Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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zu den Synagogen in Baden-Württemberg  


Stuttgart (Baden-Württemberg) 
Betsäle/Synagogen bis 1938/41 
  

Hinweis auf weitere Seiten mit Texten zur jüdischen Geschichte Stuttgarts im 19./20. Jahrhundert (Texte aus jüdischen Periodika): 
      
Allgemeine Berichte sowie Berichte aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben (interner Link)  
Berichte zu den Rabbinern, Lehrern und Kultusbeamten der Gemeinde (Hauptgemeinde)  (interner Link) 
Berichte zur orthodoxen "Israelitischen Religionsgesellschaft"  (interner Link)   
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde  (interner Link)    
   
   
   
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinden in Stuttgart und ihrer Betsäle/Synagogen              
   
Übersicht:  
  
I. Mittelalter  
II. 16. Jahrhundert 
III. 18. Jahrhundert  
IV. 19./20. Jahrhundert  

Die Hauptsynagogen mit Fotos
Die Synagogen der orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft mit Fotos
Der Betsaal des ostjüdischen Vereins "Linath Hazedek"  mit Fotos
Der Betsaal des ostjüdischen Vereins "Esras Achim"  mit  Fotos

    
   

I. Mittelalter
       
    
In Stuttgart bestand eine kleine jüdische Gemeinde zunächst im Mittelalter. 1343 wird der Jude Loew genannt, der unter Graf Ulrich III. eine bedeutende Stellung einnahm. Die Judenverfolgung während der Pestzeit vernichtete im November 1348 die kleine Gemeinde. Einige Jahrzehnte später (seit 1393) werden wieder Juden in der Stadt genannt, die nun in der St.-Leonhards-Vorstadt ansässig waren. 1488/98 wurden die Stuttgarter Juden ausgewiesen. 
       
Synagogen im Mittelalter. Die jüdischen Familien wohnten zunächst im Bereich der Dorotheenstrasse, wo sie auch eine "Judenschule" (Synagoge; vermutlich auf dem Gelände des heutigen Innenministeriums Dorotheenstrasse 6) hatten. Seit Ende des 14. Jahrhunderts war die jüdische Ansiedlung in der heutigen Brennerstrasse, die bis zum 19. Jahrhundert "Judengasse" hieß. Auch hier konnte wieder eine Synagoge eingerichtet werden. Zusammen mit einem rituellen Bad befand sie sich auf dem Anwesen Brennerstrasse 12. Es sind keine Spuren dieser mittelalterlichen Gemeinde mehr erhalten.     

Darstellung von Juden an der
 Stiftskirche in Stuttgart
(Fotos: Hahn, 24. Juli 2007)
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  Darstellung von Juden an der Stiftskirche in Stuttgart 
   
Die älteste jüdische Ansiedlung war 
im Bereich der Dorotheenstraße
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  Straßenschild 
"Dorotheenstraße"
Blick in die Dorotheenstraße - an das
 Mittelalter erinnert hier nichts mehr
     
Die Brennerstrasse in Stuttgart,
 frühere "Judengasse"
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  Straßenschild mit Erinnerung an 
die frühere "Judengasse"
Blick in der Brennerstraße 
von der Esslinger Straße
     
  Stuttgart Erinnerungen 161.jpg (77182 Byte) Stuttgart Erinnerungen 162.jpg (90500 Byte)
  Blick in die Brennerstraße Richtung Stadtmitte

 
 
II. 16. Jahrhundert            
    
Unter Herzog Friedrich I. wurden 1598 jüdische Kaufleute der Firma Gabrieli & Co. in Stuttgart aufgenommen, deren Gründer Maggino Gabrielli eine hervorragende Persönlichkeit war. Trotz des Einspruches der Landstände und des Hofpredigers wurden Gabrieli und sieben Genossen in Stuttgart aufgenommen. Als sie in dem ihnen angewiesenen "Armbrustschützenhause" am Marktplatz einen Betsaal einrichteten, entstand jedoch eine große Erregung, sodass sich der Herzog entschloss, Gabrieli den Kammerschreiberei-Ort Neidlingen bei Kirchheim unter Teck als Wohnort zuzuweisen. Dort freilich war das Unternehmen nicht lebensfähig, Gabrieli und Genossen zogen nach drei Monaten wieder ab und ließen sich mit besserem Erfolg in Lothringen nieder. 
 

Literatur:  Daniel Jütte: Abramo Colorni, jüdischer Hofalchemist Herzog Friedrichs I. und die hebräische Handelskompagnie des Maggino Gabrielli in Württemberg am Ende des 16. Jahrhunderts. In: Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 15/2005 Heft 2 S. 435-498.

III. 18. Jahrhundert         
    
Die Entstehung der neuzeitlichen Gemeinde Stuttgart geht in die Zeit Anfang des 18. Jahrhunderts zurück. Wie an fast allen Fürstenhöfen Europas hatten auch in Stuttgart sogenannte Hofjuden und Hoffaktoren eine Anstellung gefunden. 1710 wird ein erster Hofjude genannt, 1712 vier weitere. 1721 waren es sieben Hofjuden, unter denen sich David Uhlmann besondere Verdiente erwarb. Bis zu seinem Tod 1782 stand er 55 Jahre im Dienst des Herzogs. Weitere unter dem persönlichen Schutz des Herzogs stehenden Juden waren bis um 1800 zugezogen, darunter Hofbankier Jakob Kaulla aus Hechingen. Von der Familie Kaulla wurde 1802 die Württembergische Hofbank gegründet. 
   
Betsaal im 18. Jahrhundert. Die Niederlassung der Hofjudenfamilien wurde in Stuttgart insbesondere von den Kirchenvertretern misstrauisch beobachtet. Konsistorialdirektor Johannes Osiander empfahl beim Synodus des Jahres 1715, darauf Acht zu geben, ob die Juden beabsichtigten, eine Synagoge zu errichten. Anfang 1717 kamen dem Konsistorium Gerüchte zu Ohren, dass die Juden, die in Stuttgart beim Hirschwirt wohnten, dort Gottesdienste abhielten. Die Untersuchung der Angelegenheit brachte jedoch kein Ergebnis. Da es sich offenbar im Laufe der Jahre nicht verhindern ließ, dass die Juden in bescheidenem, privatem Rahmen ihre Gottesdienste feierten, wurde von der Kirche alsbald nur noch darauf geachtet, dass deren Religionsausübung möglichst unauffällig vonstatten ging. So wurde 1748 erst reagiert, als die Lautstärke des jüdischen Gottesdienstes zur Folge hatte, dass die Menschen auf der Strasse vor einem jüdischen Haus stehen blieben und zuhörten. Einzelne württembergische Theologen konnten dem jüdischen Gottesdienst damals sogar positive Aspekte abgewinnen. Konsistorialrat Christian Friedrich Faber berichtete 1737 in einer Predigt über einen jüdischen Gottesdienst: "Wie andächtig sind sie bei ihrem Gottesdienst. Keiner unter ihnen verlässt die Versammlung mutwilliger Weise. Sie beten mit großer Andacht und lassen sich durch nichts irre machen. Es mag in ihre Synagogen kommen, wer da will, sie sehen sich nicht einmal um..."    

Erinnerung an die Zeit der Hoffaktoren des 
18. Jahrhunderts in Stuttgart:
der
 "Joseph-Süß-Oppenheimer-Platz" lässt an 
den Justizmord an Joseph Süß Oppenheimer
denken (1738), siehe Wikipedia-Artikel  
Stuttgart Stadt 421.jpg (74731 Byte) Stuttgart Stadt 421a.jpg (53345 Byte)

  
  
IV. 19./20. Jahrhundert     
   
1832 konnte eine neue Gemeinde gegründet werden, die im Laufe der folgenden Jahrzehnte eine stürmische Entwicklung nahm. Von gerade 126 Gemeindegliedern im Jahr 1833 stieg deren Zahl bis zum Jahr 1875 auf 2.291 an. Die starke Zunahme war bedingt durch einen nicht aufzuhaltenden Zuzug der Juden aus zahlreichen jüdischen Landgemeinden. Bis 1925/33 sollte die Zahl der jüdischen Einwohner Stuttgarts auf ca. 4.500 Personen anwachsen, um danach zunächst langsam und infolge der 1933 erfolgten Machtübernahme durch die Nationalsozialisten immer schneller zurückzugehen. 
 
Nach den Deportationen kamen in der NS-Zeit kamen von den 1933 in Stuttgart etwa 4.500 jüdischen Einwohnern mindestens 1.200 ums Leben.

Die Stuttgardia - Modell für sie stand 
1905 als "typisches Stuttgarter Mädchen"
 die jüdische Stuttgarterin Else Weil
(Fotos: Hahn, 24.7.2007) 
Stuttgart Erinnerungen 156.jpg (72187 Byte) Stuttgart Erinnerungen 155.jpg (55432 Byte) Stuttgart Erinnerungen 153.jpg (63462 Byte) Stuttgart Erinnerungen 154.jpg (70731 Byte)
  Stuttgardia mit Hinweistafel: "Plastik von Heinz Fritz (1905) für den Turm des 1944 
zerstörten Rathauses, erneut angebracht 1968. Modell für die 'Stuttgardia' war Else Weil, 
geboren in Stuttgart, in der NS-Zeit als Jüdin in die USA geflüchtet, beerdigt auf dem
 Pragfriedhof; Hinweis: mehr zu Familie Weil aus Aufhausen: weitere Informationen.  
      
Gedenken am ehemaligen "Hospitalhof"
 (inzwischen abgebrochen) in Stuttgart,
 ehemals Standort des Polizeigefängnisses 
(Fotos: Hahn, 24.7.2007)  
Stuttgart Erinnerungen 151.jpg (74183 Byte) Stuttgart Erinnerungen 150.jpg (72704 Byte)
  Inschrift: "Im Gebäude des Stuttgarter Dominikanerklosters und späteren städtischen Hospitals
 war seit 1895 das Polizeigefängnis untergebracht. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden
 hier viele Menschen gequält und gedemütigt. Zum Gedenken an die Sinti und Roma,
 Mitbürgerinnen und Bürger, die dem nationalsozialistischen Völkermord zum Opfer fielen. 
Dem Gedenken an die jüdischern Mitbürgergerinnen und Mitbürger, die entrechtet, 
deportiert und ermordet wurden. Zum Gedenken an alle, die aus politischen und 
religiösen Gründen verfolgt wurden.

   
   
   
Betsäle/Synagogen im 19./20. Jahrhundert              
    
Die Hauptssynagogen 
     
Im 19. Jahrhundert wurden die Gottesdienste zunächst in Privathäusern abgehalten, vor allem in der Häusern des Hoffaktors Seligmann in der Kronprinzstrasse und der Familie Kaulla (Schmale Strasse 11 bzw. Königstrasse 35; alle Gebäude bestehen nicht mehr). 
  
1808 wurde ein Betsaal im "Alten Waldhorn" gemietet. Nachdem Ende 1832 eine neue Gemeinde in Stuttgart offiziell gegründet worden war (am 11. Dezember 1832 wurde erstmals ein Vorsteheramt gewählt), bemühte sie sich um die Einrichtung eines Betsaales. Ein Baukomitee wurde gegründet, das zunächst nach einem geeigneten Grundstück suchte. Im April 1837 konnte man ein geeignetes Gebäude kaufen und in dessen Hintergebäude in der Langen Gasse 16 einen Betsaal beziehungsweise eine erste Synagoge einrichten. Im September 1837 wurde der Betsaal feierlich eingeweiht. Damals betrug die Zahl der jüdischen Familien erst 15.  Bei der Einweihung des Betsaales wirkten neben Vorsänger Eichberg im musikalischen Teil auch Mitglieder der Hofkapelle mit. 
 

Die Einweihung der Synagoge (1837)   
        

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 21. Oktober 1837: "Stuttgart, 27. September (1837). Heute wurde die neueingerichtete jüdische Synagoge eingeweiht. Das Nähere darüber soll später erfolgen".     

1845 machte man den Betsaal heizbar. Durch das schnelle Anwachsen der Gemeinde war nach wenigen Jahren und vor allem an den Feiertagen zunächst ein Mangel an Frauenplätzen in diesem Betsaal entstanden, da dieser im ganzen nur 220 bis 230 Sitzplätze hatte. Bereits 1850 musste man an den Neubau einer Synagoge denken und wählte hierzu Baukommission in der Gemeinde. Eine Erweiterung der bisherigen Synagoge wurde in einer Gemeindeversammlung im Oktober 1852 abgelehnt. 
 
Über das
gottesdienstliche Leben in der 1837 eingeweihten Synagoge liegen einige Berichte vor, aus denen zu entnehmen ist, dass der Gottesdienst in der traditionellen Weise abgehalten wurde. Das Vorsteheramt lehnte noch um 1850 die Einführung von Reformen (deutscher Gottesdienst, mit Chorgesang und Orgelbegleitung) ab. Nach Meinung von Reformgesinnten war dies der Grund, warum in der Synagoge kaum religiöses Leben stattfand und die Gottesdienste - vor allem zu Schabbat - so schlecht besucht waren. Charakteristisch für die Einstellung der Reformgesinnten war die Meinung von Adolph Levi, die im Bericht vom Oktober 1851 mitgeteilt wird. Aus dem Bericht von 1852 erfährt man, dass vor allem die Predigten von Rabbiner Dr. Maier auf ein großes Interesse in der Gemeinde stießen.   
   
