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Groß-Zimmern
(Kreis Darmstadt-Dieburg)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Groß-Zimmern bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17./18. Jahrhunderts
zurück. Erstmals wird 1605 ein jüdischer Bewohner in Groß-Zimmern genannt. Im
18. Jahrhundert bestand bereits eine selbständige jüdische Gemeinde: 1770
lebten bereits 19 jüdische Familien am Ort; 1802 waren es 13, 1815 15 Familien.
Ihre Blütezeit erlebte die Gemeinde von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19.
Jahrhunderts. Die höchste Zahl jüdischer Einwohner wurde 1861 mit 143 Personen
erreicht (etwa 5 % der Gesamtbevölkerung von 2.879 Einwohnern). Danach
ging die Zahl durch Aus- und Abwanderung zurück: 1880 98 Personen (3,4 % der
Gesamtbevölkerung von 2.890 Einwohnern), 1905: 97 (2,6 % von 3.689), 1910: 82
(2,2 % von 3.743).
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine
Religionsschule sowie ein rituelles Bad. Die Toten der Gemeinde wurden im
jüdischen Friedhof in Dieburg beigesetzt.
Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Religionslehrer
angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (Ausschreibungen
der Stelle s.u.). Größte Anerkennung fand über mehrere Jahrzehnte Lehrer
Meier Spier (geb. 1865 in Mansbach, umgekommen 1943 im Ghetto Theresienstadt). Er war seit 1883 bis
1938 - über 50 Jahre lang - in
der Gemeinde tätig und war beliebt und geachtet auch in der christlichen
Bevölkerung. Die Gemeinde gehörte zum orthodoxen Rabbinat Darmstadt II.
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Saly Lehmann (geb.
22.9.1898 in Groß-Zimmern, gef. 1.6.1918).
Um 1925, als noch 64 Personen der
jüdischen Gemeinde angehörten (1,5 % von insgesamt 4.348 Einwohnern), waren die Mitglieder des Synagogenvorstandes:
Nathan Mathes, Salomon Blum und Max Götz. Als Lehrer, Kantor und Schochet
wirkte weiterhin Meier Spier. Er erteilte damals noch fünf schulpflichtigen
jüdischen Kindern den Religionsunterricht. An jüdischen Vereinen
bestanden der Israelitische Frauenverein (unter Leitung von Frau Lehmann, 1932
Frau Ranis; Ziel: Wohltätigkeit), der Israelitische Männerverein (unter
Leitung von H. Benedick. 1932: S. Störger; Ziel: Wohltätigkeit) und der
Jugendverein (beziehungsweise "Jünglingsverein" unter Leitung von
Nathan Mathes). 1932 waren die Gemeindevorsteher Nathan Mathes (1.
Vorsitzender), S. Störger (2. Vors.) und Max Götz (3. Vors.). Jüdischer
Lehrer und Kantor war weiterhin Meier Spier. Er hatte inzwischen wieder neun
schulpflichtige jüdische Kinder zu unterrichten.
Nach 1933 ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder (1933: 71 Personen, 1,5 % von 4.780 Einwohnern) alsbald auf Grund der
Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Beim Novemberpogrom
1938 wurde
die Synagoge geschändet und im Inneren zerstört (s.u.); sechs jüdische
Männer wurden von der Gestapo für einigen Wochen in das KZ Buchenwald
verschleppt (Kaufmann Moritz Ahrental (Arontal), Kaufmann Karl Blum, Metzger Max Reis,
Händler Moritz Siegel und die beiden Kaufleute Ludwig und Richard Störger).
Die letzten jüdischen Einwohner wurden im Frühjahr 1942 durch die Gestapo
deportiert (Moritz Arontal und seine Frau Jettchen geb. Störger). Lehrer Meier
Spier wurde aus Frankfurt am Main nach Theresienstadt deportiert. Weitere
aus Groß-Zimmern stammende Personen wurden aus anderen Orten deportiert.
Von den in Groß-Zimmern geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Jettchen Ahrental (bzw.
Arontal) geb. Störger (1896), Moritz Ahrental (auch
Aronthal, 1889), Selma Diste geb. Reiss (1906), Friederike (Rika) Fuchs geb.
Reiss (1884), Anni Gölz (1923), Gertrud(e) Hammerschlag geb. Ranis (1888),
Johanna (Hannchen) Katz geb. Lehmann (1865), Julius Lehmann (1894), Adelheid
Kohner (Kahaner) geb. Reiss (1865), Sara Krautwirt (1908), Julius Lehmann
(1894), Johanna Lilienthal geb. Reiss (1888), Franziska
Moses geb. Reiss (1878), Ludwig Ranis (1896), Margrit Ranis (1930), Bertha (Betti) Reiss
(1875), Berthold Reiss (1909), Heinrich Reiss (1875), Max Reiss (1903), Moses
Max Reiss (1866), Selma Reiss (ca. 1910), Norbert Reiss
(ca. 1918), Rosa Reiss (1901), Selma Rothschild geb. Götz (1918), Fred Siegel (1898), Frieda Siegel geb. Schönmann (1903),
Helmut Jakob Siegel (1932), Cilli Schike (1917 oder 1918), Ida Schike (Szike)
geb. Reiss (1898), Simon Schicke (geb. ?), Lehrer Meier Spier (1865); Bella Strauss geb. Lehmann (1904),
Bertha Veis geb. Blum (1898), Moritz Wolf (1898), Thekla Wolpert geb. Spier
(1897).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1875 /
1877
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. März 1875: "Die
israelitische Gemeinde Groß-Zimmern sucht einen Religionslehrer, der
zugleich Vorbeter- und Schächterdienst versehen kann. Gehalt fix Mark
515. Nebenverdienste circa Mark 515. Der Vorstand der israelitischen
Gemeinde Groß-Zimmer: Ehrmann I.
