahrhundert entstand wiederum eine jüdische Gemeinde.
In der
Zeit des Dreißigjährigen Krieges konnten ein
Betsaal, ein Friedhof und eine Mikwe eingerichtet werden. Die
Zahl der jüdischen Einwohner blieb jedoch bis zum 19. Jahrhundert relativ
klein.
Bei der Erstellung der Matrikellisten 1817 werden auf den insgesamt
sieben Matrikelstellen in Gerolzhofen die
folgenden Familienvorsteher genannt (mit bereits neuem Familiennamen und
Erwerbszweig): Hirsch Hirschberger (Schnitt- und Weinhandel), Jacob Hitzinger
(Handel mit alten Kleidern), Joel Uhlfelder (Schnitthandel), Lazarus
Hirschberger (Tuch- und Spezereihandel), Raphael Bamberger (Handel mit kleinen
Ellenwaren), Raphael Jacobi (Schmusen), Witwe Rifka Schloß (lebt von Kapitalien
und etwas Wein- und Schnitthandel).
Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Zahl der jüdischen
Einwohner wie folgt: 1816 39 jüdische Einwohner (2,0 % von insgesamt 1.947),
1821 27, 1837 44 (2,0 % von insgesamt 1837), 1867 58 (2,9 % von 2.033), 1880 144
(5,1 % von 2.225), 1900 148 (6,8 % von 2.163).
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine
Konfessions-/Religionsschule, ein rituelles Bad und einen Friedhof. Zur Besorgung
religiöser Aufgaben der
Gemeinde war ein Lehrer
angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schächter tätig war. Zunächst war
ein Religionslehrer angestellt, seit dem Zeitpunkt der Umwandlung der
Religionsschule in eine Israelitische Konfessionsschule 1907 wurde ein
Volksschullehrer eingestellt.
Als Lehrer (Vorbeter und Schächter) waren tätig: vor 1865 Ascher
Ensel Schüler, 1865 bis 1883 Joseph
Arjeh (Löb) Kellermann; bis 1898 Moses
Godlewsky, 1898 bis 1908 sein Sohn Leopold Godlewsky, seit 1908 bis 1938 Heinrich Reiter.
Über die Entstehung der Israelitischen
Konfessionsschule wurde im März 1907 in der jüdischen Presse berichtet.
Artikel
aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. März 1907: "Aus
Unterfranken. Es sei freudigst konstatiert, dass die Kultusgemeinde
Gerolzhofen ihre bisherige Religionsschule in eine öffentliche jüdische
Volksschule umwandeln will. Die Königliche Regierung dürfte dem Vorhaben
sehr wohlwollend gegenüberstehen und gewiss keine Hindernisse bereiten,
da man im bayerischen Ministerium und Landtage die Erhaltung der
konfessionellen Schulen wünscht und es gerne sieht, wenn solche ins
Dasein gerufen werden. Möchten andere jüdische Gemeinden, insbesondere
in den Städten, dem schönen Beispiele folgen. Es ist geradezu eine
Pflicht der maßgebenden Kreise, mit aller Energie dafür
einzutreten." |
1900 gehörten 148 Personen zur jüdischen Gemeinde (6,8 Prozent der
Gesamtbevölkerung). Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte die Gemeinde zum
Rabbinatsbezirk Schweinfurt. Jüdischen
Familien gehörten zahlreiche Handels- und Gewerbebetriebe in der Stadt.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Unteroffizier
Siegmund Hahn (geb. 9.3.1892 in Kirchschönbach, gef. 27.11.1915) und Abraham
Marx (geb. 10.8.1884 in Gerolzhofen, vor 1914 in Traustadt wohnhaft, gef.
29.4.1917). Der Name von Siegmund Hahn steht in der Gedenkstätte für die
Gefallenen beider Weltkriege in der Krypta der "Johanniskapelle" (Name
auf der linken der drei an der Wand angebrachten
Gedenktafeln).
1932/33 gehörten zur
jüdischen Gemeinde noch 115 Personen. Den Gemeindevorstand bildete Willy
Brodmann, Josef Lichtenauer und Hermann Kohn. Vorsitzender der 18 Mitglieder
umfassenden Chewra Kaddischa war Oskar Hahn; Vorsitzende des 38 Mitglieder
umfassenden Israelitischen Frauenvereines (Chewra Anoschim) war Selma Brodmann.
Im Schuljahr 1932/33 erteilte Heinrich Reiter noch 14 Kindern
Religionsunterricht.
Nach 1933 wurde der geforderte wirtschaftliche Boykott der
Juden in Gerolzhofen zunächst nicht konsequent durchgeführt. Noch im Juli 1936
kaufte sogar der Bürgermeister in einem jüdischen Geschäft ein. Mit dem von
SA- und SS-Leuten durchgeführten Novemberpogrom 1938 änderte sich schlagartig die Situation der noch etwa 70
jüdischen Bewohner. Jüdische Wohnungen wurden durchsucht, Möbel und
Einrichtungsgegenstände auf die Straße geworfen. Mehrere jüdische Einwohner
wurden misshandelt. Ein Teil von ihnen konnte danach noch auswandern oder von
Gerolzhofen in andere Orte verziehen. Im April und September 1942 wurden die
letzten 25 jüdischen Einwohner deportiert, 19 von ihnen in das Vernichtungslager
Izbica, die anderen in das Ghetto Theresienstadt.
Von den in Gerolzhofen geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Henny (Margarete) Braunold geb. Kissinger (1887), Hedwig
Brückheimer (1896), Hilde Brückheimer (1894), Emma Dreifuß geb. Sündermann
(1880), Regina Fisch geb. Maier (1872), Oskar Hahn (1864), Sara Hahn geb. Kuhn
(1870), Max Henle (1882), Meta Henle geb. Lichtenauer (1883), Paul Henle (1925),
Anna Jacob geb. Lewisohn (1882), Karoline Kaufmann geb. Rosenstein (1861), Meta
Kaufmann (1894), Robert Kaufmann (1893), Babette Klein geb. Schlachter (1872),
Louis Klein (1880), Amalie Kohn geb. Schwab (1873), Hermann Kohn (1871), Helene
Krämer geb. Reinach (1901), Samuel Krämer (1887), Siegfried Krämer (1883),
Ludwig Künstler (1891, vgl. Informationen auf der Seite zu Brünnau), Mina Künstler geb. Rindsberg (1898), Kathi
Langstädter geb. Lichtenauer (1884), Albert Lichtenauer (1925), Jenny
Lichtenauer geb. Berliner (1893), Raphael Lichtenauer (1878), Stephan Löbhardt
(1897), Jakob Marx (1886), Adolf May (1880), Hermann May (1889), Sigmund May
(1886), Nanni May (1877), Rosa Moddel geb. Godlewsky (1881), Samuel Reinhardt
(1861), Lina Reinfelder (1891), Rosa Reinfelder geb. Freudenthal (1904),
Siegbert Reinfelder (1928), Werner Reinfelder (1930), Klara Samuel geb.
Löwisohn (1876), Fanny Weil geb. Krämer (1879), Ernestine Wormser geb. Hirsch
(1850).
Berichte aus dem Leben der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Über Rabbiner/Lehrer Joseph Arjeh (Löb) Kellermann
(1832-1883) und seinen Sohn Rabbiner Dr. Benzion Kellermann (1869-1923)
(Informationen und Foto des Grabsteines erhalten von Uri Kellermann,
Nof-Ayalon, Israel)
Links:
Grabstein für Joseph Arjeh (Löb) Kellermann (1832-1883) im jüdischen Friedhof
Gerolzhofen.