Über das gottesdienstliche Leben in Stuttgart (1851)          

Stuttgart AZJ 14071851.jpg (219199 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom  14. Juli 1851: "Stuttgart, im Juli (1851). Ordnung und Anstand beim Gottesdienste ist das erste Bedürfnis, um andächtig vor Gott stehen zu können. Leider wird häufig weder Ordnung noch Anstand in den israelitischen Gebethäusern gefunden. Man sollte glauben, dass in einer Gemeinde wie Stuttgart, dem Sitze der königlichen israelitischen Oberkirchenbehörde, jenes erste Bedürfnis befriedigt würde. Doch weit davon entfernt, wird selten eine Synagoge getroffen werden, in welcher es - leider muss ich das scharfe Wort gebrauchen - so skandalös beim Gottesdienste hergeht, wie eben hier. Während der Vorsänger andächtig die Gebete verrichtet, sehen Sie Gruppen von Männern, welche sich ganz gemütlich miteinander unterhalten, Sie hören ein Summen, gerade als ob Sie auf dem Marktplatze stehen würden. Das 'erkenne vor wem Du stehst' kommt da gar nicht in Betracht. Es ist hier bloß von dem Gottesdienste an den Festtagen die Rede, denn am Schabbat ist Gruppierung und Gesumme unmöglich, da - in einer Gemeinde von über 70 Familien - beinahe kein Minjan (10 religionsmündige Männer) in der Synagoge zu treffen ist. 
'Woher kommt unsere Hilfe?' Von der Oberkirchenbehörde oder von dem Kirchenvorsteheramte haben wir wenig zu erwarten; denn, wenn beide Korporationen schon so lange Nichts für unser Bestes getan, was werden sie jetzt, so spät noch ihre Kräfte für uns anstrengen? Hat ja die Oberkirchenbehörde Nichts für uns geschaffen, so lange sie besteht, als die 'Synagogenordnung', aber - keine Ordnung in der Synagoge. Stemmt sich doch das Kirchenvorsteheramt und besonders das geistliche Mitglied desselben mit allen Kräften gegen deutschen Gottesdienst, mit Gesang und Orgelbegleitung, während andererseits die Knaben, um die Bracha am Konfirmationstage sagen zu können, sich dieselben mit lateinischen Lettern aufschreiben lassen. Das ist ein Gebet mit Andacht! Ich könnte Ihnen noch manche hübsche Anekdote erzählen, welche Ihnen gehörig die Lage der religiösen Angelegenheiten Stuttgarts ins Licht setzen würden, aber vorderhand will ich noch schweigen!   
Ich erwarte, wie ich schon oben bemerkte, nicht viel von der autokratischen Verwaltung des geistlichen Mitgliedes der Oberkirchenbehörde. Hoffen wir, dass dieses die hier gesagten wenigen Worte beherzigen, damit uns viele erspart seien! Hoffen wir, dass man mit Ernst zur Reform der Verhältnisse in und außer der Synagoge schreite! Hoffen wir, dass die Oberkirchenbehörde der Mahnung unserer alten Weisen Gehör gebe: 'Sage wenig und tue viel!' Jemand, der sich nennen will."       
  
Stuttgart AZJ 20101851e.jpg (126290 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 20. Oktober 1851: "... Eine sehr interessante Persönlichkeit ist der junge Literat Adolph Levi, Schwager des Professors Dr. Gustav Weil in Heidelberg. Ein Mann, der fast alle europäischen Sprachen wie die Muttersprache handhabt. Aber eine zum Stolz gewordene Bescheidenheit fesselt ihn in der Studierstube und als ich ihm darüber Vorwürfe machte, und seinen Ausflüchten entgegenhielt, wenn er unter minder günstigen Verhältnissen geboren, für seinen Erwerb sorgen müsste, er gezwungen wäre, seine Studien der Mitwelt zu Nutze zu machen, erwiderte er mir: lieber würde er dann Steine klopfen, als gegen seine Neigung den literarischen Markt betreten. Derselbe junge Mann ist es, der für die Einführung der Orgel beim jüdischen Gottesdienst mit Eifer kämpft; aber der Indifferentismus der Gebildeten lässt dieses Streben nicht aufkommen. Stuttgart, das jetzt vielleicht 80 bis 90 israelitische Familien zählt, hat gar kein jüdisch-kirchliches Leben- Nur bei den Klubs in der Garküche findet man historisches Judentum. Da fallen mit Heine's Verse bei:  
In Frankfurt kam ich am Schabbes an  Und aß dort Schalet und Käse -
 Ihr habe doch die beste Religion - Ich aß0 auch gern Gänsegekröse..."      

         
Über den Gottesdienstbesuch und Rabbiner Dr. Maiers "meisterhafte Vorträge" (1852)         

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 22. November 1852 (nur auszugsweise zitiert): "Aus Württemberg, im November (1852). .... Stuttgart zählt jetzt nahezu an 100 jüdische Familien, aber die Räume des Gotteshauses stehen meistens leer, die wenigen Besucher sind Fremde, die der religiöse Dran hintreibt und Maiers meisterhafte Vorträge anziehen. An den hohen Festtagen 'sieht man zuweilen den Alten gerne', dann ist der Betsaal überfüllt und fasst nicht die Gemeinde. Aus dem Grunde wünscht die Minorität der Gemeinde den Bau einer neuen würdigen Synagoge und hofft von ihr die Regeneration des kirchlichen Lebens, aber der nervus rerum gerendarum gibt den Ausschlag, und wir haben keinen Rothschild, der 70.000 Gulden zu einem Synagogenbau zeichnet; freilich halten die Gegner des Synagogenbaus mit Recht das entgegen, dass das religiöse Element überhaupt brach liege, denn der Religionsunterricht liege im Argen. Wenn auch Kirchenrat Maier die vorgeschriebenen Unterrichtsstunden erteilt, das reicht nicht hin. Für's Land ist ein Reglement zur Erteilung des jüdischen Unterrichts erschienen, da sollen die Schüler die heilige Ursprache der Schrift und der Gebete verstehen, aber in der Residenz sei der religiöse Indifferentismus patentisert. Das eifert auch der Stuttgarter Geistliche in seinen Predigten, das hat er besonders am Versöhnungsfeste gepredigt, und wurde deshalb von den Blasierten angegriffen...."         

    
Über die alte Synagoge, die eindrucksvollen Predigten von Dr. Maier und den Vorsänger Herrn Eichberg (1857)         

Stuttgart AZJ 03081857.jpg (168265 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. August 1857 (nur auszugsweise zitiert): "Reiseskizzen aus Württemberg (Schluss). Gehen wir nun von diesem einfachen Provinzialstädtchen zur Residenz über und beschauen uns das jüdische Wesen, so weit es in unsern Anschauungskreis gekommen. Die israelitische Gemeinde in Stuttgart ist erst in ihrer Entwicklung, weil seit der 1848ger Periode dieselbe im stetigen Wachsen ist. Die bisherigen Institutionen der alten, aber kleinen Gemeinde sind in bester Ordnung, für die vergrößerte Gemeinde bedürften sie der Erweisung, und diese ist hauptsächlich dadurch angebahnt, dass der Synagogenbau beschlossen. Die bisherige Synagoge ist ein kleines (für die frühere Gemeinde geräumig genug, aber elegant eingerichtete Betlokal, in welchem Herr Kirchenrat Dr. Maier bekanntlich seine eindrucksvollen Predigten hält. Im Übrigen hat auch in dieser Synagoge keinerlei Reform Platz genommen, als die Auslassung der Piutim; der dreijährige Zyklus (sc. der Toralesungen) ist nicht eingeführt. Wohl aber herrscht darin Ordnung und Anstand, wie es von gebildeten Leuten zu erwarten ist. Der Vorsänger, Herr Eichberg, trägt die Gebete auf würdige Weise vor, scheint überhaupt seinem Fache gewachsen zu sein, indem er auch Kenntnisse der hebräischen Sprache besitzt..."     

  
1856 stand das der Witwe des Legationsrates Reuß gehörige Haus Hospitalstrasse 36 samt dem dazugehörigen Garten zum Verkauf frei. In diesem Haus hatte von 1851 bis 1855 der Dichter Eduard Mörike gelebt. Der jüdische Weinhändler Heinrich Hirsch wollte zunächst das Anwesen erwerben. Als er vom Wunsch der jüdischen Gemeinde hörte, auf diesem Grundstück gegebenenfalls eine Synagoge zu bauen, trat er von dem Kauf zugunsten der Gemeinde zurück. Die jüdische Gemeinde kaufte das Anwesen mit Kaufvertrag vom 9. Mai 1856 und beschloss, auf dem Grundstück eine neue Synagoge zu bauen.     
     
Für den Bau der Synagoge waren auf die Ausschreibung der jüdischen Gemeinde vier Baupläne eingegangen. Unter ihnen wurde derjenige des Baurates Gustav Breymann ausgewählt. Am 26. Mai 1859 konnte der Grundstein zur neuen Synagoge in der Hospitalstrasse gelegt werden. Nach dem frühen Tod von Architekt Breymann im August 1859 setzte sein Schüler Adolf Wolff den Bau fort. Neuislamische Elemente prägten das Äußere und Innere der Synagoge. Die zur Hospitalstrasse gerichtete Ostfassade war von maurischen Zinnen gekrönt. Diese fanden sich auch auf den kleinen Pavillons, durch die der Weg zu den Eingängen führte. Im mittleren Teil der Fassade zeigte eine Apsis den Standort des Toraschreines an; darüber erhob sich ein mit islamischen Pflanzenornamenten reich geschmückter Rundbogen. Im Inneren waren die Säulen und Bögen nach dem Vorbild der Alhambra im spanischen Granada gestaltet. Vor allem fielen die Kapitelle mit den gezackten Bögen und den Pflanzenornamenten auf, die Stilelemente des Löwenhofs der Alhambra imitierten. Der maurische Stil war in Stuttgart schon von einem anderen Bauwerk her bekannt: 1842-1845 hatte König Wilhelm I. das Schloss Wilhelma in Cannstatt in maurischem Stil nach dem Vorbild der Alhambra in Granada erbaut. Synagogenarchitekt Adolf Wolff besuchte häufig die Wilhelma, um deren Form und Zeichnung zu studieren. Auch die in Mannheim und Frankfurt am Main erbauten Synagoge besuchte er, um Anregungen zur Ausführung der Stuttgarter Synagoge zu bekommen. 
     
Auf dem Hintergrund dieses Synagogenbaus ist die jüdische Gemeinde in Stuttgart zu sehen, die überwiegend den Willen nach einer völligen Integration hatte und ihr Judentum eher als Konfession auffasste, doch beim Wissen um eine Akzeptanz und Gleichberechtigung in der Umwelt auch ihren eigenen Charakter zu betonen wusste. Stuttgart war für die jüdische Gemeinde Heimat beworden. An einer Stelle der vorderen Synagogenkuppel war Psalm 132,14 zitiert: "Das ist für immer der Ort meiner Ruhe; hier will ich wohnen, ich habe ihn mir erkoren". 
  
Bei der Synagogeneinweihung am 3. Mai 1861 endete das Schlussgebet der Einweihungspredigt des Rabbiners Dr. Maier mit den Worten: "Ja, dir, geliebtes Stuttgart, unserem Jerusalem, wünschen wir Heil!". Rabbiner Dr. Maier schuf für den neuen Gottesdienst auch eine neues Gebetbuch. Die Verlesung der Tora wurde auf drei Jahre verteilt; traditionell wird die Tora in einem Jahr gelesen. Das Prophetenwort (Haftara) sollte deutsch vorgetragen werden. Eine Orgel und ein Synagogenchor gehörten alsbald zur Verschönerung der Gottesdienste dazu. Die Baukosten der Synagoge betrugen über 110.000 Gulden, die überwiegend von den Gemeindegliedern erbracht wurden. Von staatlicher Seite wurde eine Unterstützung von 2.500 Gulden bewilligt. 
   
  
Presseartikel zur Geschichte der Synagoge  
Bei einer Architektenversammlung in Stuttgart werden die Pläne für die neue Synagoge präsentiert (1859)          

Stuttgart AZJ 17011859s.jpg (41945 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 17. Januar 1859: "Bei der Architektenversammlung in Stuttgart waren auch die Risse der neu zu erbauenden Synagoge in Stuttgart von Professor Breymann entworfen, ausgestellt, und zogen die Aufmerksamkeit der Künstler auf sich. wir werden später Gelegenheit bekommen, diese Angelegenheit ausführlicher zu besprechen".        

   
Grundsteinlegung für die neue Synagoge (1859)       

Stuttgart AZJ 13061859.jpg (119476 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 13. Juni 1859: "Stuttgart, 27.Mai (1859). (Staats-Anzeiger für Württemberg). Gestern fand die feierlich Grundsteinlegung der hiesigen neu zu erbauenden Synagoge statt. Neben der israelitischen Oberkirchenbehörde und den Vorständen der hiesigen israelitischen Gemeinde wohnten der erhebenden Feierlichkeit die Mitglieder der Gemeinde sehr zahlreich bei. Die Staatsbehörde war durch Herrn Stadtdirektor Oberregierungsrat von Mejer, die Stadt durch Herrn Stadtschultheiß von Gutbrod vertreten. Herr Kirchenrat Maier hielt die Festrede, in welcher er mit ergreifenden Worten auf den Geist religiöser Duldsamkeit hinwies, der unter unseres verehrten Königs segensreicher Regierung Württemberg beglückt. Vor und nach der Rede wurde durch Mitglieder der Gardemusik ein Choral abgeblasen. In dem Grundsteine wurden neben dem Risse und den sonst üblichen Dokumenten Ähren und Wein vom letzten Herbste und sämtlich neu geschlagene württembergische Münzen niedergelegt. Möchte der Geist religiöser Duldsamkeit, welchem dieses Gotteshaus sein Entstehen verdankt, stets mehr und mehr in allen Herzen Wurzel schlagen!"       

     
Die Synagoge geht ihrer Vollendung entgegen (1860)     S    

Stuttgart AZJ 18121860s.jpg (45522 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 18. Dezember 1860:  "(Stuttgart). Die Synagoge geht rasch ihrer Vollendung entgegen, sie ist in reinem maurischen Stil ausgeführt und wird eine architektonische Zierde der schwäbischen Residenzstadt bilden. Man hofft, dass sie bis zum Wochenfeste dem frommen Zwecke der öffentlichen Gottesverehrung kann übergeben werden."         

