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Bad Wildungen (Kreis
Waldeck-Frankenberg)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In dem früher zur Grafschaft, dann zum Fürstentum und
schließlich zum ehemaligen Freistaat Waldeck gehörenden Bad Wildungen bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938/39. Ihre Entstehung geht in das 19. Jahrhundert zurück, doch
lebten bereits in den Jahrhunderten davor immer wieder jüdische Personen am Ort.
Bereits im 15. Jahrhundert lebten einzelne Juden in der Stadt: 1424/25
sowie 1427/28 werden Juden genannt.
Danach gibt es erst im 18. Jahrhundert wiederum Nachweise für Juden in der Stadt. In
dieses Jahrhundert dürfte auch die Geschichte um die "Judenquelle" (siehe
unten) zu datieren seinen. Zunächst lebten nicht mehr als zwei bis drei
jüdische Familien in der Stadt.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie
folgt: 1802 drei jüdische Familien am Ort, 1826 29 jüdische Einwohner, 1847 24
(1,2 % von insgesamt 1.980 Einwohnern), 1871 66 (3,0 % von 2.180), 1880 77 (3,3
% von 2.340), 1895 60 (1,8 % von 3.237), 1905 111, 1910 119 (3,0 % von 3.960).
Eine jüdische Gemeinde konnte 1877 begründet werden.
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Max Rosenbusch (geb.
12.9.1889 in Bad Wildungen, gef. 10.3.1916). Außerdem sind gefallen: Gefreiter
Emanuel Höxter (geb. 9.11.1887 in Bad Wildungen, vor 1914 in Kassel wohnhaft,
gest. in Gefangenschaft am 21.8.1917) und Unteroffizier Martin Samuelson (geb.
24.12.1889 in Bad Wildungen, vor 1914 in Lehrte wohnhaft, gef.
19.10.1914).
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule
(Religionsschule), ein rituelles Bad und ein Friedhof. Zur Besorgung religiöser
Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und
Schochet tätig war.
Für die teilweise aus fernen Ländern nach Bad Wildungen kommenden jüdischen
Kurgäste gab es zwei streng koscher geführte Hotels: das "Hotel
Germania" von Gerson Krittenstein (gestorben 1928, siehe Todesanzeige
unten) in der Hufelandstraße 12 und das "Palasthotel" von Berthold
Baruch in der Brunnenallee 29. Das Hotel Baruch war von Joseph Baruch
(1837-1905) eröffnet worden. Dessen Vater Feibel Baruch war aus Mansbach
zugezogen. Hoch angesehen (vgl. Anzeige unten von 1903) war der Geheime
Sanitätsrat und Kreisphysikus Dr. Marc; nach ihm wurde eine Straße in Bad
Wildungen benannt (1938 durch die Nationalsozialisten in Goecke-Straße
umbenannt; heute besteht zur Erinnerung an den Arzt ein Dr. Marc-Turm).
Um 1924, als zur Gemeinde 152 Personen gehörten (2,8 % von insgesamt
5,396 Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Adolf Hammerschlag, Sally Hirsch
und Leopold Marx. Als Lehrer und Vorbeter war Jonas Hecht tätig. Er erteilte
damals 12 Kindern der Gemeinde Religionsunterricht. An jüdischen Vereinen
bestanden der Wohltätigkeitsverein ("Humanitätsverein") Chewra
Gemilus Chesed (gegründet 1902; 1924 unter Leitung von Isaak Hirsch mit 28
Mitgliedern; 1932 unter Leitung von Jonas Hecht mit 32 Mitglieder; Zweck und
Arbeitsgebiet: Unterstützung Hilfsbedürftiger und Kranker), der Israelitische
Frauenverein (Chebro Hanaschim, Frauenverein für wohltätige Zwecke,
gegründet 1879; 1924 unter Leitung von Mathilde Katz mit 20 Mitgliedern, 1932
unter Leitung von Frau I. Katz mit 30 Mitgliedern; Zweck und Arbeitsgebiet:
Unterstützung Hilfsbedürftiger und Kranker) und der Jüdische Jugendbund
(1924 unter Leitung von Jonas Hecht mit 20 Mitgliedern). 1932 waren die
Gemeindevorsteher Sally Hirsch (1. Vors.), Leopold Marx (2. Vors.) und Max
Oppenheimer (3. Vors.). Lehrer Jonas Hecht unterrichtete im Schuljahr 1931/32 14
Kinder in Religion.
1933 lebten 150 jüdische Personen in etwa 35 Familien in Bad Wildungen. In
den folgenden Jahren ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Ein erster Anschlag wurde
am 3. Februar 1933 auf das Haus des Kaufmanns Katz am Eselspfad verübt. Im März 1933
wurden alle männlichen Wildunger Juden über 16 Jahre zu einem Marsch durch die
Stadt gezwungen, bespuckt und zum Teil als "Mörder" beschimpft. Der
Marsch begann im Kurviertel und führte entlang der Brunnenallee zur
Altstadt. In den folgenden Jahren hielten sich die Nationalsozialisten am Ort
mit Rücksicht auf die ausländischen Kurgäste mit antijüdischen Aktionen
etwas zurück. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge zerstört (s.u.).
Jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden überfallen, geplündert und
zerstört, jüdische Personen teilweise schwer misshandelt. Die meisten
jüdischen Männer wurden wenig später in das KZ Buchenwald
verschleppt. Im Oktober/November 1939 wurden die letzten 40 jüdischen Einwohner
in Sammelunterkünfte nach Kassel zwangseingewiesen und von dort 1941/42 in drei
Transporten in Vernichtungslager verschleppt.
Von den in Bad Wildungen geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Rosalie Bachmann geb.
