Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Prichsenstadt (Kreis Kitzingen)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde  
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen     
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen  
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)         
    
In Prichsenstadt bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938/42. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 15./17. Jahrhunderts zurück. 1421 werden erstmals Juden genannt. 1434 zahlten ein oder mehrere Juden der Stadt zusammen 9 Gulden Reichssteuer. 1462 wurden mehrere jüdische Personen durch den Würzburger Bischof Johann von Grumbach inhaftiert. Er erlangte dadurch von ihnen die Zahlung eines Geldbetrages. 1469 lebten in Prichsenstadt acht erwachsene erwerbstätige Juden, vermutlich mit ihren Familien. 1469 und 1489 werden Juden aus Prichsenstadt in Nürnberg genannt. 
  
Auch im 16. und 17. Jahrhundert sind einzelne Juden in der Stadt. 1511 wurden durch den Markgrafen Friedrich Juden in Prichsenstadt aufgenommen; Schutzbriefe sind auch aus den Jahren 1529, 1530, 1532 und 1537 bekannt. 1664 wird die Frau des Benedikt Moses aus Prichsenstadt im Wildbad Castell genannt. 1698-1699 war Thomas Burkholz zu Castell bei Salomon Jud von Prichsenstadt verschuldet. 1714 sind zwei jüdische Familie in der Stadt. 
  
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1816 39 jüdische Einwohner (4,1 % von insgesamt 949), 1837 50 (5,2 % von 970), 1867 49 (6,0 % von 812), 1880 74 (9,7 % von 761), 1900 54 (7,7 % von 701), 1910 72 (9,7 % von 742). 
   
Bei der Erstellung der Matrikellisten 1817 werden in Prichsenstadt auf insgesamt zehn Matrikelstellen (einschließlich eines Nachtrages von 1821) die folgenden jüdischen Familienvorstände genannt (mit neuem Familiennamen und Erwerbszweig): Abraham Laemlein Haas (Schnitt- und Viehhandel), Anschel Haium Heimann (Viehhandel und Schmusen), Berez Baruch Frank (Viehhandel), Hirsch Oscher Fleischmann (Viehhandel), Hirsch Salomon Rosenthal (Schnitthandel), Jacob Oscher Fleischmann (Schmusen, Viehhandel), Löw Isaac Reichmann (Schullehrer und Vorsinger), Machol Maier Gutmann (Ellenhandel), Isaac Löwenberg (Feldbau, seit 1821).    
  
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule und ein rituelles Bad. Die Toten der Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof in Gerolzhofen beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Religionslehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet wirkte (Ausschreibungstexte und einzelne Namen der Lehrer siehe unten). Der erste bekannte Lehrer war der in der Matrikelliste 1817 (s.o.) aufgeführte "Schullehrer und Vorsinger" Löw Isaac Reichmann. Solange die jüdische Nachbargemeinde Kirchschönbach noch einige schulpflichtige Kinder hatte (vermutlich bis Ende des 19. Jahrhunderts), war die Stelle als "Religionslehrerstelle Prichsenstadt-Kirchschönbach" ausgeschrieben (in den unten wiedergegebenen Ausschreibungen noch 1878), danach erfolgte die Anstellung allein durch die jüdische Gemeinde Prichsenstadt. Die Gemeinde gehörte zum Distriktsrabbinat Schweinfurt.  
   
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Leutnant Paul Strauss (geb. 11.12.1889 in Prichsenstadt, vor 1914 in Nürnberg wohnhaft, gef. 1.9.1914), Gefreiter Isaak Löwenberger (geb. 30.6.1881 in Prichsenstadt, gef. 25.12.1914), Max Löwenberger (geb. 22.2.1872 in Prichsenstadt, gef. 7.10.1919), Unteroffizier Otto Hahn (geb. 8.3.1893 in Prichsenstadt, gest. an der Kriegsverletzung 17.2.1920) und Vizefeldwebel Siegfried Hahn (geb. 9.1.1892 in Prichsenstadt, vor 1914 in Nürnberg wohnhaft, gef. 16.2.1916). Ihre Namen stehen auf den Tafeln der Kriegergedächtnisstätte für die Gefallenen der Weltkriege am beziehungsweise im örtlichen Friedhof.  
   
