Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Darmstadt (Hessen)
Jüdische Geschichte / Synagoge der Hauptgemeinde (liberale Synagoge) bis 1938 
    
(bitte besuchen Sie auch die Website www.liberale-synagoge-darmstadt.de
des Fördervereins Liberale Synagoge Darmstadt e.V. - Verein für aktive Erinnerungskultur)    

Übersicht:   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen  
Links und Literatur   

  
Hinweis: auf dieser Seite wird schwerpunktmäßig die Entwicklung der jüdischen Hauptgemeinde (19./20. Jahrhundert liberale Gemeinde) dargestellt, zur Geschichte der Israelitischen Religions-Gesellschaft siehe weitere Seite
   
Weitere Seiten zur jüdischen Geschichte in Darmstadt werden angezeigt in einer Übersicht auf der Seite zur Gemeinde nach 1945.  
   
   
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)        
    
In Darmstadt bestand eine jüdische Gemeinde vom 17. Jahrhundert bis zur Zerstörung in der NS-Zeit, zeitweise waren es zwei Gemeinden (liberale Gemeinde und orthodoxe Religionsgesellschaft). Nach 1945 ist eine im Vergleich zur Vorkriegszeit kleine Gemeinde wieder entstanden. 
  
Bereits im 16. Jahrhundert sind Juden in Darmstadt und Umgebung nachweisbar (1529 erste Nennung in Darmstadt; um 1570 gibt es jüdische Familien in den umliegenden Dörfern Arheiligen, Bessungen, Eberstadt usw..  
 
Im 17./18. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Familien / Einwohner wie folgt: 1623 sieben Familien, 1713 30 Familien, 1770 39 Familien, 1784 48 Familien. Unter den jüdischen Einwohnern waren seit Mitte des 18. Jahrhunderts einige für den Hof tätig wie Wolf Koppel, der 1749 aus Trebur nach Darmstadt kam und - wenn auch bis 1764 ohne Besoldung - zum Hofgoldsticker ernannt wurde.   

Im 19./20. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1825/26 532 jüdische Einwohner (2,3 % von insgesamt 23.240 Einwohnern), 1861 641 (von 28.526), 1880 1.275 (3,1 % von insgesamt 41.199), 1890 1.438 (2,6 % von 55.883), 1900 1.689 (2,3 % von 72.381), 1910 1.998 (2,3 % von 87.089), 1925 1.646 (2,0 % von 89.465). Nach 1860 war ein starker Zuzug aus den jüdischen Landgemeinden der Region erfolgt.  
  
1809 nahmen alle jüdischen Familien bürgerliche Familiennamen an, doch hatten einzelne Familien schon einige Zeit vorher Familiennamen (zwischen 1752 und 1772 werden genannt: Familien Trier, Callmann, Wolfskehl, Hachenburg, Bessunger; nach 1800 Familien Bermann, Ettling, Fuld, Messel, Neustadt, Reichenbach, Sander, Schlösser). Um 1820 wurden die Juden allgemein als Staatsbürger anerkannt. Das Revolutionsjahr 1848 brachte die bürgerliche und politische Gleichstellung der Juden.  
  
An Einrichtungen bestanden Synagogen und Beträume (siehe unten zur liberalen Synagoge; zur orthodoxen Synagoge siehe Seite zur Israelitischen Religions-Gesellschaft), jüdische Schulen, ein Friedhof sowie andere in einer größeren jüdischen Gemeinde üblichen Einrichtungen. Seit 1770 war Darmstadt Rabbinatssitz; zu den Rabbinern in der Stadt siehe weitere Seite.       
 
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde 34 Kriegsteilnehmer: Otto Julius Bodenheimer, Richard Bodenheimer, Sally Bodenheimer, Julius Dornbusch, Heinrich Flörsheimer, Julius Ganz, Artur Gutenberg, Ludwig Haas, Ernst Hanau, Leo Heyum, Ludwig Kaufmann, Oskar Krause, Ernst Landsberg, Albert Lehmann, Adolf Liebmann, Rudolf Liebmann, Arnold Mainer, Robert Nathan, Siegmund Regensburger, Max Rosengart, Alfred Rothschild, Eugen Rothschild, Simon Schloß, Paul Friedrich Selver, Jonas Silber, Albert Simon, Henry Spanier, Willy Stern, Leo Streng, Zenno Vogel, Leopold Haas, Gustav Hanauer, Ernst Meyer, Ernst Rosenthal.  
 
Um 1924/25 bildeten den Gemeindevorstand: Justizrat Dr. Bender, Leopold Hachenburger, Karl Benjamin, Jakob Dernburg, Kommerzienrat Ludwig Joseph, Theodor Meyer, Sigmund Salomon und Hermann Simon. Es gab verschiedene Kommissionen für die Vorstandsarbeit: für Gottesdienst (zuständig Sigmund Salomon), für die Religionsschule (Justizrat Dr. Bender), für Friedhofsangelegenheiten (P. Salomon), die Armenkasse (P. Salomon), für Schächtangelegenheiten (Jakob Dernburg), für das Finanzwesen (Justizrat Dr. Bender), für das Bauwesen (Jakob Dernburg), für die Landjudenschaftsangelegenheiten (Justizrat Dr. Bender).  
Für die Gemeinde tätig waren um 1924/25 Rabbiner Dr. Bruno Italiener, Kantor und Schochet Elias Hauser, Gemeindesekretär Ludwig Stimpf, Gemeinderechner Julius Muth, Gemeindeschwester Grete Neuberg. Die Religionsschule der Gemeinde (unter Leitung von Rabbiner Dr. Italiener; Lehrer Freitag und Elias Hauser) wurde von 82 Kindern der Gemeinde besucht (1932 von 139 Kindern).   
  