Der hoch geschätzte Lehrer und Rabbiner der jüdischen Gemeinde
Gerolzhofen ist am 2. März 1832 in Fuchsstadt
als Sohn von Michael Kellermann und der Bella geb. Kohn geboren. Er war von 1865 bis 1883 in Gerolzhofen tätig.
Er heiratete Ella Schüler, die Tochter seines Vorgängers im Alt des
Lehrers und Vorbeters in Gerolzhofen, Ascher Ensel Schüler. Die
beiden hatten fünf Kinder. Nach dem Tod Ellas im Jahr 1873 heiratete
Joseph Kellermann deren jüngere Schwester Blümchen, mit der er weitere
fünf Kinder hatte. Joseph Kellermann starb am 2.
Tag des Laubhüttenfestes (Sukkot), am 17. Oktober 1883 in
Gerolzhofen.
|
| |
Hinweis auf den Sohn von Lehrer
Kellermann:
Rabbiner Dr. Benzion Kellermann (geb. 11. Dezember 1869 in
Gerolzhofen, gest. 22. Juni 1923 in Berlin): besuchte bis zum 13.
Lebensjahr die Volksschule in Gerolzhofen, danach vier Jahre die Präparandenschule
in Höchberg, zwei Jahre die Israelitische
Lehrerbildungsanstalt in Würzburg (Examen 1888). Erste Lehrerstellen
verband er mit weiteren Studien an den Universitäten Marburg und Gießen
(Promotion 1896) und in Berlin, wo er 1902/03 das Rabbinerexamen an der
"Hochschule für die Wissenschaft des Judentums" ablegte.
Seit 1898/1901 Rabbiner und Religionslehrer in Konitz (Chojnice),
Westpreußen. 1901 bis 1913/14 leitete er die IV. Religionsschule der
Jüdischen Gemeinde in Berlin, zeitgleich Lehrer an der
Knabenmittelschule. 1917 bis 1923 liberaler Rabbiner in Berlin. Die
philosophischen Hauptwerke Kellermanns waren: Der wissenschaftliche
Idealismus und die Religion (1908), Der ethische Monotheismus der
Propheten (1917), Das Ideal im System der Kantischen Philosophie (1920),
Die Ethik Spinozas (1922, siehe den links abgebildeten Titel). |
| |
Nachrufe auf
Rabbiner
Dr. Benzion Kellermann
nach seinem Tod im Juni 1923 |
 |
 |
|
 |
| |
Der Nachruf in der
"Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 7. August 1923 hebt hervor,
dass Dr. Kellermann "durch Lehre und Leben Begeisterung zu entzünden
vermochte" |
Der Nachruf in der
konservativen Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Juli 1923 erinnert
an den oft "berechtigen Anstoß", den Kellermann mit seiner
Lehrtätigkeit erregte. |
Zum Tod des Lehrers (auch Vorbeter, Schächter, Beschneider) Moses Godlewsky
im März 1900
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. April 1900:
"Unterfranken. Ende März (1900). 'Wehe uns...' haben wir
schmerzvoll bei der Nachricht von dem plötzlichen Hinscheiden des Herrn
Lehrer Moses Godlewsky in Gerolzhofen am Abend des 19. vorigen Monats
(März 1909) ausgerufen. Gewiss, wer wie wir Gelegenheit hatte, den Mann
kennen und würdigen zu lernen, der wird diesen Schmerz mit uns teilen,
der wird empfinden, dass der Tod dieses seltenen Mannes nicht nur einen
schweren Verluste für die hartgeprüfte Familie und für die Gemeinde,
sondern auch für das Allgemeine, für den Kelal Jisrael (ganz
Israel) bedeutete. Herr Godlewsky war sozusagen ein Vollkommener,
vor allem ein Chassid (ein Frommer) ein Gottesfürchtiger mehr
als viele andere, ein reiner, hoher Charakter, selbst- und
anspruchslos wie selten einer, musterhaft in Pflicht- und Berufstreue. Von
guter, ehrenwerter Familie in Russland stammend, war er mit reicher
Torakenntnis ausgestattet, ein Gelehrter in Tanach (Bibel) und ...
Sein Hebräisch war klassisch und bewundernswert. Seit Jahrzehnten in
Bayern naturalisiert, hat er sich rasch die Kenntnis im Deutschen
angeeignet, sodass er nicht nur den gesetzlichen Ansprüchen für den
Lehrerberuf mehr als genügte, sondern auch bei den königlichen
Behörden, bei Vorgesetzten und Kollegen, sowie in der Gemeinde und deren
Umkreis in hohem Ansehen stand. Bei seiner seltenen Begabung und seinem
energischen Willen war es ihm gelungen, bisher ihm fremde Kenntnisse und
Fähigkeiten sich anzueignen, ward ein gewandter, angenehmer Chasan
(Vorbeter), ein tüchtiger Schochet uBodek (Schächter und
Fleischbeschauer), ein geschickter Mohel (Beschneider) und erlernte
noch in späteren Jahren Stenographie und Schriftmalerei. Was er für die
Ausbildung seiner Kinder, die ebenfalls von besonderer Begabung, getan und
geleistet, erregte allgemeine Bewunderung. Von seinen fünf Söhnen
studierte einer Medizin, der bereits als tüchtiger Arzt praktiziert, die
vier anderen ließ er als Lehrer ausbilden und suchte sie so der Tora
und der Gottesfurcht zu erhalten. So hatte Herr Godlewsky im engeren
Kreise gelebt und gewirkt, bis eine tückische Herzkrankheit seine
Schaffenskraft lähmte und ihn schließlich im besten Mannesalter, im 57.
Lebensjahre, dem Tode überlieferte. Hart empfindet die trauernde Witwe
mit ihren sieben Kindern den Verlust des geliebten, sorgsamen Gatten und
Vaters, die Gemeinde des treuen Führers und Beraters, Lehrers und
Freundes, beklagenswert erscheint der frühe Heimgang eines so frommen,
tätigen Mannes allen, denen das allgemeine Wohl und Heil am Herzen liegt.
Kein Wunder, dass die Teilnahme an diesem Trauerfalle eine sehr lebhafte
und allgemeine war und sie gab sich kund bei dem Leichenbegängnisse, dem
sich nicht nur die Gemeindemitglieder, sondern auch viele Nichtisraeliten,
darunter städtische und königliche Beamte, die Lehrerschaft und viele
seiner Verehrer aus der Umgegend anschlossen.
Herr Distrikts-Rabbiner Dr. Stein aus Schweinfurt gab sowohl im Hause als
am Grabe den Trauergefühlen, der Anerkennung und der Bedeutung des
pflichttreuen, gelehrten und frommen Hingeschiedenen beredten Ausdruck. Es
sprachen noch außerdem Herr Lehrer Hirsch - Zeilitzheim im Namen der
Kollegen, Herr Lehrer Oppenheimer - Prichsenstadt im Namen des jüdischen Lehrervereins
und endlich der Kultusvorstand im Namen der Gemeinde.
Möge der gebeugten Familie himmlischer Trost werden und der Verdienst
des Dahingeschiedenen ihr beistehen; er selbst aber den
reichen Lohn seiner Taten in einem schöneren Leben finden und am
Sternenhimmel verdienstvoller Männer glänzen für und für - mit
Zitat aus Daniel 12,3: "die, die viele zur Gerechtigkeit weisen,
werden leuchten wie die Sterne immer und ewiglich". |
Zum 25jährigen Dienstjubiläum von Oberlehrer Leopold Godlewsky in Amberg.
