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Darmstadt
Darmstadt
Geschichte der Israelitischen Religionsgesellschaft
(orthodox-jüdische Gemeinde)
und ihrer Synagogen
Übersicht:
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Zur
Geschichte der Israelitischen Religionsgesellschaft in Darmstadt
Seit den 1850er- und 1860er-Jahren sind in Darmstadt
zahlreiche Familien aus den Landgemeinden der weiteren Umgebung zugezogen. Die
Mehrheit der Darmstädter jüdischen Einwohner war bis dahin liberal eingestellt
und für Reformen aufgeschlossen. Die aus den Landgemeinden zuziehenden Personen
waren überwiegend konservativ-orthodox eingestellt. Ihnen lag am traditionellen
jüdischen Gemeindeleben. Über Neuerungen - vor allem im Bereich des
gottesdienstlichen Lebens - kam es zu starken Spannungen innerhalb der Gemeinde
und des Rabbinatsbezirkes. Die orthodox gesinnten Gemeindeglieder Darmstadt und
mit ihnen die meisten Landgemeinden im Rabbinatsbezirk betrieben eine Trennung
vom liberalen Rabbinat und der liberalen Hauptgemeinde. In Darmstadt kam es zur
Gründung der israelitischen Religionsgesellschaft, im Bezirk zur Bildung eines
orthodoxen Rabbinatsverbandes.
Die in den 1850er-Jahren vom liberalen Gemeindevorstand durchgeführten Reformen
im gottesdienstlichen Leben (deutsche Gebete, gemischter Synagogenchor,
Veränderungen in der Liturgie) und vor allem der Einbau einer Orgel in der
Synagoge (1857) führte dazu, dass einige gesetzestreue Männer die Synagoge
verließen. Es bildete sich eine separate orthodoxe Gruppe unter Führung von Rabbi
Löb Sulzbach. Er stellte seine Wohnung für die Gottesdienste zur
Verfügung; die mit drei Männern gegründete "Israelitische
Religionsgesellschaft" hatte damals noch weitere 21 Anhänger. Zum
Vorstand wurden Jonas Mayer, Moritz Anspach und Hermann Neustadt gewählt.
Im Haus des Letzteren wurden vorübergehend auch Gottesdienst abgehalten. Als
Kantor und Lehrer war zunächst Joseph Leucht tätig.
Auch nach dem Amtsantritt des als gemäßigt liberal eingestellten Rabbiners Dr.
Julius Landsberger als Rabbiner in Darmstadt (1859) kam es nicht zu einer
Wiedervereinigung der beiden Gruppen in der Gemeinde. Die orthodoxe Gruppe
trennt sich endgültig von der Gemeinde. 1861 kauften 14 Mitglieder der
Religionsgesellschaft ein Grundstück, das sich an das Synagogengrundstück in
der Kleinen Ochsengasse 14 anschloss. So konnte man ab 1863/64 in einem Hintergebäude der Synagoge in einem eigens
hergerichteten Raum orthodoxen Separatgottesdienst abhalten. 1864
stellten Herz Bodenheimer und Jonas Maier, die mit Abraham Landsberg den
damaligen Vorstand bildeten (genannt auch im Bericht von 1867 s.u.), einen offiziellen Antrag auf Anerkennung der
Israelitischen Religionsgesellschaft als eigenständiger Israelitischer
Gemeinde. Der Antrag wurde behördlicherseits jedoch abgelehnt.
Seit Mitte der 1860er-Jahre fand täglicher Gottesdienst im orthodoxen
Betsaal statt. Als Kantoren und Lehrer waren nach Joseph Feucht ein Herr Strauß, dann
1866/67 ein Herr
Vogel, schließlich seit 1868 als Lehrer und Kantor H.A. Bender tätig (er feierte
1893 sein 25-jähriges Dienstjubiläum, siehe Bericht unten). Eine eigene Religionsschule
wurde eröffnet, in der bereits 1872 50 Schüler unterrichtet
wurden.
1871 beschloss eine
Gemeindeversammlung der Religionsgesellschaft unter Vorsitz von Rabbiner Dr.
Lehmann (Mainz) die Anstellung eines Rabbiners für die Religionsgesellschaft in
Darmstadt und die Landgemeinden. Es wurde der "Verein der gesetzestreuen
Israeliten der Provinz Starkenburg" gegründet (Gründungsdatum der 21.
Elul 5631 = 7. September 1871). Zum ersten Vorstand des Vereins gehörten Herz
Bodenheimer und Jonas Maier (Darmstadt), Mayer Bendheim (Auerbach), Salomon
Bodenheimer I (Biblis) und Löb Lyon (Michelstadt).
Zum Rabbiner wurde Dr. Lehmann Marx gewählt. Die Rabbiner der
Israelitischen Religionsgesellschaft in Darmstadt beziehungsweise ab 1897 des orthodoxen Rabbinates Darmstadt II
waren in der Folgezeit:
 | 1871 bis 1917 Dr. Lehmann
Marx (geb. 1846 in Strümpfelbrunn,
gest. 1925 in Darmstadt): war Sohn des Strümpfelbrunner Landwirtes Josef
Marx (1814-1889), nach dem Abitur am Lyzeum in Karlsruhe 1864 bis 1867
Studium in Würzburg und Berlin, wo er auch das Rabbinerseminar besuchte. Ab
13. September 1871 Leiter der Religionsschule der Israelitischen
Religionsgesellschaft in Darmstadt, von 1879 bis 1925 Rabbiner der
Religionsgesellschaft; wurde erst 1897 auf Druck orthodox
geprägter Landgemeinden (u.a. Bensheim, Dieburg, Dornheim, Groß-Umstadt,
Heppenheim, Höchst i.O., Lorsch, Schotten u.a.) durch den Großherzog
offiziell zum Rabbiner der orthodoxen Gemeinden des Rabbinatsbezirks
Darmstadt ernannt; 1917 erhielt er den Professorentitel; in diesem
Jahr trat er in den Ruhestand. |
 | 1910 bis 1924 Dr. Moses Marx (geb. 1876 in
Darmstadt; gest. 1924 in Darmstadt): war Sohn von Rabbiner Dr. Lehmann Marx;
nach dem Abitur am Ludwig-Georg-Gymnasium in Darmstadt ab 1894 Studium in
Würzburg, an der Breuer-Jeschiwa in Frankfurt und in Berlin; 1898 Promotion
in Würzburg; Januar 1902 bis 1910 orthodoxer Rabbiner in der Provinz
Westfalen mit Sitz in Recklinghausen; 1910 bis 1924 - zunächst zur
Unterstützung seines Vaters - als Rabbiner in Darmstadt tätig. |
 | 1924 als stellvertretender Rabbiner Dr. Nathan Cahn
(geb. 1892 in Fulda, gest. 1924 in Darmstadt): war Sohn des
Provinzialrabbiners Michael Cahn in Fulda; 1911-1915 Besuch der
Tora-Lehranstalt von Salomon Breuer in Frankfurt am Main; Studien an den
Universitäten in Frankfurt am Main und Gießen sowie am Rabbinerseminar in
Berlin, die Studienzeit wurde unterbrochen durch Kriegsdienst 1916 bis 1919;
1922 Promotion in Gießen; 1922 Rabbiner in Fulda, anschließend in Köln;
1924 stellvertretender Rabbiner in Darmstadt. Er starb wenige Tage vor
seiner Hochzeit (s.u. Bericht zu seinem Tod). |
 | 1924 bis 1925/31 Moses Samson Wassermann (geb. 1891
in Großmaset [Velikiye Mosty] in Galizien, gest. 1962 in Tel Aviv, Israel):
nach dem Schulbesuch Studium und Jeschiwa-Besuch in Brody, 1914
Rabbinatsassessor in Brody, 1917 österreichischer Feldrabbiner, dann
Rabbinatsvikar in Kirchdorf und Steyr, Oberösterreich; 1918 bis 1925
Rabbinatsverweser in Lübeck, 1923 Rabbiner in Kiel; 1924 Dajan und
Rabbinatsverweser in Darmstadt, 1925 Rabbiner der orthodoxen
Religionsgesellschaft ebd.; 1931 Dajan in Breslau, 1939 Emigration nach
Palästina, wo er als Rabbiner im Bezirk Neve Sha'anan in Tel Aviv tätig
war, dazu Mitglied des Rabbinatsgerichts in Tel Aviv und weitere
Funktionen. |
 | 1925 bis 1940 Dr. Julius Jona Merzbach (geb.
1900 in Berlin, gest. 1980 in Jerusalem): nach dem Schulbesuch Studium in
Marburg (auch der Mathematik) und Berlin, wo er auch das Rabbinerseminar
besuchte. Promotion in Marburg (mathematisches Thema) 1925. Von September
1925 bis 1940 Rabbiner der Israelitischen Religionsgesellschaft in
Darmstadt. 1940 Emigration nach Palästina, Dozent an der Jeschiwa "Qol
Tora" in Jerusalem. |
 | 1931-1933: Rabbiner Simon Schwab (geb. 1908 in
Frankfurt, gest. 1995 in New York): studierte in Frankfurt, Mir und Telsch; Dozent
an der Jeschiwa in Montreux; 1931 bis
1933 stellvertretender Rabbiner in Darmstadt; 1933 bis 1936 Bezirksrabbiner
in Ichenhausen; 1936 in die USA
emigriert; 1937 bis 1956 Rabbiner in Baltimore, ab 1958 in Washington.
|
1878 wurde ein erneuter Beschluss gefasst, aus der
Israelitischen Religionsgemeinde auszutreten. Im Blick auf die Nutzung des
Friedhofes wurde ein Kompromiss angestrebt. Da die völlige Separation der
orthodoxen Gemeindeglieder auch eine erhebliche finanzielle Schwächung der
Israelitischen Religionsgemeinde bedeutete, konnte diese zunächst noch
erfolgreich die Abspaltung hinauszögern.
An Einrichtungen hatte die Israelitische Religionsgesellschaft eine
Synagoge (s.u.), die bereits genannte Religionsschule, einen separaten Friedhof
innerhalb des allgemeinen jüdischen Friedhofes
und ein rituelles Bad.
Die Israelitische Religionsgesellschaft entwickelte ein reges Gemeindeleben
mit eigenen Vereinen. Neben den Rabbinern der Religionsgesellschaft waren
für das Gemeindeleben von großer Bedeutung die Vorbeter und
Religionslehrer, unter denen nach dem bereits genannten Lehrer H.A. Bender
vor allem Jacob Lebermann zu
nennen ist. Er war seit 1888 in der Israelitischen Religionsgesellschaft tätig,
konnte 1913 sein 25-jähriges Dienstjubiläum in der Gemeinde verbleiben und
ging 1925 nach 37 Jahren erfolgreicher Tätigkeit in den Ruhestand (gestorben
1930, siehe Berichte unten). Große Anerkennung genoss auch der gleichfalls 1930 verstorbene Vorbeter und
Schochet der Gemeinde Elias Lippmann. Er war 26 Jahre in der Gemeinde in
diesen Ämter tätig.
1924, als zur Israelitischen Religionsgesellschaft etwa 110 Familien
gehörten, waren die Gemeindevorsteher: Sanitätsrat Dr. L. Bodenheimer,
Moritz Mayer, Henri Strauß und Max Mayer. Der Repräsentanz gehörte an: Josef Freitag, Leo Hirsch, S. Störger, B. Bodenheimer und S. Bodenheimer. Das
Rabbinat war seit dem Tod von Rabbiner Dr. Moses Marx unbesetzt, als
Rabbinatsassessor war Moses Wassermann tätig, wohnt Grafenstraße 13). Lehrer
und Kantor war weiterhin Jakob Lebermann. Er und Rabbinatsassessor Wassermann
unterrichteten die damals 70 Kinder an der Religionsschule der Gemeinde. An Vereinen
gab es innerhalb der Religionsgesellschaft: der Wohltätigkeitsverein Chewra
Kadischa (1924 unter Leitung von Benny Bär; 1932 wird an seiner Stelle der
seit 1710 bestehende Wohltätigkeitsverein Chewra Gemillus Chassodim
genannt, der nun von der Religionsgesellschaft bzw. ihrem Mitglied Benny Bär,
Landwehrstraße 12 mit 34 Mitgliedern geleitet wurde), der Talmud-Thora-Verein
(1924 unter Leitung von M. Katzener, 1932 Adresse des Vereins:
Saalbaustraße 10), der Unterstützungsverein der Israelitischen
Religions-Gesellschaft und Kohlenkasse Darmstadt (Saumech Noflim-Verein e.V.,
gegründet 1888, 1924 unter Leitung von Max Mayer, 1932 unter Leitung von Carl
Lehmann, Georgenstraße 7 mit 100 Mitgliedern; Zweck und Arbeitsgebiete:
Armenunterstützung, Versorgung mit Brennmaterial), der Brautausstattungsverein
der Israelitischen Religionsgesellschaft zu Darmstadt e.V. (gegründet 1882,
1924 unter Leitung von Z. Hirsch, 1932 unter Leitung von H. Strauß,
Mathildenstraße 9 und 50 Mitgliedern; Zweck und Arbeitsgebiete:
Brautausstattung), die Agudas Jisroel-Vereinigung (1924 unter Leitung von
Leo Hirsch; 1932 Adresse der Vereinigung: Schloßgartenstraße 63), der Verein
"Esra" (1924 unter Leitung von A. Dernburg; 1932 Adresse des
Vereins: Grafenstraße 13) und der Wanderunterstützungsverein (1924
unter Leitung von Theodor Mayer).
