Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Stuttgart (Baden-Württemberg) 
Betsäle/Synagogen bis 1938/41

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinden und ihrer Betsäle/Synagogen 

Übersicht:  

I. Mittelalter  
II. 16. Jahrhundert 
III. 18. Jahrhundert  
IV. 19./20. Jahrhundert  

Die Synagogen der Gesamtgemeinde mit Fotos
Die Synagogen der orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft mit Fotos
Der Betsaal des ostjüdischen Vereins "Linath Hazedek"  mit Fotos
Der Betsaal des ostjüdischen Vereins "Esras Achim"  mit  Fotos

 

I. Mittelalter

In Stuttgart bestand eine kleine jüdische Gemeinde zunächst im Mittelalter. 1343 wird der Jude Loew genannt, der unter Graf Ulrich III. eine bedeutende Stellung einnahm. Die Judenverfolgung während der Pestzeit vernichtete im November 1348 die kleine Gemeinde. Einige Jahrzehnte später (seit 1393) werden wieder Juden in der Stadt genannt, die nun in der St.-Leonhards-Vorstadt ansässig waren. 1488/98 wurden die Stuttgarter Juden ausgewiesen.

Synagogen im Mittelalter. Die jüdischen Familien wohnten zunächst im Bereich der Dorotheenstrasse, wo sie auch eine "Judenschule" (Synagoge; vermutlich auf dem Gelände des heutigen Innenministeriums Dorotheestrasse 6) hatten. Seit Ende des 14. Jahrhunderts war die jüdische Ansiedlung in der heutigen Brennerstrasse, die bis zum 19. Jahrhundert "Judengasse" hieß. Auch hier konnte wieder eine Synagoge eingerichtet werden. Zusammen mit einem rituellen Bad befand sie sich auf dem Anwesen Brennerstrasse 12. Es sind keine Spuren dieser mittelalterlichen Gemeinde mehr erhalten.

Darstellung von Juden an der Stiftskirche in Stuttgart
(Fotos: Hahn, 24. Juli 2007)
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  Darstellung von Juden an der Stiftskirche in Stuttgart 
   
Die älteste jüdische Ansiedlung war im Bereich der Dorotheenstraße Stuttgart Erinnerungen 159.jpg (82249 Byte) Stuttgart Erinnerungen 160.jpg (67258 Byte)
  Straßenschild "Dorotheenstraße" Blick in die Dorotheenstraße - an das Mittelalter erinnert hier nichts mehr
     
Die Brennerstrasse in Stuttgart, frühere "Judengasse"
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Straßenschild mit Hinweise auf frühere "Judengasse" Blick in der Brennerstraße von der Esslinger Straße
     
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Blick in die Brennerstraße Richtung Stadtmitte

 

II. 16. Jahrhundert 

Unter Herzog Friedrich I. wurden 1598 jüdische Kaufleute der Firma Gabrieli & Co. in Stuttgart aufgenommen, deren Gründer Maggino Gabrielli eine hervorragende Persönlichkeit war. Trotz des Einspruches der Landstände und des Hofpredigers wurden Gabrieli und sieben Genossen in Stuttgart aufgenommen. Als sie in dem ihnen angewiesenen "Armbrustschützenhause" am Marktplatz einen Betsaal einrichteten, entstand jedoch eine große Erregung, sodass sich der Herzog entschloss, Gabrieli den Kammerschreiberei-Ort Neidlingen bei Kirchheim unter Teck als Wohnort zuzuweisen. Dort freilich war das Unternehmen nicht lebensfähig, Gabrieli und Genossen zogen nach drei Monaten wieder ab und ließen sich mit besserem Erfolg in Lothringen nieder. 
 

Literatur:  Daniel Jütte: Abramo Colorni, jüdischer Hofalchemist Herzog Friedrichs I. und die hebräische Handelskompagnie des Maggino Gabrielli in Württemberg am Ende des 16. Jahrhunderts. In: Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 15/2005 Heft 2 S. 435-498.

