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Treysa
(Stadt Schwalmstadt, Schwalm-Eder-Kreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Treysa bestand eine jüdische Gemeinde bis 1939/42. Ihre Entstehung geht
in die Zeit des 16./17. Jahrhunderts zurück. Doch lebten vermutlich
bereits im 14. Jahrhundert einzelne jüdische Personen in der Stadt. 1575/78
wird Eli der Judt (beziehungsweise Elias Bobenhausen) genannt, der in der
Burggasse wohnte. Sein Vater Lazarus Bobenhausen war "Hebräer-Medicus"
(Leibarzt) im Dienst des Landgrafen Philipp. Im 17. Jahrhundert werden mehrfach
jüdische Familien in Treysa genannt, bereits während (1646 zwei jüdische
Familien) und wieder nach der Zeit des Dreißigjährigen Krieges: 1667
zwei jüdische Familien, 1676 wurde erstmals ein Vertreter der Familie Höxter
in Treysa genannt.
Im 18. Jahrhundert nahm die Zahl der jüdischen Einwohner langsam zu:
1773/78 wurden sechs Familien mit zusammen 28 Personen gezählt. Die jüdischen
Familien beteiligten sich am Aufbau erster Fabriken in Treysa (Wollindustrie):
Samuel Planet betrieb eine kleine Wollmanufaktur.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie
folgt: 1805 35 jüdische Einwohner (1,7 % von insgesamt 2.081 Einwohnern),
1816/18 13 jüdische Familien, 1827 94 (4,0 % von 2.348), 1835 111, 1861 125 (4,8 % von 2.507), 1885 160 (6,6 %
von 2.413), 1895 193 (8,1 % von 2.385), 1905 160 (5,2 % von 3.100). Seit
Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgte ein Zuzug jüdischer Familien aus anderen
kurhessischen Gemeinde wie Gilserberg, Willingshausen, Jesberg, Neustadt,
Erdmannsrode, Wolferode, Niederurff usw.. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts waren
die jüdischen Gewerbetreibenden überwiegend als Kleinhändler, Viehhändler,
Metzger tätig. Danach gab es auch einige jüdische Handwerker, Besitzer
kleinerer Fabriken und einigen für das wirtschaftliche Leben des Ortes
wichtigen Handelsbetrieben und Läden. Ab 1890 war als Tierarzt in Treysa Dr.
Abraham Höxter tätig (er war als Deutscher Demokrat Stadtverordnetenvorsteher
und Kreistagsmitglied, Ausschussmitglied im Verband Preußischer Tierärzte,
Erfinder eines Serums gegen Maul- und Klauenseuche u.a.m.).
In Treysa trat die teilweise stark verbreitete antijüdische Einstellung der
Bevölkerung immer wieder zutage. 1813 kam es zu einem
"Judenpogrom", bei dem dem Kaufmann Abraham Isaac Meyer Haus und
Geschäft völlig ausgeplündert wurde. Im Revolutionsjahr 1848 kam es zu
weiteren Plünderungen.
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule
(Israelitische Konfessionsschule von 1835 bis 1922), ein rituelles Bad (in einem
Badehaus am Keilstor an der Wiera) und seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein Friedhof.
Unter den Lehrern sind zu nennen: Heinemann Rosenhaupt (bis 1824), Tobias Hause
(bis 1831), Meier Rothschild (Lehrer von 1831 bis 1886, siehe Berichte unten; er
unterrichtete 1868 14 Schüler), Gabriel Oppenheim (1886 bis 1923, er
unterrichtete 1891 38, 1899 44 Kinder), J. Plaut (1923 bis zu seinem Tod beim
Novemberpogrom 1938). Die Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Oberhessen
mit Sitz in Marburg. Innerhalb des
Rabbinatsbezirk waren die Gemeinden nach den politischen Kreisen
zusammengeschlossen. Von vor 1912 bis nach 1924 war Kreisvorsteher Benedikt
Strupp II aus Treysa.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Unteroffizier Leopold
Katzenstein (geb. 10.4.1894 in Treysa, gef. 10.10.1916), Adolf Strupp (geb.
25.12.1892 in Treysa, gef. 30.12.1914), Salomon Abraham (geb. 23.6.1871 in
Treysa, gef. 13.2.1919) und Sigmund Schwalm (geb. 3.7.1882 in Treysa, gest. an
der Kriegsverletzung 5.5.1921). Außerdem ist gefallen: Felix Weinberg (geb.
15.10.1889 in Treysa, vor 1914 in Kassel wohnhaft, gef. 10.3.1917).
Um 1924, als zur Gemeinde 130 Personen gehörten (3,1 % von insgesamt
4.207 Einwohnern), waren die Vorsteher der Gemeinde Berthold Katz, Levi Levi und
Jacob Stern (vgl. unten den Bericht über die Vorstandswahlen 1922). Religionslehrer Plaut unterrichtete damals 8 Kinder in Religion. An
jüdischen Vereinen bestanden die Chewra Kadischa (1924 unter
Leitung von Meier Strupp, 1932 unter Leitung von Hermann Schwalm; Zweck und
Arbeitsgebiet: Wohltätigkeit), der Israelitische Jünglingsverein Chewras
Bachurim (1924/32 unter Leitung von Salomon Katzenstein; Zweck und
Arbeitsgebiet: Unterstützung Ortsansässiger, Liebesdienste in Sterbefällen,
1932 19 Mitglieder) sowie der Israelitische Frauenverein (1924 unter
Leitung von Frau A. Baum, 1932 unter Leitung der Frau von Lehrer Plaut; Zweck-
und Arbeitsgebiet: Kranken- und Wöchnerinnenfürsorge; 1915 39, 1932 31
Mitglieder). Der Frauenverein war 1887 von Lehrer Oppenheim gegründet worden
(vgl. die Berichte unten), der Israelitische Jünglingsverein 1879 (vgl. Bericht
zum 50jährigen Bestehen 1929 unten). 1932 waren die Gemeindevorsteher
weiterhin Berthold Katz (1. Vors.), Levi Levi (2. Vors.) und Jakob Stern
(Schriftführer). Lehrer J. Plaut unterrichtete im Schuljahr 1931/32 9 jüdische
Kinder in Religion.
1933 lebten noch ca. 120 jüdische Personen in Treysa. In
den folgenden Jahren ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Bis 1938/39 konnten 59
Personen emigrieren, wenngleich einige von ihnen später von Holland aus
deportiert und ermordet wurden. Dem durch wissenschaftliche Arbeiten
ausgezeichneten Tierarzt Dr. Abraham Höxter war bereits 1934 der Pass entzogen
worden, um zu verhindern, dass 'deutsches Geisteseigentum ins Ausland kommt'. Er
verzog 1938 von Treysa und wurde 1942 von Kassel in das Ghetto Theresienstadt
deportiert, wo er im Juni 1943 an einer Typhuserkrankung umgekommen ist. Beim Novemberpogrom
1938 wurde
die Synagoge geschändet und die Inneneinrichtung vollkommen zerstört (s.u.),
jüdische Wohnungen wurden überfallen und völlig verwüstet, teilweise wurde das
Inventar und Möbel auf die Straße geworfen. Die letzten 15 (nach anderen
Angaben 25) jüdischen
Einwohner wurden im Juni beziehungsweise im September 1942 nach Polen beziehungsweise nach Theresienstadt deportiert. Zuletzt
hatten sie im "Judenhaus" Steingasse 17 zusammengepfercht wohnen
müssen.
Von den in Treysa geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Emanuel
Abraham (1879), Recha Abraham (1875), Liesel Blum (1933), Frieda Engers geb.
Weinberg (1877), Jettchen Freudenthal geb. Löwenstern (1865), Frida Gibbrich
geb. Baum (1887), Josef Goldschmidt (1884), Frieda Hecht geb. Schwalm (1884),
Dr. Abraham Höxter (1862), Aron Höxter (1892), Berta Höxter (1883), Gretchen
Höxter geb. Lichtenstein (1883), Günther Georg Höxter (1925), Paula Höxter
(1885), Paula Kahn geb. Meyerfeld (1875), Abraham Katzenstein (1884), Hesekiel
Katzenstein (1851), Salomon Katzenstein (1855), Sophie Katzenstein geb.