1932 waren die Gemeindevorsteher: Sanitätsrat Dr. L. Bodenheimer
(1. Vors., wohnt Heidelberger Straße 6), Josef Freitag (2. Vors., wohnt
Heidelberger Straße 63; Freitag war nach 1933 1. Gemeindevorsteher, gest.
1936 siehe Bericht unten), B. Bodenheimer (Schriftführer, wohnt Georgenstraße
10), H. Strauß (Schatzmeister, wohnt Mathildenplatz 9). Als Rabbiner war
(bereits seit 1925) Rabbiner Dr. Julius Merzbach tätig (wohnt Schulstraße 10),
als Rabbinatsassessor Simon Schwab (seit 1931). Nach dem Tod Jacob
Lebermann wurde als Lehrer ein Herr Wahrhaftig angestellt (wohnt
Friedrichstraße 18). Der Gemeindevorstand hatte an Ausschüssen einen
Verwaltungsausschuss und einen Steuerausschuss, die durch den Vorsitzenden Dr.
Bodenheimer geleitet wurden. Die Religionsschule der Israelitischen
Religionsgesellschaft - unter Leitung von Rabbiner Dr. Merzbach - hatte im
Schuljahr 1931/32 87 Schüler. Als koschere Speiseeinrichtung der Israelitischen
Religionsgesellschaft gab es unweit der Synagoge das "Hotel Stadt
Frankfurt" in der Bleichstraße 22.
Nach 1933 gab es noch für mehrere Jahre ein reiches kulturelles und
religiöses Leben innerhalb der Israelitischen Religionsgesellschaft (vgl. die
Berichte unten). Die Zerstörung der Synagoge 1938 (s.u.), die Emigration
eines großen Teiles der Gemeindemitglieder und die schließliche Deportation
der noch in Darmstadt lebenden jüdischen Personen zerstörten die über
Jahrzehnte das religiöse Leben Darmstadts in mannigfacher Weise bereichernde
Israelitische
Religionsgesellschaft.
Berichte
aus der Geschichte der Israelitischen Religionsgesellschaft
Berichte über die Entstehung der Israelitischen Religionsgesellschaft
Bericht über die Israelitische Religionsgesellschaft in
Darmstadt aus Anlass der Einweihung einer Torarolle (1867)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 11. September 1867: "Darmstadt. Noch ist das Gefühl
für den Glauben in Israel nicht ganz erloschen, es finden sich noch
überall Männer, die festhaltend an den heiligen Satzungen des
unverfälschten, historischen Judentums, Leute um sich scharen und trotz
der Schwierigkeiten, die ihnen von gegnerischer Seite bereitet werden,
dennoch zum Ziel gelangen... Einen evidenten Beweis dazu liefert das in
religiöser Hinsicht so übel beleumundete Darmstadt. Es bedarf nicht mehr
einer Erwähnung, dass sich dahier gleich nach dem Auftauchen
reformerischer Pläne eine Gruppe, die zwischen Falschen und Wahrem
unterscheiden kann, gebildet hat, das, anfangs aus 5 Mitgliedern
bestehend, eine Synagoge mit prächtiger Einrichtung erbaute und jetzt auf
25 durchaus ehrbare, von einem Geiste durchdrungene Männer angewachsen
und noch im stetigen Wachsen begriffen ist. Die Edat Jeschurun
feierte am Schabbat Paraschat Reeh (Schabbat mit der Toralesung Reeh
= 5. Mose 11,26 - 16,17, das war am Schabbat 31. August 1867) eine Toraeinweihung. Liegt in
einer solchen Feier für den wahrhaft frommen Jehudi schon an und für
sich eine erhebende Idee, so konnte sie bei Jedem der Stifter und
Mitglieder einen umso größeren Eindruck hervorzubringen nicht verfehlen,
als sie sich das bisher Geschehene ins Gedächtnis zurückrufen mussten.
In diesem Sinne sprach sich auch der ehrwürdige Rabbinats-Kandidat Herr
Löw Sulzbacher in einer geistreichen, gedankenvollen Rede aus. Er
betonte in kurzen Worten, dass seine Freunde, die im Vereine mit ihm bei
dem ersten Auftauchen der Reformen in hiesiger Stadt, ohne die großen
Geldmittel zu schauen, das Naasä ('wir wollen etwas tun')
gesprochen, nun dem Ganzen durch das nischma ('wir wollen hören',
auf die neue Torarolle anspielend) die Krone aufsetzten. Dies Alles sei
aber nur durch die herrschende Einigkeit möglich gewesen. Er bewies dann
unter der gespanntesten Aufmerksamkeit der Zuhörer, dass Einigkeit nur
durch den rechten Glauben, den ersten Willen und die religiöse Kenntnis
eine dauernde Stätte finden könne. Er führt zum Belege zwei Verse aus
den Psalmen, 7 und 8, Kapitel 19 an.
Alle Zuhörer waren von den zu Herzen gehenden Worten tief ergriffen.
Abends wurde ein Festessen veranstaltet, dem sich sämtliche Mitglieder
anschlossen. Diese Gelegenheit benutzte Herr Sulzbacher, den Schomrei
Schabbat (Hüter des Schabbat) -Verein zur Sprache zu bringen und es
meldeten sich einstweilen 20 Mitglieder mit einem jährlichen Beitrag von
einem preußischen Thaler zum Beitritt. Mit Recht sagen unsere Weisen: ein
Gebot zieht das andere Gebot nach sich (gemeint: wer eine Weisung hält,
wir auch eine andere halten). Schließlich muss ich noch rühmlichst
der Vorstände, Herren Abraham Landsberg, Jonas Mayer und Herz Bodenheimer
erwähnen, denen die Gemeinde für die gewissenhafte Erfüllung ihrer
Pflichten ganz besonders zu Dank verpflichtet ist. J. L, Gst."
|
Kurzbericht aus der
Israelitischen Religionsgesellschaft
(1869)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 29. September 1869: "Darmstadt, im September. Wie den
Lesern des 'Israelit' bekannt, besteht hier seit einer Reihe von Jahren
eine orthodoxe Separat-Gemeinde. Dieselbe gedeiht Gott sei Dank ganz
außerordentlich. Außerdem einem eigenen Gotteshause hat unsere Gemeinde
eine besondere Religionsschule, deren Leistungen alle Erwartungen
übertreffen, wie dies die in der Woche vor dem Neujahrsfeste stattgehabte
Prüfung in glänzendster Weise dargetan hat." |
Die
Israelitische Religionsgesellschaft auf dem Weg zu einer "orthodoxen
Mustergemeinde"
(1872)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 2. Oktober 1872: "Darmstadt. Es nimmt mich Wunder,
Herr Redakteur! dass Ihr Korrespondent von der hessischen Bergstraße so
lange in Stillschweigen herharrt, trotzdem so manches Interessante und
Erfreuliche von hier zu berichten wäre. Schreiber dieser Zeilen erlaubt
sich deshalb, Sie zu ersuchen, dem folgenden Berichte die Spalten Ihres
geschätzten Blattes zu öffnen. Bei uns ist mit Gottes Hilfe ein großes
Werk vollbracht, die Trennung der Orthodoxen hat hier schon die besten
Früchte getragen. Die rastlose Tätigkeit unseres verehrten Herrn
Rabbiners Dr. Marx ist wirklich schon von bestem Erfolge gekrönt.
Derselbe hielt am ergangenen Sabbat Ki tawo (Sabbat mit der
Toralesung Ki tawo, d.i. 5. Mose 26,1 - 29,8, das war am 21.
September 1872), in seiner Predigt eine Revue über das seit einem Jahre
Vollbrachte, das erstaunenswerte Resultate zeigte. Die Religionsschule,
die Pflanzstätte des echten Judentums, zählt gottlob schon 50 Zöglinge,
die Unterricht in allen jüdischen Fächern erhalten. Außerdem erteilt
Herr Dr. Marx vielen Knaben Unterricht im Talmud, worin dieselben schon
bedeutende Fortschritte gemacht haben. Die Gemeindemitglieder
unterstützten ihren Rabbiner kräftig in seinem edlen Streben, dieselben
scheuen keine Opfer, um recht bald eine orthodoxe Mustergemeinde
repräsentieren zu können. So hat die Opferwilligkeit der Gemeinde es
ermöglicht, dass die jetzt im Bau begriffene Synagoge noch vor dem
Winter unter Dache gebracht werden kann. Auch die Frauen in Darmstadt
nehmen regen Anteil an der Konsolidierung und Kräftigung der Gemeinde;
dieselben haben zum Beispiel jetzt ein Komitee gebildet zur Anschaffung
von Parochet (Toraschreinvorhang) und sonstiger Synagogenutensilien.
Wir machen die erfreuliche Beobachtung, dass Gott sei Dank das echte
jüdische Leben in allen Klassen unserer Gemeinde pulsiert und ist auch
festgegründete Hoffnung, dass in kurzer Zeit die Irreligiosität und der
Indifferentismus, die von gewisser Seite hier mit Konsequenz seit einer
Reihe von Jahren gesät wurden, gänzlich schwinden werden. Die Wahrheit
siegt, wenn sie noch so lange niedergehalten wird. Wenn wahre Frömmigkeit
mit Verständnis der Zeit und ihrer Ansprüche sich paaren, so muss es
etwas Rechtes geben. Ben
Mosche." |
Beschluss
des Austrittes der Israelitischen Religionsgesellschaft aus
der Israelitischen Religionsgemeinde mit Kompromissen (1878)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 5. November 1878: "Darmstadt, 24. Oktober (1878).
Vorgestern hat die orthodoxe israelitische Religionsgesellschaft dahier
eine Generalversammlung angehalten, um über ihren Austritt aus der
hiesigen israelitischen Religionsgemeinde zu beraten und zu beschließen.
Das Resultat derselben war, dass man zwar in corpore aus der Gemeinde
treten, jedoch hinsichtlich des Friedhofes
den Versuch machen wolle, ob man nicht selbst nach erfolgtem Austritte bei
der Gemeinde in dieser Beziehung verbleiben könnte. Man ist erbötig,
nach Ablauf von 5 Jahren eine Pauschalsumme an die Gemeinde zu entrichten,
um dafür das Recht der Benutzung des Friedhofes dauernd zu besitzen. Eine
Kommission wurde erwählt, die zu diesem Zwecke mit dem Gemeindevorstand
in Unterhandlung treten solle. Zur der hiesigen Gemeinde zählen 300
steuerpflichtige Mitglieder, von welchen ungefähr 70 auch zu der
erwähnten Religionsgesellschaft beitragen. Von diesen 70 Personen sollen,
einem Gerüchte zufolge, bereits ca. 50 auf einer in Zirkulation gesetzten
Liste ihren Austritt mit ihrer Unterschrift erklärt haben. - Die
Religionsgesellschaft besitzt eine eigene erst vor einigen Jahren neu
erbaute Synagoge, einen eigenen Rabbiner (Dr. Marx), einen Vorsänger
und Lehrer. Die Steuerquote derselben soll jährlich ungefähr 7 bis
8.000 Mark betragen, also ungefähr ein Viertel der Gemeindesteuer, ihr
Ausfall fügt den Gemeindefinanzen einen bedeutenden Schaden zu. Einige
Mitglieder des Vorstandes sollen, wie man hört, der Ansicht sein, die
Gemeinde möge, um den Austritt zu verhüten, hinfort auch die Bestreitung
der Bedürfnisse der Religionsgesellschaft übernehmen. - Der Ausgang
lässt sich noch nicht übersehen. - Es dürfte vielleicht von Interesse
sein zu hören, durch welch ganz unbedeutende Reform im Jahr 1854 die
Separation ihren Anfang genommen, und wie durch Zusammenwirken der
verschiedensten Ursachen allmählich die separierte Gesellschaft
zugenommen und zu dieser Zahl herangewachsen ist. Doch dies ein
andermal." |
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule sowie
der Kantoren und weiterer Kultusbeamten
Ausschreibungen der Religionslehrer- und Vorsängerstelle der
Israelitischen Religionsgesellschaft (1865 / 1867 / 1868)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
30. August 1865: "Offene Religions-Lehrer- und
Vorsänger-Stelle.
