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zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Links: Sederteller im Stadtmuseum Crailsheim
(Foto: Roland Bauer)
Crailsheim (Kreis
Schwäbisch Hall)
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zur
Markgrafschaft Ansbach gehörenden Crailsheim bestand eine jüdische Gemeinde
zunächst im Mittelalter. Die Judenverfolgung während der Pestzeit 1349
vernichtete die Gemeinde. 1383 wird Salman aus Crailsheim in Rothenburg genannt.
Mit wenigen Unterbrechungen gab es auch in den folgenden Jahrhunderten Juden in
der Stadt.
Im 18. Jahrhundert war die jüdische Gemeinde Crailsheims eine der
wohlhabenden jüdischen Gemeinden der Markgrafschaft. 1714 waren 16
jüdische Familien in der Stadt; 1752 wurden 78 jüdische Einwohner
gezählt.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner
wie folgt: 1808 85 jüdische Einwohner, 1824 123 (4,6 % von insgesamt 2.688
Einwohnern), 1843 168, 1880 288 (6,2 % von insgesamt 4.642 Einwohnern), höchste Zahl jüdischer Einwohner
um 1910 mit 325
Personen (5,3 % von insgesamt 6.101 Einwohnern).
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.),
daneben das jüdische Gemeindehaus mit einer Gemeindebibliothek, eine Schule, ein rituelles Bad und ein Friedhof.
Von 1835 bis 1923 bestand eine Israelitische Volksschule, danach noch eine
Religionsschule. Sie war zunächst in einem gemieteten Haus untergebracht, bis
1839 eine Haushälfte gekauft und zur Schule umgebaut werden konnte. Zur Besorgung
religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als
Vorbeter und Schochet tätig war. Bis 1835 hatte man in Salomon Crailsheimer
noch einen Ortsrabbiner in der Stadt, der jedoch auf Grund der geforderten
Prüfungen sein Amt nicht weiter ausüben konnte/wollte (gest. 1847). Die Gemeinde gehörte zum Rabbinat Braunsbach,
das 1900 beziehungsweise 1914 nach Schwäbisch
Hall verlegt wurde.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Heinrich Goldstein
(1897-1918), Moritz Metzger (1888-1918), Julius Hallheimer (1895-1916), Sigmund
Schloßberger (1894-1916), Willy Heinsfurter. Der Kriegsfreiwillige Friedrich
Loeb (Leutnant) wurde mit dem Eisernen Kreuz I ausgezeichnet. Von Therese
Krämer in Crailsheim standen acht Söhne im Feld.
Um 1925, als zur Gemeinde 196 Personen gehörten (3,1 % von 6.420), waren
die Gemeindevorsteher L.H. Goldstein, Berthold Stein, J. Wochenmark, Berthold
Rosenfeld und Samuel Friedmann. Als Lehrer war J. Wochenmark in der Gemeinde
angestellt, als Synagogendiener war H. Levy tätig. An jüdischen Vereinen
gab es den Verein Zorche Zibur (bzw. Zorki Hazibor), den
Wohltätigkeitsverein Gemilus Chasodim (1924 unter Leitung von Emanuel
Rosenfeld), den Wohltätigkeitsverein Bikur Cholim (1924 unter Leitung
von Hermann Helb) und den Israelitischen Frauenverein (gegründet 1844,
1924 unter Leitung von Julie Goldstein, 1932 unter Leitung von Pauline Kohn mit
63 Mitgliedern; Zwecke und Arbeitsgebiete: Unterstützung Hilfsbedürftiger,
Witwen- und Waisenunterstützung sowie Bestattungswesen). Die beiden
Wohltätigkeitsvereine fusionierten nach 1925 zum Israelitischen
Wohltätigkeits- und Krankenpflegeverein Chewra Gemilus Chasodim und Bikur
Cholim (1932 unter Leitung von David Stein, Kapellengasse 6 mit 57
Mitglieder; Zweck und Arbeitsgebiete: Unterstützung Hilfsbedürftiger,
Krankenpflege und Bestattungswesen). 1932 war Gemeindevorsteher Samuel
Friedmann, Religionslehrer ein Herr Kahn. Dieser erteilte im Schuljahr 1931/32
19 Kindern den
Religionsunterricht.