    
Besuch des Königs in der (fast fertigen) Synagoge und Bericht über die neue Gebetordnung (1861)   
Anmerkung: es handelt sich um einen Besuch des Königs Wilhelm I. in der Synagoge (lebte von 1781 bis 1864, war von 1816 bis 1864 König von Württemberg)       

Stuttgart AZJ 14051861f.jpg (155513 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. Mai 1861: "...In derselben Woche noch war es dem Herrn Dr. Levi gegönnt, in Gemeinschaft mit den Mitgliedern des israelitischen Kirchenvorsteheramtes in Stuttgart, Seine Majestät den König in den Räumen der neuen Synagoge zu empfangen und den achtzigjährigen geistesfrischen, rüstigen Greis durch die frommen Hallen des Tempels zu führen. Es ist dieses schon der zweite Besuch des Königs, der sich sehr befriedigt und erfreut über die solide und geschmackvolle Bauart aussprach. Er erkundigte sich huldvoll über die Gemeindeverhältnisse und Kultangelegenheiten, freute sich über die Einführung der Orgel und des Sängerchors. Dr. Levi, der den Bautechniker bei der Leitung des Baugeschäftes assistierte, konnte Seiner Majestät mit eingehender Sachkenntnis die ganze Architektur erläutern. Auf die Äußerung des Dankes sagte Seine Majestät, dass er wohl wisse, dass die Israeliten des Landes ihm immer anhänglich gewesen. 
Die Stuttgarter Synagoge ist im maurischen Stil ausgeführt. Der Entwurf für den Bau hat den verstorbenen Professor Baurat Breymann zum Verfasser, die ganze Ausführung der Risse wie des Baues selbst hat dessen talentvoller Schüler Architekt A. Wolff übernommen und mit seltener Meisterschaft vollendet. Das Innere wird von nahe 200 Gasflammen erleuchtet.   
Die Synagoge kostet gegen 100.000 Gulden, ohne manche Gegenstände inneren Schmuckes, die frommer Sinn gestiftet hat. In der lithographischen Anstalt von B. Levi in Stuttgart in eine Abbildung der Synagoge in Farbendruch erschienen, die Kunstfreunden zu empfehlen und durch jede Kunst- und Buchhandlung zu 1 1/5 Thaler zu beziehen ist. 
Für die neue Synagoge ist ein neues Gebetbuch erschienen:           
Stuttgart AZJ 14051861g.jpg (438095 Byte)Seder Tefillah - Israelitische Gebetordnung für Synagoge und Schule, wie zur häuslichen Gottesverehrung. Bearbeitet und im Auftrag des Königlichen Württembergischen Ober-Kirchenbehörde herausgegeben von Dr. Joseph Maier, Kirchrat und Rabbiner zu Stuttgart. In zwei Bänden. Erster Band: Gottesdienst für Werktage, Sabbate und drei Feste. Stuttgart - Metzler. Nur Esehu mekomon und bame madlikin sind neben dem Pijut dem Untergang geweiht; sonst wird jeder gute Israelite seinen alten Sidur wiederfinden und wenn das Halbhundert eingeflochtene deutsche Choräle nicht stört und die Klänge der Orgel frommen Ohren kein Gräuel sind, so würden auch die Orthodoxesten rufen: 'Hier gut Württemberg allewege!'. Doch der dreijährige Zyklus des Sabbat-Vorlesungen, das ist der leibhaftige 'Magnitsagen' nur eine Konzession zur Verkürzung des Gottesdienstes und für die Lungen des Vorbeters, aber dem jüdischen Kalender dadurch angepasst, dass jede Sidra dreigeteilt ist und das Kirchenjahr mit Bereschis beginnt und mit Vesos habrocho schließt. Der lange wehu ketum ist kurz geworden. Veränderungen, die das Dogma berühren und Umgestaltungen der Agende sind nach der Vorrede von vornherein ausgeschlossen. Ob die extremen Parteien von rechts und links sich mit dieser Liturgie befreunden, muss die Folge lehren, jedenfalls legt sie das Zeugnis von dem Streben des gelehrten Herrn Verfassers ab, das Gefühl keiner Partei zu verletzen.   
Seit einigen Jahren sind vier außerwürttembergische Rabbiner bei uns nationalisiert und in unsern Staats- und Kirchendienst getreten und noch zwei weitere Rabbinate sind erledigt. Am jüngsten Feste des Auszugs aus Ägypten vom Sklavendienst zur Freiheit ist der Rabbiner Dr. Michael Güldenstein in Buchau vom Knechtesdienste des irdischen Lebens zur Freiheit des ewigen Leben eingegangen. Es werde ihm die Erde leicht, auf der er 45 kurze Jahre gewandelt und seiner Gemeinde ein treuer Hirte, seinen Schülern ein emsiger Lehrer, seiner Familie ein teueres Glied und seinen Freunden ein lieber Genosse gewesen ist. Fahre hin zum Frieden!!  
Ich will die Worte des Friedens und das Fahrewohl, das ich mit blutendem Herzen einem teuren Freunde nachgerufen, nicht durch einen Misston entweihen und von einer unerquicklichen Polemik berichten, die Herr Rechtskonsulent Alexander Bacher bei Gelegenheit der Wahl einiger Kirchenvorsteher in Stuttgart, in die Gemeinde geschleudert. Die frivole Heine'sche Schreibweise und die beißende Satire, mit der er seine Glaubensgenossen und ihre Religion herabsetzt, kann selbst dadurch nicht entschuldigt werden, dass er für einen werten Verwandten in die Schranken tritt. Wer sich selbst als religiös indifferent bezeichnet, der sollte im Schmähen auch nicht fanatisch werden.  
Am 3. Mai wird die Stuttgarter Synagoge eingeweiht. Mein Nächstes wird, so Gott will, darüber berichten. - 
Es bilden sich bei uns allenthalben israelitische Almosenvereine zum Zwecke der Verabreichung von Gaben an arme, notleidende, reisende Israeliten; wodurch der Bettel in den Häusern völlig abgeschafft wird. Die Rabbiner sind gewöhnlich sehr bereitwillig in der Legalisierung von Bettelbriefen, und durch diesen Missbrauch wird den Zeugnissen mancher dieser Herren gar kein Wert beigelegt. Dadurch, dass einer ein Lamden und ein Pole ist und obgleich er auf zarat habat (?) reist, gewinnt er kein Anrecht, den verschämten, heimischen Armen vorgezogen zu werden. Die Bescheidenheit braucht keinen autorisierten Bettelbrief, sie empfiehlt sich durch sich selbst. -
Die Stuttgarter Bürgerzeitung berichtet Folgendes: Der Verkauf der Synagogenstände in der neuen Synagoge hat 53.000 Gulden abgeworfen und es bleiben noch so viele Stände zu verkaufen, dass damit die Kosten des wunderbar schönen Neubaus gedeckt werden können. Einzelne der Stände wurden zu 500-600 Gulden ersteigert, da die patriotische Beteiligung der Gemeindemitglieder sich opferfreudig aufs Glänzendste bewährte..."       

   
Die Einweihung der Synagoge (1861)         

Stuttgart AZJ 14051861.jpg (134261 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. Mai 1861: "Stuttgart, 4. Mai (1861). Die feierliche Einweihung der neuen israelitischen Synagoge ging gestern Abend um 6 Uhr unter allgemeiner Teilnahme vor sich. Der Königliche Hof wurde durch den Oberstallmeister Grafen von Taubenheim vertreten, der Geheime Rat durch dessen Präsidenten Staatsminister Freiherrn von Neurath, das Ministerium durch den Herrn Minister Freiherr von Linden und den Kult-Departementschef Staatsrat von Golther. Außerdem waren die Bezirks- und Gemeindebehörden, die evangelische und katholische Geistlichkeit, der Turnverein und der Liederkranz vertreten, und auch viele christliche Bewohner Stuttgarts hatten sich eingefunden, den herrlichen Tempel, der ein Meisterwerk der Baukunst ist, zu beschauen und der schönen Feier anzuwohnen. Um 6 Uhr folgte der feierliche Einzug mit den Torarollen, voran der Oberrabbiner Kirchenrat Dr. Maier mit dem Vorsänger Eichberg und hinter ihm die Rabbiner von Karlsruhe, Mannheim, Heidelberg, Frankfurt, Mainz, ferner von Freudental, Mergentheim, Mühringen, Laupheim und Jebenhausen. Die Festrede hielt Kirchenrat Maier, nachdem die Torarollen in die Bundeslade im Allerheiligsten gebracht worden waren. Die Beleuchtung war feenhaft. Nachher fand der gewöhnliche Abendgottesdienst statt."           
 
Der nachfolgende Bericht aus der konservativ-orthodoxen Zeitschrift "Der Israelit" enthält in den ersten Zeilen Kritik am Stuttgarter "Reformjudentum"  
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Mai 1861: "Stuttgart, 7. Mai (1861). Am Samstag, den 4. Mai wurde hier der prachtvolle Reformtempel eingeweiht; von weit und breit hatten sich die Reformrabbiner zum 'Feste' eingefunden, das man auf den Sabbat der Thochacha (Bechoktai) anberaumt hatte. Nachmittags wurde tapfer gezecht und der Württembergische Staats-Anzeiger (Nr. 107) berichtet von der mit allgemeinem Beifalle aufgenommenen Aufforderung des Herrn Kirchenrats Maier, 'ein volles Glas zu leeren.' 
(Wir wissen nicht, was unsern Korrespondenten zu dieser letzten bitteren Bemerkung veranlasst; der Trinkspruch des Herrn Maier ist vollkommen harmlos. Wir stellen den betreffenden Artikel des Württembergischen Staats-Anzeigers hierher: Stuttgart, 5. Mai (1861). Gestern feierte die israelitische Gemeinde die Einweihung ihres prachtvollen Tempels nachträglich mit einem Festmahle, das sehr zahlreich besucht war. Kirchenrat Dr. Maier brachte bei demselben folgenden mit allgemeinem Beifall aufgenommenen Trinkspruch auf Seine Majestät den König aus: Von Augustus rühmt die Geschichte, dass er das hölzerne Rom, welches er angetreten, seinem Nachfolger als ein steinerner hinterlassen habe. Ein Ähnliches kann sich unser König rühmen. Aus Stuttgart, das, als er zum Throne gelangte, eine kleine Stadt mit meist hölzernen Häusern war, ist unter seiner Regierung eine große Stadt mit monumentalen Gebäuden geworden, die mit den schönsten und größten anderer Städte wetteifern können. Unter den Baudenkmalen, welche unter der Herrschaft dieses Königs entstanden sind, wird das Haus, dessen Weihefest uns hier beim heitern Mahle vereinigt, zu allen Zeiten eine hervorragende Stelle einnehmen. Nun ist zwar unsere Synagoge nicht auf Geheiß des Königs, sondern auf Befehl des Königs aller Könige entstanden; allein so ganz ohne Einfluss ist unser geliebter König doch nicht darauf geblieben. Zur Entstehung einer solchen Synagoge war vor allen Dingen unbeschränkte Gewissensfreiheit nötig, d.h. das Recht, nicht nur die Religion ungehindert auszuüben, sondern auch alle Anstalten errichten zu dürfen, welche die Pflege und die Ehre derselben erfordert. Diese Gewissensfreiheit verdanken wir aber unserm hochverehrten Könige, welcher der Erste unter Deutschlands Fürsten die israelitische Kirche zum Rande einer Staatskirche erhob und ihr alle Rechte und Befugnisse der übrigen im Staate bestehenden Krchen einräumte. Aber nicht nur die Gewissensfreiheit war nötig, wenn eine solche Synagoge entstehen sollte, sondern auch die Gewerbefreiheit, das Recht, jeden ordentlichen Beruf und jedes redliche Gewerbe an jedem Orte des Landes treiben zu dürfen. Diesem Rechte verdankte die hiesige Gemeinde die numerische Größe und dne Wohlstand, der es ihr möglich machte, ein solches Gotteshaus erbauen zu lassen. Bei den gewerblichen Beschränkungen, wie sie früher bestanden, wäre ihr ein solcher Aufwand unmöglich gewesen. Ist es aber nicht unser Körnig, der auch diese Freiheit uns gewährte? Sie sehen, meine verehrten Festgenossen, dass unser König ein volles Recht sich erworben und wir die volle Pflicht haben, dass wir heute Seiner in Liebe und Verehrung gedenken und auf höchstdessen eben und Gesundheit ein volles Glas leeren. Seine Majestät, der König, lebe hoch!)."      