Rothschild (1900), Herta Levi (1905), Jettchen (Settchen) Levi geb. Katz (1862),
Berta Löwenstein geb. Löb (1886), Berta Löwenstein geb. Katzenstein (1886),
Emma Machol (1865), Marga Mannheimer (1921), Rosa Marburger geb. Moses (1888),
Julie Marcus geb. Weinberg (1891), Hedwig Marx geb. Meyerfeld (1871), Johanna
Mathias geb. Rosenbusch (1895), Simon Mathias (1895), Selma Meijer geb. Weinberg
(1906), Clothilde Moses (1880), Selma (Schönchen) Munk geb. Abraham (1860),
Jeanette Nathan geb. Schön (1876), Selma Reis geb. Levi (1902), Berta Rosenbach
geb. Stahl (1891), Hedwig Rosenberg (1869), Henriette Rosenberg geb. Hirschberg
(1862), Auguste Roth geb. Rosenblatt (1883), Minna Rothschild (1872), Auguste
Schwalm (1892), Jenny Schwalm (1890), Milling Schwalm (1898), Milli Schön
(1904), Theodor Schön (1893), Clara Sittenmann geb. Strupp (1890), Rosa Spanier
geb. Weinberg (1880), Rosel Spier geb. Seelig (1903), Willi Spier (1891), Arthur
Stern (1914), Auguste Stern geb. Blumenfeld (1873), Jakob Stern (1876), Menko
Stern (1872), Nanny Stern geb. Blumenfeld (1878), Sitta Stern geb. Schwahn
(1883), Emanuel Strupp (1895), Inge Strupp (1931), Martha Strupp geb. Haas
(1904), Zerline Waldeck geb. Katz (1881), Berta Weinberg geb. Levi (1876), Bruno
Weinberg (1908), Ida Weinberg geb. Gerson (1884), Jettchen Weinberg geb. Schwalm
(1877), Josef Weinberg (1877), Moritz Weinberg (1873), Sophie Weinberg (1882),
Hermann Weinstock (1896), Bella Zernik geb. Höxter (1890).
An den Tierarzt Abraham Höxter erinnert heute in Treysa der "Abraham-Höxter-Weg".
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der
Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet
1885
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Juli 1885: "Gesucht wird
zum sofortigen Eintritt für hiesige israelitische Gemeinde ein Vorsänger,
welcher auch Schauchet sein muss und als Religionslehrer fähig ist.
Bewerbungen unter Beifügung ihrer Zeugnisse und Gehaltsansprüche sind zu
richten an.
M. Weinberg, Gemeindeältester. Treysa, den 26. Juli 1885." |
| |
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Dezember 1885: "Die
israelitische Lehrer- und Vorsängerstelle zu Treysa, im Kreise
Ziegenhain, Regierungsbezirk Kassel, kommt demnächst durch Pensionierung
des dermaligen Stelleninhabers zur Erledigung und soll baldigst
anderweitig besetzt werden.
Die neu festgestellte Kompetenz der Stelle besteht in einem Fixum von
1.000 Mark jährlich aus der Gemeindekasse und freier Dienstwohnung.
Geeignete Bewerber werden aufgefordert, ihre mit den nötigen Prüfungs-
und Führungszeugnissen versehenen Meldungsgesuche binnen drei Wochen bei
unterfertigter Behörde einzureichen.
Marburg, den 14. Dezember 1885.
Israelitisches Vorsteheramt. Dr. Munk." |
| Auf die Ausschreibung hin bewarb sich
erfolgreich Lehrer Gabriel Oppenheim. |
25-jähriges Amtsjubiläum von Lehrer Meier Rothschild
(1861)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 2. Juli 1861: "Der Lehrer
M. Rothschild in Treysa hat im Laufe des verflossenen Winters sein 25jähriges
Amtsjubiläum auf solenne Weise gefeiert unter rühmlicher Beteiligung des
Schulvorstandes und der Gemeinde." |
Diskussion über die Schulverhältnisse (1881)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Juni 1881: "Treysa. (Mit
Bezug auf den ‚Aufruf’ in Nr. 25 des ‚Israelit’.)
Sehr selten werden die geschätzten Leser des ‚Israelit’ mit
Nachrichten von hier beschäftigt; denn traurige Kunden verbreiten sich
ohnedies leider doch schnell genug, und gute Botschaften sind – auch
leider – nur selten zu verzeichnen.
Wenn aber in einer Gemeinde, die zu den größten der Provinz zählt,
Dinge sich ereignen, die nicht nur dem Urteile der direkt Betroffenen
anheimgegeben sind, sondern in das weitere jüdische Leben eingreifen, so
muss man dieselben auch dem öffentlichen Urteile unterbreiten, um
vielleicht auf diesem Wege Abhilfe zu erzielen.
Schule. Um dieses Wort drehen sich seit Jahrhunderten blutige und
unblutige Kämpfe; um die Schule wurde gestritten und bedeutende Erfolge
auch erzielt. Nicht nur in religiöser, auch in profaner Beziehung ist
mancher Fortschritt gemacht worden. Glücklich die Gemeinde, die im Geiste
unserer heiligen lehre ihre Schule gestaltet hat, glücklich die Schule,
die auch in allen Wissenschaften, die von der Zeit gefordert werden, ihre
Schüler bildet.
An der hiesigen Schule wirkt nun beinahe seit 50 Jahren Herr Lehrer
Rothschild, dem jedoch seit einigen Jahren der Elementarunterricht, weil
dieser nach Befinden der Regierung den heutigen Anforderungen nicht
entsprechend war, entzogen worden ist. Um aber die schulpflichtige Jugend
nicht in die christlichen Schulen zu schicken, bat man Herrn Rothschild,
ohne Verkürzung seines Einkommens, sein Amt niederzulegen. Aber
vergebens, denn nur eine Minorität war es, die einen anderen Lehrer wünschte.
Die begüterte Majorität, die hier die größte Zahl schulpflichtiger
Kinder stellt, erklärte sich mit dem Beschlusse der Regierung, wonach die
jüdischen Kinder die christlichen Schulen besuchen müssen,
einverstanden, aus Befürchtung, man werde einen solch ‚billigen’
Lehrer – Herr Lehrer R. erhält nämlich 600 Mark – nie mehr
bekommen.
Nun geht unsere Jugend in die christliche Schule und lernt augenblicklich
‚die Missionstätigkeit Winfrieds, des Apostels der Deutschen.’
Alle Kinder wissen die christlichen Glaubenslehren, wenn nicht besser, so
doch ebenso gut als die zehn Gebote.
Wem ist da die Schuld aufzubürden, wenn im Gegensatze zu unserer heiligen
Religion, sich solche Lehren bei der Jugend festsetzen. Hat denn nicht
unsere Nachkommenschaft auch einmal Kinder zu erziehen? Kommt denn nach
uns die Sintflut?? Der Gott sei Dank noch nicht erloschene jüdische Geist
muss bei solchen Zuständen erlahmen und der Fluch einer solchen Erziehung
lastet mit Zentnerschwere auf den Urhebern unserer traurigen Lage. Und
wehe, wenn diese Schuld ein Einziger zu tragen hat. Warum die Ruhe um schnödes
Geld verkaufen?!!
Vielleicht tragen diese öffentlichen Rügen bei, dass die Gemeinde –
unisono – dahin wirkt, und koste es auch Geldopfer, dass ein zweiter
Lehrer, auch für den Elementarunterricht beschafft werde, der unsere
Jugend ihrem heutigen Zustande entreißt und den alten jüdischen Geist
wieder in die Herzen der Kleinen verpflanzt – dem steht ein großes
ergiebiges Feld zur Verfügung.
Zur Illustration noch folgende Tatsache. Als an einem Sederabende Herr
S.A. sein Söhnchen frug, ob es das Tischgebet auswendig könne, erwiderte
der Kleine, nicht nur das, er könne auch die christlichen Glaubenslehren
auswendig.