Baruch (1880), Berta Bär (1867) Hedwig Bär (1865), Liselotte Sophia Bär
(1929), Berthold Baruch (1877), Ferdinand Baruch (1871), Friedel (Feidel)
Baruch (1886), Klara Baruch geb. Flörsheim (1894), Ruth Baruch (1930), Helene
Berger geb. Bachrach (1870), Salomon Buchheim (1884), Arthur Flörsheim (1890),
Gisela Flörsheim (1888), Manfred Flörsheim (1903), Herta A, Frank geb. Hirsch
(1930), Rosel Grüneberg geb. Oppenheimer (1892), Siegmund Gutheim (1878),
Anschel Hammerschlag (1856), Edgar Hammerschlag (1922), Hermann Hammerschlag
(1894), Inge Hammerschlag (1931), Irene Hammerschlag geb. Vöhl (1903), Max
Hammerschlag (1889, Julia Hirtz (1900), Rika Höxter (1884), Sabine Isaak geb.
Flörsheim (1897), Rieka Jungheim (1891), Betti Katz geb. Plaut (1872), Ilse Katz
(1920), Iwan Katz (1933), Jakob Katz (1897), Johanna Katz geb. Leopold (1886),
Salomo(n) Katz (1871), Selma Katz geb. Mansbach (1905), Sofie Katz geb. Krittenstein (1906), Lina Krittenstein geb. Marx (1878),
Helene Külsheimer (1874), Berta Leiser geb. Lion
(1888), Leopold Leiser (1876), Ruth Leiser (1923), Salomo(n) Levi (1868), Sara
Levi geb. Katz (1871), Ella Löwenstern (19805), Max Löwenstern (1867),
Röschen Löwenstern geb. Samuel (1879), Guste(l) Mannheimer (1898), Herbert
Mannheimer (1927), Isaak Mannheimer (1885), Lane (Laura) Mannheimer (1938), Marga
(Margarethe) Mannheimer (1921), Eva Marx
(1879), Leopold Marx (1877), Max Marx (1906), Sidonie Meyer geb. Hirsch (1907),
Friedel Rotschild geb. Katz (1902), Isaak Samuel (1876), Edith Tobias (1921),
Erna Tromp geb. Goldschmidt (1913), Jenny Wallach (1857), Babette Wasservogel
geb. Fürstenheim (1867), Guido Willinger (1908), Käte Wolf geb. Hammerschlag
(1883).
Nach 1945 bestand für zwei bis drei Jahre eine kleine jüdische Gemeinde,
überwiegend aus Displaced Persons, die jedoch nach 1947/48 wieder die Stadt
verließen.
Zwischen November 2006 und April 2008 wurden in drei Verlegungsaktionen
insgesamt 75 "Stolpersteine" zur Erinnerung an die Opfer der
NS-Zeit aus Bad Wildungen verlegt. Ein weiterer "Stolperstein" soll
noch für Lane (Laura) Mannheimer, Tochter von Margarethe Mannheimer in der
Lindenstraße verlegt werden:
Link: Artikel
in HNA-Online vom 22. Februar 2012: "Ein Stolperstein fehlt noch".
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1884 /
1885
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Juli 1884: "Die
hiesige Lehrer-, Vorbeter- und Schächterstelle ist vakant und den 1.
Oktober dieses Jahres zu besetzen. Das Einkommen beträgt Mark 600 fix, außerdem
Nebenverdienst der Schechitah usw. 4-500 Mark. Hauptsächlich ein guter
Vorbeter wird gewünscht. Geeignete Bewerber wollen sich an den
unterzeichneten Vorstand wenden. Nur unverheiratete geborene Deutsche
werden berücksichtigt.
B. Baruch in Bad Wildungen." |
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Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Juni 1885: "Die
hiesige Lehrer-, Vorbeter- und Schächterstelle ist vakant und mit dem 1.
Oktober dieses Jahres zu besetzen.
Das Einkommen beträgt Mark 600 fix, außerdem Nebenverdienst der
Schechitah usw. 4-500 Mark. Geeignete Bewerber wollen sich an den
unterzeichneten Vorstanden wenden. B. Baruch, Bad Wildungen." |
Schwierigkeiten bei der Besetzung der Stelle des Lehrers und Schochet (1885)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Juni 1885: "Wildungen.
Durch großen Zuzug aus aller Herren Länder ist Bad Wildungen zu einer
zahlreichen jüdischen Gemeinde geworden. Bis vor ungefähr 5-6 Jahren
wurde der israelitischen Schuljugend von einem geprüften Lehrer des
Nachbarlandes wöchentlich 2mal Religionsunterricht erteilt; der
Gottesdienst von einem dazu fähigen Mitgliede der Gemeinde geleitet und
die Schechita von einem pflichtgetreuen, von orthodoxen Rabbinen
geprüften Schochet versehen.
Der neue Vorstand hatte die an sich gute Idee, einen Lehrer, der
zugleich Schochet ist, zu engagieren, hat sich aber nicht dazu
verstanden, sich einem der benachbarten Rabbinate anzuschließen, obgleich
zwei Inhaber von Rabbinatssitzen sich bereit erklärten, die Aufsicht über
die Gemeindeinstitutionen unentgeltlich zu übernehmen. Es haben sich in
Folge dieses ganz eigentliche Verhältnisse gestaltet. Die Stelle, welche
stets mit 600 Mark fixen Gehalt und 4-500 Mark Nebenverdienste aus der
Schechitah ausgeschrieben wird, war schon mehrmals von Lehrern besetzt,
die aber, weil sie sich nicht ernähren konnten, dieselbe bald wieder
verlassen haben.
Die meisten und besten Metzgermeister behalten nämlich den seit 20 Jahren
pflichtgetreuen und vertrauenswürdigen alten Schochet und nur einige
wenige Metzger lassen bei dem quest. Lehrer schächten. Diese Verhältnisse
sind umso trauriger als Wildungen Badeort ist und die Badegäste hiervon
keine Kenntnis haben.
Gegenwärtig ist die Stelle wieder zur Besetzung ausgeschrieben.