Die (orthodoxe) israelitische Religionsgesellschaft zu Darmstadt
wünscht die Stelle eines Religionslehrers und Vorsängers an derselben zu
besetzen. Fixer Gehalt 400 Gulden. Befähigte Bewerber, womöglich
unverheiratet, wollen ihre Zeugnisse franko einsenden an den Vorsteher Herz
Bodenheimer." |
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Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
6. November 1867: "Bei der israelitischen
Religionsgesellschaft in Darmstadt ist die Stelle eines Lehrers und
Vorsängers mit einem jährlichen Fixen Gehalt von 600 Gulden per 1.
Januar 1866 vakant. Qualifizierte Bewerber belieben sich unter Vorlage
ihrer Zeugnisse beim Unterzeichneten zu melden.
Der Vorstand. Jonas Maier." |
| |
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 1. Januar 1868: "Bei der israelitischen
Religionsgesellschaft in Darmstadt ist die Stelle eines Lehrers und
Vorsängers mit einem jährlichen fixen Gehalt von 600 Gulden per 1.
Januar 1868 vakant. Qualifizierte Bewerber belieben sich unter Vorlage
ihrer Zeugnisse beim Unterzeichneten zu melden.
Der Vorstand. Jonas Maier." |
Erstes Examen in der Religionsschule der
Israelitischen Religionsgesellschaft (1872)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 27. November 1872: "Darmstadt. Am jüngsten Halbfeiertag
von Sukkot hielt die Religionsschule der hiesigen
Religionsgesellschaft, ich glaube, es war gerade ein Jahr, dass unser Herr
Rabbiner Dr. Marx die Leitung derselben übernommen hatte, ihr erstes
Examen ab. Am Schabbat, also Tags vorher, leitete der Herr Rabbiner in
seiner Predigt dasselbe gewissermaßen schon ein, indem er auf die
Wichtigkeit der religiösen Erziehung in sehr eindringlicher und
überzeugender Weise hinwies und zur Prüfung einlud. Man solle sich nur
keine zu großen Vorstellungen von den Leistungen der Kinder machen, denn
die Zeit, die die Kinder der Religionsschule widmen oder widmen könnten,
sei eine sehr karg bemessene, und dann würde diese, durch häufige
Versäumnisse veranlasst, nicht immer gehörig ausgenützt. Indes soviel
Mängel die Schule auch noch habe und wie weit sie von dem Ideale, das dem
Redner vorschwebe, zurückstehe, in einer Sache dürfe sie sich mit den
besten Schulen messen, es sei das der sittliche Ernst, der in ihr walte,
die Liebe, mit welcher gelehrt und gelernt werde, und die Art und Weise,
in welcher die Kinder erzogen würden.
Das Examen verlief unter zahlreicher Beteiligung der Gemeindemitglieder in
schönster und würdigster Weise und förderte das überraschende Resultat
zutage, dass die Schüler qualitativ und quantitativ jede Erwartung
übertrafen. Wir beziehen dies namentlich auf die 1. Knabenklasse,
die der Herr Rabbiner selbst fast ausschließlich unterrichtet. Die Knaben
verstanden Chai Adam, Raschi und Mischnaot zu traktieren,
dass es eine Freude war, ihnen zuzuhören. Die Antworten gingen Schlag auf
Schlag und man sah es allen Knaben an, dass dies mit einem Verständnis
und einer Klarheit geschah, die den Zuhörer in hohem Grade
fesselten.
Auch für die unteren Klassen wusste Herr Lehrer Bender recht zu
interessieren und zeigte er, dass in den Elementen recht Ersprießlicher
geleistet wurde.
Wenn die Schule so fortschreitet, so hoffen wir, viel Freude an ihre zu
erleben und da ihre Leitung - mit Gottes Hilfe - in guten Händen
ist, so sehen wir ruhig der Zukunft entgegen. Wenn unsere Kinder wieder
feststehen auf jüdischem Boden und wieder an die jüdische Wissensquelle
geführt werden und selbst aus dem Wahrheitsborn schöpfen lernen, so
dürfen wir auf frohe Tage zählen. - Unsere Synagoge kommt diese
Woche unter Dach. Mikwe und Schullokal werden dann
auch in Angriff genommen." |
25-jähriges Dienstjubiläum des Lehrers der
Israelitischen Religionsgesellschaft H.A. Bender (1893)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 20. April 1893: "Darmstadt. Wenn das langjährige
erfolgreiche Wirken eines jüdischen Lehrers das ehrenvollste Zeugnis für
das religiöse Leben und zielbewusste Handeln seiner Gemeinde ablegt, so
trifft dies ganz besonders bei der hiesigen israelitischen
Religionsgesellschaft zu, welche trotz der hier herrschenden, scharf
ausgeprägten religiösen Gegensätze, trotz vielfacher Anfeindungen von
anderer Seite, durch die Opferfreudigkeit und den tiefen religiösen Sinn
ihrer Mitglieder, sowie durch den vortrefflichen Zustand ihrer
Institutionen zu einer imposanten Gemeinde herangewachsen und erstarkt
ist. Verdienst ja schon vom Standpunkte der Humanität und Pietät die im
langjährigen Dienste erprobte Pflichttreue und Ausdauer eines Lehrers
hohe Anerkennung. Aber umso verdienter und ehrenvoller gestaltet sich
dieselbe, wenn des Lehrers Bemühungen keine vergeblichen waren, wenn in
Schule und Gemeinde jüdisches Wissen gepflegt und gefördert wird, denn
das vor Jahrzehnten hier schwer gefährdete religiöse Leben Dank unserer
Gemeinde sich immer mehr entwickelt hat und in erfreulicher Weise erstarkt
ist. Diese Erwägung leitete die Mitglieder der israelitischen
Religionsgesellschaft, als sie verflossenen Schabbat Paraschat Schemini
(= Schabbat mit der Toralesung Schemini, d.i. 3. Mose 9,1 - 11,47,
das war am 15. April 1893) das 25-jährige Dienstjubiläum des Lehrers
H.A. Bender festlich begingen.
Durch einmütiges Zusammenwirken und gemeinsamen Wetteifer von Gemeinde
und Rabbiner, Schüler und Kollegen gestaltete sich dasselbe äußerst
glanzvoll. Nachdem Seine Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Marx schon
beim Morgengottesdienst in wirkungsvoller Rede der Zeit des Amtsantrittes
des Jubilars gedachte, auf den kleinen Anfang und die schöne Entwicklung
unseres Gemeindewesens hinwies und dabei die Eigenschaften des Jubilars
trefflich beleuchtete, begab sich im Laufe des Tages die Vorstandschaft
unserer Gemeinde in die Wohnung des Herrn Bender und überreichte
demselben unter herzlichen Glückwünschen einen herrlichen Pokal. Eine
Deputation früherer Schüler des Jubilars, welche - in Betätigung ihrer
Dankbarkeit und Verehrung - ihrem Lehrer ein sinniges Ehrengeschenk
widmeten, übergab dasselbe nebst einer kunstvoll ausgestatteten Adresse.
Aber auch die jetzigen Schüler ließen es sich nicht nehmen, den Ehrentag
ihres Lehrers in würdiger Weise zu begehen, und so vereinigte Nachmittags
den Jubilar, die Kollegen und die ganze Schule in der Aula unseres
Schulhauses eine trefflich arrangierte Feier, welche unter Teilnahme der
gesamten Gemeindeverwaltung glänzend verlief. Nach Gesängen, einer
Festrede des Herrn Rabbiner Dr. Marx und mehrere Ansprachen wurde dem
Jubilar von den Kollegen ein prächtiger Lehnsessel, sowie sämtliche
Lehrbücher unserer Schule in Prachtband übergeben, als Zeichen
bleibender Erinnerung an seine verdienstliche Wirksamkeit, sowie als
Ausdruck des innigen Wunsches, dieselben noch lange im Dienste unserer heiligen
Sache zu gebrachen. Tief ergriffen dankte Herr Bender allen, welche die
Feier so verschönerten und seiner in so aufmerksamer Weise gedachten und
versprach, unter des Allmächtigen Beistand auch fernerhin sein Bestes
für Gemeinde und Schule einsetzen zu wollen.
Dieser wackere Vorsatz entsprach dem Wunsche aller Festteilnehmer und der
ganzen Gemeinde, welche durch diese erhebende Feier sich selbst wahrhaft
ehrte und wieder aufs neue bewies, dass wahre Religiosität und
Humanität, dass (die Verbindung von) Tora und profanem Wissen in
ihr getreulich gepflegt und würdig betätig
werden." |
Zum Tod des Lehrers der Israelitischen Religionsgesellschaft Moses Oppenheimer
(1918)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 24. Oktober 1918: |
70. Geburtstag der Lehrerwitwe Rahel Oppenheimer
(1934)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 14. September 1934: |
25-jähriges Jubiläum
des Lehrers Jacob Lebermann als Beamter der
Israelitischen Religionsgesellschaft (1913)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom
12. Dezember 1913: "Darmstadt. Lehrer J. Lebermann war
anlässlich seines 25-jährigen Jubiläums als Beamter der Israelitischen
Religionsgesellschaft der Gegenstand zahlreicher Ehrungen, die zeigten,
welcher Hochschätzung er sich erfreut.
Es fand ein Festgottesdienst statt, bei dem folgende Herren sprachen:
Rabbiner Dr. M. Marx, Carl Lehmann (für den Vorstand), Sanitätsrat Dr.
Bodenheimer (für die Gemeindeverwaltung), Leo Hirsch und Alfred Stern
(für die Schüler), M. Meyer (für den 'Sephat Emeth' - Verein), Lehrer
Oppenheimer (als Kollege) und Rektor B. Falk - Frankfurt (für den Bund
gesetzestreuer jüdischer Lehrer). Adressen und Ehrengaben wurden dem
Jubilar überreicht." |
Ausschreibung der Stelle eines Lehrers, Vorbeters und Schochet
in der Israelitischen Religionsgesellschaft (1921)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
15. Dezember 1921: "In unserer Gemeinde ist die Stelle eines
Lehrers mit der Befähigung zur Ausübung der Schechitoh und des
Vorbeterdienstes
zu besetzen. Der Gehalt bemisst sich nach Gruppe VII des hessischen
Beamtenbesoldungsgesetzes. Streng gesetzestreue Bewerber wollen ihre
Meldungen unter Beifügung von Lebenslauf und Zeugnisabschriften
einreichen.
Der Vorstand der israelitischen Religionsgesellschaft Darmstadt."
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Zum Tod des Vorbeters und Schochet der Israelitischen
Religionsgesellschaft Elias Lippmann (1930)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 8. Mai 1930: "Darmstadt, 5. Mai (1930). Von einem schweren
Leide ist die Israelitische Religionsgesellschaft heimgesucht worden. Nach
kurzer schwerer Krankheit wurde Herr Elias Lippmann, Vorbeter
und Schochet von uns genommen. In seinem Hingange beklagen wir
nicht nur einen selten tüchtigen Experten bezüglich der Schechita,
einen trefflichen stimmbegabten Vorbeter, sondern vor allem einen Gelehrten
von ungewöhnlichem Ausmaß. Aus der Jeschiwa des berühmten. Raw
Jizchok Elchonon - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - in
Kowno hervorgegangen, war er ein wirkliches Genie, das über ein
seltenen Scharfsinn verfügte, und zahlreiche Schüler der Gemeinde
- Hausväter und Jünglinge - unterrichtete. Auch die
schwierigsten, verwickeltsten Stellen der Gemara wusste er mit
großer Geschicklichkeit und Methode klar und fasslich zu gestalten. Als
Mensch war er dank seinem freundlichen Wesen allgemein beliebt, und als Schochet
verstand er meisterhaft und eindrucksvoll die Schlachthofsbehörden zu
anerkennender Wertschätzung seiner Tätigkeit zu gewinnen. eine
zahlreiche Menge, darunter Tierärzte und die Spitzen der
Schlachthofverwaltung hatte sich zur Ehrung des Verstorbenen auf dem
Friedhof eingefunden. Die von den Herren Rabbiner Dr. Merzbach, Rabbiner
Wassermann, Sanitätsrat Bodenheimer, Lehrer Lebermann, seinem Schwager
Tannenberg - Merzig und H. Cederbaum
gehaltenen Trauerreden bekundeten den großen Verlust, den die
jüdische Allgemeinheit, die Gemeinde, die Familie und seine
Schüler erlitten haben. Rabbiner Dr. Merzbach würdigte in warmen Worten
den seltenen Gelehrten und trefflichen Beamten, der in seiner vornehmen
Berufsausführung bei den vorgesetzten Behörden und den nichtjüdischen
Schlachthofbesuchern mächtig für die Würdigung der Schechita
wirkte. Zum Schluss verlieh er dem verdienstvollen, leider so früh
verschiedenen Manne den Morenu (Ehrenrabbiner-)Titel. Möge Gott
der Witwe, mit der ihn seltenes Eheglück verband, reichen Trost spenden. Seine
Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Mai 1930: "Am
3. Mai verschied nach kurzer Krankheit unser
Herr Elias Lippmann.