Steinheimer. Störger." |
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Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Oktober 1875: "Für die
israelitische Gemeinde Groß-Zimmern wird ein Lehrer sogleich, auch als
Vorsänger und Schächter, gesucht. Fixer Gehalt bei freier Wohnung nebst
großem Garten 600 Mark und 400 Mark Nebenverdienste. Reflektanten wollen
sich gefälligst wenden an den Vorstand der israelitischen Gemeinde Groß-Zimmern:
Ranis. Groß-Zimmern bei Darmstadt, im Oktober 1875." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21.
November 1877: "Die
hiesige Religionslehrer- und Vorsängerstelle, verbunden mit dem Schächter-Amt,
soll sofort besetzt werden. Der Gehalt beträgt 600 Mark fixo, circa 400 Mark
Nebeneinkünfte, sowie freier Wohnung nebst Garten und jährlich 5 Meter Holz
als Heizung. Bewerber orthodoxer Richtung wollen sich alsbald bei dem
unterzeichneten Vorstand unter Vorlage ihrer Zeugnisse melden.
Polen und Russen werden nicht berücksichtigt. Groß-Zimmern, im November
1877. Ranis, israelitischer Vorstand." |
Lehrer Meier Spier ist Präsident des Festkomitees der
Fahnenweihe des Turnvereins (1892)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Februar 1892: "Großzimmern.
Zum Präsidenten des Festkomitees für die am 19. und 20. Juni
stattfindende Fahnenweihe des hiesigen Turnvereins wurde der israelitische
Lehrer Spier ernannt." |
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Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Juni 1892: "Groß-Zimmern.
Bereits vor einigen Monaten schon wurde in diesen Blättern mitgeteilt,
dass Herr Lehrer Spier dahier für das damals in Aussicht gestandene
Bundes-Turnerfest zum Vorsitzenden des Festkomitees ernannt worden ist.
Heute bin ich in der angenehmen Lage, berichten zu können, dass bei dem
Sonntag, 19. dieses Monats unter außerordentlich zahlreicher Beteiligung
von Vereinen und Fremden aus Nah und Fern stattgefundenen Turnerfeste des
Starkenburger Turnerbundes, verbunden mit der Fahnenweihe des hiesigen
Turnverein, Herr Lehrer Spier eine zündende, mit Begeisterung zum Vortrag
gebrachte Rede hielt, die von den nach Tausenden zählenden
Festteilnehmern mit rauschendem Beifall aufgenommen wurde. Auch war Herr
Spier zum Mitglied der Preisrichterkommission ernannte worden. – Einmal
eine erfreuliche Ausnahme in unserer traurigen Zeit." |
Zum Tod von Röschen Spier, Mutter von Lehrer Spier (1902)
Lehrer Meier Spier stammte aus Mansbach; zum Tod
seiner Mutter sprach er einen Nachruf auf dem Friedhof seines Heimatortes.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. August 1902: "Mansbach
(Regierungsbezirk Kassel). Eine herrliche, edle Frau, eine Esches
Chajil (wackere Frau) in des Wortes weitgehendster Bedeutung, Frau
Röschen Spier, Gattin des Herrn Wolf Spier, hier, ist nicht mehr. Am
Freitag Erew Schabbos Chasan (= Freitag, 8. August 1902) hauchte
sie ihre reine Seele aus. Welche Liebe und Verehrung sie in allen
Schichten der Bevölkerung genoss, davon legte die Sonntag stattgefundene
Beerdigung beredtes Zeugnis ab. Von Fern und Nah - Juden und eine große
Anzahl Christen - waren sie herbeigeeilt, um der Verstorbenen die letzte
Ehre zu erweisen. Im Trauerhause schilderte in beredter Weise Herr Lehrer
Strauß die trefflichen Eigenschaften und vielen Tugenden der
Dahingeschiedenen. Auf dem Friedhofe widmete der älteste Sohn, Herr
Lehrer Spier aus Groß-Zimmern, schmerzlich bewegt in tief
ergreifenden Worten seiner Mutter einen zu Herzen gehenden Nachruf. Wohl
kein Auge blieb tränenleer, als er Abschied von der Mutter nahm,
gelobend, in ihrem Geiste zu wirken und zu leben. Einen innigen
Abschiedsgruß rief auch der zweite Sohn, Herr Lehrer Spier aus Bad
Schwalbach, der Verklärten zu. M.M. aus
F." |
25jähriges Amtsjubiläum von Lehrer Spier
(1908)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. November 1908: "Großzimmern,
1. November (1908). Unter außerordentlich großer Beteiligung der
Einwohnerschaft Großzimmerns und der Nachbargemeinden fand am Samstag,
den 24. Oktober, die überaus wohl gelungene Feier des 25jährigen
Amtsjubiläums des Herrn Lehrers Spier statt. Den Glanzpunkt bildete die
Feier in der Synagoge, in der dem Jubilar, der reich beschenkt worden war,
durch den Vorstand eine kostbare Adresse überreicht wurde, wobei der
letztere die Verdienste des Lehrers um die Gemeinde rühmend hervorhob.
