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Neustadt / Hessen
(Kreis Marburg-Biedenkopf)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Neustadt bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1941. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17./18. Jahrhunderts
zurück. Erstmals lassen sich Juden 1513 nachweisen: in Neustädter Rechnungen
werden "Seyzcind (Süßkind) und Simon, der Jud" genannt. 1630/31
liest man von den beiden Juden Menlein (Menle/Mendel) und Bernhard (Benes). 1646 werden
sieben "Schutzjuden" (mit Familien) in der Stadt genannt, 1650/51
sechs Familien (Abraham, Menle, Jonas, Jakob, Bernhard und Davids Witwe). Zu
Beginn des 18. Jahrhunderts sind es fünf Familien (1700; 1710: von 33
jüdischen Einwohnern waren 5 Männer, 5 Frauen, 2 Witwen, 11 Söhne und 10
Töchter), seit der Mitte des 18. Jahrhunderts und bis zum Anfang des 19.
Jahrhunderts bleibt die Zahl der jüdischen Familien in der Stadt konstant bei
sieben bis acht Familien (1783: von 45 jüdischen Einwohnern waren es 6 Männer,
6 Frauen, 4 Witwe, 18 Söhne und 11 Töchter). Zur jüdischen Gemeinde Neustadt gehörte als
Filialgemeinde Momberg mit eigenem Betsaal.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner
wie
folgt: 1812 24 jüdische Familien, 1827 82 jüdische Einwohner (4,9 % von
insgesamt 1.660 Einwohner), 1861 90 (4,5 % von 3.011), 1871 126 (6,5 % von
1.946), 1885 160 (7,5 % von 2.130), 1895 134 (6,6 % von 2.038), 1905 108
(5,2 % von 2.066). Die jüdischen Familien lebten von den Einkommen der
Haushaltsvorsteher als Viehhändler, Makler und Kaufleute. In der 2. Hälfte des
19. Jahrhunderts eröffneten jüdische Gewerbetreibende mehrere Läden und
Handelsgeschäfte in der Stadt.
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine Schule (Jüdische
Volksschule, bis 1901 im Gebäude der alten Synagoge; später im Obergeschoss
der neuen Synagoge), ein rituelles Bad (1825 im Haus des Markus Bachrach, Haus Nr.
72, seit 1887 im Untergeschoss der neuen Synagoge, seit 1905 unweit der Synagoge) und ein
Friedhof. Zur Besorgung religiöser
Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer (Elementarlehrer) angestellt, der zugleich
als Vorbeter und Schochet tätig war. Die jüdische Elementarschule bestand seit
etwa 1830. Erste Lehrer waren Süsel Goldschmidt, Abraham Stern aus Zeckendorf
(ab 1820/21 in Neustadt bis zu seinem Tod 1831), Jakob Rosenhaupt (1832-1835;
aus Rotenburg a.d. Fulda), Joseph Luhs (1835-1839; aus Eschwege), Wolf Plaut
(1839 bis zu seinem Tod 1874). Zwischen 1866 und 1873 waren jeweils
zwischen 19 und 26 Kinder zu unterrichten. Seit 1874 war Moritz (Moses) Marcus Lehrer in
der Gemeinde (zuvor in Halsdorf, blieb in
Neustadt bis zu seinem Ruhestand 1913). Unter ihm war die Blüte der jüdischen Volksschule in Neustadt
mit 1883 51 schulpflichtigen jüdischen Kinder (1893 39, 1902 16, 1903 19, 1914
11). 1913 erfolgt ein nächster Lehrerwechsel. Damals kam als Nachfolger von Lehrer
Marcus sein Kollege Adolf Wertheim aus Volkmarsen (zuvor in Zimmersrode, wo 1913
die Volksschule aufgelöst worden war). Seit 1919 war Leopold Weil Lehrer in
Neustadt, der nach dem verlorenen Krieg seine Heimat im Elsass (Regisheim bei
Gebweiler) hatte verlassen
müssen. 1921 hatte er noch 21, 1928-1930 nur noch insgesamt 11 Kinder zu
unterrichten.