Trotz der Verwendung des Vorstehers Herrn E. Meyerfeld bei Herrn
Provinzialrabbiner Dr. Munk und beim Schulvorstande, Herrn Metropolitan v.
Roques, wird die christliche Religionsstunde nach wie vor so abgehalten,
dass die jüdischen Kinder ihr Teil mitbekommen. Und warum soll auch ein
geehrtes Schulkollegium, durch eine kleine Zahl Mitschüler genötigt
sein, den Hauptschülern einen Schulplan zu ändern. U.p.m." (sc. Abkürzung
steht für unus pro viele = einer für viele). |
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Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Juli 1881: "Eingesandt.
Auf den in der Beilage zu Nr. 26 des ‚Israelit’ gebrachten, von Treysa
eingesandten Artikel mit der Unterschrift ‚U.p.m.’ sehen wir uns
moralisch gezwungen, Folgendes zu entgegnen:
Der ganze Artikel zeugt von einer Lieblosigkeit, wie sie nicht schlimmer
gedacht werden kann. Teilweise sind auch die Tatsachen, welche der
Verfasser zur Erreichung seines Zweckes anführt, in keineswegs
wahrheitsgetreuer Fassung angeführt worden. Der Zweck, welchen der
Verfasser unter dem Deckmantel der Liebe zu unserer heiligen Religion
erstrebt, scheint uns nur der zu sein, unseren hochbetagten, im Dienste
der Schule ergrauten Lehrer zu bewegen, sein Amt niederzulegen. Und warum
dies?
Verfasser gibt eine Schilderung von den hiesigen israelitischen Schulverhältnissen,
die uns doch etwas zu drastisch erscheint. Auf einen mit den hiesigen Verhältnissen
Unbekannten muss der Artikel den Eindruck machen, als ob unsere
Schulkinder in Folge der schlechten Lehrtätigkeit gänzlich im Unterricht
unserer heiligen Religion vernachlässigt oder gar von derselben abgezogen
würden. Verfasser scheint über die hiesigen Schulverhältnisse sehr
schlecht informiert zu sein, sonst würde er zum wenigsten, wenn er
Anspruch auf logisches Denken macht, nicht solches schreiben können.
Kann es uns nicht einerlei sein, bei welch’ einem Lehrer unsere Kinder
den Elementarunterricht genießen, wenn sie nur in der Religion von einem
tüchtigen israelitischen Lehrer in guter Weise unterrichtet werden?
Letzteren bekommen unsere Kinder hier in einer Weise, wie ihn nur unser
alter Lehrer, der sich der größten Hochachtung sowohl seiner
Glaubensgenossen als auch der hiesigen Christen erfreut, zu geben vermag.
Dass es der begüterten Majorität unserer Glaubensgenossen, die hier den Hauptkontingent
schulpflichtiger Kinder stellt, nicht auf einige Mark
ankommt, um ihren Kindern eine gute, im Geiste unserer heiligen Religion
liegende Erziehung zuteil werden zu lassen, glaubt gewiss, ohne jede
weitere Versicherung, wohl jedermann. Die in dem Artikel gemacht
Bemerkung, ‚man werde einen solch’ billigen Lehrer nie mehr
bekommen’, ist uns wirklich zu einfältig, als näher darauf einzugehen.
Wir haben uns damals gegen die Anstellung eines anderen Lehrers nur
deshalb erklärt, weil wir absolut
keinen Grund dazu sehen und andererseits bedeutend mehr Pietät gegen
unseren alten Lehrer, der uns zu kräftigen Glaubensgenossen auferzogen,
besitzen, als uns vom Verfasser vielleicht zugetraut wird.
Kaum gibt es Worte für die Rücksichtslosigkeit, mit welcher einem Manne
wie Lehrer Rothschild, der beinahe 50 Jahre unverdrossen, mit nie
gesehener Liebe, sein Amt in allbekannter Tüchtigkeit versehen, begegnet
wird. Es wird ihm geradezu schonungslos zum Vorwurf gemacht, er sei unfähig,
ein solches Amt zu verwalten. Wer sich vom Gegenteil überzeugen will, der
höre hier an Ort und Stelle, das was hierin am meisten maßgebend ist,
die öffentliche Meinung. Was die Kinder in den christlichen Schulen hören
– der Verfasser des besagten Artikels hebt dies besonders hervor –
scheint uns gar nicht so schlimm, da wir genau wissen, dass die Eltern
ihren Kindern in häuslicher Andacht den Keim unserer heiligen Religion,
welchen unser alter Lehrer in die Herzen der Kleinen gelegt, weiter
entwickeln. Auch das angeführte Beispiel, dass die Kinder jetzt die
Missionstätigkeit Winfrieds zu lernen hätten, entgegnen wir nur das,
dass dies vor Allem ein geschichtliches Faktum ist, welches wir, wenn wir
Anspruch auf Bildung machen, kennen müssen, ebenso wie das Leben
Mohammeds.
Überhaupt trägt der ganze Artikel das Gepräge, als wäre er von einem
Manne geschrieben, der mit den hiesigen Verhältnissen absolut nicht
vertraut ist, oder sollte er es dennoch sein, so ist es umso schlimmer;
denn wie kann er dann als unus pro multis reden, da hier doch eine
durchaus entgegengesetzte Stimmung herrscht? Ist es vielleicht nur persönliches
Interesse, welches dem Artikel zugrunde liegt? Dann nenne Verfasse ruhig
seinen Namen und scheue nicht die Offenheit. Tut er dies, so werden wir
ihn näher über die hiesigen Verhältnisse informieren, die nicht in
Beziehung auf die Schule, sondern in einer anderen Art viel zu wünschen
übrig lassen. Durch obige Begegnung wollten wir nur den Irrtum über
unsere hiesigen Schulverhältnisse, welchen der im Eingang erwähnte
Artikel vielleicht erregt haben könnte, beseitigen.
Treysa, 3. Juli 1881. Frühere Schüler des Herrn Rothschild." |
50-jähriges Amtsjubiläum von Lehrer Meier Rothschild
(1885)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Dezember 1885: "Treysa
(Hessen-Nassau), 21. Dezember. Heute feierte der israelitische Lehrer Herr
M. Rothschild sein 50jähriges Amtsjubiläum. Die ganze Stadt, ohne
Unterschied der Konfession, hatte sich an dem schönen Feste beteiligt.