Godlewsky war als Sohn des o.g. Lehrers Moses Godlewsky nach dem Tode seines
Vaters bis 1908 Lehrer in Gerolzhofen.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. August 1933:
"Amberg, 31. Juli. Am Schabbat Nachamu (Schabbat nach dem 9.
Aw, an dem die Worte aus Jesaja 40 gelesen werden: 'tröstet, tröstet
mein Volk..." kann Herr Oberlehrer Leopold Godlewsky auf eine
25jährige, ersprießliche Tätigkeit in der Gemeinde Amberg mit
Sulzbach
und Schwandorf zurückblicken, nachdem er vorher in der Gemeinde
Gerolzhofen 10 Jahre amtierte. Einer frommen und angesehenen Lehrerfamilie
in Franken entstammend, wusste er deren Tradition allzeit hochzuhalten.
Sein Name hat in der bayerischen Judenheit und darüber hinaus und
besonders bei seinen Kollegen einen guten Klang. Durch seine berufliche
Tüchtigkeit, seinen biederen Charakter, sein allzeit hilfsbereites Wesen,
errang er sich die Wertschätzung und Achtung seiner Gemeinden und aller
Schichten der Bevölkerung. Auch seine schriftstellerische Tätigkeit,
besonders auf kulturhistorischem Gebiete, verdient hervorgehoben zu
werden. (Alles Gute) bis 120 Jahre."
vgl. zu Leopold Godlewsky auch die Seite zur
Synagoge in Küps (interner Link) |
Zum 25jährigen Dienstjubiläum von Lehrer (Kantor
und Schächter) Heinrich Reiter im Oktober 1933
Artikel in der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung vom 1. Oktober
1933: "Gerolzhofen. Am 1. September waren 25 Jahre verflossen, seit
Herr Reiter hier als Lehrer, Kantor und Schochet amtiert. Obwohl dieser
mit Rücksicht auf unsere trübe Lage von jeglicher Ehrung abzusehen bat,
ließ es sich die Gemeinde nicht nehmen, den Jubilar zu feiern. Zu Roschhaschono
(Neujahrsfest) wurde das Gotteshaus, vor allem der Platz des zu Ehrenden,
mit Blattgrün geschmückt. Nach dem Einheben (sc. der Torarollen)
würdigte Herr Vorstand Brodmann in dankbarer Anerkennung die segensreiche
Tätigkeit des Beamten in Schule, Synagoge und Gemeinde, worauf Herr
Lehrer Reiter nach dankbarem Aufblick zu Gott den Gefühlen der
Verbundenheit für Vorstand und Gemeinde Ausdruck verlieh. Auch das
zuständige Rabbinat Schweinfurt sandte dem Jubilar Glückwünsche nebst
Dank und Anerkennung für gewissenhafte, erfolgreiche
Leistungen". |
| |
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. September 1933:
ähnlicher Artikel wie oben. |
Berichte
zu einzelnen Personen aus der Gemeinde
Zum Tod von Hirsch Haas (1901)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Juli 1901: "Gerolzhofen.
Am 16. Tammus (= 3. Juli 1901) wurde dahier Herr Hirsch Haas - seligen
Andenkens - zur letzten Ruhe bestattet. Das Schriftwort in Hiob (hebräisch
und deutsch aus Hiob 5,26): 'Du kommst im Alter ins Grab, wie der
Garbenhaufen eingefahren wird zu seiner Zeit', hat sich hier bewährt,
denn der selige Verblichene hat 84 Lebensjahre zurückgelegt.
Wenn auch
der Dahingeschiedene das biblische Alter erreicht hat, so ist sein Verlust
doch schmerzlich für seine Familie und für die Gemeinde. Seinen Kindern
und Enkeln war er ein treu besorgter Vater, deren Wohl und Wehe stets sein
Herz bewegte und sein Denken beschäftigte. Aber seine Liebe war nicht von
so engen Grenzen, sie war wie die eines wahrhaft edlen Menschen,
umfassender Art. Aus dieser Gesinnung der Liebe gingen auch die Tugenden
hervor, welche den Verstorbenen zierten, die Tugenden der Wohltätigkeit (Gemilut
Chassodim = Wohltätigkeit) und der Gastfreundschaft, die in seinem
Hause von ihm selbst sowie von all den Seinen in edelster Weise geübt
wurden.
So lange es seine körperlichen und geistigen Kräfte zuließen,
war er der Erste im Gotteshause. Viele Jahre hindurch versah er an den Jomim
hanoroim (ehrfurchtgebietende Tage zwischen Jom Kippur und
Neujahrsfest) und anderen Festtagen die Stelle eines Chasan und Bal
Kore (Vorsänger und Vorbeter). Stets wird uns darum das Andenken des
seligen Verstorbenen in Erinnerung bleiben. Seine Seele sei eingebunden
in den Bund des Lebens." L.G." |
Zum Tod von Milka Lichtenauer im Oktober 1915
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Oktober 1915:
"Gerolzhofen, 24. Oktober (1915). Einen schweren Verlust hat die hiesige
Gemeinde durch den plötzlichen Heimgang der Frau Milka Lichtenauer
erlitten. - Geschmückt mit dem herrlichsten Kranz edler Frauentugenden,
betätigte sich diese wahre Eschet Chajal (tüchtige Frau) auf dem
Gebiete des Zedoko (Gerechtigkeit) und Gemiloth Chesed
(Wohltätigkeit) in hervorragender Weise. Am Grabe entwarf Herr Lehrer
Reiter in beredten, zu Herzen gehenden Worten ein Lebensbild der
Entschlafenen. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
Goldene Hochzeit von Kalmann Selig und Mathilde geb. Freimann (1924)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. November 1924: "Gerolzhofen,
24. November (1924). Am vergangenen Schabbat Paraschat Chaje Sara
(Schabbat mit der Toralesung Chaje Sara = 1. Mose 23,1 - 25,18, das
war am 22. November 1924) feierte Herr Kalmann Selig mit seiner Ehefrau
Mathilde geb. Freimann, in körperlicher und geistiger Frische das Fest
der Goldenen Hochzeit. Beim Morgengottesdienste verlieh Herr Lehrer Reiter
den Gefühlen, die ein solches Ereignis auslöse, beredten Ausdruck und
zollte den Jubilaren, die auch sonst vielfach geehrt wurden, Worte des
Lobes und der Anerkennung." |
Goldene Hochzeit von Emanuel Lewisohn und Regina geb. Feuchtwanger (1925)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Dezember 1925: "Gerolzhofen,
12. Dezember (1925). Am Dienstag, den 8. Dezember, feierten Herr Emanuel
Lewisohn und seine Gattin Regina geb. Feuchtwanger im Vollbesitz der
körperlichen und geistigen Kräfte das seltene Fest der goldenen
Hochzeit, verbunden mit 50jährigem Geschäftsjubiläum. Aus diesem Anlass
wurde das Jubelpaar am vorausgehenden Schabbat Wajeschew (Schabbat
mit der Toralesung wajeschew = 1. Mose 37,1 - 40,23, das war Schabbat, 12.