Um 1924 wurden 101 jüdische Personen in der Stadt gezählt. 1932
waren die Gemeindevorsteher Salli Levy (1. Vors.; nach dem Bericht unten im
Zusammenhang mit der Synagogenrenovierung 1932 war er damals bereits fast 10
Jahre Gemeindeältester) und S. Alexander (Momberg). Als Lehrer war Leopold Weil
tätig, der gleichfalls im Bericht zur Synagogenrenovierung 1932 genannt wird
(s.u.). Im Schuljahr 1931/32 unterrichtete er an der jüdischen Volksschule der
Gemeinde 12 Kinder.
Jüdischen Familien gehörten um 1930 zwei Viehhandlungen, zwei
Gemischtwarenhandlungen, eine Handlung mit Getreide, Stoffen und Schuhen. Es gab
zwei Mazzenbäckereien (von Siegfried Spier und Isaak Spier; letzterer hatte
daneben auch eine Eisenwarenhandlung).
1933 lebten noch 89 jüdische Personen in Neustadt (3,7 % von insgesamt
2.180 Einwohnern). In
den folgenden Jahren ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Am 1. Januar 1934 wurde
die jüdische Schule aufgelöst (war jedoch bereits vor 1933 absehbar war).
Letzter jüdischer Gemeindevorsteher war Hermann Levi. Mindestens 12 jüdische
Einwohner konnten in die USa emigrieren, eine Familie nach Südafrika. 1939
wurden noch 40 jüdische Einwohner gezählt (1,8 % von 2.283).
Von den in Neustadt geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945" - erstellt im Vergleich mit
Übersichten zu den jüdischen Familien in Neustadt bei Schäfer s. Lit.; ohne
diese Zusammenstellung ist eine Auswertung nicht möglich, da es mehrere Orte
Neustadt mit jüdischen Gemeinden gab): Willy Leopold Bachrach
(1882), Else Rosa Blumenfeld geb. Drucker (1888), Hermann Blumenfeld (1880),
Moses Blumenfeld (1879), Sara Blumenfeld geb. Rothschild (1885), Sitta (Zida)
Hecht geb. Stern (1902), Rose (Rosa) Heß geb. Blumenfeld (1883), Abraham Kanter
(1874), Emanuel Kanter (1881), Karoline Kanter geb. Weinberg (1883), Ludwig
Kanter (1906), Moritz Kanter (1907), Pauline Kanter geb. Kanter (1878), Walter
Kanter (1922), Sara Kapp geb. Bachrach (1875), Ferdinand Katten (1893), Sophie
Katten geb. Kanter (1897), Anneliese Levi (1922), Edith Levi (1923), Frieda Levi
geb. Stern (1899), Giedel Levi (1863), Hermann Levi (1881), Jettchen Levi geb.
