|
Eingangsseite
Aktuelle Informationen
Jahrestagungen von Alemannia
Judaica
Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft
Jüdische Friedhöfe
(Frühere und
bestehende) Synagogen
Übersicht:
Jüdische Kulturdenkmale in der Region
Bestehende
jüdische Gemeinden in der Region
Jüdische
Museen
FORSCHUNGS-
PROJEKTE
Literatur
und Presseartikel
Adressliste
Digitale
Postkarten
Links
| |
zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"
zurück zur Übersicht "Synagogen in Thüringen"
Erfurt (Landeshauptstadt von
Thüringen)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Zur jüdischen Geschichte in Erfurt siehe die
Website
www.alte-synagoge.erfurt.de =
www.juedisches-leben.erfurt.de
Vorbemerkung: diese Seite bei
"Alemannia Judaica" zu Erfurt enthält nur einige unvollständige Informationen zur reichen Geschichte der Erfurter Juden und
ihrer Synagogen. Bitte besuchen Sie für weitere Informationen die oben
angegebene Website.
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
Mittelalter
In Erfurt bestand eine bedeutende jüdische Gemeinde
bereits im Mittelalter. Schon im 8./9. Jahrhundert hielten sich jüdische
Kaufleute in Erfurt auf. Das erste schriftliche Zeugnis der Existenz von Juden in der
Stadt ist der "Erfurter Judeneid", den Erzbischof Konrad I. von Mainz nach 1183
ausstellte. Ende des 12. Jahrhunderts war auch eine erste Synagoge vorhanden. Kaiser
Otto IV. verlieh das "Judenschutzgeld" aus Erfurt 1212 dem Erzbischof von Mainz.
Am 26. Juni 1221 fand erstmals ein Pogrom gegen Juden in Erfurt statt, wobei 26
Juden von friesischen Kaufleuten erschlagen wurden. 1266 wurden jüdische Häuser
und die Synagoge geplündert. Ende des 13. Jahrhunderts gehörten der jüdischen
Gemeinde etwa 150 Mitglieder an. Jüdischen Familien gehörten 15 Häuser, davon
zwei massive Steinhäuser. Die schlimmste Verfolgung über die Juden kam mit der
Pestzeit. Auch in Erfurt verbreitete sich die Lüge, Juden hätten die Brunnen
vergiftet. Am 21. März 1349 wurde das Judenviertel von Teilen der Bevölkerung
gestürmt. Etwa 100 Juden wurden ermordet; die Überlebenden starben an Suizid
oder flüchteten aus der
Stadt.
Seit 1354 lassen sich wieder Juden in Erfurt nachweisen. In
den folgenden Jahren blühte das jüdische Gemeindelieben wieder auf. 1375
musste der Friedhof bei St. Andreas in der Nähe des Moritztores erweitert
werden. 1391 tagte eine Rabbinersynode in Erfurt. In dieser Zeit entwickelte
sich die Erfurter jüdischen Gemeinde auf Grund ihrer Größe und der Autorität
ihrer Gelehrten und Rabbiner zu einer der angesehensten und bedeutendsten jüdischen
Gemeinden im Deutschen Reich. 1398
hatte die Gemeinde etwa 350 Mitglieder. Insgesamt wurden die Lebensbedingungen
der Juden jedoch immer schwieriger. 1443-1453 war Jacob Weil (aus Weil der
Stadt) Rabbiner in Erfurt. 1457/58 wurden die Erfurter Juden vertrieben. Ein Großteil
flüchtete nach Osteuropa. Ein kleinerer Teil zog in Städte und Dörfer der
weiteren Umgebung, nach Meiningen, Berkach, Gleicherwiesen usw. Der Besitz der
Juden wurde von der Stadt Erfurt übernommen. Der jüdische Friedhof wurde
entweiht und geschändet. Auf ihm wurde der Kornhof gebaut, wofür man die
Grabsteine verwendete.
Neuzeitliche Gemeinde
bis 1942/45
Nach der Vertreibung der Juden war Erfurt 350 Jahre ohne
jüdische Einwohner. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts gab es erste
Erleichterungen: zwischen 1768 und 1789 konnten sich vier Juden längere Zeit in
der Stadt niederlassen. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts konnten jüdische
Kaufleute wieder in die Stadt kommen. 1810 erhielt der erste Jude das städtische
Bürgerrecht. Wenig später konnte sich eine Gemeinde bilden, die einen Betsaal
einrichten und 1812 einen Friedhof in der heutigen Cyriakstraße anlegen
konnte. 1854 lebten 150 jüdische Personen in der Stadt. Danach begann durch
Zuwanderung aus den "Judendörfern" der weiteren Umgebung ein schneller Aufstieg der
Gemeinde. Jüdische Unternehmer beteiligten sich an der Industrialisierung der
Stadt. Viele bauten Geschäfte und Handelsbetriebe auf oder waren als Rechtsanwälte,
Ärzte, Lehrer, Bankiers, Verleger oder Handwerker tätig. 1871 wurde ein neuer
Friedhof angelegt, da der alte an der Cyriakstraße nicht mehr erweitert werden
konnte.
Mehrere jüdische Vereine wurden in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts gegründet und prägten das jüdische Gemeindeleben
(Wohltätigkeits- und Begräbnisverein Chewra Kadischa e.V. 1856,
Israelitischer Frauenverein e.V. 1857, Verein für jüdische Geschichte und
Literatur 1898, Erfurt-Loge des Unabhängigen Orden B'nei B'rith, U.O.B.B. 1901,
Verein Bikur Cholim - Krankenfürsorgeverein). Die Zahl der jüdischen
Gemeindeglieder stieg von 191 (1853) über 479 (1860) auf 782 (1900). Eine
jüdische Religionsschule bestand seit 1860.
Unter den Rabbinern der
jüdischen Gemeinde waren Dr. Isaak Heilbronn (1859-61), Dr. Adolf
Jaraczewsky (1862-1878), Dr. J. Caro (1879-1882), Dr. Theodor Kroner
(1883-1886), Dr. Moritz Salzberger (1887-1924), Dr. Max Schüftan (1924-1926)
und Dr. Peter Freund (1938ff).
In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg
verschärften sich in Erfurt die Angriffe durch die Antisemiten. 1924 wurde die
Synagoge erstmals mit NS-Parolen beschmiert.
1932 lebten 819 jüdische Personen in der Stadt. Erster Vorsitzender der
jüdischen Gemeinde war Siegfried Pinthus, Zweiter Vorsitzender Rechtsanwalt F.
Meyer; Schatzmeister war Rechtsanwalt Dr. H. Stern. Die Vorsitzenden der
Repräsentanz waren Eduard Sabor und Max Arenstein. Als Lehrer und Kantor wirkte
Hermann Schacher.
1933 begann der von den Nationalsozialisten organisierte Boykott von
jüdischen Unternehmen, Geschäften, Arzt- und Anwaltspraxen. Bis 1936
ging die Zahl der jüdischen Einwohner auf 660 Personen (1939 263 Personen)
zurück.
Die in der Stadt noch lebenden jüdischen Einwohner wurden von 1942 bis
Anfang 1945 in die Konzentrationslager Theresienstadt und Ravensbrück sowie
in die Vernichtungslager Auschwitz, Majdanek und Belzec verschleppt. Nur wenige
überlebten die Zeiten in den Lagern.
Nach
1945
Nach 1945 zogen zunächst nur wenige jüdische Personen wieder in der Stadt zu (Überlebende
aus Konzentrationslagern, nur wenige davon aus dem Vorkriegs-Erfurt.). Ein
erstes Gemeindezentrum entstand in gemieteten Räumen Am Anger 30/32, bis am 31.
August 1952 (10. Ellul 5712) eine neue Synagoge mit Gemeindezentrum
eingeweiht werden konnte. Auf Grund der Auswanderung der zunächst wieder zugezogenen
jüdischen Personen nach Israel und auf Grund der politischen Situation in der
DDR kam 1953 fast schon das endgültige Aus für die Gemeinde. Der Antijudaismus
in Ländern des Ostblocks sowie die Verunglimpfung des Staates Israel hatte dazu
geführt, dass ca. zwei Drittel der in der damaligen DDR lebenden Juden flüchteten.
Die damalige Erfurter jüdische Gemeinde war - nach Auflösung einiger anderer
nach 1945 in Thüringen neu begründeter Gemeinden - nun die einzige in Thüringen
noch bestehende jüdische Gemeinde.