Im wirtschaftlichen Leben der Stadt spielten Juden bis um
1933 eine wichtige Rolle. An ehemaligen, bis nach 1933 bestehenden Handels-, Gewerbe- und Dienstleistungsbetrieben
im Besitz jüdischer Familie/Personen sind bekannt: Vermittlungskorrespondenzbüro Salomon Adler
(Goldbacher Straße 2). Haushandlung mit Schuhwaren Sofie Adler, Inh. A. Adler
(Karlstraße 9), Maschinenstickerei, Teeverkauf usw. Klara Bär (Adam-Weiß-Straße
6), Textilwaren Josef Böhm (Karlstraße 9 und Ringgasse 7), Woll- und Manufakturwaren Moses Eppstein (Schweinemarktplatz 8), Viehhandlung Max Essinger
(Karlstraße 4), Kleider- und Tuchhandlung Sam/Dina Friedmann (Lange Straße
39), Viehhandlung Josef und Julius Goldstein (Schmale Straße 6), Wurstwaren, Kaffee-, Tee- und Geflügelhandlung Paula Goldstein (Webergasse 12), Schlachtviehverkauf Julius Gutmann (Lange
Straße 64), Viehhandlung Karl Hallheimer (Untere Ludwigstraße 4), Reisevertreter Bernhard Heinemann
(Schulstraße 24), Putzgeschäft Hermann Heinemann (Karlstraße 17), Viehhandlung Albert Heinsfurter
(Schulstraße 9), Wurstwaren, Pflanzenfette u.a. Ida Heinsfurter (Ringgasse 17), Seifen- Oel- und Fetthandlung Hermann Hilb (Ratsgasse 3), Tabakwarenhandlung, Zuckerwaren Nathan Kohn
(Wilhelmstraße 19), Großhandlung mit Leder, Häuten, Fellen, Branntweinbrennerei Nathan Landauer
(Kronprinzenstraße 29, Lagerhalle und Branntweinbrennerei in der Unteren
Ludwigstraße), Zigarrengroßhandlung Julius Levi (Schulstraße 26), Damenschneiderin Flora Levy
(Fronbergstraße 14), Wein-, Mehl- und Landesproduktenhandlung Mezger & Stein, Inh. Nathan Mezger und David Stein (Kapellengasse 6), Viehhandlung Louis Mezger
(Gartenstraße 12), Metzgerei Max Mezger (Hirschstraße 7), Landesprodukten- und Wollhandlung Rosenfeld & Cie., Inh. Bert Rosenfeld und Ludwig Dreyfuß
(Wilhelmstraße 25), Bäckerei Moses Rosenthal (Schweinemarktplatz 1), Manufakturwaren Julius Schlesinger, Inh. Sidonie Schlesinger und Erich Freund
(Wilhelmstraße 2), Viehhandlung Simon Schloßberger (Lange Straße 11), Eisen- und Farbwarenhandlung Albert Stein
(Wilhelmstraße 15), Eisen- und Farbwarengeschäft Brüder Stein, Inh. Mathilde, Bernhard und Alfred Stein (Lange
Straße 9), Kolonialwarengeschäft, Maschinen- und Fahrzeughandlung, Altmetallhandlung Siegfried Stein
(Wilhelmstraße 21), Grundstücksvermittlung Aron Strauß (Karlstraße 35); ferner der
praktische Arzt Dr. Max Königsberger (Bahnhofstraße 22). Die Gebäude sind fast durchweg kriegszerstört.
1933 wurden 160 jüdische Einwohner gezählt (2,5 % von 6.444
Einwohnern). In den folgenden Jahren ging ihre Zahl auf Grund der Folgen des
wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Repressalien und der Entrechung
weiterhin stark
zurück. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge
demoliert (s.u.), jüdische Männer wurden verhaftet und in das KZ Dachau
verschleppt. Hier starb Berthold Stein an den Folgen der erlittenen
Misshandlungen. Im Juli 1939 wurde die jüdische Gemeinde aufgelöst. Die
letzten jüdischen Crailsheimer wurden 1941/42 deportiert.
Von den in Crailsheim geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Salomon Adler (1882),
Adolf Arnstein (1901), Mathilde Bechhöfer (1879), Sara Berger geb. Beretz
(1889), Josef Böhm (1886), Zilli Elkan geb. Fuchs (1877), Berta Emanuel geb.