Rosenblatt (1887), Sally Friedrich Levi (1889), Samuel Levi (1875), Fanny
Lilienfeld geb. Braunschweiger (1881), Fanny (Franziska) Lilienfeld geb. Levi
(1868), Hans Lilienfeld (1930), Isaak Lilienfeld (1867), Max Lilienfeld
(1896), Meier (Moritz) Lilienfeld (1877), Rosa (Rosel) Lilienfeld geb. Kohn
(1906), Walter Lilienfeld (1935), Gerda Löwenthal geb. Kanter (1909),
Regina Rosenbaum geb. Lilienfeld (1874), Bianka Rosenthal geb. Bachrach (1883),
Bertha Rülf geb. Kanter (1872), Hilde(gard) Elfriede Seelig geb. Blumenfeld
(1915), Bella Sichel geb. Bachrach (1883), Johanna Sommer geb. Kanter (1883),
Ludwig Stern (1906), Marion Stern (1935), Sara Stern geb. Stern (1873), Simon
Stern (1870), Gerda Sternfeld geb. Levi (1914), Amalie Weiler geb. Blumenthal
(1879), Bertha Weiler geb. Israel (1868), Julius (Juda) Weiler (1879), Wolf
Weiler (1869), Berta Weinberg geb. Levi
(1876).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Lehrer Moritz Marcus tritt in den Ruhestand (1913)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 11. Juli 1913: "Neustadt
(Kreis Kirchhain). Lehrer M. Marcus ist nach 51jähriger Tätigkeit in den
Ruhestand getreten. Er erhielt aus diesem Anlass den Hohenzollernschen
Hausorden." |
Die Schulstelle wird mit Adolf Wertheim neu besetzt (1913)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 13. Juni 1913: "Neustadt
(Kreis Kirchhain). Die durch Pensionierung des Lehrers M. Markus
freigewordene Schulstelle an der hiesigen öffentlichen israelitischen
Elementarschule wurde dem Lehrer Wertheim – Zimmersrode, übertragen.
Demselben geht der Ruf eines tüchtigen Pädagogen voraus, der sich das
Vertrauen seiner vorgesetzten Behörde im weitesten Maße erfreut." |
Zum Tod des Lehrers Adolf Wertheim (1916)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 2. Juni 1916:
"Neustadt (Kreis Kirchhain). Am 24. Mai ist Lehrer Adolf
Wertheim, 45 Jahre alt, in der Heimat seiner Gattin in Hannoversch Münden
zu Grabe getragen worden. Das große Geleite zur letzten Ruhestätte legte
beredtes Zeugnis ab von der Liebe und Wertschätzung, die der
Heimgegangene genoss.
Lehrer Fabisch – Göttingen, schilderte am Grabe die Verdienste des
Verstorbenen um Schule und Gemeinde, seinen Fleiß und Wohltätigkeitssinn.
Lehrer Oppenheim, Treysa trauerte namens
der israelitischen Lehrerkonferenz Hessens um den Verlust des wackeren,
pflichtgetreuen Kollegen, der mit siechem Körper sich noch im Dienste des
Vaterlandes betätigte und den Unterricht der etwa 100 Kinder zählenden
christlichen Schule zeitweise mit übernahm. Lehrer Neuhaus – Fritzlar
widmete ihm namens der Freien Vereinigung warme Worte der Anerkennung und
Lehrer Wertheim – Münden nahm in tief erschütternden Worten Abschied
von dem geliebten Bruder.
Der Verstorbene war 25 Jahre hessischer Lehrer und amtierte in Korbach, Zimmersrode
und Neustadt, Kreis Kirchhain. Obgleich er in Neustadt nur 3 Jahre
wirkte, hatte er sich dort einen großen Freundeskreis erworben, sowohl in
jüdischen, als auch in christlichen Kreisen. Gar viele waren
herbeigeeilt, ihm die letzte Ehre zu erweisen. Der Magistrat, die
christliche Lehrerschaft und der Kriegerverein hatten Deputierte mit
kostbaren Kranzspenden entsandt. T." |
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Auswirkungen der antisemitische Hetze: Schwere Beschädigung
der neuen Synagoge – Belästigungen jüdischer Mitbürger (1888)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. September 1888: "Aus
Hessen, 29. August (1888). Am 19. August hat in Neustadt im
Regierungsbezirk Kassel der Abgeordnete Dr. Böckel eine Wählerversammlung
abgehalten und eine seiner bekannten Hetzreden darin zum Besten gegeben.