III. 18. Jahrhundert 

Die Entstehung der neuzeitlichen Gemeinde Stuttgart geht in die Zeit Anfang des 18. Jahrhunderts zurück. Wie an fast allen Fürstenhöfen Europas hatten auch in Stuttgart sogenannte Hofjuden und Hoffaktoren eine Anstellung gefunden. 1710 wird ein erster Hofjude genannt, 1712 vier weitere. 1721 waren es sieben Hofjuden, unter denen sich David Uhlmann besondere Verdiente erwarb. Bis zu seinem Tod 1782 stand er 55 Jahre im Dienst des Herzogs. Weitere unter dem persönlichen Schutz des Herzogs stehenden Juden waren bis um 1800 zugezogen, darunter Hofbankier Jakob Kaulla aus Hechingen. Von der Familie Kaulla wurde 1802 die Württembergische Hofbank gegründet.  

Betsaal im 18. Jahrhundert. Die Niederlassung der Hofjudenfamilien wurde in Stuttgart insbesondere von den Kirchenvertretern misstrauisch beobachtet. Konsistorialdirektor Johannes Osiander empfahl beim Synodus des Jahres 1715, darauf Acht zu geben, ob die Juden beabsichtigten, eine Synagoge zu errichten. Anfang 1717 kamen dem Konsistorium Gerüchte zu Ohren, dass die Juden, die in Stuttgart beim Hirschwirt wohnten, dort Gottesdienste abhielten. Die Untersuchung der Angelegenheit brachte jedoch kein Ergebnis. Da es sich offenbar im Laufe der Jahre nicht verhindern ließ, dass die Juden in bescheidenem, privatem Rahmen ihre Gottesdienste feierten, wurde von der Kirche alsbald nur noch darauf geachtet, dass deren Religionsausübung möglichst unauffällig vonstatten ging. So wurde 1748 erst reagiert, als die Lautstärke des jüdischen Gottesdienstes zur Folge hatte, dass die Menschen auf der Strasse vor einem jüdischen Haus stehen blieben und zuhörten. Einzelne württembergische Theologen konnten dem jüdischen Gottesdienst damals sogar positive Aspekte abgewinnen. Konsistorialrat Christian Friedrich Faber berichtete 1737 in einer Predigt über einen jüdischen Gottesdienst: "Wie andächtig sind sie bei ihrem Gottesdienst. Keiner unter ihnen verlässt die Versammlung mutwilliger Weise. Sie beten mit großer Andacht und lassen sich durch nichts irre machen. Es mag in ihre Synagogen kommen, wer da will, sie sehen sich nicht einmal um..." 

Hinweis auf die Zeit der Hoffaktoren des 18. Jahrhunderts in Stuttgart: der "Joseph-Süß-Oppenheimer-Platz" erinnert an den Justizmord an Joseph Süß Oppenheimer (1738), siehe Wikipedia-Artikel   Stuttgart Stadt 421.jpg (74731 Byte) Stuttgart Stadt 421a.jpg (53345 Byte)


 

IV. 19./20. Jahrhundert

1832 konnte eine neue Gemeinde gegründet werden, die im Laufe der folgenden Jahrzehnte eine stürmische Entwicklung nahm. Von gerade 126 Gemeindegliedern im Jahr 1833 stieg deren Zahl bis zum Jahr 1875 auf 2.291 an. Die starke Zunahme war bedingt durch einen nicht aufzuhaltenden Zuzug der Juden aus zahlreichen jüdischen Landgemeinden. Bis 1925/33 sollte die Zahl der jüdischen Einwohner Stuttgarts auf ca. 4.500 Personen anwachsen, um danach zunächst langsam und infolge der 1933 erfolgten Machtübernahme durch die Nationalsozialisten immer schneller zurückzugehen. 
 
Nach den Deportationen kamen in der NS-Zeit kamen von den 1933 in Stuttgart etwa 4.500 jüdischen Einwohnern mindestens 1.200 ums Leben.

Die Stuttgardia - Modell für sie stand 1905 als "typisches Stuttgarter Mädchen" die jüdische Stuttgarterin Else Weil
(Fotos: Hahn, 24. Juli 2007)
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  Stuttgardia mit Hinweistafel: "Plastik von Heinz Fritz (1905) für den Turm des 1944 zerstörten Rathauses, erneut angebracht 1968. Modell für die 'Stuttgardia' war Else Weil, geboren in Stuttgart, in der NS-Zeit als Jüdin in die USA geflüchtet, beerdigt auf dem Pragfriedhof; Hinweis: mehr zu Familie Weil aus Aufhausen: weitere Informationen.  
      