Die wichtigsten Vereine/Vereinigungen waren in den 1920er-Jahren und bis nach 1933: zunächst die Zentralstelle der vereinigten israelitischen Wohltätigkeitsanstalten; in ihr waren 1932 im Blick auf die allgemeine Wohlfahrtspflege zusammengeschlossen: die Israelitische Religionsgemeinde, die Israelitische Religionsgesellschaft, die Israelitische Nothilfe (1932 unter Leitung von Frau Lehmann; Zweck und Arbeitsgebiet: Versorgung des verarmten Mittelstandes mit Heizmaterial und Lebensmitteln), der Verein Samech Nauflim, die Starkenburg-Loge (1924 unter Leitung von Karl Lehmann), die Kohlenkasse, die Hilfsverein, der Verein zur Bekämpfung des Wanderbettels (1924 unter Leitung von Theodor Mayer mit 200 Mitgliedern). Vorsteher der Zentralstelle war 1924: Max Simon Meyer. 
Neben den schon genannten Vereinen waren im Gemeindeleben aktiv: der Wohltätigkeits- und Bestattungsverein Chewra Kadischa (1924 unter Leitung von Dr. Ludwig Meyer mit 50 Mitgliedern) beziehungsweise der Verein Chewra Gemilus Chessed in Darmstadt (gegründet 1922; 1932 unter Leitung von Siegfried Stern mit 54 Mitgliedern; Zwecke und Arbeitsgebiet: Krankenpflege, Bestattungswesen), der jüdische Frauenbund (1932 unter Leitung von Frau Brill mit 250 Mitgliedern), der Minjanverein (1924 unter Leitung von Sigmund Salomon mit 45 Mitgliedern, 1932 unter Leitung von Siegfried Stern), der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (unter Vorsitz von Emil Blum).  
   
Bis um 1933 gehörten jüdischen Personen zahlreiche Geschäfte und Gewerbebetriebe in der Stadt. Von den größeren Betrieben sind unter anderem zu nennen: das Kaufhaus Rothschild (Inhaber Sigmund Rothschild), die Möbelfabrik und das Möbelgeschäft Trier (Inhaber Louis und Eugen Trier). Bei den akademischen Berufen waren Juden als Ärzte und Anwälte verhältnismäßig starb vertreten: 5 % der Ärzteschaft Darmstadts waren Juden (u.a. HNO-Facharzt Dr. Siegfried Oppenheimer, Dr. Ludwig Isaak). Viele der jüdischen Bürger Darmstadts waren im Kaufmannsberuf tätig, teils selbständig, teils als Angestellte. Es gab eine Druckerei Simon in der Grafenstraße, eine Metzgerei Hausmann (koscher) sowie andere Metzgereien. In der Bleichstraße gab es die Bäckerei Freudenberger und gegenüber der orthodoxen Synagoge das koschere Restaurant "Hotel Stadt Frankfurt" (Bleichstraße 22, Inhaber F. Dreyfus). Die meisten alteingesessenen jüdischen Familien in Darmstadt nahmen sowohl am jüdischen Gemeindeleben wie am öffentlichen Leben regen Anteil.   

Von den jüdische Persönlichkeiten aus Darmstadt werden zumindest einige auf der Seite mit Texten zu jüdischen Personen Darmstadts genannt.   
   
1933 wurden 1.427 jüdische Einwohner in der Stadt gezählt (1,5 % von insgesamt 93.222 Einwohnern). In den folgenden Jahren ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert, sodass bis zum 31. Dezember 1937 die Zahl der jüdischen Einwohner auf 666 zurückging. Im April 1939 wurden 258 erwachsene Gemeindeglieder gezählt. 1942/43 wurden fast alle noch in der Stadt (und Umgebung) lebenden jüdischen Personen deportiert. Die Hauptdeportationen waren im März 1942, im September 1942 und Februar 1943 in das Ghetto Theresienstadt.     
  
Von den in Darmstadt geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): siehe im Gedenkbuch des Bundesarchives bei Eingabe des Ortsnamens von "Darmstadt" unter Geburtsort und/oder Wohnort.   
   
   
   
Zur Geschichte der Synagoge               
   
1695 gab Landgraf Ernst Ludwig den Darmstädter Juden die Erlaubnis, einen Betraum einzurichten und Gottesdienste abzuhalten. Dieser Betraum befand sich bis 1705 bei Hirtz, bis 1714 bei dem Hofjuden Benedikt Löw. 1735 erwarb die jüdische Gemeinde das Haus Kleine Ochsengasse 14 und baute es zu einer Synagoge um; die Einweihung erfolgte im Jahr 1737. Die Synagoge wurde im Jahr 1842 umfassend saniert und erweitert. Über die Wiedereinweihung der Synagoge 1842 durch Rabbiner Dr. Benjamin Hirsch Auerbach liegt ein Bericht aus der Zeitschrift "Der Israelit des 19. Jahrhunderts" vor:  
  
Die Einweihung der sanierten und erweiterten (alten) Synagoge (1842)          

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit des 19. Jahrhunderts" vom 2. Oktober 1842: "Man liest in einem öffentlichen Blatte folgendes aus Darmstadt: 'Nachdem das Gotteshaus der hiesigen israelitischen Gemeinde in seinem Innern und Äußern neu hergestellt und auch nach einer Seite hin angemessen erweitert worden war, wurde die Einweihung desselben heute Nachmittag solenn gefeiert. Es war eine erhebende und bedeutungsvolle gottesdienstliche Feier, erhebend durch die Art, in welcher sie stattfand, und bedeutungsvoll durch die Umstände, welche sie veranlasst und herbeigeführt hatten. Der Rabbine Herr Dr. Auerbach hielt eine eindringliche und wohldurchdachte Rede, in welcher er das Judentum und seine Schicksale aus dem religiösen, historischen und politischen Gesichtspunkt beleuchtete, indem er einerseits das Wesen der israelitischen Religion, die auf Gott, Tugend und Unsterblichkeit gegründet sei, entwickelte, andererseits aber auch die Wandlungen schilderte, welche die israelitische Religion und ihre Bekenner, dem Staate und den anderen Religionsbekenntnissen gegenüber, im Laufe der letztverflossenen Jahrhunderte erfahren hatten. Als einen der schönsten Triumphe der modernen christlichen Zivilisation hob er die Religionsfreiheit hervor, die man auch den Israeliten gegönnt, und die bürgerlichen Rechte, die man ihnen eingeräumt habe, obschon er, im Hinblick auf einen engverbrüderten Nachbarstaat, nicht verkannte, dass in dieser Hinsicht noch Manches zu hoffen und zu wünschen sei. Vor Allem aber hob er glänzend hervor die ausgezeichneten Verdienste, welche der hochselige Großherzog Ludwig I. und dessen Regierung sich um die religiöse und bürgerliche Lage der Israeliten erworben haben, und wie der jetzt regierende Großherzog fortfahre, sie nicht allein in dem Besitze der erworbenen Rechte zu erhalten, sondern auch darin zu befestigen. Alles, was Dr. Auerbach in seiner ausführlichen Rede sagte, war eines unterrichteten und denkenden Bekenners der israelitischen Religion vollkommen würdig und wir glauben nicht, dass weder der lange genug missverstandene große Spinoza, noch Moses Mendelssohn, noch andere hervorragende Geister aus Israel an seiner schönen von reinen Religionsbegriffen durchdrungenen Rede etwas auszusetzen gefunden haben würden. Wir haben sie mit großem Interesse gehört, und müssen bekennen, uns sehr gut erbaut zu haben. Wahrscheinlich hatte auch Herr Auerbach auf einen zahlreichen und gebildeten Kreis von Zuhörern gezählt, und diese Voraussetzung erwies sich als vollkommen begründet. Der Großherzogliche Kreisrat der Residenz, Freiherr von Stark, der Geheimrat Herr von Kuder, der Bürgermeister und Gemeinderat, der evangelische Prälat Herr Dr. Köhler, der Herr Hofprediger Dr. Zimmermann, mehrere andere Geistliche der Residenz, der Direktor der Rechnungskammer Herr Ludwig, der Direktor des Administrativ- und Justizhofes Herr Goldmann und viele andere Personen wohnten der erhebenden gottesdienstlichen Feier bei, die bei festlicher Beleuchtung des neu hergestellten Gotteshauses ihres Eindrucks auf die teilnehmenden umso weniger verfehlte, als auch die mit recht ansprechender Musik begleiteten schönen Gesänge der Bestimmung des Tages vollkommen angemessen waren'.           
Darmstadt Israelit19Jh 02101842a.jpg (399850 Byte) Widersprechen auch diese Äußerungen des Herrn Rabbinen Auerbach den starr-rabbinischen Grundsätzen, welche er in seinem Lehrbuche (s. Jahrg. I Nr. 2 dieses Blattes) niedergelegt hat, so können wir uns doch nur darüber freuen, dass sie beweisen, dass Herr Auerbach wenigstens christlichen Beamten gegenüber, die in so großer Zahl bei der Feierlichkeit anwesend waren, das Unzeitgemäße und Unvernünftige des starren Rabbinismus selbst fühlte, und wir haben nur den aufrichtigen Wunsch, dass er ferner in solch erleuchtetem Geiste auch da reden und handeln möge, wo kein Auge christlicher Behörden ihn beobachtet..."  
Die weiteren Ausführungen des Artikels sind allgemeiner Art und nicht auf Darmstadt bezogen.     

