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"Synagogen im Schwalm-Eder-Kreis"
Ungedanken mit
Rothhelmshausen (beide: Stadt
Fritzlar, Schwalm-Eder-Kreis)
sowie Mandern (Stadt Bad Wildungen, Kreis Waldeck-Frankenberg)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Ungedanken bestand eine jüdische
Gemeinde bis nach 1933. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17./18.
Jahrhunderts zurück. Die zunächst aufgenommenen Juden sollen polnische
Flüchtlinge sein, die beim Chmelnzykyj-Aufstand (1648) geflohen waren. Die
ersten Familien, die sich in Ungedanken niedergelassen haben, waren Vorfahren
der Familien Gutheim und Boley.
Auch die Vorfahren der Familie Lissauer kamen aus dem Osten: sie stammten
aus Lissa (Provinz Posen), wo sie bereits seit 1654 Toraschreiberei
betrieben (vgl. unten die Anzeigen und Berichte zu Salomon und Jakob Lissauer in
Ungedanken aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts). Wann der erste "Lissauer"
in Ungedanken war, ist nicht bekannt. 1803 kauft Moses Lissauer (genannt Reb
Mausche) das Bethaus der Gemeinde Ungedanken (s.u.). Der letzte Toraschreiber
aus der Familie Lissauer war Salomon Lissauer. Er lebte zuletzt in Hoof,
starb 1912 und wurde auf dem Friedhof in Ungedanken
begraben.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner
wie
folgt: 1861 74 jüdische Einwohner (19,9 % von insgesamt 372 Einwohnern; in 18
Familien), 1871 78 (22,1 % von 353), 1885 50 (14,4 % von 347), 1895 27 (9,6 %
von 28), 1905 28 (9,4 % von 298). Zur jüdischen Gemeinde Ungedanken gehörten
auch die in Mandern (Waldeck) und Rothhelmshausen lebenden jüdischen Personen.
In Mandern gab es 1860 vier jüdische
Familien, 1905 14 jüdische Einwohner, 1915 noch eine Familie; in Rothhelmshausen
(hier war bereits Mitte des 17. Jahrhunderts eine jüdische Familie am Ort, seit
1806 Familienname Müller), 1861 16 jüdische Einwohner (in drei Familien), 1905
gleichfalls 16.
An den Freiheitskriegen 1813-1815 nahm der Viehhändler Heinemann Gutheim
als Freiwilliger teil (mit 17 Jahren).
Zur Berufsstruktur: Gutheim: Viehhändler, Boley: Buchbinder, Katz:
Pferdehändler, Levy Gutheim: Gastwirt (1909 Gemeindeältester), Lissauer:
Toraschreiber. Weitere Familiennamen waren Mansbach, Mannheimer, Biermann usw.;
die Familienvorstände dieser Familien waren
Handelsleute.
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule
(Mitte des 19. Jahrhunderts bis um 1900 bestand eine Israelitische
Elementarschule, danach eine Religionsschule), ein rituelles Bad (im
Synagogengebäude) und ein Friedhof.
Die jüdische Schule hatte Mitte des 19. Jahrhundert 45 bis 50 Schüler, danach
ging die Zahl ständig zurück: 1869 36 Schuler, 1879 24, 1883 11, um 1900 noch
sechs. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer
angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. Unter den Lehrern
sind bekannt: Lehrer Lange (um 1865, Quelle),
Lehrer Frank (von 1869 bis 1873, Teilnehmer am Krieg 1870/71) und
Lehrer Markus Kaufmann (geb. 1828 in Neuhof,
1874 bis zu seinem Tod 1891 Lehrer in Ungedanken, vgl. Anzeige unten). Nach dem
Tod von Lehrer Markus wurde vermutlich kein Lehrer mehr angestellt; die nur noch
weniger jüdischen Kinder erhielten den Religionsunterricht durch einen
auswärtigen Lehrer (vermutlich immer aus Fritzlar). Die jüdische Gemeinde
Ungedanken gehörte mit den anderen Gemeinden des damaligen Kreises Fritzlar zum
Rabbinatsbezirk Niederhessen mit Sitz in Kassel.
Um 1924, als zur Gemeinde noch 12 Personen gehörten (zwei Familien), waren
die Gemeindevorsteher Levi Gutheim und Julius Mannheimer. Den
Religionsunterricht des damals einzigen schulpflichtigen Kindes der Gemeinde
erteilte Lehrer Hecht.