Um 1924, als noch 61 jüdische Gemeindeglieder gezählt wurden (7,62 % von insgesamt etwa 800), waren die Vorsteher der Gemeinde Abraham Hahn und Simon Oppenheimer. Als Lehrer und Kantor wirkte Salomon Bierschild. Er war bereits seit 1902 in der Gemeinde tätig (siehe Bericht unten). 1924 erteilte er vier jüdischen Kindern am Ort den Religionsunterricht. 1932 waren Abraham Hahn und Simon Oppenheimer weiterhin Gemeindevorsteher; letzterer ist als "Schriftführer und Schatzmeister" eingetragen. Lehrer Salomon Bierschild unterrichtete im Schuljahr 1931/32 fünf Kinder.   
   
1933 lebten noch 53 jüdische Personen in Prichsenstadt (7,4 % von insgesamt 714). Unter den Juden gab es damals elf Viehhändler, zwei Tuchhändler, zwei Metzger, sechs Arbeiter und einen Lehrer (auf Lehrer Salomon Bierschild folgte als letzter Lehrer der Gemeinde noch Alfred Grünebaum). 1934 wurde ein jüdischer Einwohner verhaftet und in das KZ Dachau gebracht. Bis November 1938 verließen auf Grund der zunehmenden Repressionen und der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts 16 der jüdischen Einwohner die Stadt, zogen in andere Orte oder wanderten aus (sieben in die USA, drei nach Palästina). Beim Novemberpogrom 1938 kamen SA-Leute in Zivil nach Prichsenstadt; städtische Beamte unter Leitung des Bürgermeisters durchsuchten die jüdischen Häuser unter dem Vorwand, nach Waffen und antinationalsozialistischer Literatur zu fahnden. Die Synagogeneinrichtung wurde vollkommen zerstört (s.u.). Sechs jüdische Einwohner wurden festgenommen, ins Rathaus und von dort auf einem Lastauto in das Gefängnis nach Gerolzhofen gebracht. Zwei von ihnen wurden wenig später in das KZ Dachau eingeliefert. Die noch in Prichsenstadt wohnenden Juden mussten ihre Häuser verkaufen und zusammen in ein einziges Haus ziehen. Bis September 1941 verließen 17 von den 27 in Prichsenstadt noch lebenden jüdischen Einwohnern die Stadt. Im Frühjahr 1942 lebten noch zehn jüdische Personen in der Stadt. Sieben wurden am 22./25. April über Würzburg nach Izbica bei Lublin/Polen deportiert. Die letzten drei wurden am 2. September 1942 über Würzburg in das Ghetto Theresienstadt gebracht. 
    
Von den in Prichsenstadt geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):  Sophie Benjamin geb. Frank (1884), Ida Eigner geb. Reich (1886), Frieda Fleischmann geb. Strauss (1895), Inge Fleischmann (1924), Max Fleischmann (1892), Otto Fleischmann (1879), Trude Fleischmann (1927), Bernhard Frank (1865), Bertha Frank geb. Fleischmann (1870), Leopold Frank (1873), Ludwig Haas (1871), Ilse Jette Hahn (1922), Julie Hahn geb. Frank (1875), Moritz Hahn (1876), Sofie Herz geb. Haas (1866), Therese Kälbermann geb. Frank (1871), Berta Künstler (1901), Gretchen Künstler geb. Silbermann (1877), Helene Künstler geb. Maier (1908), Justin Künstler (1911), Pauline Künstler (1870), Martha Löwenberger geb. Schülein (1884), Aron Mandelbaum (1868), Max Meier Mandelbaum (1863), Malchen Neumann geb. Hahn (1870), Raphael Oppenheimer (1898), Grete (Gretchen) Reich geb. Schönwalder (1896), Willy Reich (1922), Heinz Schwarz (1931), Moses Strauss (1877). 
   