   
Die alte Synagoge wurde ab 1863/64 nur noch von der liberalen Religionsgemeinde als Bethaus verwendet, nachdem sich die orthodoxe Gruppe in eigenen Räumlichkeiten zum Gottesdienst traf. Doch wurde schon damals die alte Synagoge als nicht mehr zeitgemäß empfunden. Ein repräsentativer Neubau sollte entstehen. So wurde nach einem Entwurf des Stadtbaumeisters Edmund Köhler in dreijähriger Bauzeit von 1873 bis 1876 eine neue Liberale Synagoge errichtet. Sie wurde am 23. Februar 1876 eingeweiht. Die neue Synagoge war ein repräsentativer Sakralbau, geprägt von neuromanischen und neo-islamischen Bauelementen. Charakteristisch waren die vier kuppelbekrönten Ecktürme. Die Außenflächen waren mit roten Sandsteinen verkleidet. Als liberale Synagoge war sie auch mit einer Orgel ausgestattet. Die Synagoge hatte 440 Plätze für Männer, 396 für Frauen..    
   
Einweihung der neuen (liberalen) Synagoge am 23. Februar 1876           

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. März 1876: "Aus dem Großherzogtum Hessen, 1. März (1876). Die Einweihungsfeier der neuen Synagoge in unserer Landeshauptstadt Darmstadt, verdient in dem gegenwärtigen Momente aus mehr als einem Grunde eine ganz besondere Beachtung. Die israelitische Religionsgemeinde Darmstadts besaß bis daher ein sehr unscheinbares und kleines Gotteshaus im ältesten Teile der Stadt, in einem dunklen Hofe. Die Parteikämpfe, die sich von Mainz nach Darmstadt verpflanzten, ließen befürchten, dass hier der Boden für zeitgemäße Umwandlung des Gottesdienstes nie fruchtbar gemacht werden könnte. Die Provinz Starkenburg, also die Umgebung dieser Stadt, gehört fast ganz der finstersten Richtung an, welche von Dr. Auerbach, der hier so viele Jahre als Rabbiner waltete und auf eine so drastische Weise aus diesem Rabbinatssitze entfernt worden, gepflegt wurde, de mortius nil nisi bene (über die Toten nichts als Gutes). Er starb - als Rabbiner - in Halberstadt. Unseren Gemeinden hat er viel geschadet, nicht allein dadurch, dass er den Fortschritt hemmte, sondern mehr noch, weil er den Glauben an den sittlichen Gehalt unserer Religion schwächte und uns in der öffentlichen Achtung schädigte. In seinem Geiste waltet jetzt der Prediger einer separierten Religionsgesellschaft, die sich aus den aus der Provinz Zugezogenen rekrutiert - ein Ableger der Mainzer.  
Und doch! Die Einweihung der neuen Synagoge, welche am 23. Februar stattfand, wird mächtig dazu beitragen, die finsteren Geister zu verscheuchen. Dass die verhältnismäßig kleinen Gemeinde aus freier Opfertätigkeit ein so herrliches Gotteshause im schönsten Teile der Stadt sich erbaute, zeugt vom religiösen Sinne, von Hingebung und Liebe zu angestammten Religion. Der Feier wohnten bei: der Erbprinz Ludwig von Hessen mit seiner Gemahlin Alice (Tochter der Königin Victoria) und mehrere Prinzen und Prinzessinnen des großherzoglichen Hauses mit ihrem Gefolge, die Minister und Ministerialräte, die höchsten Beamten des Landes, die Spitzen der Militärverwaltung, die Stadtverwaltung, die Kreis und Provinzialbehörden, die protestantische Geistlichkeit (die katholische hatte sich ausgeschlossen), und viele Freunde aus Nah und Fern, selbstverständlich die        
Gemeindemitglieder vollzählig. Trefflich ausgeführte Gesänge verherrlichten die Feier, deren Höhepunkte die Rede des Rabbinen Dr. Landsberg war. Dr. L. ist als Gelehrter und Meister der Rede bekannt; hier zeigte er aber auch den richtigen Takt, indem er apologetisch den Gott, das Gebet, und die humanen Ideen des Judentums verherrlichte. So hat diese Feier gewiss dazu beigetragen, die Achtung und die Wertschätzung unserer Religion in den Augen der Anwesenden, - ich möchte sagen: wiederherzustellen und zu erhöhen.   
Das Gotteshaus ist in einem würdigen erhabenen und doch einfachen Stile durch Baurat Köhler ausgeführt und zeichnet sich aus vor den anderen neuen Synagogen Süddeutschlands durch das Lichte und Helle, Freundliche und Anmutende in seiner äußeren Erscheinung so wie in seiner inneren Ausstattung. Prachtvolle Beleuchtung, herrliche Ornamente (das Parochet und die übrigen Stickereien wurden von dem gekannten Buchhändler J. Kaufmann in Frankfurt geliefert und sind wahre Meisterwerke). - Alles erhöht den würdigen Eindruck des Ganzen. 
Wenn sich nun die Gemeinde Darmstadts auch ferner recht rege an den allgemeinen Angelegenheiten des Landes beteiligt, - da sie doch an der Quelle sitzt und hierzu also am besten Gelegenheit hat, so kann diese Einweihung für die Juden unseres Großherzogtums, - das ja den größten Prozentsatz Juden in Deutschland hat (3,4 % der Gesamtbevölkerung) eine neue Ära in unserem religiösen Leben begründen helfen. - Zur Zeit ist man im Großherzogtum mit der Konstituierung eines Stipendienfonds für israelitische Lehramtszöglinge tätig, wofür seinerzeit die 'Jüdische Volkszeitung' den ersten Impuls gegeben und der jetzt kräftig durch ein Komitee in Friedberg gefördert wird. Man darf hoffen, dass ein israelitische Lehrer, welcher den israelitischen Seminaristen Unterricht in den jüdischen Fächern erteilt, am Seminare angestellt wird. Es sind bereits 1.600 Mark jährlich für mehrere Jahre gezeichnet, gewiss ein sehr schätzenswerter Anfang. Wir wollen hoffen, dass keine Gemeinde zurückbleiben wird bei diesem wichtigen Werke, das uns für geeignete jüdische Lehrer zu sorgen bestimmt ist."       