   
Schreiben der bürgerlichen Kollegien (Gemeinderat und Bürgerausschuss) an Rabbiner Dr. Maier zur Synagogeneinweihung (1861)            

Stuttgart AZJ 04061861.jpg (291201 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 4. Juni 1861: "Stuttgart, im Mai (1861). Nachstehendes Schreiben, welches in Folge der Einweihung der neuen Synagoge dahier von den bürgerlichen Kollegien der Stadt an den Geistlichen der israelitischen Gemeinde, Kirchenrat Dr. Maier, gerichtet wurde, verdient als ein schönes Zeichen der Zeit allgemeine Beachtung, weswegen wir es hiermit der Öffentlichkeit übergeben: 'Es haben Euer Hochwürden it Ihren israelitischen Glaubensverwandten in den ersten Tagen dieses Monats eine Freude und eine Befriedigung genossen, welche, wie sie selten in der Geschichte unseres Vaterlandes vorkommt, so auch eine ungewöhnliche Wichtigkeit und Bedeutung an sich trägt. Das erste Verdienst für die Erbauung der neuen Synagoge in unserer STadt gebührt wohl der hiesigen israelitischen Gemeinde, welche mit großer, durch den hohen Zweck gesteigerter religiöser Begeisterung die sehr beträchtlichen Mittel hingegeben und beschaffen hat, die zur Herstellung des Prachtbaues nötig waren, der nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die künftigen Jahrhunderte eine Zierde der Königlichen Haupt- und Residenzstadt sein wir, wie solcher ein ehrendes Denkmal der Frömmigkeit ihrer israelitischen Bewohner und unserer Zeit ist. Gleichwie aber der Segen von oben kommt, so hat bei der feierlichen Einweihung des neuen Gotteshauses die Gemeinde mit Recht den ersten Dank dem allmächtigen Gott dargebracht, der die menschlichen Dinge leitet und ordnet. Nach diesem Danke gebührt unstreitig den Männern, welche die Vollstrecker des göttlichen Willens gewesen, für ihre treue Pflichterfüllung, für ihren unermüdeten Eifer und für ihre patriotische Aufopferung das dankbare Anerkenntnis ihrer Nebenmenschen. Die Gemeindekollegien unserer Stadt, deren Mitglieder in großer Anzahl zu der Ehre berufen wurden, an dem Einweihungsfeste Teil zu nehmen, sehen sich nun besonders verpflichtet, diesem Danke Worte zu verleihen. Es liegt klar vor Augen, dass Euer Hochwürden bei den Vorbereitungen wie bei der Feststellung des Planes und bei der Ausführung des schönen Werkes einen Mittelpunkt gebildet, und dass Hochdieselben in Verbindung mit den sehr verehrlichen Mitgliedern des israelitischen Kirchenvorsteheramtes die höchste Anerkennung verdient haben. Genehmigen nun Euer Hochwürden unsere aufrichtigen Dankesäußerungen, welche wir hiermit Hochdenselben und Ihren verehrten Kollegen im Kirchenvorsteheramte gegenüber aussprechen für das wohl gelungene Werk, empfangen Sie unsere herzlichsten Glückwünsche zu dem erstrebten Besitz des neuen prächtigen Tempels, bei dessen Erbauung Sie von einem ausgezeichneten Architekten unterstützt wurden, und seien Sie unserer aufrichtigen Teilnahme und Freude versichert an dem wichtigen Ereignis, durch welches das religiöse Bedürfnis Ihrer Gemeinde so schön und würdig befriedigt wurde. Möge der Segen Gottes, welcher in diesem Tempel zunächst von Euer Hochwürden in einer erhebenden Weise angerufen und gesprochen wird, reichlich ausströmen in die Gemeinde und in dieser viele und gute Früchte tragen, möge dieser Segen in derselben auch in den kommenden Zeiten seine erfreulichen Wirkungen äußern, möge in solcher Eintracht und Friede, die Grundlage des Wohlstandes, auch für die Zukunft erhalten werden. Wir beharren etc. Stuttgart, den 13. Mai. Gemeinderat und Bürgerausschuss.'".        

    
Näheres über das Publikum bei den Festlichkeiten zur Einweihung der Synagoge sowie weitere Informationen (1861)      

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 25. Juni 1861: "Württembergische Briefe von Alexander Elsäßer. 
II. Der Monat Mai 1861 ist für die Israeliten Württembergs epochemachend, durch die Einweihung der neuen Synagoge in Stuttgart, nicht durch den herrlichen Bau, noch durch die Festlichkeiten, die im Gefolge der Einweihung begangen wurden, sondern durch die Teilnahme, die das gebildete Bürgertum der Residenz ihren israelitischen Mitbürgern bei der Konsolidierung ihrer neuen Kultuszustände kundgab. Wir wollen darum auch nicht über die Festlichkeit selbst uns ins Breite auslassen, denn der Festzug, die Einweihung selbst und das Zweckessen, sie werden sich von anderen derartigen Veranlassungen durch ihre Solennität, wie sie ein Residenzpublikum mit sich bringt, ausgezeichnet haben, aber im Ganzen werden sie       
Stuttgart AZJ 25061861b.jpg (441245 Byte)anderen derartigen Festlichkeiten ähnlich gewesen sein. Dass der Königliche Hof durch den Generaladjutanten Grafen von Taubenheim, die Königliche Regierung durch mehrere Minister, die Bezirks- und städtischen, weltlichen und geistlichen Behörden vertreten waren, war unter den bestehenden Verhältnissen in unserer schwäbischen Hauptstadt nicht anders zu erwarten. Wenn Seine Majestät der König dem Geistlichen der israelitischen Gemeinde, dem Kirchenrat Dr. Maier und dem Kirchenvorsteher Dr. Adolph Levi durch den Herrn Grafen von Taubenheim seinen Dank und seine Anerkennung ausdrücken ließ, so ist dieses ein Akt der Courtoisie, der wohl anderwärts Bewunderung erregen kann, bei uns aber bei dem greisen Ritter ohne Furcht und Tadel so natürlich gefunden wird, dass wir es füglich unterlassen, es als etwas Außerordentliches darzustellen. Was die Israeliten Württembergs ihrem Könige zu verdanken haben, das drückt ein Toast des Kirchenrats Dr. Maier beim Synagogeneinweihungsfestmahle in sehr beredten Worten aus. wir lassen den Trinkspruch hier folgen:   
Von Augustus rühmt die Geschichte, dass er das hölzerne Rom, welches er angetreten, seinem Nachfolger als  ein steinernes hinterlassen habe. Ein Ähnliches kann sich unser König rühmen. Aus Stuttgart, das, als er zum Throne gelangte, eine kleine Stadt mit meist hölzernen Häusern war, ist unter seiner Regierung eine große Stadt mit monumentalen Gebäuden geworden, die mit den schönsten und größten anderer Städte wetteifern können. Unter den Baudenkmalen, welche unter der Herrschaft dieses Königs entstanden sind, wird das Haus, dessen Weihefest uns hier beim heiteren Mahle vereinigt, zu allen Zeiten eine hervorragende Stelle einnehmen. Nun ist zwar unsere Synagoge nicht auf Geheiß des Königs, sondern auf Befehl des Königs aller Könige entstanden; allein so ganz ohne Einfluss ist unser geliebter König doch nicht darauf geblieben. Zur Entstehung einer solchen Synagoge war vor allen Dingen unbeschränkte Gewissensfreiheit nötig, d.h. das Recht, nicht nur die Religion ungehindert auszuüben, sondern auch alle Anstalten errichten zu dürfen, welche die Pflege und die Ehre derselben erfordert. Diese Gewissensfreiheit verdanken wir aber unserm hochverehrten Könige, welcher der Erste unter Deutschlands Fürsten die israelitische Kirche zum Range einer Staatskirche erhob und ihr alle Rechte und Befugnisse der übrigen im Staate bestehenden Kirchen einräumte. Aber nicht nur die Gewissensfreiheit war nötig, wenn eine solche Synagoge entstehen sollte, sondern auch die Gewerbefreiheit, das Recht, jeden ordentlichen Berufe und jedes redliche Gewerbe, an jedem Orte des Landes treiben zu dürfen. Diesem Rechte verdankte die hiesige Gemeinde die numerische Größe und den Wohlstand, der es ihr möglich machte, ein solches Gotteshaus erbauen zu lassen. Bei den gewerblichen Beschränkungen, wie sie früher bestanden, wäre ihr ein solcher Aufwand unmöglich gewesen. Ist es aber nicht unser König, der auch diese Freiheit uns gewährte? Sie sehen, meine verehrten Festgenossen, dass unser König ein volles Recht sich erworben und wir die volle Pflicht haben, dass wir heute Seiner in Liebe und Verehrung gedenken und auf Höchstdessen Leben und Gesundheit ein volles Glas leeren. Seine Majestät, der König, lebe hoch!     
Wenn der Redner den Aufschwung der Stuttgarter israelitischen Gemeinde nicht allein der Gewissens-, sondern der Gewerbefreiheit und dem Freizügigkeitsrechte zuschreibt, so hat er vollständig Recht, denn am Ausgang des vorigen Jahrhunderts hatte noch kein Israelit das Niederlassungsrecht in Stuttgart und wenn Einer auch die Aufenthaltserlaubnis bekam, so durfte doch kein jüdisch-religiöser Kausalfall, wie Trauungen,  Beschneidungen etc. dort vorgenommen werden. Der kaiserlich königliche Rath Jakob Kaulla mit Familie war der Erste der vom König Friedrich das Stuttgarter Bürgerrecht im Gnadenwege erhielt. Anders haben sich die Verhältnisse mit dem Regierungsantritte des Königs Wilhelm gestaltet. Die numerische Größe und ihren Wohlstand hat die Stuttgarter israelitische Gemeinde nur der weisen Gesetzgebung ihres Landesherrn zu danken; den Zunftzopf und Spießbürgertum sträubten sich stets gegen die Gleichstellung der Juden. Die guten Städte - die Städter erster Klasse werden nach altschwäbischem Brauch gute Städte genannt - machten prinzipiell gegen jede Aufnahme auswärtiger Juden Opposition und dieselbe musste stets auf dem Rekurswege durch das Königliche Oberamt, oder die Königliche Regierung erzwungen werden. Es liefert das den Beweis, dass, wenn auch das Gesetz für die Juden sprach, so war das Bürgertum doch gegen sie. Anders hat jetzt die Sache sich gestaltet. Die Stuttgarter bürgerlichen Kollegien, ausgezeichnet durch die Intelligenz und den Besitzstand ihrer Chargierten, haben eine so freudige Teilnahme bei der Synagogeneinweihung bewiesen und ihre bürgerfreundlichen Gesinnungen gegen ihre israelitischen Gemeindegenossen in einem Schreiben an den Kirchenrat Maier, als Vorsitzenden des israelitischen Kirchenvorsteheramtes, niedergelegt, welche Sie bereits in No. 23 dieses Blattes mitteilten.         
Stuttgart AZJ 25061861c.jpg (391784 Byte)Dass zu diesen schönen Anerkennungen, die dem jüdischen Kultus und seinen Bekennern zuteil geworden, die Predigten des Rabbinen und die neue Gebetordnung wesentlich beigetragen haben, darf nicht verkannt werden. Die drei Reden, die zum Abschiede aus der alten und zur Einweihung der neuen Synagoge in Stuttgart von Kirchenrat Rabbiner Dr. Maier gehalten worden, sind soeben unter dem Titel: 'Die Synagoge' im Metzler'schen Verlage erschienen. Diese homiletische Kundgebung ist eine schöne Trilogie. Die erste Rede, am Sabbat Achre den 20. April 1861 beim Abschied aus der alten Synagoge gehalten, ist ein schönes 'Lebewohl' an das alte Gotteshaus, und die Textesworte 2. Mose 20: 'An jeglichem Orte, wo man meines Namens gedenken wir, will ich zu Dir kommen und Dich segnen', legen dar, dass nicht der Ort den Menschen, sondern der Mensch den Ort heiligt. Haus, Werk- und Berufsstätte, Vergnügungsplatz und Tempel werden durch des Menschen Wandel geheiligt, und dann wird Gott an jeglichem Orte, wo wir seines Namens gedenken, uns segnen. - Die zweite Rede bei der Einweihung der neuen Synagoge am Vorabende des Sabbats Behar den 3. Mai 1861 hat zum Texte Haggai 2,9: 'Größer wird sein die Ehre dieses zweiten Hauses als die des ersten etc.' Der Text wird zuerst in seiner geschichtlichen Bedeutung behandelt und eine Parallele zwischen Einst und Jetzt gezogen und die Freiheit des Kultus gegen den früheren Druck dankend gerühmt. Die Bestimmung des Hauses, ein Bethaus, in dem das ganze Leben im Lichte der Religion verklärt wird. Ein Friedenshaus, Friede dem Herzen, in der Sündennot, in der Drangsal des Lebens; Friede dem Hause, wenn Zwietracht drinnen waltet; es bringt Friede unter Nachbarn und Bürgern, Friede dem Nebenmenschen, Friede mit Gott. - Die dritte Rede beim Frühgottesdienst desselben Sabbats spricht von der rechten Liebe zum Gotteshaus, Text Psalm 26,8. Der neue Kultus mit deutschen Gesang und zeitgemäßen Änderungen in der Gebetordnung wird gerechtfertig; Heiligung des Sabbats und Liebe zum Gotteshaus müssen Hand in Hand gehen, dann wird das Haus Gottes Sitz für die Dauer der Zeiten. Gotteshaus und Lehrhaus ergänzen sich gegenseitig, die Schule ist der Vorhof der Synagoge, doch nicht das Lernen ist die Hauptsache, sondern die Tat. - Wir haben hier nur abrupte Gedanken gegeben, und verstümmeln dadurch das herrliche rhetorische Meisterwerk, das von echt jüdischem Geist beseelt, Bibel und jüdische Sentenzen fromm und sinnig unterlegt und paraphrasiert. Den rechten Eindruck wird man aus der Schrift selbst gewinnen. -   
Herr Kirchenrat Maier, das theologische Mitglied unserer israelitischen Oberkirchenbehörde, sagt ebenso schön als wahr: die Schule sei der Vorhof zur Synagoge: warum fehlt aber in Württemberg jede Gelegenheit zur Vorbildung für das rabbinische Wissen? Sollte in Stuttgart nicht von Amtswegen dafür gesorgt werden, dass Gymnasiasten, die mosaische Theologie studieren wollen, auch jüdisches Wissen sich aneignen können? - Dem vielbeschäftigten Rabbinen Stuttgarts wird es nicht möglich sein, solchen Unterricht zu erteilen, aber doch könnte eine passende Persönlichkeit dazu gefunden werden, die aus Mitteln der Königlichen Zentralkirchenkasse bezahlt, amtlich verpflichtet würde, täglich jungen Rabbinatskandidaten Unterricht im rabbinischen Wissen zu erteilen. Wir kennen mehrere Fälle, in welchen jungen Theologie-Kandidaten das Studium aus Mangel an Unterricht in rabbinischem Wissen entleidet wurde und sie es verließen. Ob was damit gedient ist, wenn die Oberkirchenbehörde ihre Rabbinen fertig aus dem Auslande rekrutiert, wird die Folge lehren. - Ein weiteres 'ceterum censeo' ist es, dass für unsere israelitischen Volksschulen für gleichmäßige jüdische Schulbücher gesorgt werde. Was hebräische Bibeln betrifft, so wird die hebräische Bibel aus der von Philippson gegründeten Bibelanstalt abzuwarten sein und wäre nur eine größere Beteiligung von Seiten unserer Stuttgarter Gemeinde bei der Anstalt*) zu wünschen. Wenn die Bibelanstalt einmal ins Leben getreten ist, wäre vielleicht für die unentgeltliche Verabreichung von Bibeln an arme Schüler eine jährliche Subvention von Seiten der Königlichen Zentralkirchenkasse zu erzielen. Aber eine Kalamität ist es mit den Gebetbüchern; da nun die Königliche Oberkirchenbehörde das Maier'sche Gebetbuch approbiert und in Stuttgart eingeführt hat, so ist dasselbe das Gebetbuch der Zukunft für ganz Württemberg. In richtiger Konsequenz sollte es nun in den Schulen eingeführt werden, besonders da es zugleich Gesangbuch ist..."       

