Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Vacha
(Wartburgkreis, Thüringen)
Jüdische Geschichte / Synagoge 

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer 
Aus der Geschichte des jüdischen Friedhofes     
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen
Links und Literatur   

  

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)  

In Vacha, einer im 12. Jahrhundert an einem Knotenpunkt mittelalterlicher Handelsstraße liegenden Stadt, bestand eine jüdische Gemeinde bereits im Mittelalter. Vermutlich waren seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts Juden in der Stadt anwesend. Engere Beziehung nach Erfurt lassen sich aus der Überlieferung schließen, dass die Erben des Juden Meiger von Vacha 1323 ein Viertel einer Hausstätte in Erfurt besaßen. Von der Judenverfolgung in der Pestzeit 1348/49 waren auch die Juden in Vacha betroffen. In der Zeit vor dieser Verfolgung dürften jüdische Familien in der "Judengasse" gelebt haben (heute wahrscheinlich die "Braugasse", eine Verbindungsgasse zwischen Marktplatz und Bachgasse). Ihre Entstehung geht auf die Zeit vor der Ummauerung des Altstadtkernes (vor 1250) zurück. Erstmals wird in einer Urkunde vom Juni 1343 die Judengasse genannt. Nach der Judenverfolgung 1348/49 war sie von Christen bewohnt. 1399 wurde Juden die Niederlassung vom Abt in Fulda wieder gestattet (in einer diesbezüglichen Urkunde wird Vacha gleichzeitig mit Fulda, Hammelburg und anderen fuldischen Städten genannt). Eine erste Erwähnung gab es wieder 1414 (Jud Ysaac). Bis zur ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts dürften nur vereinzelt Juden in der Stadt gelebt haben. 
    
Im 17. Jahrhundert nahm die Zahl der jüdischen Familien zunächst zu (um 1630 waren mindestens zehn jüdische Steuerzahler in der Stadt). 1652 war nur noch ein Jude (Jud Joseph) beziehungsweise eine jüdische Familie in Vacha. 1702 werden acht jüdische Steuerzahler genannt. Im Laufe des 18. Jahrhunderts nahm die Zahl der jüdischen Einwohner kontinuierlich zu, sodass 1777 eine Jüdische Kultusgemeinde gegründet werden konnte. 1792 wird der "Judenschulmeister" Ephraim genannt. Bis zum 18. Jahrhundert lebten die jüdischen Familien fast ausschließlich vom Vieh- und Warenhandel.  
  
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1841 68 jüdische Einwohner, 1910 106, 1913 Höchstzahl von 121 Personen.  
   
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge, eine jüdische Schule (im Gebäude der Synagoge), ein rituelles Bad (im jüdischen Wohnhaus Schulstraße 11) und einen Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. 
  
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der Gemeinde der Gefreite Moritz Katz (geb. 12.10.1894 in Vacha, vor 1914 in Detmold wohnhaft, gef. 15.7.1915).      
    
Mitte der 1920er-Jahre gehörten dem Synagogenvorstand Willy Kath, Wolf Katz, Adolf Nußbaum, Meier Bachrach, Schön, Isaac Hecht an. Der Religionsunterricht wurde durch Lehrer Sebald Müller aus Tann erteilt (neun Kinder); Müller war von 1919 bis 1921 bereits jüdischer Lehrer in Vacha gewesen. Seit 1925 war Lehrer der Gemeinde Moses Löwenstein, der zuvor Lehrer an der jüdischen Volksschule in Battenfeld war.  
  
Es gab mehrere jüdische Viehhandlungen und Warengeschäfte. 1929 werden genannt: die Viehhändler: Bernhard Abraham, Meier Bacharach, Meier Baumgart, Isaak Hecht, Wolf Katz und Kaufmann Schön, die Putzmacherin Berta Blau, die Kaufleute: Herbert Gans, Gottlieb Goldschmidt, Hermann und Samuel Goldschmidt (Hofbankhaus Gebr. Goldschmidt), Leopold Isaak, Heinemann Katz, Willy Katz, Adolf Nußbaum, Hermann Strauß. Konfektionsgeschäfte hatten Meta Gans und Rosa Oppenheim. 
   
Die jüdischen Einwohner waren im Leben der Stadt völlig integriert. Eisemann Jacob Katzenstein wurde 1896 in den Vachaer Stadtrat gewählt. An jüdischen Vereinen gab es Mitte der 1920er-Jahre einen Israelitischen Frauenverein (unter Hannchen Bachrach) mit etwa 25 Mitgliedern und einen Jugendverein mit etwa 20 Mitgliedern.  
    