Erst durch die Zuwanderung von jüdischen Aussiedlern aus
den ehemaligen GUS-Staaten seit den 1990er-Jahren stieg wieder die Zahl der
jüdischen Einwohner in der Stadt. 2005 zählte die Gemeinde etwa 600 Mitglieder, davon zwei
Drittel in Erfurt.
Zur Geschichte der Synagogen
Mittelalterliche
Synagogen
Das mittelalterliche jüdische Wohngebiet befand sich bis zur Verfolgung
und Zerstörung der Gemeinde in der Pestzeit im Bereich vom
Ackerhof bis zum Benediktsplatz. Hier befand sich die Synagoge der
jüdischen Gemeinde. Bei dem bis heute erhaltenen Gebäude handelt es sich um
die älteste bis zum Dach erhaltene Synagoge in Mitteleuropa. Bei intensiven
Untersuchungen der vergangenen Jahre konnten vier Bauphasen von insgesamt
drei Synagogen festgestellt werden. Die sichtbare Westfassade mit der
Maßwerkrosette und den spitzbogigen Fenstern ist auf das Jahr 1270 zu datieren.
Der älteste festgestellte Mauerzug in der Flucht der Westfassade (erste
Bauphase) stammt jedoch bereits aus der Zeit um 1100. Dieser
romanische Synagogenbau hatte wahrscheinlich quadratischen Grundriss. Die
romanische Synagoge einer zweiten Bauphase ist gleichfalls nur durch ein
Mauerfragment und ein Zwillingsfenster nachweisbar. Diese zweite Synagoge ist
während eines Pogroms 1221 oder 1266 oder beim Stadtbrand 1222 niedergebrannt.
Um 1270 wurde ein Neubau erstellt (dritte Bauphase); diese dritte
Synagoge hatte einen querrechtwinkligen Grundriss (Grundriss in der Größe
von etwa 16 m x 9 m; Höhe etwa 10 m). Ein Anbau auf der Nordseite wurde am
Anfang des 14. Jahrhundert erstellt (vierte Bauphase). Beim Pestpogrom
1349 wurde die Synagoge profanisiert und als Warenlager zweckentfremdet. Das
Gebäude blieb jedoch über die Jahrhunderte
erhalten.
2. Hälfte 14. Jahrhundert / 15. Jahrhundert: Die einige Jahre nach
dem Pestpogrom wieder entstandene jüdische Gemeinde konnte an anderer Stelle
eine neue Synagoge erbauen.
Im 19. Jahrhundert war im ehemaligen Synagogengebäude (gemeint das
Synagogengebäude der Gemeinde vor dem Pestpogrom) das Kaffeehaus bzw. ein Restaurant mit
Kegelbahn und Tanzsaal (1886 eingebaut). Über die "Wiederentdeckung"
und Restaurierung siehe die unten wiedergegebenen
Presseberichte.
Die ehemalige mittelalterliche
Synagoge ist seit der Eröffnung am 27. Oktober 2009 Museum und Begegnungsstätte
und der
Öffentlichkeit zugänglich. In den Kellergewölben wird der
vor einigen Jahren in Erfurt gefundene Goldschatz präsentiert.
Auch die mittelalterliche Mikwe wird künftig der Öffentlichkeit
zugänglich sein.
 |
 |
 |
 |
Oben: Westfassade mit
der
Maßwerkrosette (um 1270;
Foto: Uwe Gaasch) |
Innenbereich - im 19.
Jahrhundert Tanzsaal (Foto: Uwe Gaasch) |
Altes Gebälk und
Schablonenmalerei |
Vollendete
Goldschmiedekunst: Der jüdische Hochzeitsring
aus der Gotik |
| |
|
|
|
Die
mittelalterliche Synagoge im August 2010
(Fotos: Hahn, Aufnahmen vom 23. und 24.8.2010) |
|
|
 |
 |
 |
 |
| Blick von
Nordwesten |
Die
Westfassade mit der Maßwerkrosette (um 1270) |
Unter
Glas geschützt: Reste des Zwillingsfensters aus der zweiten Bauphase |
| Das
Foto in hoher Auflösung |
Das
Foto in hoher Auflösung |
|
| |
|
|
|
| |
|
|
|
 |
 |
 |
Weitere Fotos und Darstellungen der
mittelalterlichen Synagoge
siehe bei
www.alte-synagoge.erfurt.de |
Tür zum
Eingangsbereich
vor der Synagoge |
Blick
von Norden; der ursprüngliche Eingang (unten links) ist zugemauert |
Einige
mittelalterliche Grabsteine
im Eingangsbereich zur Synagoge |
|
| |
Das
Foto in hoher Auflösung |
|
|
| |
|
|
|
| Die
mittelalterliche Mikwe - Stand der Ausgrabungen im August 2010 |
|
|
 |
 |
 |
|
Blick
auf die unmittelbar bei der Krämerbrücke (Häuser im Hintergrund
beziehungsweise rechts)
gelegenen Ausgrabungsstätte der mittelalterlichen Mikwe |
|
| |
|
|
|
 |
 |
 |
|
Ausgrabungsstätte
mit Hinweistafel mit Text: "Archäologische Grabung
mittelalterliche Mikwe.
Bei den Vorarbeiten zur Umgestaltung des Kreuzsandes wurde neben mehreren
Kellern des 16. Jahrhunderts auch ein älterer Gewölbekeller entdeckt. Er
weist ein Untergeschoss aus großen Steinquadern auf. Zweigeschossigkeit
und die außerordentliche Qualität zeigen, dass es sich dabei um das seit
1250 urkundlich belegte rituelle Bad der jüdischen Gemeinde, die so
genannte Mikwe handelt Die archäologischen Grabungen des Thüringer
Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie sollen Funktionsweise und
Geschichte des Bades klären. Nach Abschluss und Auswertung der
archäologischen Grabungen beabsichtigt die Landeshauptstadt Erfurt, die
Mikwe in die Freiflächengestaltung einzubeziehen." |
Siehe
die Seite zur Mikwe auf der Website "jüdisches Leben.erfurt.de"
|
| |
|
|
|
Die
mittelalterliche Synagoge
nach der Mitte des 14. Jahrhunderts |
|
|
| |
|
|
|
| 2009/10:
Presseinformationen zur "Alten Synagoge
Erfurt" und zur mittelalterlichen Mikwe
|
| |
Älteste bis zum Dach erhaltene Synagoge eröffnet in Erfurt als Museum
- Das Baudenkmal wird zugleich Exponat Nummer Eins
Das zugleich "älteste und jüngste Museum der Stadt", wie es Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein formulierte, wird am
27. Oktober 2009 eröffnet. Die Stadt, die in den letzten Jahren ihre Altstadt aus dem grauen Schmuddellook vergangener Jahrzehnte befreite und seitdem mit dem Flächendenkmal lockt, hat damit nicht nur ein neues Museum vorzuweisen, sondern stieß auf eine sensationelle Historie. Mit der Alten Synagoge kann Erfurt die älteste bis zum Dach erhaltene Synagoge in Mitteleuropa vorweisen. Und es rücken immer mehr Zeugnisse aus der Geschichte einer der wichtigsten jüdischen Gemeinden des Mittelalters in den Blickpunkt.
Die von Bauhistorikern und Denkmalpflegern in den letzten Jahren intensiv untersuchte und sanierte Alte Synagoge birgt nach der Museumsöffnung einen in der Nachbarschaft gefundenen Gold- und Silberschatz sowie hebräische Handschriften Erfurter Herkunft als wichtigste Exponate in sich. Aber vor allem verbirgt und enthüllt es viele Schichten der Nutzung und die beispiellose Renaissance eines fast vergessenen Ortes.
Von der Alten Synagoge waren bis Ende der 90er Jahre nur die Spitze zweier Giebel sichtbar, welche aus einem Gewirr von Anbauten herausragten. Nur wenige Fachleute waren sich der Bedeutung bewusst, man erhoffte den Rest einer mittelalterlichen Synagoge zu finden. Nach dem Abriss einiger Bauten ringsum konnte ein Bauforscher klar vier Bauphasen voneinander unterscheiden, dessen älteste um 1100 zu datieren ist. Die heute sichtbare Westfassade mit der Maßwerkrosette von 1270 wurde nach Norden erweitert. Spolien verweisen auf einen Vorgängerbau, der bei einem Pogrom gebrannt hat.