     
Zur Finanzierung der neuen Synagoge und die Schwierigkeiten der Abtragung der Schulden bei Austritten aus der Gemeinde (1877)      

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 7. August 1877:  "Die Gemeinde Darmstadt hatte im Jahre 1876 338 steuerzahlende Mitglieder, als welche alle jene gerechnet wurden, die zur staatlichen Einkommensteuer zugezogen waren, also namentlich auch Handlungsgehilfen, alleinstehende Frauenzimmer und andere. Dieselbe war genötigt wegen des einem Gotteshaus sehr wenig entsprechenden Zustandes ihrer alten Synagoge, eine neue in den letzten Jahren zu erbauen mit einem Kostenaufwand von circa 300.000 Mark, welche immer ein Anlehensweg aufgenommen werden mussten und für deren Verzinsung und Amortisation allein jährlich 13.000 Mark aufzuwenden sind. Daneben aber ist dieselbe mit Gehalten und Pensionen belastet im Betrag von 11.500 Mark, wozu dann noch an sonstigen Ausgaben für Kosten des Gottesdienstes usw. circa 5.800 Mark kommen, sodass das jährliche Gesamtbedürfnis sich auf beinahe 33.000 Mark berechnet. 
Da nun die Gemeinde Darmstadt sonstige Einnahmequellen nicht hat, so ist dieselbe genötigt, fast alles durch Anlagen aufzubringen und welche Höhe dieselben erreicht haben, wolle daraus hochgeneigtest entnommen werden, dass einzelne Steuerpflichtige schon jetzt sehr bedeutende Summen zum Beispiel 1594 Mark, 850 Mark usw. bezahlen, da das umlagefähige Steuerkapital nur 86.370 Gulden beträgt. Bei einer Reduktion des umlagepflichtigen Steuerkapitals auch nur um ein Drittel – welche das unzweifelhafte Resultate des Austritts auch nur von einem dritten Teil der jetzigen Gemeindeglieder sein dürfte – würde sich also die Steuer um ein Drittel erhöhen. Es ist aber nicht zweifelhaft, dass die Zahl der Austretenden noch weit bedeutender, als ein Drittel sein würde, weil sich den sogenannten Orthodoxen noch viele andere, auch Indifferente, anschließen würden, sodass die Steuerlast für die verschiedenen verbleibenden Gemeindeglieder geradezu unerschwinglich genannt werden müsste. Damit aber wäre das Schicksal der Gemeinde besiegelt, denn die hoch besteuerten Gemeindeglieder sind größtenteils solche, welche durch Nichts hier festgehalten werden und die demnach vor einer Verlegung ihres Wohnortes gewiss nicht zurückschrecken würden. Daran würde sich dann naturgemäß die Folge des Austritts der anderen Gemeindeglieder, denen die Steuerlasten unerträglich sein würde, knüpfen. Das hier und da in Aussicht gestellte Gespenst der Konkurserkennung über die israelitischen Gemeinden, hätte dann die beste Aussicht auf Realisierung, was umso weniger im staatlichen Interesse gelegen sein kann, als alle Verbindlichkeiten der Gemeinde gegen Dritte unter ausdrücklicher Autorisation und Gutheißung der Staatsregierung eingegangen worden sind, ja dieselbe sogar den Rabbiner mit landesherrlichen Dekret angestellt hat."            

    
Die Prinzessinnen des Großherzoglichen Hauses besuchen die Synagoge und weitere Mitteilungen (1883)   

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 20. Februar 1883: "Darmstadt, im Februar (1883) (Privatmitteilung) Als Beweis, wie wenig Grund und Boden der Antisemitismus im Großherzogtum Hessen und speziell in Darmstadt findet, mögen folgende Tatsachen dienen: Ihre königlichen Hoheiten die Prinzessinnen des Großherzoglichen Hauses, welches stets an der Spitze echter Toleranz und Humanität steht, besuchten am verflossenen Sabbat die Synagoge der hiesigen israelitischen Hauptgemeinde, wurden am Eingange der von Herrn Kommerzienrat Blumenthal im Namen des Vorstandes empfangen und auf die ersten Plätze der Frauengalerie geleitet. Dieselben sprachen sich in sehr lobender Weise über die treffliche Predigt unseres vorzüglichen Rabbinern Herrn Dr. Landsberger, sowie über den ganzen Gottesdienst aus. - Vor kurzem wurde unsere in allen Kreisen beliebte Kantor Herr Oppenheimer, der nebenbei bemerkt am 28. März seine 25-jähriges Jubiläum feiern wird, in den Vorstand des unter dem Protektorat seiner königlichen Hoheit des Großherzogs stehenden Musikvereins gewählt. - An den hiesigen Volksschulen würden zwei definitiv angestellte jüdische Lehrer, ebenso gehören dem Lehrerkollegium des Polytechnikum das zwei jüdische Professoren an. – Die hiesige Freimaurerloge feierte vor einigen Tagen das Andenken des bei dem Untergang der 'Cimbria' (vgl. Wikipedia-Artikel) verunglückten Mitgliedes Herrn Moritz Strauß in ergreifender Weise. - Die sämtlichen Konfessionen leben hier in schönster Eintracht, und haben wir nur den Wunsch, dass es überall so sein möge." 