1933 lebten noch etwa 10 jüdische Personen in Ungedanken. In
den folgenden Jahren sind einige von ihnen auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. 1937 war noch eine
jüdische Familie mit vier Personen am Ort. Am 5. April 1937 schlug das
Vorsteheramt der Israeliten in Kassel dem Regierungspräsidenten in Kassel vor,
die in Ungedanken noch lebenden jüdischen Personen in die Synagogengemeinde Fritzlar
einzugliedern. Die Synagoge wurde im August 1937 verkauft.
Von den in Ungedanken geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Berni Baer geb. Mannheimer
(1894), Ida Elkeles geb. Kuschmann (1895), Israel Isidor Gutheim (1865), Robert
Gutheim (1870), Adolf Hesse (1890), Manfred Normann Hesse (1889), David
Kaschmann (1894), Johanna Katz geb. Lissauer (1868), Abraham Adolf Kaufmann
(1875), Siegmund Kaufmann (1878), Herta Levy geb. Mansbach (1900), Emil Lissauer
(1866), Julius Lissauer (1873), Gustel (Guste) Mannheimer (1898), Henny Michels
(1878), Fanny Rosenthal geb. Gutheim (1859), Minna Rosenthal geb. Gutheim
(1896), Henriette Stein geb. Mannheimer (1892), Ida Wertheim geb. Lissauer
(1868).
Aus Mandern sind umgekommen: David Katz (1873), Frieda Katz (1879), Jakob
Katz (1897), Max Katz (1900), Salomon Katz (1871), Selma Sarah Levi geb. Katz
(1871).
Aus Rothhelmshausen ist umgekommen: Julie Halle geb. Block
(1860).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet
| In jüdischen Periodika des 19./20.
Jahrhundert wurden noch keine Ausschreibungen der Stelle gefunden. |
Anzeige des jüdischen Lehrers Markus Kaufmann (1891)
sowie Grabstein (1891)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Juni 1891: "Ich
suche für meine Tochter, 14 1/2 Jahre, mit guter Schulbildung, behufs
Erlernung der Haushaltung, Stellung. Salair wird nicht beansprucht, aber
gute Behandlung, besonders Religiosität.
M. Kaufmann Lehrer in
Ungedanken." |
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Grabstein
für Lehrer Markus Kaufmann auf dem jüdischen Friedhof
in Ungedanken (gest. 23. September 1891): mit Symbol: Kanne der
Leviten - Inschrift "Hier ruht ein Levit, der die Kinder der
Israeliten geführt hat auf dem Weg, der zum Haus Gottes führt: der Herr
Mordechai, Sohn des Abraham Kaufmann, gestorben in gutem Namen am
Mittwoch, 20. Elul und beigesetzt am Freitag, dem 22. (Elul) im Jahr 5651
(= 23. September 1891). Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens". |
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde
Anzeigen der Soferim (Torarollenschreiber) Salomon und
Jakob Lissauer
Anmerkung: wie bereits oben genannt, stammten die Vorfahren der
Familie Lissauer aus Lissa, Provinz Posen. Sie betrieben dort seit 1654
Toraschreiberei.
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Oktober 1867:
"Zur Beachtung! Bei dem Unterzeichneten sind zwei alte, aber
noch in einem ganz guten Zustande befindliche Torarollen
preiswürdig zu verkaufen; auch sind bei demselben stets Tefilin und
Mesusot vorrätig; und werden von demselben überhaupt alle in sein
Fach einschlagenden Arbeiten respektive Aufträge stets aufs Beste und zu
den möglich billigsten Preisen ausgeführt.
Ungedanken bei Fritzlar (Kurhessen). J. Lissauer, Sofer." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. März 1871:
"Bei dem Unterzeichneten findet ein sowohl im Verfertigen der Tefilin,
als im Schreiben von Torarollen tüchtiger, mit guten Zeugnissen
versehener Sofer-Gehilfe dauernde Beschäftigung. Der Eintritt kann
sofort oder zum 1. Ijjar (= 22. April 1871) stattfinden.
