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Prichsenstadt (Kreis
Kitzingen)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Prichsenstadt bestand eine jüdische Gemeinde bis
1938/42. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 15./17. Jahrhunderts
zurück. 1421 werden erstmals Juden genannt. 1434 zahlten ein oder
mehrere Juden der Stadt zusammen 9 Gulden Reichssteuer. 1462 wurden mehrere
jüdische Personen durch den Würzburger Bischof Johann von Grumbach inhaftiert.
Er erlangte dadurch von ihnen die Zahlung eines Geldbetrages. 1469 lebten in
Prichsenstadt acht erwachsene erwerbstätige Juden, vermutlich mit ihren
Familien. 1469
und 1489 werden Juden aus Prichsenstadt in Nürnberg genannt.
Auch im 16. und 17. Jahrhundert sind einzelne Juden in der Stadt. 1511
wurden durch den Markgrafen Friedrich Juden in Prichsenstadt aufgenommen;
Schutzbriefe sind auch aus den Jahren 1529, 1530, 1532 und 1537 bekannt. 1664
wird die Frau des Benedikt Moses aus Prichsenstadt im Wildbad Castell genannt.
1698-1699 war Thomas Burkholz zu Castell bei Salomon Jud von Prichsenstadt
verschuldet. 1714 sind zwei jüdische Familie in der Stadt.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie
folgt: 1816 39 jüdische Einwohner (4,1 % von insgesamt 949), 1837 50 (5,2
% von 970), 1867 49 (6,0 % von 812), 1880 74 (9,7 % von 761), 1900 54 (7,7 % von
701), 1910 72 (9,7 % von 742).
Bei der Erstellung der Matrikellisten 1817 werden in Prichsenstadt auf
insgesamt zehn Matrikelstellen (einschließlich eines Nachtrages von
1821) die folgenden jüdischen Familienvorstände genannt (mit neuem
Familiennamen und Erwerbszweig): Abraham Laemlein Haas (Schnitt- und
Viehhandel), Anschel Haium Heimann (Viehhandel und Schmusen), Berez Baruch Frank
(Viehhandel), Hirsch Oscher Fleischmann (Viehhandel), Hirsch Salomon Rosenthal
(Schnitthandel), Jacob Oscher Fleischmann (Schmusen, Viehhandel), Löw Isaac
Reichmann (Schullehrer und Vorsinger), Machol Maier Gutmann (Ellenhandel), Isaac
Löwenberg (Feldbau, seit 1821).
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge
(s.u.), eine Religionsschule und ein rituelles Bad. Die
Toten der Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof
in Gerolzhofen beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der
Gemeinde war
ein Religionslehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet
wirkte (Ausschreibungstexte und einzelne Namen der Lehrer siehe unten). Der
erste bekannte Lehrer war der in der Matrikelliste 1817 (s.o.) aufgeführte
"Schullehrer und Vorsinger" Löw Isaac Reichmann. Solange die jüdische Nachbargemeinde Kirchschönbach
noch einige schulpflichtige Kinder hatte (vermutlich bis Ende des 19.
Jahrhunderts), war die Stelle als "Religionslehrerstelle
Prichsenstadt-Kirchschönbach" ausgeschrieben (in den unten wiedergegebenen
Ausschreibungen noch 1878), danach erfolgte die Anstellung allein durch die
jüdische Gemeinde Prichsenstadt. Die Gemeinde gehörte zum Distriktsrabbinat Schweinfurt.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Leutnant Paul Strauss
(geb. 11.12.1889 in Prichsenstadt, vor 1914 in Nürnberg wohnhaft, gef. 1.9.1914),
Gefreiter Isaak Löwenberger (geb. 30.6.1881 in Prichsenstadt, gef. 25.12.1914),
Max Löwenberger (geb. 22.2.1872 in Prichsenstadt, gef. 7.10.1919),
Unteroffizier Otto Hahn (geb. 8.3.1893 in Prichsenstadt, gest. an der
Kriegsverletzung 17.2.1920) und Vizefeldwebel Siegfried Hahn (geb. 9.1.1892 in
Prichsenstadt, vor 1914 in Nürnberg wohnhaft, gef. 16.2.1916). Ihre Namen stehen auf den Tafeln der Kriegergedächtnisstätte für die
Gefallenen der Weltkriege am beziehungsweise im örtlichen Friedhof.