Die Wählerversammlung wurde unter freiem Himmel auf dem Turnplatz der
dortigen Turngemeinde abgehalten. Die Einladungen waren öffentlich
angeschlagen an vielen Gebäuden. Sehr viele Frauen und ein großer Teil
der Schuljugend nahmen an der politischen Versammlung teil. Am letzten
Montag sind nun in der Nacht in der im vorigen Jahre neu erbauten Synagoge
fast sämtliche Fenster demoliert worden. Jüdische Bürger wurden abends
auf der Straße gröblich insultiert, auch tatsächlich angegriffen. Die
israelitischen Bürger haben sich beschwerdeführend über die
Portspolizei an die Staatsanwaltschaft in Marburg, sowie an die Regierung
in Kassel gewandt." |
Berichte
zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde
95. Geburtstag der Witwe von Herz Levi (1913)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 22. August 1913: "Neustadt
(Kreis Kirchhain), 15. August (1913). Die älteste Einwohnerin der Stadt,
Frau Witwe Herz Levi beging heute die Feier ihres 95. Geburtstages. Die
Greisin erfreut sich noch einer seltenen körperlichen und geistigen
Frische und entsinnt sich noch vieler Ereignisse, die vor bereits 80
Jahren sich zugetragen haben. Vor noch 5 Jahren hat dieselbe noch
landwirtschaftliche Arbeiten verrichtet. 6 Kinder, 27 Enkel und 13 Urenkel
umscharen die Mutter, Groß- und Urgroßmutter an ihrem Ehrentage. An den
vielen eingelaufenen Glückwünschen war sichtlich zu sehen, welch großer
Beliebtheit sich die Jubilarin, die stets einen sehr religiösen
Lebenswandel führte, bei der gesamten hiesigen Einwohnerschaft, ohne Rücksicht
auf die Konfession, erfreut." |
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Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 29.
August 1913: "Neustadt, Kreis Kirchhain, 22. August (1913).
Die älteste Einwohnerin der hiesigen Stadt, ja vielleicht des ganzen
Regierungsbezirks Kassel, Frau Witwe Herz Levi, hierselbst, beging
dieser Tage die Feier ihres 95. Geburtstages. Die Greisin erfreut sich
noch einer seltenen körperlichen und auch geistigen Frische und entsinnt
sich noch vieler Ereignisse, die vor bereits 80 Jahren sich zugetragen.
Vor noch 5 Jahren hat dieselbe sogar noch viele langwirtschaftliche
Arbeiten verrichtet. 6 Kinder, 27 Enkel und 13 Urenkel umscharten die
Mutter, Groß- und Urgroßmutter an ihrem Ehrentage. An vielen
eingelaufenen Glückwünschen war sichtlich zu lesen, welch großer
Beliebtheit sich die Jubilarin, die stets und auch heute noch einen sehr
religiösen Lebenswandel führt, bei der gesamten hiesigen Einwohnerschaft
ohne Rücksicht auf die Konfession erfreut. Mögen ihr auch noch weitere
Jahre durch Gottes Gnade zu erleben vergönnt
sein." |
Zum Tod des langjährigen Vorstandes der Gemeinde Meier Blumenfeld
(1922)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. April 1922: "Neustadt
(Regierungsbezirk Kassel), 14. März (1922). Am 24. Februar wurde im Alter
von 72 Jahren Meier Blumenfeld unter großer Beteiligung zu Grabe
getragen. Trotz des Eisenbahnstreiks ließen sich viele Freunde und
Verehrer des Verstorbenen nicht zurückhalten, dem teuren Entschlafenen
die letzte Ehre zu erweisen. 13 Jahre lang hat er das Amt eines Vorstandes
der Gemeinde pflichttreu verwaltet. Er war friedliebend und suchte die
Harmonie in der Gemeinde zu fördern und zu erhalten und die alten
Traditionen zu wahren. Rabbiner Dr. Kohn, Marburg, gab dem herben Verlust
beredten Ausdruck. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
Goldene Hochzeit von Mendel Levin und Jeanette Levin
geb. Alexander (1929)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Juni 1929: "Neustadt, 9. Juni
(1929). Ihre goldene Hochzeit begingen der Handelsmann Mendel Levin und
Ehefrau Jeanette geb. Alexander, wobei 7 Kinder und 5 Enkel ihre Glückwünsche
darbrachten. Die Israelitische Gemeinde nahm an der Feier regen Anteil. In
der Festlich geschmückten Synagoge hielt Herr Rabbiner Dr. N. Cohn –
Marburg eine herzliche Ansprache an das Jubelpaar." |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Lehrlingssuchen der Kolonialwaren-, Butterhandlung Engros und Manufakturwaren
Elias Bachrach (1901 / 1904)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. März 1901:
"Gesucht
Lehrling, in meine Kolonialwaren-, Butter-Handlung
Engros, Manufakturwaren. Samstags streng geschlossen.