Bis 1933 ging die Zahl der jüdischen Einwohner Vachas durch Aus- und Abwanderung auf 71 zurück (Gesamteinwohnerzahl ca. 2.300 Einwohner). Von diesen konnten in den folgenden Jahren mindestens 35 emigrieren (Palästina, England, USA). Acht verstarben am Ort. Das Schicksal von mindestens 25 anderen Personen ist nicht bekannt. Fast alle von Ihnen wurden vermutlich in Vernichtungslagern ermordet. Von 45 weiteren, in Vacha geborene und später an andere Orte verzogene jüdische Personen ist bekannt, dass 5 emigrieren konnten, 29 deportiert und ermordet wurden. Der Verbleib von zehn weitere Personen ist nicht bekannt. 
  
Von den in Vacha geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Louis Bachrach (1876), Meier Bachrach (1872), Kulis Blau (1889), Jenny Braunschweiger geb. Dörnberg (1876), Carolina (Lina) Dörnberg geb. Stern (1859), Selma Ebstein geb. Katzenstein (1880), Albert Gans (1876), Julie Haaf geb. Dörnberg (1883), Lina Hartmann geb. Gans (1873), Meta Holländer geb. Katz (1872), Leopold Isaak (1882), Arnold Katzenstein (1878), Dr. Leopold Katzenstein (1877), Irma Klestadt geb. Katz (1893), Hannchen Löwenstein geb. Katz (1870), Jakob Melly geb. Bachrach (1878), Edith Oppenheim (1909), Rosa Oppenheimer (1877), Sitty Rosenberg geb. Katz (1905), Josephine Salomon geb. Marx (), Selma Schön geb. Kaufmann (1900), Lina Schwabe geb. Speyer (1870), Klara Speyer (1874), Fredegunde Spiegel geb. Abraham (1904), Karoline (Lina) Stiebel geb. Kaiser (1872), Berta Strauss geb. Strauss (1898), Brunhilde Strauss (1928), Julie Strauss geb. Katzenstein (1875), Susanne Strauss (1926).
    
   
 

Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 

Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Ausschreibungen der Stelle des Vorbeters, Religionslehrers und Schochet 1921 / 1925  

Vacha Israelit 09061921.jpg (45129 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Juni 1921: "Wegen Versetzung unseres bisherigen Lehrers in den Staatsdienst suchen wir zum baldigen Antritt einen Religionslehrer, der die Funktionen eines Kantors und Schächters mitversehen muss. Bewerbungen (Zeugnisabschriften) richte man an den 
Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Vacha (Rhön)."  
  
Vacha Israelit 16071925.jpg (39723 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Juli 1925: "Religionslehrer, Vorbeter und Schochet gesucht. Besoldung einschließlich hiesiger Schechito nach Gruppe 7, dazu Nebeneinkommen (Schechito in Barchfeld). Bewerbungen mit Lebenslauf, Zeugnissen und Referenzen an den Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Vacha."  

   
Lehrer (?) N. Goldschmidt verabschiedet sich am 25jährigen Dienstjubiläum (1892)

Vacha Israelit 18011892.jpg (49529 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Januar 1892: "Vacha, im Januar. Meiner lieben Gemeinde, meinen Freunden und Gönnern sage ich auf diesem Wege besten Dank für die mir erwiesene Aufmerksamkeit und Anerkennung zu meinem 25jährigen Dienstjubiläum. N. Goldschmidt."

   
Lehrer Sebald Müller verlässt die Gemeinde (1921)

Vacha Israelit 04081921.JPG (57425 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. August 1921: "Vacha (Rhön), 20. Juli (1921). Nach zweijähriger segensreicher Wirksamkeit, verlässt Herr Lehrer Müller unsere Gemeinde, um einem Rufe als Elementarlehrer und Vorbeter nach Tann in der Rhön zu folgen. Durch seiner Pflichttreue, sein emsiges Streben, die Jugend im Sinne unserer heiligen Tora zu erziehen, wie durch sein freundliches Wesen, hat er sich die Herzen sämtlicher Gemeindemitglieder gewonnen, die sein Scheiden aufrichtig bedauern. Vergangenen Schabbat hielt Herr Müller eine zu Herzen gehende Abschiedsrede. Die besten Wünsche für eine glückliche Zukunft geleiten ihn in seinen neuen Wirkungskreis."

