Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Gilserberg (Schwalm-Eder-Kreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen   
Zur Geschichte der Synagoge    
Fotos / Darstellungen   
Links und Literatur    

    

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)           
           
In Gilserberg bestand eine jüdische Gemeinde bis nach 1933. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück, doch könnten auch bereits im 17. Jahrhundert Juden am Ort gelebt haben. Nach Angaben einiger ehemaliger jüdischer Familien am Ort sollen ihre Vorfahren bereits um 1700 hier gelebt haben. 
   

Die Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich im 19. Jahrhundert wie folgt: 1835 34 jüdische Einwohner, 1861 54 (10,7 % von insgesamt 505 Einwohnern), 1871 50 (11,8 % von 425), 1885 47 (9,7 % von 487), 1895 71 (15,2 % von 468), 1905 71, 1910 61 (10,8 % von 563).
   
Die jüdischen Familien lebten überwiegend vom Handel mit Vieh, Kolonialwaren und Textilien. In den 1920er-Jahren und teilweise bis in die 1930er-Jahre gehörte jüdischen Familien eine Drogerie, je ein Geschäft für Eisenwaren und Holzhandel, Kolonialwaren und Textilien sowie ein Schuhgeschäft. Fast alle Familien hatten neben ihren Gewerbebetrieben auch eine kleine Landwirtschaft. 
  
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule (seit 1841 Israelitische Elementarschule), ein rituelles Bad und seit 1924/25 auch einen Friedhof. Zur Besorgung religiöser Einrichtungen der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (siehe Ausschreibungstexte der Stelle unten). Die Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Oberhessen (Sitz in Marburg).   
   
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Felix Isenberg (geb. 16.2.1888 in Gilserberg, gef. 30.6.1917). Sein Name steht auf dem Gefallenendenkmal 1914-1918 (Sandsteinsäule vor dem Eingang der Kirche von Gilserberg). Außerdem ist gefallen: Unteroffizier Felix Stahl (geb. 12.6.1892 in Gilserberg, vor 1914 in Zimmersrode wohnhaft, gef. 4.11.1915).  
  
Um 1925
wurden 62 jüdische Einwohner gezählt (9,1 % von insgesamt ca. 680 Einwohnern). Vorsitzender der Synagogengemeinde war Moses Stahl (siehe die Berichte zu seiner Person unten). 1932 war Vorsitzender der Gemeinde Siegmund Stern, Schatzmeister war Herz Stern.  
 
1933 lebten noch 37 jüdische Personen in Gilserberg, die fast alle zwischen 1937 und 1939 nach Frankfurt oder Marburg verzogen. Teilweise konnten sie auswandern (die meisten in die USA), einige sind später deportiert und ermordet worden.   
   
Von den in Gilserberg geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Jenny Cohen geb. Isenberg (1892), Erna Duneck geb. Feibusch (1892), Hedwig Heimenrath (1881), Meta Heimenrath (1887), Rosa Salomon geb. Stern (1891), Friedel Lotte Stern (1932), Helmut Stern (1924), Hermann Stern (1893), Karolina Stern geb. Jakob (1897), Paula Wolff geb. Plaut (1901).      
    
    
    
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1884 / 1891

Gilserberg Israelit 02101884.jpg (72706 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Oktober 1884: "Die israelitische Religionslehrer- und Vorsängerstelle zu Gilserberg im Kreise Ziegenhain, Regierungsbezirk Kassel, soll anderweitig besetzt werden. Besoldung jährlich 600 Mark neben freier Wohnung und Feuerung. 
Bewerber werden aufgefordert, ihre mit den nötigen Prüfungs- und Führungszeugnissen versehenen Gesuche binnen drei Wochen einzureichen. 
Marburg, den 18. September 1884. Israelitisches Vorsteher-Amt Dr. Munk."
Gilserberg Israelit 09021891.jpg (65345 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Februar 1891: "Bekanntmachung. Die israelitische Lehrer- und Vorsängerstelle zu Gilserberg, mit welcher neben Dienstwohnung und freier Feuerung eine kompetenzmäßige Besoldung von jährlich 750 Mark verbunden ist, soll zum 1. April dieses Jahres anderweitig besetzt werden. 
Bewerber werden aufgefordert, ihre mit den erforderlichen Prüfungs- und sonstigen Zeugnissen zu versehenden Meldungsgesuche binnen 3 Wochen an uns einzureichen. 
Marburg, 4. Februar 1891. Israelitisches Vorsteheramt. Dr. Munk."