Ungedanken bei Fritzlar (Kurhessen). J. Lissauer, Sofer." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Juli 1876:
"Talitim (große Gebetsschals), Arba konfot (kleine Gebetsschals)
und Zizit, von den allerfeinsten bis zu den ordinärsten Sorten, sind
stets zu den billigsten Fabrikpreisen beim Unterzeichneten zu haben, und
wollen besonders Wiederverkäufer gefälligst Notiz hiervon nehmen.
Thoraschreiber Lissauer in Ungedanken bei Fritzlar,
Kurhessen." |
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Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. März 1878:
"Einige noch gut erhaltene Torarollen zu dem billigen Preis
von 60-70 Mark à Stück sind zu haben bei
S. Lissauer, Sofer Ungedanken bei
Fritzlar. Prov. Hessen." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Dezember 1878:
"Meinen geehrten Kunden die ergebene Anzeige, dass jeder mir erteilte
Auftrag stets, wie bisher, prompt und reell von mir ausgeführt wird.
Fertige Tefilin, Mesusot, Megilot und Torarollen in
verschiedenen Größen sind stets vorrätig und halte ich mich bei Bedarf
dieser sowie zu allen in dieses Fach einschlagenden Arbeiten bestens
empfohlen.
S. Lissauer, Sofer, Ungedanken bei Fritzlar, Provinz
Hessen." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Oktober 1890:
"Eine neue, auf prima Pergament schön geschriebene Torarolle,
von einem orthodoxen Rabbiner nachgesehen und von demselben bescheinigt,
dass diese in jeder Beziehung richtig und koscher sei, ist billig
abzugeben.
S. Lissauer, Ungedanken bei
Fritzlar." |
Über die bisweilen nicht ganz einfache Arbeit des
Sofer Jakob Lissauer (1865)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. April 1865: "Aus
der Provinz Hanau (Kurhessen). Der Lehrer einer israelitischen
Gemeinde im Kreise Schlüchtern, verkaufte seit einiger Zeit Tefilin
zu sehr billigen Preisen. Er bezog dieselben von einem Sofer in Ungedanken,
im Kreise Fritzlar. Gewöhnlich verkauft dieser Sofer das Paar
Tefilin zu 20 Sgr. Durch die außerordentliche Preisermäßigung, im
Verhältnis zu anderen Soferim angezogen, kaufte Herr Maier M.
Goldschmidt in Sterbfritz ein Paar
neue Tefilin für seinen Sohn, der Bar Mizwa werden sollte.
Herr Goldschmidt, ein gottesfürchtiger Mann, wollte sich jedoch
erst von dem Koscher-Zustand (Kaschrut) dieser Tefilin
überzeugen, und brachte dieselben daher einem Sofer in der Nähe,
den er für gewissenhaft hielt, um dieselben zu besehen. Beim ersten Blick
musste es dem Sachverständigen ins Auge fallen, dass die Kapseln
dieser Tefilin nicht aus einem Stück gearbeitet, sondern
sogenannte 'gelegte Kapseln' waren, die aus verschiedenen
Stückchen zusammengesetzt und mit Leim aneinander befestigt waren. Was
war da natürlicher, als dass er sie seinem Kreisrabbinen Herrn
Schwarzschild in Schlüchtern
zeigte, der dieselben natürlich alsbald für unbrauchbar
erklärte, und dem Lehrer, der sie seither verkaufte, sofort untersagte,
dieselben weiter zu verkaufen; dieser schickte darauf seinen ganzen Vorrat
an die Bezugsquelle zurück. Herr Rabbiner Schwarzschild versäumte nicht,
Herrn Rabbiner Wetzlar in Gudensberg,
in dessen Bezirk Ungedanken liegt, von dieser Erfahrung in Kenntnis zu
setzen, der gewiss die geeigneten Maßregeln treffen wird. - Ein anderer
Sofer, Herr Aschur Mai in Raboldshausen
Kreis Hersfeld, zeichnet sich ebenso durch die außerordentlichen billigen
Preise seiner Tefilin aus. Derselbe Sofer, dem die Tefilin
aus Ungedanken vorgezeigt wurden, glaubte besser zu tun, wenn er sich um
Kunden, die nur billige Tefilin kaufen wollen, befriedigen zu
können, ebenfalls solche billige Tefilin zum Wiederverkauf
zulegte. Sein Vater, der die Tefilin bei Herrn Mai kaufte, fragte
zuerst ob man sich auf den Koscher-Zustand (Kaschrut) dieser
Tefilin verlasssen könnte; auf die Versicherung seitens des Herrn Mai,
dass man dieses mit gutem Gewissen könne, erfolgte der Ankauf. Der junge
Sofer öffnete der Vorsicht halber ein Paar Tefilin. Wie groß war
jedoch sein Erstaunen, eine solche Schrift, die ich Ihnen, geehrter Herr