Darauf folgte eine längere Ansprache des Herrn Schulrat Gunderloch aus Dieburg,
der seine Glückwünsche darbrachte und auf das selten innige Verhältnis
zwischen Gemeinde und Beamten hinwies. Mit dem Wunsche, dass der Jubilar
noch lange in gleicher Weise der Gemeinde erhalten bleiben möge, schloss
er. Tief bewegt betrat hierauf der so Geehrte die Kanzel, wo er zuerst
seine Gefühle des innigsten Danke zum Ausdruck brachte und dann in einem
Rückblick auf die 25 Jahre seiner Amtierung betonte, wie er mit der
Gemeinde, in der seine Bemühungen so viel Entgegenkommen gefunden hätten,
verwachsen sei. Am Abend ergriff u.a. auch Herr Beigeordneter Michel das
Wort und feierte
die Verdienste des Herrn Spier um den konfessionellen Frieden in Großzimmern
und schloss mit einem Hoch auf den Jubilar. Hervorzuheben ist noch, dass
Herr Rabbiner Dr. Marx in Darmstadt in einem Glückwunschschreiben den
Jubilar durch die Verleihung des Chawer-Titels ehrte." |
50-jähriges Dienstjubiläum von Lehrer Spier (1933)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. November 1933: "50-jähriges
Dienstjubiläum. Am 14. Oktober feierte Herr Kollege M. Spier in
Großzimmern sein 50jähriges Dienstjubiläum. Da der 'Israelit' bereits
eine Würdigung der Persönlichkeit des Jubilars gebracht hat, bleibt es
uns vorbehalten, dem verehrten Kollegen namens des Vorstandes unseres
Bundes herzlichste Glückwünsche auszusprechen. Möge es Herrn spier
gegeben sein, noch eine lange Reihe von Jahren im Dienste seiner Gemeinde
und zum Wohle der Gesamtheit in ungestörter Gesundheit zu wirken. Bis
100 Jahre." |
70. Geburtstag von Lehrer Spier (1935)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
17. Januar 1935: "Aus Hessen. Auch in unserem Lande das gleiche
Bild wie in den übrigen Teilen des deutschen Vaterlandes. Die Gemeinden
verarmen und sind nicht mehr imstande, ihren Lehrern und Kultusbeamten ein
einigermaßen auskömmliches Einkommen zu gewähren. Eine Lehrerstelle
nach der anderen geht ein, und wo seit Jahrzehnten durch die
pflichtbewusste Arbeit eines wackeren Lehrers jüdisches Leben sich
entfalten konnte, herrscht heute eine beängstigende Stille. Sterbende
Gemeinden! Nur wenige in unablässiger Arbeit für das Torajudentum immer
noch rüstig schaffende Lehrer harren aus, ungebeugt durch die Last der
Jahre. So konnten vor kurzem in unserem Bezirke zwei Senioren des jüdischen
Lehrerstandes, ihren 70. Geburtstag feiern, die Herrn Spier, Großzimmern
und Frank, Alsbach. Möge Gott den
beiden Kollegen Kraft und Gesundheit gewähren, noch lange Jahre ihre
Arbeit zum Wohle ihrer Gemeinde und zum Guten der Allgemeinheit fortsetzen zu können." |
Aus dem jüdischen
Gemeinde- und Vereinsleben
Montefiore-Gedenkfeier (1884)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. November 1884: "Groß-Zimmern bei
Darmstadt. Auch in hiesiger Gemeinde wurde die Feier des 100. Geburtstages
von Sir Moses Montefiore in erhebender Weise begangen. Samstag (Paraschat
Noach, d.i. Toraabschnitt zu diesem Schabbat) Mittag um 1 Uhr wurde
unter Leitung der Herrn Lehrer Spier ein Festgottesdienst abgehalten.
Nachdem die Psalmen 100 und 15 vom Vorsänger und Gemeinde rezitiert
waren, wurde ein prachtvolles der Feier angemessenes Gedicht von einem Schüler
recht gut zum Vortrage gebracht. Hierauf hielt Herr Lehrer Spier einen ¾-stündigen
Vortrag, in welchem er Sir Moses Montefiore als Mensch, Israelit und
treuen Gottesdiener feierte. Der
Vortrag machte auf alle Anwesenden sichtlichen Eindruck. Ein Gebet für
den greisen Philanthropen schloss die Feier. H. Ranis, Vorstand." |
Vom Miteinander zwischen Christen und Juden am Ort: Unterstützung durch die
jüdische Gemeinde für das katholische Schwesternheim (Artikel von 1894)
Mainz, 2. September (1894): Aus Frankfurt am Main
erhalten wir das nachstehend abgedruckte Rundschreiben mit der Bitte um
Veröffentlichung, der wir gern entsprechen. Das Schreiben lautet: Euer
Wohlgeboren gestatten uns freundlichst, Ihre Aufmerksamkeit auf ein Werk von
wahrhaft sozialer Bedeutung zu lenken. Seit zwei Jahren sind dahier mehrere
katholische Krankenschwestern tätig, und haben sich dieselben durch ihre
unermüdliche und aufopferungsvolle Tätigkeit das Vertrauen der ganzen Gemeinde
ohne Unterschied der Religion erworben. Um diesen bescheidenen und
anspruchslosen Pflegerinnen eine eigene Wohnung zu schaffen, worin sie zugleich
eine Kinderbewahranstalt und einen Unterricht für weibliche Handarbeiten
eröffnen können, haben wir ihnen ein Haus erbaut. Obwohl die Gemeinde und
viele Private reichlich Beiträge zur Bestreitung der Kosten geliefert haben, so
bleibt dem Haus immerhin noch eine bedeutende Schuldenlast, für deren Zinsen
die Pflegerinnen aufkommen müssen.
In der angenehmen Voraussetzung, dass hier edlen Menschenherzen eine erwünschte
Gelegenheit geboten ist, sich an deinem Werk von echt humaner und sozialer
Bedeutung zu beteiligen, erlauben sich die ergebenst Unterzeichneten, Euer
Wohlgeboren um einen kleinen Beitrag für das Schwesternhaus zu Groß-Zimmern zu
bitten. Jede Gabe, sei sie noch so gering, wird von den Pflegerinnen mit großem
Dank und innigem Gebete für ihre Wohltäter entgegen genommen werden.
Mit vorzüglicher Hochachtung zeichnen ganz ergebenst
Bitz, katholischer Pfarrer Michell, Großherzoglicher
Beigeordneter Schott, Gemeinderat in
Groß-Zimmern (Hessen).
Die Unterzeichneten bezeugen hiermit gerne, dass die in Rede stehenden
katholischen Krankenpflegerinnen zu jeder Zeit und in allen Fällen die Kranken
der israelitischen Gemeinde mit Hingebung und Opferfreudigkeit gepflegt haben
und bitten wir insbesondere unsere Glaubensgenossen zu dem oben geschilderten,
so edlen Zweck ihr Scherflein beisteuern zu wollen.
Der Lehrer: M. Spier. Der Vorstand der israelitischen Gemeinde: H.