Schon am Vorabend ward dem greisen Jubilar ein Ständchen durch den
Treysaer Männergesangverein und am 21. Dezember früh ein solches durch
ein Musikkorps gebracht. Im Laufe des Vormittags erschienen verschiedene
Deputationen, um dem ebenso beliebten als wohl verehrten Lehrer ihre Glückwünsche
darzubringen. Nach beendigtem Festgottesdienst ward der Jubilar in
geordnetem Festzuge, an welchem die Spitzen der Behörden, sämtliche
Schulen usw. teilnahmen, zum Festsaale abgeholt, woselbst ein solennes
Festmahl stattfand, an welches sich dann abends theatralische Aufführung
anschloss." |
Zum Tod von Lehrer Meier Rothschild (Lehrer in Treysa
von 1831-1886)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. August 1896: "Treysa,
Bezirk Kassel. Am 10. August dieses Jahres starb dahier nach nur zweitägigem
Krankenlager der pensionierte Lehrer Meier Rothschild im Alter von 91
Jahren und 23 Tagen. – Geboren am 18. Juli 1805 zu Steinbach Kreis
Hünfeld,
als Sohn einfacher, aber sehr religiöser Eltern, widmete er sich von frühester
Jugend an dem Studium von unserer
heiligen Tora. Nachdem er sich längere Zeit in Fulda bei dem Rabbiner
und einem Privatgelehrten vorbereitet hatte, besuchte er die unter Leitung
des R. Hirsch Levi Kunreuther in Gelnhausen stehende Jeschiwa
und zwar mit einem solchen Erfolge, dass ihm sein Lehrer den Chower-Titel verlief. Nachdem er alsdann einige Jahre in Rhina Kreis
Hünfeld, als Privatlehrer gewirkt, trat er am 1. September 1831 bei der
hiesigen Gemeinde die Stelle eines Religionslehrers an; der Verstorbene
hat somit nahezu 65 Jahre in der hiesigen Stadt gelebt. – Im Jahre 1835
bestand Rothschild die Prüfung als Elementarlehrer und wurde daraufhin am
21. Dezember desselben Jahres an der inzwischen dahier errichteten öffentlichen
Schule als Elementarlehrer angestellt; diese Stelle hat er bis zu seiner
am 1. April 1886 erfolgten Pensionierung bekleidet. Doch nicht lange
sollte er sich der wohlverdienten Ruhe in körperlicher Rüstigkeit
erfreuen, da ihn ein Schlaganfall bald an den Rand des Grabes brachte;
zwar erholte er sich wieder, doch blieb er auf einer Seite vollständig
gelähmt. – Obgleich körperlich gebrochen, war er geistig so frisch,
dass er sich bis in die späte Nacht hinein mit dem Lernen unserer
heiligen Tora befassen konnte; desgleichen hatte er sich ein lebhaftes
Interesse für die Vorgänge in der Welt bewahrt und erfreute sich eines
sehr guten Gedächtnisses. – Rothschild war ein äußerst bescheidener
Mann, ein Lehrer voll Sanftmut und Geduld, ein gewissenhafter Beamter (und
zwar Lehrer, Vorsänger, Schochet und Beschneider), ein vorzüglicher
Jehudi, ein Mensch, dem Jeder gut war und dem Niemand gram sein konnte.
Welcher Liebe und Verehrung sich der Verstorbene zu erfreuen hatte, zeigte
sich bei der Feier seines 50jährigen Jubiläums (1885), seiner goldenen
Hochzeit (1888), seine 90-jährigen Geburtstages (1896) und bei seiner
Beerdigung. Bei derselben hielt Herr Provinzialrabbiner Dr. Munk aus Marburg, der langjährige Vorgesetzte des Verstorbenen, eine wohl
durchdachte, tief ergreifende Rede, während ihm sein Amtsnachfolger, Herr
Lehrer Oppenheim, Namens der anwesenden Lehrer recht herzliche Abschiedsgrüße
über das Grab hinaus nachrief. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
Einweihung des neu erbauten Schulhauses (1898)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Januar 1898: "Treysa, am
12. Januar (unlieb verspätet). Am 9. dieses Monats fand hierselbst die
Einweihung des neu erbauten Schulhauses statt. Zu dieser Feier waren der
gesamte Schulvorstand (mit Ausnahme des dienstlich verhinderten Königlichen
Herrn Landrats), Herr Provinzialrabbiner Dr. Munk aus Marburg, Herr
Kreisvorsteher Wallach aus Ziegenhain, die hiesige evangelische
Geistlichkeit, das Lehrerkollegium der Stadtschule, die meisten Mitglieder
der Synagogengemeinde und viele christliche Bürger erschienen. Nach dem
Liede ‚Lobt froh den Herrn ‚ wurde der Schlüssel von dem Baumeister
dem Gemeindeältesten und von diesem dem Lehrer überreicht, der mit
Anlehnung an den Vers: etc.
die Türe des Hauses öffnete. Nachdem die Schulkinder im Schulzimmer
einen entsprechenden Choral gesungen, sprach der Herr Provinzialrabbiner
Dr. Munk an den vorstehenden Bibelvers
anknüpfend, ein tief empfundenes Weihegebet, dem sich eine erhebende
religiöse Ansprache anschloss, als deren Fortsetzung von einem Schüler
der 148. Psalm vorgetragen wurde. In der hierauf folgenden Festrede des
Herrn Lehrers Oppenheim wurden die Fragen beantwortet, wozu ein Schulhaus
diene und wozu der Bau des nun feierlich eingeweihten Schulhauses Lehrer
und Schüler verpflichte; diese Rede klang in dem Liede aus ‚Danket dem
Herrn!’. Nachdem der Königliche Lokalinspektor, Herr Rektor Roese auf
unseren Kaiser als den Pfleger aller idealen Güter und den Schirmherrn
der Schule hingewiesen hatte, sang die Versammlung die Nationalhymne.
Nachmittags wurden die Kinder mit Kaffee und Kuchen bewirtet; abends
fanden sich viele Gemeindemitglieder mit den meisten der eingangs
genannten Gäste bei einem Glase Bier zusammen. – Das Haus ist zweistöckig
aus massiven Ziegelsteinen und enthält außer dem allen sanitären
Forderungen der Neuzeit entsprechenden Schulsaale ein geräumiges
Gemeindesitzungszimmer. Während die in jeder Weise würdig verlaufene
Einweihungsfeier gezeigt hat, dass hierselbst zwischen den verschiedenen
Konfessionen das beste Einvernehmen herrscht, hat die erhebende Rede der
Herrn Dr. Munk gerade bei den christlichen Zuhörern eine wahre Heiligung
des Gottesnamens hervorgerufen." |
25-jähriges Jubiläum von Lehrer Gabriel Oppenheim
(1902; Lehrer in Treysa seit 1886)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9.
Oktober 1902: "Aus dem Regierungsbezirk Kassel. Verschiedene
Tageszeitungen enthalten folgenden Bericht:
Treysa, 29. September (1902). Gestern beging Herr Lehrer Oppenheim
von hier sein 25-jähriges Jubiläum. Die allgemeine Teilnahme der
israelitischen Gemeinde, der Lehrerschaft Treysas, der israelitischen
Kollegen der weiteren Umgebung, sowie der Einwohnerschaft ohne Unterschied
des Bekenntnisses, legten Zeugnis ab von dem Ansehen, in dem der Jubilar
steht, wie von der Beliebtheit, deren er sich zu erfreuen hat. Mittags
fand in der Schule eine von dem Königlichen Ortsschulinspektor Herrn
Rektor Röse geleitete Schulfeier statt, nach deren Beendigung zahlreiche
Geschenke überreicht wurden, unter denen besonders diejenigen der
Gemeinde, des städtischen Lehrerkollegiums, sowie des Ausschusses der
israelitischen Lehrerkonferenz Hessens, dessen langjähriges Mitglied der
Jubilar ist, zu erwähnen sind. Am Abend fand im Saale des Herrn
Wettlaufer ein in gehobenster Stimmung verlaufener Kommers statt.'
Wir fügen noch hinzu: Möge es dem Talmid Chacham vergönnt sein, bei
bester Gesundheit noch eine Reihe von Jahren zur Ehre Gottes, zur
Erhaltung des Judentums und zur Förderung vaterländischer Bildung zu
wirken." |
Zum Tod von Lehrer Gabriel Oppenheim (1923)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Februar 1923: "Treysa, 23.
Januar (1923). Vor mehreren Wochen verstarb in Bad Wildungen unser Lehrer
Oppenheim, ein in allen Kreisen beliebter und sich hohen Ansehens
erfreuender Mann. Ein unabsehbares Gefolge gab ihm das Geleite zu seiner
letzten Ruhestätte. Herr Provinzial-Rabbiner Dr. Cohn, Marburg, verlas am
Grabe die Kundgebung des teueren Verblichenen, der sich jeglichen Nachruf
verbeten hatte, ein Zeichen der ihn im Leben auszeichnenden
Bescheidenheit. So unterlassen wir, den Willen des Verstorbenen ehrend,
seine Tugenden zu preisen, sein segensreiches Wirken in Schule und
Gemeinde zu rühmen und seine Verdienste um Hebung und Förderung der
Standesinteressen innerhalb der jüdischen Lehrerwelt Hessens zu
schildern. Schmerzlich bewegt klagen wir: Wehe
über die, die dahingegangen, [und die nicht zu ersetzen sind]! Seine
Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
Aus
dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben
Antisemitische Regungen (1888)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 19. April 1888: "Aus
Kurhessen, 6. April (1888). Bekanntlich hatte die Antisemiten geplant,
in Kassel einen Herd für ihre Hetzereien anzulegen; dies gelang ihnen
aber nicht, und so versuchen sie es, sich auf dem Lande niederzulassen.