Mandelbaum (1875), Alice Essinger (1908), Jacob Essinger (1850), Max Essinger
(1880), Selma Essinger geb. Löwenberger (1883), Paula Feuchtwanger geb. Stern
(1891), Dina Friedmann geb. Berny (1881), Lina Marie Friedmann (1871), Mina (Minny)
Friedmann (1882), Toni Friedmann (1907), Erwin Goldstein (1888), Hugo Goldstein
(1880), Irma Goldstein (1897), Josef Goldstein (1875), Lazarus Goldstein (1855),
Max Goldstein (1899), Paula Goldstein geb. Bierig (1874), Sara Sophie Goldstein
(1885), Max Grünsfelder (1876), Heinz Gundelfinger (1932), Carl Hallheimer
(1891), Emma Hallheimer geb. Bär (1871), Hedwig Hallheimer geb. Ottenheimer
(1896), Hermann Julius Hallheimer (1896), Samuel Hallheimer (1895), Sigmund
Hallheimer (1889), Rosa Hechinger geb. Freundlich (1866), Wilhelm Heinsfurter
(1883), Amalie Hilb geb. Strauß (1874), Hermann Hilb (1877), Natalie Nanette
Israel geb. Stein (1869), Hedwig Kirchheimer geb. Heller (1883), Jacob
Levenbach (1910), Fritz Levi (1901), Hugo Heinrich Levi (1887), Jenny Levi geb.
Kleemann (1871), Sidonie Lewin geb. Königsberger (1876), Franziska Mandelbaum
(1876), Max Mandelbaum (1881), Beate Metzger (1920), Louis Metzger (1885),
Louise Metzger geb. Frieden (1900), Jakob Oppenheim (1871), Emma Ottenheimer
geb. Straus (1871), Cilli Plaut geb. Stern (1887), Thekla Reis geb. Goldstein
(1884), Abraham Rolef (1880), Bertha Rolef geb. Kahn (1883), Bona Berta
Rosenfeld (1907), Max Rosenfeld (1908), Sophie Rosenfeld (1904), Julie
Rosenheimer geb. Friedmann (1876), Clementine Rosenthal geb. Bamberger (1889),
Moses Rosenthal (1878), Rosa Rosenthal geb. Berliner (1875), Babette
Schloßberger geb. Kohn (1856), Bertha Schlüsselblum (1862), Josef Schmitz
(1902), Sally Schmitz (1940), Sibilla Schmitz geb. Nathan (1901), Siegfried
Schönfrank (1898), Frieda Seemann geb. Friedmann (1877), Meta Simon geb.
Goldstein (1886), Mina Simon geb. Kahn (1862), Adolf Stein (1880), Berthold
Stein (1871), David Stein (1872), Mathilde Stein geb. Löwenstein (1883), Mina
Stein (1904), Jakob Steiner (1882), Bernhard Stern (1889), Fanny Stern geb.
Mandelbaum (1870), Zilly (Zerline) Strauß (1887), Emilie Ullmann geb. Goldstein
(1872), Amalie Weinberger geb. Mandelbaum (1875), Thekla Wolf geb. Mandelbaum
(1878).
Zur Geschichte der Betsäle/der Synagogen
Über mittelalterliche
Einrichtungen ist nichts bekannt. Im 15. Jahrhundert gab es auf Grund der
relativ kleinen Zahl von Juden höchstens einen Betsaal. 1462 wollten die
Crailsheimer Juden mit Erlaubnis der Stadt auswärtige Juden einladen, um zur
Feier des Laubhüttenfestes die notwendige Zehnzahl männlicher Beter für den
Gottesdienst zu erreichen, was erst auf Grund einer Genehmigung der Regierung in
Ansbach möglich war.