Gedenken am "Hospitalhof" in Stuttgart, ehemals Standort des Polizeigefängnisses Stuttgart Erinnerungen 151.jpg (74183 Byte) Stuttgart Erinnerungen 150.jpg (72704 Byte)
  Inschrift: "Im Gebäude des Stuttgarter Dominikanerklosters und späteren städtischen Hospitals war seit 1895 das Polizeigefängnis untergebracht. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden hier viele Menschen gequält und gedemütigt. Zum Gedenken an die Sinti und Roma, Mitbürgerinnen und Bürger, die dem nationalsozialistischen Völkermord zum Opfer fielen. Dem Gedenken an die jüdischern Mitbürgergerinnen und Mitbürger, die entrechtet, deportiert und ermordet wurden. Zum Gedenken an alle, die aus politischen und religiösen Gründen verfolgt wurden.


Betsäle/Synagogen im 19./20. Jahrhundert

Die Synagogen der Gesamtgemeinde

Im 19. Jahrhundert wurden die Gottesdienste zunächst in Privathäusern abgehalten, vor allem in der Häusern des Hoffaktors Seligmann in der Kronprinzstrasse und der Familie Kaulla (Schmale Strasse 11 bzw. Königstrasse 35; alle Gebäude bestehen nicht mehr). 1808 wurde ein Betsaal im "Alten Waldhorn" gemietet. Nachdem Ende 1832 eine neue Gemeinde in Stuttgart offiziell gegründet worden war (am 11. Dezember 1832 wurde erstmals ein Vorsteheramt gewählt), bemühte sie sich um die Einrichtung eines Betsaales. Ein Baukomitee wurde gegründet, das zunächst nach einem geeigneten Grundstück suchte. Im April 1837 konnte man ein geeignetes Gebäude kaufen und in dessen Hintergebäude in der Langen Gasse 16 einen Betsaal beziehungsweise eine erste Synagoge einrichten. Im Oktober 1837 wurde der Betsaal feierlich eingeweiht. Damals betrug die Zahl der jüdischen Familien erst 15.  Bei der Einweihung des Betsaales wirkten neben Vorsänger Eichberg im musikalischen Teil auch Mitglieder der Hofkapelle mit. 1845 machte man den Betsaal heizbar. Durch das schnelle Anwachsen der Gemeinde war nach wenigen Jahren zunächst ein Mangel an Frauenplätzen in diesem Betsaal entstanden, da dieser im ganzen nur 220 bis 230 Sitzplätze hatte. Bereits 1850 musste man an den Neubau einer Synagoge denken und wählte eine neue Baukommission in der Gemeinde. Eine Erweiterung der bisherigen Synagoge wurde in einer Gemeindeversammlung im Oktober 1852 angelehnt.

1856 stand das der Witwe des Legationsrates Reuß gehörige Haus Hospitalstrasse 36 samt dem dazugehörigen Garten zum Verkauf frei. In diesem Haus hatte von 1851 bis 1855 auch der Dichter Eduard Mörike gelebt. Der jüdische Weinhändler Heinrich Hirsch wollte zunächst das Anwesen erwerben. Als er vom Wunsch der jüdischen Gemeinde hörte, auf diesem Grundstück gegebenenfalls eine Synagoge zu bauen, trat er von dem Kauf zugunsten der Gemeinde zurück. Die jüdische Gemeinde kaufte das Anwesen mit Kaufvertrag vom 9. Mai 1856. 

