Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Ungedanken mit Rothhelmshausen (beide: Stadt Fritzlar, Schwalm-Eder-Kreis)
sowie Mandern (Stadt Bad Wildungen, Kreis Waldeck-Frankenberg)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)

In Ungedanken bestand eine jüdische Gemeinde bis nach 1933. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17./18. Jahrhunderts zurück. Die zunächst aufgenommenen Juden sollen polnische Flüchtlinge sein, die beim Chmelnzykyj-Aufstand (1648) geflohen waren. Die ersten Familien, die sich in Ungedanken niedergelassen haben, waren Vorfahren der Familien Gutheim und Boley. 
  
Auch die Vorfahren der Familie Lissauer kamen aus dem Osten: sie stammten aus Lissa (Provinz Posen), wo sie bereits seit 1654 Toraschreiberei betrieben (vgl. unten die Anzeigen und Berichte zu Salomon und Jakob Lissauer in Ungedanken aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts). Wann der erste "Lissauer" in Ungedanken war, ist nicht bekannt. 1803 kauft Moses Lissauer (genannt Reb Mausche) das Bethaus der Gemeinde Ungedanken (s.u.). Der letzte Toraschreiber aus der Familie Lissauer war Salomon Lissauer. Er lebte zuletzt in Hoof, starb 1912 und wurde auf dem Friedhof in Ungedanken begraben.         

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1861 74 jüdische Einwohner (19,9 % von insgesamt 372 Einwohnern; in 18 Familien), 1871 78 (22,1 % von 353), 1885 50 (14,4 % von 347), 1895 27 (9,6 % von 28), 1905 28 (9,4 % von 298). Zur jüdischen Gemeinde Ungedanken gehörten auch die in Mandern (Waldeck) und Rothhelmshausen lebenden jüdischen Personen. In Mandern gab es 1860 vier jüdische Familien, 1905 14 jüdische Einwohner, 1915 noch eine Familie; in Rothhelmshausen (hier war bereits Mitte des 17. Jahrhunderts eine jüdische Familie am Ort, seit 1806 Familienname Müller), 1861 16 jüdische Einwohner (in drei Familien), 1905 gleichfalls 16. 
  
An den Freiheitskriegen 1813-1815 nahm der Viehhändler Heinemann Gutheim als Freiwilliger teil (mit 17 Jahren).
  
Zur Berufsstruktur: Gutheim: Viehhändler, Boley: Buchbinder, Katz: Pferdehändler, Levy Gutheim: Gastwirt (1909 Gemeindeältester), Lissauer: Toraschreiber. Weitere Familiennamen waren Mansbach, Mannheimer, Biermann usw.; die Familienvorstände dieser Familien waren Handelsleute.     
   
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule (Mitte des 19. Jahrhunderts bis um 1900 bestand eine Israelitische Elementarschule, danach eine Religionsschule), ein rituelles Bad (im Synagogengebäude) und ein Friedhof. Die jüdische Schule hatte Mitte des 19. Jahrhundert 45 bis 50 Schüler, danach ging die Zahl ständig zurück: 1869 36 Schuler, 1879 24, 1883 11, um 1900 noch sechs. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. Unter den Lehrern sind bekannt: Lehrer Lange (um 1865, Quelle), Lehrer Frank (von 1869 bis 1873, Teilnehmer am Krieg 1870/71) und Lehrer Markus Kaufmann (geb. 1828 in Neuhof, 1874 bis zu seinem Tod 1891 Lehrer in Ungedanken, vgl. Anzeige unten). Nach dem Tod von Lehrer Markus wurde vermutlich kein Lehrer mehr angestellt; die nur noch weniger jüdischen Kinder erhielten den Religionsunterricht durch einen auswärtigen Lehrer (vermutlich immer aus Fritzlar). Die jüdische Gemeinde Ungedanken gehörte mit den anderen Gemeinden des damaligen Kreises Fritzlar zum Rabbinatsbezirk Niederhessen mit Sitz in Kassel. 
   
Um 1924, als zur Gemeinde noch 12 Personen gehörten (zwei Familien), waren die Gemeindevorsteher Levi Gutheim und Julius Mannheimer. Den Religionsunterricht des damals einzigen schulpflichtigen Kindes der Gemeinde erteilte Lehrer Hecht.  
   