Dass sie hier mehr Anklang fanden, bewies die Wahl Böckels in den
Reichstag; doch ist die Wiederwahl desselben zweifelhaft. Der
‚Frankfurter Zeitung’ schreibt man jetzt: ‚Die Antisemiten wühlen
bereits nach Kräften, um bei der nächsten Reichstagswahl den Wahlkreis
Homberg – Fritzlar – Ziegenhain für ihren Kandidaten, Herrn Max
Liebermann von Sonneberg, zu erobern. Am 2. dieses Monats erschien in Treysa (Kreis Ziegenhain) der letztgenannte Herr, ferner die
Antisemiten Förster und Stehlig (letzterer ein Reallehrer aus Kassel),
angeblich um mit hiesigen Gesinnungsgenossen eine Gedächtnisfeier für
Kaiser Wilhelm zu veranstalten. Da sie ein passendes Lokal nicht fanden,
hielten sie ihre – übrigens recht schwach besuchte – Versammlung im
Freien ab. Die ‚Gedächtnisfeier’ für den verstorbenen Kaiser bestand
dann in Wahrheit in der Abhaltung von Hetzreden gegen die Juden, welche
gemeinschaftlich mit Polen und Franzosen als die größten Feinde Kaiser
Wilhelms hingestellt wurden. Hierauf zog man in das ‚Hotel zur Burg’,
wo eine geschlossene Versammlung stattfand, zu der nur Gesinnungsgenossen
zugelassen wurden. Dort hielt Herr Liebermann eine jedes Maß überschreitende
Schimpfrede gegen die Juden und die ‚jüdische Presse’, und forderte
zum Abonnement auf den famosen ‚Reichsherold’, sowie zum Beitritt zum
‚Reformverein’ auf. Letzterem Verlangen kamen in der Tat – zwei
Anwesende (Beamte) nach. Dem ganzen Gebaren der Herren Antisemiten nach zu
urteilen, werden wir das zweifelhafte Vergnügen haben, sie bald wieder zu
sehen und zu hören." |
Ein Mädchen wird vorübergehend vermisst - das
verleumderische Gerücht eines Ritualmordes kam auf (1905)
Anmerkung: es handelte sich um ein christliches Dienstmädchen bei dem
angesehen jüdischen Kaufmann Benedict Strupp
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 29. Dezember
1905: "Treysa. Am 29. November wurde im Hause des hiesigen
angesehenen Kaufmanns Benedict Strupp das Dienstmädchen vermisst. Da
alles Suchen resultatlos blieb, machte Strupp dem Bürgermeister die
Anzeige. Am andern Morgen nahm die Polizei eine Haussuchung vor, bei der
man sogar im Keller nachgrub. Die Untersuchung wurde am nächsten Tag
wiederholt, zunächst wieder ohne Erfolg. Da kam der Stadtförster auf den
Gedanken, das Hau nochmals und besser zu untersuchen, und fand das
Mädchen lebend, aber anscheinend bewusstlos, tief im Heu versteckt. Der
herbeigerufene Arzt konstatierte sofort Irrsinn. Von der Anstalt Hephata
aus wurde das Mädchen in die Irrenheilanstalt zu Marburg überführt und
nach acht Tagen entlassen.
Soweit der Tatbestand. Was uns hier interessiert, ist die Tatsache, dass
schon am Tage nach dem Vermissen des Mädchens die Lüge des Blutmordes
auftrat. Man lief zum Bürgermeister und teilte ihm mit, dass die Juden
das Mädchen ermordet haben, um sein Blut für Ostern zu gebrauchen. Man
drohte den Juden, mit Gewalttätigkeiten gegen sie vorzugehen, ihre Habe
zu vernichten, ihnen das das Schicksal der russischen Juden zu bereiten.
Und die Gebildeten? Keiner tritt dagegen auf. Man spricht von einem 'Schächtfall'.
Und die Geistlichkeit? Ihre seelsorgerische Wirksamkeit bleibt aus. In
Treysa ist Ruhe eingetreten, aber die Umgegend ist noch immer in Gärung.
- Und da wundern wir uns über die Vorgänge in Russland." |
Gründung einer Ortsgruppe des Verbandes der Sabbatfreunde (1906)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 15. Juni 1906:
"Treysa. Ortsgruppen-Gründung. Am 4. dieses Monats
wurde hier durch Herrn Dr. Schlesinger - Marburg eine Ortsgruppe des
Verbandes der Sabbatfreunde gegründet. Zum Vorstande wurden die
Herren Levi Katz (Vorsitzender), Strupp I. und Lewinsky gewählt.
Auch in Ziegenhain und in Kirchhain
gründete Herr Dr. Schlesinger eine Ortsgruppe." |
25jähriges Bestehen des Israelitischen
Frauenvereins (1912)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 26. Januar 1912: "Treysa,
8. Januar (1912). Am verflossenen Sabbat war es dem ‚Israelitischen
Frauenverein’, dem sämtliche Frauen unserer Gemeinde angehören, vergönnt,
sein 25-jähriges Bestehen festlich begehen zu können. Eingeleitet wurde
die zweitägige Feier in der schön geschmückten Synagoge durch einen
Festgottesdienst, bei dem Provinzialrabbiner Dr. Munk – Marburg, die
Festpredigt hielt. Abends fand im Bahnhofshotel ein gemütliches
Beisammensein der Vereinsmitglieder statt, das bei einer Menge ernster und
heiterer Ansprachen einen sehr schönen Verlauf nahm und zur Kräftigung
des Vereinsgedankens wesentlich beigetragen haben dürfte. Seinen
Abschluss fand des Fast am Sonntagabend durch eine im Hotel ‚Zur Burg’
veranstaltete Abendunterhaltung, zu der sich nahezu die ganze Gemeinde
nebst vielen auswärtigen Gästen eingefunden hatte. An einen Prolog
schlossen sich die Aufführung zweier Einakter, eines Kinderreigens und
ein bis zum andern Morgen dauernder Ball. Zur Erinnerung an das Jubiläum
schenkte der Frauenverein der Gemeinde ein schönes Porauches." (sc.
Porauches = Toraschreinvorhang). |
Jahresversammlung des Israelitischen Frauenvereins (1915)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Februar 1915: "Treysa, 12.
Januar (1915). Unter dem Vorsitze seines Begründers, Herrn Lehrer G.
Oppenheim hielt der hiesige Israelitische Frauenverein gestern seine 28.
Jahresversammlung ab. Der Verein, der 39 Mitglieder zählt, hat im
abgelaufenen Jahre neben seinen satzungsmäßigen Verpflichtungen eine
rege Tätigkeit im Dienste des Vaterlandes entfaltet. Die Zuwendungen an
das Rote Kreuz, an die städtische Kriegsfürsorge, an die von Herrn
Provinzialrabbiner Dr. Munk in Marburg für den Rabbinatsbezirk ins Leben
gerufene Hilfsaktion und dergleichen verursachten eine Ausgabe von mehr
als 1.000 Mark. Obschon viele jüdische Frauen der Ortsgruppe des Vaterländischen
Frauenvereins angehören, veranstalteten die Mitglieder der Chewra Noschim (Frauenverein) wöchentliche Zusammenkünfte, um für
die Krieger Wollsachen zu stricken; die Geldmittel hierzu wurden durch
freiwillige Gaben aufgebracht. Den ostpreußischen jüdischen Flüchtlingen
konnten 6 Kosten gut erhaltener Kleidungsstücke gesandt werden. – Die
verdienstvolle 1. Vorsteherin, Frau Abraham Levi wurde wieder, Frau
Abraham Katzenstein als 2. Vorsteherin und Frau Berthold Katz als
Kassiererin neu gewählt." |
Vorstandswahlen (1922)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Februar 1922: "Treysa,
31. Januar (1922). Nachdem die hiesige israelitische Gemeinde seit nahezu
einem halben Jahre ohne Vorstand war, sind die in einer
Gemeindeversammlung Gewählten, Handelsmann Levi Levi und Kaufmann
Berthold Katz im Einverständnis mit dem Vorsteheramte der Israeliten in
Marburg, vom Landratsamte in Ziegenhain als Gemeindeälteste bestätigt
und verpflichtet worden." |
50-jähriges Bestehen des Israelitischen
Jünglingsverein (1929)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Juli 1929: "Treysa, 1.