Für den Bau der Synagoge waren vier Baupläne eingegangen. Unter ihnen wurde derjenige des Baurates Gustav Breymann ausgewählt. Am 26. Mai 1859 konnte der Grundstein zur neuen Synagoge in der Hospitalstrasse gelegt werden. Nach dem frühen Tod von Architekt Breymann im August 1859 setzte sein Schüler Adolf Wolff den Bau fort. Neuislamische Elemente prägten das Äußere und Innere der Synagoge. Die zur Hospitalstrasse gerichtete Ostfassade war von maurischen Zinnen gekrönt. Diese fanden sich auch auf den kleinen Pavillons, durch die der Weg zu den Eingängen führte. Im mittleren Teil der Fassade zeigte eine Apsis den Standort des Toraschreines an; darüber erhob sich ein mit islamischen Pflanzenornamenten reich geschmückter Rundbogen. Im Inneren waren die Säulen und Bögen nach dem Vorbild der Alhambra im spanischen Granada gestaltet. Vor allem fielen die Kapitelle mit den gezackten Bögen und den Pflanzenornamenten auf, die Stilelemente des Löwenhofs der Alhambra imitierten. Der maurische Stil war in Stuttgart schon von einem anderen Bauwerk her bekannt: 1842-1845 hatte König Wilhelm I. das Schloss Wilhelma in Cannstatt in maurischem Stil nach dem Vorbild der Alhambra in Granada erbaut. Synagogenarchitekt Adolf Wolff besuchte häufig die Wilhelma, um deren Form und Zeichnung zu studieren. Auch die in Mannheim und Frankfurt am Main erbauten Synagoge besuchte er, um Anregungen zur Ausführung der Stuttgarter Synagoge zu bekommen. 

Auf dem Hintergrund dieses Synagogenbaus ist die jüdische Gemeinde in Stuttgart zu sehen, die überwiegend den Willen nach einer völligen Integration hatte und ihr Judentum vielfach als Konfession auffasste, doch beim Wissen um eine Akzeptanz und Gleichberechtigung in der Umwelt auch ihren eigenen Charakter zu betonen wusste. Stuttgart war für die jüdische Gemeinde Heimat beworden. An einer Stelle der vorderen Synagogenkuppel war Psalm 132,14 zitiert: "Das ist für immer der Ort meiner Ruhe; hier will ich wohnen, ich habe ihn mir erkoren". Bei der Synagogeneinweihung am 3. Mai 1861 endete das Schlussgebet der Einweihungspredigt des Rabbiners Dr. Maier mit den Worten: "Ja, dir, geliebtes Stuttgart, unserem Jerusalem, wünschen wir Heil!". Rabbiner Dr. Maier schuf für den neuen Gottesdienst auch eine neues Gebetbuch. Die Verlesung der Tora wurde auf drei Jahre verteilt; traditionell wird die Tora in einem Jahr gelesen. Das Prophetenwort (Haftara) sollte deutsch vorgetragen werden. Eine Orgel und ein Synagogenchor gehörten alsbald zur Verschönerung der Gottesdienste dazu. Die Baukosten der Synagoge betrugen über 110.000 Gulden, die überwiegend von den Gemeindegliedern erbracht wurden. Von staatlicher Seite wurde eine Unterstützung von 2.500 Gulden bewilligt. 

Wie schnell die Stuttgarter Gemeinde auch in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts gewachsen ist, zeigt die Tatsache, dass die Synagoge in der Hospitalstrasse bereits 1875 nicht mehr für die Gemeinde ausreichte. Der Gedanke eines Umbaus wurde erwogen und zu diesem Zweck eine Reihe Nachbargrundstücke erworben. Als Notbehelf wurden seit 1894 an den Hohen Festtagen (Neujahrstag und Versöhnungstag) Zweitgottesdienste im Festsaal des Königsbaus (Königstraße 28), einige Jahre später im 1910-12 erbauten Gustav-Siegle-Haus (Leonhardsplatz 28) eingerichtet. Noch im Herbst 1938 wurden auch am letztgenannten Ort zu den Hohen Feiertagen Gottesdienste gefeiert. Die Rabbiner der Stadt teilten sich dabei die Gottesdienste auf. Beispielsweise predigte am 1. Neujahrstag, 10. September 1934 in der Stadtsynagoge Rabbiner Dr. Rieger, im Gustav-Siegle-Haus Rabbiner Dr. Auerbach, am 2. Neujahrstag war es umgekehrt. 

Bei den immer wieder notwendigen Renovierungen der Synagoge verursachte der spätere Einbau einer Heizungsanlage größere Schwierigkeiten, bis 1911 eine technisch befriedigende Lösung gefunden wurde. Auch die Beleuchtung des Gebäudes veranlasste mancherlei Sorgen, bis 1899 die Einrichtung der elektrischen Beleuchtung durchgeführt wurde. 