1933 lebten noch etwa 10 jüdische Personen in Ungedanken. In den folgenden Jahren sind einige von ihnen auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. 1937 war noch eine jüdische Familie mit vier Personen am Ort. Am 5. April 1937 schlug das Vorsteheramt der Israeliten in Kassel dem Regierungspräsidenten in Kassel vor, die in Ungedanken noch lebenden jüdischen Personen in die Synagogengemeinde Fritzlar einzugliedern. Die Synagoge wurde im August 1937 verkauft.      
     
Von den in Ungedanken geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Berni Baer geb. Mannheimer (1894), Ida Elkeles geb. Kuschmann (1895), Israel Isidor Gutheim (1865), Robert Gutheim (1870), Adolf Hesse (1890), Manfred Normann Hesse (1889), David Kaschmann (1894), Johanna Katz geb. Lissauer (1868), Abraham Adolf Kaufmann (1875), Siegmund Kaufmann (1878), Herta Levy geb. Mansbach (1900), Emil Lissauer (1866), Julius Lissauer (1873), Gustel (Guste) Mannheimer (1898), Henny Michels (1878), Fanny Rosenthal geb. Gutheim (1859), Minna Rosenthal geb. Gutheim (1896), Henriette Stein geb. Mannheimer (1892), Ida Wertheim geb. Lissauer (1868).  
    
Aus Mandern sind umgekommen: David Katz (1873), Frieda Katz (1879), Jakob Katz (1897), Max Katz (1900), Salomon Katz (1871), Selma Sarah Levi geb. Katz (1871).
   
Aus Rothhelmshausen ist umgekommen: Julie Halle geb. Block (1860).            
      
     
   

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet  

In jüdischen Periodika des 19./20. Jahrhundert wurden noch keine Ausschreibungen der Stelle gefunden. 

  
Anzeige des jüdischen Lehrers Markus Kaufmann (1891) sowie Grabstein (1891) 

Ungedanken Israelit 29061891.jpg (31966 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Juni 1891: "Ich suche für meine Tochter, 14 1/2 Jahre, mit guter Schulbildung, behufs Erlernung der Haushaltung, Stellung. Salair wird nicht beansprucht, aber gute Behandlung, besonders Religiosität. 
M. Kaufmann
Lehrer in Ungedanken."      
  
Ungedanken Friedhof 484.jpg (108915 Byte)Grabstein für Lehrer Markus Kaufmann auf dem jüdischen Friedhof in Ungedanken (gest. 23. September 1891): mit Symbol: Kanne der Leviten - Inschrift "Hier ruht ein Levit, der die Kinder der Israeliten geführt hat auf dem Weg, der zum Haus Gottes führt: der Herr Mordechai, Sohn des Abraham Kaufmann, gestorben in gutem Namen am Mittwoch, 20. Elul und beigesetzt am Freitag, dem 22. (Elul) im Jahr 5651 (= 23. September 1891). Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens".    

    
  
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde 
Anzeigen der Soferim (Torarollenschreiber) Salomon und Jakob Lissauer 
Anmerkung: wie bereits oben genannt, stammten die Vorfahren der Familie Lissauer aus Lissa, Provinz Posen. Sie betrieben dort seit 1654 Toraschreiberei. 

Ungedanken Israelit 30101867.jpg (51793 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Oktober 1867: "Zur Beachtung! Bei dem Unterzeichneten sind zwei alte, aber noch in einem ganz guten Zustande befindliche Torarollen preiswürdig zu verkaufen; auch sind bei demselben stets Tefilin und Mesusot vorrätig; und werden von demselben überhaupt alle in sein Fach einschlagenden Arbeiten respektive Aufträge stets aufs Beste und zu den möglich billigsten Preisen ausgeführt. 
Ungedanken
bei Fritzlar (Kurhessen). J. Lissauer, Sofer."     
 
Ungedanken Israelit 15031871.jpg (37565 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. März 1871: "Bei dem Unterzeichneten findet ein sowohl im Verfertigen der Tefilin, als im Schreiben von Torarollen tüchtiger, mit guten Zeugnissen versehener Sofer-Gehilfe dauernde Beschäftigung. Der Eintritt kann sofort oder zum 1. Ijjar (= 22. April 1871) stattfinden. 
Ungedanken bei Fritzlar (Kurhessen). J. Lissauer, Sofer."      
 