Um 1924, als noch 61 jüdische Gemeindeglieder gezählt wurden (7,62 %
von insgesamt etwa 800), waren die Vorsteher der Gemeinde Abraham Hahn und Simon
Oppenheimer. Als Lehrer und Kantor wirkte Salomon Bierschild. Er war
bereits seit 1902 in der Gemeinde tätig (siehe Bericht unten). 1924 erteilte er
vier jüdischen Kindern am Ort den Religionsunterricht. 1932 waren
Abraham Hahn und Simon Oppenheimer weiterhin Gemeindevorsteher; letzterer ist
als "Schriftführer und Schatzmeister" eingetragen. Lehrer Salomon
Bierschild unterrichtete im Schuljahr 1931/32 fünf Kinder.
1933 lebten noch 53 jüdische Personen in Prichsenstadt (7,4 % von
insgesamt 714). Unter den Juden gab es damals elf Viehhändler, zwei
Tuchhändler, zwei Metzger, sechs Arbeiter und einen Lehrer (auf Lehrer Salomon
Bierschild folgte als letzter Lehrer der Gemeinde noch Alfred Grünebaum). 1934 wurde ein
jüdischer Einwohner verhaftet und in das KZ Dachau gebracht. Bis November
1938 verließen auf Grund der zunehmenden Repressionen und der Folgen des
wirtschaftlichen Boykotts 16 der jüdischen Einwohner die Stadt, zogen in andere
Orte oder wanderten aus (sieben in die USA, drei nach Palästina). Beim Novemberpogrom
1938 kamen SA-Leute in Zivil nach Prichsenstadt; städtische Beamte unter
Leitung des Bürgermeisters durchsuchten die jüdischen Häuser unter dem
Vorwand, nach Waffen und antinationalsozialistischer Literatur zu fahnden. Die
Synagogeneinrichtung wurde vollkommen zerstört (s.u.). Sechs jüdische
Einwohner wurden festgenommen, ins Rathaus und von dort auf einem Lastauto in
das Gefängnis nach Gerolzhofen gebracht. Zwei von ihnen wurden wenig später in
das KZ Dachau eingeliefert. Die noch in Prichsenstadt wohnenden Juden mussten
ihre Häuser verkaufen und zusammen in ein einziges Haus ziehen. Bis September
1941 verließen 17 von den 27 in Prichsenstadt noch lebenden jüdischen
Einwohnern die Stadt. Im Frühjahr 1942 lebten noch zehn jüdische Personen in
der Stadt. Sieben wurden am 22./25. April über Würzburg nach Izbica bei
Lublin/Polen deportiert. Die letzten drei wurden am 2. September 1942 über
Würzburg in das Ghetto Theresienstadt gebracht.
Von den in Prichsenstadt geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Sophie Benjamin geb.
Frank (1884), Ida Eigner geb. Reich (1886), Frieda Fleischmann geb. Strauss (1895), Inge
Fleischmann (1924), Max Fleischmann (1892), Otto Fleischmann (1879), Trude Fleischmann (1927), Bernhard
Frank (1865), Bertha Frank geb. Fleischmann (1870), Leopold Frank (1873), Ludwig
Haas (1871), Ilse Jette Hahn (1922), Julie Hahn geb. Frank (1875), Moritz Hahn (1876),
Otto Siegfried Hahn (1923), Sofie Herz geb. Haas (1866), Therese Kälbermann
geb. Frank (1871), Berta Künstler (1901), Gretchen Künstler geb. Silbermann (1877),
Helene Künstler geb. Maier (1908), Justin
Künstler (1911), Pauline Künstler (1870), Martha Löwenberger geb. Schülein
(1884), Aron Mandelbaum (1868), Max Meier Mandelbaum
(1863), Malchen Neumann geb. Hahn (1870), Raphael Oppenheimer (1898), Grete
(Gretchen) Reich geb. Schönwalder (1896), Willy Reich (1922), Heinz
Schwarz (1931), Moses Strauss (1877).