Während für die Gottesdienste an den hohen Feiertagen die Synagoge nicht ausreichte, konnten die Werktagsgottesdienste in einem im Gemeindehaus Hospitalstrasse 34 eingerichteten Betsaal abgehalten werden. 1936/38 waren in diesem Betsaal die Gottesdienste der Israelitischen Religionsgesellschaft (siehe unten). Nach deren Auszug im Juni 1938 konnte dieser Betsaal renoviert und einige Bänke neu angeschafft werden. Er wurde nun wieder für den täglichen Gottesdienst der Gemeinde genutzt. Da dieser Betsaal im November 1938 nicht zerstört wurde, konnten in ihm noch bis 1943 Gottesdienste stattfinden. 1944 wurde das Gemeindehaus bei einem Bombenangriff völlig zerstört. 

In der Pogromnacht im November 1938 wurde die Synagoge in der Hospitalstraße bereits um 3 Uhr in der Frühe des 10. November angezündet. Eine Stunde zuvor war von SA-Leuten in Zivil und anderen Nationalsozialisten das Synagogentor gewaltsam aufgebrochen worden. Im Inneren sind nach einem Augenzeugenbericht mehrere Bänke übereinandergeschichtet, mit Benzin übergossen und angezündet worden. Bei der Brandstiftung war die Feuerwehr bereits anwesend, möglicherweise waren Feuerwehrleute an der aktiven Brandstiftung beteilt. Die Feuerwehr beschränkte sich auf einen Schutz der Nachbargebäude und konnte, nachdem die Synagoge ausgebrannt und die Ruine gelöscht war, bereits gegen 5 Uhr unter Zurücklassen einer Brandwache abrücken. Die Synagoge musste wenige Tage später abgebrochen werden. Unter der Leitung des Architekten Ernst Guggenheimer verrichteten 15 Juden, die man aus Konzentrationslagern geholt hatte, dieses zugleich gefährliche und bedrückende Geschäft. Die Abbruchsteine der Synagoge wurden an Weingärtner aus dem Remstal zum Bau von Weinbergmauern verkauft. Den Gelderlös strich die Gestapo ein. Von der Synagoge blieben nur die Gebotstafeln vom Dach des Gebäudes und das Gefallenendenkmal erhalten, die in der 1952 erbauten Synagoge aufgestellt wurden. 

Fotos der Synagoge Hospitalstraße 

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Architekturzeichnung der Synagoge in Stuttgart Lithografie von R. Geissler, Berlin; recht das Gemeindehaus Die Synagoge mit der Apsis des Toraschreines
     
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Die Synagoge von der Hospitalstraße aus gesehen - Zeichnung, vermutlich nach der Fotografie rechts dass., vermutlich Fotovorlage für die Zeichnung links Innenansicht der Synagoge
     
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Blick von der Frauenempore Die ehemals auf dem First der Synagoge befindlichen Gebotstafeln - heute in der neuen Synagoge Das Gefallenendenkmal für die aus Stuttgart und Cannstatt gefallenen jüdischen Soldaten des 1. Weltkrieg - heute in der neuen Synagoge
     
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  Die brennende Synagoge in der Pogromnacht November 1938  

Zur Seite über die neue Synagoge in Stuttgart (1952) an derselben Stelle: hier anklicken

 