   
Hakenkreuzschmierereien an der Synagoge und jüdischen Häusern (1922)    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Oktober 1922:  "Darmstadt, 8. Oktober (1922). In der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch wurden die Treppen der Synagogengebäude und verschiedene Hauseingänge, in denen israelitische Familien wohnen, mit Hakenkreuzen aus roter Ölfarbe bemalt. Für die Ermittlung der Täter ist eine Belohnung von 10.000 Mark ausgesetzt."        

    
50. Jahrestag der Einweihung der Hauptsynagoge ohne Beteiligung der orthodoxen Gemeinde (1926)     

Artikel in der "Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 5. März 1926: "Darmstadt. (Orthodoxe Intoleranz). Die hiesige israelitische Hauptgemeinde feierte am 20. Februar den 50-jährigen Erinnerungstag der Einweihung ihrer Synagoge mit einem sehr feierlichen Gottesdienst, bei welchem die gesamte Gemeinde, ferner die hessischen Minister Brentano und Henrich, der Oberbürgermeister, der Provinzialdirektor und andere Behörden, sowie die Rabbiner und Vorstände der hessischen Hauptgemeinden anwesend waren. Der Gemeindevorstand hatte auch die Mitglieder der separierten orthodoxen Darmstädter Religionsgemeinde eingeladen, erhielt jedoch von derselben eine Absage mit folgender schriftlichen Motivierung: 
'Die völlig entgegengesetzten Weltanschauungen, die Ihrer und unserer Gemeinde zugrunde liegen und die voneinander durch unüberbrückbare Weiten geschieden sind, machen es uns unmöglich usw. usw.'. 
Die Darmstädter Orthodoxen waren von jeher bekannt dafür, dass sie eine ganz besondere Intoleranz und Intransigenz zur Schau trugen, aber dieses Schreiben hat doch in der ganzen Darmstädter Gemeinde eine besondere Entrüstung hervorgerufen und es wäre zu viel Ehre, demselben noch eine Entgegnung der Kritik angedeihen zu lassen. 
So sieht die vielgerühmte jüdische Solidarität aus."     

    
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge von SA-Männern durch Brandstiftung zerstört. Nach den Ausschreitungen in der Nacht vom 9. auf den 10. November blieb von der Synagoge nur noch eine ausgebrannte Ruine übrig, die unter der Bebauung der nachfolgenden Jahre verschwand. 
   
Im Oktober 2003 wurden bei Bauarbeiten für einen Neubau des Klinikums Darmstadt Teile der Grundmauern der zerstörten Liberalen Synagoge entdeckt. 2008 beschloss der Gemeinderat der Stadt die Einrichtung einer Gedenkstätte auf den Grundmauern der zerstörten Synagoge. Am 9. November 2009 wurde der "Erinnerungsort Liberale Synagoge" eingeweiht. Zentrum des Erinnerungsortes sind die Fundamente des ehemaligen Toraschreines und eines Turmes. Ein von den Installationskünstlern Ritula Fränkel und Nicholas Morris konzipierter künstlerisch–didaktischer Parcours erzählt die Geschichte dieses Ortes. Als räumliche Inszenierung ersteht das Bild der Synagoge wie sie früher aussah und nach der Zerstörung. Zeitzeugen-Interviews und Dokumente vermitteln eine Vorstellung von dem Leben vor der Verfolgung der Juden in Darmstadt, den Schikanen des Nationalsozialismus und den Ereignissen nach der Pogromnacht. Der Erinnerungsort Liberale Synagoge versteht sich als Depot der Erinnerung, als Mittler zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Am authentischen Ort des Geschehenen wird auf die "verschwundene" Vergangenheit, auf das, was nicht mehr sichtbar ist, verwiesen. 
(Text nach der Seite https://www.darmstadt.de/standort/stadtportraet/gedenkstaetten/

Öffnungszeiten des Erinnerungsortes Liberale Synagoge: Mittwoch und Sonntag von 11.30 Uhr bis 16.00 Uhr. Regelmäßige öffentliche Führungen werden angeboten. 
Zugang zur Gedenkstätte über den Klinikeingang Bleichstraße (zwischen Neubau und Bleichstr. 19). 
Informationen zum Besuch von Gruppen und Schulklassen: https://www.darmstadt.de/standort/stadtportraet/gedenkstaetten/informationen-fuer-schulklassen/    
   
   
Adresse/Standort der Synagoge:   neue Synagoge von 1876 in der Friedrichstraße 2 im neu geschaffenen Johannesviertel  
    
    
Fotos   
Vgl. weitere Fotos in der Website www.liberale-synagoge-darmstadt.de)  

Die "alte Synagoge"    Darmstadt Synagoge 179.jpg (131517 Byte)  
   Die alte Synagoge war 1737 eingeweiht und 1842 
umfassend saniert und erweitert worden 
 
      
Die 1876 eingeweihte 
Liberale Synagoge 
 
Darmstadt Synagoge 190.jpg (122720 Byte) Darmstadt Synagoge lib025.jpg (47537 Byte) 
   Außenansicht (Quelle: Paul Arnsberg, 
Die jüd. Gemeinden in Hessen) 
 Postkarte mit Außen- und Innenansicht 
Quelle: F. Banyai collection, Prag über www.synagogen.info  
     
Der "Erinnerungsort Liberale Synagoge" 
(Foto: Stadt Darmstadt; Foto von Nikolaus Heiss)  
Darmstadt Synagoge E020.jpg (101531 Byte)   
     

Film: "Die Liberale Synagoge: Wenn Steine aus der Mauer schreien" von Florian Steinwandter-Dierks: https://www.youtube.com/watch?v=SXgfs9YQo64 bzw. Auszug:  https://www.youtube.com/watch?v=yKNiZ6rYZrU     
   
   
    