     
Anzeige von Lehrer Plaat (Plaut?, 1924)   
Anmerkung: beim Tod von Salomon Stahl (siehe unten) spricht ein Lehrer Plaut aus Treysa; war dieser möglicherweise vor Treysa in Gilserberg tätig?    

Anzeige in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des "Central-Vereins") vom 20. März 1924:  
"Suche für meinen Sohn 
Lehrstelle
 
in Manufakturwarengeschäft. Samstage und Feiertage geschlossen. 
Lehrer Plaat, Gilserberg
(Bezirk Kassel)."           


  
Berichte zu einzelnen Personen in der Gemeinde  
Über Moses Stahl: 87. Geburtstag (1925), 88. Geburtstag (1926), 89. Geburtstag (1927) und sein Tod (1929)

Gilserberg Israelit 16071925.jpg (32770 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Juli 1925: "Gilserberg, 28. Juni (1925). Der frühere Viehhändler und jetzige Rentner Moses Stahl, beging in bester Gesundheit und Geistesfrische seinen 87. Geburtstag. Er bekleidete lange Jahre das Amt des Gemeindeältesten und trat vor einigen Jahren, als das Alter ihn dazu zwang, zu Gunsten seines Sohnes, Jakob Stahl, zurück."  
Gilserberg Israelit 01071926.jpg (32961 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Juli 1926: "Gilserberg, 24. Juni (1926). Der älteste hiesige Einwohner, der frühere Viehhändler, jetzige Auszüger Moses Stahl feierte in seltener körperlicher Rüstigkeit und geistiger Frische seinen 88. Geburtstag. Der alte Mann liest noch täglich seine Zeitung, ohne sich einer Brille zu bedienen und ist noch zeitweise in der Landwirtschaft seines Sohns Jakob Stahl recht tätig. 
  
Gilserberg Israelit 30061927.jpg (19277 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Juni 1927: "Gilserberg, 26. Juni (1927). Seinen 89. Geburtstag beging in bester Rüstigkeit und Geistesfrische Herr Rentner Moses Stahl dahier, der älteste Einwohner unseres Ortes. 40 Jahre bekleidete er das Amt des Gemeindeältesten." 
     
Gilserberg Israelit 28091929.jpg (33874 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. September 1929: "Gilserberg, 20. Februar (1929). Im fast vollendeten 91. Lebensjahre verschied der älteste Einwohner unseres Ortes, Moses Strahl. Er hatte mit seiner Gattin vor einiger Zeit das Fest der goldenen Hochzeit feiern können. 40 Jahre war er Gemeindeältester. Wegen seiner Hilfsbereitschaft wurde er allgemein bei Juden und Christen geschätzt. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."  
 
Artikel in der "Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 8. Februar 1929: "Gilserberg (Persönliches). Im 91. Lebensjahre verstarb der frühere Gemeindeälteste M. Stahl. Vier Jahrzehnte hat er die religiösen Interessen der kleinen Gemeinde mit Umsicht und Energie vertreten. Im Jahre 1918 konnte er mit seiner Gattin, die ihm vor zwei Jahren in die Ewigkeit vorausging, das Fest der goldenen Hochzeit feiern. Trotz seines hohen Alters war der Greis bis kurz vor seinem Tode noch verhältnismäßig gesund und geistig rege. Das großer Trauergefolge, das seiner Bahre folgte, bezeugte allgemeine Beliebtheit und Achtung, deren er sich in weiten Kreisen erfreute."   

    
Zum Tod von Salomon Stahl (1928) 

Gilserberg Israelit 27121928.jpg (50235 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Dezember 1928: "Gilserberg, 19. November (1928). Vor wenigen Tagen starb hier der in weitesten Kreisen bekannte und beliebte Kaufmann Salomon Stahl, der viele Jahre Gemeindeältester der hiesigen Gemeinde war und sich um dieselbe sehr verdient gemacht hat. Das große Leichengefolge bewies das große Ansehen, dessen sich der Verstorbene zu erfreuen gehabt hatte. Vor dem Trauerhause und am Grabe hielten die Lehrer Plaut - Treysa und Spier - Gemünden Worte der Trauer, die allgemeinen Beifall fanden. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."   

   
   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen 
Verlobungsanzeige von Selma Stahl und David Katzenstein (1925)  

Gilserberg Israelit 02071925.jpg (25189 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Juli 1925: "Statt Karten. Selma Stahl - David Katzenstein. Verlobte.  Gilserberg, Bezirk Kassel. Juni 1925. Rhina Kreis Hünfeld."   