  
   
K
ritische Artikel zur Stuttgarter Synagoge und dem von Rabbiner Dr. Maier geprägten liberalen Judentum   
"Stuttgart und Jerusalem"  (1862)    
Anmerkung: der Beitrag ist von Eliahu Raphael Rosenbaum aus Zell am Main, einem der einflussreichsten Vertreter der Würzburger / unterfränkischen jüdischen Orthodoxie geschrieben. Vgl. den Bericht zu seinem Tod 1886. Rosenbaum war einer der Hauptinitiatoren, dass sich in Württemberg die Orthodoxie zu organisieren begann und schließlich auch in Stuttgart eine orthodoxe israelitische Religionsgesellschaft entstand. Zitat aus dem Artikel zu seinem Tod von 1886: Rosenbaum "hatte vielleicht damit den Impuls gegeben für die im Dezember des Jahres 1869 stattgefundene Delegiertenversammlung zu Stuttgart, durch welche, wenn auch nicht gerade Abhilfe geschaffen, wenigstens diese Zustände durch geeignete Organe der königlichen Regierung zu Kenntnis gebracht wurden und das echte Judentum in beredten Worten (durch den Delegierten für Mergentheim, Ludwig Stern) seine Vertretung fand. Es hat sich seitdem auch in dem von dem ehemaligen Oberkirchenamt bezeichneten ‚modernen Jerusalem’ eine orthodoxe Gemeinde in Stuttgart gebildet."    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Dezember 1862: "Stuttgart und Jerusalem. 
Würzburg
, den 3. Dezember. Sie werden sich, geehrtester Herr Redakteur, gleich den geschätzten Lesern dieses Blattes, über diese Aufschrift wundern, staunen aber werden Sie, wenn Sie die Veranlassung derselben erfahren. Der Oberkirchenrat, Herr Dr. Maier, sprach am Schlusse seiner Einweihungsrede in der Stuttgarter Synagoge, die denkwürdigen Worte: 
'Stuttgart unser Jerusalem.

In Nr. 29 dieser Blätter wurde von der Tauber berichtet wie es in ganz Württemberg mit der Schechita aussehe, und wie es in Stuttgart bei Strafe verboten sei, Talit und Tephillin beim Gebete anzulegen, sodass die wenigen, für welche die hohe Wichtigkeit dieser Mizwot besteht, gezwungen sind, die Synagoge zu meiden. Ebenso ist in Stuttgart nicht einmal eine Mikwah vorhanden. Von Seite der Redaktion wurde hierzu bemerkt: Ist ein solches Haus, wo Tephillin verboten sind, noch eine Synagoge? Sind diejenigen, welche solche Verordnungen erlassen, noch Juden?    
Stuttgart Israelit 10121862a.jpg (238326 Byte) Wo, geehrtester Herr Redakteur, kommt nun Ihre erste Frage hin? Ist Stuttgart Jerusalem, so muss doch der dortige Tempel mehr als eine Synagoge sein, er muss auch die Stelle des Beth Hamidrasch (Tempel) vertreten.  
Umsonst wandertest du drei Tage, Stammvater Abraham, bis du zu dem von Gott erwählten Heiligtume, bis du zu dem Berge Morijah gelangtest; umsonst besiegeltest du, Erzvater Jizchak, durch deine Opferbereitwilligkeit die erhabene Heiligkeit dieser Stelle; umsonst Vater Jakob, zwangen dich heilige Schauer, diese Stätte zu verlassen, umsonst lehrte dich diese heilige Scheu sprechen: 'Diese Stelle ist nichts anderes als das Gotteshaus, und hier ist das Tor des Himmels; alles umsonst, denn Stuttgart ist ja unser Jerusalem!  
Es dürfen nicht mehr erklingen die traurigen Töne der Leier des Psalmisten über den Verlust Jerusalems und des heiligen Tempels; verstimmen muss unserer Klage Lied 'An den Bächen Babels saßen wir und weinten ob der Herrlichkeit, die wir verloren'; denn in Stuttgarts Tempel übertönt alle Samstag der Orgel Gebrause die einfache Leier und übt eine solche Kraft aus, dass die Andächtigen erst nach ihrer Andacht, fast alle, ihre Läden öffnen.  
Arme Glaubensgenossen Württembergs! Wohin soll dies führen, wenn ein Mann alle religiösen Anordnungen in Händen hat, welcher sich nicht scheut, öffentlich die erwartete Ankunft des Erlösers zu leugnen, dessen Trachten mehr als das aller Missionäre, dahin geht, systematisch die Grundpfeiler des Judentums zu erschüttern, zu zerstören? Ein Mann, welcher durch Gestattung des Wannenbades auch im ganzen Lande dafür sorgen will, dass alle Kinder Benei ... (?) seien! Bei solch traurigen Vorkommnissen glaube ich, dass es endlich doch Zeit sei, den Glaubensbrüdern in Württemberg zu zeigen, welcher Autorität sie solche das Judentum vernichtenden Anordnungen zu danken haben. Sie erließen bei der bekannten ..-Angelegenheit von Amerika einen Aufruf an die Hochwürdigen Herren Rabbiner und protestierten feierlichst gegen einen beabsichtigten Eingriff in die heilige Religion, und mehr als hundert Herren Rabbiner haben bereitwillig ihre Beistimmung dazu gegeben. Wäre eine ähnliche Protestation nicht auch hier geboten? Freilich höre ich Sie antworten, dass wenn man damit anfangen wollte, so könnte man das ganze Jahr und allenthalben protestieren; allein dem ist nicht ganz so; hier handelt es sich nicht um eine Gemeinde, sondern um ein ganzes Land.   
Die hohe Königliche Regierung Württemberg ist vom besten Geiste beseelt, sie war von jeher bestrebt, nur Gutes für die israelitischen Bürger zu stiften, und glaubt sicher, dass die religiösen Verhältnisse in die beste Hand gegeben seien. Würde nun aber ein solcher 
Stuttgart Israelit 10121862b.jpg (92069 Byte)Protest zustande kommen, so dürfte sowohl die hohe königliche Regierung als auch das jüdische Publikum endlich einmal über die wahre Sachlage belehrt und jedenfalls abändernde Verhältnisse angebahnt werden. Doch nicht verwitwet ist Israel (Jeremia 51,5), es bedarf nur einer kräftigen Unterstützung und die irregeführten Glaubensbrüder in Württemberg werden zurückkehren und sich scharen um das Banner der heiligen Religion unserer Väter, die wir mit unserem Herzblute in fast 1800-jährigem Exile bis auf den heutigen Tage bewahrten; sie werden sich nicht vom Judentum lostrennen wollen und Stuttgart als ihre Zukunft, als ihr Jerusalem sich oktroyieren lassen; sie werden wohl patriotische Württemberger sein, ohne ihre Nationalität sich rauben zu lassen, sowie der Grieche guter Bürger seines Niederlassungsortes sein, und doch feurig an der Realisierung seiner Nationalität hängen kann.  
Ich bin mir wohl der schwierigen Aufgabe bewusst und sage auch nicht nehmt meine Meinung an, bloß die Sache anzuregen fühle ich mich verpflichtet, damit solche allgemein in ernste Erwägung gezogen werde. E. R. Rosenbaum".    

  
Leserbrief: in der Stuttgarter Synagoge kann das Tephillin-Gebot nicht mehr eingehalten werden (1863)       

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Juni 1863:       


Einbruch in der Synagoge (1869)
    
Anmerkung: auch die einfache Meldung des Einbruchs in die Synagoge in Stuttgart wird in der konservativ-orthodoxen Zeitschrift "Der Israelit" mit einer scharfen Polemik gegen die liberale Stuttgarter Gemeinde ergänzt.        

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. August 1869:  "Stuttgart, 6. Juli (1869). Samstag nachts wurde der Opferstock in der Synagoge dahier erbrochen und seines Inhaltes beraubt. Andererseits wird behauptet, die Diebe haben mittelst Leimstäbchen das Geld herausgefischt. Wie man hört, soll man die beiden Schwarzkünstler bereits haben. Da übrigens dieses Gotteshaus fast nur an Sabbat- und Festtagen und auch an ersteren nur spärlich besucht wird, so kann der Inhalt des Opferstocks nur klein gewesen, oder es muss der Fall denkbar sein, dass die Synagogenbesucher auch an Sabbat und Festtagen Geld in die Büchse werden, dann bewähren sich die Prophetenworte in den Haftarot der jetzigen Nationaltrauer: 'Wie ein Dieb beschämt ist, wenn er betroffen wird, so ist beschämt das Haus Israel (Jeremia 2,26); Bringet nicht mehr Gabe der Lüge! (Jesaja 1,13); Ihr Herren Sedoms (Jesaja 1,10), Eure Feste hasset meine Seele (Jesaja 1,14), Dein Silber ist zu Schlacken geworden (Jesaja 1,22), Ich läutere wie Lauge deine Schlacken und schaffe fort all deinen Beisatz (Jesaja 1,25), Nachher wird dir zugerufen: treue Stadt (Jesaja 1,26)"    

  
Kritischer Bericht über einen Besuch in der Synagoge in Stuttgart (1871)        

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. September 1871: "Aus Bad Teinach bei Calw, im August (1871, Württemberg). An einem der jüngsten Sabbate war es, - wir glauben Paraschat Ki teze - als Schreiber dieses (Artikels) auf seiner Durchreise durch Stuttgart die dortige Synagoge besuchte, nicht etwa, um dort seine Andacht zu verrichten (denn dies war ihm nach seinen früheren Erfahrungen in anderen Reform-'Synagogen' zum Voraus als unmöglich erschienen), sondern um sich persönlich davon zu überzeugen, ob auch in Stuttgart der Synagogenbesuch ebenso schwach sei, wie in anderen Reformgemeinden, oder ob vielleicht Stuttgart besser als sein Ruf; wir fanden, was wir gefürchtet oder erwartet hatten: eine verschwindende Anzahl von talislosen Besuchern und auf der 'Loge' (Empore) einen Kranz von 'sonntäglich' - wir wollten sagen - sabbatlich geputzten Damen, die mir der gleichgültigsten Miene dem Orgeltone lauschten, sich nach dem Kommando von Maier's Gebetbuch erhoben      
Stuttgart Israelit 13091871a.jpg (296430 Byte)und setzten, im Übrigen aber sich brav ruhig und still verhielten; da und dort erblickten wir, gleichsam zu Erinnerung, dass wir uns in einem jüdischen Tempel befanden, einen mit wirklicher Andacht betenden Mann, der, unbeirrt von dem Rauschen der Orgel und dem Gleichklang des Chorgesangs, stehend und mit jenem spezifisch jüdischen 'Schütteln' - alle meine Gebeine werden sprechen: Ewiger, wer ist gleich dir? (Psalm 35,10) - seine Tephillah (Gebet) verrichtete. Nach dem Einheben und dem Absingen eines 'Chorals' bestieg Kirchenrat Dr. Maier die Kanzel und hielt eine Rede, in welcher er anknüpfend an den inneren Zusammenhang der drei ersten Abschnitte der Sidre (Wochenabschnitt der Tora) den Ausspruch des ... als Text benützte und ihn durch mannigfache Beispiele schön exemplifizierte. Uns war nur  leid, dass nicht die jüdische Teinacher Badegesellschaft, die größtenteils aus Stuttgartern besteht, zugegen war; sie hätte n sich vielleicht sonst ihres Gebarens im Bade Teinach, einem christlichen Dorfe erinnert und wären nachdenklich geworden wegen des großen sittlichen Zerfalls, der begonnen hat mit kleinen Übertretungen der Gebote Gottes, dann fortgeschritten ist in der völligen Missachtung des jüdischen Gesetzes und bereits so sehr jedes religiöse Gefühl ausgemerkt hat, dass diese Stuttgarter Juden bereits aufgehört haben, ihre Glaubensgenossen als Mitmenschen zu betrachten; denn wo in aller Welt hat man schon gehört, dass ein Jude, der zu einem Sterbenden gerufen wird, sich weigert, diese Liebespflicht zu erfüllen? Und dies ist geschehen im Bade Teinach. Diese Erfahrung musste ein Elternpaar aus Freudental machen, deren Tochter im Bade Teinach ihrem Leiden erlegen ist. Beim Verscheiden derselben sahen sich die unglücklichen Eltern nach den im Bade anwesenden Juden um und ließen sie rufen, damit diese mit ihnen gemeinschaftlich die Sterbegebete verrichteten; es waren Juden da aus Stuttgart, Frankfurt, Mannheim etc. - aber, mögen sie nun ihre Nerven haben schonen wollen oder aus irgendwelchem anderen Grunde, es erschien keiner, und so waren die Eltern allein mit ihrer sterbenden Tochter, die in einem christlichen Hause krank gelegen hatte. Eigentümlich ist es, dass der Vater des verstorbenen Mädchens selbst zu den Reformjuden zählt; möge er und alle, die sich einen Ruhm daraus machen, diesen Namen zu tragen, an diesem Falle erkennen, wohin diese Reformsucht führt - zur vollständigen Apathie gegen alles Göttliche und Menschliche; wo die Juden bisher zusammenwohnten, getreu dem alten Gesetz und der alten Sitte, bildeten sie gewissermaßen eine Familie, deren Glieder Freud' und Leid miteinander teilten und in Unglücksfällen sich hilfreich gegenseitig unterstützten und dies taten sie nicht aus menschlichen Nebenrücksichten, sondern weil Wohltätigkeit ein göttliches Gebot ist; erst wenn diese Familienbande sich lösen würden, wurden wir in Wahrheit im Exil leben, dann erst würde die Diaspora unerträglich werden und den bestand des Judentums wesentlich in Frage stellen. Hoffen wir, dass dieser Fall vereinzelt bleiben möge; denn sonst müsste der fromme Jude, ehe er ins Bad reist, neben den Rücksichten auf den Erfolg der Kur, auch darauf sehen, ob er dort Glaubensgenossen trifft, die eintretenden Falls zu Liebesdiensten bereit sind, und es gäbe dann eine neue Kategorie von Bädern, 'orthodoxe' und 'Reformbäder'; oder man müsste jüdische Feldbadgeistliche aufstellen, die dem alljährlichen Heereszuge der badelustigen Judenheit mit in den Kampf folgen und den Kranken und Sterbenden erforderlichenfalls zur Seite stehen."       