Ranis Abraham Blum, B. Goldschmidt.
Gaben nehmen dankbar an: Bitz, Pfarrer, Spier, israelitischer Lehrer in Groß-Zimmern,
sowie Moritz Marx, Praunchheimerstr. 22, David Goldschmidt, Mainzer Landstr.
155, Frankfurt am Main." |
Der Jünglings-Verein feiert den Geburtstag des Kaisers
(1905)
Artikel
in der Zeitschrift vom 10. Februar 1905: "Groß-Zimmern. Am
Samstag, den 28. vorigen Monats abends feierte der hiesige
Jünglings-Verein I den Geburtstag Seiner Majestät des deutschen Kaisers.
Die Mitglieder nebst eingeladene Damen versammelten sich um 8 1/2 Uhr im
Saale des Herrn Vogel Frohman, um gemeinsam an dessen Festessen Teil zu
nehmen. Unter vielen Toasten, Musik und Gesang verlief der Abend in
schönster Weise, sodass es einem jeden leid tat, trotz der vorgerückten
Stunde nach Hause zu gehen. Auch dem Hause Frohman zollen wir Lob für
gute Küche und Keller." |
Berichte zu einzelnen Personen der Gemeinde
Zum Tod von Samuel Ehrmann II.
(1890)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. September 1890: "Groß
Zimmern. Gestatten Sie mir, geehrtester Herr Redakteur, heute von dem
Ableben eines Mannes zu berichten, dessen erhabene Tugenden auch in diesen
Blättern erwähnt zu werden verdienen.
Am vergangenen Montag, den 1. September, starb dahier Herr Samuel Ehrmann
II., Vorstand der Chewra Kadischa, ein Mann von echter
Religiosität, von edlem Charakter und aufrichtiger Menschenliebe, einer
jener Männer, die mit dem heiligen Feuer unserer heiligen Wahrheit überall
eintreten für das unverfälschte Judentum, für Wahrheit und Recht, mit
einem Wort, ein Mann, dessen Leben eine Heiligung des Gottesnamens war.
Sich bei allen Konfessionen einer unbeschreiblichen Beliebtheit und eines
unbegrenzten Vertrauens erfreuend, hat die Kunde von seinem Tode große
Trauer und herben Schmerz wachgerufen. Davon legte sein am 3. September
stattgefundenes Leichenbegängnis beredtes Zeugnis ab. Aus Nah und Fern
waren sie herbeigeströmt, Juden und Christen, um dem Edlen die letzte
Ehre zu erweisen. Vor dem Hause hielt Herr Lehrer Spier eine tief
ergreifende Leichenrede. In dem ersten Teile derselben dem allgemeinen
Schmerze Ausdruck verleihend, hob er in dem 2. Teile unter Zugrundelegung
der Worte: 'es gibt drei Kronen, die Krone der Tora, (des Priestertums
und des Königtums), aber die Tora des guten Namens überragt sie alle'
(Sprüche der Väter 4,17), die hervorragenden Eigenschaften hervor und
schloss seine treffliche Predigt mit der Mahnung, dass Juden und Christen
auch im Leben immer friedlich miteinander verkehren möchten, eine
Mahnung, die in unserer trüben Zeit des konfessionellen Hasses um so mehr
angebracht war und mächtigen Eindruck machte.
Nicht unerwähnt mag bleiben, dass verschiedene politische Blätter in
Darmstadt und Dieburg im redaktionellen Teile Nachrufe dem Verstorbenen
widmeten. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens. L.E.
aus Frankfurt am Main." |
Zum Tod von Jeanette Fränkel (1893)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. Juli 1893: "Groß-Zimmern. Heute
habe ich von dem Ableben einer edlen, hochherzigen Frau, einer wackeren
Frau in des Wortes vornehmster und weitgehendster Bedeutung zu berichten,
deren hohe Tugenden und herrliche Eigenschaften als Vorbild echter jüdischer
Weiblichkeit dienen können. Frau Jeanette Fränkel (geb.
Störger von hier, d.i. Groß-Zimmern) von Biblis ist nicht mehr. An
unserem großen National-Trauertag, am 9. Aw hat sie in dem blühenden
Lebensalter von 29 Jahren, im 2. Jahre ihrer so glücklichen Ehe, ihre
reine, lautere und edle Seele ausgehaucht und durch ihren Tod ein Haus in
Trümmer gestürzt, das sie durch ungeheuchelte und tiefinnigste
Religiosität, wahre Menschenfreundlichkeit, großartigste Wohltätigkeit,
unbegrenzte Herzensgüte, Milde und Zartsinn zu einem wahren Tempel zu
gestalten wusste. Daher ist die Trauer eine allgemeine, bei Juden und
Christen. Was die Nächsten – der tief gebeugte Gatte, der greise
Schwiegervater, die Mutter und die Geschwister verloren – das zu
schildern, ist die Feder zu schwach, aber alle, alle, die sie gekannt,
verlieren in ihr eine Freundin von höchstem Werte, die ihr ganzes Glück
darin fand, andere glücklich zu machen; wie viel Tränen hat sie
getrocknet, Gebeugte aufgerichtet, wie viel Arme unterstützt! -
Ihr Leichenbegängnis legte beredtes Zeugnis hiervon ab, aus Nah und Fern
waren die Freunde herbeigeströmt, um ihr den letzten Tribut der Liebe und
Freundschaft zu zollen. – Herr Rabbiner Dr. Marx aus Darmstadt gab im
hause der allgemeinen Trauer in ergreifender und meisterhafter Rede
Ausdruck. – Mögen sich die so schwer heimgesuchten Hinterbliebenen mit
dem erhebenden Gedanken trösten, dass die nun Verklärte sich in den
herzen Aller ein dauerndes Denkmal der Liebe gesetzt. M. Spier, Lehrer." |
Zum Tod von Maier Lehmann (1903)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 24. April
1903: "Groß-Zimmern. Am 7. Nissan (= 4. April 1903) verschied
hier im 81. Lebensjahre ein Mann, der es verdient, in diesen Blättern
erwähnt zu werden. Maier Lehmann, ein einfacher, biederer Charakter, ein
Jude vom alten Schlag, der mit Treue und Gewissenhaftigkeit dem Glauben
der Väter anhing, erfreute sich in weiten Kreisen des höchsten Ansehens.
