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Sachsenhausen (Stadt
Waldeck, Kreis Waldeck-Frankenberg)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde
In Sachsenhausen bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts
zurück. Nach 1770 waren drei jüdische Familien am Ort. Präzise Zahlen
jüdischer Einwohner liegen zu Sachsenhausen nicht vor. Zwischen 1771 und der
NS-Zeit finden sich 24 verschiedene Namen von Familien in der Stadt. Die Familien
Bloch, Hirsch, Jacob und Liebmann lebten über mehrere Generationen in
Sachsenhausen.
1802 gab es vier jüdische Familien in Sachsenhausen, 1874 waren es 16 jüdische Familien.
Die jüdischen Familien lebten vom Handel mit Vieh, Fellen, Getreide, Töpfer-
und Bäckereiwaren. Es gab auch mehrere jüdische Handwerker (Metzger, Seiler,
Schlachter, Färber, Blechschmied, Kalkbrenner, Schuhmacher). In der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden von jüdischen Gewerbetreibenden /
Kaufleuten mehrere Handlungen und Läden am Ort eröffnet.
Zur jüdischen Gemeinde gehörten auch die in Waldeck
lebenden jüdischen Personen (um 1905: 10 Personen), dazu auch die wenigen in Netze,
Nieder-Werbe und Meineringhausen lebenden
jüdischen Personen.
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule
(Religionsschule),
ein rituelles Bad und ein Friedhof. Zur
Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der
zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (vgl. Ausschreibung der Stelle
unten). Unter den Lehrern ist aus den 1830er-Jahren ein Lehrer Hellborn bekannt,
der sich wegen seiner vorbildlichen erzieherischen Tätigkeit Verdienste erworben
hatte.
Im Ersten Weltkrieg ist aus der Gemeinde gefallen: Julius Weiler (geb.
8.10.1885 in Sachsenhausen, vor 1914 in Korbach wohnhaft, gef. 17.7.1915).
Um 1924 gehörten zur Gemeinde noch 45 Personen (Angabe nach dem Handbuch
der jüdischen Gemeindeverwaltung und Wohlfahrtspflege 1924). Im
"Führer" von 1932 gibt es keine Angaben zu
Sachsenhausen.
Die jüdischen Familien waren im Leben der Stadt weitestgehend integriert.
Etliche jüdische Einwohner gehörten den örtlichen Vereinen an. Eine in die USA
ausgewanderte Familie stellte im Jahr 1906 der Stadt Sachsenhausen ein Haus als
Stiftung zur Verfügung mit dem Zweck, dort eine Kleinkinderschule einzurichten
("Bloch'sche Stiftung"). Die jüdischen Gewerbebetriebe schafften auch
für viele nichtjüdische Einwohnern der Stadt Arbeitsplätze. Sehr beliebt war
der praktische Arzt Max Liebmann, der bereits 1932 in die USA
emigrierte.
In den Jahren nach 1933 - damals gab es noch neun jüdische Familien in
Sachsenhausen - ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert (aus Sachsenhausen drei in
die USA, fünf nach Argentinien, drei nach Palästina. Beim "reichsweiten
Boykott" am 1. April 1933 richteten sich gewaltsame Aktionen u.a. gegen die
Gaststätte Loeb in Netze, die von etwa 20 bis 30 Nationalsozialisten gestürmt
wurden. Der Wirt und die anwesenden Gäste wurden verprügelt und teilweise
schwer verlässt. Die zu Hilfe gerufene Polizei weigerte sich, am Tatort zu
erscheinen. Beim Novemberpogrom 1938 wurden jüdische Männer
verhaftet, mindestens einer wurde in das KZ Buchenwald verschleppt. Die letzten jüdischen Einwohner
wurden aus Sachsenhausen in die Vernichtungslager deportiert. Am Ort überlebte
der völlig mittellose und auf die Hilfe und den Schutz von Mitbürgern
angewiesene Moritz Mildenberg (gestorben Januar 1945).
Von den in Sachsenhausen geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Ilse Bloch (1894), Kurt
Bloch (1904), Lina Bloch geb. Kleinstrass (1881), Lina Bloch (1901), Martha
(Marta) Bloch (1897), Siegmund Süssel Bloch (1861), Betti Blumenthal (1928),
Elfriede Blumenthal (1930), Meta Blumenthal geb. Weiler (1890), Emma Hirsch (), Werner
Jacob (1908).
Anmerkung: die Recherche ist in den angegebenen Listen sehr schwierig, da es noch andere
Orte "Sachsenhausen" mit jüdischen Einwohnern gegeben hat und in den
Listen nicht ausreichend differenziert wird.
Anmerkung: die Recherche ist in den angegebenen Listen sehr schwierig, da es noch andere
Orte "Sachsenhausen" mit jüdischen Einwohnern gegeben hat und in den
Listen nicht ausreichend differenziert wird.