Möchte doch der Vorstand im Interesse der Gemeinde diesem traurigen
Zustande ein Ende machen, und veranlassen, dass die Gemeinde sich einem
Rabbinate anschließe, sodass alle Gemeindeinstitute, also auch die Schechita
unter strenger Aufsicht gestellt werden, und bis dies geschehen, das frühere
Verhältnis eintreten lassen." |
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Spende der jüdischen Kurgäste (1911)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 15. September
1911: "Wildungen. Veranlasst durch einen jüngst vorgekommenen
Fall, haben die anwesenden jüdischen Kurgäste 1.000 Mark gestiftet,
damit beim Tode armer Kurgäste sämtliche jüdischen Vorschriften
beobachtet werden." |
Über die Geschichte der "Judenquelle" in Bad Wildungen (Bericht von
1921)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. August 1921: "Die Steine
der Unweisen. Bad Wildungen, August 1921.
Im ehemaligen Fürstentum Waldeck quillen aus mehreren reizvollen
Talschluchten des Kellerwaldes eine Anzahl Brunnen, die der leidenden
Menschheit von unschätzbarem Werte sind. Es sind die Quellen von Bad
Wildungen. Ihr Wasser wird zu Trink- und Badekuren verwendet und darum in
den Kurpark und in die Badeanstalten des Ortes geleitet. Den Kurgästen,
die nicht nur aus allen Teilen Deutschlands, sondern auch aus den übrigen
europäischen Staaten und aus Amerika von den Ärzten hierher geschickt
werden, um Heilung von Blasen- und Nierenleiden zu finden, sind am besten
die Helenen-, die Georg Viktor- und die Königsquelle bekannt. Dagegen
kennt kaum einer den Judenbrunnen, dessen Wasser den Bäderbassins
zugeleitet wird, obwohl er im Kurpark dicht neben dem Musiktempel
entspringt und mit einer künstlerisch-schönen Bronzefigur geschmückt
ist. Hören wir denn die Sage, die von der Entstehung seines Namens
‚Judenbrunnen’ erzählt wird.
Vor Hunderten von Jahren zog ein armer jüdischer Hausierer durch
das Tal der Eder und kam auch in die Nähe der Stadt Nieder-Wildungen. Da
wollte er einen Bach überschreiten. Als er eine Stelle suchte, wo dies
bequem möglich war, sah er von ungefähr, wie an einer Stelle das Wasser
sprudelte. Er schöpfte mit einem Becher davon, und sieh, es war von
besonderem Wohlgeschmack. Wie Perlen, so stieg es vom Grunde des Gefäßes
zur Oberfläche hin, und ein seltenes Wohlgefühl durchzog bald den ganzen
Körper des von mancherlei Leiden gequälten Mannes. Da dankte er aus
vollem Herzen dem Allmächtigen, ‚für alles, was er erschaffen, um
damit das Leben zu erhalten’, und wo er in der Nähe Bekannte und
Freunde hatte, erzählt er ihnen von dem wundertätigen ‚Saur-Born’
bei Wildungen. Nach und nach verbreitete sich so die Kunde unter den Juden
der Gegend, und bald erkannten sie die heilkräftige Wirkung des Wassers
bei Gries- und Steinleiden. Viele Kranke pilgerten regelmäßig zu der
Quelle im Bache und fanden durch den Genuss des Wassers Linderung und
Heilung.
Nicht für die Dauer konnte der übrigen Bevölkerung der Besuch
dieser Quelle durch die Juden verborgen bleiben. Man glaubte ihnen nicht
den Grund, den sie dafür angaben, und als einer durch den übermäßigen
Genuss des Wassers erkrankte, da hieß es bald, die Juden hätten es
vergiftet. Viele reiche Juden wurden daraufhin ergriffen und eingekerkert.
Nur die Armen, die zur Quelle gekommen waren, ließ man laufen.
Die Angehörigen der Unglücklichen gingen zum Rabbi und fragten um
Rat. Der fromme Weise antwortete ihnen: ‚Wohl tun rettet vom Tode’.
Da nahmen sie von ihren Reichtümern, und überall, wo Not und
Elend war, spendeten sie mit vollen Händen.
Der Graf von Waldeck, vor den die Angelegenheit gekommen war, ließ das
Wasser untersuchen, und seine Heilkraft wurde bestätigt. Da wurden die
Eingekerkerten freigelassen. Die Quelle erhielt eine schöne Fassung und
wurde von da ab ‚Judenbrunnen’ oder ‚Wiesenquelle’ genannt.
Viele, viele Jahre sind seitdem vergangen. Heute strömen alljährlich
Tausende von Leidenden zu den Heilquellen und unter ihnen eine große
Anzahl von |
von Juden.
Ein großes Hotel hat sich unter Aufsicht eines Rabbiners gestellt und
bietet auch den Frömmsten die Möglichkeit, hier zu leben. Eine herrliche
Synagoge erhebt sich in der Stadt, und was bisher noch dem gewissenhaften
Jehudi fehlte, wird gegenwärtig auch eingerichtet. Aber viele, vielleicht
die meisten der jüdischen Besucher des Bades verschmähen jüdische
Speisehäuser. Sie suchen in den großen Hotels Unterkunft und
Verpflegung, meiden das Gotteshaus und mischen sich nur am Brunnen unter
ihre Glaubensgenossen. Aber gerade dort und in den Promenaden und bei
festlichen Veranstaltungen erkennt der Judenhass das Objekt, auf das er
sich richtet, und zwar nicht zum wenigsten an dem übertriebenen, mit
aller Unvernunft zur Schau getragenen Luxus.
Wenn all die Edelsteine und Perlen, die ihre Träger verunzieren, den
vielen Unglücklichen geopfert werden möchten, von denen die Zeitungen
berichten, welche Menge von Elend könnte da gelindert werden! Wie
angebracht wäre heute des weisen Rabbis weises Wort denen gegenüber, die
hierher kommen, um die Steine zu verlieren, die sonst ihr Leben begrenzen,
und sich indes törichterweise mit Steinen beladen, die ihnen neue Leiden
verursachen können! Aber – es gibt wenig Weise, und man hört nicht
gern auf sie.