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte      
Februar 2008: Gedenkstätte auf Platz von Synagoge - Magistrat in Darmstadt stimmt Konzept zu    
Artikel in der "Wormser Zeitung" vom 29.02.2008: DARMSTADT (dpa) Auf den Mauerresten der ehemaligen Liberalen Synagoge von Darmstadt wird 70 Jahre nach ihrer Zerstörung bei der Reichspogromnacht im November eine Gedenkstätte eröffnet. Der Magistrat stimmte dem künstlerischen Konzept zu und sicherte die Finanzierung, sagte Oberbürgermeister Walter Hoffmann. "Kein anderes Zeitdokument unserer Stadt verfügt über so viel Symbolkraft, beschreibt so intensiv die Verbrechen der Nationalsozialisten."  
Mauerreste und liturgische Geräte der 1876 erbauten Synagoge waren im Herbst 2003 bei Aushubarbeiten zum Neubau des Klinikums Darmstadt entdeckt worden. Sie gelten als einzigartiges Kulturdenkmal und stehen unter Denkmalschutz. Nach dem Fund verhängte die Stadt einen Baustopp und beschloss 2004, eine Gedenkstätte in den Klinikneubau zu integrieren. Der "Ort der Erinnerung und der Mahnung" soll am 7. November und damit zwei Tage vor dem Jahrestag der Reichspogromnacht eröffnet werden. "Wir liegen gut im Zeitplan", sagte Hoffmann. Der Klinikbetrieb werde Anfang 2009 starten. Nach den Worten von Bürgermeister Wolfgang Glenz bezahlt die Stadt rund 2 Millionen Euro für den Bau des 15 Mal 15 Meter großen Raumes, in dem Besucher auf Stegen über die Mauerreste laufen, sie aber nicht betreten können. Das Geld sei trotz knapper Kassen gut angelegt. Glenz: "Die Gedenkstätte ist notwendig als Mahnung, dass solche Verbrechen nie wieder geschehen und dass Rassismus und Intoleranz keine Chance haben dürfen." Das Land hatte eine finanzielle Unterstützung abgelehnt. Dabei ist der Ort nach den Worten des städtischen Denkmalpflegers Nikolaus Heiss einmalig: "Authentische Mauerreste einer zerstörten Synagoge, das gibt es kein zweites Mal." Besucher der Gedenkstätte werden über einen Parcours mit zehn Stationen geführt. In einer Dia-Installation werden historische Bilder der prunkvollen Synagoge gezeigt, in Filmen kommen Zeitzeugen zu Wort und eine Licht-Installation mit wechselnden Bildern zeigt den Verlust der Liberalen Synagoge für das Darmstädter Stadtbild.   
  
November 2008: Publikation zur liberalen Synagoge   
Darmstadt Synagoge l170.jpg (18939 Byte)Artikel von Johannes Breckner in "Echo online" am 21. November 2008 (Artikel
Eine Zierde unserer Stadt“ von Martin Frenzel - Es dürfte auch Jahre nach der Einweihung der Gedenkstätte als Standardwerk gelten 
„EINE ZIERDE UNSERER STADT“ wurde sie zur Eröffnung genannt, gut sechzig Jahre später war sie zerstört: die Liberale Synagoge in Darmstadt. Das Foto aus dem Darmstädter Stadtarchiv entstand um 1910. (Aus dem vorgestellten Band). 
Eigentlich hätte vor ein paar Tagen die Gedenkstätte eröffnet werden sollen, dort, wo beim Neubau der Städtischen Kliniken in Darmstadt die Fundamente der Liberalen Synagoge entdeckt worden waren. Aber die Gedenkstätte war noch nicht fertig. Ganz im Gegensatz zu dem Buch, das aus diesem Anlass erschienen ist, von seiner inhaltlichen Vielfalt aber weit über ihn hinausweist. Martin Frenzel hat das 1876 erbaute Gotteshaus, das 1938 von den Nazis zerstört wurde und erst aus dem Stadtbild, dann weitgehend aus der Erinnerung verschwand, zum Anstoß einer bemerkenswert umfassenden Betrachtung genommen. Der von ihm herausgegebene Band, zu dem er auch viele der Beiträge selbst verfasst hat, ist nicht in erster Linie der Baubeschreibung gewidmet, wenngleich Frenzel die Planung, Entstehung und Geschichte der Synagoge detailliert beschreibt. Er geht aus von dem Konflikt, der sich 2003 an dem Fund entzündete, lässt Beteiligte und Beobachter zu Wort kommen, schildert die zähen Auseinandersetzungen, die es um den Plan einer Gedenkstätte gab. Das wäre bei einem Buch aus diesem Anlass zu erwarten gewesen. Das Buch bietet jedoch eine Fülle weiterer höchst lesenswerter Überraschungen. So zeichnet Eckhart G. Franz die Geschichte der Darmstädter Juden nach, Thomas Lange und Thomas Reinheimer ergänzen den historischen Überblick durch die Schilderung persönlicher Schicksale, Fritz Deppert spürt dem Umgang der Darmstädter mit der Erinnerung nach. Daneben schildert das Buch auch die Gegenwart der jüdischen Gemeinde in Darmstadt: So beschreibt Rainer Hein seinen einjährigen Selbstversuch – der protestantische Journalist hat die Gottesdienste in der Neuen Synagoge mitgefeiert und die Erlebnisse mit einem Porträt der Gemeinde verknüpft. So erzählt dieses reich illustrierte und sorgfältig gestaltete Buch nicht nur von Verlust und Zerstörung, sondern auf sehr seriöse Weise auch von Gegenwart und Zukunft: Es dürfte auch Jahre nach der Einweihung der Gedenkstätte als Standardwerk gelten nicht nur zur Liberalen Synagoge, sondern zum jüdischen Leben in Darmstadt.. 
Martin Frenzel (Herausgeber): "'Eine Zierde unserer Stadt' – Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Liberalen Synagoge in Darmstadt.  Verlag Justus von Liebig in Darmstadt. 232 Seiten mit vielen Abbildungen. 24,80 €.  
  