In guten Verhältnissen lebend, hatte er stets ein offenes Haus für Arme,
ein freundliches Wort für Bedürftige und wird man ihm deshalb in unserer
Gegend ein dauerndes, ehrendes Andenken bewahren." |
Zum 80. Geburtstag vom Regina Reiss
(1928)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Juni 1928: "Groß-Zimmern,
1. Juni (1928). Ihren 80. Geburtstag beging am 29. Mai in vollkommener
geistiger und körperlicher Frische und Regsamkeit im Kreise ihrer Kinder,
Enkel und nahen Anverwandten, sowie unter froher Anteilnahme vieler
Freunde und Bekannte Frau Regina Reiß dahier. Viele und mannigfache
Aufmerksamkeiten wurden der jugendlichen Greisin an ihrem Freudentage
zuteil. Auch der Frauenverein, dem dieselbe als treues und langjähriges
Mitglied angehört, ließ es sich nciht nehmen, seine Anteilnahme durch
Überreichung eines Geschenkes zu bezeugen." |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeige der Geflügel-Mastanstalt von Leonhard Wörtge
(1897 / 1907)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Oktober 1897:
"Geflügel-Mastanstalt von L. Wörthge III., Groß-Zimmern empfiehlt
in feinster gemästeter Ware junge Gänse Ia , pro Pfund 65
Pfennig II. Qualität pro Pfund 55 Pfennig; junge Enten Ia per Pfund 75
Pfennig; junge Hahnen per Stück Mark 1.- bis Mark 1.35; Suppenhühner per
Stück Mark 1,20 bis Mark 1,40; junge Kapaunen per Stück Mark 2.- bis
Mark 2.50; junge Poularden per Stück Mark 1.50 bis Mark 2.25; junge Welsche
(Truten), per Stück Mark 5.- bis Mark 7.-; junge Tauben per Stück 0.55
Pfennig.
Die Stückzahl der im abgelaufenen Jahre versandten Geflügel belief sich nachweislich
auf über 1/2 Million. Das Geflügel wird von Herrn Lehrer Spier hier
geschächtet und rituell bescheinigt. Derselbe hat Autorisation von Herrn
Rabbiner Dr. Plato, Köln und Dr. Marx, Darmstadt." |
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Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Januar 1907:
"Streng koscher:
Ia fette junge Gänse per Pfund 80 Pfennig.
IIa fette junge Gänse per Pfund 70 Pfennig empfiehlt
Leonhard Wörthge III.
Geflügelmastanstalt Gross-Zimmern, Hessen." |
Lehrlings-Gesuch des Eisen-, Holz- und
Baumaterialien-Geschäftes M. Störger Söhne (1903)
Anzeige
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 10. Februar
1905: "Lehrlings-Gesuch.
Wir suchen per sofort einen Lehrling mit
guten Schulkenntnissen in unser Samstag und Feiertag geschlossenes Eisen-,
Holz- und Baumaterialien-Geschäft. Kost und Logis frei im Hause.
M.
Störger Söhne, Groß-Zimmern." |
Verlobungsanzeige von Thekla Spier und Emil Wolpert
(1928)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Oktober 1928:
"Statt Karten
Thekla Spier - Emil Wolpert. Verlobte.
Groß-Zimmern - Frankfurt am Main, Sandweg
39." |
Weitere Anzeigen aus dem "Dieburger
Kreisblatt" (1846 - 1850)
(aus der Sammlung von Werner Roth, Groß-Zimmern)
Anzeige
im "Dieburger Kreisblatt" - April 1846: "Leder -
Geschäftseröffnung
(Großzimmern). Ich mache einem verehrlichen Publikum die ergebenste
Anzeige, dass ich mir ein Leder-Geschäft in allen Sorten Sohl- und
Oberleder angelegt habe und bitte um zahlreichen Zuspruch, unter
Zusicherung reeller Bedienung. Ich wohne in dem vormaligen Hause des
Lederhändlers Mordche Goldschmidt.
Großzimmern am 23. April 1846. Jakob Goldschmidt." |
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Anzeige
im "Dieburger Kreisblatt" - Mai 1848: "Versteigerung.
(Großzimmern). Montag, den 20. Mai dieses Jahres von Vormittags 8 Uhr an,
sollen bei Siessel Blum zu Großzimmern sehr schöne Damenkleider,
Hemden, Halstücher, Krägen und Hüte etc., welche sich vorzugsweise für
Konfirmanden eignen gegen gleich bare Zahlung versteigert werden. Großzimmern,
den 16. Mai 1848." |
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Anzeige
im "Dieburger Kreisblatt" - April 1850: "('Großzimmern),
Bei Unterzeichnetem sind 3 neue einspännige Wagen mit eisernen Achsen zu
den billigsten Preisen zu verkaufen, dabei wird bemerkt, dass dieselben
auf mehrere Zahlungstermine abgegeben werden.
Großzimmern, am 12. April 1850. Samuel Goldschmidt,
Eisenhändler." |
Zur Geschichte der Synagoge
Zunächst war ein Betsaal vorhanden, später vermutlich eine ältere
Synagoge, die erstmals als "Judenschule" erstmals 1802 im
Brandkataster der Gemeinde genannt wird. Diese alte Synagoge stand auf dem
Grundstück der neuen Synagoge von 1891 und wurde in baufälligem Zustand 1889 abgebrochen. Über den
letzten Gottesdienst in der alten Synagoge am 27. Oktober 1889 liegt ein Bericht in der Zeitschrift
"Der Israelit" vor:
Letzter Gottesdienst in der alten Synagoge (1889)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11.11. 1889: "Aus
Hessen-Darmstadt.