Die Synagoge diente bis 1349 als Gotteshaus, in diesem Jahr löschte ein barbarisches Pestpogrom die erste jüdische Gemeinde Erfurts aus. Die Stadt verkaufte das Gebäude an einen Händler, der es als Speicher umbauen ließ. Dabei wurde der hohe Raum mit Balkendecken unterteilt, ein breiterer Eingang an Stelle des Thoraschreins geschaffen und die Synagoge unterkellert. Im Erdgeschoss zeugen noch einige Spuren von der Erstnutzung, so lässt sich ein Lichtergesims nachempfinden.
Das Erdgeschoss mit der wuchtigen gotischen Balkendecke und der Keller werden ebenso wie das Obergeschoss, welches von der Festkultur des 19. Jahrhunderts zeugt, museal genutzt. Oberhalb des Speichers entstand ein mit einer umlaufenden Empore umgebener Tanzsaal. Wer heute den Saal betritt, der fühlt sich in die vergangene Welt von Tango und Foxtrott unter Gouvernantenaufsicht zurückversetzt. Die freigelegte und mit einer Sichtachse konstruierte Schablonenmalerei sowie einige Tapetenreste schmücken die Wände. Hier werden ab Oktober Zeugnisse jüdischer Gelehrsamkeit in einer faszinierenden Umgebung gezeigt. Während das Erdgeschoss der Bauhistorie vorbehalten ist und der Keller den Erfurter Schatz aus Münzen, Gefäßen, gotischem Schmuck und dem jüdischen Hochzeitsring in sich birgt, wird im Saal eine Sammlung von hebräischen Handschriften gezeigt. Diese Hebraica sind im Umfeld der Synagoge entstanden, sie gehören heute der Staatsbibliothek Berlin. Abwechselnd können sie in Erfurt als Faksimile oder im Original bestaunt werden.
Mit der Alten Synagoge und einer 2007 an der Krämerbrücke gefundenen Mikwe aus der Gotik, deren Ausgrabung und wissenschaftliche Erforschung noch anhält, kann Erfurt einmalige und faszinierende Zeugnisse einer noch wenig bekannten Geschichte einer mittelalterlichen Gemeinde vorweisen. |
| |
Zeugnis einer mittelalterlichen Kultusgemeinde
- Forscher weist romanische Vorgängerbauten nach
"Fachleute wussten von der Existenz dieser Synagoge, aber…" Wenn dieser Satz fällt, und er wird häufig so oder ähnlich formuliert, folgt auf jeden Fall ein Ausspruch des Staunens.
Nach den ersten bauhistorischen Forschungen, welche Anfang der 90er Jahre durch den erfahrenen Bauhistoriker Elmar Altwasser erstellt wurden, wurde vorsichtig von zwei Bauphasen ausgegangen. Die bis vor wenigen Jahren kaum sichtbare Westfassade mit der Maßwerkrosette und den spitzbogigen Fenstern ist auf das Jahr 1270 zu datieren, Anfang des 14. Jahrhunderts erfolgte ein nördlicher Anbau an den Synagogenraum. Wurden die ersten Erkenntnisse für den Bauhistoriker nur mit artistischem Geschick erreichbar, da der Bau außen umbaut und innen verschalt war, besserte sich die Situation nach Abriss der umgebenden Häuser. Inzwischen konnte der Bauhistoriker das einst nebulöse Bild über die Synagoge in den Bereich der Vergangenheit verweisen und hat dem Bau eine nachvollziehbare Geschichte mit vier Bauphasen der Synagoge und einer turbulenten Nutzung danach zuschreiben können.
Der älteste Mauerzug wurde in der Flucht der Westfassade von jüngeren Befunden überdeckt, er ist inzwischen auf einer Länge von fast sieben Metern 90 Zentimeter hoch sichtbar. Die Quader sind an dieser Stelle verputzt und mit Ritzfugentechnik versehen. Diese Technik kam in Thüringen frühestens im letzten Viertel des 11. Jahrhunderts auf.
Aus dem Achsabstand zweier Fenster rekonstruierte der Bauforscher einen wahrscheinlich quadratischen Grundriss dieses romanischen Vorgängerbaus. Ein besonderes architektonisches Detail wirft Fragen auf, lässt aber auch historisches Erleben ahnen. Im Mauerwerk des nachfolgenden Baus befindet sich ein aus einem Monolithen gemeißeltes Rundbogenfenster, welches liegend eingemauert wurde, und mit großer Sicherheit eine Spolie aus einer vielleicht zerstörten Synagoge ist. Die Art der Einmauerung würde dafür sprechen.
Die romanische Synagoge einer zweiten Bauphase ist ähnlich der ersten Synagoge nur durch ein Mauerfragment und in diesem Fall ein Zwillingsfenster als Befunde nachweisbar. Die ehemals sehr sorgfältig bearbeiteten Quader sind zersprungen und auch der Sandstein des Zwillingsfensters weist Spuren der Hitze auf. Ob die Synagoge während eines Pogroms 1221 oder 1266 oder bei dem Stadtbrand 1222 gebrannt hat, kann nicht mehr rekonstruiert werden.
Ein Teil der romanischen Westmauer wird beibehalten, während um 1270 ein Neubau entsteht. Das Gebäude hat den für eine Synagoge ungewöhnlichen querrechtwinkligen Grundriss und die Bauforschung hat weitere Abweichungen vom Kanon der anderen ashkenasischen mittelalterlichen Synagogen ergeben. Die noch heute sichtbare Westfassade mit den sechs unterschiedlichen Fenstern ist aufwändiger gestaltet, als bei anderen Synagogen dieser Zeit. Konsolsteine verweisen auf einen Anbau, der eventuell ein Frauenbetraum gewesen sein kann.
Das Rundfenster ist mit einem Maßwerk in Form von sechs Dreipässen versehen, welches aus einem Werkstein gearbeitet wurde. Die oberen Fenster liegen im Geibeldreieck, so dass man daraus auf die Höhe des einstigen Betsaales schließen kann.
Wenn heute die Synagoge von Norden betreten wird, betritt man zunächst den Anbau des 14. Jahrhunderts. Die Synagoge wurde nach einem Pestpogrom 1349 profanisiert, diente erst als Warenlager. Später entstanden hier Einbauten einer Gaststätte, welche nicht ahnen ließen, in welch einem Raum man sich befand. Thoraschrein und Lesepult, Bima, sind durch den Einzug von Decken 1350 verloren gegangen. Einige Werksteine im Keller, der nach der Umnutzung als Lager eingebaut wurde, lassen auf die wahrscheinliche Form der Bima schließen, es könnte eine achteckige Bima mit Arkatur sein. Das Lichtergesims, auf welchem die Kultusgemeinde mit Kerzen den Gottesdienst beleuchtete, lässt sich rekonstruieren.
Der 1886 eingebaute Tanzsaal war in den letzten Jahren verbaut, nun ist auch er wieder erlebbar. Die Denkmalpflege hat bewusst die Nutzungsschichten belassen, das Haus lebt von den liebenswerten Kontrasten. |
| |
Alte Synagoge Erfurt – Exponate:
Ein seltener jüdischer Hochzeitsring aus der Gotik
Eigentlich erscheint es schwer, unter den vielen hochkarätigen Stücken des Erfurter Schatzes einen Favoriten zu finden. Die hochgewölbten Löwen einer Spange faszinieren ebenso wie die Häufelbecher oder der Doppelkopf, welcher am Boden die emaillierte Darstellung Äsopscher Fabeln zeigt. Eines der Schmuckstücke, welches im ehemaligen jüdischen Viertel der Stadt gefunden wurde, kann zu Recht als das bemerkenswerteste Stück des Fundes bezeichnet werden. Der gotische Hochzeitsring zeugt nicht nur von vollendeter Goldschmiedekunst, sondern auch von jüdischer Kultur und traditionellen Zeremonien.
Der fast fünf Zentimeter hohe Ring besteht aus reinem Gold, nach der mittelalterlichen jüdischen Tradition durfte dieses zeremonielle Schmuckstück nicht mit Steinen verziert sein. Er wurde nur zur Zeremonie der Eheschließung getragen. Die ineinander greifenden Hände an der Unterseite des Ringes sind ein Symbol für Verbundenheit und Treue der Eheleute. Zwei geflügelte Drachen tragen die sehr fein gearbeitete gotische Architektur des Ringes, ein Miniaturgebäude, welches wahrscheinlich den im Jahre 70 n. Chr.
zerstörten Herodianischen Tempel in Jerusalem symbolisiert. Die spitzbogigen Arkaden und der Dreipass der Giebel tragen das hohe goldene Dach mit der Inschrift in hebräischen Buchstaben masel tow. Noch heute rufen Verwandte und Freunde bei einer traditionellen jüdischen Trauung den Wunsch masel tow – viel Glück aus, wenn das Brautpaar unter der Chuppa das Glas zertritt. Innerhalb des kleinen Tempels findet sich eine kleine goldene Kugel, welche bei Bewegungen einen leisen Klang erzeugt.