Prichsenstadt Aufbau 07101947.jpg (26720 Byte)Hinweis: der in einigen Listen genannte Otto Siegfried Hahn (1923) hat nach der Deportation Riga und Stutthof überlebt und ist - nach kurzzeitiger Rückkehr nach Prichsenstadt nach Kriegsende - wenig später in die USA (New York) ausgewandert. Hier heiratete er (nach der Verlobung am 4. Oktober 1947, siehe Anzeige aus dem "Aufbau" vom 7. Oktober 1947 links) die Erlangerin Marga geb. Loewi, die gleichfalls Jungfernhof, Riga und Stutthof überlebt hatte. 
Quelle: Buch der Erinnerung. Die ins Baltikum deportierten deutschen, österreichischen und tschechoslowakischen Juden. 2003. S. 565 werden Otto Hahn und Marga Loewi als Überlebende genannt (Link zur Seite). 
Die Informationen hierzu und die Anzeige erhielten wir von Christof P.A. Eberstadt, Erlangen.    
  
Eine Gedenktafel zur Erinnerung an die frühere jüdische Gemeinde ist an der Mauer des christlichen Friedhofes angebracht: "Die Stadt Prichsenstadt gedenkt ihrer ehemaligen jüdischen Mitbürger - Zur Erinnerung und Mahnung". 
   
   
   
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
  
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibungen der Lehrerstelle 1870 / 1878 / 1894 / 1902

Vor 1870 sind an Namen der Lehrer bekannt: um 1799 Moses Bär, um 1801 Isaak Falk, um 1814 Löw Reichmann, um 1853 Nathan Reichmann, um 1861 Heumann (Heinemann) Mandelbaum
Prichsenstadt Israelit 29061870.jpg (53229 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Juni 1870: "Offene Religionslehrerstelle. Die kombinierte israelitische Religionslehrerstelle Prichsenstadt-Kirchschönbach verbunden mit Vorsänger- und Schächterfunktion ist erledigt. 
Gehalt 200 Gulden fixe, 100 Gulden Schächterertrag, 100 Gulden Nebeneinkünfte nebst 2 Klafter hartes Holz und freie Wohnung. Bewerber wollen sich unter Beilegung ihrer Zeugnisse franco an den Unterzeichneten wenden. 
Prichsenstadt in Unterfranken (Bayern), den 16. Juni 1870.  J. Strauss". 
   
Prichsenstadt Israelit 10041878.jpg (46588 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. April 1878: "Die hiesige israelitische Religionsschul-, Vorsänger- und Schächterstelle ist in Erledigung gekommen. Dieselbe hat einen fixen Gehalt (inkl. Holz) von RM 585,71 Pf., für Gebühren der Schächterfunktion RM 100.-, an Nebenverdienste RM 300.- nebst freier Wohnung. 
Auch ist weiter Gelegenheit zum Privatunterricht geboten. Bewerber um obige Stelle belieben ihre Gesuche bis längstens den 30. April dieses Jahres an Unterzeichneten zu stellen. 
Prichsenstadt (Unterfranken), 31. März 1878. Jacob Fleischmann, Kultusvorstand". 
Vor 1894 (vielleicht bereits seit 1878) war Abraham Schwarz als Lehrer in der Gemeinde tätig.    
Prichsenstadt Israelit 12041894.jpg (51677 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. April 1894
"In unterfertigter Kultusgemeinde ist per 1. Juli dieses Jahres die Stelle eines Religionslehrers, verbunden mit Vorbeterdienst und Schächterfunktion erledigt. 
Es beträgt der Gehalt bei freier Wohnung  600 Mk., fixierte Nebenbezüge 150 Mk., Schächterfunktion 150 Mk., diverser nicht garantierter Nebenverdienst 200 Mk., Summe 1.100 Mk. 
Nur seminaristisch gebildete Herren und Inländer werden berücksichtig. 
Es ist auch Gelegenheit geboten, eine Nebenfiliale zu erhalten.
 Bewerber wollen baldigst ihre Offerten einreichen. 
Prichsenstadt, 7. April (1894). 
A. Hahn, Kultus-Vorstand". 

Anmerkung: Auf diese Anzeige hin bewarb sich erfolgreich Moses Herz, der bis 1897 in der Gemeinde blieb und danach von Bernhard Oppenheimer abgelöst wurde.
 
Prichsenstadt Israelit 20021902.jpg (47538 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Februar 1902: "In unterfertigter Gemeinde ist die Stelle eines Religionslehrers, verbunden mit Vorbeter- und Schächterfunktion erledigt. M. 600 fester Gehalt mit ca. 400 M. Nebeneinkommen. Bewerber wollen sich mit Einsendung von Zeugnissen etc. melden. 
Prichsenstadt, 16. Februar. A. Hahn, Vorstand."