Die Synagogen der orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft

Am 15. Juni 1878 wurde von einer Reihe toratreuer (orthodoxer) Juden die "Israelitische Religionsgemeinschaft" gegründet. Ihnen war die Treue zu der von Torageboten bestimmten Tradition wichtiger als die von der liberalen Gemeinde in vielen Bereichen vollzogene Assimilation, vor allem im Bereich des Gottesdienstes. Die Gründer der Religionsgesellschaft waren zunächst zehn Männer, zu denen bald zwei weitere kamen. Zu ihrem ersten Vorstand bestimmten sie Hermann Gutmann. Der erste Gottesdienst wurde am Sabbat nach Schawuot (Laubhüttenfest) 1878 in einem Betsaal in der Holzstrasse abgehalten. Dieser erwies sich jedoch nach kurzer Zeit als zu klein, worauf ein Betsaal in der Olgastrasse 68 bezogen wurde. Bald stellte die Religionsgesellschaft einen eigenen Lehrer an, der für den Unterricht, das Vorbeten und die Schechita (koschere Schlachtung) zuständig war. Jahre später hatte man auch einen eigenen Rabbiner (Dr. Ansbacher von 1919-1935, danach Dr. Bamberger seit 1925). Ende der 1920er-Jahre umfasste die Religionsgesellschaft etwa 50 Familien der Stuttgarter Gemeinde. Zu keiner Zeit kam es zu einer Trennung von der Gesamtgemeinde; die Mitglieder der Religionsgesellschaft blieben Mitglieder der großen Stuttgarter Gemeinde. Die Betsäle scheinen mehrfach gewechselt zu haben, als Adressen werden auch Urbanstrasse 6 und Alexanderstrasse 52 angegeben (Zelzer), bis spätestens in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg der Betsaal im Erdgeschoss des Hinterhauses der Rosenstrasse 35/37 eingerichtet wurde (davon haben sich keine Spuren erhalten; hier ist heute ein kleiner Spielplatz angelegt). 

Um 1928 reichte dieser Betsaal infolge der damals wachsenden Zahl der Mitglieder jedoch nicht mehr aus. Man plante den Erwerb eines anderen Gebäudes zur Einrichtung eines neuen Betsaales. Im Sommer 1930 konnte Regierungsbaumeister Dr. Bloch in der jüdischen Abteilung der Stuttgarter Ausstellung für kirchliche Kunst ein Modell einer neuen Synagoge für die Israelitische Religionsgesellschaft in Stuttgart präsentieren. Zur Ausführung eines Synagogenneubaus kam es jedoch erst 1933, als nach dem Plan von Architekt Rasch in der Schlosserstrasse 2 "eine einfache, aber äußerst würdige Synagoge entstand, deren Ausstattung ebenso stilvoll wie anheimelnd" war (Beschreibung in der Gemeindezeitung vom 15.2.1934). Am 3. Februar 1934 wurde dieser Betsaal mit einem Festgottesdienst eingeweiht. Die Torarollen wurden dabei eingebracht. Rabbiner Dr. Bamberger hielt die Festpredigt in dem ansonsten von Vorbeter Moses Zanger gehaltenen Gottesdienst. Stadtrabbiner Dr. Rieger hielt eine Ansprache. Ein Männer- und Knabenchor der Religionsgesellschaft umrahmte die Feier. 

Aus nicht bekannten Gründen konnten die Gottesdienste der Religionsgesellschaft seit 1936/37 nicht mehr in der Schlosserstrasse gefeiert werden. Die Religionsgesellschaft benutzte für etwa anderthalb Jahre hierfür den Betsaal im jüdischen Gemeindehaus in der Hospitalstrasse 34. 1938 wurde ein neuer Betsaal im Haus Gartenstrasse 30 eingerichtet. Planung und Bauleitung lag in den Händen von Regierungsbaumeister Guggenheimer. Am 2. Juni 1938 war die feierliche Einweihung dieses Betsaales. Nach dem von Lehrer Roberg geleiteten Mah tauwu der Knaben wurden die Torarollen in die Heilige Lade eingebracht. Adolf Kulb hielt die Begrüßungsrede; Rabbiner Dr. Bamberger entzündete das ewige Licht. Von Oberrat war Präsident Dr. Siegfried Gumbel erschienen. Es schloss sich das Abendgebet an, das der Vorbeter der Religionsgesellschaft Moses Zanger leitete.

In der Pogromnacht im November 1938 blieb dieser Betsaal unzerstört. Das Gebäude an der Ecke Gartenstrasse (heute Fritz-Elsas-Straße)/Hospitalstrasse wurde jedoch im Krieg völlig zerstört. Nach 1945 ist das Grundstück neu bebaut worden. 