Bisher sind nur zwei weitere Hochzeitsringe aus dem 13. und 14. Jahrhundert bekannt. Einer von ihnen wurde auch in Mitteldeutschland, in Weißenfels, gefunden. Die aufwändige Tempelarchitektur des Erfurter Ringes ist von der Qualität aber unerreicht. Der Kaufmann, welcher ihn mit seinen Schätzen im Vorfeld des Pestpogroms versteckt hatte, lebte an einer wichtigen Fernhandelsstraße. |
| |
Alte Synagoge Erfurt – Exponate:
Erfurter Judeneid zeugt von bedeutender Kultusgemeinde
Fast quadratisch liegt das Stück Pergament in einer Schatulle, die exakt geformten gotischen Buchstaben verleihen dem mittelhochdeutschen Dokument ebenso seine faszinierende Ausstrahlung wie das angehängte Wachssiegel. Die Rede ist vom Erfurter Judeneid, geschrieben vor 1200. Es ist damit eines der ältesten Dokumente, welches von der Existenz einer jüdischen Gemeinde zeugt.
Der Erfurter Judeneid wird ab Oktober ständig als Faksimile und zeitweilig auch im Original im Obergeschoss der Alten Synagoge Erfurt gezeigt. Das mit farbigen Seidenfäden angehängte Siegel mit dem Stadtheiligen Martin im Bischofsornat ist das älteste erhaltene Stadtsiegel Erfurts. Zu dieser Zeit fiel der Judenschutz noch nicht in die Befugnisse des städtischen Rates bzw. dessen Vorgänger, aber es gab derartige Bestrebungen. So wird das auf dem Kopf stehende Siegel erklärbar.
Das Dokument, in der zweiten Amtszeit von Erzbischof Konrad I. (gestorben 1200) von Wittelsbach entstanden, ist heute nicht nur Zeugnis dafür, dass die Erfurter Judengemeinde bedeutend gewesen sein muss, sondern auch von deren Gleichberechtigung. Anstelle des christlichen Schwures vor Gericht schuf man für Juden eine dreizehnzeilige Formel, welche mit Anspielungen auf das Alte Testament vor Meineid warnte. Geschworen wurde auf die fünf Bücher Moses.
Auch wenn das Dokument nicht dem Aufbau einer Urkunde jener Zeit entspricht, hat es doch verbindlichen rechtlichen Charakter. Es ist im Corpus der altdeutschen Originalurkunden vor 1300 auf Platz Eins verzeichnet. In diesem Blatt zeigt sich eine Mischung deutscher Rechtsauffassung und hebräischer Religiosität. Die Eidesformel ist so abgefasst, dass sie jeden angeklagten Juden vor einem christlichen Gericht in die Lage versetzt, der Anklage durch einen Widerspruch entgegen treten zu können. Schon im 19. Jahrhundert war man sich durchaus des Wertes des Dokuments bewusst. Nachdem Erfurt zu Preußen kam, wurden die Archivalien des Regierungsarchivs nach Magdeburg verbracht. Fast einhundert Jahre später konnte man den Judeneid in das Stadtarchiv zurückholen. Eide dieser Art waren in Teilen Europas vom frühen Mittelalter bis zum Ende des 19. Jahrhunderts verbreitet. In Frankreich und Österreich wurde der Judeneid 1846, in Preußen am 15. März 1869 abgeschafft. Dieses Erfurter Dokument enthält noch keine entehrenden Zusätze, wie es bei späteren ähnlichen Dokumenten lesbar wird. |
| |
Jüdisches Ritualbad wird für Besucher sichtbar werden
Für Laien sind es auf den ersten Blick nur alte Mauern, welche ursprünglich von Erdmassen verdeckt, jetzt akribisch freigelegt und analysiert wurden. Eigentlich war es ein
"bewusster Zufallsfund", wird im Thüringischen Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege über den Fund der Mikwe in der Nähe der Erfurter Krämerbrücke 2007 gespöttelt. Man vermutete aufgrund geänderter Grundstücksbezeichnungen das rituelle Bad der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde in Erfurt etwas weiter nördlich. Bei den Grabungen dort stieß man aber auf Keller aus dem 16. Jahrhundert. Die einstürzende Ufermauer bot den Anlass für die Grabungen, das qualitätvolle gotische Mauerwerk und die Kragsteine auf Fußbodenhöhe erweckten die Aufmerksamkeit. Dabei wurde dann das Ritualbad gefunden.
Die Arbeiten innerhalb der Mikwe konnten im Herbst 2008 abgeschlossen werden, inzwischen ist die Rekonstruktion der Anlage möglich. Eine erste Anlage des Bades, dessen Besuch für Frauen nach Menstruation und Entbindung sowie bei Männern nach Berührung mit Toten unerlässlich war, stammt aus romanischer Zeit. Reste dieses Baus wie eine wieder verwendete Wand sowie die Mörtelanalysen des Kalksteinmauerwerks lassen diese Folgerung zu.
Der Nachfolgebau wurde auf der Südseite genau vor die alte Südwand geblendet, mit wenigen Zentimetern Zwischenraum. Er nutzte auch die Westwand weiter, an dieser Stelle beginnt der Beckenbereich des Neubaus mit seiner Stufenanlage. Nach dem Entfernen des Bauschuttes konnte die unterste Stufe freigelegt werden. Weitere Stufen sind durch Abdrücke rekonstruierbar. So lässt sich der Zugang rekonstruieren, über acht Stufen wird das Becken erreicht. Bei gleich bleibenden Stufenhöhen könnte noch ein Absatz dazwischen sein, von dem aus die Erfüllung der rituellen Pflichten beobachtet werden konnte.
Das Becken nahm die Raumbreite ein und war mit Kalkplatten ausgelegt. Durch diese konnte das Wasser emporsteigen und somit wurde die Mikwe getreu der religiösen Forderungen mit
"lebendigen Wasser" gespeist. Auch heute verfüllt sich das Becken noch mit Grundwasser.
Die Mikwe der mittelalterlichen jüdischen Kultusgemeinde wird zusammen mit dem Museum Alte Synagoge wichtige Einblicke in das Gemeindeleben ermöglichen können. Für 2009 sind noch archäologische Untersuchungen des Umfeldes geplant. Dann wird eine architektonische Form gefunden, um das Kultbad den Besuchern angemessen sichtbar zu machen. |
| |
| 26./27.
Oktober 2009:
Alte Synagoge Erfurt wurde feierlich eröffnet
(Pressebericht der Stadt Erfurt) |
| Mit einem Festakt eröffnete die Stadt Erfurt heute die Alte Synagoge als Museum für mittelalterliche jüdische Kultur. Die Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dr. Charlotte Knobloch, zeigte sich während der Feierstunde im Rathausfestsaal und beim anschließenden Museumsbesuch sichtlich beeindruckt.
Bei einer Veranstaltung zur Eröffnung im Rathausfestsaal waren neben der Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dr. Charlotte
Knobloch u.a. anwesend: der Botschafter des Staates Israel in der Bundesrepublik Deutschland, Yoram
Ben-Ze’ev, der Thüringer Kultusminister, Bernward Müller, die Bürgermeisterin der Erfurter Partnerstadt Haifa, Brigadegeneralin a.