1945 kehrte nur ein früherer jüdischer Einwohner nach Prichsenstadt
zurück, doch verzog er wenige Wochen später in die USA.
Eine Gedenktafel zur Erinnerung an die frühere jüdische Gemeinde ist an
der Mauer des christlichen Friedhofes angebracht: "Die Stadt
Prichsenstadt gedenkt ihrer ehemaligen jüdischen Mitbürger - Zur Erinnerung
und Mahnung".
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Lehrerstelle 1870 / 1878 / 1894 / 1902
| Vor 1870 sind an Namen der Lehrer bekannt:
um 1799 Moses Bär, um 1801 Isaak Falk, um 1814 Löw
Reichmann, um 1853 Nathan Reichmann, um 1861 Heumann
(Heinemann) Mandelbaum. |
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Juni 1870:
"Offene Religionslehrerstelle. Die kombinierte israelitische
Religionslehrerstelle Prichsenstadt-Kirchschönbach verbunden mit
Vorsänger- und Schächterfunktion ist erledigt.
Gehalt 200 Gulden fixe, 100 Gulden Schächterertrag, 100 Gulden
Nebeneinkünfte nebst 2 Klafter hartes Holz und freie Wohnung. Bewerber
wollen sich unter Beilegung ihrer Zeugnisse franco an den Unterzeichneten
wenden.
Prichsenstadt in Unterfranken (Bayern), den 16. Juni 1870. J.
Strauss". |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. April 1878:
"Die hiesige israelitische Religionsschul-, Vorsänger- und
Schächterstelle ist in Erledigung gekommen. Dieselbe hat einen fixen
Gehalt (inkl. Holz) von RM 585,71 Pf., für Gebühren der
Schächterfunktion RM 100.-, an Nebenverdienste RM 300.- nebst freier
Wohnung.
Auch ist weiter Gelegenheit zum Privatunterricht geboten. Bewerber um
obige Stelle belieben ihre Gesuche bis längstens den 30. April dieses
Jahres an Unterzeichneten zu stellen.
Prichsenstadt (Unterfranken), 31. März 1878. Jacob Fleischmann,
Kultusvorstand". |
| Vor 1894 (vielleicht bereits seit 1878) war Abraham
Schwarz als Lehrer in der Gemeinde tätig. |
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. April 1894:
"In unterfertigter Kultusgemeinde ist per 1. Juli dieses Jahres die
Stelle eines Religionslehrers, verbunden mit Vorbeterdienst und
Schächterfunktion erledigt.
Es beträgt der Gehalt bei freier Wohnung 600 Mk., fixierte
Nebenbezüge 150 Mk., Schächterfunktion 150 Mk., diverser nicht
garantierter Nebenverdienst 200 Mk., Summe 1.100 Mk.
Nur seminaristisch gebildete Herren und Inländer werden
berücksichtig.
Es ist auch Gelegenheit geboten, eine Nebenfiliale zu erhalten.
Bewerber wollen baldigst ihre Offerten einreichen.
Prichsenstadt, 7. April (1894).
A. Hahn, Kultus-Vorstand".
Anmerkung: Auf diese Anzeige hin bewarb sich erfolgreich Moses
Herz, der bis 1897 in der Gemeinde blieb und danach von Bernhard
Oppenheimer abgelöst wurde. |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Februar 1902: "In
unterfertigter Gemeinde ist die Stelle eines Religionslehrers, verbunden
mit Vorbeter- und Schächterfunktion erledigt. M. 600 fester Gehalt mit
ca. 400 M. Nebeneinkommen. Bewerber wollen sich mit Einsendung von
Zeugnissen etc. melden.