Ungedanken Israelit 12071876.jpg (40496 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Juli 1876: "Talitim (große Gebetsschals), Arba konfot (kleine Gebetsschals) und Zizit, von den allerfeinsten bis zu den ordinärsten Sorten, sind stets zu den billigsten Fabrikpreisen beim Unterzeichneten zu haben, und wollen besonders Wiederverkäufer gefälligst Notiz hiervon nehmen.
Thoraschreiber Lissauer in Ungedanken bei Fritzlar, Kurhessen."       
 
Ungedanken Israelit 06031878.jpg (22239 Byte) Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. März 1878: "Einige noch gut erhaltene Torarollen zu dem billigen Preis von 60-70 Mark à Stück sind zu haben bei  
S. Lissauer,
Sofer    Ungedanken bei Fritzlar. Prov. Hessen."      
 
Ungedanken Israelit 18121878.jpg (55042 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Dezember 1878: "Meinen geehrten Kunden die ergebene Anzeige, dass jeder mir erteilte Auftrag stets, wie bisher, prompt und reell von mir ausgeführt wird. Fertige Tefilin, Mesusot, Megilot und Torarollen in verschiedenen Größen sind stets vorrätig und halte ich mich bei Bedarf dieser sowie zu allen in dieses Fach einschlagenden Arbeiten bestens empfohlen.  
S. Lissauer, Sofer, Ungedanken bei Fritzlar, Provinz Hessen."      
Ungedanken Israelit 23101890.jpg (47117 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Oktober 1890: "Eine neue, auf prima Pergament schön geschriebene Torarolle, von einem orthodoxen Rabbiner nachgesehen und von demselben bescheinigt, dass diese in jeder Beziehung richtig und koscher sei, ist billig abzugeben. 
S. Lissauer, Ungedanken bei Fritzlar."      

   
Über die bisweilen nicht ganz einfache Arbeit des Sofer Jakob Lissauer (1865)  

Ungedanken Israelit 26041865.jpg (164168 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. April 1865: "Aus der Provinz Hanau (Kurhessen). Der Lehrer einer israelitischen Gemeinde im Kreise Schlüchtern, verkaufte seit einiger Zeit Tefilin zu sehr billigen Preisen. Er bezog dieselben von einem Sofer in Ungedanken, im Kreise Fritzlar. Gewöhnlich verkauft dieser Sofer das Paar Tefilin zu 20 Sgr. Durch die außerordentliche Preisermäßigung, im Verhältnis zu anderen Soferim angezogen, kaufte Herr Maier M. Goldschmidt in Sterbfritz ein Paar neue Tefilin für seinen Sohn, der Bar Mizwa werden sollte. Herr Goldschmidt, ein gottesfürchtiger Mann, wollte sich jedoch erst von dem Koscher-Zustand (Kaschrut) dieser Tefilin überzeugen, und brachte dieselben daher einem Sofer in der Nähe, den er für gewissenhaft hielt, um dieselben zu besehen. Beim ersten Blick musste es dem Sachverständigen ins Auge fallen, dass die Kapseln dieser Tefilin nicht aus einem Stück gearbeitet, sondern sogenannte 'gelegte Kapseln' waren, die aus verschiedenen Stückchen zusammengesetzt und mit Leim aneinander befestigt waren. Was war da natürlicher, als dass er sie seinem Kreisrabbinen Herrn Schwarzschild in Schlüchtern zeigte, der dieselben natürlich alsbald für unbrauchbar erklärte, und dem Lehrer, der sie seither verkaufte, sofort untersagte, dieselben weiter zu verkaufen; dieser schickte darauf seinen ganzen Vorrat an die Bezugsquelle zurück. Herr Rabbiner Schwarzschild versäumte nicht, Herrn Rabbiner Wetzlar in Gudensberg, in dessen Bezirk Ungedanken liegt, von dieser Erfahrung in Kenntnis zu setzen, der gewiss die geeigneten Maßregeln treffen wird. - Ein anderer Sofer, Herr Aschur Mai in Raboldshausen Kreis Hersfeld, zeichnet sich ebenso durch die außerordentlichen billigen Preise seiner Tefilin aus. Derselbe Sofer, dem die Tefilin aus Ungedanken vorgezeigt wurden, glaubte besser zu tun, wenn er sich um Kunden, die nur billige Tefilin kaufen wollen, befriedigen zu können, ebenfalls solche billige Tefilin zum Wiederverkauf zulegte. Sein Vater, der die Tefilin bei Herrn Mai kaufte, fragte zuerst ob man sich auf den Koscher-Zustand (Kaschrut) dieser Tefilin verlasssen könnte; auf die Versicherung seitens des Herrn Mai, dass man dieses mit gutem Gewissen könne, erfolgte der Ankauf. Der junge Sofer öffnete der Vorsicht halber ein Paar Tefilin. Wie groß war jedoch sein Erstaunen, eine solche Schrift, die ich Ihnen, geehrter Herr Redakteur, anbei zur gefälligen Bekräftigung meiner Angaben übersende, zu erblicken... (Nachstehende Sätze gekürzt - vermutlich nur für Spezialisten von Interesse - bitte in dieser Fall Textabbildungen anklicken).        
Ungedanken Israelit 26041865a.jpg (153742 Byte)Gewiss bedarf es nur dieser Andeutung, um auch Herr Rabbiner Dr. Enoch in Fulda zu veranlassen, diesem Missbrauch, der in seinem Rabbinatsbezirk mit so ernsten Dingen getrieben wird, zu steuern. Unseren Glaubensgenossen mögen diese Tatsachen zum warnenden Beispiele dienen, damit sie in der Folge in dieser Beziehung vorsichtiger zu Werke gehen. Wir haben - Gott sei Dank - auch noch fromme Soferim in Kurhessen. In Schenklengsfeld wohnt ein Sofer, über dessen Ruf ich stets nur Rühmliches gehört habe. In Falkenberg, Kreis Homberg, wohnt ein Sofer namens Herz Rosenblatt, ein Schüler des allverehrten Rabbinen Wetzlar in Gudensberg ist, und seine Ausbildung zum Sofer bei Herrn Goldschmidt in Heidingsfeld bei Würzburg, wohl dem Nestor unserer deutschen Soferim, erlangt hat. Obgleich seine Arbeiten in der Niedrigkeit des Preises, nicht mit denjenigen der Erwähnten konkurrieren können, so zeichnen sie sich jedoch durch ihre gewissenhafte Bearbeitung und ihre außerordentliche Dauerhaftigkeit rühmlichst vor anderen aus. Auch in unserer Gegend, hat sich seit einiger Zeit ein Sofer etabliert, Herr Wolf Grünebaum in Vollmerz, der bis jetzt sehr schöne Arbeiten geliefert hat, und recht tüchtig in seinem Fache zu sein scheint. - Mögen unsere Glaubensbrüder doch beherzigen, dass das Gute nicht immer billig, und das Billige nicht immer gut ist.  Heoref."    
  