November 2009: Einweihung der "Gedenkstätte Liberale Synagoge"   
Artikel in "echo-online" (Artikel
Darmstadt. Gedenkstätte Liberale Synagoge: Ausgabe von Karten für Führungen. Die Wissenschaftsstadt Darmstadt lädt für den 9. November (Montag) um 15 Uhr zur Einweihung der Gedenkstätte Liberale Synagoge auf das Gelände des Klinikums Darmstadt ein. Die Liberale Synagoge war in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 von den Nationalsozialisten zerstört worden. Bei Bauarbeiten auf dem Klinikgelände wurden im Jahr 2003 Fundamente der Synagoge entdeckt, um die herum ein Erinnerungsort geschaffen wurde. Im Anschluss an die öffentliche Einweihungsfeier besteht ab etwa 16.30 Uhr Gelegenheit, den Erinnerungsort im Rahmen von halbstündigen Führungen zu besichtigen. Karten hierfür werden im Bürgerinformationszentrum der Stadt Darmstadt, Luisenplatz 5A, ausgegeben. Um die Wartezeit zu verkürzen, wird es im Logistikzentrum des Klinikums Vorträge zur Gedenkstätte geben. Referenten sind Martin Frenzel, Herausgeber des Buches 'Eine Zierde unserer Stadt' über die Liberale Synagoge, und Denkmalpfleger Nikolaus Heiss, der über die Entwicklung des Projekts Erinnerungsort sprechen wird. Parkmöglichkeiten bestehen im Parkhaus des Klinikums an der Bleichstraße. Zu Fuß ist die Gedenkstätte über die Pforte an der Friedrichstraße zu erreichen. Wer am 9. November keine Zeit hat, kann die Gedenkstätte vom 10. bis 13. November von 13.30 bis 18 Uhr und dann jeweils samstags und sonntags von 11.30 bis 16 Uhr besichtigen. 
   
   
Seit 2005: "Stolpersteine" in Darmstadt  
In Darmstadt werden seit 2005 "Stolpersteine" verlegt, insgesamt liegen in Darmstadt, Arheilgen und Eberstadt seit der Verlegung am 22. April 2016 über 266 Gedenksteine.
Eine Info-Broschüre über die Aktion Stolpersteine ist kostenlos im Bürger- und Informationszentrum der Wissenschaftsstadt Darmstadt am Luisenplatz erhältlich. Für 120 Euro kann eine Patenschaft für das Herstellen und Setzen eines Stolpersteins übernommen werden. Ansprechpartner bei der Stadt Darmstadt ist Kulturamtsmitarbeiter Bernhard Baum, Telefon: 06151-133336, E-Mail: bernhard.baum@darmstadt.de   
Liste der "Stolpersteine in Darmstadt, Arheilgen und Eberstadt":   http://www.dfg-vk-darmstadt.de/Lexikon_Auflage_2/Stolpersteine_Liste_sortierbar.htm   
Seite der Darmstädter Geschichtswerkstatt e.V. zu den "Stolpersteinen" in Darmstadt:   http://www.darmstaedter-geschichtswerkstatt.de/themen/j-dische-spuren/stolpersteine/   
Nachstehend sind einzelne Presseartikel zusammengestellt, die exemplarisch über Verlegeaktionen in Darmstadt berichten: 
März 2012: Weitere Verlegung von "Stolpersteinen" 
Artikel in "Echo-Online" vom 20. März 2012: "Schikanen gegen einen Landgerichtsrat. Vorschau - Am Donnerstag verlegt Gunter Demnig weitere Stolpersteine zum Gedenken an verfolgte Juden..."  
Link zum Artikel      
 
Mai 2012: Auszeichnung für den Arbeitskreis Stolpersteinverlegung  
Artikel in "Echo-online" vom 14. Mai 2012: "'Für ein weltoffenes Darmstadt'. Preisvergabe - Stadt zeichnet Arbeitskreis Stolpersteinverlegung und Flüchtlingshilfe aus...."  
Link zum Artikel     
 
Juni 2014: Weitere Verlegung von "Stolpersteinen"   
Artikel in "Echo-Online.de" vom 27. Mai 2014: "In Darmstadt werden weitere Stolpersteine verlegt
DARMSTADT. Am Himmelfahrts-Donnerstag werden in Darmstadt weitere Stolpersteine verlegt. Das Projekt 'Stolpersteine' soll an Menschen erinnern, die während der Zeit des Nationalsozialismus Opfer von Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung wurden. Die Stolpersteine werden vor den Häusern verlegt, in denen die Opfer ihre letzte freiwillige Wohnung hatten oder gearbeitet haben.
Seit 2005 wurden in Darmstadt 199 Stolpersteine verlegt. Stadtrat Peter Schmidt wird mit Initiator Gunter Demnig am Donnerstag weitere 14 Steine verlegen. Dazu ist die Bevölkerung eingeladen. Die Verlege-Termine und -Orte:
13.30 Uhr, Ernst Ludwig-Straße 17: für Hans Stephan Steinberg, Rudolf Steinberg, Erna Steinberg, Lotte Steinberg.
14.15 Uhr, Wilhelminenstraße 31: für Clothilde Hachenburger, Leopold Hachenburger, Else Fanny Hachenburger, Julie Rosenthal
15.00 Uhr, Elisabethenstraße 45: für Justine Rothschild, Mathilde Rothschild
15.30 Uhr, Saalbaustraße 10: für Henriette Ollendorf
16.00 Uhr, Adelungstraße 48: für Hedwig Adler, Margarethe Adler
16.15 Uhr, Adelungstraße 49: für Salomon (Sally) Lichtenstein
Eine Informationsbroschüre zur Aktion Stolpersteine ist kostenlos im Bürgerberatungs- und Informationszentrum der Stadt am Luisenplatz 5 A erhältlich."  
Link zum Artikel        
In Darmstadt werden weitere Stolpersteine verlegt (veröffentlicht am 27.05.2014 11:20 auf echo-online.de)   
 
April 2016: Weitere Verlegung von "Stolpersteinen"   
Am 22. April 2016 wurden 19 Stolpersteine verlegt: in der Heidelberger Straße 83 für Benjamin und Blanda Körber, Ingeborg, Renate, Alfred und Julius Körber sowie Karoline Kirchhausen; in der Orangerieallee 9 für Sidonie Landau, in der Hochstraße 49 für Fanny Fejge Kahn; in der Hochstraße 42 für Ludwig, Alice und Margrit Ranis sowie Charlotte und Emma Gutenberg; in der Hoffmannstraße 49 für Julie Henriette Delp; Heinrichstraße 169: Ludwig, Selma und Thea Kahn; in der Teichhausstraße 41 für Zipora Knopfmacher.   
Dazu Artikel von Harald Pleines in Echo-online vom 21. April 2016: "Gunter Demnig verlegt in Darmstadt 19 neue Stolpersteine..."  
Link zum Artikel  bzw.  Gunter Demnig verlegt in Darmstadt 19 neue Stolpersteine (Echo Online, 21.04.2016)
Artikel von Marc Wickel in Echo-online vom 23. April 2016: "Darmstadt - Stolpersteine gegen das Vergessen..."  
Link zum Artikel    
 