   
25-jähriges Jubiläum der Synagoge (1886)     

Stuttgart AZJ 01061886.jpg (101143 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. Juni 1886: "Stuttgart, 15. Mai (1886). Der 'Staatsanzeiger für Württemberg berichtet: 'Die Feier des 25-jährigen Jubiläums der hiesigen Synagoge begann gestern mit dem Abendgottesdienste. Nach einem einleitenden Gebete spielte Organist Fink eine Fantasie und ließ dabei die schönen Klangwirkungen und die Machtfülle des Weigle'schen Werkes hervortreten. Die rituellen Gesänge am Altar wurden von dem Kantor Tannenbaum aus Karlsbad ausgeführt. Heute Vormittag 9 Uhr fand der eigentliche Festgottesdienst in der mit Palmen und Lorbeerbäumen aufs reichste dekorierten Synagoge statt, die in Hunderten von Lichtern strahlte. Der Synagogenchor eröffnete die Feier mit einer Festmotette von Abenheim, die rituellen Gesänge führte Kantor Gundelfinger aus, die Festpredigt hielt um 10 Uhr Dr. von Wassermann. Heute Abend finden sich die Mitglieder des Kirchenvorsteheramtes bei einem gemeinsamen Mahle im Hotel Degginger zusammen."          

  
Trauergottesdienst für den verstorbenen König Karl (1891)       

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Oktober 1891:        

 
Wie schnell die Stuttgarter Gemeinde auch in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts gewachsen ist, zeigt die Tatsache, dass die Synagoge in der Hospitalstrasse bereits 1875 nicht mehr für die Gemeinde ausreichte. Der Gedanke eines Umbaus wurde erwogen und zu diesem Zweck eine Reihe Nachbargrundstücke erworben. Als Notbehelf wurden seit 1894 an den Hohen Festtagen (Neujahrstag und Versöhnungstag) Zweitgottesdienste im Festsaal des Königsbaus (Königstraße 28), einige Jahre später im 1910-12 erbauten Gustav-Siegle-Haus (Leonhardsplatz 28) eingerichtet. Noch im Herbst 1938 wurden auch am letztgenannten Ort zu den Hohen Feiertagen Gottesdienste gefeiert. Die Rabbiner der Stadt teilten sich dabei die Gottesdienste auf. Beispielsweise predigte am 1. Neujahrstag, 10. September 1934 in der Stadtsynagoge Rabbiner Dr. Rieger, im Gustav-Siegle-Haus Rabbiner Dr. Auerbach, am 2. Neujahrstag war es umgekehrt.   
   
Bei den immer wieder notwendigen Renovierungen der Synagoge verursachte der spätere Einbau einer Heizungsanlage größere Schwierigkeiten, bis 1911 eine technisch befriedigende Lösung gefunden wurde. Auch die Beleuchtung des Gebäudes veranlasste mancherlei Sorgen, bis 1899 die Einrichtung der elektrischen Beleuchtung durchgeführt wurde. 
 
Feier zum 50-jährigen Bestehen der Synagoge (1912)      

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 19. Januar 1912:           

  
Patriotischer Kriegsgottesdienst in der Synagoge (1917)          

Stuttgart AZJ 09031917.jpg (82461 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 9. März 1917: "Aus Stuttgart, 13. Februar, berichtet der 'Schwäbische Merkur': Ein besonderer Kriegsgottesdienst fand am Sonntagabend statt. Die kraftvolle Predigt hielt Oberkirchenrat Dr. Kroner. Der Organist Mammel, der die neue Orgel mit tiefem Kunstverständnis meistert, schuf in ergreifendem Vorspiel wehmutsvolle Stimmung, und der Chor brachte unter glanzvoller Mitwirkung von Fräulein Elise Zwicky das von seinem Dirigenten Kantor Tennebaum komponierte 'Es toben die Völker' sowie das altniederländische Volkslied 'Wir treten zum Beten' ergreifend zum Vortrag. Gebet für die Verstorbenen schloss den Gottesdienst. Die Spenden für Kriegshilfe flossen reichlich."         


Einbruch in der Synagoge (1921)          

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Juni 1921: "Stuttgart, 12. Juni (1921). In der Nacht zum 12. Juni ist in der Synagoge zu Stuttgart eingebrochen worden. Es wurden die silbernen Garnituren zu den Torarollen gestohlen, bestehend aus Schild, Zeiger und Aufsatzstücke. Vor Ankauf der genannten Gegenstände werden alle in Betracht kommenden Kreise gewarnt."         


Einweihung des Ehrenmales für die Gefallenen im Ersten Weltkrieg in der Synagoge (1922)       

Artikel in der "Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 4. August 1922: "Stuttgart. Enthüllungsfeier einer Gedächtnistafel. In der hiesigen Synagoge fand Sonntag eine schlichte, ergreifende Feier statt. Sie galt den im Weltkriege gefallenen 92 Söhnen der Stuttgarter israelitischen Gemeinde, deren Andenken man durch Errichtung einer Gedenktafel ehren will. Eine stattliche Versammlung hatte sich hierzu eingefunden. Als Ehrengäste waren erschienen: Staatspräsident Dr. Hieber, Generalleutnant Reinhardt, Oberbürgermeister Dr. Lautenschlager und viele andere hohe Beamten. Die israelitische Oberkirchenbehörde und das Kirchenvorsteheramt waren nahezu vollständig vertreten. Die andächtige Gemeinde füllte die Synagoge bis auf den letzten Platz. Der Ehrendienst wurde von Mitgliedern des Bundes jüdischer Frontsoldaten gestellt. Die Feier wurde mit einem weihevollen Psalm eingeleitet. Hieran schloss sich die Enthüllung der Gedenktafel durch Stadtrabbiner Dr. Rieger. Dieser hielt auch die Weiherede, in der er ausführte: Die Tafel an der Wand lehrt uns den doppelten Idealismus, den Glauben an das Vaterland und an das Bekenntnis der Väter. In den großen Kriegen haben die deutschen Juden ihr Herzblut geopfert, deutsche Ehre wie ihre eigene Ehre, deutsche Schmach wie ihre eigene Schmach empfunden, und doch sei der Lästermund so vieler nicht verstummt. Der deutsche Jude sei seinem Vaterlande treu mit der gleichen Treue, die er Jahrtausende seinem Glaubensbekenntnisse wahrte. In der Stunde der gemeinsamen Not reichten sich alle Deutsche, hoch und niedrig, arm und reich, ohne Rücksicht auf Religion und Partei, die Hände zur Brudergemeinschaft, nun lodert neuer Hass, lebt neuer Zwist auf. Die Tafel an der Wand soll mahnen.: Glaubt an das Große, glaubt an den endlichen Frieden inmitten der Volksgemeinschaft. Mit den rituellen Gebeten und erhebendem Schlussgesang schloss die von tiefster Weihe erfüllte Feier. Die Gedenktafel, von Architekt Ritter von Graf entworfen und von Bildhauermeister Josef Zeitler ausgeführt, trägt den dem Liede Davids auf den Tod Sauls und Jonathans entnommenen Spruch: 'Wie sind die Helden gefallen.' Fürs Vaterland, 1914-1918 und auf drei durch Säulen geschiedene Platten die Namen der Gefallenen. Gekrönt wird die Tafel durch die stilisierte, von zwei Löwen flankierte Davidskrone und Davidestern. In seiner Einfachheit macht das Ehrenmal einen würdigen Eindruck."        

       
Während über mehrere Jahrzehnte zu den Gottesdiensten an den hohen Feiertagen die Synagoge nicht ausreichte, konnten die Werktagsgottesdienste in einem im Gemeindehaus Hospitalstrasse 34 eingerichteten Betsaal abgehalten werden. 1936/38 waren in diesem Betsaal die Gottesdienste der Israelitischen Religionsgesellschaft (siehe unten). Nach deren Auszug im Juni 1938 konnte dieser Betsaal renoviert und einige Bänke neu angeschafft werden. Er wurde nun wieder für den täglichen Gottesdienst der Gemeinde genutzt. Da dieser Betsaal im November 1938 nicht zerstört wurde, konnten in ihm noch bis 1943 Gottesdienste stattfinden. 1944 wurde das Gemeindehaus bei einem Bombenangriff völlig zerstört.  
   
In der Pogromnacht im November 1938 wurde die Synagoge in der Hospitalstraße bereits um 3 Uhr in der Frühe des 10. November angezündet. Eine Stunde zuvor war von SA-Leuten in Zivil und anderen Nationalsozialisten das Synagogentor gewaltsam aufgebrochen worden. Im Inneren sind nach einem Augenzeugenbericht mehrere Bänke übereinandergeschichtet, mit Benzin übergossen und angezündet worden. Bei der Brandstiftung war die Feuerwehr bereits anwesend, möglicherweise waren Feuerwehrleute an der aktiven Brandstiftung beteilt. Die Feuerwehr beschränkte sich auf einen Schutz der Nachbargebäude und konnte, nachdem die Synagoge ausgebrannt und die Ruine gelöscht war, bereits gegen 5 Uhr unter Zurücklassen einer Brandwache abrücken. Die Synagoge musste wenige Tage später abgebrochen werden. Unter der Leitung des Architekten Ernst Guggenheimer verrichteten 15 Juden, die man aus Konzentrationslagern geholt hatte, dieses zugleich gefährliche und bedrückende Geschäft. Die Abbruchsteine der Synagoge wurden an Weingärtner aus dem Remstal zum Bau von Weinbergmauern verkauft. Den Gelderlös strich die Gestapo ein. Von der Synagoge blieben nur die Gebotstafeln vom Dach des Gebäudes und das Gefallenendenkmal erhalten, die in der 1952 erbauten Synagoge aufgestellt wurden. 
  

Die Ereignisse beim Novemberpogrom 1938 - 
Bericht im "Stuttgarter Wochenblatt" vom 22. Oktober 2008 über einen Vortrag von Stadtarchivar Dr. Roland Müller (2008)  

Stuttgart Pogrom 1938a.jpg (31475 Byte)Was geschah in Stuttgart in der Reichskristallnacht? - Zum 70. Jahrestag ist ein Quellenheft vom Stadtarchiv herausgegeben.  
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden in Stuttgart und ganz Deutschland Synagogen von nationalsozialistischen Gewalttätern angezündet, jüdische Geschäfte zerstört und an den darauf folgenden Tagen zahlreiche jüdische Bürger in Konzentrationslager verschleppt. Anlässlich des 70. Jahrestags dieses Pogroms hat das Stadtarchiv Stuttgart in Zusammenarbeit mit Lehrern des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums Stuttgart eine Quellensammlung zu den Ereignissen um den 9. November 1938 in Stuttgart zusammengestellt und speziell für den Einsatz in der Schule aufbereitet. 