Doch wollen wir mit den besten Hoffnungen unseren Brief schließen.
Vielleicht nächstens noch mehr davon! H.E." |
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde sowie zu
Kurgästen
Zum Tod von Baron von Rothschild
aus Paris (1903)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 24. Juli 1903:
"Wildungen, 21. Juli (1903). Der hier zur Kur weilende Baron
von Rothschild aus Paris ist, wie die 'Korbacher Zeitung' mitteilt,
gestorben. Die Leiche wurde nach dort überführt." |
Zum Tod von Rabbi Jakob Katz aus Sager (Litauen)
(1922)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Oktober 1922: "Rabbi Jakob
Katz aus Sager (Litauen) – das
Andenken an den Gerechten ist zum Segen. Bad Wildungen, 22. Oktober
(1922). Im Alter von nur
58 Jahren starb am Jom Kippur in
Bad Wildungen Rabbiner Jakob Katz, Rabbiner in Sager, einer mittleren
Stadt Litauens. Er war nach Deutschland zur Kur und Erholung gekommen und
wurde nun leider viel zu früh, auch ein Opfer des Krieges, zur ewigen
Ruhe abgerufen. Mit ihm ist einer der großen Rabbinen des Ostens
dahingegangen, ein Mensch von sittlicher Reinheit und jüdischer Größe,
die sich in seiner Bescheidenheit verbarg, aber allen, die mit ihm bekannt
und ihm näher getreten waren, offenbar wurde. Er litt es nicht, dass man
viel von ihm sprach und von seinen großen Wohltaten in seiner Gemeinde
und in seinem größeren Wirkungskreise wussten nur die wenigstens etwas.
In seiner Jugend hat Rabbi Jakob Katz – seligen Andenkens – auf
den berühmten Jeschiwaus in Wolosin und Slabotke (Kowno) gelernt, war
einer der besten Schüler des großen Rabbi Itzel Petersburger und erhielt
Semicho (Approbation zum Rabbiner) von Rabbi Jizchok Elchonan Spektor.
Nachdem er eine Zeitlang die Leitung der Jeschiwo des Rabbi Hirschel in
Slabotke inne gehabt, wurde er als Rabbiner nach Kliko (Litauen) berufen
und von dort aus nach seiner letzten Wirkungsstätte in Sager.
Bei der Beisetzung am Mittwoch, den 12. Tischri, sprach am Grabe
Worte tiefer Trauer Rabbi Schmuel Fried (Dajan in Wilna), der zur Zeit in
Wildungen zur Kur weilte. Von Frankfurt am Main waren Rabbi Mausche
Schneider, Rabbi Mausche Karpel und Rabbi Benzijon Bermann, die Leiter der
Schneiderschen Jeschiwo herbeigeeilt, um dem großen Lehrer warm
empfundene, voll Schmerz und Trauer erfüllte Nachrufe zu widmen. Das
Andenken an den Gerechten ist zum Segen."
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Goldene Hochzeit von Viehhändler
Levy Jungheim mit Ehefrau geb. Marx (1925)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. August 1927: "Wildungen,
8. August (1927). Am 15. August begeht der Viehhändler Levy Jungheim und
Ehefrau geb. Marx in seltener Rüstigkeit die goldene Hochzeit." |
85. Geburtstag von Jacob Mannsbach I (1928)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. März 1928: "Bad Wildungen,
1. März (1928). Seinen 85. Geburtstag beging in größter körperlicher Rüstigkeit
und geistiger Frische Herr Jacob Mannsbach I von hier." |
Hoher muslimischer Besuch im jüdischen
Hotel Germania (1928)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Juli 1928: "Bad
Wildungen, 29. Juni (1928). Im Hotel Germania, dem einzigen unter
Aufsicht stehenden jüdischen Hotel Wildungens, weilt zurzeit ein hoher
Gast: Generalfeldmarschall Abdul Rachmann Khan aus Afghanistan, einer der
Begleiter des Königs Amanullah, der auf seiner Reise von einer
Nierenkrankheit befallen wurde und unseren Badeort zu seiner Heilung
aufgesucht hat. Als streng religiöser Mohammedaner, dem bekanntlich durch
den Islam der Genuss von Schweinefleisch untersagt ist, sieht er sich
veranlasst, nur im jüdischen Hotel Wohnung zu nehmen. In seiner Umgebung
fühlt er sich außerordentlich wohl und hat durch die Vermittlung eines
Dolmetschers mit einigen Gästen engere Bekanntschaft geschlossen. Für
die jüdische Religion und die jüdischen Gebräuche zeigt er ein
lebhaftes Interesse. Häufig wohnt er den im Hotel stattfindenden
Gottesdiensten bei. Die Wildunger Tageszeitung hat die Anwesenheit des
hohen Gastes mehrfach gewürdigt." |
70. Geburtstag von Mathilde Katz
geb. Lissauer (1928)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Juli 1928: "Wildungen,
25. Juni (1928). Ihren 70. Geburtstag beging in größter Rüstigkeit Frau
Mathilde Katz geb. Lissauer dahier." |
80. Geburtstag von Levi Hougheim (1929)
Anmerkung: Nachname unklar, vermutlich verschrieben für Jungheim.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Februar 1929: "Bad
Wildungen, 20. Februar (1929). Seinen 80. Geburtstag beging in bester
körperlicher Rüstigkeit und geistiger Frische Levi Hougheim aus Zwesten." |
Zum 80. Geburtstag von Isaak Katz I. (1929)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. April 1929: "Wildungen,
5. April (1929). Seinen 80. Geburtstag beging in körperlicher Rüstigkeit
und geistiger Frische Herr Isaak Katz I dahier." |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Einzelpersonen
Anzeigen des Kurz-, Galanterie- und Spielwarengeschäfte A. Bachrach (1901 /
1902)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. April 1901: "Lehrstelle.