      
Hochzeitsanzeige von Fritz und Jenny Stern (1924)    

Anzeige in der "CV-Zeitung" vom 17. Juli 1924: 
"Fritz Stern - Jenny Stern. Vermählte. 
Neuwied am Rhein - Gilserberg (Bezirk Kassel). 
Trauung: Mittwoch, 16. Juli, Adlers Kurhotel, Bad Nauheim."      

     
     
    

Zur Geschichte der Synagoge        
    
Eine erste Synagoge (Betsaal) unbekannten Baujahres war Mitte des 19. Jahrhunderts (möglicherweise schon mehrere Jahrzehnte zuvor) im Haus des Abraham Stahl eingerichtet. Da der Betsaal in seinem Besitz war, bezahlte die Gemeinde für die Benutzung des Raumes eine Mietgebühr. Im Januar 1848 kündigte Abraham Stahl der Gemeinde. Hierauf ergriff der Gemeindevorstand die Initiative zum Bau einer neuen Synagoge. Man wollte ein bestehendes Gebäude kaufen, in dem die Synagoge, die Schule und die Lehrerwohnung untergebracht werden konnten. Ein Wohnhaus mit Scheuer und Stall wurde auch gefunden. Es sollte 300 Taler kosten. Der Umbau zum jüdischen Gemeindezentrum wurde auf weitere 350 Taler kalkuliert, was der Gemeindevorsteher durch eine Umlage und ein Darlehen aufbringen wollte. Freilich waren die Gemeindemitglieder damit nicht einverstanden. Es sollte nach einem günstigeren Gebäude Ausschau gehalten werden. Ein solches konnte freilich nicht gefunden werden. Eine neue Lage ergab sich dadurch, dass Abraham Stahl im Mai 1848 verstarb. Sein Sohn Simon Stahl erlaubte offenbar die weitere Benützung des bisherigen Betsaales. 
 
Erst in den 1890er-Jahren kam es zu dem schon 1848 geplanten Kauf eines bestehenden Hauses zum Umbau für eine Synagoge, ein Schulzimmer und die Lehrerwohnung. Für die Sanierung und den Umbau des Gebäudes errechnete Techniker Schneider vom Landratsamt Ziegenhain jedoch einen so hohen Betrag, dass es die finanziellen Möglichkeiten der Gemeinde überstieg. Nachdem man sich geeinigt hatte, eine umfassende Erneuerung nur im Bereich des Unterbaus vorzunehmen, konnten die Bauarbeiten beginnen. Im Oktober 1897 konnte Lehrer Plaut zur Erteilung des Religionsunterrichtes in neuen Räumen für die Schule einziehen. Vier Monate später wurde am 12. Januar 1898 das neue jüdische Gemeindezentrums feierlich eingeweiht. 
 
Über die Einweihung dieser neuen Synagoge durch den Marburger Provinzial-Rabbiner Dr. Munk liegen zwei Berichte vor: 