Redakteur, anbei zur gefälligen Bekräftigung meiner Angaben übersende,
zu erblicken... (Nachstehende Sätze gekürzt - vermutlich nur für
Spezialisten von Interesse - bitte in dieser Fall Textabbildungen
anklicken). |
Gewiss
bedarf es nur dieser Andeutung, um auch Herr Rabbiner Dr. Enoch in Fulda
zu veranlassen, diesem Missbrauch, der in seinem Rabbinatsbezirk mit so
ernsten Dingen getrieben wird, zu steuern. Unseren Glaubensgenossen mögen
diese Tatsachen zum warnenden Beispiele dienen, damit sie in der Folge in
dieser Beziehung vorsichtiger zu Werke gehen. Wir haben - Gott sei Dank
- auch noch fromme Soferim in Kurhessen. In Schenklengsfeld wohnt
ein Sofer, über dessen Ruf ich stets nur Rühmliches gehört habe. In Falkenberg,
Kreis Homberg, wohnt ein Sofer namens Herz Rosenblatt, ein Schüler
des allverehrten Rabbinen Wetzlar in Gudensberg
ist, und seine Ausbildung zum Sofer bei Herrn Goldschmidt in
Heidingsfeld bei Würzburg, wohl
dem Nestor unserer deutschen Soferim, erlangt hat. Obgleich seine
Arbeiten in der Niedrigkeit des Preises, nicht mit denjenigen der
Erwähnten konkurrieren können, so zeichnen sie sich jedoch durch ihre
gewissenhafte Bearbeitung und ihre außerordentliche Dauerhaftigkeit
rühmlichst vor anderen aus. Auch in unserer Gegend, hat sich seit einiger
Zeit ein Sofer etabliert, Herr Wolf Grünebaum in Vollmerz, der bis
jetzt sehr schöne Arbeiten geliefert hat, und recht tüchtig in seinem
Fache zu sein scheint. - Mögen unsere Glaubensbrüder doch beherzigen,
dass das Gute nicht immer billig, und das Billige nicht immer gut
ist. Heoref." |
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Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Mai 1865: "Ungedanken,
bei Fritzlar, den 10. Mai (1865). Der Artikel in der Beilage zu Nr.
17 des 'Israelit'. das Verfertigen der Kapseln der Tefilin betreffend,
beruht in Betreff dieses Gegenstandes, und in Bezug auf das, was auf mich
Bezug hat, auf reiner Unwahrheit. - Ich mache zwar gelegte Kapseln,
jedoch sind dieselben aus einem Stück Pergament (Leder) und
durchaus nicht aus mehreren Stückchen Pergament zusammengesetzt und mit
Leim aneinander befestigt. - Jener Korrespondent scheint mich entweder zu
beneiden, dass meine Arbeit sehr weit verbreitet und ich überhaupt als
tüchtiger Sofer allerwärts bekannt bin, - oder sucht mich damit
heruntersetzen und Andere, vielleicht weniger Tüchtige, emporheben zu
wollen. - Es ist meinen Glaubensgenossen, welche mich persönlich kennen,
gewiss vollkommen bewusst, dass ich ebenso religiös und gewissenhaft bin,
als ein jeder Andere; und dass ich keinesfalls so gewissenlos sein werde, Tefilin
zu verkaufen, welche unbrauchbar sind. Ich fungiere bereits 53
Jahre als Sofer und habe mein Zertifikat sowie auch noch
besondere Empfehlungen, die ich Ihnen, geehrter Herr Redakteur, anbei zur
gefälligen Bekräftigung meiner Angabe übersende, von unserem
ehrwürdigen Herrn Kreisrabbinen Wetzlar in Gudensberg. Ich sowohl, als
auch meine sämtlichen Voreltern haben nur von dieser Sorte Tefilin
gemacht und sind dieselben noch nie für unbrauchbar erkannt worden; und
ist dies doch kein Mode-Artikel, welcher mit der Zeit Veränderungen
unterworfen wäre. Auch in ganz Polen werden nur von der Sorte Tefilin
gemacht, und sind derartige Tefilin ebenso wohl in Masse in ganz
Deutschland verbreitet. Was den Preis für ein Paar Tefilin
betrifft, so scheint jeder Korrespondent doch nicht genau davon
unterrichtet zu sein, denn ich nehme auch zuweilen mehr als 20 Sgr.; ich
bin übrigens auch davon überzeugt, dass der Sofer, welcher
einigermaßen gewandt in seinem Fache ist, recht gut bei diesem Preise
bestehen kann, und ist es dadurch einem Jeden unserer Glaubensgenossen,
sowohl Bemittelten als weniger Bemittelten, ermöglicht, sich ein Paar Tefilin
anschaffen zu können. Es ist sehr töricht, glauben machen zu wollen,
dass die Tefilin aus dem Grunde unbrauchbar sein sollen, weil ich
dieselben für 20 Sgr. verkaufe. Es sträubt sich noch manches, 20 Sgr.