Suche ein junges Mädchen, für mein Kurz-, Galanterie- und
Spielwaren-Geschäft, bei freier Station im Hause.
A. Bachrach, Bad Wildungen." |
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Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 9. Oktober 1902: "Lehrstelle.
Für mein Kurz-, Galanterie- und Spielwaren-Geschäft suche per sofort
ein Lehrmädchen. Sabbat und Feiertage frei. Freie Station und
Familienanschluss.
A. Bachrach, Bad Wildungen." |
Öffentliche Danksagung des
Kurgastes Marcus Schnitzer aus Oswiecim / Auschwitz (1903)
Anzeige
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 25. September
1903: "Öffentliche Danksagung! Aus Dankbarkeit und im
Interesse der leidenden Menschheit fühle ich mich verpflichtet, hiermit
dem Herrn Dr. Marc, Königlicher Geheimer Sanitäts-Rat und
Kreisphysikus zu Bad Wildungen öffentlich meine Danksagung
auszusprechen.
Seit vier Jahren an einem sehr schmerzhaften Blasensteinleiden
laborierend, habe ich vor zwei Jahren durch einen berühmten Wiener
Professor die Operation vornehmen lassen. Die Narkose zeigte jedoch so
bedenkliche Symptome der Gefahr, dass der Professor nach Entfernung eines
Teiles der Steine auf die Fortsetzung verzichten musste. Dadurch wurde
mein Leiden natürlich nicht behoben.
Auf den Rat des Herrn G. Wendriner, Direktor der Oberschlesischen
Schmalspurbahn, Beuthen, reiste ich am 18. August dieses Jahres nach
Wildungen. Herr Dr. Marc nahm keine Narkose vor, sondern machte
Cocaineinspritzungen und während des Gespräches mit mir, was die
Operation binnen sechs bis sieben Minuten beendet, ohne dass ich das
Gefühl davon hatte. Ich erfuhr erst davon, als er mir die zerkleinerten
Steine, etwa 60 in Erbsengröße und darüber, vorzeigte. Die Operation
war um 6.30 früh erfolgt und um 3 Uhr Nachmittags verließ ich das Bett
mit voller Bewegungsfreiheit.
Meinen geehrten Ratgebern, wie auch dem Assistenten Herrn Beh meinen tief
gefühlten Dank. Marcus Schnitzer, Oswiecim." |
Anzeigen des Palast-Hotels Baruch (1901 / 1903 / 1904 /
1928) und des Hotels "Germania" (1925 / 1928
/ 1929)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Dezember 1901:
"Für mein neues Hotel, eines der feinsten jüdischen Deutschlands,
suche ich für die Saison eine durchaus perfekte
Köchin
oder Küchenchef gegen hohen Gehalt, sowie auch eine zweite
Köchin.
H. Baruch,
Bad Wildungen". |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. April 1903:
"Bad Wildungen. Palast-Hotel Baruch.
Koscher. 45 Zimmer und Salons; Hochelegant und modern
eingerichtet. In unmittelbarer Nähe der Bäder und Trinkquellen.
Einziges jüdisches Hôtel am Platze." |
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Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. April 1904:
"Bad Wildungen. Koscher Palast Hôtel Baruch I. Ranges. - Einziges
jüdisches Hôtel am Platze." |
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Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Juni 1925: "Bad Wildungen.
Hotel Germania, Marx.
Hufelandstraße. Erstklassige, kurgemäße Verpflegung. Telegramm
Germaniahotel. Telefon 37."
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Anzeigen
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Juli 1928:
"Bad Wildungen - streng koscher. Hotel Germania Marx.
Fernspr. 37. Vollständig renoviert. Telegramm-Adresse: Germaniahotel.
Sämtliche Zimmer mit fließendem kaltem und warmem Wasser sowie
Zentralheizung und Lichtsignalen. Auto-Garage. Das Hotel liegt 2 Minuten
von Quellen, Kurpark und Bädern. Erstklassige kurgemäße Verpflegung.
Besitzer: G. Krittenstein."
Bad Wildungen. Palast-Hotel Baruch. Größtes und ältestes
jüdisches Hotel am Platze. Streng koscher. Fließend kaltes und
warmes Wasser, Zentralheizung. Man verlange Prospekt. Besitzer B.
Baruch." |
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Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Mai 1929: "Bad
Wildungen. Hotel Germania – Marx. Vollständig renoviert. Sämtliche
Zimmer mit fließendem kaltem und warmem Wasser. Zentralheizung und
Lichtsignalen Autogarage. Das Hotel liegt 2 Minuten von den Quellen,
Kurpark und Bädern. Erstklassige kurgemäße Verpflegung. Besitzer G.
Krittenstein." |
Todesanzeige für Gerson Krittenstein
(gest. 1928)
Bei Gerson handelte es sich um den Hotelbesitzer des Hotels
Germania Marx. Er war Schwiegersohn des Hotel-Gründers Marx.
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Januar 1929: "Plötzlich und
unerwartet verschied am 24. Dezember mein innigstgeliebter Mann, unser
herzensguter Vater, Bruder und Schwiegersohn Gerson Krittenstein im Alter
von 51 Jahren. Bad Wildungen, 30.12.1928. Im Namen der trauernden
Hinterbliebenen: Lina Krittenstein geb. Marx.
Die Beerdigung hat bereits stattgefunden." |
Zur Geschichte der Synagoge
Eine erste Synagoge wurde 1890 in einem bis 1850 als
Waisenhaus genutzten (1704 gebauten) Gebäude in der Hintergasse eingerichtet (die Straße vor
dem Gebäude wird heute noch Waisen- oder Waisenhausgasse genannt). Bis zur
Einweihung der neuen Synagoge fanden in diesem Haus die Gottesdienste der
Gemeinde statt. Das Gebäude beziehungsweise der Betsaal war nur gemietet und
nicht im Besitz der jüdischen Gemeinde.