D. Hedva Almog, der Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Wolfgang
Nossen, die Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin, Barbara Schneider-Kämpf sowie
der Präsident des Thüringischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie, Dr. Sven Ostritz. |
| Fotos (Stadt
Erfurt) |
|
|
 |
 |
 |
| Die Ehrengäste informieren sich über die Baugeschichte der Alten Synagoge. Zur Veranschaulichung der Baugeschichte des Gebäudes werden anhand von vier Modellen die Bauphasen der Synagoge dargestellt. |
Die Torarolle ist eine Leihgabe der Staatsbibliothek zu Berlin. In der Staatsbibliothek wird ein Konvolut hebräischer Handschriften bewahrt, die aus Erfurt stammen und zwischen 1100 und 1349 entstanden sind. |
Im Obergeschoss werden mittelalterliche Handschriften gezeigt, die das überaus entwickelte Geistesleben der Erfurter Gemeinde belegen. Darunter die Bibel Erfurt 1, sie besteht aus zwei jeweils 50 Kilogramm schweren Bänden und ist damit die größte hebräische Bibelhandschrift und ist eine Leihgabe der Staatsbibliothek zu Berlin. |
| Die Alte Synagoge ist täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. |
| |
| Februar
2010: Zuschuss des Landes Thüringen
zur Überbauung und Sicherung der mittelalterlichen Mikwe |
Artikel von Martin
Moll in der "Thüringischen Landeszeitung" vom 19. Februar 2010
(Artikel):
"Privater Ort mitten im Leben. Erfurt - Altstadt. (tlz) Einen neuen Platz zum Verweilen soll es noch in diesem Jahr nordwestlich der Krämerbrücke geben: Einen Platz mit kultur-historischem Flair. Die mittelalterliche Mikwe wird gesichert und zugänglich gemacht; gestern übergab Thüringens Kultusminister Christoph Matschie in der Alten Synagoge einen Bewilligungsbescheid über
430.000 Euro an Bürgermeisterin Tamara Thierbach. Fünf Architekturbüros hatten Vorschläge eingereicht, wie die 2007 freigelegten Überreste der Mikwe vor der Witterung geschützt und zugleich ins Stadtbild integriert werden könnten. Am besten gemeistert hat nach Ansicht der Stadt diesen Spagat zwischen Zeigen und Verbergen das Weimarer Architekturbüro
Gildehaus.reich - die Mikwe soll einerseits in einem musealen Kontext gezeigt werden, andererseits aber ihrer ursprünglichen Funktion als ritueller Raum Rechnung tragen.
'Die Idee ist, die Atmosphäre des Ortes in gewisser Weise
wiederherzustellen', sagt Architekt Felix Flechtner. 'Enge, Dunkelheit und vor allem Intimität waren uns
wichtig.'
Wärmegedämmt und auf einer Unterkonstruktion ruhend, wird eine Hülle die archäologischen Funde schützen und konservieren. Darüber wird eine Aussichtsplattform installiert, an zwei Stellen wird ein Blick auf die alte Mikwe ermöglicht.
Ein barrierefreier Zugang von der Uferseite des Breitstroms gibt den Weg in einen schmalen Gang zur Mikwe frei. Informationstafeln im Eingangsbereich informieren über das rituelle Tauchbad der jüdischen Gemeinde im mittelalterlichen Erfurt. Im Inneren blicken die Besucher auf das ehemalige Tauchbecken, das nach wie vor Wasser führen wird.
'Nach der Sanierung der Alten Synagoge wird auch die nun beginnende Sicherung und Präsentation des jüdischen Bades hinter der Krämerbrücke ein weiteres Stück jüdischen Lebens in Thüringen sichtbar
machen', sagte Matschie gestern bei der Präsentation der Baupläne. Das Land unterstütze das Anliegen, Erfurt auf die Liste des UNESCO-Welterbes zu setzen, so der Kultusminister.
Die Präsentation der mittelalterlichen Mikwe sei zudem ein Zeichen dafür,
'dass das jüdische Leben einen festen, unauslöschlichen Platz in unserer Gesellschaft hat. Wir wollen ein weltoffenes Land sein, in dem alle Menschen gern leben, egal woher sie kommen oder welchen Glauben sie
haben.'
Die Mikwe steht in direktem Zusammenhang zur Alten Synagoge: Beide geben Aufschluss über das Leben der jüdischen Gemeinden der Stadt. Wissenschaftliche Untersuchungen haben inzwischen gezeigt, dass die vorhandenen Überreste aus dem 13. Jahrhundert auf einem Vorgängerbau aus romanischer Zeit fußen.
'Die Mikwe war wahrscheinlich immer in Gebäude eingebaut', sagt Architekt Flechtner. Schließlich sei es ein privater, nicht öffentlicher Ort gewesen; der zum Leben aber fest dazugehörte. Daran soll der gestalterische Umgang mit der Überresten erinnern.'" |
| |
Die Synagogen
des 19./20. Jahrhunderts
Erster Betsaal im 19. Jahrhundert und die "Kleine
Synagoge"
Für die Gemeinde des 19. Jahrhunderts war bereits seit 1806 einen
Betsaal im Haus des David Salomon Unger eingerichtet. 1823 beschloss die
Gemeinde, eine Synagoge zu bauen und gründet einen Bauverein. Man erwarb das Haus "Zur Weinkrause"
(Grundstück Nr. 2433 hinter dem Rathaus) für 475 Taler. In ihm konnte
ein größerer Betsaal eingerichtet werden. Seitdem wurde das Gebäude
"Juden-Bethaus" genannt. Auch eine Mikwe dürfte damals im
Untergeschoss eingerichtet worden sein. Ende der 1830er-Jahre musste das
Gebäude wegen seines schlechten Bauzustandes abgebrochen werden. An derselben
Stelle wurde eine Synagoge erbaut, die am 10. Juli 1840 durch Rabbiner
Dr. Ludwig Philippson eingeweiht werden
konnte (heutige "Kleine Synagoge", Standort An der
Stadtmünze 5). Es handelte sich um einen zweigeschossigen Bau mit
klassizistisch geprägter Fassade und Innenausstattung. Im Keller befand sich
eine Mikwe.
Die Einweihung der Synagoge am 10. Juli 1840
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 25. Juli 1840:
"Erfurt, 14. Juli (1840). Am 10. dieses Monats fand für die
hiesige Gemeinde eine sehr erhebende und bedeutungsvolle Feier statt, die
Einweihung ihrer neuen Synagoge. Indem ich mir vorbehalte, über die
Geschichte und den Zustand dieser Gemeinde mit Nächstem ausführlich zu
berichten, bemerke ich nur, dass mit dieser Feier, da die Gemeinde die
Erlangung der Korporationsrechte erst binnen Kurzem erwartet, dieselbe
wenigstens von kirchlicher Seite als Gemeinde Israels konstituiert werden.
Auf klassischem Boden, nämlich auf dem, wo vor der großen Mordverfolgung
im Jahre 1347, die Hauptsynagoge der 6.000 Seelen fassenden Gemeinde
stand, sich erhebend, in einfachem, aber sehr geschmack- und würdevollen
Stile, ward diese Synagoge der Gemeinde ein großes Opfer, welches allein
den Bemühungen des Vorstehers, Herrn Engel, zu verdanken steht. Es war
die Absicht, der Gemeinde durch eine recht würdevolle Feier die
Einweihung zugleich zu einem Wendepunkte der Entwicklung der Gemeinde zu
machen. Daher berief sie zu dem Akte den Dr. Philippson aus Magdeburg, und
die Kantoren Königsberger aus Dessau. Letztere hatten die israelitische
Jugend zu einem Chore gebildet, welcher das Möglichste leistete. Der
Feier in dem sinnig geschmückten Tempel wohnte die Generalität der
Besatzung, der ganze löbliche Magistrat, eine Deputation der Herren
Stadtverordneten, die höchsten Mitglieder der Gerichte usw. bei. Mehrere
der Honoratioren einzuladen gestattete der Raum nicht. Von der hohen
königlichen Regierung konnte kein Mitglied zugegen sein, da zufällig die
feierliche Vereidigung der Herren Landräte um dieselbe Stunde stattfand.
Von der Geistlichkeit der Stadt war niemand erschienen, da der
Superintendent sich veranlasst gefühlt, tags zuvor die Herren durch ein Zirkular
(Rundschreiben) darauf aufmerksam zu machen, dass kein christlicher
Geistlicher nach einer königlichen Kabinettsorder vom Jahre 1821 eine
Synagoge besuchen darf. Dagegen fanden sich die Herren Professoren des
Gymnasiums ein. Von der Umgegend waren viele Israeliten zusammengeströmt.
Nach einer einleitenden Musik begann ein Duett und Chor Mah towu ('wie
lieblich...'), worauf die Gemeinde in Responsorien Psalm 105,1-8 sang.