Im 17. Jahrhundert bestanden Betstuben in privaten jüdischen
Häusern. Erstmals wissen wir von einer solchen Stube (erste Judenschule, um
1600 bis um 1630) im Haus des 1596 in Crailsheim aufgenommenen Juden Gabriel
an der Stadtmauer. 1604 drohte Gabriel die Ausweisung aus der Stadt, nachdem
bekannt geworden war, dass er in seinem Haus heimlich Gottesdienste abhielt und
dazu zahlreiche Juden aus der Nachbarschaft einlud. Während des Dreißigjährigen
Krieges war das Haus des Gabriel an einen Christen verkauft, nach dem Krieg
jedoch von einem Juden zurückerworben worden. Seit etwa 1635 hört man von
Gottesdiensten im Haus des Elias in der Innenstadt unweit der Liebfrauenkapelle
auf dem Markt (am Südende des heutigen Karlsplatzes; zweite Judenschule, um
1635 bis 1695). 1664 begann Elias, ohne den Stadtrat zu informieren oder
eine Genehmigung einzuholen, mit einem Anbau an sein Haus. Das Gerücht ging um,
dass in diesem Anbau eine Synagoge eingerichtet werden sollte. Die Stadt wies
die Judenschaft an, ihre Schule wieder in dem alten Haus des Gabriel an der
Stadtmauer zu halten, was jedoch vermutlich nicht umgesetzt wurde. 1671 starb
Elias; sein Haus erhielt sein Sohn Gabriel, der 1683 starb. Nachdem nun das
Haus, in dem sich immer noch der Betsaal befand, in den Besitz der jüdischen
Gemeinde überging, ließ diese das Haus 1695 abbrechen, um eine Synagoge an
dessen Standort bauen zu können. Drei Jahre musste die jüdische Gemeinde
jedoch erfolglos um die Genehmigung eines solchen Synagogenbaus ringen. Nachdem
der Bau nicht genehmigt worden war, begann die Gemeinde ohne Genehmigung mit dem
Einbau eines Betsaales im dritten Stock des Haus von Abraham Braunsbacher. Es
war das Haus, das über die Stadtmauer hinausragte und schon den ersten Betsaal
beherbergt hatte. Im Horlandschen Stadtplan von 1738 trägt es die Nummer 138.
Es lag an der von der Ziegelgasse abzweigenden Ringgasse (Ringgasse 1, hinter
den heutigen Gebäuden Karlstraße 25 und 27, jetzt Lager der Buchhandlung
Bauer). 1698 wurde der Einbau nachträglich von der Stadt genehmigt. So war auch
die dritte Judenschule (1698 bis 1745) in Crailsheim eine
Zimmersynagoge; sie wurde einige Jahre später ausgemalt wie die im Hällisch-Fränkischen
Museum in Schwäbisch Hall erhaltene Unterlimpurger
Synagoge. Nun wurde auch ein Vorsänger angestellt, der zugleich als Schächter
und Schulklopfer fungierte. Nach dem Bau einer Synagoge 1745 wurde das Haus des
Betsaals (im Horlandschen Stadtplan 1738 als "Synagoge" bezeichnet)
vermutlich verkauft; der Betsaal mit seinen Ausmalungen blieb bis ins 20.
Jahrhundert hinein erhalten). Das Gebäude wurde 1945 kriegszerstört.
Nach 1750 bemühte sich die jüdische Gemeinde
erneut um den Bau einer Synagoge. Angeblich herrschte im Haus des bisherigen
Betsaales an der Stadtmauer wegen einer nahegelegenen Scheune Brandgefahr. Ein
Bauplatz für die Synagoge war an Stelle einer abgebrochenen Scheune in der Küfergasse
(Küfergasse 5, heute: Adam-Weiß-Straße 5) vorhanden. Dennoch dauerte es
nochmals einige Jahre, bis der Bau der Synagoge verwirklicht werden könnte. Das
genaue Baudatum ist nicht bekannt, vermutlich 1782/83. Jedenfalls konnte
seit 1783 das Gebäude genützt werden.
1863 wurde die Synagoge vergrößert und grundlegend
umgestaltet. Vor allem der Raum der Frauen hatte sich in den Jahren zuvor als völlig
unzureichend erwiesen. Nach Vorplanungen des Werkmeisters Häfner hatte Baurat
Adolf Wolff, der auch die Synagoge in Stuttgart
erbaut hatte, die Pläne erstellt und die Umbaumaßnahmen geleitet. Es wundert
nicht, dass daher 1863 in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums“ die
Crailsheimer Synagoge als "dem Stuttgarter israelitischen Tempel nachgebildet"
bezeichnet wurde. Besondere Verdienste um die Restaurierung kamen dem
Rechtskonsulenten Dr. Hirschmann zu. Die Renovierung, der Einbau einer Mikwe und
die Einrichtung eines weiteren Schulzimmers im Schulhaus kosteten 3.341 Gulden,
an denen sich der Staat mit 440 Gulden beteiligte. Der Hauptbetrag wurde durch
eine Umlage auf die Gemeindeglieder sowie durch Aufnahme eines Darlehens
erbracht. Die Einweihung der restaurierten Synagoge war am 4. September 1863
durch Rabbiner Menco Berlinger aus Braunsbach.
