Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Schlitz (Vogelsbergkreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen     
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen 
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte   
Links und Literatur   

    

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)

In Schlitz bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938. Nach jeweils vorübergehenden Niederlassungen von wenigen jüdischen Personen im ausgehenden 16. Jahrhundert, im 17. Jahrhundert und ab 1730 (zwei jüdische Metzger in der Hallenburg) konnten sich erst in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts jüdische Personen niederlassen.     

Nach 1860 entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1861 2 jüdische Einwohner (0,1 % von insgesamt 2.636 Einwohnern), 1871 7 (0,3 % von 2.514), 1880 24 (0,9 % von 2.570), 1885 36, 1900 53 (2,0 % von 2.589), 1910 64 (2,5 % von 2.575), 1925 35 (Angabe vermutlich falsch, evtl. verschrieben für 53; 1,3 % von 2.760). Die jüdischen Familienvorsteher verdienten den Lebensunterhalt als Viehhändler und als Textilkaufleute. Mehrere eröffneten Läden und Handlungen in der Stadt.  
 
Eine jüdische Gemeinde konnte 1880 gegründet werden.    

An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine Schule, ein rituelles Bad und ein Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war vermutlich zeitweise (um 1900?) ein Lehrer angestellt, der auch als Vorbeter und Schochet tätig war. Bereits in den 1920er-Jahren wurden die schulpflichtigen Kinder durch auswärtige jüdische Religionslehrer unterrichtet. Die Gemeinde gehörte zum orthodoxen Provinzialrabbinat in Gießen.   
 
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Emil Wallach (geb. 12.2.1889 in Breitenbach a.H., gef. 25.2.1916).  
 
1932 waren die Gemeindevorsteher Julius Windmüller (1. Vors.), Raphael Greif (2. Vors.) und Sußmann Rothdier (3. Vors.). An jüdischen Vereinen bestanden zwei Wohltätigkeitsvereine: die Chewra (1932 unter Vorsitz von David Windmüller; Zweck und Arbeitsgebiet: Unterstützung Bedürftiger und Bestattungsweisen) sowie die Frauen-Chewra (1932 unter Vorsitz von Frau S. Rosenmeyer; Zweck und Arbeitsgebiet: Unterstützung Bedürftiger). Im Schuljahr 1932/32 erhielten 5 Kinder der Gemeinde Religionsunterricht.   

1933 lebten noch 43 jüdische Personen in Schlitz (1,5 % von insgesamt 2.811 Einwohnern, in 14 Haushaltungen).
In den folgenden Jahren (bereits seit 1934) sind die meisten von ihnen alsbald auf Grund der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Nach Angaben bei Arnsberg und Heinrich Sippel konnten 9 Personen in die USA emigrieren, 7 nach Südamerika (Brasilien), 2 im Jahr 1937 nach Palästina. Vier der jüdischen Einwohner von 1933 sind noch in Schlitz gestorben. Beim Novemberpogrom 1938 wurde der von Schlitz nach Bad Nauheim verzogene 66-jährige Fellhändler Aron Stern in das KZ Buchenwald verschleppt; er verstarb dort, nachdem er auf brutale Weise von einem SS-Mann zusammengeschlagen worden war. 
Die letzten drei jüdischen Einwohner verließen im Dezember 1938 und im Mai 1939 Schlitz, unter ihnen Julius Windmüller (geb. 1883 in Schlitz), der letzte Gemeindevorsteher, der am 1. Juni 1939 zusammen mit seiner Haushälterin Hedwig Goldmann nach Frankfurt gezogen ist. Beide wurden jedoch von dort aus 1942 deportiert und sind umgekommen. 
        
Von den in Schlitz geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Emilie Bacharach geb. Mayer (1882), Willi (Wolf) Bacharach (1869), Ida Cohn geb. Weihl (1880), Hedwig Goldmann geb. Levistein (1896), Frieda Hirsch geb. Windmüller (1882), Bertha Katz (1923), Rosa Katz geb. Schwab (1899), Franziska Kornblum geb. Windmüller (1879), Margarete Linz (1907), Ellen (Helene) Löbenstein geb. Gottlieb (1890), Selma Neuhaus geb. Schwab (1901), Johanna Paradies geb. Windmüller (1887), Lina Rosenstock geb. Bachrach (1902), Ludwig Schwab (1909), Paula Seligmann geb. Greif (1891), Aron Stern (1872), Abraham Strauss (1869), Johanna Waldeck geb. Rosenmeyer (1895), Alfred Weihl (1892), Emil Weihl (1879), Julius Windmüller (1883).    
    
    
    
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
    
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen 
Anzeige des Manufaktur-, Konfektions- und Kolonialwarengeschäftes von Jacob Rosenmeyer (1901)
   

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. April 1901: 
"Für mein Manufaktur-, Konfektions- und Kolonialwaren-Geschäft suche zum alsbaldigen Eintritt einen 
Lehrling
 
aus achtbarer Familie, mit guter Schulbildung. Kost und Logis im Hause. 
Jacob Rosenmeyer,
Schlitz, Oberhessen."     