bezahlen zu sollen für ein Paar Tefilin, und würde mancher
unserer Glaubensbrüder, ja sogar der größere Teil derselben, wenn ein
höherer Preis, etwa 2 Thaler verlangt würden, sich gar keine Tefilin
mehr anschaffen (?); entweder aus Mittellosigkeit (?) oder auch aus
anderen Rücksichten; man würde wohl alsdann nur noch eine winzige Zahl
unserer Glaubensgenossen treffen, welche sich noch mit Tefilin-legen
beschäftigen würden (?).
Der Verfasser jenes Artikels aus der Provinz Hanau möge sich künftig
genauer von einer Sache überzeugen, bevor er Solches zur Öffentlichkeit
bringt und Unwahrheiten berichtet. Jacob Lissauer.
(Nachbemerkung der Redaktion: Herr Lissauer hat uns seine in der Tat
vorzüglichen Zeugnisse übersandt und wird derselbe namentlich von Herrn
Kreisrabbiner Wetzlar aus Gudensberg
nicht allein aus ein vorzüglicher Sofer, sondern auch als ein
echter und zuverlässiger gottesfürchtiger Mann
empfohlen.
Der Verfasser des anklagenden Artikels in Nr. 17 ist uns jedoch
persönlich als ein ehrenwerter Charakter bekannt, und da er uns die
wirklich untaugleichen Paraschot der in dem zweiten Teile seiner
Referats bezeichneten Tefilin übersandt, so konnten wir auch in
den ersten Teil seines Berichtes kein Misstrauen setzen.
Was nun die sogenannten Kapseln betrifft, so verweisen wir Herrn Lissauer
auf Malachat Schamajim Kap. 18 § 3, woselbst die
Nichtzulässigkeit derselben klar und ausführlich dargelegt
wird." |
Goldene Hochzeit des Sofer Jakob Lissauer und seiner
Frau Beile geb. Gutkind (1872)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Februar 1872: "Ungedanken
(Provinz Hessen). - Jüngst feierten der Sofer Jakob Lissauer und
dessen Ehefrau Beile geb. Gutkind, das Fest ihrer goldenen Hochzeit. Der
Jubilar beschäftigt seich seit seiner Bar Mizwa mit dem
Heiligen Werk (sc. des Toraschreibens); und ist derselbe auch jetzt
noch unter Mitwirkung einer seiner Söhne in diesem Fache tätig; derselbe
hat bis jetzt mehrere Hundert neue Torarollen geschrieben. - Das
Fest wurde im Zirkel ihrer Kinder und zahlreichen Enkeln in Freude
verbracht. Von allen Seiten wurden dem Jubelpaare die herzlichsten
Gratulationen überreicht, unter anderen ein prachtvolles Tanach
(Bibelausgabe) von der Königin-Witwe. - Aus Veranlassung dieser Feier
schrieb der Jubilar sich selbst eine neue Torarolle, deren Einweihung
am Vortag der Heiligen Schabbat mit der Toralesung Schemot (sc. am
Freitag, 5. Januar 1872) stattfand. - Schließlich sei noch erwähnt, dass
das Jubelpaar noch ganz rüstig und sich mit Gottes Hilfe einer
steten Gesundheit erfreut. Salomon Lissauer, Sofer." |
Zur Geschichte der Synagoge
Seit Mitte des 17. Jahrhunderts fand Gottesdienst in
einem Privathaus statt. Dieses Haus gehörte seit 1803 der Familie Lissauer (Mausche's
oder Jüddel's Haus), Moses Lissauer (genannt Reb Mausche) es von Mendel Isack
abgekauft hatte, dem Urahnen des jüdischen Gastwirts in
Ungedanken, Levy Gutheim. Bei diesem ersten Synagogengebäude handelte es sich
um ein altes Fachwerkhaus, das sich neben einem Brunnen in unmittelbarer Nähe
der neuen Synagoge von 1864 befand.