Über 26 Jahre war er im Dienste unserer Gemeinde als Schauchet tätig.
Ausgestattet mit tiefem jüdischen Wissen, untadeliger Gottesfürchtiger,
ein Mensch seines Berufes waltete er seines Amtes. Als Vorbeter im Besitze
einer silberklaren Stimme wusste er durch die Anmut und Würde seines
Vortrages die Gemeinde zu inniger Andacht zu stimmen. Sein Andenken werden
wir stets in Ehren halten. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des
Lebens.
Der Vorstand der Israelitischen Religionsgesellschaft
Darmstadt." |
Zum Tod von Lehrer Jacob Lebermann (1930)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 27. November 1930:
"Jacob Lebermann - das Andenken an den Gerechten ist zum
Segen.
Darmstadt, 23. November (1930). Wenn die dankbare Verehrung zahlreicher
Schüler und Schülerinnen gegenüber ihrem Religionslehrer ein Maßstab
ist für die erfolgreiche Tätigkeit und ein richtiges Wirken dieses
Lehrers, so darf man Jacob Lebermann dieses Zeugnis ausstellen. Und in der
Tat: der eben Verstorbene hat in vorbildlicher Weise sich ehrlich und
ernstlich bemüht, Tora, verbunden mit profanem Wissen in die Praxis
umzusetzen und die jüdische Religion von ihrer erhabensten,
eindrucksvollsten und schönsten Seite in die Herzen seiner ihm
anvertrauten Jugend zu pflanzen.
In 37-jähriger Wirksamkeit als Chason und Religionslehrer war er
bestrebt, die Weihe des Gottesdienstes und die Andacht der Gemeinde zu
erhöhen, sowie jüdische Lehre und jüdische Leben zu verbreiten. Bei
seiner Pensionierung vor etwa 5 Jahren, die auf ärztlichen Rat erfolgte,
haben seine früheren Schüler und Schülerinnen in einem akademischen
Festakt ihrer tief empfundenen Dankbarkeit reichen Ausdruck
verliehen.
Bestrebt und bemüht war Jacob Lebermann, denn er hat Vieles zu erreichen
versucht, aber nur Manches vollendet, da ihm die Erfüllung seiner guten
Absicht nicht immer leicht gemacht wurde. Damals hatte man noch nicht die
richtige und wichtige Einschätzung des jüdischen Kultusbeamten
allenthalben erfasst und - wie ich damals in meiner Festrede bei der
Abschiedsfeier zu sagen mir gestattet - auch dieser Jacob legte manchen
Abend sein müdes Haupt auf einen harten Stein und träumte Jacobs Traum.
Er kämpfte gar oft mit dem Engel bis zur anbrechenden Morgenröte, aber
ohne den Mute und das Vertrauen zu verlieren.
Aber nicht nur für sich, seine Darmstädter Gemeinde und seine
Schutzbefohlenen, nicht minder für seine Berufsgenossen, seinen Stand
kämpfte Jacob Lebermann Jahre und Jahrzehnte, um dem jüdischen
Kultusbeamten eine würdige soziale und wirtschaftliche Stellung zu
sichern.
Trotz bitterer Enttäuschungen von rechts und links blieb er bis zum
Lebensende seiner Fahne treu, oft in seinem charakterstarken Streben
verkannt. Aber der unauslöschliche Dank seiner Schüler und Schülerinnen
bleibt ihm über das Grab hinaus sicher.
Das Andenken an den Gerechten ist zum Segen."
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Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 18. Dezember 1930: "Bund gesetzestreuer jüdischer
Lehrer in Deutschland. Am Tag vor dem Heiligen Schabbat Toledot
wurde unser Vorstandsmitglied Herr Jakob Lebermann in Darmstadt zu
Grabe getragen. wir verlieren in dem Dahingegangenen einen treuen Freund,
der, wie er ein begeisterter Anhänger des Torajudentums war, so auch mit
glühendem Feuereifer für das Ziel, das unser Bund sich gesetzt, eintrat.
Sein weiser Rat, seine mitreißende Begeisterung, sein bedächtiges Urteil
zeigten uns stets den von uns einzuschlagenden Weg. Wir werden seiner
immer in Liebe und Verehrung gedenken. Seine Seele sei eingebunden in
den Bund des Lebens. Der Vorstand.
Unabhängiger Verein israelitischer Lehrer im Freistaate Hessen.
Vor wenigen Wochen entschließ unser Ehrenvorsitzender Herr Jakob
Lebermann in Darmstadt. Seit Gründung des Vereins dem Vorstande
angehörend, war er über ein Vierteljahrhundert an exponiertester Stelle
tätig. Alle seine reichen Geisteskräfte stellte er in den Dienst des
Vereines. Mit Aufopferung arbeitete er Tag und Nacht an der Hebung
und Förderung des jüdischen Lehrerstandes in Hessen und damit zum Segen
des Judentums. Was er errungen und für uns erkämpft, ist mit
unvergänglicher Schrift in die Annalen unseres Vereines eingetragen. Wir
gedenken seines Wirkens und Wollens in unauslöschlicher Dankbarkeit. Seine
Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens. Der Vorstand. J.B.
Kaufmann.
Lehrer Jakob Lebermann - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen.
Je kleiner eine Gemeinschaft, desto fester klammert sie sich an ihre
wenigen Führer. Das Hinscheiden eines Führers empfindet sie als Einsturz
einer der sie tragenden Säulen. Dieses Gefühl in seiner traurigen
Stärke empfangen wir, als am Donnerstag Mittag die Trauernachricht wir
hören mussten, dass Herr Lehrer Jakob Lebermann nciht mehr unter uns
weilst. Wer wollte es glauben? Sein Körper schon lange geschwächt, aber
sein Geist lebendig, wie immer, und so hoffte und hoffe man, kein
Anzeichen für das Hinscheiden war gegeben. In gewohnter Weise nahm er
noch am selbigen Tage seinen Gemara-Schiur in voller Frische und
Freude. Der Todesengel schien auf ihn zu warten, er hat ja über
den 'lernenden Jehudi' keine Gewalt. Doch kaum der Schiur beendet, der
Rabbi war gegangen, die Gemara lag noch auf dem Tisch - - - da
geschah es. Aus dem Lernen heraus hat Gott ihn zu sich genommen.
Man denkt mit Ergriffenheit an die ähnliche Begebenheit von König Davids
Tod.
Nur einem Gerechten kann ein Tod in dieser Art beschert
sein. So hat seine Liebe zur Tora ihn bis zu seinen letzten Minuten
begleitet und beschützt. Und von diesem Geist durchweht war sein
Unterricht, den so viele seiner um ihn trauernden Schüler und Schülerinnen
genossen und jetzt vermissen. Und wieder diese Liebe zur Tora war es, die
ihn - den mit einer sehr angenehmen Stimme begnadeten - befähigt, als Vorbeter
fast vier Jahrzehnte seine Gemeinde zu erheben und als Vertreter ihre
Gebete dem Schöpfer zu reichen. Wie strahlte er - ein Schüler
Friesländers - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - wenn
von echtem, jüdischen Chasonus er hörte oder sprach.
Seiner Liebe zur Tora reihte sch in vollem Maße seine Liebe zu Menschen
an. Wie viele Wohltätigkeitsvereine und Institute nennen Herrn Lebermann
- das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - ihren Wohltäter.
Er konnte sich opfern für leidende Menschen, Kollegen, Witwen und Waisen,
und er konnte wahrlich oft und viel helfen mit seinem klugen und
durchschauenden Blick. Welche Innigkeit ihn mit seiner liebevollen
Lebensgefährtin und seiner Familie verband, das weiß nur, wer um ihn
lebte. Innigkeit und Herzlichkeit vermögen nicht nach außen zu
dringen. Von seiner Familie, von uns allen scheidet er, der
Mensch, der Jehudi, die Persönlichkeit. Ein Stück Darmstädter
Geschichte haben wir in ihm, unter strömenden Regen am Freitag Nachmittag
- dem Tag vor dem Heiligen Schabbat Toledot - zu Grabe getragen.
Und als der Sarg aus der Wohnung getragen wurde, da war der Wagen
nicht zu stelle, man stellte - ungewollt und unabsichtlich - den Sarg
auf einige Minuten ins Lehrhaus. Es schien, der Gerechte wollte noch ein
kleines Weilchen an der Torastätte weilen. Nun ist er von uns gegangen.
Wenn seine Seele, die vom Lernen aus in die Höhe stieg, gefragt
wird, woher sie komme, sie weiß mit Genugtuung die schönste Antwort zu
geben. Möge sie für ihre Familie und für ganz Israel ein wahrer
Fürsprecher sein.
Jakob Lebermann zum Gedächtnis. Der Führer der orthodoxen Lehrer
Hessens ist dahingeschieden, ein Mann von idealer Gesinnung und
vortrefflichem Charakter, der uns allen Muster und Vorbild war und die
Dankbarkeit gebietet, ihm hier ein Denkmal zu setzen, zu zeigen, was er
für seine Kollegen getan, ihm zur wohlverdienten Ehre, den Jüngeren
unter uns aber als Ansporn und zur Nacheiferung.
Lebermann trat zum ersten Male öffentlich hervor, als die Frage des
Anschlusses an den Verband der jüdischen Lehrervereine auch in Hessen
akut wurde. Er zeigte sich als entschiedener Gegner dieses Anschlusses, so
lange der D.J.G.B. Sitz und Stimme im Verband besaß. Als es darüber zum
Bruch und zur Gründung des 'Unabhängigen Lehrervereins' kam, da wäre er
der prädestinierte Vorsitzende gewesen, aber er lehnte die Wahl aus einem
sehr idealen Grund ab; es sollte auch nicht der Schein geweckt werden, als
ob der neue Verein unter dem Einfluss einer Separatgemeinde und ihres
Rabbinats stehe, und er begnügte sich mit dem arbeitsreichen Posten des
Schriftführers; an ihn wandte sich jeder, der irgendein Anliegen hatte.