Gilserberg Israelit 17011898.JPG (197155 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Januar 1898: "Gilsenberg (verschrieben für Gilserberg), 12. Januar (1898). Heute wurde hierselbst die neu erbaute Synagoge eingeweiht, die die hiesige aus nur 10 Familien bestehende Gemeinde unter großen Opfern erbaut hat. Die Einweihung erfolgte durch den Herrn Provinzial-Rabbiner Dr. Munk aus Marburg; als Ehrengäste waren Herr Pfarrer Volkenand, sowie der Bürgermeister und der evangelische Lehrer des Ortes eingeladen und erschienen. Zunächst fand in der alten Synagoge der Abschiedsgottesdienst statt. Im Anschlusse an die Orte "Denn mit Freude zieht aus und in Frieden..." verstand es der Herr Redner zu zeigen, wie die Gemeindemitglieder trotz der Freude über den nunmehr vollendeten Neubau doch von Wehmut erfüllt sein müssten, ein Haus zu verlassen, das der Erinnerungen an freudige und auch traurige Ereignisse so viele für sie habe. Kein Auge blieb bei diesen Worten tränenleer. Nachdem die Sifrei HaTora (Torarollen) unter Chorgesang ausgehoben, setzte sich der Zug von der alten Synagoge nach dem neuen Bet HaKnesset (Haus der Versammlung = Synagoge) in Bewegung. Unter den Worten eines sinnigen Gedichtes wurde der Schlüssel dem Herr Provinzialrabbiner überreicht, der das Gotteshaus mit den Worten öffnete: Säh HaSchaar laAdonai Zadikim jawou bo ("Dies ist das Tor zum Herrn, Gerechte ziehen durch es hinein"). Nachdem Ma Towu ("Wie lieblich...) gesungen und die Torarollen in den Aron haKodesch (Toraschrein) eingehoben worden waren, bestieg der Herr Provinzialrabbiner die blumengeschmückte Kanzel und sprach ein warmempfundenes, inhaltreiches Gebet, welchem eine tiefdurchdachte Predigt folgte, der die Worte der laufenden Sidra... zu Grunde lagen. In dieser zeigte der verehrte Redner, wozu das Gotteshaus dienen soll, wie die Gottesverehrung nicht nur in demselben ihren Platz hat, sondern, dass die ganze Welt den Juden ein Gotteshaus sein muss. Die Rede war mit vielen schönen Pesukim und mit zahlreichen Midraschim durchflochten und ausgeschmückt und zeigte den ehrwürdigen Redner wieder als tiefen Denker, und als Meister und Beherrscher des Wortes. Die Rede wurde durch den Gesang eines Chorals eingeleitet und mit Absingung des 100. Psalms beschlossen. Herr Lehrer Plaut hatte es verstanden, trotz der wenigen ihm zur Verfügung stehenden Kräfte einen ansprechenden Chorgesang zu Gehör zu bringen. Der schon genannte Pfarrer Volkenand betrat nunmehr die Kanzel, um als Lokalschulinspektor die Bedeutung der in demselben Hause untergebrachten Volksschule zu beleuchten und insbesondere die Eltern zu ermahnen, das von dem Lehrer in der Schule begonnene Werk der sittlich-religiösen Erziehung im Hause fortzusetzen und mit der Schule Hand in Hand zu gehen. Es berührte äußerst wohltuend, von einem nichtjüdischen Geistlichen an gottgeweihter Stätte derartige Worte der Anerkennung für bewiesene Opferfreudigkeit und warmherzige Ermahnung am Festhalten am ererbten Väterglauben aussprechen zu hören. Die offizielle Feier fand mit dem Mincha-Gebet ihren Schluss, der - wie üblich - Musik und Festbankett folgte.   G.O." 
     
Gilserberg AZJ 28011898.jpg (138813 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 28. Januar 1898: "Gilserberg, 12. Januar (1898). Der heutige Tag war für die hiesige kleine israelitische Gemeinde ein Ehrentag; es wurde nämlich die neue Synagoge eingeweiht, die unter großen Opfern aus eigenen Mitteln der Gemeindeglieder hergerichtet und prächtig ausgestattet worden ist. Der Provinzial-Rabbiner Dr. Munk - Marburg hielt in dem bisherigen Betlokal eine ergreifende Abschiedsrede, die die Zuhörer zu Tränen rührte. In feierlichem Zuge, in welchem wir den Ortsgeistlichen, den Lehrer und den Bürgermeister bemerkten, wurden die Torarollen nach der neuen Synagoge getragen. Vor derselben überreichte eine Festdame unter passender Ansprache dem Herrn Dr. Munk den Schlüssel, der dann nach kurzen Worten das Gotteshaus erschloss. Der geräumige Tempel vermöchte kaum die große Anzahl der Festteilnehmer zu fassen, die unter gespanntester Aufmerksamkeit der Festrede des Herrn Dr. Munk lauschten über den Text: 'Mose, Mose, ziehe deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliger Boden.' Nach Beendigung er ergreifenden, zu Herzen dringenden Festpredigt sprach der Ortsgeistliche in seiner Eigenschaft als Lokalschulinspektor zur Weihe des neuen Schulsaales, der in demselben Gebäude sich befindet, herzliche Worte zu Kindern und Eltern. Die Worte dieses Herrn machten auf die Zuhörer einen tiefen, wohltuenden Eindruck. Die üblichen Gesänge wurden von einem zu diesem Zweck gebildeten Synagogenchor vortrefflich zu Gehör gebracht. Ein Ball endete die erhebende Feiert, die der nur zehn Familien zählenden Gemeinde ein ehrendes Zeugnis von Opferwilligkeit, Einigkeit und Gastfreundschaft ausstellt."