Prichsenstadt, 16. Februar. A. Hahn, Vorstand."
Anmerkung: Auf diese Ausschreibung hin bewarb sich Salomon
Bierschild, der von nun an bis in die 1930er-Jahre als Lehrer in der
Gemeinde wirkt. |
Lob des Lehrers Herz, der als Vorbeter bei der Einweihung der Synagoge in
Nenzenheim wirkte (Ende 1895)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Januar 1896: "Der
Bericht in Nr. 96 Ihres geschätzten Blattes über die Synagogeneinweihung
in Nenzenheim bedarf noch einer
Ergänzung dahin, dass sämtliche Gesänge bei der Feier wie Mismor
LeTora, Ma Towu, Ein kemocha, Seu Schearim etc. etc. von Herrn Lehrer
N. Herz in Prichsenstadt vorgetragen wurden. Herr Herz entledigte sich
seiner Aufgabe so vorzüglich, dass Herr Bezirksamtmann von Schönfeld,
der als Ehrengast der Feier beiwohnte, nach Beendigung derselben sich
Herrn Herz in Gegenwart der ganzen Versammlung durch den Kultusvorstand
Herrn Hahn vorstellen ließ und seine vollste Anerkennung über den
vorzüglich geschulten Gesang ausdrückte. Auch Herr Distriktsrabbiner
Adler, Kitzingen, äußerte sich lobenswert darüber. Nicht minder wurde
Herrn Jerz von den meisten Anwesenden, Juden und Nichtjuden allgemeines
Lob gespendet." |
Jubiläum des Lehrers Salomon Bierschild (1927)
Bericht
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Mai 1927:
"Prichsenstadt, 27. April (1927). Anfang dieses Monats konnte der in
seiner Gemeinde, bei Kollegen und Bekannten beliebte und geachtete Lehrer
Salomon Bierschild auf eine 25jährige Tätigkeit in der israelitischen
Kultusgemeinde Prichsenstadt zurückblicken. Trotzdem sich der Jubilar
gegen eine Feier ausgesprochen hatte, ließ es sich die Gemeinde nicht
nehmen, den Ehrentag ihres Lehrers und Führers wenigstens in einfacher
Weise festlich zu begehen. Kultusvorstand A. Hahn brachte in treffenden
Worten die Anerkennung und Verehrung der Gemeinde zum Ausdruck, worauf
Lehrer Bierschild herzlich dankte. Als Zeichen der Dankbarkeit und
Anhänglichkeit überreichte die Kultusgemeinde ein ebenso hübsches wie
praktisches Geschenk. Von vorgesetzter Stelle wurden dem Jubilar ebenfalls
warme, ehrende Worte zuteil, welche die Tüchtigkeit des Lehrers, seine
gewissenhafte, verständnisvolle und aufopfernde Tätigkeit rühmten.
Lehrer Bierschild ist mit seinem traditionell gewählten Beruf (Vater und
Großvater waren ebenfalls Lehrer) eng verwachsen und übt denselben mit
vorbildlicher Gewissenhaftigkeit aus. Möge es ihm vergönnt sein, seine
ihm liebgewordenen Pflichten noch lange erfüllen zu können zur eigenen
Genugtuung, zum Segen der Jugend und zum Heile des Judentums". |
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Artikel
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 23. Mai
1927: "25jähriges Ortsjubiläum. Prichsenstadt. Dieser Tage konnte
der in seiner Gemeinde, bei Kollegen und Vorgesetzten sehr beliebte und
geachtete Lehrer Salomon Bierschild auf eine 25jährige Tätigkeit
zurückblicken. Dem Wunsche des Jubilars Rechnung tragend, sah die
Gemeinde von einer größeren Feier ab und beging den Ehrentag ihres
Lehrers und Führers in schlichter Weise. Kultusvorstand A. Hahn brachte
in der Synagoge nach dem Morgengottesdienste dem Jubilar die Anerkennung
der Gemeinde zum Ausdruck, worauf Lehrer Bierschild herzlich dankte. Auch
von der vorgesetzten Stelle wurden dem Gefeierten warme ehrende Worte
zuteil. Sein ersprießliches Wirken wurde ganz besonders anerkannt. Als
Zeichen der Dankbarkeit und Anhänglichkeit ließ die Kultusgemeinde ein
ebenso hübsches wie praktisches Geschenk überreichen." |
Über Lehrer Alfred Grünebaum
(Quelle: Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden Bd. I S. 210; H.