Juli (1929). Auf ein 50jähriges Bestehen konnte der hiesige Israelitische
Jünglingsverein zurückblicken. Aus diesem Anlass fand eine Feier statt,
wobei der Vorsitzende, Herr Salomon Katzenstein, einen Überblick über Gründung
und Werdegang des Vereins gab. Fünf Gründer sind noch am Leben. Herr
Lehrer Plaut hielt die Festrede, der sich ein heiteres Theaterstück
anschloss." |
Berichte zu einzelnen
Personen aus der Gemeinde
80. Geburtstag von Scholem Abraham (1911)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Dezember 1911: "Treysa,
18. Dezember (1911). Herr Kaufmann Scholum Abraham dahier feierte vor
wenigen Tagen in Gegenwart seiner Söhne und Enkel in vollster körperlicher
und geistiger Rüstigkeit seinen 80. Geburtstag. Dem angesehenen, überall
geachteten Greis, der auch seit langem Stadtverordneter ist, wurden viele
Ehrungen zuteil. Herr Abraham ist ein frommer Jehudi." |
Goldene Hochzeit von S. Levi und Frau geb. Lissauer (1912)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 15. März 1912: "Treysa.
In seltener körperlicher Rüstigkeit und geistiger Frische feierten S.
Levi und Frau geb. Lissauer die goldene Hochzeit. Bei der Feier im Hause
hielt Lehrer Oppenheim eine Ansprache und Kreisvorsteher B. Strupp überreichte
das vom Kaiser verliehene Ehrengeschenk." |
Goldene Hochzeit von Scholem Abraham und Bienchen geb.
Moses (1915)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Januar 1915: "Treysa, 4.
Januar (1915). Der 83jährige Großkaufmann Scholem Abraham und seine 76jährige
Ehefrau Bienchen geb. Moses dahier begingen vor einigen Tagen in seltener
körperlicher Rüstigkeit und geistiger Frische das Fest der Goldenen
Hochzeit. Die von Seiner Majestät dem Kaiser verliehene Ehejubiläumsmedaille
überreichte Herr Provinzialrabbiner Dr. Munk aus Marburg im Auftrage des
Herrn Landrats von Schwertzell aus Ziegenhain. Die Familienfeier wurde von
Herrn Lehrer Oppenheim dahier durch einen religiösen Akt eingeleitet. Der
Jubelbräutigam, der recht genau in
der Einhaltung der Gebote ist, gehört seit etwa 20 Jahren dem
hiesigen Stadtverordnetenkollegium an und war auch lange Zeit Vorsteher
der Synagogengemeinde. Von den überaus zahlreichen Geschenken und
Aufmerksamkeiten aus nah und fern seien nur diejenigen der hiesigen Männer-
und Frauen-Chewra erwähnt, zu deren Gründern das Jubelpaar zählt." |
80. Geburtstag von Meier Strupp (1928)
Meldung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. April 1928: "Treysa,
12. April (1928). Seinen 80. Geburtstag beging in größter Frische Herr
Meier Strupp dahier." |
Über den aus Treysa stammenden Dr. Julius Höxter
(1873-1944; langjähriger Lehrer der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt am
Main, Bericht von 1938)
Anmerkung: Dr. Julius Höxter konnte 1939 nach England emigrieren, wo
er 1944 verstorben ist.
Artikel
im "Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt" vom
April 1938 S. 22: "Dr. Julius Höxter. Dreieinhalb Jahrzehnte hat Dr.
Julius Höxter richtungweisend im Religionsunterricht in unserer Gemeinde
mitgewirkt. Eine seltene Begabung, gründliche Vorbildung, beispielhafte
Pflichttreue, strenge Korrektheit, Hingabe an den Beruf und freiwillige
Aufopferung für die Interessen der Gesamtheit, - diese Qualitäten haben
Dr. Höxter zu hohen Leistungen und Erfolgen geführt. Die Gemeinde und
die weitere Gemeinschaft sind ihm deshalb zu Dank verpflichtet.
Julius Höxter wurde in Treysa geboren, besuchte die Präpanderie
des Lehrerseminars Hannover, übte eine kurze Lehrtätigkeit an der
Simon'schen Erziehungsanstalt in Ahlem aus und erwarb sich an der
Heidelberger Universität die Fakultas für Geschichte und den
Doktortitel. Vor 35 Jahren kam er als Lehrer in unsere Gemeinde. Dr.
Höxter wirkte an der Religionsschule, am Wöhler-Realgymnasium und am
Goethegymnasium. Tausende von Kinder unserer Gemeinden danken ihm die
Einführung in Geist und Wissenschaft des Judentums.
Mit anderen begeisterten Vorkämpfern für das Lehrfach und den Lehrstand
gründete Höxter die hiesige 'Vereinigung israelitischer Religionslehrer
und -lehrerinnen', heute 'Jüdischer Lehrerverein' genannt; er leitete
diesen Verein mehr als drei Jahrzehnte bis zum Vorjahr. Was die jüdischer
Lehrerschaft, der Religionsunterricht und die Gemeinschaft gerade diesem
Verein zu danken haben: die Schaffung maßgebender Lehrpläne für Volks-
und höhere Schulen, bester Jugendliteratur, allgemein beliebter und
benutzter Lehr- und Schulbücher, ist zum großen Tel das Verdienst
Höxters, der es verstand, seine Mitarbeiter zu eifrigem Wirken im Dienste
an der jüdischen Jugend heranzuziehen. So ist die Frankfurter
'Vereinigung' eines der wertvollsten Glieder des 'Verbandes der jüdischen
Lehrervereine im deutschen Reiche' geworden, zu einem Hauptfaktor
jüdischen Gemeinschaftslebens überhaupt. - Auch persönlich leistete
Höxter Bedeutungsvolles im Verbande: in der Inflationszeit schuf er den
'Jüdischen Beamtenbund', der die rechtliche Stellung der
Gemeinde-Angestellten zu wahren suchte. Auch überreichte er dem Verbande
eine von Freunden und Verehrern ihm gespendete Summe, aus der die 'Dr.
Julius Höxter-Stiftung' (mit alljährlichem Preisausschreiben) entstand,
die jüdisch-pädagogische und wissenschaftliche Arbeiten anregte und so
der Gelehrtenschaft die freie geistige Tätigkeit zu erleichtern sucht.
Das Schaffen des trefflichen Mannes wird gekrönt durch das 'Quellenbuch
zur jüdischen Geschichte und Literatur', das von 1927 bis 1930 in
schneller Folge erschien (später gekürzt in einem Bande.) Es entsprach
einem längst empfundenen Bedürfnis, denn die Lehrerschaft forderte seit
Jahren für den jüdischen Geschichtsunterricht eine systematische
Quellensammlung, die Proben des inneren Lebens und der äußeren
Geschichte unseres Volkes aus den Werken seiner Dichter und Denker
vermittelt. Höxter hat sich mit dieser staunenswert emsigen 'Arbeit ein
bedeutendes Verdienst erworben. Wer die tausendjährige Geschichte des
nachbiblischen Judentums studieren will, findet hier guten Zugang zu der
Vergangenheit. Den Schlussstein setzte Höxter mit den 'Zeittafeln', die
er im Auftrage des von der Frankfurter Gemeinde eingesetzten Ausschusses
für den Religionsunterricht verfasst. Sie schlagen sachlich die Brücke
von einem Quellenstück zum anderen und geben gedanklich die
Zusammenhänge der verschiedenen Perioden; sie zeigen die Verflochtenheit
der Diaspora und die Bedeutung des Klal Jisroel (Gesamtjudenschaft)
zum Weltgeschehen.