Anmerkung: Auf diese Ausschreibung hin bewarb sich Salomon Bierschild, der von nun an bis in die 1930er-Jahre als Lehrer in der Gemeinde wirkt. 

   
Lob des Lehrers Herz, der als Vorbeter bei der Einweihung der Synagoge in Nenzenheim wirkte (Ende 1895) 

Nenzenheim Mfr Israelit 02011896.jpg (67772 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Januar 1896: "Der Bericht in Nr. 96 Ihres geschätzten Blattes über die Synagogeneinweihung in Nenzenheim bedarf noch einer Ergänzung dahin, dass sämtliche Gesänge bei der Feier wie Mismor LeTora, Ma Towu, Ein kemocha, Seu Schearim etc. etc. von Herrn Lehrer N. Herz in Prichsenstadt vorgetragen wurden. Herr Herz entledigte sich seiner Aufgabe so vorzüglich, dass Herr Bezirksamtmann von Schönfeld, der als Ehrengast der Feier beiwohnte, nach Beendigung derselben sich Herrn Herz in Gegenwart der ganzen Versammlung durch den Kultusvorstand Herrn Hahn vorstellen ließ und seine vollste Anerkennung über den vorzüglich geschulten Gesang ausdrückte. Auch Herr Distriktsrabbiner Adler, Kitzingen, äußerte sich lobenswert darüber. Nicht minder wurde Herrn Jerz von den meisten Anwesenden, Juden und Nichtjuden allgemeines Lob gespendet."

 
Jubiläum des Lehrers Salomon Bierschild (1927)

Prichsenstadt Israelit 12051927.jpg (95277 Byte)Bericht in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Mai 1927: "Prichsenstadt, 27. April (1927). Anfang dieses Monats konnte der in seiner Gemeinde, bei Kollegen und Bekannten beliebte und geachtete Lehrer Salomon Bierschild auf eine 25jährige Tätigkeit in der israelitischen Kultusgemeinde Prichsenstadt zurückblicken. Trotzdem sich der Jubilar gegen eine Feier ausgesprochen hatte, ließ es sich die Gemeinde nicht nehmen, den Ehrentag ihres Lehrers und Führers wenigstens in einfacher Weise festlich zu begehen. Kultusvorstand A. Hahn brachte in treffenden Worten die Anerkennung und Verehrung der Gemeinde zum Ausdruck, worauf Lehrer Bierschild herzlich dankte. Als Zeichen der Dankbarkeit und Anhänglichkeit überreichte die Kultusgemeinde ein ebenso hübsches wie praktisches Geschenk. Von vorgesetzter Stelle wurden dem Jubilar ebenfalls warme, ehrende Worte zuteil, welche die Tüchtigkeit des Lehrers, seine gewissenhafte, verständnisvolle und aufopfernde Tätigkeit rühmten. Lehrer Bierschild ist mit seinem traditionell gewählten Beruf (Vater und Großvater waren ebenfalls Lehrer) eng verwachsen und übt denselben mit vorbildlicher Gewissenhaftigkeit aus. Möge es ihm vergönnt sein, seine ihm liebgewordenen Pflichten noch lange erfüllen zu können zur eigenen Genugtuung, zum Segen der Jugend und zum Heile des Judentums". 
   
Prichsenstadt BayrGZ 23051927.jpg (63041 Byte)Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 23. Mai 1927: "25jähriges Ortsjubiläum. Prichsenstadt. Dieser Tage konnte der in seiner Gemeinde, bei Kollegen und Vorgesetzten sehr beliebte und geachtete Lehrer Salomon Bierschild auf eine 25jährige Tätigkeit zurückblicken. Dem Wunsche des Jubilars Rechnung tragend, sah die Gemeinde von einer größeren Feier ab und beging den Ehrentag ihres Lehrers und Führers in schlichter Weise. Kultusvorstand A. Hahn brachte in der Synagoge nach dem Morgengottesdienste dem Jubilar die Anerkennung der Gemeinde zum Ausdruck, worauf Lehrer Bierschild herzlich dankte. Auch von der vorgesetzten Stelle wurden dem Gefeierten warme ehrende Worte zuteil. Sein ersprießliches Wirken wurde ganz besonders anerkannt. Als Zeichen der Dankbarkeit und Anhänglichkeit ließ die Kultusgemeinde ein ebenso hübsches wie praktisches Geschenk überreichen."