Schultheis Juden in Mainfranken S. 860 u.a.; W. Steinhauser passim;
ergänzende und die anderen Quellen teilweise korrigierenden Informationen von
Elisabeth Böhrer).
| Lehrer Alfred Grünebaum ist am 22. Juni
1909 in Sulzbürg (Oberpfalz)
geboren. Er ließ sich von 1923 bis 1929 an der Israelitischen
Lehrerbildungsanstalt in Würzburg zum Lehrer ausbilden. Er war von Juni
1930 bis Mai 1935 Lehrer in Obbach, und übernahm
1935
die Lehrerstelle in Prichsenstadt als Nachfolger von Lehrer Salomon
Bierschild. Dabei nahm er auch Rabbinerfunktionen wahr. Beim
Novemberpogrom 1938 wurde er festgenommen; seine Wohnung wurde demoliert.
Im Februar 1939 zog er - vermutlich nach Entlassung aus dem KZ - mit
seiner Ehefrau Irma (geb. 25. Januar 1913 in Obbach) und dem am 22. Januar 1937
geborenen Sohn Joachim nach Würzburg und emigrierte einen Monat später
nach Palästina. |
Berichte zu
einzelnen Personen aus der Gemeinde
A. Reich lässt eine neue Torarolle schreiben (1904)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Februar 1904: "Prichsenstadt
(Unterfranken) (Hebräisch und deutsch:) Jeder Jehudi ist verpflichtet,
sich eine Sefer Tora schreiben zu lassen oder besser, sich selbst ein
Sefer zu schreiben. Zu den seltenen Mizwot gehört wohl diese, und dennoch
wird sie hie und da doch noch erfüllt. So hat z.B. der in diesen
Blättern durch seine große Wohltätigkeit bekannte Herr A. Reich in
Prichsenstadt anlässlich seiner Wiedergenesung von einer schweren
Krankheit eine Sefer Thora schreiben lassen, die Schabbat Tissa (5.
März 1904) eingeweiht wird. Merkwürdig ist, dass mit dieser Einweihung
einer Torarolle auch das Bar Mizwa seines jüngsten Sohnes
stattfindet, und hat Herr Rabbiner Dr. Stein- Schweinfurt
bereits seine Anwesenheit zugesagt. Das Sefer, wunderschön geschrieben,
ist eine Arbeit des bekannten Sofer Herrn Levi - Altengronau." |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeige des Versand-Geschäftes Jacob Hahn
(1893)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Oktober 1893:
"Günstig für Damen.
Für 68 Mark versende franco ganz Deutschland
die berühmte Kaiser-Nähmaschine mit Verschlusskasten für Hand- und
Fußbetrieb eingerichtet.
Jacob Hahn, Versand-Geschäft.
Prichsenstadt i.
Bayern. 2 Jahre Garantie 30 % billiger als jede Konkurrenz". |
Zur Geschichte der Synagoge
Ein Betsaal dürften sich die jüdischen Familien bereits seit
dem 15./17. Jahrhundert eingerichtet haben. Wann eine erste Synagoge erbaut
wurde, ist nicht bekannt. Nachzuweisen ist eine Synagoge ("Judeschul")
seit 1835. Sie befand sich im Gebäude mit der Nr. 55, vermutlich in der
Badgasse. Diese Synagoge wurde 1898 abgebrochen.