Dezember 1925) von Lehrer Reiter in der Synagoge im Anschluss an die Sidra
(Toralesung) in längerer Rede entsprechend gefeiert. Durch ihr
gemeinnütziges Wirken im Dienste des Judentums, der Kultusgemeinde und
der Allgemeinheit haben es die Jubilare verstanden, sich die Sympathie
weitester Kreise zu erwerben und durch eisernen Fleiß und strengste
Reellität ihr Geschäft auf respektable Höhe zu bringen, sodass es sich
im Kreise der Bevölkerung des besten Rufes erfreut. Das Jubelpaar war
Gegenstand herzlicher Ehrung, nicht nur seiner Kinder und Enkelkinder -
auch die Kultusgemeinde, das Rabbinat und die Stadtverwaltung haben teils
schriftlich, teils mündlich, ihre Wünsche und Gefühle zum Ausdruck
gebracht. Zahllose Gratulationen liefen brieflich und telegrafisch aus
allen Gauen des In- und Auslandes tagsüber ein, die von der Beliebtheit
des Paares zeugten. Möge ihm ein recht langer und heiterer Lebensabend
beschieden sein." |
Zum Tod von Betty Sachs (1928)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Juni 1928: "Gerolzhofen,
11. Juni (1928). Gestern kam hier die allgemein beliebte und geachtete
Frau Betty Sachs aus Altenschönbach
neben ihrem Manne zur Beisetzung. Sie hat das ehrwürdige Alter von fast
80 Jahren erreicht und hatte es stets peinlich genau genommen mit der
treuen Erfüllung unserer Gebote. Am Grabe schilderten die
Schwiegersöhne, Oberlehrer Erlebacher aus Oberdorf
- Bopfingen und S. Tachauer aus Fürth
i.B.. das schaffensfreudige Leben und segensreiche Wirken der
Dahingeschiedenen. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des
Lebens." |
Zum Tod des Kriegsveteranen (1870/71) Kalman Seelig im August 1930
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. August 1930:
"Gerolzhofen, 21. August 1930. Unter großer Beteiligung wurde heute
unser ältestes Gemeindemitglied, Kalman Seelig, zu Grabe getragen. Er
erreichte ein Alter von 85 Jahren, war ein guter Jehudi, ein bescheidener,
biederer Charakter und als Feldzugsteilnehmer von 1870/71 Ehrenmitglied
des Veteranen- und Kriegervereins, der ihm mit umflorter Fahne und unter
Trauerweisen das letzte Geleite gab. Am Grab entwarf Lehrer Reiter ein
ausführliches getreues Lebensbild, während der Vorstand des genannten
Vereins dem 'guten Kameraden' einen letzten Scheidegruß widmete. Seine
Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens". |
Zum Tod von Selma Brodmann geb. Lichtenauer (1936)
Artikel
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15.
Januar 1937: "Gerolzhofen. Hier wurde am Mittwoch, 16.
Dezember 1936, die Gattin des Kultusvorstandes Willy Brodmann, Frau Selma
Brodmann geb. Lichtenauer im Alter von erst 48 Jahren zu Grabe getragen.
Die zu früh Verblichene war eine seltene jüdische Frau. Sie stand nicht
nur in vorbildlicher Weise ihrem Hause vor, in dem Gastfreundschaft und
wahre Religiosität herrschte. In ihrer Liebe und Güte betätigte sie
sich sozial innerhalb der Gemeinde. Viele Jahre hindurch war sie
Vorsitzende des Jüdischen Frauenvereins. Im Trauerhause und am Grabe
würdigte Herr Bezirksrabbiner Dr. Köhler (Schweinfurt) die edlen
Tugenden der früh Vollendeten und sprach dem Gatten, der Familie und der
Gemeinde Trost zu. Im Auftrage des Israelitischen Frauenvereins
Gerolzhofen dankte Herr Lehrer Reiter (Gerolzhofen) der Entschlafenen für
ihr selbstloses und tätiges Wirken im Dienste der jüdischen Gemeinschaft
an Lebenden und an Toten. Möge das Leben dieser Frau Trost und Beispiel
sein für die Hinterbliebenen und für die ganze Gemeinde." |
| |
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Dezember 1936:
"Gerolzhofen, 17. Dezember (1936). Die Gattin unseres
Kultusvorstandes, Frau Selma Brodmann, ist, erst 48jhährige, nach ganz
kurzer Krankheit plötzlich und unerwartet abberufen worden. Die
Heimgegangene, das Muster einer jüdischen Frau, hat sich auf allen
Gebieten, insbesondere auch als Vorsitzende des jüdischen Frauenvereins,
hervorragend betätigt und hinterlässt in der Gemeinde eine nur schwer zu
schließende Lücke. Den schwer geprüften Angehörigen wendet sich
allgemeine Teilnahem zu. - Auf dem Friedhofe in Gerolzhofen sprachen Herr
Rabbiner Dr. Köhler, Schweinfurt, und Lehrer Reiter ehrende Worte des
Gedenkens und des Trostes." |
Traueranzeige für Ernestine Lichtenauer geb. May (1937)
Traueranzeige
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15. Mai
1937: "Unsere unvergessliche, liebe, gute Mutter, Schwieger- und
Großmutter, Frau Ernestine Lichtenauer geb. May, in Gerolzhofen, wurde
uns am 4. Mai 1937 kurz nach vollendetem 90. Lebensjahr durch den Tod
entrissen. Im Namen aller trauernd Hinterbliebenen:
Sigmund Lichtenauer,
Augsburg." |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeigen des Manufaktur- und Konfektionsgeschäftes
E. Lewisohn (1897 / 1921)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. September 1897:
"Für mein am Sabbat und Feiertagen streng geschlossenes Manufaktur-,
Damenkonfektion- und Wollwarengeschäft suche ich per sofort
zwei tüchtige Verkäuferinnen gegen hohes Salair bei freier Station
und familiärer Behandlung. Nur tüchtige Kräfte, die schon längere Zeit
in ähnlichen Geschäften tätig waren, wollen ihre Offerten, Photographie
und Zeugnisabschriften beifügen.
E. Lewisohn, Gerolzhofen." |
| |
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Juli 1921: "Suche
per bald für mein am Samstag und Feiertag streng geschlossenes
Manufaktur- und Konfektionsgeschäft eine tüchtige branchekundige
Verkäuferin.
Offerte mit Bild und Gehaltsanspruch bei freier Station erbeten.
E. Lewisohn, Gerolzhofen, Unterfranken." |
Anzeige des Eisengeschäftes A. Selig
(1897)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Dezember 1897: "Lehrling-Gesuch.
Für mein Eisengeschäft, Samstags und Feiertage streng geschlossen, suche
einen Lehrling mit guter Schulbildung. Kost und Logis im Hause.
A. Selig, Gerolzhofen, Bayern." |
Anzeige der Eisenhandlung Hermann Kohn
(1900)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. August 1900:
"Suche für mein Samstags und israelitische Feiertage streng
geschlossenes Geschäft einen tüchtigen jungen Mann, 18-20 Jahre
alt, welcher die Eisen- und landwirtschaftliche Maschinenbranche praktisch
versteht. Junge Leute, welche die einfache Buchführung praktische geübt
haben, bevorzugt. Offerte mit Lebenslauf und Gehaltsanspruch bei freier
Station bitte sofort an mich einzusenden.
Hermann Kohn,
Eisenhandlung, Gerolzhofen, Unterfranken." |
Anzeige der Eisenhandlung E. Selig (1900)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. November 1900:
"Für mein Samstags und Feiertage geschlossenes Eisengeschäft suche
einen Lehrling aus achtbarer Familie, unter günstigen Bedingungen
oder einen angehenden Commis.