Alsdann trat der oben genannte Geistliche vor das Pult, und hielt das
Weihegebet nach 1. Könige 8,23 etc. Die Gemeinde fuhr in Responsorien mit
Psalm 33,13-22 fort. Hierauf wurden die Torarollen in feierlichem Zuge abgeholt,
und bei ihrem Eintritt vom Vorbeter und Chor mit Posaunenbegleitet Seu
Schearim (öffnet die Tore...) angestimmt. Der
Geistliche |
sprach
Schähächeinu (gemeint Segensspruch: der du uns Leben gegeben
hast), und die sieben Umzuge begannen, welche in feierlicher Haltung
ein Terzett ohne Musik und Hosianna's begleitete. Dem erhebenden vom
Geistlichen gesprochenen Sch'ma antwortete der Chor mit Patechu
li (öffnet mir...). Alsdann betrat der Geistliche die Kanzel, und
sprach über 1. Mose 28,17, vom Zwecke, von der Bestimmung und von der
rechten Heiligung dieser Stätte. Ihr folgten ein schöner, deutscher
Choral, das Gebet für König und Vaterland, eine Weiharie, der Segen, und
Psalm 150, vom Chore mit Posaunen trefflichst exekutiert. Vor Letzterem
sprach noch Herr Dr. Unger über die Geschichte der Gemeinde und Synagoge
kurz, aber in gediegener und besonders freimütiger Haltung. Diese ganze
Feier wurde mit wahrhafter Erhebung und im stimmendsten Takte vollzogen,
und die Gemeinde dadurch auch zu wesentlichen Schritten auf den Wegen der
Fortbildung bestimmt. Auf die Aufforderung eines Buchhändlers allhier
überließ der Dr. Philippson seine Predigt demselben zum
Drucke." |
Hinweis auf die Predigt zur Einweihung der Synagoge
(1840)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 24. Oktober 1840:
"Magdeburg, 11. Oktober (1840). Angekommen: Predigt zur Einweihung
der neuen Synagoge in Erfurt, den 10. Juli 1840 gehalten von Dr. Ludwig
Phillipson, Geistlicher der Israelitischen Gemeinde zu Magdeburg. (Der
Ertrag ist für einen milden Zweck bestimmt!) Erfurt, Otto. 1840. In der
Einleitung werden die Gefühle geschildert, die bei Einweihung eines
Gotteshauses vorwalten, in I. der Zweck als Gotteshaus überhaupt und
israelitisches Gotteshaus insbesondere, in II. die Bestimmung und in III.
die rechte Heiligung durch würdevollen Gottesdienst und religiöse
Vervollkommnung des Besuches - besprochen -." |
In den 1870er-Jahren war die Synagoge von 1840 für die Gemeinde viel
zu klein geworden (ca. 450 Gemeindeglieder). Zunächst dachte man an einen Umbau
und eine Vergrößerung der bisherigen Synagoge, entschied sich dann jedoch für
einen Neubau.
Die Einweihung der "Großen Synagoge" sowie Einrichtung eines
orthodoxen Betsaales (1884)
Eine neue Synagoge
konnte nach anderthalbjähriger Bauzeit am 4. September 1884 durch
Rabbiner Dr. Theodor Kroner eingeweiht werden (Standort: Kartäuserring 14).
Die Entwürfe stammten von dem Frankfurter Architekten S. Kusnitzky; die
Bauleitung hatte der Erfurter Architekt E. Reling. Es handelte sich um einen
Kuppelbau mit etwa 500 Plätzen.
Einweihung der Großen Synagoge (1884)
Artikel
in der Zeitschrift "Jeschurun" vom September 1884 S. 604-605:
"Erfurt, 7. September (1884). Die neu erbaute Orgel-Synagoge wurde am
Freitag durch die Rabbiner Dr. Kroner und Dr. Karo eingeweiht. Das ist
also derselbe Dr. Kroner, welcher sich im vorigen Jahre so sehr gegen eine
Orgel sträubt und sogar mit Amtsniederlegung drohte. Damals erklärte er
die Einführung einer Orgel in die Synagoge als gegen das Religionsgesetz
verstoßend, und jetzt? Was hat denn den Herrn Rabbiner dazu bewogen,
seine Ansicht so zu ändern? Oder sagen wir lieber, die Ansicht wird wohl
dieselbe sein, nur die Tat entspricht ihr nicht. Und ich denke, das sei
schon genug. Ist es eines Rabbiner würdig, sich so von der Gemeinde
führen zu lassen, da er doch die Gemeinde führen sollte? - Sapienti sat!" |
Einrichtung eines orthodoxen Betsaales (1884)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. September 1884: "Erfurt,
6. September (1884). Verflossenen Freitag wurde die hiesige, neu erbaute
Orgel-Synagoge eingeweiht. Die Rabbinen Dr. Kroner und Dr. Karo vollzogen
den Weiheakt. - Zehn Familien haben sich zu einer Separat-Gemeinde
vereinigt und einen besonderen Gottesdienst eingerichtet, weil sie die
Reformsynagoge nicht besuchen werden. Möge diese junge, gesetzestreue
Gemeinschaft erstarken und zu höher Blüte gelangen!" |
| |
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. November 1884: "Zürich,
November (1884). Bezugnehmend auf eine Korrespondenz Ihres geschätzten
Blattes in Betreff der projektierten Aufstellung eines Harmoniums in der
hiesigen neuerbauten Synagoge muss ich Ihnen leider heute mitteilen, dass
nicht nur bis heute dasselbe nicht aus der Synagoge entfernt wurde,
sondern der Gottesdienst findet sogar mit Damengesang statt. Unter solchen
Verhältnissen dürfen doch die hiesigen religiösen Mitglieder der
Gemeinde nicht schweigen und sind vor Gott und ihrem Gewissen
verpflichtet, gegen diese gesetzwidrige Neuerung Protest einzulegen, sowie
dieselben laute Entscheid der größten rabbinischen Autoriten, - solange
diese Neuerung in der Synagoge stattfindet, - weder an dem öffentlichen
Gottesdienst teilnehmen, noch überhaupt die Synagoge betreten dürfen.
Aus diesem Grund geht der wiederholte Ruf an die religiös gesinnten
Mitglieder hiesiger Gemeinde! Vereinigt Euch zu gemeinsamem Vorgehen gegen
die ohne Genehmigung der Gemeinde, vom Vorstande allein eingeführte
Neuerung, da Euch vom Religionsgesetz aus nichts anderes übrig bleibt,
als aus der Gemeinde auszutreten oder die Entfernung dieses spezifisch
kirchlichen Instruments aus der Synagoge herbeizuführen. (In Erfurt hat
sich neuerdings in Folge der Einführung eines ähnlichen Instrumentes in
der Synagoge eine Separatgemeinde gebildet, deren gemietetes,
anspruchsloses Lokal während der hohen Feiertage zahlreicheren Besuchs zu
erfreuen hatte, als die neuerbaute, prachtvolle Synagoge. - Red.). |
Judenhetze mit Angriffen auf die Synagoge (1923)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. November 1923:
"Von der Judenhetze.
Erfurt, 21. Oktober (1923). Am Schluss der
letzten öffentlichen Stadtverordnetensitzung brachte Stadtverordneter
Heß (Dem.) die folgende Anfrage ein: 'Ist der Magistrat in der Lage, die
Ruhe und persönliche Sicherheit der Erfurter Bürger jüdischen Glaubens
zu verbürgen?' Zur Begründung seiner Anfrage, deren
Dringlichkeit von der Versammlung bejaht wurde, führte Heß u.a. aus: In
den letzten Tagen allein seien ihm einige 50 dringende Hilferufe wegen der
systematischen Hetze gegen jüdische Mitbürger zugegangen, die Tag und
Nacht den stärksten Belästigungen ausgesetzt seien. Starke Gruppen
junger Leute, deren Zahl auf über 200 festgestellt wurden, die
untereinander durch Radfahrerpatrouillen Fühlung behalten, stellen am
hellen Tage jüdische Mitbürger auf der Straße und belästigen sie mit
Hepp-Hepp-Rufen; selbst von Rädern werden sie herabgezogen und aus Cafes
herausgeholt. Kürzlich wurden sogar während des Gottesdienstes die
Fenster der Synagoge eingeworfen, die Tür aufgerissen und der
Gottesdienst durch 'Hepp-Hepp'-Rufe gestört; in diesem Falle wurde der
Täter ertappt und verprügelt, aber leider wurde unterlassen, seinen
Namen festzustellen, um zu ermitteln, welcher Organisation er angehört.