Will man seinen Verdiensten ganz gerecht werden, so muss man wissen, dass
er dazu verurteilt warm, unter den denkbar ungünstigsten Verhältnissen
zu wirken. Das hessische Judengesetz von 1871 ist nicht ganz so schlecht
wie sein Ruf, aber es hat die Regelung der jüdischen
Gemeindeverhältnisse den Kreisämtern übertragen, die ihrerseits den
jüngsten Assessor damit betrauen und da die jüdischen Gemeinden eine
sehr weitgehende Autonomie besaßen, waren die Lehrer der Willkür und der
Launen der Vorstände preisgegeben. Man hat dafür das Wort geprägt: der
Parnes (Vorsteher) in der kleinsten Gemeinde besitzt eine größere Gewalt
als der Großherzog als der summus Episcopus. Hessen galt als das
Refugium der ungeprüften Lehrer, denn diese begnügten sich mit einem
Einkommen, das noch unter dem Existenzminimum lag. Dass hier reichlich
Stoff für Konflikte und auch für Hilfeleistungen seitens unserer
Organisation lag, bedarf keiner Erläuterung. Und Lebermann nahm sich in
musterhafter Weise aller Bedrängten an. Er war ihnen Stütze und Helfer
und Berater. Er erkannte aber sehr bald, dass der Fehler am System lag und
er versuchte, seinen Kollegen grundlegend zu helfen. Am Sitze der
Regierung amtierend war ihm das leichter als jedem Anderen und seine ganze
Persönlichkeit, die Klarheit und Sachlichkeit seiner Darlegungen machten
bei den maßgebenden Referenten stets den allerbesten Eindruck. Schon vor
ihm hatte man das Ministerium angegangen, die Lage der Lehrer zu bessern
und es zeigte sich dieser Forderung gegenüber durchaus wohlwollend, nur
war es der Ansicht, dass eine Neuregelung der jüdischen
Gemeindeverhältnisse vorausgehen müsse und diese hinwiederum sei ohne
eine Einigung der Orthodoxen und Liberalen unmöglich. Wie die Dinge in
Hessen nun einmal liegen, bedeutete diese Erklärung für uns die
Vernichtung unserer Hoffnungen. Hier setzte Lebermanns Tätigkeit mit
Erfolg ein, indem er nachwies, dass diese Auffassung der Regierung irrig
sei und eine Hilfe für die jüdischen Religionslehrer sich auch auf dem Verordnungswege
ermöglichen lasse. Und das Glück kam ihm dabei zu Hilfe. Oberlehrer
Backes, der Obmann des hessischen Landeslehrervereins und ein warmer
Freund der jüdischen Lehrer, kam in den Landtag und als Mitglied der
damals allein maßgebenden nationalliberalen Partei verwandte er seinen
Einfluss auf die Regierung, dass sie 1. die Bildung jüdische
Religionsschulsprengel verordnete, 2. eine neue, den modernen
Anforderungen entsprechende Prüfungsordnung für ungeprüfte Lehrer
herausgab, womit sie nur einer Bestimmung des alten Judengesetzes gerecht
wurde und 3. den jüdischen Religionslehrern mit wöchentlich 20
Unterrichtsstunden die Rechte eines Volksschullehrers verlieh. Das
Letztere war eine bedeutende, in Deutschland bisher noch ganz unbekannte
Errungenschaft, auf die Lebermann sehr stolz sein konnte. Sie besaß
freilich einen Schönheitsfehler: nie diejenigen Kollegen konnten
definitive Anstellung erlangen, die entweder nie Schochtim waren, oder mit
Einwilligung ihrer Gemeinden auf die Ausübung der Schechitoh
verzichteten. Diese Voraussetzung traf aber nur bei einer
verhältnismäßig kleinen Zahl, etwa 16-18, zu; die große Masse ging
leer aus.
Da bot sich eine neue Möglichkeit, um auch diesen zu helfen. Im Jahre
1906 legte die hessische Regierung den Landständen einen Gesetzentwurf,
'die Verfassung und Verwaltung der israelitischen Religionsgemeinde
betreffend', vor. Es war eine Zwangsorganisation und als solche für die
orthodoxen Lehrer ebenso unannehmbar als für unsere Rabbiner, aber
Lebermann hielt die glatte Verwerfung des ganzen Gesetzentwurfs für einen
schweren Fehler. Derjenige Teil, der von der Regelung des jüdischen Religionsunterrichts
und den Religionslehrern handelte, schien ihm, wenn auch in etwas
abgeänderter Form, durchaus erhaltenswert. Darin war nämlich nicht nur
die Verleihung der Rechte eines Volksschullehrers an jüdische
Religionslehrer gesetzlich verankert, sondern auch die Festsetzung ihrer
Gehaltsbezüge, die Regelung ihrer Pension und der Reliktenversorgung usw.
sollten 'möglichst nach den für die Volksschullehrer geltenden
Bestimmungen, nötigenfalls im Verwaltungsstreitverfahren', erfolgen.
Lebermann hatte die begründete Überzeugung, dass auch die Liberalen für
eine vorläufige Regelung dieser Materie zu haben seien. Er drang mit
seinen Ideen leider nciht durch. Das war die erste große Enttäuschung
seines Lebens, aber sie vermochte nicht, seine Energie zu lähmen. Unter
der Ära des den jüdischen Lehrern sehr gewogenen Ministerialdirektor
Eisenhut gelang ihm der Nachweis, dass sowohl in Bayern, als auch in dem
ehemaligen Kurhessen die jüdischen Volksschullehrer in ihrer großen
Mehrheit die Schechita ausübten, ohne dass darunter, nach der Meinung
ihrer Vorgesetzen, ihre Amtswürde und ihr Ansehen litt. Schon war die
Regierung geneigt, bei der definitiven Anstellung jüdischer
Religionslehrer die oben erwähnte hemmende Bestimmung fallen zu lassen,
schon schien der Weg frei für die Beförderung einer ganzen Anzahl von
Kollegen in den Landgemeinden, da erfolgte von liberaler Seite ein Eingabe
im entgegengesetzten Sinne und sie hatte leider nur zu leichtes Spiel,
denn in der Abteilung für das Erziehungswesen saß eine sehr
einflussreiche Persönlichkeit, die an der Spitze der hessischen
Tierschutzvereine stand und als Schechitagegner galt!
Es war nur ein kleiner Trost bei diesem neuen Fehlschlag, dass es
Lebermann gelang, für die jüdischen Religionslehrer eine, wenn auch nur
einmalige Kriegshilfe bei der Regierung durchzusetzen, so hoch man
es
|
auch
der Letzteren anrechnen muss, dass sie auch damit unter allen deutschen
Ländern allein stand.
Nach dem Kriege traten Demokraten in die Regierung ein und Lebermann
erhoffte viel von ihrer Tätigkeit. Leider trat das Gegenteil ein. Er
musste es erleben, dass das, was er als sein Lebenswerk ansah, rückwärts
revidiert wurde. Bei der gesetzlichen Regelung der Gehalts- und
Pensionsbezüge der definitiv angestellten Religionslehrer wurden deren
Rechte stark beschnitten und Neuanstellungen können überhaupt nicht mehr
erfolgen. Vergebens kämpfte Lebermann mit dem Mute der Verzweiflung gegen
diesen Rückschritt und gegen das begangene Unrecht; er musste sich vor
vollendeten Tatsachen beugen, so schwer es ihm auch
fiel.
Als im Jahre 1922 im 'Unabhängigen Lehrerverein' der Antrag gestellt
wurde, in Hessen die Gründung eines Gemeindeverbandes 'nach bayerischem
Muster' zu propagieren, trat Lebermann aufs lebhafteste dafür ein und wie
in einer glänzenden Rede die Möglichkeit, Notwendigkeit und
Nützlichkeit einer solchen Institution nach. Er bezeichnete sie als die
letzte Chance für die Lehrer. Auch diese Bestrebungen verliefen nutzlos
im Sande. Wir haben heute in dem kleinen Hessen zwei Gemeindeverbände,
von denen der eine wenig, der andere nur Minimales für Gemeinden und
Lehrer leisten kann.
Damit ist nur der äußere Verlauf seiner gemeinnützigen Tätigkeit
geschildert. Dabei sind kaum erwähnt die zahlreichen Anregungen und
Hinweise, die er seinen Kollegen zur Benutzung staatlicher Einrichtungen -
ich erinnere hier nur an die hessische Fürsorgekasse und die Vergütungen
für den Katechetenunterricht, sowohl auf den Konferenzen als in
besonderen Rundschrieben gegeben. Jede einzelne Aktion brachte ihm Mühe
und Arbeit in Hülle und Fülle, aber er war unverdrossen und hilfsbereit
und ließ sich auch durch keinen Misserfolg und keine Undankbarkeit - er
hat auch diese erfahren - abschrecken.
Höher noch als diese materiellen Forderungen ist das anzuschlagen, was er
in ideeller Beziehung geleistet hat. Als der Bund gesetzestreuer
jüdischer Lehrer, dessen eifrigstes Vorstandsmitglied er bis zu seinem
Tode blieb, gegründet wurde, da war er es, der mit großer Energie darauf
drang, dass nicht nur in der Zielsetzung der neuen Gründung, sondern
schon in ihrem Namen die Stärkung unseres heiligen Glaubens zum
Ausdruck kam und innerhalb des Bundes die Gründung von Lernvereinen und
ihre Unterstützung durch die Bundeskasse anregte. Und das letzte Referat,
das er, schon schwer leidend, vor ca. 3 Jahren in dem Unabhängigen
Lehrerverein über die Fortbildung des jüdischen lehrers hielt, war ein
glühendes Bekenntnis für das Toralernen.
Als er vor ca. 7 Jahren das Schriftführeramt aus Gesundheitsrücksichten
niederlegte, da ehrten ihn seine Kollegen durch Verleihung der Würde
eines Ehrenvorsitzenden und durch die Gründung einer Jakob
Lebermann-Stiftung, deren Zinsen für die Unterstützung von Lehrerwitwen
und -Waisen bestimmt sind; nicht was er erreicht, war er für sie
erstrebt, schätzten sie an ihm. Nun ist er von uns hinweggenommen worden.
Auch auf seinen Grabstein passt die Inschrift: 'Mache nicht viel
Federlesens, schreib auf meinen Leichenstein: Dieser ist ein Mensch
gewesen und das heißt ein Kämpfer sein.' Ja, er war ein Kämpfer für
alles, was gut und wahr und schön ist, für seine religiöse Überzeugung
und für das Wohl seiner Brüder und Kollegen. Besonders die Letzteren
werden sein Andenken in Ehren halten. H. Ehrmann -
Friedberg." |
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Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 18. Dezember 1930: "Lehrer Jakob Lebermann - Darmstadt. Das
Andenken an den Gerechten ist zum Segen - im memoriam. Wenn auch nicht
ganz unvorbereitet, so war doch die Todesnachricht eine überraschende und
erschütternde. Ich sehe den Verstorbenen noch vor mir, als er in jungen
Jahren frisch und tatkräftig nach Darmstadt kam und in der dortigen
Israelitischen Religionsgesellschaft das Amt des Chasons (Vorbeters) und
Lehrers antrat. Mit einer seltenen Begeisterung bemühte er sich von
Anfang an, beide Ämter 'modern' im Sinne eines Samson Raphael Hirsch - das
Andenken an den Gerechten ist zum Segen - zu verwalten. Von dem Wirken
Jakob Lebermanns als Lehrer soll hier vornehmlich gesprochen
werden. Er war bestrebt, den Grundsatz 'Übe den Knaben gemäß seinem
Wandel ' (Sprüche 22,6) wahr zu machen zu einer Zeit vor mehr als 40
Jahren, da man von der individuellen Erziehung und einer
psychoanalytischen Einstellung des Pädagogen kaum etwas wusste, noch
weniger aber betätigte. Lebermann kannte seine Schüler und Schülerinnen;
er war wohl ein strenger Lehrer, der es verstand, sich in Respekt zu
setzen und die früher oft übliche Despektierung des jüdischen
Religionslehrers auszumerzen. So war es überhaupt sein Bestreben, die
Stellung des jüdischen Religionslehrers und Kultusbeamten durch eigene
Fortbildung, durch Gestaltung der Persönlichkeit und durch offene,
ehrliche und sachlich berechtigte Kritik der bestehenden Zustände in
geistiger, sittlicher, sozialer und wirtschaftlicher Beziehung zu heben.
Und ist dies nicht richtig und nötig? Das köstliche Gut, die religiöse
Unterweisung, die Vermittlung jüdischen Wissens und Empfindens, das
wertvollste Rüstzeug draußen im Leben und im Kampfe des Alltags der
Jugend, der Zukunft weiterzugeben, ist die hohe, heilige, aber auch nicht
leichte Aufgabe eines jüdischen Religionslehrers. Träger einer solchen
Aufgabe kann aber nur ein Mensch sein, der die Eigenschaften besitzt,
welche diese Aufgabe erfüllen lassen, der die Qualitäten aufweist, die
geeignet sind, Achtung und Verehrung ihm abzugewinnen.
Würde der Persönlichkeit ist schließlich auch noch eine Voraussetzung,
die nicht immer vorhanden erscheint, sei es aus Mangel solcher
Eigenschaften, sei es auch aus Mangel der Verhältnisse überhaupt, die
hindernd im Wege stehen.
Deshalb ist auch wirtschaftliche Sicherstellung nicht unwichtig, um den
Lehrer frei von unmittelbaren materiellen Sorgen und frei von nicht ganz
passenden Nebenverdiensten tatkräftig und würdevoll wirken zu lassen. So
verstand es Lebermann, Einfluss auf die Jugend zu gewinnen, die er nciht
nur elementar und systematisch in das Wissen und Denken, in das Schrifttum
und die Gesetzeslehre einführte, sondern auch mit dem Leben, das aus der
Lehre fließen soll, vertraute; mit dem täglichen Leben, das mit der
Religion Hand in Hand in Wahrheit und Menschlichkeit sich vollziehen
muss.
So wusste der verklärte Jugendfreund das Verständnis für die
Schönheiten der religiösen Vorschriften zu wecken, den Sinn des Sabbats
und der Feiertage zu erschließen und den Inhalt der Gebote nahe zu
bringen, die Vorbereitungen und Unterweisungen waren von bleibendem Wert.