E. Selig, Eisenhandlung, Gerolzhofen, Bayern." |
Anzeigen des Manufaktur- und Konfektionsgeschäftes
Hermann Löbhardt (1901 / 1912)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. August 1901: "Tüchtige
Verkäuferin per 1. Oktober gesucht. Kost und Logis im Hause.
Samstags geschlossen. Offerten mit Photographie erbeten. Hermann
Löbhardt, Manufakturwaren und Konfektion, Gerolzhofen,
Unterfranken." |
| |
Anzeige
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 6. September
1912: "Tüchtige Verkäuferin für mein Manufaktur- und
Konfektionsgeschäft per 1. September gesucht. Samstags geschlossen.
Station im Hause. Offerten mit Bild erbeten. Hermann Löbhardt,
Gerolzhofen, Bayern." |
Anzeige von Hermann Rothschild (1925)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Februar 1925:
"Suche für meinen Sohn, 15 Jahre alt, Absolvent der Mittelschule,
bei Großfirma in Getreide eventuell auch Metall, eine Lehrstelle.
Offerten sind zu richten an Hermann Rothschild, Gerolzhofen,
Unterfranken." |
Zur Geschichte der Synagoge
Eine (neue) Synagoge auf dem heutigen Grundstück Steingrabenstraße
51 wurde 1874 erbaut. Sie löste einen älteren Betsaal ab.
Aus
einem Artikel in der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung vom 1.
September 1934: "Alte und neue Synagogen. Es ist merkwürdig, dass
verhältnismäßig viele Synagogen in früheren Jahren einem Brande zum
Opfer gefallen sind. Nur selten verdankt ein Neubau dem Anwachsen der
Gemeinde seine Entstehung. Man mag die neueren Synagogen schön finden.
Die in Theilheim etwa, wo die Anlage der Frauenempore und deren
Ausstattung mit farbigen Vorhängen an stille Theaterlogen erinnern; die
in maurischem Stil gehaltenen Synagogen in Marktbreit und Obbach oder die
in kirchenhaftes Düster getauchte in Gerolzhofen." |
Über die Feier zum Dienstjubiläum des Lehrers Reiter zum
Neujahrstag im Oktober 1933 in der Synagoge Gerolzhofen s.o.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die
Synagoge demoliert. SS- und SA-Angehörige gingen zunächst gewaltsam gegen die
jüdischen Gemeindeglieder vor. Die Frau der jüdischen Lehrers wurde gezwungen,
dessen Gebetsmantel, Talar und Kopfbedeckung anzuziehen. Sie musste am
Synagogeneingang stehen, wo man sie brutal misshandelte. Danach drangen 40 SS-
und SA-Leute in die Synagoge ein, zerschlugen die Fenster und vernichteten die
Inneneinrichtung, den Toraschrein und die Ritualien. Die zerstörten Möbel und
Ritualien wurden auf den städtischen Sportplatz gefahren und unter dem Beifall
zahlreicher Einwohner verbrannt. Am darauf folgenden Schabbat mussten jüdische
Gemeindeglieder die Synagoge säubern und deren großen Heizofen zu einem
Altwarenhändler transportieren. Das Gebäude wurde wenige Tage danach von der
SS beschlagnahmt und als Dienstraum der SS zweckentfremdet.
Das Gebäude blieb nach 1945 erhalten und ist in Privatbesitz (u.a.
Friseursalon). An den hohen Rundbogenfenstern ist es als ehemaliges Gotteshaus
erkennbar.
Adresse der ehemaligen Synagoge:
Steingrabenstraße 51
Stadtführungen zur jüdischen Geschichte
in Gerolzhofen werden immer wieder angeboten,
Informationen bei der Stadtinformation: Marktplatz 20 - Altes Rathaus - 97447 Gerolzhofen
Tel.: 09382/903512 Fax: 09382/903513 E-Mail
Fotos
(Quelle: obere Zeile links: Stadtarchiv Gerolzhofen; obere Zeile rechts: Schwierz
s. Lit. S. 59)
 |
 |
| Rechts das
Gebäude der Synagoge um 1930 - im Vordergrund der Teil der
jüdischen Schule und der Lehrerwohnung; anschließend die Synagoge. |
Gebäude der
ehemaligen Synagoge (1987) |
| |
|
|
| Weitere Fotos werden bei Gelegenheit ergänzt; über Zusendungen freut sich der
Webmaster von Alemannia Judaica, Adresse siehe Eingangsseite |
 |
| |
|
Gedenkstein von 2007 in der
Schuhstraße (Foto: Matthias Endriss, Artikel in der "Main-Post"
vom November 2009 siehe unten) |
Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
| 27. Januar 2007:
Neue Gedenkstätte für die jüdische Gemeinde
Gerolzhofen eingeweiht |
Bildunterschrift:
"Was in manchen Zeiten unmöglich schien, ist heute wahr geworden.
Zur Übergabe der erweiterten Gedenkstätte für die jüdische Gemeinde
Gerolzhofen fanden sich auch der Pfarrverweser der evangelischen Gemeinde,
Martin Oeters, und Dekan Josef Kraft ein (im Bild links). In ihrer Mitte
der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg, Dr. Josef
Schuster. Rechts daneben Bürgermeister Hartmut Bräuer und die Tochter
des 1936 nach Israel ausgewanderten jüdischen Einwohners Gustav
Lichtenauer, Milka Zeiler-Lichtenauer mit Ehemann Schmuel Zeiler, der ein
Gebet auf Hebräisch sprach. Foto: Patricia Kaspar.
Erinnern an unsägliches Leid. Erweiterte Gedenkstätte für die
jüdische Gemeinde übergeben.
Gerolzhofen. Genau einen Tag nach dem 62. Jahrestag der Befreiung von
Auschwitz am 27. Januar 1945 hatte die Stadt zur Übergabefeier der
erweiterten Gedenkstätte für die jüdische Gemeinde von Gerolzhofen in
die Schuhstraße eingeladen. Der im Jahr 1988 errichtete Gedenkstein
erinnert an die vielen jüdischen Einwohner der Stadt Gerolzhofen, deren
Wurzeln schon auf das Jahr 1425 zurückzuführen sind, als der
Fürstbischof von Brunn den ersten Israeliten erlaubte, in Gerolzhofen
ansässig zu werden. Den einst 134 jüdischen Mitbewohnern widerfuhr in
den Jahren zwischen 1933 und 1942 unsägliches Leid. Wer von ihnen nicht
rechtzeitig die Stadt und Deutschland verließ, sollte diese Zeit nicht
überleben.
1942 letzte Deportation. So wurden am 19. September 1942 die
letzten vier Juden in der Stadt in das Lager Theresienstadt deportiert.
Gerolzhofen war seit diesem Tag "judenfrei", so wie es der Plan
des nationalsozialistischen Regimes forderte. Den Standort eines
Gedenksteines in der Schuhstraße fanden die Verantwortlichen deshalb
passend, da er unweit der ehemaligen Synagoge in der Steingrabenstraße
liegt, die schon zur damaligen Zeit privatisiert war. Im vergangenen Jahr
kam im Stadtrat auf Initiative von geo-net die Diskussion um die so
genannten 'Stolpersteine' des Künstlers Gunter Demling auf. Wie schon in
Würzburg und anderen Städten wurde vorgeschlagen, auch in Gerolzhofen
diese kleinen Messingtäfelchen zwischen den Pflastersteinen vor den einst
von Juden bewohnten Häusern anzubringen und mit einer Inschrift an sie zu
erinnern.