Nachdem die Zahl der jüdischen Einwohner um 1900 stark angestiegen war,
entschloss sich die Gemeinde - mit finanzieller Hilfe durch wohlhabende
Kurgäste - zum Bau einer neuen Synagoge.
Eine neue Synagoge wird gebaut
(1913)
Artikel im
"Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 15. August 1913: "Bad
Wildungen. Unsere Gemeinde, welche bisher nur einen gemieteten Betsaal
hatte, baut jetzt eine neue Synagoge. Zu den 50.000 Mark betragenden
Kosten haben reiche Kurgäste namhafte Beihilfen geleistet." |
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Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 19.
September 1913: "Die Gemeinde Bad Wildungen, welche bisher nur einen
gemieteten Betsaal zur Abhaltung des Gottesdienstes besitzt, baut
demnächst eine neue Synagoge. Zu der Bausumme von 50.000 Mark haben
reiche Kurgäste namhafte Beiträge geleistet. Auf das erlassene
Preisausschreiben sind sechs Projekte von Architekten
eingelaufen." |
Die neue Synagoge wurde im Juli 1914
eingeweiht.
Bei der Synagoge handelte es sich um einen Rundbau mit großer Kuppel, der in
der Synagogenarchitektur dieser Jahre eine gewisse Vorrangstellung hatte: die
Bauten in Offenbach, Regensburg, Mainz, Essen und Görlitz zeigten ebenfalls
diese Richtung.
Die Synagoge von Bad Wildungen fand vor allem Beachtung wegen ihrer Glasmalereien,
die "in ihrer Darstellungsintensität weit über das bisher üblich
hinausgegangen zu schein schienen. In symbolischen Darstellungen waren in sechs
Fenstern die sechs Schöpfungstage wiedergegeben und im oberen Teil des ebenfalls
fast kreisrunden Hauptraums die zwölf Stämme Israels..." (Hammer-Schenk I
S. 488).
Elf Jahre nach der Einweihung der Synagoge wird von einem versuchten Einbruch in
das Gebäude berichtet:
Versuchter Synagogeneinbruch
(1925)
Artikel in
der "Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 23. Oktober 1925: "Bad
Wildungen. (Versuchter Synagogeneinbruch.) Ein Einbruch in die
Synagoge wurde versucht. Drei Burschen wollten in die Synagoge eindringen,
wurden aber von dem Sohn des Lehrers der Jüdischen Gemeinde bemerkt.
Dieser schlug Lärm, worauf die Spitzbuben die Flucht ergriffen und
unerkannt entkamen." |
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge durch Brandstiftung
völlig zerstört und wenig
später abgebrochen. Die Feuerwehr war beim Brand der Synagoge anwesend,
schützte jedoch nur die umliegenden Gebäude.
Nach 1945 wurde von der vorübergehend nach Bad Wildungen (aus dem Ghetto
Theresienstadt ) zurückgekommenen Selma Hammerschlag die Initiative ergriffen,
den Synagogenplatz würdig herzurichten und einen Gedenkstein zu errichten.
Geplant war "eine begrünte und mit schmalen Wegen versehene Anlage".
Die Stadt gab jedoch 1953 das Grundstück zur Bebauung frei; dabei wurde der 1946
errichtete Gedenkstein auf den jüdischen Friedhof versetzt. Dieser
Gedenkstein hat die Inschrift "Zum ewigen Gedenken an die Opfer der
Israelitischen Gemeinde Bad Wildungen, die in den Jahren 1933-1945 ihr Leben in
KZ-Lagern qualvoll lassen mussten. In Liebe gewidmet von den
Überlebenden. An dieser Stelle stand die jüdische Synagoge, die in
der Schreckensnacht am 9. November 1938 zerstört wurde."
1985 wurde von der Stadt in einer Mauernische auf der gegenüberliegenden
Straßenseite weit unterhalb des ehemaligen Synagogenstandortes eine Gedenkplatte
angebracht. Die Inschrift lautet: "Zum Gedenken an die Synagoge der
jüdischen Gemeinde Bad Wildungen, zerstört am 9. November 1938, und an unsere
jüdischen Mitbürger, die in verhängnisvoller Zeit deutscher Geschichte
umkamen oder ihre Heimat verlassen
mussten."
Adresse/Standort der Synagoge: Im
Dürren Hagen 11
Fotos
(Quelle: sw-Fotos mit (A): Arnsberg S. 206; sw-Foto mit
(G) aus einem Artikel von J.
Grötecke in der Waldeckischen Landeszeitung vom 7.11.2008; Fotos der Fenster:
links aus The Encyclopedia of Jewish Life beim Artikel zu Bad Wildungen s.u.;
rechts aus Pinkas Hakehillot s.Lit. beim Artikel zu Bad Wildungen; Farbfotos:
Hahn, Aufnahmedatum 8.4.2010)
| Die alte Synagoge (von 1890
bis 1911) in einem Teil des bis 1850 als Waisenhaus genützten Gebäude |
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Gebäude der alten Synagoge
(A) |
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| Das ehemalige Waisenhaus /
zeitweise Synagoge vom Innenhof aus gesehen |
Hinweistafel
am Gebäude: "Waisenhof. Gestiftet von Juliane Elisabeth von Waldeck,
genannt 'Gräfin Cuylenburg'. Zweitältestes Waisenhaus Deutschlands und
bis 1830 als solches genutzt. Das Gebäude wurde zwischen 1695 und 1702
errichtet. Die offizielle Stiftung erfolgte 1704, doch bereits 1695 wird
von einem Waisenhaus im Hause der Gräfin berichtet. 1840 ging das
Gebäude in Privatbesitz über. Von 1877 bis 1881 beherbergten 2 Räume
den ersten Kindergarten der Stadt. Von 1890 bis 1911 wurde ein Teil des
Gebäudes als Synagoge genutzt." |
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Die neue Synagoge,
eingeweiht 1914 |
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1914 eingeweiht -
1938
zerstört (A) |
Blick auf Bad
Wildungen
mit der Synagoge (G) |
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| Die berühmten Glasfenster
der Synagoge, 1938 mit der gesamten Synagoge zerstört |
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In symbolischen Darstellungen waren in sechs
Fenstern die sechs Schöpfungstage wiedergegeben und im oberen Teil des ebenfalls
fast kreisrunden Hauptraums die zwölf Stämme Israels.