Nicht die starre Form, sondern der lebendige, geistige Inhalt ist das
Kriterium wirklicher Religion und Form und Inhalt glücklich zu verbinden,
Seele und Körper harmonisch zu vereinen, feste Grundsätze der Glaubens
unerschütterlich zu verankern, neben zeitgemäßer Kultur und
wissenschaftlicher Anschauung ist eine große Aufgabe des modernen
jüdischen Lehrers. Lebermann hat für seinen Teil diese Kunst zu meistern
gewusst - heute würde er noch freier und erfolgreicher diesen
Gedankengängen Ausdruck und Ausführung verleihen können.
Gelegentlich der akademischen Abschiedsfeier, die frühere Schüler und
Schülerinnen vor 3etwa 5 Jahren dem verehrten Lehrer widmeten, zeigte
sich so recht die Dankbarkeit und Wertschätzung, die unterschiedslos ihm
gezollt wurden. Mögen auch gar manche seiner Schüler später andere Wege
gegangen sein - die feste Grundlage jüdischen Wissens hat Jakob Lebermann
allen gegeben und sie damit befähigt, jederzeit den alten Weg
zurückzufinden.
Wenn die dem Verstorbenen vorschwebenden Ziele, welche er selbst so eifrig
verfolgte, immer mehr der Vollendung entgegenreifen, dann wäre die
Dankesschuld am schönsten eingelöst. Wir aber, seine Schüler und Schülerinnen
werden das Andenken an Jakob Lebermann immerdar segnen! Dr. S.
Lehmann, Frankfurt am
Main."
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Aus der Geschichte des Rabbinates der Israelitischen
Religionsgesellschaft
Über das Darmstädter Landesrabbinat (zu einem Beitrag von Jacob
Lebermann, 1930)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 28. August 1930: |
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Rabbiner Dr.
Lehmann Marx hat sein Amt angetreten
(1871)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 20. September 1871: "Darmstadt, 18. September (1871). Der,
wie bereits gemeldet, von der orthodoxen israelitischen
Religionsgesellschaft hierher berufene Rabbiner, Herr Dr. L. Marx,
hat sein Amt angetreten und durch seine vorzüglichen Predigten an den
verflossenen Neujahrstagen die Herzen seiner Hörer im Fluge erobert. Wir
werden mit Gottes Hilfe von Neujahr 5632 eine neue Ära der
Entwicklung unserer religiösen Verhältnisse datieren." |
25-jähriges Amtsjubiläum von Rabbiner Dr.
Lehmann Marx
(1896)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 11. September 1896: |
|
Zum Amtsjubiläum von Rabbiner Dr.
Lehmann Marx (1896)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 1. Oktober 1896: |
Ernennung von Rabbiner Dr. Marx zum orthodoxen Rabbiner der orthodoxen Gemeinden
des Rabbinatsbezirks Darmstadt (1897)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Juli
1897: |
Rabbiner Dr. Moses Marx aus Darmstadt wird Rabbiner des Vereins zur Wahrung der
religiösen Interessen des Judentums in Westfalen (1901)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. November
1901: |
Verlobungsanzeige
von Rabbiner Dr. Moses Marx und Eva Bodenheimer (1901)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Dezember
1901: |
Chanukkagruß an die jüdischen Soldaten von Rabbiner Dr.
Lehmann Marx
(1915)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 1. Januar 1915: "Chanukkahgruß an die jüdischen
Krieger.
Darmstadt, 28. Dezember (1915). Das Großherzogliche Rabbinat
Darmstadt II, Herr Rabbiner Dr. Marx, ließ an die im Felde
stehenden Soldaten seines Rabbinates folgendes Schreiben ergehen:
'Zum zweiten Male entbiete ich Euch innige Grüße aus der Heimat!
Winterstürme brausen nun über die Fluren, als ob die Natur ein
Spiegelbild jenes gewaltigen Ringens geworden wäre, dessen Zeugen und
wackere Mitstreiter Ihr alle seid. Monate sind dahingegangen, in denen wir
mit Bewunderung und Stolz von den Heldentaten unserer Armeen in Ost und
West von tag zu Tag vernahmen, die Ihr, geleitet von unseren herrlichen
Führern, erstrittet für Kaiser und Reich. Galt's im Sonnerbrand in
Dauermärschen, galt's im Sturm mutig vorwärts zu schreiten, Ihr
zaudertet nicht, und Euer war der Sieg. Aber auch jene beispiellose
Größe, die Ihr bewährtet im Schützengraben unter aller erdenklichen
Mühsal oder auf schwierigstem Gelände Flanderns, Frankreichs und Russlands
oder stürmischer See, da Eure Devise war 'stark und fest!', nimmer werden
wir sie vergessen.
Nicht zuletzt aber Ihr, meine lieben jüdischen Brüder, beglückt uns in
der Heimat der Gedanke, was uns ja Gewissheit von der ersten Stunde des
Kampfes an war -, dass Ihr gerade als Juden mit in den vordersten Reihen
der Kameraden steht und wetteifert an Mut und Tatkraft, an Entsagungs- und
Opferfreudigkeit mit allen im Felde Stehenden. Wisst Ihr doch, dass Ihr
hiermit nicht nur deutsche Soldatenpflicht erfüllt, sondern jenes
heilige, religiöse Gebot, sein Leben dem Vaterlande zu weihen, nach dem
Prophetenwort Jirmijahus (Jeremias), das er vor Jahrtausenden uns ins Herz
gegossen, als er mahnt: Dirschu es sch'laum hoir 'Fördert das Wohl
des Staates!'
So krönt denn schon manche Heldenstirn unverwelklicher Lorbeer und ziert
so manche kühne Brust das Ehrenzeichen unserer erhabenen Fürsten. Heil
Euch, die Ihr mit Eurem Blut mitbauen helfen dürft an der großen,
gewaltigen Aufgabe, den Frieden der Zukunft zu sichern durch das
Niederringen der Feinde, denen im Kampfe Alles fehlt, was Euch mit
unerschütterlichem Gottvertrauen emporschauen lässt, - vor Allem das
Bewusststein, für eine gerechte, wahre und gute Sache das Schwert zu
ziehen!
In wenigen Tagen feiern wir das Chanukkah-Fest, an dem Ihr und wir jene
erhabenen Bilder der Vergangenheit von den Heldenkämpfen der Makkabäer
wieder erstehen lassen. Wie heute bei uns, umdräuten damals gewaltig
zahlreiche Feinde jene wenigen jüdischen Streiter. Aber wir siegten,
getragen von der tiefen Überzeugung, zu kämpfen für die Erhaltung der
heiligsten Güter der Nation.
W'atto brachamecho horabbim omad'to lohem b'es zorosom 'Du aber, o
Gott, in Deiner großen Barmherzigkeit standest ihnen bei in der Stunde
der Not...' und unsterblichen Ruhm ernteten unsere
Ahnen.
Brüder! Auch in Euren Adern fließt Makkabäerblut! Drum wird Gott Euch,
die Ihr von dem gleichen Geist, wie die Väter beseelt seid, die Kraft
leihen, dem endlichen Siege zuzuschreiten. Und wenn Ihr nun in heilig
religiöser Glut, doppelt andachtsvoll im Feindesland an den
Chanukkahtagen von Abend zu Abend Lichter der Weihe anzündet, dann lasst
im stillen oder lauten Sang die Mut und Gottvertrauen ins Herz träufelnde
Festeshymne erklingen: Moaus zur Jeschuosi:
'Quelle meiner Kraft, Fels meines Heils, Dich geziemt's zu preisen;
Meines Gebetes Haus gründest Du dereinst, da wir Dankopfer bringen -
-
Zur Zeit, wenn Du eine Richtstätte bereitest vor dem brüllenden
Feind,
Dann vollende ich mit Liedessang die Weihe des Altars.'
Und wenn diese kleinen Lichter flackern und Euch künden von
Vergangenheit, Heimat und Euren Lieben, dann wisst: Wie die Zahl der
Lichter von Tag zu Tag wächst, so steigt auch von Tag zu Tag die
Gewissheit: 'Der Gott, der Wunder getan an unseren Vätern', wird auch 'in
unserer Zeit' uns Siege und Frieden geben.
Wir aber beten für Euch alle, dass der Allgütige Euch erhalte, die
Wunden heile, schütze und schirme unseres Fürsten und Führer, unser
Heer und unser geliebtes Vaterland.' Der Brief schließt mit
herzlichen Chanukkahgrüßen und der Mitteilung über die mitfolgenden
Liebesgaben des Jüdischen Frauen-Vereins zu
Darmstadt." |
Rabbiner Dr.
Lehmann Marx erhält den Professorentitel
(1917)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 30. März 1917: "Anlässlich des 25-jährigen
Regierungsjubiläums des Großherzogs von Hessen wurde Herr Rabbiner
Dr. Marx in Darmstadt mit dem Professorentitel
ausgezeichnet." |
Zum Tod von Rabbiner Dr. Moses Marx
(1924)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 17. Januar 1924: "Rabbiner Dr. Moses Marx - Darmstadt. Das
Andenken an den Gerechten ist zum Segen. Die Aufschrift dieser
Zeilen kündet die Schwere des Verlustes, der die Familie, die Gemeinde
und die jüdische Gesamtheit betroffen hat. Noch können wir es kaum
fassen, dass der allezeit rührige, temperamentvolle Mann nicht mehr unter
uns weilst, und wie ein schwerer Traum lastet es seit den letzten zwei
Tagen auf uns, den wir so gern als Spiel erregter Phantasie wähnen
möchten, den jedoch kein Morgen verscheucht, und der leider trostlose,
schmerzliche Wirklichkeit geworden ist. Der 'junge' Darmstädter Raw
ist im blühenden Alter von 47 Jahren inmitten reich gesegneter Tätigkeit
von seinem Schöpfer abberufen worden. Noch vor drei Wochen hatte er in
gewohnter geistvoller Weise am Schabbat Paraschat Wajehi seine ihm
in Andacht lauschende Gemeinde an der Hand eines Midraschwortes ... für
die Wichtigkeit und die Aufgaben der Chewra Kadischa
(Wohltätigkeitsverein) begeistert, als ihn am Schlusse des Vortrags ein Unwohlsein
befiel, das trotz vorübergehender Momente der Besserung sich so kritisch
entwickelte und uns jetzt die Wahrheit des Midraschwortes an uns selbst
erleben lässt.
Von früher Jugend unter Anleitung und dem aneifernden
Beispiel seines verdienstvollen Vaters - sein Licht leuchte - zur Tora
hin erzogen, besuchte der hochbegabte Jüngling später die Jeschiwot
in Berlin und Frankfurt, wo er sich das Wissen aneignete, das er später
fortbildend und lehrend ständig mehrte, und das ihm mit Recht den
Ehrentitel eines ausgezeichneten Gelehrten erwarb. Seine erste
rabbinische Tätigkeit galt dem Verein für das gesetzestreue Judentum in Westfalen.
Noch heute spricht man dort mit Hochachtung und Ehrfurcht von dem Recklinghausener
Raw, der durch Wort und Tat so viel für Tora und Wahrheit
gewonnen und so viel Segensreiches erhalten und neugeschaffen hatte. Vor
15 Jahren folgte er dem Rufe seiner Heimatgemeinde, der Israelitischen
Religionsgesellschaft Darmstadt, zur Unterstützung seines Vaters
in der vielfachen Tätigkeit im ausgedehnten Landrabbinatsbezirk, um
später nach Pensionierung seines Vaters das Amt des Landrabbiners
zu übernehmen. Zeit und Entwicklung der Verhältnisse in den zahlreichen
Gemeinden seines Bezirks stellten ihn fortwährend vor neue Aufgaben. Aber
so schwierig sich diese gestalteten, seine Arbeitskraft und Hingabe wuchs
mit ihnen und er meisterte sie mit reich gestaltender Initiative. Die
Kriegszeit mit den vielen verantwortungsvollen Aufgaben fand ihn auf
voller Höhe. Wie viele der damals in Darmstadt garnisonierenden
jüdischen Soldaten aus allen Gegenden haben die Wohltat seines warmen
Eintretens bei Behörden und seine Fürsorge für ihr geistiges und
körperliches Wohl erfahren, wie mühte er sich um die Versorgung mit
rituellen Lebensmitteln für die gesamte Judenheit der Provinz, wie beriet
er die Gemeinden in ihren geistigen und finanziellen Nöten, wie
begeisterte er Jung und Alt in seinen Predigten und bei allen
Gelegenheiten freudiger und ernster Art, wie fesselte er die Jugend in
Schule und Vereinen, und wie war er der Gesamtheit ein treu
hingebender und aufopfernder geradsinniger Fürsprecher. Mit
gerechtem Stolze blickte er noch auf seinen letzten bedeutenden Erfolg vor
einigen Wochen zurück, als in der hessischen Volkskammer durch einen
antisemitischen Antrag die Erhaltung der Schechita gefährdet war,
und er durch unermüdliche Agitation bei den Fraktionen an der Hand
reichen Materials die Gefahr mit Gottes Hilfe zu bannen und die Wahrheit
zum Siege zu führen verstand - das Geheimnis solch fast übermenschlichen
Wirkens lag eben in der einen Tatsache, dass er ein gehämmerter Jehudi
in des Wortes edelstem Sinne war. Wer ihn auf der Kanzel, in der Schule
oder in den mannigfachen Veranstaltungen hörte, der erkannte einen Mann,
dem Leben und Lehre identisch waren, und der in einer den herrlichste
Vorbildern aller Zeiten abgelauschten Weise mit Hingabe von Leib und Seele
in seinem Berufe aufging. Alle seine trefflichen Eigenschaften, die
Feuerkraft seiner Rede, der Zauber seiner Persönlichkeit, sein glühender
Idealismus, sein reiches Wissen, seine Herzensgüte traten nur in den
Dienst seines echt jüdischen Fühlens und Denkens. Nur so sind das
Überwältigende seines Wirkens und seine zahlreichen Erfolge, die auch
von namhafter nichtjüdischer Seite anerkennt wurden, zu
erklären.