Viele der heutigen Hausbesitzer wünschten diese jedoch nicht, aber die
Diskussion um ein Symbol zur Gedenken an die jüdische Gemeinde der Stadt
hat hierdurch eine Eigendynamik erreicht, so Bürgermeister Hartmut
Bräuer. Mit der neuen Gestaltung des Platzes in der Schuhstraße wurde
diese Erinnerung in einer würdigen Art und Weise geschaffen.
In der Pflasterung ist eine Steintafel mit hebräischen Schriftzeichen
'Friede, Friede den Fernen und Nahen!' eingelassen. Neben dem Gedenkstein
wurde zusätzlich eine Schautafel aufgestellt, auf der ein Zeitstrahl von
1933 bis 1942 mit den unvergesslichen Ereignissen dieser Jahre sowie ein
Plan der Innenstadt mit den ehemals jüdische bewohnten Häusern und die
Namen der früheren Besitzer zu seihen sind.
Auch heute Antisemitismus. Bürgermeister Bräuer sieht den Platz
auch als Mahnmal, wurden im letzten Jahr noch immer über 8000
antisemitische Handlungen in der Bundesrepublik registriert. Der
Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg, Dr. Josef
Schuster, erinnerte noch einmal an die unfassbaren Verbrechen, die an den
einst elf Millionen Juden in Europa begangen worden sind. Sechs Millionen
von ihnen fanden damals den Tod. Dekan Josef Kraft und der Geistliche der
evangelischen Kirchengemeinde, Martin Oeters, riefen in ihrer Ansprache zu
mehr Toleranz unter den Menschen auf, sehe der christliche Glaube Gott
doch als Vater aller Menschen an.
Ein besonderer Gast fand sich ebenfalls zur Übergabefeier ein. Die
Tochter des 1921 in Gerolzhofen geborenen und 1935 nach Israel
ausgewanderten Juden Gustav Lichtenauer, Milka Zeiler-Lichtenauer, freute
sich, in der Geburtsstadt ihres Vaters eine würdige Gedenkstätte auch
für ihre ermordeten Familienangehörigen vorgefunden zu haben.
Vortrag. Im Anschluss an die Feierstunde in der Schuhstraße hielt
Thomas Schindler vom Stadtarchiv Haßfurt einen Vortrag zur Vorgeschichte
des nationalsozialistischen Antisemitismus in Ostunterfranken, der nicht
ganz den Erwartungen des Publikums entsprach. In Anlehnung an die 1965 von
Michael Pfranz herausgegebene Broschüre 'Die jüdische Gemeinde von
Gerolzhofen' verdeutlichte der Vortrag den Ursprung antisemitischer
Handlungen und ihre Folge. Für die Zuhörer war es jedoch schwierig, die
Geschichte der Juden in Ostunterfranken auf Gerolzhofen zu
übertragen." |
| |
| November
2009:
Referat von Stephan Oettermann über den
Novemberpogrom 1938 in Gerolzhofen und Frankenwinheim |
Artikel von Matthias Endriss in der "Main-Post"´vom
22.11.2009 (Artikel):
"GEROLZHOFEN. Der Tag, an dem es Gerolzhofen nicht gab
Stephan Oettermann referierte über den Pogrom 1938 in Gerolzhofen und Frankenwinheim
Mit der viel beachteten Ausstellung 'Gerolzhofen 1933 - 1945' begann der Historische Verein im Frühjahr seine Aufklärungsarbeit über die Zeit des Nationalsozialismus in der Stadt und ihrem Umland. Diese wurde nun fortgeführt mit einem Vortrag von Stephan Oettermann zu den Vorgängen in Gerolzhofen und Frankenwinheim während des Judenpogroms von 1938.
Es sind rund 40 Geschichtsinteressierte, die sich an diesem Abend im Gasthaus
'Zum Kapellenberg' eingefunden haben. Stephan Oettermann, Vorsitzender des Historischen Vereins und ehemaliger Stadtarchivar, will in seinem Vortrag die Geschehnisse nachzeichnen, die sich an jenem Donnerstag, 10. November 1938, in Gerolzhofen und Frankenwinheim abgespielt haben.
Kein leichtes Unterfangen, wie er zugibt, basiert sein Referat doch auf den zusammengefassten Vorermittlungen des Gerichts zum Synagogenprozess 1950 und den während des Prozesses protokollierten Zeugenaussagen. Und ein Gericht, so betont
Oettermann, 'interessiert sich nicht für historische Wahrheit und die ganze
Geschichte'. Ereignisse, die nicht justiziabel sind, interessieren dabei ebenso wenig wie Personen, die nicht unmittelbar Täter oder Zeugen waren oder die, aus welchen Gründen auch immer, strafrechtlich nicht zur Rechenschaft gezogen werden können. Auch wurde, so Oettermann, im gesamten Prozess keines der Opfer gehört.
Lückenhafte Akten. Dem Gericht sei es nicht einmal gelungen, den zeitlichen Ablauf der Ereignisse jenes Tages exakt zu klären. Geschweige denn, wie viele Personen daran aktiv oder passiv beteiligt waren. Die Akten sprächen vage von
'der Menge'. 'Deshalb bleibt die folgende Geschichte des Gerolzhöfer Novemberpogroms mehr als lückenhaft und
unbefriedigend', befindet Oettermann. Und doch gelingt es ihm in seinem rund einstündigen Vortrag, den Zuhörern die ganze Unmenschlichkeit und den Widersinn der damaligen Ereignisse vor das geistige Auge zu führen.
Auslöser des Pogroms war das Attentat des jungen Juden Herschel Grynszpan auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath in Paris. Dessen Tod zwei Tage später, am 9. November 1938, war Wasser auf die Mühlen der nationalsozialistischen Propaganda. Von München aus, wo just an diesem Tag des gescheiterten Hitler-Putsches von 1923 gedacht wurde, schwappte der Aufruf Goebbels zum
'Volkszorn gegen die Juden' in die Gaue des Hitler-Reiches. Obwohl es keinen direkten Befehl zur Auslösung des Pogroms gab, verstanden die Kreisleiter die Aufforderung ganz im Sinne der Nazis. So auch Wilhelm Heer in Kitzingen. Dort brannte bereits in den frühen Morgenstunden des 10. September die Synagoge. In Gerolzhofen erreichte Heer erst morgens um 8 Uhr Ortsgruppenleiter Ludwig Zrenner und wies ihn an, endlich etwas gegen die jüdische Bevölkerung zu unternehmen. Auch im Landratsamt war am Morgen die Weisung eingegangen, männliche jüdische Bürger in Schutzhaft zu nehmen und jüdische Wohnungen und Häuser zu durchsuchen.
Zrenner zögerte zunächst. Nicht zuletzt deshalb, weil die Gerolzhöfer Nationalsozialisten erst kurz zuvor in Gerolzhofen und vor allem in Frankenwinheim eine Strafaktion – die sogenannte Brunnenvergifter-Aktion – gegen die jüdische Bevölkerung gestartet und, da diese nicht von oben gedeckt war, Ärger mit der Gestapo bekommen hatten. Und ein formeller Befehl lag eben auch an diesem 10. November nicht auf dem Tisch.