Die Staats-, Gemeinde- und Kirchenbeamten der Stadt nahmen an der Feier teil und
"die ganze Bürgerschaft des freundlichen Frankenstädtchens bekundete einmütig
ihre freudige Stimmung an dem frohen Ereignisse der jüdischen Mitbürger"
(Allgemeine Zeitung des Judentums). Mit der Einweihung wurde auch die
Stuttgarter Liturgie mit deutschem Gebet, geregeltem Chorgesang und Orgel- bzw.
Harmoniumbegleitung in der Crailsheimer Synagoge eingeführt.
Einweihung der neu restaurierten Synagoge (1863)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 29. September 1863: "Württemberg, 13. September (1863).
Am Freitag, den 4. September dieses Jahres wurde in Crailsheim die
Einweihung der neurestaurierten Synagoge festlich begangen. Das Bethaus
ist dem Stuttgarter Israelitischen Tempel nachgebildet, auch die
Stuttgarter Liturgie mit geregeltem Chorgesang unter Orgelbegleitung ist
eingeführt. Die religiöse Feier wurde durch Herrn Rabbiner Berlinger aus
Braunsbach geleitet. Die Predigt
über Psalm 122,1: 'Ich freue mich mit denen, die zu mir sprechen: Ins
Haus des Ewigen lasset uns gehen', war wohl durchdacht und nach Inhalt und
Form schön ausgeführt. Das Verdienst der Synagogenrestauration im
äußeren Bau wie im inneren Kultus gebührt hauptsächlich dem Herrn
Rechtskonsulenten Dr. Hirschmann, der mit warmem Eifer sich für das
Judentum und dessen gottesdienstlichen Kultus interessiert. Die Teilnahme
der Staats-, Gemeinde- und Kirchenbeamten an der religiösen Feier war
allgemein und die ganze Bürgerschaft des freundlichen Frankenstädtchens
bekundete einmütig ihre freudige Stimmung an dem frohen Ereignisse der
jüdischen Mitbürger." |
Für die
Renovierung der Synagoge gibt es einen Zuschuss aus der Staatskasse (1865)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 4. Januar 1865: "Württemberg. Die jüngste Zeit brachte
wieder schöne Beweise, wie in unserem Lande die Israeliten nicht bloß
gesetzlich emanzipiert sind, sondern in allen Branchen des Lebens auch
wirklich als gleichberechtigte Bürger behandelt werden. So erhielten die
Gemeinden Crailsheim und Oedheim
zur Renovation ihrer Synagogen aus der Staatskasse einen Beitrag von 450
fl. resp. 500 fl. - d.u. etwa 12 1/2 % des Bauaufwands, und der
israelitische Schullehrer in Crailsheimer, Herr Rosenthal, wurde mit einer
Anzahl christlicher Kollegen einer für das Jahr 1864/65 von der
Königlichen Oberschulbehörde ausgesetzten Belohnungen für würdig
erkannt." |
Ein neuer
Toraschreinvorhang (Parochet) soll angeschafft werden (1885)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 4. Juni 1885: "Für die hiesige Synagoge soll ein neues Parochet,
190 cm lang, 145 cm breit, mit Goldstickerei in geschmackvoller, schöner,
reicher Ausführung und passender Inschrift angeschafft werden. Das
Kaporet muss 35 cm lang, 145 cm breit und ebenfalls mit entsprechender
Goldstickerei und Inschrift ausgestattet sein.
Fabrikanten dieser Branche werden hiermit eingeladen, binnen 4 Wochen
genaue Zeichnungen mit äußerster Preisbestimmung an die unterzeichnete
Stelle einzureichen und anzugeben, was deren Ausführung in rotem und
blauem Seiden-Samt kostet, wovon Muster beigeschlossen werden.
Bemerkt wird, dass das Parochet mit Zugschnüren und daran befestigten
Quasten fertig zu stellen ist, um sofort in Benützung genommen werden zu
können. Jede gewünschte Auskunft wird gern
erteilt.
Crailsheim (Württemberg), 1. Juni 1885.