Bis zur Einweihung der neuen Synagoge wurden die Gottesdienste im früheren
Tanzsaal des 1881 eingegangenen Gasthauses "Zum Freihof" abgehalten.
Das Anwesen war von der jüdischen Familie Frank gekauft worden. Der Bau einer
neuen Synagoge war für die jüdischen Familien kein einfaches finanzielles
Unternehmen. 1890 war ein Baufonds gegründet worden. In den nächsten 19 Jahren
wurden darin Gelder zum Bau angespart; 2.600 Mark erhielt die Gemeinde über
eine in bayrischen Gemeinden durchgeführte Kollekte.
1911/12 wurde die Synagoge neu erbaut und am 30. und 31. August dieses Jahres durch den Schweinfurter Bezirksrabbiner Dr. Stein
eingeweiht:
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. September
1912: "Die Einweihung der neu erbauten Synagoge in Prichsenstadt
(Unterfranken) fand am 30. und 31. August statt. Am ersten Tage
nachmittags halb 3 Uhr war Abschiedsgottesdienst in dem bisherigen Betsaal
(Freihof), abends 7 Uhr Eröffnungsgottesdienst in der neuen Synagoge. Am
zweiten Tage früh fand Hauptgottesdienst mit Predigt, nachmittags
Konzert, abends Festball statt." |
Letztes besondere Ereignis in der Synagogengeschichte in
Prichsenstadt war der 22. August 1937, als die Gemeinde das 25jährige
Bestehen der Synagoge feiern konnte. Darüber liegt folgender Bericht vor.
Bericht
in der "Bayrischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15.
September 1937: "Prichsenstadt.
Am Sonntag, den 22. August 1937, waren es 25 Jahre,
dass die Synagoge in Prichsenstadt ihre Einweihung durch den damaligen
Bezirksrabbiner Dr. Stein, Schweinfurt, gefunden hat. Das Jahr der
Wiederkehr des 25. Jubiläums wurde trotz der Schwere dieser Zeit
feierlich im bescheidenen Maße begangen. In der geschmückten Synagoge
versammelten sich die Mitglieder der Kultusgemeinde Prichsenstadt und die
aus den Nachbargemeinden erschienenen Ehrengäste. Nach dem Mincha-Gebet
und dem Gesang des Boruch haboh begrüßte Herr Kultusvorstand
Moritz Hahn den Bezirksrabbiner, die Ehrengäste und die Gemeinde.
Hierauf hielt Herr Bezirksrabbiner Dr. Köhler, Schweinfurt die Festrede.
In seiner Predigt gedachte er der Männer, die in schwerer Zeit mit
jüdischem Opfersinn die Grundlage zum Bau und zur Weihe des Gotteshauses
gegeben haben. Er gedachte außerdem der schweren Zeiten, die die Gemeinde
Prichsenstadt und auch die gesamte Judenheit in diesen 25 Jahren und auch
heute in der Gegenwart erlebt hat. Er ermahnte die Gemeinde, gerade jetzt
treu zusammenzustehen und alle Kräfte zu entfalten, um trotz
Existenzrückgang und Auswanderung die Gemeinde und ihre heiligen
Institutionen zu erhalten. Nachdem sprach noch Herr Lehrer Grünebaum, der
die Gefühle der Gemeinde Prichsenstadt zum Ausdruck brachte. Mit
erhebendem Gesange, an dem sich außer Herrn Lehrer Grünebaum noch Herr
Louis Frank beteiligte, schloss die würdige Feier." |
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Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. September 1937: "Prichsenstadt,
23. August (1937). Am Sonntag, den 22. August, fand in der Synagoge in
Prichsenstadt (Unterfranken) anlässlich des 25-jährigen Bestehens
derselben eine kleine Jubiläumsfeier statt. Das Gotteshaus war einfach,
aber geschmackvoll von den Damen der Gemeinde geschmückt, die sich auch
im Bewirten der Ehrengäste, die aus den Nachbargemeinden erschienen
waren, rühmlichst hervortaten. Nachdem der Vorstand, Herr Moritz Hahn II,
die erschienenen Gäste begrüßt hatte, hielt der Herr Bezirksrabbiner
Dr. Koehler die Festrede. Er erinnert die jetzige Generation an den
Opfergeist der Alten und wünschte, dass der gleiche Geist noch heute
leben möge. Herr Lehrer Grünebaum, Prichsenstadt, hob in seiner