Dennoch versammelte Zrenner im Lauf des Vormittags die Mitglieder der SA. In der Gaststätte Reissweber wurde über das weitere Vorgehen beraten. Feuerwehr-Kommandant Hans Härterich machte dabei klar, dass er wegen des Wassermangels in der Stadt ein Anzünden der Synagoge keinesfalls billigen würde. Gegen Mittag kam es so zwar zu einer ersten Attacke auf die Synagoge, die Zerstörungswut hielt sich aber noch in Grenzen.
Am frühen Nachmittag fuhr die Gerolzhöfer SA dann nach Frankenwinheim, wo bereits ein Trupp aus Volkach in der Synagoge gewütet hatte. Die jüdische Bevölkerung wurde malträtiert, das Inventar und die Ritualgegenstände der geschändeten Synagoge gingen auf einem Acker in Flammen auf. Einige unscharfe Fotos, die nach dem Krieg als Beweisstücke in den Synagogenprozess eingingen und in der Frühjahrsausstellung in diesem Jahr erstmals veröffentlicht wurden, zeigen die Vorgänge am Scheiterhaufen, konnten aber zur Wahrheitsfindung wenig beitragen.
Gegen 18 Uhr kehrten die SA-Männer nach Gerolzhofen zurück. Dort hatte sich indes Kreisleiter Heer persönlich bei Ortsgruppenleiter Zrenner über das zu lasche Vorgehen gegen die Juden in der Stadt beklagt. Rund 40 SA- und SS-Angehörige zogen daraufhin nochmals zur Synagoge, drangen zunächst in die Wohnung des Judenlehrers Heinrich Reiter ein, misshandelten dessen Frau Recha, und schlugen schließlich in der Synagoge alles kurz und klein.
Scheiterhaufen am Säusee. Zwar wurde das Gotteshaus aus Angst um umliegende Gebäude nicht wie andernorts angezündet, wohl aber das Inventar am Säusee auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Im Lauf des Abends kam es auch zu Plünderungen in jüdischen
Wohnungen. Insgesamt 47 Personen, darunter sechs Frauen und sieben arische
'Judenknechte', kamen bei den Aktionen im Kreis Gerolzhofen in 'Schutzhaft'.
Juristische Aufarbeitung erfuhr die von den Nazis höhnisch als 'Reichskristallnacht' titulierte Aktion in Gerolzhofen im Jahr 1950. Von 160 Verdächtigen wurden gerade einmal 16 angeklagt, zwölf erlebten den Prozess. Die Wahrheitsfindung erwies sich als schwierig. Von den mehr als 50 Geschädigten hatten sich lediglich zwei emigrierte Frankenwinheimer Juden mit von US-Anwälten beglaubigten eidesstattlichen Erklärungen zu Wort gemeldet. Ob und in welcher Weise das Gericht diese zur Kenntnis genommen und bewertet hat, so Oettermann, sei den Unterlagen nicht zu entnehmen.
Die Angeklagten zeigten beim Prozess im Saal des 'Wilden Mann' fast durchweg nicht die geringste Reue, logen in ihren Aussagen
'dass sich die Balken bogen' und gaben nur zu, was ihnen längst bewiesen war. Wenn man davon ausgehe, dass sich alle Aussagen zu einem Gesamtbild addieren müssten, sei es in diesem Fall eher umgekehrt, meint Oettermann. Kumuliere man alle Unwahrheiten, Ausflüchte und Lügen, bleibe am Ende eine Art Loch:
'Am 10. November 1938 hat es kein Gerolzhofen gegeben, und in der Geschichte Gerolzhofens hat es nie einen 10. November 1938
gegeben.'
Der gesamte Prozess sei durchgängig gekennzeichnet gewesen durch die geradezu zynische Anwendung der Unschuldsvermutung. Nur fünf Personen wurden letztlich wegen ihrer Beteiligung am Gerolzhöfer Judenpogrom verurteilt. Das höchste Strafmaß betrug 21 Monate.
Nach dem Referat ergreift Altbürgermeister Hartmut Bräuer das Wort. 'Der Vortrag war nicht darauf ausgelegt, Personen herauszuheben und zu geißeln', attestiert er
Oettermann: 'Das war keine Anklage, es war eine Aufarbeitung der
Geschichte.' Dass man nach 71 Jahren die Kraft finde, dieses hochsensible Thema aufzugreifen und offen über die Zeit reden zu können, sei sehr wichtig. Ebenso, wie wachsam zu sein und ähnliche Ereignisse in der Zukunft unmöglich zu machen." |
| |
| Juli 2009:
Besuch von Nachkommen des Lehrers Joseph
Kellermann |
Foto
von Norbert Vollmann: Aus Israel und den USA waren Nachkommen der jüdischen Familie Kellermann angereist, um sich in Gerolzhofen auf die Spuren ihrer Vorfahren zu begeben und hier insbesondere auf die des Religionslehrers Joseph Kellermann, der 1883 in Gerolzhofen starb und auf dem israelitischen Friedhof am Henkelmannskeller beerdigt wurde. Dabei wurde die Gruppe von Evamaria Bräuer auch an die Gedenkstätte in der Schuhstraße geführt, die an die ehemalige jüdische Gemeinde in der Stadt erinnert. Nur zwei Häuser weiter befand sich das Wohnhaus von Joseph Kellermann.
Artikel in der "Main-Post" vom 10. Juli 2009 (Artikel):
"GEROLZHOFEN - Kellermanns Kampf um den Sabbat-Draht
Gäste aus Israel und den USA suchten in Gerolzhofen nach Spuren ihrer Vorfahren, insbesondere aber des israelitischen Religionslehrers Joseph Kellermann, suchten dieser Tage aus Israel und den USA angereiste Nachkommen der Großfamilie Kellermann. Kundig geführt wurden die Gäste von Evamaria Bräuer.
1832 in Fuchsstadt im Ochsenfurter Gau geboren, war Joseph Kellermann nach Gerolzhofen gekommen, um hier in der jüdischen Gemeinde Religionsunterricht zu erteilen. Aus der Ehe mit Ella Schüler ging der in Gerolzhofen geborene Benzion Kellermann (1869-1923) hervor, der es in Berlin und Frankfurt als Reform-Rabbiner zur damaligen Zeit zu großer Bekanntheit und Anerkennung brachte. Nach dem frühen Tod Ellas heiratete Joseph Kellermann deren Schwester Blümchen.
Orthodox und streng. Joseph Kellermann muss als Angehöriger des Leviten-Stammes ein sehr orthodoxer und damit wohl strenger Lehrer gewesen sein. Im Stadtarchiv Gerolzhofen findet sich sein Name vor allem im Zusammenhang mit dem Disput um die Anbringung des so genannten Schabbes-Draht, der sich fast neun Jahre lang von 1871 bis 1880 hinzog.
Nachdem Gerolzhofen durch die Einlegung der Stadttore eine „offene Stadt“ geworden war, war es den Juden nach ihren rituellen Gesetzen nicht mehr möglich, am heiligen Wochenfeiertag die geringsten Dinge „über die Straße zu tragen“.
Daraufhin beantragte die jüdische Gemeinde auf Betreiben von Kellermann die Anbringung eines Schabbes-, also Sabbat-Drahtes anstelle der alten Tore, um so symbolisch durch eine bewegliche Umfriedung für den Sabbat-Tag den Ring um die Stadt wieder zu schließen. Der Magistrat lehnte dies jedoch ab, da hierzu die Aufstellung von Telegrafen-Stangen erforderlich gewesen wäre.