Ein schier unabsehbarer Trauerzug unter Vorantritt der Jugend -
gleichsam symbolisch das Lebensziel im Streben des Verblichenen auch auf
dem letzten Gange darstellend - bewegte sich am Tag vor Schabbat
Paraschat Bo durch die Straßen von Darmstadt, um die sterbliche
Hülle der teuren Seele zur Ruhe zu geleiten. In seiner Bescheidenheit
hatte er sich jede Trauerrede, ja jede Todesanzeige verbeten. Trotzdem
waren von allen Seiten die Freunde und Verehrer, die Rabbiner von Mainz,
Frankfurt und Fulda, die Lehrer und Vorstände der Landgemeinden
herbeigeeilt, und stille Wegmut, verhaltene Klage und Tränen des
Schmerzes kündeten beredt die Schwere des allgemeinen Verlustes. In
tiefster Trauer steht neben der gebeugten Familie seine schwergeprüfte
Gemeinde, der vor allem stets sein innerstes Fühlen galt, und der ganze
Rabbinats- |
bezirk
an der Bahre des im Blütenalter von 47 Jahren dahingeschiedenen Mannes,
der noch zu viel Großem und Segensreichem berufen schien. Viele
Hoffnungen und reiche Erwartungen sind mit dem nimmer müde gewordenen,
reichbegnadeten Manne ins Grab gesunken, aber 'Er war unser!' So
früh auch seine irdische Wirksamkeit endete, 'süß ist der Schlaf des
Arbeiters, er esse wenig oder viel' (Prediger 5,11), das Lebensziel
hat er in Reinheit und Vollkommenheit wie einer der Größten in Israel
erreicht.
Dies möge der Trost für die tief gebeugten Eltern und die gesamte
Familie sein, dies wird der Ansporn für seine Gemeinde und alle
Angehörigen des Rabbinatsbezirks werden, sich im Sinne des treuen
Führers - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - umso enger
zusammenzuschließen und hochzuhalten, was er stets begeistert gelehrt und
gelebt hat. Dann werden auch alle aus dem Herben und Trüben der Stunde
sich wieder aufrichten in dem Bewusstsein: 'Jakob unser Vater ist nicht
tot' - 'Er bleibt unser'. Seine Seele sei eingebunden
in den Bund des Lebens." |
Zum Tod von Rabbiner Dr. Nathan Cahn
(1924)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 4. September 1924: |
Nachruf
auf Rabbiner Dr. Nathan Cahn (1924)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. September
1924: |
Jahrzeit für Rabbiner Dr. Nathan Cahn
(1925)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 10. September 1925: |
Dienstantritt von Rabbiner Dr. Julius Merzbach
(1925)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 10. September 1925: |
Zum Tod von Rabbiner Dr.
Lehmann Marx (1925)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 29. Oktober 1925: |
| |
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5.
November 1925: |
Verlobungsanzeige von Rabbiner Dr. Julius Merzbach und Helene Kober (1926)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. März
1926: |
Abschiedsfest (Tora-Fest) für Rabbiner Moses Wassermann
(1930)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 30. April 1931: |
Simon Schwab wird Rabbinatsassessor der Israelitischen
Religionsgesellschaft (1931)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 28. Mai 1931: "Darmstadt, 26. Mai (1931). An Stelle
des Herrn Rabbiner Wassermann, der als Dajan nach Breslau berufen wurde,
wurde Herr Simon Schwab als Rabbinatsassessor der hiesigen
Religionsgesellschaft gewählt. Herr Simon Schwab, Sohn des Herrn
Leopold Schwab in Frankfurt am Main, ehemaliger Schüler der Samson
Raphael-Hirsch-Schule, besuchte nach Absolvierung der Schule eine Zeit
lang die Frankfurter Breuer'sche Jeschiwa und widmete sich dann fünf
Jahre lang ununterbrochen dem intensiven Thorastudium an den Jeschiwos in
Telsch (Telč, Tschechien) und Mir (Weißrussland). Eine kurze Zeit
betätigte er sich auch als Dozent an der Jeschiwo zu Montreux. Wir
wünschen dem jungen Gelehrten, der auch in Frankfurt bei mannigfacher
Gelegenheit Proben seines Könnens und reichen Torawissens gegeben hat,
von Herzen Glück für seine Amtstätigkeit." |
Aus dem jüdischen Gemeinde- und
Vereinsleben
20-jähriges Jubiläum des
"Talmud-Thora-Vereins"
der Israelitischen Religionsgesellschaft (1892)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 21. Januar 1892: |
25-jähriges Jubiläum des Talmud-Thora-Vereins
(1896)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 26. November 1896: |
|
Vorstellung
gegen den Gesetzentwurf betr. die Verfassung und Verwaltung der israelitischen
Religionsgemeinden (1906)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 30. November
1906: |
Spende der Israelitischen Religionsgesellschaft für den
"Blumentag" (1911)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 12.
Mai 1911: |
| Über die Idee des
"Blumentages" siehe Wikipedia-Artikel "Blumentag" |
Tagung des hessischen Landesverbandes gesetzestreuer
Synagogengemeinden (1928)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 16. August 1928: |
|
Vortrag von Wolf Jacobsohn (Hamburg) über "Die
Zukunft des gesetzestreuen Judentums"
(1929)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 7. März 1929: |
Sijum des
Talmud-Thora-Vereins
(1929)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 9. Juli 1929: |
| |
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 25. Juli 1929: |
Festlicher Abend des
Talmud-Thora-Vereins
(1930)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 6. Februar 1930: |
Vortragsabende - veranstaltet durch die Agudas Jisroel
Darmstadt (1931)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 26. November 1931: |
Aus der Arbeit der Agudas Jisroel-Jugendgruppe
(1934)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 7. Juni 1934: |
Vortragsabende - veranstaltet durch die Agudas Jisroel
Darmstadt (1934)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 25. Oktober 1934: |
Arbeitstagung der Pirche Agudas Jisroel in Darmstadt
(1934)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 25. Oktober 1934: |
Generalversammlung der
Israelitischen
Religionsgesellschaft (1936)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 18. Juni 1936: |
Vortrag von Rabbiner Dr. Cahn (Fulda) bei der
Ortsgruppe der Agudas über "Chassidismus"
(1937)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 4. März 1937: |
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde
Zum Tod von Frau A. Haas (1877)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 19. September 1877: |
Zum Tod von Rabbi Löb Sulzbach
(1882)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 1. März 1882: |
|
Zum Tod von Channa Neigaß (1927)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 17. November 1927: |
Zum Tod von Berta Mayer
(1930)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 16. Januar 1930: |
Zum Tod von Max Jonas Meyer (1931)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 16. April 1931: |
Zum Tod von Mirjam Lebermann
(1933)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 4. Oktober 1933: |
Zum Tod von Babette Mainzer geb. Mainzer
(1935)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 29. Mai 1935: |
Zum Tod des ersten Gemeindevorstehers der Israelitischen
Religionsgesellschaft Josef Freitag (1936)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 4. Juni 1936: |
| |
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
20. Mai 1936: |
Zur Geschichte der Synagoge
Seit Ende der 1850er-Jahre wurden - wie bereits oben
genannt - die Gottesdienste in den Wohnungen von Rabbi Löb Sulzbach, dann von
Hermann Neustadt abgehalten.
Die 1863/64 erbaute Synagoge
1861 kauften 14 Mitglieder der
Religionsgesellschaft auf den Namen von Löb Sulzbach, da die
Religionsgesellschaft noch keine Korporationsrechte besaß, ein Grundstück, das
sich unmittelbar an das Synagogengrundstück in der Kleinen Ochsengasse
anschloss. Seit 1863/64 wurde in dem Hintergebäude/Anbau zur Synagoge
die orthodoxen Gottesdienst abgehalten. Nach dem Bericht von 1867 (s.o.) hatte
bereits dieser Betsaal eine "prächtige Einrichtung". Am 31. August
1867 konnte die Einweihung einer neuen Torarolle gefeiert werden.
Die orthodoxen Israeliten erwerben ein Haus zur
Einrichtung einer Synagoge (1863)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 3. Juni 1863: "Darmstadt, den 21. Mai (1863). Die hiesigen
gesetzestreuen Israelitischen haben bereits seit der Einführung der Orgel
und der übrigen Reformen in der hiesigen Synagoge einen separaten
Gottesdienst eingerichtet. Dieselben haben nunmehr ein eigenes Haus akquiriert,
um daraus eine Synagoge zu erbauen; auch sind sie bei der
Großherzoglichen Regierung um die Ermächtigung zu vollständiger
Löstrennung von der bisherigen Gemeinde
eingekommen." |
Besuch in der Synagoge der
Israelitischen
Religionsgesellschaft (1864)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 23. März 1864: "Darmstadt, 6. März (1864). Gestern
besuchten wir zum ersten Male unsere schöne, neuerbaute Synagoge. Alle
Mitglieder unserer (orthodoxen) Religionsgesellschaft waren sichtbar
erfreut, dass sie, obgleich von sehr geringer Anzahl (die Gemeinde besteht
nur auf 15 Familien), das Glück hatten, ein Gotteshaus sich bauen zu
können. Die Freude würde, nach dem Aussprache der Mitglieder,
genussreicher gewesen sein, wenn, wie beabsichtigt worden war, ein
orthodoxer Rabbiner die Einweihung vorgenommen hätte. Der Wille der
Gemeinde stieß durch die Einsprache der Rabbiners Landsberg auf
Hindernisse, und bist heute ist von der höchsten Stelle noch keine
Entscheidung eingelaufen. Die Meinungen der Mitglieder waren deshalb
geteilt, ob man die höchste Entscheidung abwarten, oder ob die Eröffnung
durch den allgemein geachteten, talmudisch gebildeten Rabbi Herrn
Sulzbach geschehen sollte. Doch die nach Verwirklichung des Satzes
(hebräisch und deutsch:) 'ich freue mich, wenn man zu mir spricht, wir
wollen in ein Gotteshaus gehen' trachtende Sehnsucht siegte und so wurde
denn unser Gotteshaus unter Gottes Beistand und Hilfe mit Gebet und
Vortrag durch Herrn Sulzbach eröffnet. In seinem Gebet dankte er
Gott, dass die Gemeinde das Glück habe, statt in einer beschränkten
Kammer nun in einem Gotteshause sich versammeln zu können. In
überzeugender Weise stellte er die Gründe der Trennung dar und schloss
mit den kräftigen Worten, welche auf dem Wochenabschnitt Wajekahel
basierten: festzuhalten an unserer alten jüdischen Religion; er
erläuterte in geordneter Rede, dass unsere ganze Religion und somit
unsere jüdische Existenz auf dem 2. Satze des Wochenabschnitte beruhe
(hebräisch und deutsch): 'sechs Tage sollt ihr arbeiten, den siebenten
Tag sollt ihr heilig halten, einen Sabbat des Herrn, wer an demselben
arbeitet, der soll sterben', und erwähnte schließlich, dass die
vollständige Weise des Hauses durch den von der Gemeinde allgemein
gewünschten Rabbinen geschehe, sobald die höhere Genehmigung erteilt
sein würde. Die schönen kräftigen Worte des Herrn Sulzbach wurden von
allen an der Gemeinde beteiligten und nicht beteiligten Zuhörern, deren
Letztere in großer Anzahl bei der Eröffnung vertreten waren, einstimmig
mit Wohlgefallen anerkannt. Die Synagoge ist sehr freundlich, bei deren
Anblick wurde unser Innerstes durch freudige Regungen bewegt. Wenn alle Mitglieder
zum Bau der Synagoge das Ihrige beitrugen, so gebühr doch besonders dem
Vorstande und dem Leiter des Synagogenbaues, Herrn Jonas Meyer,
öffentliche Anerkennung; indem er mit vielen Aufopferungen den schönen
Bau zum Ziele führte. ...L."