Ungedanken Israelit 24051865.jpg (257739 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Mai 1865: "Ungedanken, bei Fritzlar, den 10. Mai  (1865). Der Artikel in der Beilage zu Nr. 17 des 'Israelit'. das Verfertigen der Kapseln der Tefilin betreffend, beruht in Betreff dieses Gegenstandes, und in Bezug auf das, was auf mich Bezug hat, auf reiner Unwahrheit. - Ich mache zwar gelegte Kapseln, jedoch sind dieselben aus einem Stück Pergament (Leder) und durchaus nicht aus mehreren Stückchen Pergament zusammengesetzt und mit Leim aneinander befestigt. - Jener Korrespondent scheint mich entweder zu beneiden, dass meine Arbeit sehr weit verbreitet und ich überhaupt als tüchtiger Sofer allerwärts bekannt bin, - oder sucht mich damit heruntersetzen und Andere, vielleicht weniger Tüchtige, emporheben zu wollen. - Es ist meinen Glaubensgenossen, welche mich persönlich kennen, gewiss vollkommen bewusst, dass ich ebenso religiös und gewissenhaft bin, als ein jeder Andere; und dass ich keinesfalls so gewissenlos sein werde, Tefilin zu verkaufen, welche unbrauchbar sind. Ich fungiere bereits 53 Jahre als Sofer und habe mein Zertifikat sowie auch noch besondere Empfehlungen, die ich Ihnen, geehrter Herr Redakteur, anbei zur gefälligen Bekräftigung meiner Angabe übersende, von unserem ehrwürdigen Herrn Kreisrabbinen Wetzlar in Gudensberg. Ich sowohl, als auch meine sämtlichen Voreltern haben nur von dieser Sorte Tefilin gemacht und sind dieselben noch nie für unbrauchbar erkannt worden; und ist dies doch kein Mode-Artikel, welcher mit der Zeit Veränderungen unterworfen wäre. Auch in ganz Polen werden nur von der Sorte Tefilin gemacht, und sind derartige Tefilin ebenso wohl in Masse in ganz Deutschland verbreitet. Was den Preis für ein Paar Tefilin betrifft, so scheint jeder Korrespondent doch nicht genau davon unterrichtet zu sein, denn ich nehme auch zuweilen mehr als 20 Sgr.; ich bin übrigens auch davon überzeugt, dass der Sofer, welcher einigermaßen gewandt in seinem Fache ist, recht gut bei diesem Preise bestehen kann, und ist es dadurch einem Jeden unserer Glaubensgenossen, sowohl Bemittelten als weniger Bemittelten, ermöglicht, sich ein Paar Tefilin anschaffen zu können. Es ist sehr töricht, glauben machen zu wollen, dass die Tefilin aus dem Grunde unbrauchbar sein sollen, weil ich dieselben für 20 Sgr. verkaufe. Es sträubt sich noch manches, 20 Sgr. bezahlen zu sollen für ein Paar Tefilin, und würde mancher unserer Glaubensbrüder, ja sogar der größere Teil derselben, wenn ein höherer Preis, etwa 2 Thaler verlangt würden, sich gar keine Tefilin mehr anschaffen (?); entweder aus Mittellosigkeit (?) oder auch aus anderen Rücksichten; man würde wohl alsdann nur noch eine winzige Zahl unserer Glaubensgenossen treffen, welche sich noch mit Tefilin-legen beschäftigen würden (?). 
Der Verfasser jenes Artikels aus der Provinz Hanau möge sich künftig genauer von einer Sache überzeugen, bevor er Solches zur Öffentlichkeit bringt und Unwahrheiten berichtet. Jacob Lissauer
(Nachbemerkung der Redaktion: Herr Lissauer hat uns seine in der Tat vorzüglichen Zeugnisse übersandt und wird derselbe namentlich von Herrn Kreisrabbiner Wetzlar aus Gudensberg nicht allein aus ein vorzüglicher Sofer, sondern auch als ein echter und zuverlässiger gottesfürchtiger Mann empfohlen.  
Der Verfasser des anklagenden Artikels in Nr. 17 ist uns jedoch persönlich als ein ehrenwerter Charakter bekannt, und da er uns die wirklich untaugleichen Paraschot der in dem zweiten Teile seiner Referats bezeichneten Tefilin übersandt, so konnten wir auch in den ersten Teil seines Berichtes kein Misstrauen setzen.  
Was nun die sogenannten Kapseln betrifft, so verweisen wir Herrn Lissauer auf Malachat Schamajim Kap. 18 § 3, woselbst die Nichtzulässigkeit derselben klar und ausführlich dargelegt wird."         