Fotos zu den Betsälen der Religionsgesellschaft

Betsaal Rosenstraße 35/37 Stuttgart Synagoge 420.jpg (65613 Byte) Stuttgart Synagoge 421.jpg (80070 Byte)
  In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg bis Anfang 1934 befand sich der Betsaal in einem Hintergebäude (ehemals auf der freien Fläche Foto rechts) zum Gebäude Rosenstraße 35/37 (Foto links)
     
Betsaal Schlosserstraße 2 1934/36
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  1934/36 befand sich der Betsaal der Religionsgesellschaft im Gebäude Schlosserstraße 2
   
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Blick auf die Fenster des Erdgeschosses, hinter denen der Betsaal lag Blick auf die östliche Wand des Betsaales, wo sich 1934/36 der Toraschrein befand Blick in den Betsaal vom Bereich des Frauenabteils
     
Stuttgart Erinnerungen 171.jpg (52180 Byte) Stuttgart Erinnerungen 172.jpg (52562 Byte) Stuttgart Erinnerungen 173.jpg (47974 Byte)
Blick auf den abgegrenzten Bereich des Frauenabteils (nach 1945 vermutlich erneuert) Blick in den Bereich des Betsaales des Männer. Die auf dem Foto rechts zu sehende Abgrenzung für ein weiteres Zimmer wurde nach 1945 vorgenommen.

 

 

Der Betsaal des ostjüdischen Vereins "Linath Hazedek"    
(Hinweis auf das Haus Kasernenstraße 13 von Wolfgang Kress, Stuttgart)

Um 1895 zogen in Stuttgart die ersten ostjüdischen Familien zu, darunter Mendel Fußmann, der mit anderen ostjüdischen Glaubensgenossen den Verein "Linath Hazedek" ("Stätte der Wohltätigkeit") begründete. Fußmann war jahrelang der Vorsitzende dieses Vereins. Ein Betsaal befand sich bis Anfang 1928 in der Geißstrasse 1  
    
Seit 1927 bemühte sich der Verein um die Einrichtung eines größeren Betsaales mit geeigneten Nebenräumen für die Bibliothek und einen Lesesaal. Die bisherigen Räumlichkeiten entsprachen "weder der Zeit noch der Würde ihres Zweckes". Unter großen Opfern der Familien des Vereins wurde das Geld für einen neuen Betsaal zusammengebracht. Am 30. März 1928 konnte hinter dem Haus von Seeligmann Hirsch Kasernenstrasse 13 (Hinterhaus 1. Stock) dieser neue Betsaal feierlich eingeweiht werden. Unter den Klängen des Liedes "Mah towu" wurden die Torarollen von den Gemeindeleitern und von Ehrengästen in den Betsaal getragen. Der damalige Vorsitzende M. Pariser begrüßte die zahlreichen Gäste, unter ihnen die Vertreter des Israelitischen Oberrates, des Vorsteheramtes der Gemeinde und der Religionsgesellschaft. Stadtrabbiner Dr. Rieger entzündete vor der Heiligen Lade das "ewige Licht" und hielte die Weihepredigt. Nach drei Umzügen um den Almemor wurden die Torarollen in die Heilige Lade gestellt. Das anschließende Nachmittags- und Freitagabendgebet wurde von Oberkantor Schreiber aus Berlin geleitet. 

Über die Geschichte dieses Betsaales nach 1933 ist nichts bekannt. Auf dem Grundstück der früheren Kasernenstrasse (heute Leuschnerstrasse) 30 haben sich keine Spuren erhalten. Das Grundstück wurde nach 1945 neu bebaut.   

Fotos zum Betsaal von "Linath Hazedek"

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Bis Anfang 1928 war der Betsaal von Linath Hazedek im Gebäude Geißstraße 1  

 

 

Der Betsaal des ostjüdischen Vereins "Esras Achim"  