Einem höchst feierlichen, erhebenden und ergreifenden Gottesdienste hatte
der Einsender diesen Sonntag den 27. Oktober, abends 5 Uhr in Groß-Zimmern
beizuwohnen Gelegenheit gehabt. War es doch der letzte Gottesdienst in dem
alten, schon Jahrhunderte lang stehenden Synagogengebäude daselbst, das
infolge seines baufälligen Zustandes diese Woche zum Abbruch kommen muss,
und auf welcher Stelle ein den Verhältnissen entsprechendes, würdiges
Gotteshaus errichtet werden soll. –
Schon längst vor der festgesetzten Zeit hatten sich Frauen- und Männerräume
mit Teilnehmern bestehend aus Einheimischen und Gästen, gefüllt. Punkt 5
Uhr begann Herr Lehrer Spier von Groß-Zimmern die Abschiedsrede. In
sinniger, fesselnder und ergreifender Weise wusste Redner, treffend den
Auszug aus dem Gotteshaus auf den Vers des Wochenabschnittes: ‚Geh
aus deinem Land und aus deiner Heimat und aus dem Haus deiner Väter…’
anpassend, die Bedeutung der Scheidestunde klarzulegen. Kein Auge blieb tränenleer,
als Redner auf vergangene Zeiten und vergangene Geschichte hinwies: (ein Geschlecht geht und ein Geschlecht kommt): wie das Gotteshaus in
allen Stunden des Lebens Zuflucht gewährt, in freudigen uns zur Demut
mahnend, in traurigen uns Trost und Beruhigung spendend. Redner schloss
seinen ¾-stündigen mit ungeteiltem Beifall aufgenommenen Vortrag mit der
Mahnung an die Gemeinde, den bisher bewahrten Frieden, die festeste Säule
zum Gedeihen der Gemeinde, immer walten zu lassen, darauf hindeutend, dass
der letzte Satz, den wir im Gotteshause sprechen, lautet: ‚welcher
Frieden schafft in seiner Himmelshöhe, der wird auch Frieden schaffen
unter uns und in ganz Israel…’ Hierauf wurde das Maariw-(Abend-)Gebet
verrichtet und nach Schluss desselben die Torarollen
unter Begleitung der ganzen Gemeinde in den hell erleuchteten und schön
ausgestatteten Betsaal verbracht, womit die Feier ihren Abschluss erhielt.
Zum Schluss sei noch erwähnt, dass die politische Gemeinde Groß-Zimmern
der jüdischen einen erheblichen Beitrag zum Baue des Synagoge bewilligt
hat, gewiss ein erfreuliches Zeichen in unserer Zeit." |
Nach Abbruch der alten Synagoge wurden die
Gottesdienste der Gemeinde in anderen Räumlichkeiten abgehalten (im Bericht
oben ist von einem "schön ausgestatteten Betsaal" die Rede), von wo aus am Tage der Einweihung der neuen
Synagoge am 19. Juni 1891 eine feierliche Prozession mit dem Umzug der Torarollen
stattfand. Über die festliche Einweihung der Synagoge
berichtete die
Zeitschrift "Der Israelit":
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Juli 1891: ""Groß-Zimmern,
26. Juni (1891). Tage des Jubels und der ungetrübten Freude liegen hinter uns:
Die Tage der Einweihung unserer neuerbauten Synagoge (am Freitag 19., und
Samstag, 20. Juni, Schabbat Paraschat Nisa). Wenn jemals der Satz: "Dies
ist der Tag, den der HERR gemacht hat, lasst uns jubeln und uns freuen an ihm"
seine volle Bestätigung gefunden, so war dieses bei unserem Feste der Fall. War
doch endlich nach vielen Mühen und Kämpfen, nach langem Harren und Sehnen der
frohe Augenblick gekommen, in welchem ein jeder freudigen Herzens sprechen
konnte: "Ich freue ich über die, die zu mir sagen: lasst uns gehen zum
Haus des HERRN".
Was aber auch Opferwilligkeit und Hochherzigkeit zustande bringen können, das
zeigt unser herrliches Gotteshaus, das in erster Linie durch die Opferwilligkeit
der hiesigen Gemeindemitglieder, sowie durch großartige Beiträge edler
Menschen erbaut werden konnte. Vor allen Dingen gebührt Herrn David Goldschmidt
aus Frankfurt am Main, ein geborener Groß-Zimmerner, ein für alles Göttliche
und Ideale begeisterter Menschenfreund, der aufrichtigste Dank, denn er ist es,
der die Anregung zum Bau eines neuen Gotteshauses gab und der die Gemeinde in
ihrem Unternehmen am kräftigsten unterstützte.
Aus Nah und Fern waren Fremde herbeigeeilt, um dem Feste beizuwohnen. Der Ort
selbst hatte Festgewand angelegt. Ganz besonders zeichneten sich unsere
christlichen Mitbürger durch Schmücken ihrer Häuser aus, wie sie überhaupt
an dem ganzen Feste den regsten Anteil nahmen; gewiss ein erfreuliches eichen in
unserer trüben Zeit. Die Feier begann Freitag Mittag um 1 Uhr mit dem
Abschiedsgottesdienst in dem seitherigen Betlokale, bei welchem Herr Dr. Marx
aus Darmstadt einige ergreifende Worte des Abschieds sprach. Hierauf erfolgte
die Aufstellung des Festzuges. Derselbe, in seinen mannigfachen Gruppen (auch
fünf christliche Vereine mit ihren Fahnen hatten sich an demselben beteiligt)
ein malerisches Bild bietend, bewegte sich nach der neuen Synagoge. An der
Pforte derselben überreichte die Ehrendame (Frl. Lina Störger) nach einer
innigen Ansprache den Synagogenschlüssel dem Herrn Bürgermeister als Vertreter
des Staats- und Ortsbehörde, welcher nach einigen Begrüßungsworten die Pforten
öffnete, worauf unter Choralmusik der Einzug erfolgte. Unter Absingung von
"Ana Adonai Hoshiana" (Psalm 118 Schluss) wurden die üblichen Umgänge
gemacht und die Torarollen der heiligen Lade übergeben. Hierauf wurde von Herrn
Lehrer und Kantor Spier der Psalm 84 zum Vortrag gebracht. nachdem von
Synagogenchor mehrere Gesänge abwechselnd mit Herrn Spier in präzisester und
korrektester Weise vorgetragen worden waren, bestieg Herr Rabbiner Dr. Marx die
Kanzel und hielt die in jeder Beziehung meisterhafte Festpredigt. Redner
behandelte in klarer und geistreicher Weise die Bedeutung der Gotteshäuser
anlehnend an die drei Bezeichnungen für Gotteshaus (beit haknesset =
Versammlungshaus, beit hamidrasch = Lernhaus und beit hateffila =
Gebetshaus). |
Ein tief empfundenes Gebet schloss die Predigt, die auf Alle eines sichtbaren
Eindrucks nicht verfehlte. Chorgesang endigte die Feier. Am Schabbat
Paraschat Nisa (Schabbat mit der Lesung des Toraabschnittes Nisa, um halb 10
Uhr fand unter großer Beteiligung von Gästen wieder Festgottesdienst statt.