Elias Bachrach,
Neustadt, Regierungsbezirk
Kassel." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Februar 1904:
"Gesucht ein Lehrling.
Eintritt nach Ostern; Schabbos
geschlossen. Elias Bachrach, Neustadt (Mainweserbahn)." |
Anzeige des Manufaktur- und Mehlgeschäftes A. S. Bachrach
(1888)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Januar 1884: "Für mein
Manufakturwaren- und Mehlgeschäft en gros & en detail suche ich zum
baldigen Eintritt einen tüchtigen Commis, welcher mit der Buchführung
vertraut ist und schöne Handschrift schreibt.
A.
S. Bachrach, Neustadt Regierungsbezirk Kassel." |
Zur Geschichte der Synagoge
Bereits im 18. Jahrhundert war ein Betraum beziehungsweise eine Synagoge
zunächst in einem jüdischen Privathaus vorhanden. Die Protokolle des
Kommissariates der Stadt berichten 1733 von einem Streit zwischen zwei
jüdischen Einwohner, der sich in der Synagoge zugetragen hat. 1752 war
vor dem Kommissariat die Frage zu klären, ob die Plätze in der Synagoge
(damals waren dies Standplätze an Stehpulten) erblich seien oder nicht. Meyer
Daniel sagte damals aus, er sei jetzt 50 Jahre alt und zeit seines Lebens in
Neustadt "zur Schule" (Synagoge) gegangen. Es sei immer üblich
gewesen, dass der Sohn den Platz seines verstorbenen Vaters eingenommen habe.
Der Betraum befand sich nach den Berichten von 1752 im Haus des Gerson Moyses,
1773 in demselben Haus, das inzwischen Jakob Moyses gehörte.
1773 stand in der Bogenstrasse eine Scheune zum Verkauf an, an deren
Erwerb kein Bürger Interesse gezeigt hatte. Mit behördlicher Genehmigung
konnte daher die jüdische Gemeinde die Scheune kaufen und zur Synagoge mit
Schulraum, Lehrerwohnung und einer Unterkunft für durchreisende Juden umbauen.
Der Umbau wurde vermutlich noch 1773 oder kurz danach vorgenommen. Die Synagoge
in der Bogenstraße wird 1874/75 als zweistöckiges Wohnhaus mit Synagoge in den
Ausmaßen 7,8 auf 5,5 m beschrieben (damalige Haus-Nr. 34 1/2). Das Gebäude
blieb auch nach dem Neubau einer Synagoge an der Marburger Straße im Besitz der
israelitischen Gemeinde (bis 1901).
Bereits 1857 war die bisherige Synagoge zu klein. 1857 war zunächst auf
Grund von Plänen des Kirchhainer Landbaumeisters eine Erweiterung geplant,
jedoch wurde nur eine Reparatur vorgenommen, da sich die in Momberg lebenden
jüdischen Familien eine eigene Synagoge bauen und nicht mehr zu den
Gottesdiensten nach Neustadt kommen wollten. 1884 wurde erneut über den
Neubau einer Synagoge mit Schulzimmer und Lehrerwohnung nachgedacht, da die alte
Synagoge baufällig geworden war und nicht mehr für alle Gemeindeglieder Platz
bot. Eine Genehmigung der Behörden zum Neubau erfolgte im August 1885. Die
Pläne hatte Architekt Baumbach erstellt.