Israelitischer Kirchenvorsteher-Amt. Der Vorsitzende Vorsänger
Königsberger." |
Am 26. August 1888 feierte die israelitische
Gemeinde mit einem Festgottesdienst die vor 25 Jahren stattgefundene Einweihung
der restaurierten Synagoge. In diesen Jahren hatte die Zahl der jüdischen
Einwohner der Stadt nochmals kräftig zugenommen (auf etwa 300 Gemeindeglieder).
Die Synagoge war schon wieder zu klein geworden. Die „Allgemeine Zeitung des
Judentums“ meinte dazu: "Es wird nicht wieder 25 Jahre anstehen und die
Gemeinde wird durch einen Neubau das religiöse Bedürfnis ihrer Angehörigen
befriedigen müssen".
25-jähriges Bestehen der 1863 restaurierten Synagoge
(1888)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. September
1888: "Crailsheim, 26. August (1888). Am gestrigen Samstag
feierte die hiesige israelitische Gemeinde durch Festgottesdienst die vor
25 Jahren stattgehabte Einweihung der neurestaurierten Synagoge und den
damals neueingeführten Synagogenkultus nach der Stuttgarter Liturgie mit
deutschem Gebet, Choralgesang und Orgelbegleitung. Damals zählte die
Gemeinde nur 20 Familien, jetzt ist sie auf die dreifache Zahl
herangewachsen mit über 300 Seelen; die Nachbargemeinden Goldbach
und Ingersheim haben sich aufgelöst
und deren Angehörige sind nach Crailsheim übergesiedelt. In Folge dieses
Bevölkerungszuwachses wurde hier eine öffentliche israelitische
Volksschule eingerichtet und die vor 25 Jahren restaurierte Synagoge ist
räumlich für ihre Besucher zu klein geworden. Es wird nicht wieder 25
Jahre anstehen und die Gemeinde wird durch einen Neubau das religiöse
Bedürfnis ihrer Angehörigen befriedigen müssen. Die Israeliten in
Franken waren früher in kleineren Gemeinden in der Markgrafschaft Ansbach
und im Hohenlohe'schen ansässig; so haben gegen 50 Ortschaften ihre Toten
auf dem Friedhofe in dem jetzt
bayerischen Grenzorte Schopfloch begraben, woher das bekannte
Sprichwort entstanden: 'Wegen eines Juden fährt man nicht nach
Schopfloch'. Dieser Ausspruch soll bei einer Seuche in Wiesenbach
bei Blaufelden gefallen sein. In der damals kleinen Gemeinde Crailsheim
wurde vor mehr als einem 1/2 Jahrhundert ein eigener
israelitischer Gottesacker gegründet. Die Feier wurde Vormittags in
der Synagoge mit Predigt und Gesang würdig begangen und Nachmittags war
gesellige Vereinigung im
Park." |
Tatsächlich hat die Gemeinde um 1905 konkret mit den
Planungen für den Neubau einer Synagoge in Crailsheim begonnen. Bis 1909 war
man mit den Planungen so weit gekommen, dass der Bau hätte unmittelbar
durchgeführt werden können. Aus nicht bekannten Gründen wurde der Neubau
damals jedoch nicht verwirklicht und wurde schließlich durch den Ersten
Weltkrieg und die Inflationszeit zunächst
unmöglich.
Der Neubau einer Synagoge soll bald beginnen (1909)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
12. Oktober 1909: "Crailsheim (Württemberg), 5. Oktober
(1909). Der Bau einer neuen Synagoge am hiesigen Platze ist nun genehmigt
worden und es dürfte somit bald mit den Bauarbeiten begonnen
werden." |
Die Einrichtungsgegenstände in der Synagoge gingen wie in
anderen Synagogen auch großenteils auf Stiftungen zurück. Letztmals konnte von
einer solchen im Dezember 1930 berichtet werden. Der jüdische Verein
"Zorki Hazibor" hatte für die Synagoge einen Chanukka-Leuchter
gestiftet, der mit einer gottesdienstlichen Feier am 1. Tag des Chanukkafest
eingeweiht wurde. Lehrer Silbermann hielt die Weiherede.