Aus Netze sind umgekommen: Georg Loeb (1882) und Gustav Loeb
(1882).
Aus Waldeck sind umgekommen: Erna Lapidas geb. Loewenstein (1884),
Salomon Levi (1868),
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet
1858
Anzeige
in der Zeitschrift "Jeschurun" vom März 1858:
"Die Gemeinde Sachsenhausen, im Fürstentum Waldeck bei
Arolsen, sucht zum 1. Mai dieses Jahres einen tüchtigen Lehrer, Vorsänger
und Schächter gegen einen fixen Gehalt von 130 bis 149 Thaler und
übliche Nebenakzidenzien. Reflektierende, die sich über ihre
Fähigkeiten und insbesondere über ihren echt-religiösen Charakter
ausweisen können, wollen sich baldigst in frankierten Briefen wenden an Levi
Bloch, Vorsteher I." |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
B. Löwenstern (Bericher Mühle) sucht einen Elementarlehrer für seine Kinder
(1870)
Anmerkung: über die Gemeindezugehörigkeit der in der Bericher Mühle
offenbar um 1870 wohnhafte Familie B. Löwenstern konnte noch nichts in
Erfahrung gebracht werden; vermutlich gehörte sie - wie auch die wenigen in
Nieder-Werbe wohnhaften jüdischen Personen - zur Gemeinde Sachsenhausen. Die
Bericher Mühle besteht heute nicht mehr; sie ist seit 1914 im Edersee
(Edertalsperre) im Bereich des jetzigen Mündungsbereiches der Werbe
versunken.
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 4. Oktober 1870:
"Ich suche zum baldigen Eintritt, für den Elementarunterricht meiner
Kinder, namentlich für 2 Knaben von 10-12 Jahren, einen Hauslehrer,
jüdischer Konfession, der womöglich auch Sprach- und Musikunterricht
erteilt. Salair bei freier Station bis zu 150 Thalern. Offerten nebst
Zeugnisse bitte mir baldigst einzusenden.
Bericher Mühle bei Bad Wildungen, im September 1870. B. Löwenstern." |
Zur Geschichte der Synagoge
Zunächst waren Beträume in jüdischen Privathäusern
vorhanden (erwähnt in den Jahren 1781, 1786, 1796, 1801, 1912 und 1831).
Um 1860 bestand der Wunsch zum Bau einer neuen Synagoge. Ein
geeignetes Grundstück konnte gefunden werden. Für den Bau zeichnete
Kreisbaumeister Brumhard aus Bad Wildungen die Pläne. Die Finanzierung wurde
mit Hilfe von Spenden aus der Gemeinde, über Kollekten in anderen Gemeinden
sowie über die Aufnahme von Krediten geregelt werden. Als Baumaterial der im
Jahr 1863 erstellten Synagoge wurde u.a. Abbruchmaterial der Stadtmauer
verwendet. Die Fertigstellung der Synagoge wurde mit einem dreitägigen Fest
gefeiert, darunter auch Musik und Tanz auf Schaumburgs Saal.
Bei der Synagoge handelte es sich um ein für den Ort ausgesprochen
repräsentatives Gebäude, ein stattlicher, zweigeschossiger Massivbau in
Bruchsteinmauerwerk mit vorwiegend romanischen Stilelementen. Die verwendeten
Stilelemente fasst Thea Altaras nach dem vorhandenen Foto (s.u.) wie folgt
zusammen: "Traufseitig im Erdgeschoss große, breite Rundbogenfenster der
Synagoge, schmale, kleine Rundbogenfenster der Empore im Obergeschoss, die in
einem rhythmischen Fries aus Rundbögen und Halbsäulen, einer Blendgalerie,
angeordnet sind. Eine rhythmische Fenster-Säulenreihe zwischen dem Dachgesims
und dem umlaufenden, hochliegenden Gurtgesims, Ecklisenen aus Quadern, mit
kleinen Türmchen als Abschluss. In Mittelachse des Schaugiebels großes Portal
mit dreifacher Gewändeprofilierung aus Dreiviertelstäben, dessen Bogenfläche
über dem Gurtgesims verglast ist und von einer Blendarkade umgeben, gleich einer
großen Halbrosette der Mittelpunkt des Giebels wird. Die hochrechteckige
Sprossenteilung der Glasfläche hat ihre Fortsetzung im breiten Rundbogenfries
über der trapezbogigen, zweiflügeligen Eingangstüre".
1938 wurde die Synagoge - noch vor dem Novemberpogrom - von der
jüdischen Gemeinde aufgegeben und verkauft. Der neue Besitzer verwendete sie
als Baustofflager. Er bekam die Auflage, das Gebäude so umzubauen, dass es
nicht mehr als Synagoge erkennbar war. Später bekam er die Auflage, das
Gebäude abzureißen. Doch wurden beide Pläne nicht ausgeführt. 1944 wurde das
Gebäude als Vorratslager für die Lebensmittelversorgung des Militärs
verwendet.