Am 8. September 1887 konnte die neue Synagoge an der Marburger Straße eingeweiht
werden. Sie hatte Platz für 119 Personen. Aus der Synagogengeschichte sind
einige Berichte erhalten: vom 25jährigen Jubiläum der Synagoge 1912, von
der Renovierung und Wiedereinweihung 1932 sowie von einem nationalsozialistischen
Anschlag 1935, der damals noch als unerwünschte Einzelaktion bestraft
wurde.
25-jähriges Jubiläum der Synagoge
(1912)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 19. Juli 1912: "In Neustadt
(Regierungsbezirk Kassel) werden in nächster Zeit zwei Feste gefeiert
werden: Am 25. Juli das 25jährige Jubiläum der Synagoge, bei welchem
Herr Provinzialrabbiner Dr. Munk – Marburg die Festrede halten wird, und
im September das 50jährige Dienstjubiläum des Herrn Lehrers Markus, der
hier seit dem Jahre 1873 amtiert und in seiner Gemeinde sowohl wie auch
besonders in nichtjüdischen Kreisen in hohem Ansehen steht." |
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Mitteilung
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 26. Juli 1912:
"Neustadt (Regierungsbezirk Kassel). Am 25. Juli steht unsere
Synagoge 25 Jahre, und im September feiert unser Lehrer Markus sein
50-jähriges Amtsjubiläum." |
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Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 9. August
1912: "Neustadt in Hessen. Die hiesigen Juden begingen am 26.,
27. und 28. Juli das
25-jährige Jubiläum ihrer Synagoge.
Zu dieser Feier hatten sich auch eine große Anzahl auswärtiger Gäste
eingefunden. In der ganz renovierten und geschmückten Synagoge wurde
Freitag Nachmittag ein Festgottesdienst abgehalten, bei dem
Provinzialrabbiner Dr. Munk - Marburg die Festpredigt hielt und
Lehrer Markus der Gründer in einer Ansprache gedachte. Nach einem Zug
durch die in Festesschmuck prangende Stadt fand im Saale des 'Deutschen
Haus' ein Kommers statt. Samstag Morgen sprach Lehrer Markus noch
aus Anlass eines von einem Gemeindemitglied gestifteten Ner-Tomid. Mit
Konzert und Tanz fanden die Festlichkeiten ihren
Abschluss." |
1932 gründliche Renovierung der Synagoge. Neueinweihung am 18. September 1932
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. September 1932: "Neustadt (Kreis
Kirchhain), 20. September (1932). Am 18. September wurde unsere renovierte
Synagoge im Beisein der Gemeindeangehörigen und vieler geladener Gäste
dem Gottesdienste übergeben. Nach einleitender Liturgie durch Herrn
Lehrer Weil ergriff Herr Provinzialrabbiner Dr. Cohn, Marburg, das Wort zu
einer Weiherede. Dann sprachen Bürgermeister a.D. Dr. Grün, Kirchhain,
als Vertreter der Kreisverwaltung, Beigeordneter Reppler, Neustadt, der
besonders auf die Tätigkeit des Gemeindeältesten Salli Levi, der
in seiner fast 10jährigen Amtstätigkeit, neben der Synagogenrenovierung,
den Bau einer Leichenhalle nebst Wirtschaftsraum für die Volksschule, die
Instandsetzung des Friedhofs durchgeführt hat, ohne die Gemeinde zu
belasten. Herr Bürgermeister Dr. Bicker, Neustadt, sprach, als Vertreter
der Stadt, der jüdischen Gemeinde die besten Glückwünsche aus. Herr
Gemeindeältester Salli Levi betonte in der Schlussansprache die
Freigebigkeit der Gemeindemitglieder und sprach allen Teilnehmern der
Feier seinen Dank aus. Mit dem Vortrag eines Liedes durch Herrn Lehrer
Weil schloss die eindrucksvolle Feier in der prächtig hergerichteten
Synagoge." |
Ein Anschlag auf die Synagoge wird bestraft (1935)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 28. November 1935: "Drei
Monate Gefängnis wegen Beschädigung einer Synagoge. Marburg, 25.