Auch im synagogalen Gemeindeleben hat sich Dr. Höxter eingesetzt: in der
Unterlindau als Vorsteher und Leiter des konservativen
Filialgottesdienstes an den hohen Feiertagen. - So bedeutet er eine
Persönlichkeit mancher Grade: als dienendes Glied in der Gesamtheit, als
vorbildlicher Lehrer wie als pädagogischer Schriftsteller von Rang. In
seinen Ruhejahren werden ihm hoffentlich Arbeitskraft und Schaffenswille
ungemindert verbleiben, damit sich auch an ihm das Wort des Psalmisten
bewähre: 'Gepflanzt im Hause des Ewigen, sprossen sie in den Höfen
unseres Gottes. Noch im Alter blühen sie, werden markig und saftvoll
bleiben.' J.B.-L." |
Zum Tod von Karoline Moses (1929)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Januar 1929: "Treysa,
Bezirk Kassel, 6. Januar (1929). Hier wurde Frau Karoline Moses Witwe
unter starker Beteiligung der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung
zur letzten Ruhe gebettet. Die Verstorbene, die eine Mitbegründerin des Israelitischen
Frauenvereins war, erfreute sich in allen Kreisen der Bürgerschaft
allgemeiner Beliebtheit und Achtung. Auch in Darmstadt, wo sie die letzte
Lebenszeit im Hause ihrer jüngsten Tochter verbrachte, hatte sie sich
durch ihre geistige Regsamkeit, ihr unerschütterliches Gottvertrauen und
ihr freundliches Wesen viele Sympathien erworben, was am deutlichsten
durch die innige Teilnahme während ihrer schweren Krankheit und bei ihrem
Heimgang ersichtlich wurde. Einem letztwilligen Wunsche entsprechend, war
die Verstorbene in der Heimat beigesetzt worden. Am Grabe gab Herr Lehrer
Plaut eine Würdigung ihres vornehmen Charakters; er kennzeichnete die bei
Juden und Nichtjuden in gleicher Weise beliebte Greisin als eine 'Esches
chajil' (wackere Frau), deren Tugenden vorbildlich wirken mussten. Tiefen
Eindruck machten die herzlichen Worte des Herrn Levi Katz, der das innige
freundschaftliche Verhältnis zwischen der Verstorbenen und allen
Ortseingesessenen rühmte. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des
Lebens." |
Zum 90. Geburtstag von Bienchen Abraham (1929)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Februar 1929:
"Treysa, 11. Februar (1929). Am heiligen Schabbat beging die Witwe
Bienchen Abraham, Witwe des verstorbenen Scholem Abraham, die älteste
Einwohnerin unserer Stadt, in körperlicher Rüstigkeit und geistiger
Frische ihren 90. Geburtstag." |
Über Dr. Abraham Höxter (1862-1943)
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeige des Getreidegeschäftes en-gros Gebr. Katz (1898)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. August 1898:
"Für unser Schabbat und Feiertag geschlossenes
Getreidegeschäft Engros suchen wir per Anfang September einen
branchekundigen Lageristen, der auch in Comptoir-Arbeiten bewandert
ist. Kost und Logis im Hause. Ausführliche Offerten zu richten an
Gebrüder Katz, Treysa, Bezirk Kassel." |
Anzeige von Witwe M. Weinberg (1900)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Mai 1900: "Suche
zum sofortigen eintritt, zur Erlernung des Haushalts, ein junges Mädchen
aus feiner Familie von 15-16 Jahren. Familienanschluss und gute Behandlung
zugesichert.
Frau M. Weinberg Witwe., Treysa, Main-Weser-Bahn." |
Anzeigen des Eisen- und Baumaterialiengeschäftes Emanuel Strupp (1901 / 1903 / 1922)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. März 1901:
"Suche per 1. April einen Commis
für mein gemischtes Warengeschäft.
Solche, die mit der Eisen- oder Holzbranche vertraut sind, erhalten den
Vorzug. Samstags und israelitische Feiertage geschlossen.
Emanuel Strupp,
Treysa." |
| |
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Oktober 1901: "Suche
zum sofortigen Eintritt einen jungen Mann, der mit der Eisen- und
Baumaterialienbranche bekannt ist. Samstags und Feiertage
geschlossen.
Emanuel Strupp, Treysa, Bezirk
Kassel". |
| |
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. August 1903: "Gesucht
zum Besuche meiner Landkundschaft einen soliden und gewandten jungen
Mann.
Emanuel Strupp,
Treysa, Main-Weser-Bahn." |
| |
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. April 1922:
"Suche für mein Eisen- und Baumaterialiengeschäft einen tüchtigen
jungen Mann für Lager und Laden. Samstag und Feiertags geschlossen.
Kost und Logis im Hause.
Emanuel Strupp, Treysa (Bezirk Kassel)." |
Anzeige der Metzgerei M. Stern (1907)
Anzeige
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 17. Mai
1907:
"Suche für meine Metzgerei und Wurstlerei per sofort einen
kräftigen
Lehrling.
M. Stern, Metzgerei, Treysa (Main-Weser-Bahn)".
|
Anzeige von Sigmund Strupp (1912)
Anzeige
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 20. Dezember
1912:
"Jüdisches Mädchen
für Hausarbeit zu alleinstehendem älteren Ehepaar nach Treysa
(Bezirk Kassel) gesucht. Perfekt im Kochen nicht erforderlich.
Gefällige Offerten mit näheren Angaben an
Sigmund Strupp, Treysa (Bezirk
Kassel)". |
Heiratsanzeige von Julius Ochs und Claire geb. Baum
(1927)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Juli 1927:
"Gott sei gepriesen.
Dr. med. Julius Ochs - Claire Ochs geb. Baum. Vermählte.
Köln a.Rh., Engelbertstr. 26 - Treysa (Bezirk Kassel).
Trauung: Treysa (Bezirk Kassel) 13. Juli 1927 - 13. Tamus 5687." |
Verlobungs- und Hochzeitsanzeige von Julius Katzenstein und Trude geb.
Hildesheimer (1928)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Oktober 1928:
"Statt jeder besonderen Anzeige - Gott sei gepriesen. Meine
Verlobung mit Fräulein Trude Hildesheimer aus Schlüsselburg
beehre ich mich bekannt zu geben.
Dipl.-Ing. Julius Katzenstein.
Treysa, im Oktober 1928 z.Zt. Schlüsselburg /
Weser." |
| |
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Dezember 1928:
"Statt jeder besonderen Anzeige - Gott sei gepriesen. Dipl.Ing.
Julius Katzenstein - Trude Katzenstein geb. Hildesheimer. Vermählte.
Treysa, den 9. Dezember 1928. Zur Zeit Hannover, Zion-Loge,
Körnerstraße." |
Verlobungsanzeige von Thekla Katz und Isidor Hirnheimer
(1929)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. Januar 1929: "Gott
sei gepriesen.
Thekla Katz - Isidor Hirnheimer. Verlobte.
Treysa (Bezirk Kassel) - Höchberg / Würzburg am Main." |
Zur Geschichte der Synagoge
Zunächst war ein Betsaal vorhanden. 1817
beantragte der Handelsmann Abraham Isaak Meyer bei den Behörden die Erlaubnis
zum Bau einer Synagoge. Nach dem Muster der Synagoge in Witzenhausen konnte der
Bau 1818/19 verwirklicht und am 6. August 1819 eingeweiht werden. Mit einem
großen Festzug wurden die Torarollen vom alten Betsaal zur neuen Synagoge
gebracht. Eine Abteilung Schützen und eine Abteilung der Garnison aus
Ziegenhain waren zum Fest erschienen. Musik und Chorgesang begleitete die
Einweihungsfeier. Die Synagoge hatte 60 Männer- und 40 Frauenplätze. Bei
der Synagoge handelte es sich um ein zweigeschossiges Fachwerkhaus mit
Satteldach, traufseitig zur Straße "Im Neuen Weg". Die Frauenempore
war mit einem Gitter aus hölzernem Stabwerk abgetrennt. Auf den beiden Pfosten
der Vorhoftür war zu lesen: "Erbaut von Abraham Meyer und Gedchen dessen
Ehefrau, verfertigt von Peter Menzler, Maurermeister, Anno 1818".