1908 wurde der Verein "Esras Achim" von einer Reihe russisch-jüdischer Zigarettenarbeiter und sonstiger Handwerker auf Veranlassung von Moses Rappoport (1874-1924) gegründet. Ziel des Vereins war, für die russischen Juden in Stuttgart "einen eigenen Gottesdienst nach heimatlicher Sitte einzurichten und kameradschaftliche Gemeinsamkeit zu pflegen" (Gemeindezeitung IV,24 vom 16.3.1928 S. 736). "Heimatliche Sitte" bedeutete das Festhalten an streng orthodoxen Traditionen, vor allem auch die Pflege des täglichen Gottesdienstes. Es wurden nur Mitglieder zugelassen, die die Sabbatvorschriften und rituellen Gebote streng beachteten. Rappoport stand bis zu seinem Tod an der Spitze des Vereines. Sein Nachfolger war Heinrich Scher, der freilich bereits 1925 starb. In den folgenden Jahren waren die Leiter des Vereins H. Wikler und S. Kleiners. Am 4. März 1928 konnte der Verein sein 20jähriges Bestehen mit einer Feier im Bürgermuseum gehen. Stadtrabbiner Dr. Rieger hielt dabei die Festrede. Der Betsaal von "Esras Achim" war im Erdgeschoss der Marienstrasse 3. Eigentümer dieses Betsaales war die Israelitische Religionsgesellschaft.

Fotos zum Betsaal von "Esras Achim"

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Im Gebäude Marienstrasse 3 befand sich der Betsaal von "Esras Achim"

 

Links und Literatur

Links:

Website der Stadt Stuttgart   
Website der Israelitische Religionsgemeinschaft in Württemberg in Stuttgart      
Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Stuttgart - Projekt Schule   
"Stiftung Geissstrasse 7" in Stuttgart, verschiedene Formen der Erinnerung, unter anderem mit Gedenkblättern für einige jüdische Persönlichkeiten in Stuttgart (u.a. Joseph Süß Oppenheimer, Eduard Pfeiffer)     
"Zeichen der Erinnerung" - Verfolgung und Vernichtung württembergischer Juden - Der Innere Nordbahnhof Stuttgart als Tatort   
Infoseiten zu "Stuttgart im nationalsozialistischen Deutschland 1933-1945"  
Stolpersteine in Stuttgart (zahlreiche Informationen und Biographien zu jüdischen Personen aus Stuttgart) 
Übersicht über die in den "Central Archives for the History of the Jewish People" (CAHJP) in Jerusalem vorhandenen Archivalien der jüdischen Gemeinde Stuttgart: pdf-Datei hier anklicken  
Website von Dietmar Näher zur jüdischen Verfolgungsgeschichte in Stuttgart  
    
Informationsseite zum Projekt von Lutz Schelhorn und Stefan Mellmann: "Die Chemie der Erinnerung" - am Ort der Deportation der Stuttgarter Juden am Nordbahnhof 
   
Zum Synagogenarchitekten Adolf Wolff (interner Link)  
Informationen zur Stuttgarter Familie Benedict (zusammengestellt von Rolf Hofmann, Stuttgart, interner Link):     
-   Family sheet Baruch Benedict of Kriegshaber + Stuttgart    
-   Family sheet Sir Julius Benedict of Stuttgart + Naples (Italy) + London     

Literatur (Auswahl):

Paul Sauer: Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. 1966. S. 164-172.
Germania Judaica II,2 S.809ff III,2 S. 1441-1443.
Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum der Synagoge zu Stuttgart. Hg. vom Israelitischen Kirchenvorsteheramt Stuttgart. 1911.
Maria Zelzer: Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden. Stuttgart 1964.
dies.: Stuttgart unterm Hakenkreuz. Chronik aus Stuttgart 1933-45. Stuttgart 1984²

Joachim Hahn: Hoppenlaufriedhof, Israelitischer Teil (Friedhöfe in Stuttgart 2. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Stuttgart 40) Stuttgart 1988. 

ders.: Pragfriedhof, israelitischer Teil (Friedhöfe in Stuttgart 3. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Stuttgart 57) Stuttgart 1992.

Roland Müller: Stuttgart zur Zeit des Nationalsozialismus. 1988.

Verschiedene Beiträge in der Reihe "Stuttgart im Dritten Reich". Ausstellung des Projekts Zeitgeschichte. 5 Bde. 1984.

Siegfried Däschler-Seiler: Auf dem Weg in die bürgerliche Gesellschaft. Joseph Maier und die jüdische Volksschule im Königreich Württemberg. (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Stuttgart 73) 1997.

Paul Sauer/Sonja Hosseinzadeh: Jüdisches Leben im Wandel der Zeit. 170 Jahre Israelitische Religionsgemeinschaft. 50 Jahre neue Synagoge in Stuttgart. 2002 (hier weitere Literatur)

      

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 21. September 2009