   
Goldene Hochzeit des Sofer Jakob Lissauer und seiner Frau Beile geb. Gutkind (1872)  

Ungedanken Israelit 07021872.jpg (98543 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Februar 1872: "Ungedanken (Provinz Hessen). - Jüngst feierten der Sofer Jakob Lissauer und dessen Ehefrau Beile geb. Gutkind, das Fest ihrer goldenen Hochzeit. Der Jubilar beschäftigt seich seit seiner Bar Mizwa mit dem Heiligen Werk (sc. des Toraschreibens); und ist derselbe auch jetzt noch unter Mitwirkung einer seiner Söhne in diesem Fache tätig; derselbe hat bis jetzt mehrere Hundert neue Torarollen geschrieben. - Das Fest wurde im Zirkel ihrer Kinder und zahlreichen Enkeln in Freude verbracht. Von allen Seiten wurden dem Jubelpaare die herzlichsten Gratulationen überreicht, unter anderen ein prachtvolles Tanach (Bibelausgabe) von der Königin-Witwe. - Aus Veranlassung dieser Feier schrieb der Jubilar sich selbst eine neue Torarolle, deren Einweihung am Vortag der Heiligen Schabbat mit der Toralesung Schemot (sc. am Freitag, 5. Januar 1872) stattfand. - Schließlich sei noch erwähnt, dass das Jubelpaar noch ganz rüstig und sich mit Gottes Hilfe einer steten Gesundheit erfreut. Salomon Lissauer, Sofer."      