Film bei Youtube über die Stolpersteine-Verlegung in der Lauteschlägerstraße und der Elisabethenstraße in Darmstadt 2009: https://www.youtube.com/watch?v=Dq6YbfyFvRQ    
 

           


Links und Literatur  

Links:   

Website der Stadt Darmstadt    
Website der Jüdischen Gemeinde Darmstadt (noch nicht vorhanden)   
Seite des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Hessen zur Jüdischen Gemeinde Darmstadt  
Website des Fördervereins Liberale Synagoge Darmstadt e.V. - Verein für aktive Erinnerungskultur www.liberale-synagoge-darmstadt.de 
Website der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Darmstadt (Alexander-Haas-Bibliothek)  
Website der Darmstädter Geschichtswerkstatt e.V. (dort ein Schwerpunkt: jüdische Spuren)  
Online-Ausstellung: Neubeginn jüdischen Lebens in Darmstadt nach 1945 (Online Ausstellung des Hessischen Staatsarchivs Darmstadt)            
Informationsseite der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung zum Museum  
Portrait des derzeitigen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Moritz Neumann (als Rundfunkrat des Hessischen Rundfunks)  
Private Seite einer Exkursion mit Fotos zur Synagoge 
Zur Seite über den jüdischen Friedhof in Darmstadt (interner Link) 
Webportal HS 010.jpg (66495 Byte)Webportal "Vor dem Holocaust" - Fotos zum jüdischen Alltagsleben in Hessen mit Fotos zur jüdischen Geschichte in Darmstadt 

Literatur (kleine Auswahl):  

Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Band  I S. 113-132.  
ders.: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder - Dokumente. S.   
Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 S.   
dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 
Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 54-55.    
Moritz Neumann / Eva Reinhold-Postina: Das Darmstädter Synagogenbuch. Eine Dokumentation zur Synagogeneinweihung am 9. November 1988. Im Auftrag des Magistrats der Stadt Darmstadt und der Jüdischen Gemeinde Darmstadt. Darmstadt 1988. 
Jutta Reuss und Dorothee Hoppe (Hrsg.): Stolpersteine in Darmstadt. Justus von Liebig Verlag. Darmstadt 2013. ISBN 978-3-87390-321-0. 14,80 € 
Darmstadt Synagoge Lit011.jpg (74227 Byte)Martin Frenzel: "Eine Zierde unserer Stadt". Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Liberalen Synagoge Darmstadt. Erschienen im Justus-von-Liebig-Verlag Darmstadt 2008.     

   
     


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.    
   
Darmstadt Hesse. In 1629 Jewish traders were compelled to leave the city. By 1713, however, some 30 Jewish families were living there. They supplied the duke with cash and his army with provisions, dedicated a synagogue (1737), and appointed Mordekhai Halberstadt as rabbi (1729-51). A district rabbinate was established in 1761 and by 1836 Jews numered 532 (2,3 % of the total). 
From the mid-19th century, when Jews attained civil rights, they contributed to the city's prosperity as bankers, industrialists, and wholesalers. Jews were elected to the city council and one served as vice-chairman of the Landtag. After the resignation of Benjamin Auerbach, when traditionalists vetoed the appointment of Leopold Zunz as his successor (1857), the communal leadership installed an organ in the synagogue and a Reformer, Julius Landsberger, in the rabbinate. Orthodox members then broke away and established a congregation that was recognized as an Austrittsgemeinde under the law of secession (1878). The two rival communities maintained separate institutions and built impressive new synagogues, one Liberal (1876) and the other Orthodox (1904). As the Orthodox chief rabbi of Starkenburg province (1897-1910), Lehmann Marx had a 100-family congregation and 77 rural communities under his jurisdiction. The city's Jewish population grew to 1.275 (3 %) in 1880 and 1.908 (over 2 %) in 1910. 
After Worldwar I, antisemites called for a pogrom to avenge Germany's 'betrayal' and defeat. A branch of the Jewish War Veterans Association was established, and organizations ranging from Agudat Israel to the German Zionist Organization became active. Darmstadts Jews who attained eminence during the Weimar Republic era included the literary historian Friedrich Gundolf and the poet Karl Wolfskehl. A facsimile edition of the Darmstadt Haggadah (1927) was published by Bruno Italiener, the scholarly Liberal rabbi (1907-29), and Julius Merzbach headed the Orthodox rabbinate (1925-39) until he emigrated to Palestine.  
After the Third Reich's establishment in 1933, an anti-Jewish boycott was launched on 9 March 1933 - three weeks before the official date. Judges, professors, doctors, and teachers were dismissed; businessmen had to resign from public office; and Lilli Palmer, then a young actress, was also fired. Nazi measures - from the 'Aryanization' of Jewish-owned stores to 'No Jews Admitted' signs - galvanized emigration and reduced the community to fewer than 700 by August 1938. Its leaders made a heroic effort to take care of the sick and needy, mainted Jewish religious facilities (despite the Liberal-Orthodox rift), and arrange social and cultural events. The Zionist Organization's local branch organized lectures, firm shows, Hebrew language courses, and the aliya of no fewer than 200 Jews through its Palestine Office (1933-36). Modern Hebrew was also taught at the Orthodox day school, and various movements provided educational, social, sports, and other activities for the young. On Kristallnacht (9-10 November 1938), a group of SA troops destroyed the Orthodox synagogue's interior and facade, but kept the blaze under control so as to avoid damaging adjacent property. Most of the 28 Torah scrolls (previously hidden by the rabbi's instructions) remained intact. The Liberal synagogue was burned to the ground, however, and all of its precious Torah scrolls - including two dozen that belonged to smaller communities - were reduced to ashes. Jewish homes and property were vandalized; two of the 169 men imprisoned at the Buchenwald concentration camp died there; and the city council made a point of charging both congregations for the removal of debris. After Kristallnacht there was a final surge of emigration and aliya. By then, an amalgamation of the Livberal and Orthodox commmunities had taken plave, excluding worship and interment. From December 1940, the remaining Jewish were deported, about 380 being sent to the Theresienstadt ghetto, Auschwitz, and other death camps in 1942-43. 
After Worldwar II, the community was reestablished, numbering about 130 in the early 1990s.   
   
     

                   
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Stand: 28. Mai 2016