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| Gedenken an die Synagoge |
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| An der Stadtmauer
erinnert unterhalb des Synagogenstandortes eine einfache Gedenktafel an
die ehemalige Synagoge mit dem Text: "Zum Gedenken an die Synagoge
der jüdischen Gemeinde Bad Wildungen, zerstört am 9. November 1938, und
an unsere jüdischen Mitbürger, die in verhängnisvoller Zeit deutscher
Geschichte umkamen oder ihre Heimat verlassen mussten. Die Bürger der
Stadt Bad Wildungen. 1985". |
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Erinnerung an den
Kaufmann Nehemias Heinemann |
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"Nehms
Gässchen" ist nach dem jüdischen Kaufmann Nehemias Heinemann
benannt. |
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"Stolpersteine"
in Bad Wildungen
(zufällige Auswahl - Häuser in der Brunnenstraße) |
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Stolpersteine vor dem
Haus Brunnenstraße 36 |
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Stolpersteine für
Sidonie Meyer geb. Hirsch (1907), Hertha Amalie Frank geb. Hirsch (1903)
und Helene Berger geb. Bachrach (1870) |
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Neun Stolpersteine
vor dem Haus Brunnenstraße 13 |
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Stolpersteine für
Rieka Jungheim (1891), Erna Tromp geb. Goldschmidt (1913), Dr. Arthur
Flörsheim (1880), Manfred Flörsheim (1903), Sabine Isaak geb. Florsheim
(1897), Gisela Flörsheim (1890), Felix Baruch (1887), Klara Baruch geb.
Flörsheim (1894) und Ruth Baruch (1930) |
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Stolpersteine vor den
Gebäuden Brunnenstraße 20/22 |
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Stolpersteine für
Adolf Hammerschlag (1856), Hermann Hammerschlag (1894), Inge Hammerschlag
(1931) und Irene Hammerschlag geb. Vöhl (1903) |
Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
Weitere Berichte siehe auf der Website www.synagoge-voehl.de:
Index:
Presseartikel und Veröffentlichungen zu Bad Wildungen
| März
2007: Aktion
"Stolperstein" - zweite Verlegung |
Artikel in der "Waldeckische Landeszeitung" vom 5. März 2007: Zweiter Durchgang der Aktion "Stolpersteine" in Bad Wildungen
- Erinnerungen, von den Füßen poliert.
BAD WILDUNGEN (szl). Am Samstagvormittag war der Künstler Gunter Demnig zum zweiten Mal in Bad Wildungen unterwegs, um Stolpersteine vor den Häusern ehemaliger jüdischer Mitbürger zu verlegen. Die Aktion der Bad Wildunger Initiative Stolpersteine wird von Vereinen, Schulen, Kirchen, Parteien, Firmen und Privatpersonen gesponsert. Auch ehemalige Bad Wildunger Juden, die den Holocaust überlebt haben, und jüdische Neubürger unterstützten die Aktion.
Sie begann am Samstag vor dem Haus Brunnenallee 13. Es ist das Haus mit den meisten Steinen - neun an der Zahl. Mitglieder der Familien Flörsheim und Baruch kamen in Konzentrationslagern ums Leben. In der Brunnenallee 7 betrieb das Ehepaar Epelbaum das "Central-Kino", die Familie floh in die Schweiz, der in Bad Wildungen geborene Sohn Felix besuchte vor zwei Jahren seine Geburtsstadt und unterstützt die Aktion Stolpersteine.
In der Brunnenallee 36 wurden drei Stolpersteine verlegt für drei deportierte Wildunger Juden, je zwei Steine liegen jetzt am Dürren Hagen 2 und am Eselspfad 3 und je einen Stein brachte Demnig in der Hufelandstraße 12 und am Kirchplatz 11 ein. Weitere Steine wurden in der Brunnenallee 23 platziert. Von hier wurde 1942 Babette Waservogel nach Theresienstadt und weiter nach Treblinka deportiert. Margarethe Kaufmann aus der Brunnenfeldstraße 1 ist in Theresienstadt gestorben. In der Poststraße 1 liegen seit Samstag Stolpersteine zum Andenken an Berta und Hedwig Baer, die 1940 auf der Flucht den Tod fanden. Vor den Häusern Lindenstraße 12 und 20 wird an die Mitglieder der Familien Mannheimer und Löwenstein erinnert.
Beim Rundgang zu den verlegten Stolpersteinen am Samstagabend waren auch Schülerinnen und Schüler der Ense-Schule mit ihrer Lehrerin Jutta Wiesemann dabei, die drei Steine gespendet haben. Steffi Wörmann und Maximilian Ziske hatten die Schicksale der jüdischen Familien Rosen-Epelbaum und Mannheimer recherchiert und berichteten den Teilnehmern des Rundgangs davon.
Am Vorabend der zweiten Verlegung von Stolpersteinen in Bad Wildungen berichtete der Kölner Aktionskünstler Gunter Demnig (59) im Jugendhaus von verschiedenen Projekten und den Anfängen der Stolpersteine. Als er 1980 Assistent im Fachbereich Kunst der Kasseler Hochschule wurde, machte er bald bundesweit auf sich aufmerksam. Er wollte eine Verbindung von Akademie zum Museum schaffen und lief 818 Kilometer von Kassel nach Paris, schob ein fahrbares Gerät vor sich her, mit dem er auf dem Weg „Duftmarken" setzte. Zwei Jahre später spulte er einen Faden in gerader Linie - wiederum zu Fuß - von Kassel nach Venedig, verband die documenta mit der Biennale.