Nach 1945 mussten Sachsenhäuser Bürger die eingeworfenen Fensterscheiben
reparieren. 1949 kaufte die neue katholische Gemeinde am Ort das bereits seit
1947 von ihr genutzte Gebäude und
verwendete es bis 1960 als Kirche. Als die neue katholische Kirche 1959/60
erbaut und eingeweiht wurde, stand die ehemalige Synagoge zunächst leer. Was die
Nationalsozialisten in der Kriegszeit nicht erreichten, schaffte die
Straßenbauverwaltung 1962: das Gebäude wurde
abgerissen, um
an seiner Stelle eine Straßenkreuzung anzulegen.
1991 wurde an einer Bruchsteinmauer am Synagogengrundstück eine Gedenktafel
angebracht.
Adresse/Standort der Synagoge: Korbacher
Straße
Fotos
(Quelle für Plan und Foto der Kirche: Günter Lorenz, Twistetal
Ober-Waroldern, Webmaster von www.ober-waroldern.de);
historische Fotos auf der Website von www.synagoge-voehl.de,
dort Beitrag aus der Festschrift von 1995 unten; historisches Foto links auch
bei Altaras s.Lit. 1988 und 2007; neuere Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 8.4.2010)
Das Synagogengebäude - als
Kirche genutzt (Kreuz statt Gebotstafeln auf dem Giebel)
in den 1950er-Jahren |
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Die ehemalige Synagoge wurde
noch in den 1950er-Jahren zur Anlage
einer Straßenkreuzung abgebrochen |
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| Katholische Kirche St. Bonifatius |
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Durch den Bau der neuen
katholischen Kirche wurde das Synagogengebäude nicht mehr gebraucht; es
wurde zur Anlage der Straßenkreuzung abgebrochen |
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| In der Kirche befindet sich
der Türsturz aus der ehemaligen Synagoge mit Inschrift: "Haus
Jakob, lasst uns wandeln im Lichte von ihm" (Jesaja 2,5) |
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Tafel mit Erläuterungen in der Kirche |
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| Synagogenstandort
mit Denkmal |
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| Blick auf das Synagogengrundstück |
Bruchsteinmauer mit Gedenktafel |
Die Gedenktafel (Inschrift s.u.) |
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| Ansicht von der Wildunger Straße |
Ansicht Freienhagener Straße |
Plan der jetzigen Straßenführung mit
Eintragung des Synagogengebäudes |
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| Inschrift: "Den jüdischen Opfern der faschistischen Gewaltherrschaft
zum Gedenken, die ihre Synagoge aufgeben mussten, aus ihrer Heimat
vertrieben, verschleppt und ermordet wurden. An dieser Stelle befand
sich die im Jahre 1863 von Kreisbaumeister Brumhard erbaute Synagoge der
jüdischen Gemeinde. In Sachsenhausen gab es von 1771 bis 1945 jüdische
Einwohner. Bis zu 13 Familien wohnten ständig am Ort. Seit 1870 wanderten
viele nach Amerika aus. 1938 wurde die Synagoge verkauft. Von 1947 bis
1960 diente das Gebäude der hiesigen sich in den Jahren nach dem zweiten
Weltkrieg hier neu gründenden katholischen Gemeinde als Gotteshaus, wurde
1960 von der Straßenbauverwaltung gekauft und später im Zuge der
Straßenerweiterung abgerissen. Über der Tür zu Sakristei der neuen
katholischen Kirche ist der Türsturz der ehemaligen Synagoge eingesetzt.
Er trägt die hebräische Inschrift: 'Haus Jakob, kommt, lasst uns wandeln
im Lichte von Ihm' (Jes. 2,5). |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II S. 242-243. |
 | Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 S. 69. |
 | dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 66-68. |
 | dies.: Neubearbeitung der beiden Bände. 2007 S.
100.185-186. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen II Regierungsbezirk Gießen und Kassel. 1995 S.
222. |
 | 175 Jahre jüdische Mitbürger. In: Sachsenhausen -
750 Jahre Stadtrechte. Beiträge zu Geschichte und Gegenwart. Hrsg. vom
Magistrat der Stadt Waldeck - Festausschuss 750 Jahre Sachsenhausen. Korbach
1995. S. 91-97. Online
einsehbar in der Website des Förderkreises "Synagoge Voehl" e.V.
|
(Hinweis: durch Verwechslung im Pinkas Hakehillot und
in der Encyclopedia of Jewish Life mit dem niedersächsischen
Sachsenhagen gibt es dort keine Beiträge zu Sachsenhausen)

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