  

  

    
Zur Geschichte der Synagoge

Seit Mitte des 17. Jahrhunderts fand Gottesdienst in einem Privathaus statt. Dieses Haus gehörte seit 1803 der Familie Lissauer (Mausche's oder Jüddel's Haus), Moses Lissauer (genannt Reb Mausche) es von Mendel Isack abgekauft hatte, dem Urahnen des jüdischen Gastwirts in Ungedanken, Levy Gutheim. Bei diesem ersten Synagogengebäude handelte es sich um ein altes Fachwerkhaus, das sich neben einem Brunnen in unmittelbarer Nähe der neuen Synagoge von 1864 befand. 
 
Um 1860 reichte der Betsaal im Lissauerschen Haus nicht mehr aus. Für einige Zeit wurde ein Betsaal im Haus von Isaak Mannheimer eingerichtet. 
   
1864 konnte eine neue Synagoge eingeweiht werden. Sie kostete 6.000 Thaler. Erstellt wurde ein jüdisches Gemeindezentrum mit Synagoge, jüdischer Elementarschule mit eigenem Eingang am Nordgiebel, darüber die Lehrerwohnung. Auch die Mikwe (rituelles Bad) befand sich im Gebäude. Der Bau war als zweigeschossiger Massivbau mit Satteldach ausgeführt, traufseitig zur Straßenkurve. Die Mittelachse wurde nach Westen als leicht vorspringender Risalit ausgebildet. Hier befand sich der Zugang über eine Außentreppe. 
   
1914 feierte die Gemeinde das 50-jährige Synagogenjubiläum unter Mitwirkung des Lehrers Aron Neuhaus aus Fritzlar. In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war die Zahl der jüdischen Gemeindeglieder bereits zu klein, um mit den eigenen Männern der Gemeinde noch regelmäßig Gottesdienst abhalten zu können. Dennoch blieb die Synagoge bestehen. Einmal im Jahr kamen die jüngeren Mitglieder der Fritzlarer Synagogengemeinde nach Ungedanken, um dort einen Gottesdienst zu feiern. Danach besuchten sie die Gastwirtschaft von Levy Gutheim. 
       
Im August 1937 wurde die Synagoge an eine nichtjüdische Familie verkauft, die es zu einem Wohnhaus umbaute. In den folgenden Jahrzehnten wurde das Gebäude durch Umbauten stark verändert. Es ist als Wohnhaus erhalten.     
  
  
Adresse/Standort der Synagoge   Hauptstraße 17  

Fotos
(Quelle: Altaras s. Lit. 1988 S. 61; neueres Foto: Hahn, Aufnahmedatum 8.4.2010)   

Die ehemalige Synagoge 
in den 1950er bis 1960er-Jahren
Ungedanken Synagoge 120.jpg (69641 Byte)   
  Gut erkennbar: das Eingangsportal 
mit der Rosette
  
        
Westgiebel des Synagogengebäudes 
im September 1985
Ungedanken Synagoge 121.jpg (32099 Byte)   
   Das ehemalige Synagogengebäude als
 Wohnhaus mit Laden im Erdgeschoss
 
     
 Das ehemalige Synagogengebäude 
im Frühjahr 2010
 Ungedanken Synagoge 470.jpg (80593 Byte)    Ungedanken Friedhof 490.jpg (115385 Byte)
       Vermutlich vom Giebel der Synagoge: 
eine Gebotstafel - abgelegt auf dem
 jüdischen Friedhof des Ortes
  
     

   
    
Links und Literatur

Links:   

Website der Stadt Fritzlar    
Website der Gemeinde Ungedanken  
Website zur Geschichte von Ungedanken   
Zur Seite über den jüdischen Friedhof in Ungedanken (interner Link)      

Literatur:  

Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II S. 316-317.   
Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 S. 61.   
dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 61 (keine weiteren Informationen).
dies.: Neubearbeitung der beiden Bände. 2007² S. 173.   
Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen II Regierungsbezirk Gießen und Kassel. 1995 S. 171.  
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 362.  
Paulgerhard Lohmann: Jüdische Mitbürger in Fritzlar 1933-1949. Norderstedt 2006.  
ders.: Der antijüdische Rassenwahn Hitlers, die Juden in Fritzlar und seinen Stadtteilen und ihre wenigen Freunde. Abschnitt zu Ungedanken: 
Teilweise online zugänglich (pdf-Datei).  

    
    


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Ungedanken (now part of Fritzlar) Hesse-Nassau. Established according to tradition by refugees from the Chmielnick massacres (1648-49), the community numbered 78 (22 % of the total) in 1871. Its district school, built in 1864, had 36 pupils (1869), Only one family remained there in 1937.
   

  

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 10. September 2011