1985 zog Demnig nach Köln, wo er 1990 die erste Gedenktafel für Sinti und Roma gestaltete. Den ersten Stolperstein verlegte er 1990 vor dem Kölner Rathaus. Inzwischen wurden es 11.000 in Deutschland, Österreich und Ungarn. Demnig: "Anfangs habe ich gedacht, die 'Stolpersteine' bleiben immer ein konzeptionelles Kunstwerk, das nicht zu realisieren ist". Jetzt werden überall, wo die Steine verlegt sind, "die Erinnerungen durch die Füße der Passanten immer wieder blank poliert". Von den Stolpersteinen wurden 50 zerstört und wieder erneuert. Der Künstler: "Damit kann ich leben - und mit den zwei Morddrohungen in sieben Jahren auch". |
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Links:
Artikel in der "Waldeckischen Landeszeitung" vom 22. Oktober
2008: "Ohne Tritt kein Glanz".
Zum Lesen bitte Artikel anklicken. |
Aus
dem Artikel links: "... In Bad Wildungen wurden die Stolpersteine
November 2006, im März 2007 und im April 2008 verlegt. Insgesamt 75
Steine erinnern nun in der Badestadt an alle ehemaligen jüdischen
Einwohner, die während der NS-zeit deportiert und ermordet wurden. In Bad
Wildungen griff Heimatforscher Johannes Grötecke diese Initiative auf.
Neben Vereinen, Schulen, Kirchengemeinden, Parteien, Banken und Kliniken
seien es vor allem Privatpersonen, die das Projekt durch ihre Spenden
realisiert haben. Es war eine mühsame Arbeit, das Schicksal aller 75
Opfer des NS-Regimes in Bad Wildungen aufzuarbeiten. Für alle diese Opfer
gibt es nun auch Stolpersteine vor deren Häusern in der Altstadt, an der
Brunnenallee, an Hufeland- und Brunnenfeldstraße. Grötecke: 'Die
Stolpersteine sollen die Erinnerung wach halten, eine Mahnung an junge
Generationen sein und Nachfahren nun endlich einen Platz bieten, wo sie
ihrer Vorfahren gedenken können'." |
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| Dezember
2009: Auszeichnung für Heimatforscher
Johannes Grötecke |
Artikel (sch) in der "Waldeckischen Allgemeinen" vom 12.
Dezember 2009 (Artikel
online HNA.de):
"Korbach/Waldeck. Ehrenbrief des Landes für Heimatforscher Johannes Grötecke
Geschichte der jüdischen Mitbürger im Dritten Reich in Bad Wildungen erforscht
Bad Wildungen. Seit über 20 Jahren erforscht Johannes Grötecke der Geschichte der jüdischen Mitbürger im Dritten Reich in Bad Wildungen. Für seinen unermüdlichen ehrenamtlichen Einsatz überreichte ihm am Mittwoch der Bad Wildunger Bürgermeister Volker Zimmermann namens des Hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch und Landrat Helmut Eichenlaub den Ehrenbrief des Landes Hessen.
Schon als Schüler am Bad Wildunger Gustav-Streseman-Gymnasium setzte der heute 42-jährige Heimatforscher mit dem Thema auseinander, recherchierte und interviewte Zeitzeugen. Johannes Grötecke, heute Lehrer an der Theodor-Heuss-Schule in Homberg/Efze, zählt zu den Initiatoren der Bad Wildunger Stolpersteine.
Er bietet Führungen an, ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen, pflegt Kontakte zu ehemaligen jüdischen Bürgern der Badestadt und deren Familien und ist Mitinitiator des Projektes Heimat über Einwanderer in Bad Wildungen. Ferner befasste sich der Geehrte intensiv mit dem Wiederaufbau der Edersee-Sperrmauer durch Zwangsarbeiter. (sch)" |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Germania Judaica III,2 S. 1646. |
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II S. 403-406. |
 | ders.: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder -
Dokumente. S. 206. |
 | Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 S. |
 | dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen II Regierungsbezirke Gießen und Kassel. 1995 S.
211-212. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 384-386. |
 | Harold Hammer-Schenk: Synagogen in Deutschland.
Geschichte einer Baugattung im 19. und 20. Jahrhundert. 2 Bände Hamburg
1981.
|
 |
Johannes Grötecke: Bad Wildunger Juden und ihre
Schicksale 1933 bis 1945. Geschichtsblätter für Waldeck. Vol. 77
(1989). |
 | ders.: Bäder-Antisemitismus in Bad Wildungen. Online
zugänglich als pdf-Datei. (mit Fotos zum
"Judenmarsch" im März 1933) |
 | ders.: Spurensuche. Ein Rundgang über den jüdischen
Friedhof in Bad Wildungen. Bad Wildungen 2003. |
 | ders.: Stadtrundgang. Juden und NS-Zeit in Bad Wildungen.
Bad Wildungen 2005. |
 | ders. (Redaktion): Broschüre: "Hier wohnte... - Stolpersteine in Bad
Wildungen".
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Bad Wildungen Hesse-Nassau. A
community was not established there until 1866, numbering 77 (over 3 % of the
total) in 1880: Contributions from Jews visiting the local spa helped to build a
synagogue center (1914). During the Weimar Republic, there were four Jewish
hotels (two kosher) and the community - affiliated with the rabbinate of Kassel
- numbered 152 (1925). As a result of the Nazi boycott from 1933 the Jewish
population declined. On Kristallnacht (9-10 November 1938), SA troops
looted and destroyed the synagogue in a murderous pogrom. Of the 150 Jews living
there in 1933, 76 left (52 emigrating) and the remainder (67) were expelled by
the end of 1939. At least 50 perished in the Holocaust.

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