Festansprache hervor, dass es der alte unverwüstliche Optimismus unseres
Volkes ist, der uns auch heute noch beseelt, dass wir die Kraft haben, in
so schwerer Zeit zu feiern. Die Feier war umrahmt von
Psalmgesängen." |
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der
Synagoge vernichtet. Eigentlich sollte das Gebäude niedergebrannt werden, doch
der Bürgermeister, der zugleich Ortsgruppenleiter der NSDAP war, wehrte sich
gegen eine Inbrandsetzung mit dem Hinweis, darin ein HJ-Heim einrichten zu
können. Die Zerstörung der Inneneinrichtung wurde gemeinsam von SA-Leuten und
einheimischen Bewohnern vorgenommen. Dabei wurden die gesamte Inneneinrichtung
und die Ritualien auf die Straße geschleppt, vor dem Rathaus aufgehäuft und
angezündet. Die Frau des jüdischen Lehrers wurde gezwungen, eine Torarolle in
die Flammen zu werden, eine andere jüdische Frau und ihre Kinder mussten die
Trümmer beseitigen.
Das Gebäude der Synagoge (Doppelgebäude mit jüdischem Schulhaus) blieb nach
1945 erhalten und wurde zu einem bis
heute stehenden Wohnhaus umgebaut.
Adresse/Standort der Synagoge: Freihofgasse 2
Fotos
Historisches
Darstellung,
Dokument und Fotos
(Quelle: Werner Steinhauser, s.Lit. S. 77-78.81.105) |
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Die Prichsenstädter
Synagoge im Jahr 1912 (Rekonstruktion) |
Programm zur
Einweihung der Synagoge am 30./31. August 1912 |
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| Zustand der
Prichsenstädter Synagoge in den Jahren 1949/1950 |
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Das ehemalige
Synagogengebäude 2004
(Fotos: Jürgen Hanke, Kronach, aus: www.synagogen.info) |
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2003: Ausstellung
"Juden in und um Prichsenstadt"
(Quelle: Seite
des CSU-Ortsverbandes Prichsenstadt) |
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Werner Steinhauser
gibt Erläuterungen zu jüdischen Gebräuchen und zu einer 2003 von ihm
erstellten Ausstellung
"Juden in und um Prichsenstadt" |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Germania Judaica III,2 S. 1154-1155. |
 | Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die
jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979
S. 386-387. |
 | Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in
Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische
Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 103-104. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany -
Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 539-540.
|
 | Werner
Steinhauser: Juden in und um Prichsenstadt: Prichsenstadt,
Altenschönbach, Brünnau, Kirchschönbach, Järkendorf. Prichsenstadt 2002.
Anfragen/Bestellungen über den Verfasser (E-Mail). |
 | Dirk Rosenstock: Die unterfränkischen
Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche
Quelle. Reihe: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13.
Würzburg 2008. S. 133-134.
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Prichsenstadt Lower Franconia.
Jews were present in 1462 and were living under various letters of protection
from 1528. They numbered 74 in 1880 (total 761), and 53 in 1911. Sixteen left up
to early 1938. On Kristallnacht (9-10 November 1938), the synagoge was
vandalized and religious articles set on fire in the street. The Jews were then
forced to sell their homes and reside in a single house. By 1941 another 17 had
left. Of the remaining ten, seven were deported to Izbica in the Lublin district
(Poland) via Wuerzburg on 25 April 1942 and three to the Theresienstadt ghetto
on 23 September.

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