November (1935). Mitte August besuchten zwei junge Leute einen Bekannten
in Neustadt. Nach Genuss von alkoholischen Getränken verübten die beiden
Sachbeschädigungen durch Steinwürfe an der Synagoge. Die beiden wurden
festgestellt, leugneten zunächst, gaben dann aber die ihnen zur Last
gelegten Sachbeschädigungen zu. Gegen das Urteil des Schöffengerichts,
das sie an Stelle einer verwirkten Gefängnisstrafe von je zwei Monaten zu
je 300 Mark Geldstrafe verurteilt hatte, legte die Staatsanwaltschaft
Berufung ein, da ihr das Strafmaß als zu gering erschien: Der Vertreter
der Staatsanwaltschaft führte u.a. aus, dass bei den verschiedensten
Veranstaltungen der letzten Zeit immer wieder darauf hingewiesen worden
sei, dass die Regierung die Art des Kampfes gegen das Judentum bestimme
und Einzelaktionen zu unterbleiben hätten. Obwohl den Angeklagten dies
bekannt sei, hätten sie sich in grober Disziplinlosigkeit zum Schaden von
Staat und Bewegung darüber hinweggesetzt. Die Große Strafkammer erkannte
auf je drei Monate Gefängnis." |
Bis 1938 war die Synagoge in Neustadt Mittelpunkt der
jüdischen Gemeindelebens.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge
zerstört. Die Bänke wurden aus der oberen Etage aus de Fenstern gestürzt,
Bücher und Vorhänge angezündet sowie das Mobiliar zerschlagen. Am 13.
Februar 1939 ging das Synagogengrundstück mit dem Gebäude in den Besitz
der Stadt über. Die noch verwertbaren Bauteile wurden verkauft. Nach dem
Abbruch der Synagoge wurde das abgeräumte Grundstück in zwei Parzellen
aufgeteilt, die an zwei Neustädter Bürger verkauft wurden.
Adresse/Standort der Synagoge: Marburger
Str. 14
Fotos
Die 1887 erbaute
Synagoge Neustadt |
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Federzeichnung von
W. Sohn, Neustadt (Quelle: Schneider s.Lit. S. 122) |
|
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II S. 124-126. |
 | Keine Artikel (da nichts von der Synagoge erhalten) bei Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 und dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. |
 | Dankward Sieburg: Synagoge und Schule zu
Neustadt. Jahrbuch 1989 des Kreises Marburg-Biedenkopf. Marburg 1989. |
 | ders.: Die Judengemeinde zu Neustadt. Beiträge zu ihrer Geschichte. Ermittlungen eines
Wahlpflichtkurses der Gesamtschule Neustadt, bearbeitet und vorgelegt von
Dankward Sieburg, Neustadt 1990. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirke Gießen und Kassel . 1995 S. 159-160. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 516-518. |
 | Alfred Schneider: Die jüdischen Familien im
ehemaligen Kreise Kirchhain. Beiträge zur Geschichte und Genealogie der
jüdischen Familien im Ostteil des heutigen Landkreises Marburg-Biedenkopf
in Hessen. Hrsg.: Museum Amöneburg. 2006.
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Neustadt Nesse-Nassau. Jews living
there from 1646, established a community numbering 160 (7 % of the total) in
1885, and dedicated a new synagogue in 1887. After Worldwar I, branches of the
Central Union (C.V.) and Jewish War Veterans Association were active. Affiliated
with the rabbinate of Marburg,. the community numbered 101 (4 %) in 1925 and 89
in 1933. Nazis destroyed the synagogue and looted Jewish homes in a three-day Kristallnacht
pogrom (8-10 November 1938). At least 28 perished in the Holocaust; 43 emigrated.

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