        
       
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen  

Anzeige der Lederhandlung Rudolf Kaiser (1903)  

Vacha Israelit 03091903.jpg (29126 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. September 1903: 
"Für meine Lederhandlung suche ich zum Eintritt am 1. eventuell 15. Oktober einen 
Lehrling, sowie einen Volontär. 
Rudolf Kaiser Nachfolger, Vacha."  

    
Verlobungsanzeige von Rosi Schuster und Robert Hess (1929)  

Bad Brueckenau Israelit 28031929a.jpg (18185 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. März 1929: "Rosi Schuster - Robert Hess.  Verlobte.  
Brückenau - Vacha. Purim / 26. März 1929".  

  
  

      

Zur Geschichte der Synagoge 

Im Mittelalter wird keine Synagoge oder "Judenschule" genannt. Erstmals wird 1629 berichtet, dass die jüdischen Familien einen Gottesdienst in einem Privathaus abhielten. Mit dem Rückgang der jüdischen Familien nach ca. 1635 gab es keine Gottesdienste mehr in der Stadt. 1673 wird berichtet, dass die Juden aus Vacha an den Gottesdiensten in Schenklengsfeld teilnahmen. Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts wurden in Vacha selbst wieder Gottesdienstes eingerichtet. 1777 wird eine Jüdische Kultusgemeinde gegründet. Die Gottesdienste fanden vermutlich im ehemaligen Wohnhaus des jüdischen Gemeindegliedes Hele Bacharach statt ("Judenschule" seit 1786 genannt). Hier war auch eine Zimmer für den Unterricht der jüdischen Kinder eingerichtet. Für die Einrichtung von Synagoge und Schule war ein jährlicher Betrag an die Stadt zu bezahlen. Am 31. März 1829 erhielt die Gemeinde die Genehmigung zum Umbau ihrer Synagoge in der Hintergasse. Das Gebäude diente als Gotteshaus bis zur Zerstörung der Inneneinrichtung 1938: beim Novemberpogrom 1938 drangen sieben bis acht Personen in die Synagoge ein und zerstörten Geräte und Bänke. Die jüdische Gemeinde verkaufte wenig später Synagoge und Grundstück für 1.900 Reichsmark an die Stadt. 
  
Im Juni 1948 kam es zur Rückübertragung des Gebäudes mit Grundstück an den Landesverband Thüringen der jüdischen Gemeinden. Von diesem kam das Gebäude 1954 in Privatbesitz. Im Frühjahr 1955 wurde das Synagogengebäude abgebrochen. Auf dem Grundstück wurden Garagen und ein zweistöckiges Wohnhaus erbaut.
Eine Mikwe (rituelles Bad) befand sich in dem früheren jüdischen Wohnhaus Schulstraße 11. Sie wurde vermutlich bereits im 18. Jahrhundert eingerichtet.
  
Adresse/Standort der SynagogeSchulstraße 22      
     


Fotos und Pläne
(Quellen für die Pläne: Nothnagel s.Lit. S. 209-210)

Plan der Altstadt von Vacha mit Eintragung der Braugasse (vormals vermutlich "Judengasse") Vacha Plan 01.jpg (82915 Byte)  
       
     
Plan der Synagoge Vacha Synagoge 01.jpg (25860 Byte)  
     
     
Fotos werden noch eingearbeitet; über Zusendungen freut sich der Webmaster; 
Adresse siehe Eingangsseite
 

   
    

Links und Literatur  

Links:

Website der Stadt Vacha 

Literatur:  

Germania Judaica II,2 S. 849-850; III,2 S. 1528.

Zeugnisse jüdischer Kultur S. 289-290.

Michael Brocke/Eckehart Ruthenberg/Kai Uwe Schulenburg: Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland. Reihe: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum Bd. 22 Berlin 1994 S. 648-649. 

Hans Nothnagel (Hg.): Juden in Südthüringen - geschützt und gejagt. Bd. 5: Jüdische Gemeinden in der Vorderröhn. Suhl 1999 S. 206-242.
 


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Vacha  Thuringia. Jews settled in Vacha in the first half of the 14th century. They were expelled during the Black Death persecutions of 1348-49. A community began to develop in modern times and by 1841 there were 68 Jews in Vacha. The community maintained a synagogue an a cemetery dating back to the 17th century. The Jewish population was 121 in 1913. Of the 71 Jews who lived in Vacha on the eve of the Nazi takeover in 1933, seven died of natural causes and 33 emigrated, most to safe heavens in Palestine, England and the U.S. On Kristallnacht (9-10 November 1938), the synagogue was destroyed. No further information is available about the fate of those who remained in Vacha.

 

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 21. Januar 2010