Den Glanzpunkt desselben bildete die Festrede des Herrn Lehrer Spier. Derselbe
hatte seiner Rede die Birkat Kohanim (Priestersegen) zu Grunde gelegte
und wusste dieselben in sinniger Weise mit der Erziehung der Kinder zu
verflechten.
Derselbe schloss seine Predigt mit der Ermahnung zur Aufrechthaltung des
Friedens, ohne welche keine Gemeinde, sei sie finanziell noch so günstig
gestellt, sich segensreich entwickeln könne.
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Der Betraum der neuen Synagoge hatte 64 Plätze
für Männer und 36 Plätze auf einer Empore für die Frauen. Das Gebäude lag
im Ortskern unmittelbar an der Kreuzstraße. Beim Bau handelte es sich um einen
zweigeschossigen, verputzten Massivbau mit dem von Gebotstafel gekrönten
Schildgiebel und dem Eingangsbereich an der Straße (von Westen her). Vermutlich
befanden sich auch das Zimmer der Religionsschule und weitere Räume der
Gemeinde in dem Synagogengebäude.
Acht Jahre nach der Einweihung der Synagoge stand im November 1899 ein
großes Ereignis an: die Einbringung einer neuen
Torarolle, die der seit 1849
bestehende "Jünglings-Verein" gespendet hatte. Die Zeitschrift
"Der Israelit" berichtete:
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Dezember 1899:
"Groß-Zimmern,
27. November (1899). Ein Freudentag seltenster Art war der Schabbat Paraschat
Wajischlach für die hiesige jüdische Gemeinde. Waren doch an diesem Tage
50 Jahre verflossen, dass der dahier bestehende 'Jünglings-Verein', der es sich
zur Aufgabe macht, durch Abhalten von Vorträgen religiös-literarischen
Inhaltes Tora zu pflegen und zu verbreiten, gegründet wurde und eine Torarolle
spendete. Wochenlang hatten die Vorbereitungen zu dieser Jubelfeier Alle in
Anspruch genommen, sodass man zu großen Erwartungen berechtigt war. Aber alle
Erwartungen wurden durch die Wirklichkeit weit übertroffen. Schabbat-Vormittag
9 Uhr fand in der aufs Prächtigste dekorierten, in einen wahren Blumengarten
verwandelten Synagoge, die bis aufs letzte Plätzchen von Fremden und
Einheimischen angefüllt war, der Festgottesdienst statt. In nahezu
einstündiger an Form und Inhalt gleich vollendeter Predigt wie Herr Lehrer
Spier an der Hand Verses "die Tora ist die Quelle des Lebens..." nach,
wie in allen Lebensphasen - von der Wiege bis zum Grabe - unser Lebensweiser die
Tora, unsere Stütze die Tora, unser Glück die Tora ist; er streifte dabei in
kurzen Züge die politischen Verhältnisse der 1848er und 49er-Jahre - Zeit der
Gründung des Vereins - wie auch der 'Jünglings-Verein' sein eigenes Banner
habe: Tora, die uns auch vorschreibt: Für Gott, König und Vaterland. Mit einem
eigens zu der Feier verfassten innigen Gebete für Kaiser und Großherzog, sowie
die Mitglieder des 'Jünglings-Vereins' schloss die Predigt, die auf Alle
mächtigsten Eindruck machte. Auch die mit Wärme und präzis vorgetragenen
Gesänge der Synagogenchors trugen wesentlich zur Erhöhung der Feier bei.
Abends fand Festbankett statt. Bei Eröffnung desselben hielt der Präses des
Vereins, Herr Sußmann Störger, eine von Patriotismus durchwehte Ansprache, mit
einem Hoch auf Kaiser und Großherzog schließend. Hierauf fanden Aufführungen
seitens der hiesigen Jugend statt. Die Darbietungen der jungen Leute rissen das
Publikum zu jubelndem Beifall hin. Eier der Mitspielenden sprach am Schlusse dem
Dirigenten Herrn Lehrer Spier in einer Ansprach seinen Dank aus, welchen Herr
Spier in launiger Weise erwiderte. Möge der 'Jünglings-Verein' immer mehr
blühen und gedeihen. A. Stg. II." |
Über vier Jahrzehnte war die Synagoge in Groß-Zimmern Zentrum des
jüdischen Gemeindelebens. Wie lange Gottesdienste in der Synagoge stattfanden,
ist nicht bekannt. In den 1930er-Jahren ging die Zahl der Gemeindeglieder durch
Wegzug und Emigration stark zurück, sodass in diesem Zeitraum (schon 1933?) die
Synagoge geschlossen wurde.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge im inneren zerstört;
das Gebäude blieb zunächst erhalten. 1939 kaufte eine Möbelfirma für 13.000
RM die ehemalige Synagoge. An wen der Betrag damals gezahlt wurde, ist nicht
bekannt. Von nun an war in der ehemaligen Synagoge ein Möbellager.