Bis 1938 war die Synagoge Zentrum des
gottesdienstlichen Lebens der jüdischen Gemeinde in Crailsheim. Beim Novemberpogrom
1938 wurde ihre Inneneinrichtung zerschlagen. Wegen der dichten Bebauung des
Areals wurde die Synagoge jedoch nicht angezündet. Das Gebäude blieb somit zunächst
bestehen. 1942 wurde es als Unterkunft für Zwangsarbeiter umgebaut. 1945
wurde sie kriegszerstört. Eine Gedenktafel am ehemaligen Standort erinnert an
die Synagoge (neue Gedenkstele seit 1990).
Im
Stadtmuseum sind aus der ehemaligen Synagoge noch ein Messinggehänge, eine
Docht-Ablage aus Zinn und eine Decke vorhanden.
Fotos / Darstellungen
Historisches Foto:
Quelle: Jüdische Gotteshäuser und
Friedhöfe in Württemberg. 1932. S. 68.
 |
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Die 1783 erbaute, 1938 demolierte
und 1945 kriegszerstörte Synagoge in Crailsheim |
Gemälde der Crailsheimer Synagoge
(Sammlung Wilhelm Schneider;
Ausschnitt des Umschlagsbildes des Buches
von Schubsky/Illich, s.u. Lit.) |
Fotos nach 1945/Gegenwart:
Links und Literatur
Links:
 | Website der Stadt
Crailsheim (unter "Geschichte" finden sich auch einige Hinweise und
Fotos zu den wichtigsten Ereignissen der jüdischen Geschichte in der
Stadt) |
 | Übersicht über die in den "Central Archives for the History of
the Jewish People" (CAHJP) in Jerusalem vorhandenen Archivalien der
jüdischen Gemeinde Crailsheim: pdf-Datei
hier anklicken |
Literatur:
 | Paul Sauer: Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und
Hohenzollern. 1966. S. 58-63. |
 | Hans-Joachim König: Die Crailsheimer Juden und ihr Schicksal in
sechs Jahrhunderten, in: Mitteilungsblätter des Historischen Vereins
Crailsheim 4 (1987). |
 | Karl W. Schubsky/Heinz Illich und andere: Jüdisches Leben
in Crailsheim - Der jüdische Friedhof (Hg. Stadt Crailsheim).
Veröffentlichungen zur Ortsgeschichte und Heimatkunde in Württembergisch
Franken Bd. 12. Crailsheim und Gerabronn 1996 (Gesamtdokumentation des Friedhofes mit Fotos aller
Stein, Grabsteininschriften, Pläne usw.). |
 | Gerhard Taddey: Kein kleines Jerusalem. Geschichte der Juden im
Landkreis Schwäbisch Hall. 1992. |
 | Öffentliche Übergabe des Gedenksteins zur Erinnerung an die Crailsheimer
Synagoge am 11. November 1990, in: Mitteilungsblätter des Historischen
Vereins Crailsheim 8, 1991, S. 56-75. |
 | Folker
Förtsch: "Nur noch die Gräber sind übrig geblieben und die
Wunde im Herzen". Die Geschichte und das Ende der jüdischen Gemeinde
in Crailsheim. In: Heimatbuch Crailsheim. Hg. von Johann Schumm.
Crailsheim 2001 S. 421-490. |
 | Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern -
Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from
their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem
1986. S. 124-127. |
 | Joachim
Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als
Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte
und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt,
Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial,
Jerusalem. Stuttgart 2007.
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Crailsheim
Wuerttemberg. Jews are first mentioned as victims of the Black Death
persecutions of 1348-49 and from 1540 were subjected to severe disabilities
until their presumed expulsion in 1560 with the other Jews of the Ansbach
principality. Jewish settlement was renewed in the late 16th century and grew
rapidly in the 19th century, from 85 in 1808 to 325 (total 6,101) in 1910,
thereafter declining in the face of emigration. (In the attached community of
neighboring Unterdeufstetten, all
the Jews had left by the end of Worldwar I). Jews were publicly active in the
Weimar Republic and maintained a lively social and cultural life within the
community. Jews owned a wide variety of retail establishments and a factory for
agricultural machinery. In 1933, 16* Jewish businesses remained. The Jews were
soon isolated socially and economically, with Jewish stores boycotted and Jewish
workers fired. On Kristallnacht (9-10 November 1938), the windows of the
synagogue were smashed and ritual objects impounded. About 100 Jews were able to
emigrate and 29 perished after expulsion to the east in late 1941 and 1942; 26
died locally. The synagogue was destroyed in an Allied bombardment in 1945.

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