Des Nachts werden systematisch Fenster in jüdischen Wohnungen
eingeschlagen, in letzter Nacht erst wieder an fünf verschiedenen
Stellen. Zäune werden niedergerissen, ja man benutzt sogar den
Fernsprecher, um jüdische Frauen durch falsche Nachrichten über ihre
Ehegatten in Angst und Schrecken zu versetzen. Eine große Anzahl
jüdischer Mitbürger, auch er (Redner), steht auf der Femeliste,
allerdings auch der Regierungspräsident Tiedemann und Oberbürgermeister
Dr. Mann, obwohl beide keine Juden seien. Er habe bei dem
Polizeipräsidenten wegen dieser schweren Belästigungen nachdrücklich
Klage geführt und von diesem auch die Zusicherung erhalten, mit allen
Mitteln hiergegen einschreiten zu wollen. Aber er halte es auch für seine
Pflicht, öffentlich auf diese den jüdischen Mitbürgern drohenden
Gefahren hinzuweisen und alle anständig gesinnten Menschen zum Schutze
gegen diese Ausschreitungen aufzurufen.
Oberbürgermeister Dr. Mann wendet sich mit scharfen Worten gegen das
geschilderte Treiben. Die Anfrage richte sich an den Magistrat. aber für
die öffentliche Sicherheit zu sorgen, sei die Aufgabe der Polizei, die
bekanntlich der Stadt mit der Verstaatlichung aus der Hand genommen sei.
Er müsse gleichwohl aufs tiefste bedauern, dass solche Niederträchtigkeiten
aus dem dunklen Hinterhalt geschehen, und er erwarte, dass die Verüber
endlich einmal gestellt und der verdienten Strafe übergeben würden. Er
werde mit dem Herrn Polizeipräsidenten Rücksprache nehmen, damit diesem
Treiben gesteuert werde.
Stadtverordneter Bottke (Dem.) ergänzt die Schilderungen des
Stadtverordneten Heß durch eine Reihe weiterer Einzelheiten.
Stadtverordneter Görbing (V.S.P.D.) stellt fest, dass diese jungen Leute
alle das Hakenkreuzabzeichen tragen; kürzlich wurde ein Student aus der
Goethestraße als ein solcher Hakenkreuzler festgestellt, der auf der
Straße andere Leute belästigte. Er machte ferner darauf aufmerksam, dass
auch noch in vielen Dienststellen das Hakenkreuz von Beamten getragen
werde, ohne dass die Behörden dagegen einschreiben. Mit der Pflichten
gegen die Republik stehe das nicht in
Einklang.
Vorsteher Benda findet es unverständlich, dass in einem Stadtgebiet, das
schon seit langer Zeit als gefährdet gemeldet ist, solcher grober Unfug,
wie er erst letzte Nacht verübt wurde, unbemerkt geschehen konnte. Er
hoffe, dass die Aussprache mit dem Polizeipräsidenten endlich Abhilfe
schaffe." |
Schändung der Synagoge (März 1926)
Artikel
in der Zeitschrift des "Central-Vereins" (CV-Zeitung) vom 26.
März 1926: "Neue Schandtaten in Erfurt.
Die grauenvolle Nachricht von der Friedhofsschändung in Erfurt ist noch
nicht völlig verklungen und schon kommt aus diesem Mittelpunkt wüstester
völkischer Agitation eine neue empörende Kunde. In der Nacht vom
Sonnabend zum Sonntag gegen 1/2 3 Uhr nachts sind vier Fenster der
Erfurter Synagoge von Bubenhand zertrümmert worden. Die Polizei hat
in diesem Fall die Täter leider noch nicht ergreifen können. Es ist nur
zu hoffen, dass Ermittlungen nach dieser Richtung zu Ergebnissen führen
und dass die gerichtliche Ahndung auch dieser Schandtat die jungen
Burschen dieser Art nicht nur in Erfurt belehrt, dass derartige Bubenstücke
in einem geordneten Staatswesen und unter zivilisierten Menschen nicht
vollführt werden dürfen.
Wie wir hören, betreibt die Erfurter Justizbehörde die Verfolgung der
Friedhofsschänder mit größter Energie. Bereits am 30. dieses Monat
findet die Hauptverhandlung gegen die drei Täter statt. Der
Oberstaatsanwalt wird persönlich die Anklage vertreten. Auch die
städtischen Behörden haben ihre Entrüstung über die den Namen Erfurts
beschmutzende Schandtat zum Ausdruck gebracht. Vor Beginn der
Stadtverordnetensitzung am 19. März drückte der
Stadtverordnetenvorsteher im Namen der Stadtverordneten sein Bedauern
über die letzten Erlebnisse aus." |
In der Pogromnacht im November 1938
wurde die Synagoge niedergebrannt. Das verwendete Benzin und den anschließenden
Abbruch der Synagogenruine musste die jüdische Gemeinde bezahlen.
Die Synagoge nach 1945
Nach
1945 entstand ein erstes jüdisches Gemeindezentrum in gemieteten Räumen Am Anger
30/32. Seit April 1946 bemühte sich die jüdische Gemeinde um die
Rückübertragung des Synagogengrundstückes. Im März 1947 waren ihre
Bemühungen erfolgreich. 1951 konnte mit dem Bau einer neuen Synagoge begonnen werden (Grundsteinlegung am 9. August 1951). Am 31.
August 1952 (10. Ellul 5712) wurde die neue Synagoge mit Gemeindezentrum
durch Landesrabbiner Dr. Martin Riesengruber feierlich eingeweiht. 1985 wurde
sie renoviert.
Die
"Kleine Synagoge" an der Stadtkirche wurde Ende der 1980er-Jahre als
ehemalige Synagoge "wiederentdeckt". 1992 wurde das Gebäude als
Kulturdenkmal in die Denkmalliste des Landes Thüringen eingetragen. Der
Gemeinderat der Stadt beschloss im Dezember 1992 die Einrichtung einer "Begegnungsstätte
zur
Erforschung und Vermittlung jüdischer und deutsch-jüdischer
Regionalgeschichte". 1993 begannen die Bauuntersuchungen. 1994/95 erfolgte
die Rohbausanierung des Gebäudes. Am
9. November 1988 konnte das Gebäude neu eingeweiht werden.
Weitere
Berichte zur Geschichte der Synagogengebäude des 19./20. Jahrhunderts
Artikel über die Geschichte und die "Wiederentdeckung" der "Kleinen Synagoge"
Artikel
von Christian schneider, dpa in der Ostthüringer Zeitung vom 13. Januar 1997
(Artikel wurde zur Verfügung gestellt von Jürgen Wachsmuth): "Auf
Spuren-Suche in der Thüringer Denkmal-Landschaft - Erfurter Synagoge
wiederentdeckt. Erfurt. Heute würde Baurat Schultze die
Prüfung über städtebauliche Gestaltungsrichtlinien wohl nicht bestehen.
Zum Antrag, den Giebel der Erfurter Synagoge über einen Arm der Gera
ragen zu lassen, notierte er: 'Hinderlich ist dieser Überbau nicht, und
es wird derselbe nicht schlecht aussehen, deshalb möchte dieser Überbau
wohl zu genehmigen sein.'
Das war 1839. Heute müsste sich der Baurat mit der Frage herumschlagen,
wie man einen zehn Meter langen Stahlträger in das inzwischen verzogene
Fundament der Synagoge einbringt. Mit Lasermessung und Spezialbohrern
nehmen sich seit 1993 Architekten und Denkmalschützer der Synagoge an,
die zu den versteckten Bauten Erfurts gehört. Bei 'Synagoge' denken die
Erfurter zuerst an den einzigen Synagogen-Neubau in der damaligen DDR.
Seinen von Schultze genehmigten Vorgänger kennen nicht einmal mehr
alteingesessene Erfurter Juden. Auf halben Weg zwischen der Krämerbrücke
und dem Rathaus liegt das ehemalige Wohnhaus 'Zur großen und kleinen
Weinkrause', das Ephraim Salomon Unger 1823 einem Müllermeister abkaufte.
Etwa 100 jüdische Einwohner hatte Erfurt damals.
Ungers Erwerbung missfiel zunächst der Baupolizei von Baurat Schultze.
Sie sperrte das Fachwerkhaus und ließ es bis auf einige noch heute
erhaltene Kellerteile abreißen. 1839 überreichte Unger einen Bauriss zu
einem neuen Wohnhaus mit Betsaal'. Genau ein Jahr dauerte der Neubau der
Synagoge im klassizistischen Stil mit acht markanten Rundbogenfenstern
über zwei Stockwerke für den Betsaal. Dazu kam ein kleiner Wohnbereich
für Rabbiner und Synagogendiener. Heute bringen die Restauratoren Reste
der blauen Papiertapete und des Toraschreins wieder zum Vorschein. Bereits
1884 war die Synagoge von der Gemeinde verkauft worden. Ein Essigfabrikant
baute sie zum Fasslager um. Die Wände bekamen Bretterverkleidungen, die
Fenster wurden zugemauert, den Betsaal zerschneidet eine Zwischendecke.