Der Leiter des Stadtarchivs, Dr. Roland Müller, hat pünktlich zum 70. Jahrestag ein neues Quellen- und Arbeitsheft über die "Reichskristallnacht" im November 1938 in Stuttgart vorgestellt. An dem Band mitgearbeitet haben die Geschichtslehrer Michael Hoffmann und Karin Winkler vom Eberhard-Ludwigs-Gymnasium sowie Jürgen Lotterer und Roland Müller vom Stadtarchiv. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, wurden in Stuttgart und Bad Cannstatt die Synagogen von nationalsozialistischen Gewalttätern angezündet. 
Dies geschah mit Billigung und aktiver Unterstützung der staatlichen und kommunalen Behörden. Auf die Zerstörung und Plünderung zahlreicher jüdischer Geschäfte folgte die Verschleppung mehrerer hundert jüdischer Stuttgarter Bürger in das Konzentrationslager Dachau. Roland Müller hat den Verlauf der Reichskristallnacht in Stuttgart genau nachrecherchiert, das meiste mit Quellen aus dem Stadtarchiv: In Zivil gekleidete Männer sperrten den Bereich um die Synagoge noch während einer Sitzung im Gaupropagandaamt ab. Gegen 2 Uhr drangen SA-Leute und vermummte Gestalten in das Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde und in die Synagoge ein. 
Sie schichteten Holzbänke übereinander, übergossen diese mit Benzin und legten Feuer. Den vom städtischen Branddirektor selbst alarmierten Feuerwehrleuten gebot ihr Chef, sich auf den Schutz der Nachbarschaft zu beschränken. Der gut informierte NS-Kurier wusste: "In Stuttgart war es gegen drei Uhr in der Frühe, als sich der mondbeschienene Himmel von Flammenschein rötete. Die Synagoge in der Hospitalstraße brannte lichterloh.". Zur gleichen Zeit brannte die Cannstatter Synagoge, eine leicht brennbare Holzkonstruktion, nieder. Der Leiter der dortigen Feuerwache gestand vor Gericht die Brandstiftung. Gleichzeitig hatten kleine Gruppen, meist in Räuberzivil, mit der Zerstörung von Ladengeschäften in der Innenstadt begonnen. 
Offenbar wurden für bestimmte Straßenzüge und Geschäfte jeweils kleine Trupps gebildet, die systematisch nach einem einheitlichen Schema vorgingen. Ein Beispiel: Beim Cafe Haimann in der Seidenstraße 6 schlugen zwei junge, halb vermummte Männer die Scheiben ein und verwüsteten die Auslagen. Am nächsten Morgen sah man Schaufenster und Fenster des Cafes in Trümmern, Vorhänge teilweise heruntergerissen, Gebäck und Mobiliar lagen auf der Straße. Nach einem Bericht des US-Generalkonsuls waren vor allem die Geschäfte in der Königstraße und am Marktplatz demoliert. Zerstörungen und Plünderungen hielten entgegen den Befehlen auch am folgenden Tag an. Im Morgengrauen des 10. November begann auf Grundlage der nächtlichen Befehlen Heydrichs eine Verhaftungswelle. 
Ziel der Verhaftungen war es, den Druck zur Flucht zu erhöhen. Viele änderten unter dem Eindruck des Pogroms ihre Meinung und entschlossen sich zur Emigration. Die Reichspogromnacht war auch faktisch das Ende der jüdischen Gemeinde in Stuttgart. Soziale Verelendung durch Berufsverbote und viele Selbstmorde folgten. Dieser Pogrom ist ein Schlüsselereignis der Deutschen Geschichte und als Stoff in den Lehrpläne der weiterführenden Schulen, im Gymnasium in den Klassenstufen 9, 10 und 12, verankert. Doch je weiter die Zeit voranschreitet, desto dringlicher stellt sich die Frage nach der geeigneten Form der Vermittlung an junge Menschen, die von der "Erlebnisgeneration" durch eine immer größere zeitliche Kluft getrennt werden. 
Geschichtslehrer Michael Hoffmann hat bei seinen Geschichtsschülern die Erfahrung gemacht, dass gerade die Geschehnisse auf lokaler Ebene auf großes Interesse stoßen. Wenn der lokale Bezug da sei, seien ihre Schüler und auch Lehrer viel motivierter, sich mit den Geschehnissen auseinander zu setzen, hat auch Karin Winkler beobachtet. Authentische Zeugnisse eignen sich gut, die Erinnerung an die Verfolgung und Ermordung jüdischer Bürger lebendig zu halten. Insbesondere Erlebnisberichte entfalten ihre erschütternde Wirkung von ganz allein. Daher hat das Stadtarchiv Stuttgart, zu dessen zentralen Aufgaben auch die historische Bildungsarbeit zählt, die Quellensammlung zur Reichskristallnacht in Stuttgart zusammengestellt, kommentiert und für den Einsatz in der Schule aufbereitet. 
Der Quellenteil enthält zahlreiche Dokumente zur Vorgeschichte des Pogroms seit 1933, zur Inszenierung und propagandistischen Begleitung der Gewalttaten, zum eigentlichen Verlauf und zu den Folgen sowie einschlägiges Bildmaterial. Die im Stadtarchiv aufbewahrten Zeitzeugenberichte jüdischer Bürger Stuttgarts, die der Verfolgung entkommen konnten, stellen hierbei die wichtigste Quellengruppe dar. Sie werden unter anderem durch amtliche Dokumente und zeitgenössische Pressetexte ergänzt. Die einzelnen Kapitel sind mit unterrichtspraktischen Fragen und Arbeitsanleitungen versehen. 
Das Heft ist primär als Arbeitsmaterial für Lehrer an den weiterführenden Schulen Stuttgarts gedacht, ebenso für Menschen, die mit der Vermittlung des Themas beschäftigt sind. Diesen kann es unentgeltlich durch das Stadtarchiv zur Verfügung gestellt werden (Ansprechpartner Jürgen Lotterer, Telefon: 216-62 43).

 
 
Fotos der Synagoge Hospitalstraße 

Stuttgart Synagoge 425.jpg (64725 Byte) Stuttgart Synagoge 429.jpg (132614 Byte) Stuttgart Synagoge 424.jpg (48926 Byte)
Architekturzeichnung der 
Synagoge in Stuttgart
Holzstich der Synagoge 
um 1890 
Lithografie von R. Geissler, Berlin;
 rechts das Gemeindehaus
 Abbildung oben in hoher Auflösung   Abbildung oben in hoher Auflösung   
     
Stuttgart Synagoge 001.jpg (88891 Byte) Stuttgart Synagoge 006.jpg (121106 Byte) a10.jpg (20958 Byte)
Die Synagoge mit der 
Apsis des Toraschreines
 Die Synagoge von der Hospitalstraße 
aus gesehen - Zeichnung, vermutlich 
nach der Fotografie rechts 
dass., vermutlich Fotovorlage 
für die Zeichnung links 
  
  Abbildung oben in hoher Auflösung   
     
Stuttgart Synagoge 002.jpg (90783 Byte) Stuttgart Synagoge 920.jpg (33039 Byte) Stuttgart Synagoge 005.jpg (74348 Byte) a14.jpg (22133 Byte)
Innenansichten der Synagoge 
(das Foto rechts ist undatiert - aus dem 
Photo Archiv von Yad Vashem Jerusalem)  
Blick von der 
Frauenempore
Die ehemals auf dem First der 
Synagoge befindlichen Gebotstafeln - 
heute in der neuen Synagoge 
     
 Stuttgart Synagoge 300.jpg (88414 Byte) a12.jpg (6142 Byte)  
Das Gefallenendenkmal für die aus 
Stuttgart und Cannstatt gefallenen 
jüdischen Soldaten des 1. Weltkrieg - 
heute in der neuen Synagoge 
Die brennende Synagoge in der
 Pogromnacht November 1938
  
  

Zur Seite über die neue Synagoge in Stuttgart (1952) an derselben Stelle: hier anklicken  
   
   
   
Die Synagogen der orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft  
    
Am 15. Juni 1878 wurde von einer Reihe toratreuer (orthodoxer) Juden die "Israelitische Religionsgemeinschaft" gegründet. Ihnen war die Treue zu der von Torageboten bestimmten Tradition wichtiger als die von der liberalen Gemeinde in vielen Bereichen vollzogene Assimilation, vor allem im Bereich des Gottesdienstes. Die Gründer der Religionsgesellschaft waren zunächst zehn Männer, zu denen bald zwei weitere kamen. Zu ihrem ersten Vorstand bestimmten sie Hermann Gutmann. Der erste Gottesdienst wurde am Sabbat nach Schawuot (Laubhüttenfest) 1878 in einem Betsaal in der Holzstrasse abgehalten. Dieser erwies sich jedoch nach kurzer Zeit als zu klein, worauf ein Betsaal in der Olgastrasse 68 bezogen wurde. 
  
 Einweihung einer von Hermann Gutmann gespendeten Torarolle im Betsaal der Israelitischen Religionsgesellschaft (1890)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. April 1890: "Stuttgart, 22. April (1890). Es wird wohl selten der Fall sein, dass der 'Israelit' aus unserer Stadt etwas Erfreuliches zu berichten weiß, hat doch hier die Reform eine solche Ausdehnung gefunden, wie kaum in einem anderen Orte Deutschlands. Wo solch religiöse Zustände obwalten ist die Einweihung einer neuen Sefertora (Torarolle) ein besonderes freudenvolles Ereignis, welches auch in weiteren Kreisen bekannt gegeben zu werden verdient.   
Herr Bankier Hermann Gutmann, ein echter Jehudi in des Wortes weitester Bedeutung, ließ bei dem bekannten Sofer Grünebaum in Fulda ein Sefer schreiben und vergangenen Samstag wurde dasselbe im Betsaal der Religionsgesellschaft festlich eingeweiht. Unserem Prediger und Vorsänger Herrn Abraham gebührt das Verdienst, den Gottesdienst zu einem besonders erhebenden gestaltet zu haben; er hielt eine wohl durchdachte Rede, in welcher er in gedrängter Kürze auf die Bedeutung unseres Festes hinwies und im Namen der Gemeinde dem Spender Dank und Anerkennung aussprach. Nach dem Gottesdienst vereinigten sich die Mitglieder bei Herrn Gutmann, wo bei Becher, Gesang und Rede unsere Freude erneuten Ausdruck fand.   
Noch erwähnen möchte ich, dass die Schwester des Spenders eigenhändig ein prächtiges Mäntelchen (Toramantel) stickte und damit eine Arbeit leistete, dessen sich auch ein Sticker vom Fach nicht zu schämen hätte.  
Möge es Herrn Gutmann vergönnt sein, noch viele Jahre sein Interesse für das Judentum zu betätigen."          

  
Spenden zur Ausstattung des Betsaales der Israelitischen Religionsgesellschaft (1897)          

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Juni 1897: "Stuttgart, 1. Juni (1897). In dem Betsaal der israelitischen Religionsgesellschaft hier, fand vergangenen Schabbat Paraschat Bechukotai eine erhebende Feier statt, die uns bewiesen hat, dass auch in kleinen Gemeinden Großes geleistet werden kann. Anlässlich der Barmizwah seines Sohnes spendete Herr S. Neumann im Verein mit Herrn H. Gutmann einen neuen, prächtig ausgestatteten Aron Hakodesch, der dann in würdiger Weise seiner Bestimmung übergeben wurde. Vor einer großen Zahl Andächtiger hielt der der Prediger der Gesellschaft, Herr S. Abraham, die Festrede, in beredten, feurigen Worten die Würdigung eines solchen Geschenks zur Heiligung des göttlichen Namens hervorhebend. Ein weiterer prächtiger Schmuck ist das schöne, in kunstvoller Stickerei ausgeführte Parochet (Toraschreinvorhang), ebenfalls ein Geschenk des Herrn Neumann. Herr D. Levy bekundete gleichfalls seinen Sinn für religiöses Wohl tun durch das Spenden eines Ner tamid (ewiges Licht). Möge es den Herren noch lange vergönnt sein, segensreich für die Religionsgesellschaft zu wirken; sie beweisen uns, dass es in Israel noch Männer gibt, die ihre höchste Befriedigung darin finden, für das Gemeindewohl zu sorgen. Ehre und Dank ihnen!  J.S."           

  
Einweihung einer neuen Torarolle im Betsaal der Israelitischen Religionsgesellschaft (1898)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. März 1898: "Stuttgart, 28. Februar (1898). Vergangenen Sabbat Paraschat Terumah fand in unserer Religionsgesellschaft eine erhebende Feier statt, die den Tag zu einem wahrhaft festlichen gestaltete. Es galt die Einweihung eines neuen Sefer (Torarolle), das eines der Mitglieder, Herr David Levy schreiben ließ und das nun seiner heiligen Bestimmung übergeben wurde. Wenn auch die Mitgliederzahl eine beschränkte, ist es doch in kurzer Zeit das dritte Mal, dass eine solche Feier stattfand, ein Beweis, wie sehr die Mitglieder der Gesellschaft bemüht sind, das Festhalten an unserer heiligen Religion auf solche Weise zu bekunden, wobei keine Opfer gescheut werden, welcher Art sie auch seien. Mit Gebet und Gesang wurde die Feier in dem festlich geschmückten Betsaale eingeleitet; dann sprach der Prediger der Religionsgesellschaft, Herr S. Abraham, in schön durchdachten Worten über die Bedeutung des Festes an die Worte anknüpfend: 'Diesen Tag hat der Ewige geschaffen, lasset uns jubeln und uns freuen an ihm' (Psalm 118,24) und weiter ausführend, dass es in Israel noch Männer gibt, die für das Judentum wirken und einstehen. Wir sprechen dabei den Wunsch aus, dass es Herrn Levy und seiner Gemahlin noch lange vergönnt sein möge, in gleichem Sinne weiter zu wirken... Am Nachmittage folgten alle Mitglieder, Herren und Damen, einer Einladung von Herrn und Frau Levy in das Café Neumann, die auch Herr Kirchenrat Dr. Kroner mit seiner Anwesenheit beehrte. Mit wohlgelungenen Reden von Seiten des Herrn Kirchenrats, des Vorstehers Herrn H. Gutmann und des Herrn Abraham fand der Tag einen schönen, würdigen Abschluss. S."       

 
Die Religionsgesellschaft stellte einen eigenen Lehrer an, der für den Unterricht, das Vorbeten und die Schechita (koschere Schlachtung) zuständig war. Jahre später hatte man auch einen eigenen Rabbiner (Dr. Ansbacher von 1919-1935, danach Dr. Bamberger seit 1925). 
   
Ende der 1920er-Jahre umfasste die Religionsgesellschaft etwa 50 Familien der Stuttgarter Gemeinde. Zu keiner Zeit kam es zu einer Trennung von der Gesamtgemeinde; die Mitglieder der Religionsgesellschaft blieben Mitglieder der großen Stuttgarter Gemeinde. 
  
Die Betsäle scheinen mehrfach gewechselt zu haben, als Adressen werden auch Urbanstrasse 6 und Alexanderstrasse 52 angegeben (Zelzer), bis spätestens in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg der Betsaal im Erdgeschoss des Hinterhauses der Rosenstrasse 35/37 eingerichtet wurde (davon haben sich keine Spuren erhalten; hier ist heute ein kleiner Spielplatz angelegt). 
    
Erster Gottesdienst in der neuen Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft (1906)  
Anmerkung: es ist dem Webmaster noch unklar, welche Adresse zu dem 1906 eingeweihten Betsaal gehört.      

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 3. August 1906: "Stuttgart. In unserer Religionsgesellschaft hatten wir am Schabbos Paraschat Pinchos einen feierlichen Gottesdienst. Diese besondere Feierlichkeit galt dem ersten Gottesdienst in dem neu gemieteten Lokale, welches von nun an als Synagoge dienen soll. In beredten, ergreifenden Worten gab Herr Lehrer Sulzbacher der Freude Ausdruck, dass die Religionsgesellschaft festen Fuß fasse, wie dies aus der Vermehrung der Mitgliederzahl in jüngster Zeit ersichtlich sei, und sprach den Wunsch aus, dass in nicht zu ferner Zeit der gemietete Raum einem eigenen Haus weichen möge."         