*) Die Entscheidung ist am 16. d.M. erfolgt und erschien bereits in Folge
dessen am 20. eine Deputation beim Herausgehen d.Bl. ihn zu der am 26.
statthabenden offiziellen Einweihung einzuladen. -
Red." |
Die
Einweihung der Synagoge der Israelitischen
Religionsgesellschaft (1864)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 6. April 1864: "Mainz, den 2. April (1864). Gestern,
Sabbat Paraschat Schemini, fand die offizielle Einweihung der Synagoge der
israelitischen (orthodoxen) Religionsgesellschaft zu Darmstadt
statt, die wegen der in voriger Nummer erwähnten Reise des Herausgebers
dieser Blätter nach Worms um 8 Tage hatte verschoben werden müssen. Mit
freudiger Bereitwilligkeit hatte die israelitische Religionsgesellschaft
zu Mainz zu dieser Feierlichkeit auch ihren Vorsänger, den weithin
rühmlichst bekannten, durch seine wundervolle Stimme und seinen
weihevollen Vortrag ausgezeichneten Herrn Jakob Marx, überlassen,
der mit sechs Meschorrerim, unter denen wir den Dirigenten Herrn Leo
Cahn namhaft machen, in einer Weise vorbetete, die auf die überaus
zahlreichen Besucher des Gotteshauses einen mächtigen Eindruck machte.
Die wohl kleine, aber sehr geschmackvoll gebaute Synagoge, war sowohl
während des Freitagabends, wie während des
Samstagmorgengottesdienstes förmlich überfüllt. Der Herausgeber dieser
Blätter hielt die Weiherede. Er sprach über 3. Buch Mose 9,23-24;
10,1-3: über das echte Feuer, das uns von oben gesandt worden, das
falsche Feuer, das den Tod vor Gott nach sich zieht, und über die
Heiligung des göttlichen Namens durch die, so ihm nahe stehen. Anlehnend
an Joma 21b, wo uns fünf Eigenschaften des oben oben gekommenen Feuers
dargelegt werden, setzte der Redner auseinander, dass das himmlische
Feuer, das in uns lodern, uns erwärmen |
und
erleuchten soll, kräftig sein muss wie der Löwe, lauter wie die Sonne,
etwas Wirklichkeit, von gleichem Einflusse auf die Jugend wie das Alter
und dass es endlich nur leuchten und erwärmen, nicht aber nach Außen
durch weithin sichtbaren Rauch prangen und prahlen soll. Hierauf warnte
der Redner vor dem falschen Feuer, das den Tod nach sich zieht vor Gott,
indem er das Vergehen der Söhne Ahrons nach den verschiedenen Interpretationen
erklärte und auf die Gegenwart anwandte; zum Schlusse wurde dann noch
auseinander gesetzt, dass der Endzweck des jüdischen Lebens die Heiligung
des göttlichen Namens sei (10,3: 'an den mir Nahen will ich geheiligt
werden'), eine Heiligung, die namentlich Israel als dem Volk seiner
Nähe obliege und unter den Israeliten vorzüglich den Gesetzestreuen,
damit 'Gott vor allem Volke geehrt werde', indem alle Nationen sprechen:
Gelobt sei der Gott Israels, der solche Diener hat, gepriesen sei die
Religion Israels, die solche Bekenner besitzt. Mit dem Gebete für die
Gemeinde, für Fürst und Vaterland, für die wiederherzustellende
Einigkeit in Israel schloss die Rede, deren Eindruck näher zu bezeichnen
uns nicht ziemt.
Bei allen Israeliten der Stadt, die, wie man uns sagte, fast sämtlich dem
Gottesdienste beigewohnt hatten, - auch die Behörden waren vertreten -
herrscht die festlichste Stimmung. Namentlich wetteiferten die Mitglieder
der Religionsgesellschaft, ihre Gäste zu ehren und zu erfreuen,
überhaupt den Tag zu einem hohen Festtag zu gestalten.
Abends fand kein Ball, wohl aber ein Festmahl statt, das die
Teilnehmer bis gegen zwei Uhr vereinigte, dem aber der Schreiber dieses
nicht bis zu Ende beiwohnte; er zog sich, nachdem er noch einmal eine
längere Rede gehalten, in welcher die Unverbrüchlichkeit unserer
heiligen Gotteslehre dargelegt wurde, um Mitternacht zurück. Heute Mittag
schon eilten wir der Heimat zu, zu unsern Berufsgeschäften und andern
Arbeiten, noch des Eindruckes voll, den freudiger Opfermut für unsere
heiligsten Güter notwendiger Weise hervorruft. Noch ist die israelitische
Religionsgesellschaft zu Darmstadt klein an Mitgliederzahl; sie wird aber
wachsen und gedeihen, sodass an ihr in Erfüllung geht das Wort: Und es
wird sein dein Anfang gering, allein dein Ende wird wachsen gar
sehr!" |
Die 1873/74 erbaute Synagoge
1872 beschloss der Vorstand der Religionsgesellschaft, eine neue Synagoge
an der Ecke Bleichstraße/Grafenstraße zu bauen. Diese neue
Synagoge wurde um 1873 fertiggestellt und eingeweiht. Ein
Bericht zur Einweihung konnte in jüdischen Periodika noch nicht gefunden
werden. Aus den oben bereits zitierten Berichten ist zu entnehmen: Bericht vom
2. Oktober 1872 (Bericht):
"So hat die Opferwilligkeit der Gemeinde es
ermöglicht, dass die jetzt im Bau begriffene Synagoge noch vor dem
Winter unter Dache gebracht werden kann. Auch die Frauen in Darmstadt
nehmen regen Anteil an der Konsolidierung und Kräftigung der Gemeinde;
dieselben haben zum Beispiel jetzt ein Komitee gebildet zur Anschaffung
von Parochet (Toraschreinvorhang) und sonstiger Synagogenutensilien."
Im Bericht vom November 1872 heißt es (Bericht): "Unsere Synagoge kommt diese
Woche unter Dach. Mikwe und Schullokal werden dann
auch in Angriff genommen".
Am 6. November 1878 heißt es im Rückblick (Bericht):
"Die
Religionsgesellschaft besitzt eine eigene erst vor einigen Jahren neu
erbaute Synagoge".
Ausschreibung der Stelle des Synagogendieners der
Israelitischen Religionsgesellschaft (1900)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
18. Oktober 1900:
"Die israelitische Religionsgesellschaft in Darmstadt sucht
per sofort einen streng gesetzestreuen
Synagogendiener.
Bevorzugt werden Bewerber, die jüdisches Wissen besitzen. Meldungen mit
Zeugnissen über religiös-sittliche Lebensführung nimmt entgegen
Der Vorstand der israelitischen Religions-Gesellschaft
Darmstadt." |
Die 1905/06 erbaute Synagoge
Die um 1873 erstellte Synagoge war nur gut 30 Jahre in Benutzung. Sie erwies sich für die größer gewordene
Israelitische Religionsgesellschaft bereits in den 1890er-Jahren zu klein und wurde 1904 abgebrochen, um an
derselben Stelle 1905/06 einen Neubau zu errichten.
Diese neue, durch den Darmstädter Architektur-Professor Georg Wickop
(1868-1914) erstellte Synagoge
der Religionsgesellschaft war ein prachtvoller Bau mit einer Vorhalle und zwei
Turmrisaliten. Der Innenraum war von einer Kuppel überspannt, die Emporenräume
mit Tonnengewölben gedeckt. Architektonisch wurde ein Mittelweg zwischen
Jugendstil und dem neuen Monumentalstil der Zeit um 1910 beschritten. Die
Synagoge hatte 290 Plätze für Männer, 136 für Frauen. Der
Bau konnte überwiegend mit freiwilligen Spenden finanziert werden. Darunter
waren größere Spenden von 10.000 Mark von Herz und Karoline Bodenheimer Erben,
13.200 Mark von fünf Spendern namens Bodenheimer, 2.000 Mark von Isaak Lehmann
usw. Die Kosten des Baus betrugen insgesamt über 185.000 Mark. Leiter der
Baukommission war Simon Bodenheimer, nach dessen Tod (1906) Dr. med. Lion
Bodenheimer.
Die Einweihung der neuen Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft
war am 25. November 1906.
Die Einweihung der neuen
Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft am 25. November 1906
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 30. November
1906: "Darmstadt, 26. November (1906). Gestern wurde die in
der Bleichstraße neu erbaute Synagoge der israelitischen
Religionsgesellschaft feierlichst eingeweiht. Es hatte sich ein
zahlreiches Publikum eingefunden. Darunter Herr Oberbürgermeister
Morneweg. Die Feierlichkeit wurde mit dem Mincha-Gebet in dem
bisherigen Lokale eingeleitet. Dann wurden unter Glockengeläute und
Chorgesang die Torarollen in das neue Gotteshaus übergeführt. Herr Dr.
Bodenheimer, der Vorsitzende des Vorstandes, hielt eine kurze
Ansprache, in der er die Einweihung am Geburtstage des Landesherrn als ein
gutes Omen bezeichnete und des verewigten Herrn Simon Bodenheimer, des
eifrigen Förderers des Baues, besonders gedachte. Von den weiteren
Rednern seien hervorgehoben: Herr Prof. Wickop, der Erbauer, und
der Rabbiner der Israelitischen Religionsgesellschaft Herr Dr. Marx.
Der Großherzog hatte bereits am Samstag die Synagoge besucht und
eingehend in Augenschein genommen.
Die Synagoge macht sowohl in ihrem Inneren, wie in der äußeren
Ausgestaltung einen ebenso imponierenden, wie künstlerisch vornehmen
Eindruck. Sie ist in frühmittelalterlichem Stile, nach romanischer Art,
auf dem Platze der früheren, 1872 errichteten Synagoge, die sich als zu
klein erwies, in moderner Ausstattung in grauem Kalkstein - die inneren Flächen
auf rohem Verputz in Kaseinfarben gemalt - gebaut. Das Gebäude macht
besonders durch den mächtigen Turmbau, der im Innern die hohe Kuppel
enthält, einen imponierenden Eindruck." |
Synagogenutensilien zu verkaufen (1907)
Anmerkung: die Israelitische Religionsgesellschaft hat sich nach der
Einweihung der neuen Synagoge von älteren Einrichtungsgegenständen und
verschiedenen Untensielen getrennt; diese standen vermutlich in der alten
Synagoge und in dem Betsaal, der in der Zeit zwischen dem Abbruch der alten
Synagoge und der Einweihung der neuen Synagoge genutzt wurde.
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
10. Januar 1907:
"Eine Reihe in gutem Zustande befindliche Synagogenutensilien:
Bänke mit zugehörigen Pulten, Vorbeterpulte, Oranhakadesch
(Toraschrein), Beleuchtungskörper für Gas eingerichtet etc. stehen zum
sofortigen Verkaufe.
Der Vorstand
der Israelitischen Religionsgesellschaft
Darmstadt. |
Die Synagoge der israelitischen Religionsgesellschaft, die als
schönste Synagoge Darmstadts galt, bestand nur knapp 32 Jahren.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge durch SA-Angehörige der
SA-Standarte 115 geschändet und niedergebrannt. Die
Brandruine musste - teilweise durch die Gemeindeglieder selbst - abgeräumt
werden.
Eine Gedenktafel erinnert heute an die ehemalige Synagoge an ihrem
Standort.
Adresse/Standort der Synagoge: Bleichstraße
2-4 / Ecke Grafenstraße
Fotos
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen.
Band I S. 113-132. |
 | ders.: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder -
Dokumente. S. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S.
54-55. |
 | Moritz Neumann / Eva Reinhold-Postina: Das
Darmstädter Synagogenbuch. Eine Dokumentation zur Synagogeneinweihung am 9.
November 1988. Im Auftrag des Magistrats der Stadt Darmstadt und der
Jüdischen Gemeinde Darmstadt. Darmstadt 1988. |

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|