Hartnäckiger Lehrer. Während die Vorstände der jüdischen Kultusgemeinde bald aufgaben, ließ der orthodoxe Kellermann nicht locker. Von seiner Hartnäckigkeit zeugen mehrere Beschwerden bei der Regierung. Diese wurden zwar im Kern zurückgewiesen, grundsätzlich wurde aber die Anbringung eines Schabbes-Drahtes für zulässig erklärt, sofern die Stadt ihr Einverständnis dazu geben sollte. Wohl um des lieben Friedens willen wurde schließlich behördlicherseits der Anbringung kleiner verschließbarer Kästen mit aufgerollten dünnen Drähten zugestimmt, die nur am Sabbat über die Straße von Hauswand zu Hauswand gezogen werden durften.
Da sich diese Konstruktion aber nicht bewährte, offenbar brach der Draht immer wieder, unternahm die jüdische Gemeinde 1880 einen erneuten Vorstoß, den Sabbat-Draht genehmigt zu bekommen, und wurde wieder abgewiesen. Damit drohte der Zwist weiterzuschwelen. Die salomonische Lösung des Konflikts war schließlich weder dem bald darauf 1883 verstorbenen Kellermann noch dem „angefressenen“ Stadtmagistrat, sondern dem neuen Vorsteher der Kultusgemeinde, Emanuel Lewisohn zu verdanken. Auf seinen pragmatischen Vorschlag hin wurde am Ort der ehemaligen Stadttore je ein Draht über die Straße gezogen und daran eine hübsche Laterne aufgehängt. Die Schabbesdrähte erhielten dadurch eine mittig über die Straße hängende Straßenbeleuchtung, also eine sehr praktische Doppelnutzung. Die Kosten für die Anschaffung und auch für die Unterhaltung und den Ölbedarf für die Lampen übernahm die jüdische Gemeinde. Damit war Ende Juli 1880 das leidige Kapitel endlich abgeschlossen.
Foto
links: Auf großes Interesse der aus Israel und den USA angereisten Nachkommen der Familie Kellermann stieß beim Besuch des Israelitischen Friedhofs in Gerolzhofen der Grabstein ihres Vorfahren, des 1883 in Gerolzhofen gestorbenen Religionslehrers Joseph Kellermann.
Jüdische Stätten in Gerolzhofen. Evamaria Bräuer führte die Nachkommen der Familie Kellermann zunächst zur ehemaligen Synagoge in der Steingrabenstraße, dem früheren Wohnhaus des Lehrers in der heutigen Schuhstraße 20 und zu der in der unmittelbaren Nachbarschaft befindlichen Gedenkstätte für die ehemalige jüdische Gemeinde. Uri Kellermann hatte wesentlich bei der Übersetzung der Inschrift der Gedenkstätte in der Schuhstraße und der Übertragung in die hebräische Schrift mitgewirkt und ist auch sonst Evamaria Bräuer bei Interpretationen hebräischer Texte behilflich.
Der von den Stadtgärtnern mit Rosen bepflanzte kleine Erinnerungsplatz machte auf die Gäste sowohl von seiner Ausstattung als auch von seiner Pflege her einen sehr positiven Eindruck. Danach ging es weiter zum Israelitischen Friedhof, wo sich der Grabstein des Religionslehrers befindet. Eine kurze Mittagsrast vor der Weiterreise legte man am idyllischen Neuen See mit Blick auf den Steigerwald ein.
Nach Deutschland gekommen waren aus Israel diesmal Uri Kellermann und seine Frau Duba aus
Nof-Ayalon, sowie seine Schwester Ruth mit ihrem Mann aus Jerusalem, und aus den USA eine Cousine sowie der Vetter mit Frau und Tochter. Der Gerolzhöfer Religionslehrer Josef Kellermann war ein Bruder von Uri KeIlermanns Urgroßvater.
Ihr Stammquartier hatten die Gäste in Würzburg im „Shalom Europa“, dem dortigen jüdischen Zentrum, bezogen, von wo aus sie sich auf die familiäre Spurensuche machten.
Flucht nach Palästina. Die Vorfahren der Familie hatten seit Generationen in Bayern gelebt. Martha Flamm, die Mutter von Uri Kellermann und Ruth Weiss, kam aus Kitzingen und war als kleines Kind nach Nürnberg gezogen, wo sie später ihren Mann Kurt Kellermann kennen lernte.
Der beschloss im April 1933, im Alter von 24 Jahren, und damit rechtzeitig vor der Verfolgung durch Hitlers Nationalsozialisten, ins damalige Palästina, das heutige Israel, auszuwandern. Mit leeren Händen landete er im Hafen von Haifa. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, kaufte er sich eine Leiter und einen Eimer und begann Schaufenster zu putzen. Nachdem Kurt Kellermann in Haifa ein Geschäft für Baumaterialien eröffnet hatte, kehrte er zurück nach Nürnberg, um dort am 13. Januar 1935 seine Verlobte zu heiraten. Noch am nächsten Tag machte sich das junge Ehepaar auf den Weg nach Palästina, wo 1937 Uri und 1941 Ruth zur Welt kamen und der Vater alsbald sein Geschäft auf den Verkauf von Spielzeug umstellte. Schließlich kam er aus der Spielzeugstadt Nürnberg.
Tod im KZ und bei Anschlag. Der Großvater mütterlicherseits, Leopold Flamm, kam im KZ Theresienstadt ums Leben. Die Tante, Lilli Willner, geborene Flamm, wurde mit ihren drei Kindern in Riga umgebracht. Die Großmutter, Jettchen Flamm, überlebte Theresienstadt.
Ein weiterer Schicksalsschlag traf die Familie, als bei einem Terroranschlag im März 2008 auf eine Rabbinerschule in West-Jerusalem ein 17-jähriger Enkel starb.
Die Großeltern von Uri Kellermann und Ruth Weiss, die 1904 in Nürnberg geheiratet hatten, zählen heute etwa 200 Nachkommen. Über 90 Prozent davon leben in Israel." |
| |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Germania Judaica II,1 S. 278; III,1 S. 434. |
 | Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern.
Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische
Bildungsarbeit. A 85. 1988. S. 59-60. |
 | Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die jüdischen Gemeinden in
Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979 S. 300-302.
|
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany -
Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 445-446.
|
 | Michael Pfrang: Die jüdische Gemeinde in
Gerolzhofen. 1985. Zu bestellen beim Historischen Verein Gerolzhofen. |
 | Dirk Rosenstock (Bearbeiter): Die unterfränkischen
Judenmatrikeln von 1817. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg.
Band 13. Würzburg 2008. S. 132. |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Gerolzhofen Lower Franconia. Jews were
victims of the Rindfleisch massacres of 1298. The modern community dates from
the first half of the 17th century, with a cemetery consecrated in 1639 serving
seven other communities as well. A new synagogue was built in 1874. The Jewish
population reached a peak of 148 in 1900 (total 2,163) and numbered 125 in 1933.
On Kristallnacht (9-10 November 1938), jews were beaten and arrested and
their homes wrecked along with the synagogue. In 1933-41, 61 Jews emigrated from
Germany, 39 of them to the United States. Another 35 left for other German
cities. On 25 April 1942, 19 Jews were deported to Izbica near Lublin via
Wuerzburg; another six were sent to the Theresienstadt ghetto in September.

vorherige Synagoge zur ersten Synagoge nächste Synagoge
|