  
Über Lehrer Alfred Grünebaum  
(Quelle: Strätz, Biographisches Handbuch Würzburger Juden Bd. I S. 210; H. Schultheis Juden in Mainfranken S. 860 u.a.; W. Steinhauser passim; 
ergänzende und die anderen Quellen teilweise korrigierenden Informationen von Elisabeth Böhrer). 

Lehrer Alfred Grünebaum ist am 22. Juni 1909 in Sulzbürg (Oberpfalz) geboren. Er ließ sich von 1923 bis 1929 an der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt in Würzburg zum Lehrer ausbilden. Er war von Juni 1930 bis Mai 1935 Lehrer in Obbach, und übernahm 1935 die Lehrerstelle in Prichsenstadt als Nachfolger von Lehrer Salomon Bierschild. Dabei nahm er auch Rabbinerfunktionen wahr. Beim Novemberpogrom 1938 wurde er festgenommen; seine Wohnung wurde demoliert. Im Februar 1939 zog er - vermutlich nach Entlassung aus dem KZ - mit seiner Ehefrau Irma (geb. 25. Januar 1913 in Obbach) und dem am 22. Januar 1937 geborenen Sohn Joachim nach Würzburg und emigrierte einen Monat später nach Palästina. 

      
      
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde 
A. Reich lässt eine neue Torarolle schreiben (1904)
  

Prichsenstadt Israelit 25021904.jpg (96797 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Februar 1904: "Prichsenstadt (Unterfranken) (Hebräisch und deutsch:) Jeder Jehudi ist verpflichtet, sich eine Sefer Tora schreiben zu lassen oder besser, sich selbst ein Sefer zu schreiben. Zu den seltenen Mizwot gehört wohl diese, und dennoch wird sie hie und da doch noch erfüllt. So hat z.B. der in diesen Blättern durch seine große Wohltätigkeit bekannte Herr A. Reich in Prichsenstadt anlässlich seiner Wiedergenesung von einer schweren Krankheit eine Sefer Thora schreiben lassen, die Schabbat Tissa (5. März 1904) eingeweiht wird. Merkwürdig ist, dass mit dieser Einweihung einer Torarolle auch das Bar Mizwa seines jüngsten Sohnes stattfindet, und hat Herr Rabbiner Dr. Stein- Schweinfurt bereits seine Anwesenheit zugesagt. Das Sefer, wunderschön geschrieben, ist eine Arbeit des bekannten Sofer Herrn Levi - Altengronau."   

     
     
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen  
Anzeige des Versand-Geschäftes Jacob Hahn (1893)  

Prichsenstadt Israelit 26101893.jpg (43511 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Oktober 1893: 
"Günstig für Damen. 
Für 68 Mark versende franco ganz Deutschland die berühmte Kaiser-Nähmaschine mit Verschlusskasten für Hand- und Fußbetrieb eingerichtet. 
Jacob Hahn
, Versand-Geschäft. 
Prichsenstadt i. Bayern.  2 Jahre Garantie  30 % billiger als jede Konkurrenz". 

      
      
      
Zur Geschichte der Synagoge               
      
Ein Betsaal dürften sich die jüdischen Familien bereits seit dem 15./17. Jahrhundert eingerichtet haben. Wann eine erste Synagoge erbaut wurde, ist nicht bekannt. Nachzuweisen ist eine Synagoge ("Judeschul") seit 1835. Sie befand sich im Gebäude mit der Nr. 55, vermutlich in der Badgasse. Diese Synagoge wurde 1898 abgebrochen. 
Bis zur Einweihung der neuen Synagoge wurden die Gottesdienste im früheren Tanzsaal des 1881 eingegangenen Gasthauses "Zum Freihof" abgehalten. Das Anwesen war von der jüdischen Familie Frank gekauft worden. Der Bau einer neuen Synagoge war für die jüdischen Familien kein einfaches finanzielles Unternehmen. 1890 war ein Baufonds gegründet worden. In den nächsten 19 Jahren wurden darin Gelder zum Bau angespart; 2.600 Mark erhielt die Gemeinde über eine in bayrischen Gemeinden durchgeführte Kollekte. 