1916 kaufte die Stadt das Haus und richtete Wohnungen ein. Als 1938 der
mittelalterliche Straßenname 'An der Judenschule' in 'An der Stadtmünze'
geändert wurde, geriet die Synagoge gänzlich in Vergessenheit.
Erst 1988 entdeckte Denkmalpflegerin Rosita Peterseim eine
Touristenbroschüre aus den 60er-Jahren, die auf ihre Existenz hinwies. Zu
diesem Zeitpunkt waren die Holzwürmer ins Dachgebälk gezogen, und aus
einer angebauten Garage kroch die Nässe ins Fachwerk unter den
Außenputz. Dennoch wurde das Haus 1992 unter Denkmalschutz gestellt. Seitdem
flossen 455.000 Mark vor allem für die Sanierung des morschen Gebälks
und die Stahlversteifung der Fundamente. Mit einer weiteren Million
rechnet Peterseim für die endgültige Sanierung.
Die Denkmalschützer könnten sich eine Nutzung durch die Erfurter Universität
vorstellen. Uni-Verwaltungschef Gregor Herrmann sucht noch ein Gebäude.
Vorlesungen und Seminare im ehemaligen Betsaal sind vorstellbar, doch
entschieden ist noch nichts." |
Fotos / Abbildungen
(die neueren Farbfotos: Hahn - Aufnahmedatum 13.8.2005
beziehungsweise 23./24.8.2010)
Die Synagoge von 1840
(heute: "Kleine Synagoge") |
 |
 |
 |
Die "Kleine Synagoge"
auf einem historischen Foto
(Quelle: Ausstellung in der
"Kleinen Synagoge") |
Die "Kleine Synagoge"
in den 1980er-Jahren
- als Wohnhaus genutzt
(Quelle: Zeugnisse jüdischer
Kultur S. 268) |
| |
|
|
| Die
"Kleine Synagoge" im Sommer 2005 |
|
|
 |
 |
 |
| Der Weg zur Kleinen Synagoge
ist in der Altstadt mehrfach ausgeschildert |
Außen- und
Innenansicht der "Kleinen Synagoge" |
| |
| |
|
 |
 |
 |
| Hinweistafel am
Gebäude |
Blick zum Toraschrein |
Blick zur Frauenempore |
| |
|
|
| Die
"Kleine Synagoge im Sommer 2010) |
|
|
 |
 |
 |
Hinweistafel
am Gebäude |
Außenansicht
von Westen |
Blick auf den
Vorbau im Bereich
des Toraschreines |
| |
|
|
|
 |
 |
| Blick
in den Betsaal, rechtes Foto von der ehemaligen Frauenempore |
Blick über die
ehemalige Frauenempore |
| Das
Foto in hoher Auflösung |
Das
Foto in hoher Auflösung |
|
| |
|
|
 |
 |
 |
| Der
Toraschrein |
Die Frauenempore
vom Betsaal |
| Das
Foto in hoher Auflösung |
Das
Foto in hoher Auflösung |
Das
Foto in höherer Auflösung |
| |
|
|
 |
 |
 |
Die Mesusa am
Eingang
zum Betsaal |
Ausstellung
im unteren Bereich des Gebäudes mit Schabbattisch
(auf rechtem Foto Wein und Kidduschbecher) |
| |
|
|
 |
 |
|
Die ehemalige
Mikwe
(rituelles Bad) |
Informationstafeln
zur
jüdischen Geschichte Erfurts |
|
| |
|
|
| |
|
|
Die 1884
eingeweihte
"Große Synagoge" |
 |
 |
| |
Historische Aufnahme der
Synagoge |
Die zerstörte Synagoge 1938 |
| |
|
|
Das 1952 eingeweihte jüdische
Gemeindezentrum
(Fotos um 1960) |
 |
 |
|
Blick zur Synagoge |
Gedenktafel für die
zerstörte Synagoge |
| |
|
|
 |
 |
 |
| Blick in den
Betsaal |
Die Gebotstafeln über dem
Toraschrein |
| |
|
 |
 |
 |
| Blick zum
Toraschrein |
Wochentagssynagoge |
| |
|
| |
|
Die Synagoge 1987/88
(Foto: Jürgen Wachsmuth) |
 |
|
| |
|
| |
|
| Neuere Ansichten (2005) |
 |
 |
|
Verschiedene
Ansichten des Gemeindezentrums |
| |
|
 |
 |
 |
| Hinweistafel am Eingang |
Das Eingangsportal |
Innenansicht des Betsaales |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Germania Judaica I S. 97-102; II,1 S. 215-224; III,1 S.
308-329 (jeweils mit weiteren Literaturangaben). |
 | Informationsblätter aus der "Kleinen Synagoge", u.a.
"Dauerausstellung - Begegnungsstätte Kleine Synagoge 'Juden in
Erfurt'". |
 | Landeshauptstadt
Erfurt - Stadtverwaltung (Hrsg.):
Alte Synagoge und Mikwe zu Erfurt.
Erfurt. Verlag Dr. Bussert & Stadeler. 2009. 14,90 €
Weitere Publikationen in der von der Stadtverwaltung der Landeshauptstadt
Erfurt herausgegebenen Reihe:
Erfurter Schatz. 2009. ISBN
978-3-932906-96-1 14,90 €
Erfurter hebräische Handschriften.
2009. ISBN 978-3-932906-98-5. 14,90 €. |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Erfurt Thuringia. There was Jewish settlement in Erfurt from
the second half of the 12th century. The flourishing community maintained two
synagogues, a mikve, a cemetery, a yeshiva, and several famous rabbis. From the
mid-14th century the synods of the rabbis of thuringia and Saxony took place i Erfurt
and members of the community were shofar makers for all Germany. During the
Black Death persecutions of 1348-49, rioters mudered 100 out of 976 Jews. Many
others committed suicide, by setting fire to their own houses. In 1453-54, the
Jews were forced to leave the town, and it was not until 1768 that they were
again allowed to trade and live temporarily in Erfurt.
The modern Jewish settlement was established at the beginning of the 19th
century. A synagogue and cemetery were established and the community grew to 191
members in 1853; to 479 in 1860; and to 782 in 1900. The community maintained a
religious school from about 1860 and a cemetery from 1873. A synagogue was
established in 1884. There were also several welfare associations, a local
branch of the Central Union (C.V.), and a Jewish History and Literature Society
(1928). Jews played an important role in the city's economic development, by
setting up clothing, wool, shoe, and malt factories. There were also numerous
Jewish lawyers and physicians. Three Jews were members of the city council.
Willy Muenzenberg (1889-1941), a Communist member of the Reichstag (1924-33),
was born in Erfurt. In the 1920s, systematic antisemitic propaganda inspired
attacks on Jews and their property. In 1933, the Jewish population of Erfurt was
831 (0,6 % of the total) and included a large number of immigrants from Eastern
Europe.
In April 1933, Jewish stores were boycotted and in July, two Jewish Communists
were murdered. Emigration began and by 1936 the Jewish population droped to 660.
From 1937, the 100 stores and businesses still remaining in Jewish hands were
subject to an extensive boycott. Some 100 Jews with non-German citizenship were
deported to Poland in October 1938. On Kristallnacht (9-10 November
1938), the synagogue was set on fire and the chapel at the cemetery destroyed.
The Nazis arrested and maltreated 197 Jews with ten men requiring
hospitalization. Others were interned in the Buchenwald concentration camp. In September
1941, 188 Jews still lived in Erfurt. In four transports to the east, between
May 1942 and January 1944, 152 were deported, with four individuals committing
suicide beforehand. Of those left in Erfurt - probably owing to marriage to
non-Jews - 19 were deported to the Theresienstadt ghetto in January 1945.
In January 1946, a new Jewish community, was established with 120 members. In
the early 1950s, this was the largest community after Berlin in East Germany (GDER).
A new synagogue was concecrated, but in 1988, the community had just 30 members.

vorherige Synagoge zur ersten Synagoge nächste Synagoge
diese Links sind noch nicht aktiviert
|