Über das zur Synagoge umgebaute Gebäude liegt bei Thea Altaras (1994 S. 49) folgende Beschreibung vor: "Der Haupteingang mit Doppeltür und kleinem Windfang führte in die Synagoge, die an der nordwestlichen Seite des Gebäudes platziert war und einen beinahe quadratischen Grundriss hatte (ca. 7,5 x 6,5 m). The Toraschrein befand sich neben dem Kamin, mittig an der nordöstlichen Wand, das Vorlespult unmittelbar davor, entsprechend waren die Sitzbänke (Stände), die 40 Männern Sitzplätze boten, angeordnet... Die zweiseitige, auf vier Stützen ruhende Empore war entlang der südwestlichen und nordwestlichen Wand angebracht und über den Flur im Obergeschoss erreichbar. Der Eingang zum Obergeschoss war an der Rückseite des Gebäudes vorgesehen und vom Hof aus zugänglich. Die Empore hatte 40 Frauenplätze. 
Da das Obergeschoss auf der Rückseite nur um 2 Stufen über der Erde erhöht lag, war der Zugang zu der Empore und zum Schulzimmer beinahe ebenerdig, was von großem Vorteil war. Gegenüber der Empore, durch Flur von dieser getrennt, befand sich nämlich ein großer Schulraum mit einer ca. 38 qm großen Fläche. Mit der im Flur, in der Mitte des Gebäudes, befindlichen Treppe konnte man sowohl die Lehrerwohnung im zweiten Geschoss als auch die Vorratsräume im Keller erreichen."
Zur Anordnung der Fenster ebd.: "Mit Ausnahme der zwei hohen Rundbogenfenster der Synagoge hatten die übrigen Fenster eine rechteckige und übliche Form. Die Eigenart des Synagogensaales waren vor allem die Umfassungswände, die, mit Ausnahme der Türöffnung, fensterlos und vollgemauert waren. Die Unterkante der zwei großen Rundbogenfenster war gleichzeitig die Oberkante des Unterbaus, die Fensteröffnungen bei der Empore hatten dagegen die übliche Brüstungshöhe..."
  
Beim Novemberpogrom 1938 kam aus Oberbeisheim eine SA-Abteilung in der Absicht, die Synagoge in Gilserberg zu zerstören. Ein Teil der Inneneinrichtung  wurde zerstört. Doch konnte eine Brandstiftung durch das beherzte Eintreten eines nichtjüdischen Nachbarn verhindert werden. Die Torarollen waren schon zuvor nach Kassel "in Sicherheit" gebracht worden, wo sie jedoch bei den dortigen Zerstörungsaktionen beim Novemberpogrom 1938 vernichtet wurden. Nach einem anderen Bericht wurden einige Tage nach dem Pogrom durch Jugendliche Torarollen durch die Hauptstraße geschleift. 
  
Kurze Zeit nach der Pogromnacht wurde das in den Besitz der Ortsgemeinde gekommene Synagogengebäude als "Spritzenhaus" der Feuerwehr zweckentfremdet. 
   
Nach 1945 war es einige Zeit Kindergarten. Das Grundstück wurde 1951 an einen Privatmann verkauft, der unter Verwendung der Umfassungsmauer der ehemaligen Synagoge hier ein Wohn- und Geschäftshaus (Apotheke) erstellte. Heute befindet sich hier eine Fahrschule/Wohnhaus. 
   
 
Adresse/Standort der Synagoge:     Bahnhofstraße 13 (früher Dorfstraße 40)   
       
       
 
Fotos

  Historische Fotos sind noch nicht vorhanden. Hinweise bitte an den Webmaster 
von "Alemannia Judaica"; Adresse siehe Eingangsseite.
     
         
Nach 1945 
(Foto aus  Altaras s.Lit. 1994 S. 49) 
Gilserberg Synagoge 250.jpg (41658 Byte)
   Blick auf das an Stelle der ehemaligen Synagoge stehende Gebäude (Juni 1988); 
nur noch die Grundmauern der Synagoge sind erhalten. 
          
 Foto Frühjahr 2010
(Foto: Hahn, Aufnahmedatum 8.4.2010) 
Gilserberg Synagoge 470.jpg (88545 Byte)
   

   
      

Links und Literatur

Links:   

Website der Gemeinde Gilserberg   
Website http://www.juden-in-nordhessen.co.de: unter " Genealogien jüdischer Familien in Nordhessen" findet sich hier ein Stammbaum der Familie Stern in Gilserberg  

Literatur:  

Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. 1 S. 262-263.
Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 S. 73-74.
dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 49-50
Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen II Regierungsbezirke Gießen und Kassel. 1995 S. 172.
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 407-408.
   
     


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Gilserberg Hesse-Nassau. Established around 1830, the community numbered 71 (15 % of the total) in 1895 and 35 (6 %) in 1933. Torah scrolls previously moved to Kassel were destroyed on Kristallnacht (9-10 November 1938). By December 1939, all the Jews had left, mostly emigrating, 17 to the United States.  
    

    

                   
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Stand: 14. Dezember 2012