1911/12 wurde die Synagoge neu erbaut und am 30. und 31. August dieses Jahres durch den Schweinfurter Bezirksrabbiner Dr. Stein eingeweiht: 

Prichsenstadt AZJ 11091912.jpg (34096 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. September 1912: "Die Einweihung der neu erbauten Synagoge in Prichsenstadt (Unterfranken) fand am 30. und 31. August statt. Am ersten Tage nachmittags halb 3 Uhr war Abschiedsgottesdienst in dem bisherigen Betsaal (Freihof), abends 7 Uhr Eröffnungsgottesdienst in der neuen Synagoge. Am zweiten Tage früh fand Hauptgottesdienst mit Predigt, nachmittags Konzert, abends Festball statt." 

Letztes besondere Ereignis in der Synagogengeschichte in Prichsenstadt war der 22. August 1937, als die Gemeinde das 25jährige Bestehen der Synagoge feiern konnte. Darüber liegt folgender Bericht vor.

Prichsenstadt Bayr 15091937.jpg (88071 Byte)Bericht in der "Bayrischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15. September 1937: "Prichsenstadt.  
Am Sonntag, den 22. August 1937, waren es 25 Jahre, dass die Synagoge in Prichsenstadt ihre Einweihung durch den damaligen Bezirksrabbiner Dr. Stein, Schweinfurt, gefunden hat. Das Jahr der Wiederkehr des 25. Jubiläums wurde trotz der Schwere dieser Zeit feierlich im bescheidenen Maße begangen. In der geschmückten Synagoge versammelten sich die Mitglieder der Kultusgemeinde Prichsenstadt und die aus den Nachbargemeinden erschienenen Ehrengäste. Nach dem Mincha-Gebet und dem Gesang des Boruch haboh begrüßte Herr Kultusvorstand Moritz Hahn den Bezirksrabbiner, die Ehrengäste und die Gemeinde.   
Hierauf hielt Herr Bezirksrabbiner Dr. Köhler, Schweinfurt die Festrede. In seiner Predigt gedachte er der Männer, die in schwerer Zeit mit jüdischem Opfersinn die Grundlage zum Bau und zur Weihe des Gotteshauses gegeben haben. Er gedachte außerdem der schweren Zeiten, die die Gemeinde Prichsenstadt und auch die gesamte Judenheit in diesen 25 Jahren und auch heute in der Gegenwart erlebt hat. Er ermahnte die Gemeinde, gerade jetzt treu zusammenzustehen und alle Kräfte zu entfalten, um trotz Existenzrückgang und Auswanderung die Gemeinde und ihre heiligen Institutionen zu erhalten. Nachdem sprach noch Herr Lehrer Grünebaum, der die Gefühle der Gemeinde Prichsenstadt zum Ausdruck brachte. Mit erhebendem Gesange, an dem sich außer Herrn Lehrer Grünebaum noch Herr Louis Frank beteiligte, schloss die würdige Feier."
   
Prichsenstadt Israelit 02091937.jpg (100596 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. September 1937: "Prichsenstadt, 23. August (1937). Am Sonntag, den 22. August, fand in der Synagoge in Prichsenstadt (Unterfranken) anlässlich des 25-jährigen Bestehens derselben eine kleine Jubiläumsfeier statt. Das Gotteshaus war einfach, aber geschmackvoll von den Damen der Gemeinde geschmückt, die sich auch im Bewirten der Ehrengäste, die aus den Nachbargemeinden erschienen waren, rühmlichst hervortaten. Nachdem der Vorstand, Herr Moritz Hahn II, die erschienenen Gäste begrüßt hatte, hielt der Herr Bezirksrabbiner Dr. Koehler die Festrede. Er erinnert die jetzige Generation an den Opfergeist der Alten und wünschte, dass der gleiche Geist noch heute leben möge. Herr Lehrer Grünebaum, Prichsenstadt, hob in seiner Festansprache hervor, dass es der alte unverwüstliche Optimismus unseres Volkes ist, der uns auch heute noch beseelt, dass wir die Kraft haben, in so schwerer Zeit zu feiern. Die Feier war umrahmt von Psalmgesängen."   

Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge vernichtet. Eigentlich sollte das Gebäude niedergebrannt werden, doch der Bürgermeister, der zugleich Ortsgruppenleiter der NSDAP war, wehrte sich gegen eine Inbrandsetzung mit dem Hinweis, darin ein HJ-Heim einrichten zu können. Die Zerstörung der Inneneinrichtung wurde gemeinsam von SA-Leuten und einheimischen Bewohnern vorgenommen. Dabei wurden die gesamte Inneneinrichtung und die Ritualien auf die Straße geschleppt, vor dem Rathaus aufgehäuft und angezündet. Die Frau des jüdischen Lehrers wurde gezwungen, eine Torarolle in die Flammen zu werden, eine andere jüdische Frau und ihre Kinder mussten die Trümmer beseitigen. 
    
Das Gebäude der Synagoge (Doppelgebäude mit jüdischem Schulhaus) blieb nach 1945 erhalten und wurde zu einem bis heute stehenden Wohnhaus umgebaut. 
    
    
Adresse/Standort der SynagogeFreihofgasse 2        
    
    
Fotos   

 Historisches Darstellung, 
Dokument und Fotos
 
(Quelle: Werner Steinhauser, s.Lit. 
S. 77-78.81.105)
Prichsenstadt Synagoge 022.jpg (67275 Byte) Prichsenstadt Synagoge 024.jpg (31786 Byte) Prichsenstadt Synagoge 023.jpg (47744 Byte)
   Die Prichsenstädter Synagoge im Jahr 1912
 (Rekonstruktion)
Programm zur Einweihung der Synagoge 
am 30./31. August 1912
   
Prichsenstadt Synagoge 026.jpg (73762 Byte) Prichsenstadt Synagoge 025.jpg (82790 Byte) Prichsenstadt Synagoge 027.jpg (92726 Byte)
Zustand der Prichsenstädter Synagoge in den Jahren 1949/1950
Das ehemalige Synagogengebäude 2004
(Fotos: Jürgen Hanke, Kronach, 
aus: www.synagogen.info
Prichsenstadt Synagoge 111.jpg (28592 Byte) Prichsenstadt Synagoge 110.jpg (30727 Byte)
     
     
2003: Ausstellung "Juden in 
und um Prichsenstadt"
(Quelle: Seite des CSU-Ortsverbandes
 Prichsenstadt
)
Prichsenstadt Ausstellung 01.jpg (69258 Byte)
  Werner Steinhauser gibt Erläuterungen zu jüdischen Gebräuchen und zu einer 2003 
von ihm erstellten Ausstellung "Juden in und um Prichsenstadt"

   
    

Links und Literatur

Links:

Website der Stadt Prichsenstadt  
Akten und Urkunden zur Geschichte der Juden in der Grafschaft Castell im Fürstlich Castell'schen Archiv   
Die Namen der Gefallenen des Ersten Weltkrieges auf der Liste des Hauses der Bayerischen Geschichte   

Literatur:  

Germania Judaica III,2 S. 1154-1155. 
Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979 S. 386-387.
Israel Schwierz:  Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 103-104. 
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany - Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 539-540.
Prichsenstadt Buch 01.jpg (45628 Byte)Werner Steinhauser: Juden in und um Prichsenstadt: Prichsenstadt, Altenschönbach, Brünnau, Kirchschönbach, Järkendorf. Prichsenstadt 2002. Anfragen/Bestellungen über den Verfasser (E-Mail).
Dirk Rosenstock: Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle. Reihe: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13. Würzburg 2008. S. 133-134.   

  
    


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Prichsenstadt Lower Franconia.  Jews were present in 1462 and were living under various letters of protection from 1528. They numbered 74 in 1880 (total 761), and 53 in 1911. Sixteen left up to early 1938. On Kristallnacht (9-10 November 1938), the synagoge was vandalized and religious articles set on fire in the street. The Jews were then forced to sell their homes and reside in a single house. By 1941 another 17 had left. Of the remaining ten, seven were deported to Izbica in the Lublin district (Poland) via Wuerzburg on 25 April 1942 and three to the Theresienstadt ghetto on 23 September. 
   
     

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 21. November 2013