Um 1860 reichte der Betsaal im Lissauerschen Haus
nicht mehr aus. Für einige Zeit wurde ein Betsaal im Haus von Isaak Mannheimer
eingerichtet.
1864 konnte eine neue Synagoge eingeweiht werden. Sie kostete 6.000
Thaler. Erstellt wurde ein jüdisches Gemeindezentrum mit Synagoge, jüdischer
Elementarschule mit eigenem Eingang am Nordgiebel, darüber die Lehrerwohnung.
Auch die Mikwe (rituelles Bad) befand sich im Gebäude. Der Bau war als
zweigeschossiger Massivbau mit Satteldach ausgeführt, traufseitig zur
Straßenkurve. Die Mittelachse wurde nach Westen als leicht vorspringender
Risalit ausgebildet. Hier befand sich der Zugang über eine Außentreppe.
1914 feierte die Gemeinde das 50-jährige Synagogenjubiläum
unter Mitwirkung des Lehrers Aron Neuhaus aus Fritzlar. In der Zeit nach dem Ersten
Weltkrieg war die Zahl der jüdischen Gemeindeglieder bereits zu klein, um mit
den eigenen Männern der Gemeinde noch
regelmäßig Gottesdienst abhalten zu können. Dennoch blieb die Synagoge
bestehen. Einmal im Jahr kamen die jüngeren Mitglieder der Fritzlarer
Synagogengemeinde nach Ungedanken, um dort einen Gottesdienst zu feiern. Danach
besuchten sie die Gastwirtschaft von Levy Gutheim.
Im August 1937 wurde die Synagoge an
eine nichtjüdische Familie verkauft, die es zu einem Wohnhaus umbaute. In den
folgenden Jahrzehnten wurde das Gebäude durch Umbauten stark verändert. Es ist
als Wohnhaus erhalten.
Adresse/Standort der Synagoge: Hauptstraße
17
Fotos
(Quelle: Altaras s. Lit. 1988 S. 61; neueres Foto: Hahn,
Aufnahmedatum 8.4.2010)
Die ehemalige
Synagoge
in den 1950er bis 1960er-Jahren |
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Gut erkennbar: das
Eingangsportal
mit der Rosette |
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Westgiebel des
Synagogengebäudes
im September 1985 |
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Das ehemalige
Synagogengebäude als
Wohnhaus mit Laden im Erdgeschoss |
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Das ehemalige
Synagogengebäude
im Frühjahr 2010 |
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Vermutlich vom
Giebel der Synagoge:
eine Gebotstafel - abgelegt auf dem
jüdischen Friedhof des Ortes |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II S. 316-317. |
 | Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 S. 61. |
 | dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 61 (keine weiteren
Informationen). |
 | dies.: Neubearbeitung der beiden Bände. 2007² S.
173. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen II Regierungsbezirk Gießen und Kassel. 1995 S.
171. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 362. |
 | Paulgerhard Lohmann: Jüdische Mitbürger in Fritzlar
1933-1949. Norderstedt 2006. |
 | ders.: Der antijüdische Rassenwahn Hitlers, die Juden in
Fritzlar und seinen Stadtteilen und ihre wenigen Freunde. Abschnitt zu
Ungedanken:
Teilweise
online zugänglich (pdf-Datei). |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Ungedanken (now
part of Fritzlar) Hesse-Nassau. Established according to tradition by refugees
from the Chmielnick massacres (1648-49), the community numbered 78 (22 % of the
total) in 1871. Its district school, built in 1864, had 36 pupils (1869), Only
one family remained there in 1937.

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