Bei den Gottesdiensten in Treysa wurden vielfach jüdische Gebete nach Melodien
deutscher Lieder gesungen.
1928-29 wurde die Synagoge gründlich renoviert. Vor Beginn der Arbeiten
berichtete die Zeitschrift "Der Israelit":
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Juli 1928: "Treysa,
25. Juni (1928). Die im Jahre 1818 erbaute Synagoge soll einer
gründlichen Renovierung unterzogen werden. Von den Mitgliedern der
Gemeinde sind für die auf mehrere Tausend Mark veranschlagten Kosten
namhafte Beträge gezeichnet worden. Zur Beschaffung der noch fehlenden
Summe hat sich eine Kommission an die außerhalb wohnenden ehemaligen
Gemeindemitglieder oder deren Nachkommen gewandt, zu den Kosten der
Instandsetzung beizusteuern." |
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge im
Inneren zerstört.
Nach Zeitzeugenberichten wurden die Torarollen auf die Straße geworfen, eine
wurde am Neuen Weg ausgerollt. Während des Krieges wurde das Synagogengebäude
- seit 1942 im Besitz der Stadt - als
Lager für französische Kriegsgefangene zweckentfremdet, später als Wäscherei. Nach
1945 wurde das Synagogengebäude als Wohnhaus umgebaut. Ende der 1950er-Jahre
ließ die Stadt das "baufällig" gewordene Gebäude abbrechen. Nach
Aussagen von Ortsansässigen hätte das Gebäude jedoch noch erhalten werden
können.
Das Grundstück wurde teilweise mit einem neuen Wohnhaus überbaut.
Adresse/Standort der Synagoge:
Im Neuen Weg
Fotos
(Quelle: Armsberg Bilder S. 192; Situation 1985 Altaras
1988 S. 60; neueres Foto: Hahn, Aufnahmedatum 14.9.2008)
Das Synagogengebäude
nach
1945 |
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Situation Februar 1985 /
September 2008 |
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Beschreibung bei Altaras:
"Die Synagoge stand zwischen den beiden Häusern, zum Teil dort, wo
heute der Neubau und dessen Einfahrt zum Hof ist" |
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Erinnerungsarbeit vor Ort -
einzelne Berichte
| September 2008:
Stolpersteine erinnern in Treysa an die
Geschichte jüdischer Einwohner - Beispiel: Familie Moses |
Artikel
von Bernd Lindenthal in der "Hessischen Allgemeinen" vom
4.9.2008 - HNA online - www.hna.de (zum Artikel)
"Verbrechen vor aller Augen - 4. September 1933: Der Viehhändler Moses Moses wird durch Treysas Straßen getrieben
Schwalmstadt. Am 4. September 1933 nachmittags gab es in Treysa etwas zu sehen. Der jüdische Viehhändler Moses Moses vom Kirchplatz 8 wurde von der SA durch die Straßen geführt. Er musste ein Schild in der Hand tragen, auf dem zu lesen war: "Ich wollte ein Christenmädchen schänden."
Seine Frau musste den 57jährigen bei dieser unwürdigen Anprangerung begleiten. Tags darauf wurde er in "Schutzhaft" genommen, "da vermutlich noch andere Straftaten auf sein Konto zu buchen sind", wie der Schwalm-Bote vermutete und weiter kommentierte: "Allen solchen Elementen dürfte es klar geworden sein, dass auch die hiesige SA jedes staatsfeindliche Vergehen im Keim ersticken und sofort gegen solche gemeingefährliche Personen vorgehen wird."..." |
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| März 2012:
Rundgang zu den "Stolpersteinen" in
Treysa |
Artikel von in der "Hessischen
Allgemeinen" vom 25. März 2012: "Stolpersteine: Jugendpflege lud zu Rundgang durch die Stadt ein
Bronzeplatten für Opfer.
Treysa. 2004 verlegte der Künstler Gunter Demnig in Treysa 18 Stolpersteine. Iniitiert wurde das Projekt – damals ein Novum für Nordhessen – von Zwölftklässlern des Schwalmgymnasiums. Die ins Pflaster eingelassenen Bronzeplatten sollen an die Opfer des Holocaust erinnern. Kürzlich hatte die Stadtjugendpflege zusammen mit der Kreisverwaltung und der VHS dazu einen Rundgang mit dem Historiker Bernd Lindenthal organisiert. Hintergrund waren die
'Internationalen Wochen gegen Rassismus'.
'In Treysa begannen die Pogrome 1938 schon am Vormittag', erzählt Lindenthal. Alle Schüler der Stadtschule mussten vor dem Ortsgruppenleiter antreten und
'bekamen schulfrei für Randale'. Die ersten Steine flogen in die Fenster des Kaufhauses von Salomon Schwalm am Angel. Heute liegen vor dem Haus drei Steine: für die Schwestern Milling, Auguste und Jenny.
Nur wenige Meter entfernt, auf dem Kirchplatz, stand das Haus der Familie Moses. Sohn Moritz wurde erschlagen. Ernst Moses wanderte 1936 als 16-Jähriger nach Palästina aus.
'Als ich Kontakt zu ihm aufnahm, war er regelrecht sauer auf mich', sagt
Lindenthal, 'er wollte nicht, dass die alte Geschichte wieder aufgewärmt
wird.'
Briefe seiner Mutter, die später deportiert wurde, hätten sicherlich Aufschluss über diese dunkle Familienepisode geben können – doch der gebürtige Treysaer Ernst Moses behielt diesen Schatz zeitlebens unter Verschluss.
'Für mich als Historiker war das ein Tiefpunkt', sagt der Treysaer. Einer der drei Steine weist deutliche Spuren auf. Lindenthal hat eine Vermutung:
'Ich denke, die Beschädigung stammt von einem Hammer.' Es sei der einzige Stein, der bislang beschädigt wurde.
Längst nicht allen Opfern konnte auf Stolpersteinen der Name zurück gegeben werden. Bernd Lindenthal schätzt, dass den Pogromen in Treysa mehr als 200 Menschen zum Opfer fielen. Viele wurden verfolgt, mussten flüchten oder wurden später deportiert.
(zsr)-
Link
zum Artikel. |
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Weiterer Artikel in der "Hessischen
Allgemeinen" vom 27. März 2012: "Schüler des
Schwalmgymnasiums auf Spurensuche an historischen Orten in der Region.
Aktionstag gegen Rechts..."
Link
zum Artikel |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II S. 309-313. |
 | ders.: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder -
Dokumente. S. 192. |
 | Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 S. 60. |
 | dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 61. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen II Regierungsbezirke Gießen und Kassel. 1995 S. 182-184. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 488-490. |
 | Hartwig Bambey, Anton Biskamp, Bernd Lindenthal
(Hg.): Heimatvertriebene Nachbarn. Beiträge zur Geschichte der Juden im
Kreis Ziegenhain. Zwei Bände. Schwalmstadt-Treysa 1993. |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Treysa (now part
of Schwalmstadt) Hesse-Nassau. Established in the 18th century, the Jewish
community preserved ancient liturgical traditions. It built a new synagogue in
1819 and maintened an elementary school (1835-1922). In 1895 the Jewish
population was 193 (8 % of the total). The temporary disappearance of a
Christian maidservant in 1906 gabe rise to anti-Jewish agitation. Jews propered
in commerce and during the Weimar Republik several were elected to toe town
council. Affiliated with the rabbiante of Marburg, the community numbered 130 in
1925. Its synagogue, renovated in 1929, was vandalized (though not destroyed) on
Kristallnacht (9-10 November 1938). By 1940 most of the Jews had left: 59
emigrated (21 to Palestine) and over 30 perished in the Holocaust.

vorherige Synagoge zur ersten Synagoge nächste Synagoge
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