  
Anzeige des Manufakturwarengeschäftes S. Rothschild (1922)    

Schlitz Israelit 16031922.jpg (46495 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. März 1922: "Für meine 16-jährige Tochter suche ich per 1.5. Stellung in nur gutem religiösem Hause zur Erlernung des Haushaltes bei vollständigem Familienabschluss, eventuell gewähre Vergütung, Süddeutschland bevorzugt. 
S. Rothschild, Manufakturwaren. Schlitz in Oberhessen."     

     
Anzeige der Pension A. Stern (1925)  

Schlitz Israelit 04061925.jpg (30526 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Juni 1925: "Schlitz - Oberhessen   
in herrlicher waldreicher Gegend.  
Pension A. Stern.  Streng koscher / erstklassige Referenzen  / mäßige Preise."   

    
    
    
Zur Geschichte der Synagoge      
       
   
Nach
ihrer Gründung konnte die jüdische Gemeinde 1899 ein Fachwerkhaus in der ehemaligen Hintergasse - ein ehemaliges Badehaus - erwerben und dieses zu einem jüdischen Gemeindezentrum umbauen. In diesem Haus wurden ein Betsaal, die Schule und weitere Räume der Gemeinde eingerichtet. 

Das jüdische Gemeindezentrum wurde nach Wegzug der meisten jüdischen Einwohner 1937 geschlossen und an einen nichtjüdischen Handwerker verkauft. Über Ereignisse beim Novemberpogrom 1938 ist nichts bekannt. Das Gebäude wurde nach 1945 zu einem Wohnhaus umgebaut.   
   
   
Adresse/Standort der Synagoge  Herrengartenstraße 9 (ehemalige Hintergasse)        
    
    
Fotos
(neuere Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 9.4.2009)   

Historische Fotos  Historische Fotos der ehemaligen Synagoge / der jüdischen Schule sind nicht bekannt; 
über Hinweise oder Zusendung freut sich der Webmaster der "Alemannia Judaica"; 
Adresse siehe Eingangsseite. 
     
     
     
Das Gebäude der ehemaligen Synagoge 
und jüdischen Schule 
Schlitz Synagoge 170.jpg (90733 Byte) Schlitz Synagoge 171.jpg (87043 Byte)
     Dem an der Herrengartenstraße stehenden Gebäude ist von seiner früheren Nutzung 
nichts mehr anzusehen. 
         
      Schlitz Synagoge 173.jpg (81775 Byte) Schlitz Synagoge 172.jpg (83877 Byte)
         Hinweistafel: "Synagoge und Judenschule - 
der 1880 gegründeten jüdischen
 Kultusgemeinde." 
              
Schlitz Rathaus 170.jpg (89888 Byte) Schlitz Rathaus 172.jpg (81197 Byte) Schlitz Rathaus 171.jpg (96143 Byte)
Gedenken am Rathaus der Stadt Schlitz - Gedenktafel mit Text: "Wegen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft mussten alle unsere jüdischen Mitbürger die Stadt Schlitz in den Jahren 1933-1939 verlassen. Zu diesem Unrecht wurde damals geschwiegen. Das Erinnern und das Bewusstsein dieser Schul machen Versöhnung möglich und ermahnen uns, immer wieder für die Menschenrechte einzutreten."  
     

    
    
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  

Januar 2012: Gedenkveranstaltung zum Holocaust-Gedenktag   
Artikel in der "Schlitzer Zeitung" vom 21. Januar 2012: "Veranstaltung zum Holocaust-Gedenktag. 
Schlitz.
Vielen Schlitzern ist vermutlich gar nicht bewusst, dass Schlitz auch eine jüdische Geschichte hat. Seit dem 19. Jahrhundert lebten Juden in Schlitz...." 
Link zum Artikel     
  
  

   


Links und Literatur

Links:

Website der Stadt Schlitz  
Zur Seite über den jüdischen Friedhof in Schlitz (interner Link)   
Webportal HS 010.jpg (66495 Byte)Webportal "Vor dem Holocaust" - Fotos zum jüdischen Alltagsleben in Hessen mit Fotos zur jüdischen Geschichte in Schlitz.   

Literatur:  

Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. 
ders.: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder - Dokumente. S. 
Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 S. S. 112-113.   
dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 
Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 200-201.   
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 313-314.    
Heinrich Sippel: Die Schlitzer Juden. Reihe: Studien zur Schlitzer Geschichte. Nr. 10. März 1983.
ders.: Jüdisches Leben in Schlitz. In: Schlitz im Spiegel der Geschichte. Heft 28 1997. Pulheim 1997. 
Fritz Kumpf: Juden im Schlitzer Land. Betrachtungen, Erinnerungen, Gedanken. In: Kulturverein Lauterbach e.V. (Hg.): Fragmente... jüdischen Lebens im Vogelsberg. Lauterbach 1994 S. 50-56 und 2. 83-84.  

   
    


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Schlitz Hesse. Established in 1880, when it numbered 24 (1 % of the population), the community grew to 64 (2 %) in 1910 and was affiliated with the Orthodox rabbinat of Giessen. By October 1938 most of the 43 Jews had left, and a year after Kristallnacht (9-10 November 1938), none remained.  
    
      

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 22. Juli 2014