1971 wurde das Gebäude im Zusammenhang mit der "Ortssanierung"
abgebrochen. An seiner Stelle wurde eine moderne Mehrzweckhalle errichtet, die
an das Bürgerhaus grenzt.
An die jüdische Gemeinde in Groß-Zimmern erinnert seit dem 14. September 1986
ein Denkmal in der Nähe des Bürgerhauses, unweit des Standortes der
Synagoge (links Programm für die Einweihung des Synagogen-Denkmals; aus
dem Archiv von Werner Roth, Groß-Zimmern).
Nach dem letzten Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, Nathan Mathes, wurde eine
Strasse benannt. |
Adresse/Standort der Synagoge: Kreuzstraße 17 (früher
Mittelstraße)
Fotos
(Quelle: Foto obere Fotozeile links und zweite Fotozeile
rechts sowie Rekonstruktionszeichnung aus dem Archiv von Werner Roth,
Groß-Zimmern [Fotos abgebildet auch bei Altaras Bd. I S. Lit. S. 126-127]; Fotos
zweite Fotozeile links aus
Arnsberg Bilder s.Lit. S. 80)
| Historisches Foto /
Rekonstruktionszeichnung |
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Foto der Synagoge um 1928 |
Rekonstruktionszeichnung |
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| Das Gebäude nach 1945 |
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Fotos nach 1945:
das Möbelgeschäft Weidner hat die ehemalige Synagoge übernommen |
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| Das Synagogengrundstück im
Sommer 2008 (Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 17.8.2008) |
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Blick auf das Grundstück der
ehemaligen Synagoge |
Ähnliche
Perspektive wie in der oberen Zeile - Foto rechts - die Häuser der
rechten Straßenhälfte sind im Bereich der Synagoge allesamt abgebrochen |
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| Gedenkstein mit
Inschrift: "Hier stand die Synagoge der jüdischen Gemeinde - wir
gedenken der Verfolgten und der Ermordeten" |
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| Wohnhaus des letzten
jüdischen Lehrers in der Kirchgasse |
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Inschrift der
Gedenktafel: "Hier lebte bis zum Herbst 1938 Meier Spier - Lehrer der
jüdischen Gemeinde - gest. 30.9.1943 im KZ Theresienstadt" |
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Grabsteine für Personen aus der
jüdischen Gemeinde Groß-Zimmern im jüdischen Friedhof Dieburg
(aus dem Archiv von Werner Roth, Groß-Zimmern; Fotos aus den
1980er-Jahren) |
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Grabstein für Mina
Mathes
(gest. 10.12.1908) |
Grabstein für Vogel Frohmann
- Jettche geb. Vogel (geb. 11.6.1833, gest. 12.1.1915) |
Sockel des Grabsteines |
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Grabstein für Hilda
Wolf
(gest. 20. Tammus 5677 = 10.6.1917) |
Grabstein für Abraham Reiss
(gest. 22. Elul 5672 = 4.9.1912) |
Grabstein für Mina Reiß
(gest. 13.6.1909) |
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Grabstein für Vogel
Frohmann
geb. 1833, gest. (5.4.)1907 (7. Pessachtag) |
Grabstein für Regine
Vogel, Frau von Moses Vogel, gest. 5666 (10. Adar 5666 = 7.3.1906) |
Grabstein für Sara Ranis
(geb. 31.10.1863, gest. 18.2.1936) |
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| Grabstein für Sara
Goldschmidt geb. Fraenkel (geb. 7.3.1831, gest. 16.8.1901) |
Grabstein für Bär
Goldschmidt
(geb. 23.12.1822, gest. 2.2.1900) |
Grabstein für Raphael
Störger
(gest. 21.2.1898) |
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| Grabstein für Abraham Vogel |
Grabstein für Mina
Weissbecker
(geb. 1.12.1853, gest. 22.3.1892) |
Grabstein für Süßel
Blum (gest. Sonntag, 25. oder 28. Nissan, Jahr nicht lesbar) |
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| Teilansicht des
jüdischen Friedhofes in Dieburg |
Blick vom Eingangstor auf den
Friedhof |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | kein Ortsartikel bei Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. |
 | jedoch Foto und kurze Beschreibung der Synagoge in ders.: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder -
Dokumente. S. 80. |
 | Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 S. 126-129. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 38-39. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 141-142. |
 | HEFT
18 der Schriftenreihe
des Evangelischen Arbeitskreises Kirche und
Israel in Hessen und Nassau:
Verschweigen oder kämpfen. Ein Pfarrer und seine Gemeinde im Kirchenkampf
1933 bis 1945.
Marianne Lebrecht schildert die Geschichte ihres Vaters, des Pfarrers
Heinrich Lebrecht. Pfarrer Lebrecht war während des Nationalsozialismus
Pfarrer der Bekenntnisgemeinde Groß-Zimmern. Zusammen mit seinem
Kirchenvorstand und der Mehrheit seiner Kirchengemeinde stellte er sich
mutig den staatlichen und offiziellen kirchlichen Stellen entgegen. Als
Mitglied der Bekennenden Kirche und als Sohn eines Juden, der als junger
Mann Christ wurde, hatte er mit doppelten Schwierigkeiten zu kämpfen. Seine
Tochter recherchierte in Dokumenten, befragte Zeitzeugen und lässt die
Leserinnen und Leser an dieser spannenden und eindrücklichen Geschichte aus
der Zeit des Kirchenkampfes teilhaben.
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Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Gross-Zimmern
Hesse. The community, dating from the 18th century and numbering 143 (5 % of
the total) in 1861, took an interest in local affairs. Its long-serving cantor (hazzan)
convened the founding assembly of Orthodox teachers in Hesse in 1888.
Gross-Zimmern was an anti-Nazi stronghold until 1933, but 44 of the 71 Jews left
(many emigrating) before Kristallnacht (9-10 November 1938). By January 1939
none remained.

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