    
Stiftung eines Almemors und eines Chanukkaleuchters für den Betsaal der Israelitischen Religionsgesellschaft (1908)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Dezember 1908: "Stuttgart, 12. Dezember (1908). Sie berichteten vor kurzem von dem 30-jährigen Jubiläum der Israelitischen Religionsgesellschaft. Gewissermaßen als nachträgliche Jubiläumsgabe wurde unserer Gesellschaft von den Mitgliedern, Herrn K. Ehrlich und seinen 3 Söhnen ein neuer Almemor gestiftet. Damit wandelte sie die primitive Stätte, von der bisher das Gotteswort verlesen wurde, in eine wahrhafte Zierde unserer kleinen Synagoge um. Der Almemor ist in Eichenholz ausgeführt und wird an den vier Ecken von prachtvollen Kandelabern überragt. Der Familie Ehrlich, welcher vom Vorstande eine kunstvoll ausgeführte Adresse überreicht wurde, sei auch an dieser Stelle herzlichst gedacht. - Aus demselben Anlasse stiftete Herr Veit Merzbacher eine große Chanukka-Menauroh (Chunukka-Leuchter). Bei dieser Gelegenheit möchten wir nicht unerwähnt lassen, dass sich die Israelitische Religionsgesellschaft auch in andersdenkenden Kreisen einer immer zunehmenden Gunst und Anerkennung erfreut. So wurden ihr in den letzten Tagen, von den Erben der früher in Hechingen wohnhaften Familie Hayum eine größere Stiftung überreicht."         

  
Um 1928 reichte der Betsaal in der Rosenstraße infolge der damals wachsenden Zahl der Mitglieder jedoch nicht mehr aus. Man plante den Erwerb eines anderen Gebäudes zur Einrichtung eines neuen Betsaales. Im Sommer 1930 konnte Regierungsbaumeister Dr. Bloch in der jüdischen Abteilung der Stuttgarter Ausstellung für kirchliche Kunst ein Modell einer neuen Synagoge für die Israelitische Religionsgesellschaft in Stuttgart präsentieren. Zur Ausführung eines Synagogenneubaus kam es jedoch erst 1933, als nach dem Plan von Architekt Rasch in der Schlosserstrasse 2 "eine einfache, aber äußerst würdige Synagoge entstand, deren Ausstattung ebenso stilvoll wie anheimelnd" war (Beschreibung in der Gemeindezeitung vom 15.2.1934). Am 3. Februar 1934 wurde dieser Betsaal mit einem Festgottesdienst eingeweiht. Die Torarollen wurden dabei eingebracht. Rabbiner Dr. Bamberger hielt die Festpredigt in dem ansonsten von Vorbeter Moses Zanger gehaltenen Gottesdienst. Stadtrabbiner Dr. Rieger hielt eine Ansprache. Ein Männer- und Knabenchor der Religionsgesellschaft umrahmte die Feier. 
   
Einweihung der neuen Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft (1934)    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. März 1934: "Stuttgart, 28. Februar (1934). Ein lang gehegter Wunsch der Israelitischen Religionsgesellschaft wurde mit Gottes Hilfe am 1. Februar 1934 erfüllt. An diesem tage wurde nämlich die Einweihung der neuen Synagoge festlich begangen. Man kann ruhig behaupten, es war ein Ehren- und Freudentag für jedes einzelne Mitglied, insbesondere aber für den allseitig verehrten Rabbiner, Herrn Dr. SImon Bamberger. Der Einweihung voraus ging eine schlichte Abschiedsfeier im alten Lokal in der Rosenstraße. In zu Herzen gehenden Worten gedachte Rabbiner Dr. Bamberger vor dem Verlassen des alten Betsaals jener braven und gottesfürchtigen Männer, die an dieser Stätte gewirkt haben. Ferner dankte Rabbiner Dr. Bamberger den Mitgliedern der Israelitischen Religionsgesellschaft für das ihm in so hohem Maße entgegengebrachte Vertrauen. Den anwesenden Gästen kam es bei diesen schlichten, tief bewegten Worten so recht zum Bewusstsein, was für ein inniges Verhältnis zwischen Gemeinde und Rabbiner besteht. Anschließend daran fand die Einweihung der Synagoge in der Schlosserstraße statt. Nach einem von Frau Zippert einstudierten und Rechnungsrat Wißmann dirigierten Männer und Knabenchor wurde nach den Umgängen eingehoben (sc. die Torarollen wurden eingebracht). Alsdann begrüßte der Vorsitzende der Vorsitzende der Religionsgesellschaft, Herr Abraham Kulb, die Erschienenen, besonders die Vertreter des Israelitischen Oberrats und die Vertreter der Israelitischen Hauptgemeinde in Stuttgart. Der Redner dankte Rabbiner Dr. Bamberger für sein bisheriges hingebungsvolles Wirken und bat ihn, auch in Zukunft der treue Führer der Religionsgesellschaft zu sein. Nun richtete Dr. Bamberger tief empfundene Worte an die Gemeinde. Seine Ausführungen gipfelten an der Feststellung 'Israel chaj' (Israel ist lebendig) und wird auch weiterleben, wenn wir alle am Glauben unserer Väter treu und stark festhalten werden. Herr Stadtrabbiner Dr. Rieger sprach dann für den Israelitischen Oberrat und mit besonders herzlichen Worten Herr Oskar Rothschild für das Israelitische Vorsteheramt Stuttgart. Ferner sprachen noch Herr Rabbiner Dr. Bamberger sen. (Kissingen) und Rabbiner Dr. Neuwirth (früher Ichenhausen). Für die Israelitische Religionsgesellschaft Heilbronn überbrachte Herr Lehrer 'Flamm in gut gewählten, herzlichen Worten die Glückwünsche der Israelitischen Religionsgesellschaft Heilbronn. Für den Verein Linath Hazedek übermittelte David Horowitz die Glückwünsche. Ein feierlicher Maariw-Gottesdienst mit Chorgesang beendigte die wohl jedem in Erinnerung bleibende eindrucksvolle und würdige Feier. Herr M. Zanger hat hier wiederum in hervorragender Weise, wie seit langem ehrenamtlich als Vorbeter fungiert. Möge auch fernerhin Gottes Segen auf dieser neuen Gebetsstätte der Religionsgesellschaft und auf allen, die sich dort zum Gebet versammeln, ruhen.  
Am Abend des 4. Februar vereinten sich nochmals die Mitglieder der Religionsgesellschaft, um die Einweihung der neuen Synagoge abschließend freudig zu begehen. Ansprachen mit heiteren vorträgen wechselten ab und schufen bald eine Atmosphäre freundlicher Gemeinsamkeit. In freudiger Stimmung blieben so die Anwesenden noch lange zusammen."              

  
     
Aus nicht bekannten Gründen konnten die Gottesdienste der Religionsgesellschaft seit 1936/37 nicht mehr in der Schlosserstrasse gefeiert werden. Die Religionsgesellschaft benutzte für etwa anderthalb Jahre hierfür den Betsaal im jüdischen Gemeindehaus in der Hospitalstrasse 34. 1938 wurde ein neuer Betsaal im Haus Gartenstrasse 30 eingerichtet. Planung und Bauleitung lag in den Händen von Regierungsbaumeister Guggenheimer. Am 2. Juni 1938 war die feierliche Einweihung dieses Betsaales. Nach dem von Lehrer Roberg geleiteten Mah tauwu der Knaben wurden die Torarollen in die Heilige Lade eingebracht. Adolf Kulb hielt die Begrüßungsrede; Rabbiner Dr. Bamberger entzündete das ewige Licht. Von Oberrat war Präsident Dr. Siegfried Gumbel erschienen. Es schloss sich das Abendgebet an, das der Vorbeter der Religionsgesellschaft Moses Zanger leitete.
  
In der Pogromnacht im November 1938 blieb dieser Betsaal unzerstört. Das Gebäude an der Ecke Gartenstrasse (heute Fritz-Elsas-Straße)/Hospitalstrasse wurde jedoch im Krieg völlig zerstört. Nach 1945 ist das Grundstück neu bebaut worden.  
  
  
 
Fotos zu den Betsälen der Religionsgesellschaft   

Betsaal Rosenstraße 35/37 Stuttgart Synagoge 420.jpg (65613 Byte) Stuttgart Synagoge 421.jpg (80070 Byte)
  In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg bis Anfang 1934 befand sich der Betsaal in 
einem Hintergebäude (ehemals auf der freien Fläche Foto rechts) zum 
Gebäude Rosenstraße 35/37 (Foto links)
     
Betsaal Schlosserstraße 2 1934/36
Stuttgart Synagoge 422.jpg (61001 Byte) Stuttgart Erinnerungen 167.jpg (97032 Byte)
  1934/36 befand sich der Betsaal der Religionsgesellschaft im Gebäude Schlosserstraße 2
   
Stuttgart Erinnerungen 168.jpg (90062 Byte) Stuttgart Erinnerungen 169.jpg (57472 Byte) Stuttgart Erinnerungen 170.jpg (52326 Byte)
Blick auf die Fenster des Erdgeschosses,
 hinter denen der Betsaal lag
Blick auf die östliche Wand des Betsaales,
 wo sich 1934/36 der Toraschrein befand
Blick in den Betsaal vom 
Bereich des Frauenabteils
     
Stuttgart Erinnerungen 171.jpg (52180 Byte) Stuttgart Erinnerungen 172.jpg (52562 Byte) Stuttgart Erinnerungen 173.jpg (47974 Byte)
Blick auf den abgegrenzten Bereich 
des Frauenabteils (nach 1945 
vermutlich erneuert)
Blick in den Bereich des Betsaales des Männer. Die auf dem Foto rechts zu 
sehende Abgrenzung für ein weiteres Zimmer wurde nach 1945 vorgenommen.
   

   
   
   
Der Betsaal des ostjüdischen Vereins "Linath Hazedek"     
(Hinweis auf das Haus Kasernenstraße 13 von Wolfgang Kress, Stuttgart)     
   
Um 1895 zogen in Stuttgart die ersten ostjüdischen Familien zu, darunter Mendel Fußmann, der mit anderen ostjüdischen Glaubensgenossen den Verein "Linath Hazedek" ("Stätte der Wohltätigkeit") begründete. Fußmann war jahrelang der Vorsitzende dieses Vereins. Ein Betsaal befand sich bis Anfang 1928 in der Geißstrasse 1.  
    
Seit 1927 bemühte sich der Verein um die Einrichtung eines größeren Betsaales mit geeigneten Nebenräumen für die Bibliothek und einen Lesesaal. Die bisherigen Räumlichkeiten entsprachen "weder der Zeit noch der Würde ihres Zweckes". Unter großen Opfern der Familien des Vereins wurde das Geld für einen neuen Betsaal zusammengebracht. Am 30. März 1928 konnte hinter dem Haus von Seeligmann Hirsch Kasernenstrasse 13 (Hinterhaus 1. Stock) dieser neue Betsaal feierlich eingeweiht werden. Unter den Klängen des Liedes "Mah towu" wurden die Torarollen von den Gemeindeleitern und von Ehrengästen in den Betsaal getragen. Der damalige Vorsitzende M. Pariser begrüßte die zahlreichen Gäste, unter ihnen die Vertreter des Israelitischen Oberrates, des Vorsteheramtes der Gemeinde und der Religionsgesellschaft. Stadtrabbiner Dr. Rieger entzündete vor der Heiligen Lade das "ewige Licht" und hielte die Weihepredigt. Nach drei Umzügen um den Almemor wurden die Torarollen in die Heilige Lade gestellt. Das anschließende Nachmittags- und Freitagabendgebet wurde von Oberkantor Schreiber aus Berlin geleitet.  
     
Über die Geschichte dieses Betsaales nach 1933 ist nichts bekannt. Auf dem Grundstück der früheren Kasernenstrasse (heute Leuschnerstrasse) 30 haben sich keine Spuren erhalten. Das Grundstück wurde nach 1945 neu bebaut. 
   
   
Fotos zum Betsaal von "Linath Hazedek"   

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Bis Anfang 1928 war der Betsaal von 
Linath Hazedek im Gebäude Geißstraße 1
 

  
  
  
Der Betsaal des ostjüdischen Vereins "Esras Achim"         
    
1908 wurde der Verein "Esras Achim" von einer Reihe russisch-jüdischer Zigarettenarbeiter und sonstiger Handwerker auf Veranlassung von Moses Rappoport (1874-1924) gegründet. Ziel des Vereins war, für die russischen Juden in Stuttgart "einen eigenen Gottesdienst nach heimatlicher Sitte einzurichten und kameradschaftliche Gemeinsamkeit zu pflegen" (Gemeindezeitung IV,24 vom 16.3.1928 S. 736). "Heimatliche Sitte" bedeutete das Festhalten an streng orthodoxen Traditionen, vor allem auch die Pflege des täglichen Gottesdienstes. Es wurden nur Mitglieder zugelassen, die die Sabbatvorschriften und rituellen Gebote streng beachteten. Rappoport stand bis zu seinem Tod an der Spitze des Vereines. Sein Nachfolger war Heinrich Scher, der freilich bereits 1925 starb. In den folgenden Jahren waren die Leiter des Vereins H. Wikler und S. Kleiners. Am 4. März 1928 konnte der Verein sein 20jähriges Bestehen mit einer Feier im Bürgermuseum gehen. Stadtrabbiner Dr. Rieger hielt dabei die Festrede. Der Betsaal von "Esras Achim" war im Erdgeschoss der Marienstrasse 3. Eigentümer dieses Betsaales war die Israelitische Religionsgesellschaft. 
  
Das Haus mit dem Betsaal der russischen Juden ist eingestürzt (1912)  

Stuttgart AZJ 11091912s.jpg (46974 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. September 1912:     

    
     
Fotos zum Betsaal von "Esras Achim"  

Stuttgart Synagoge 418.jpg (67406 Byte) Stuttgart Synagoge 410.jpg (44762 Byte)
Im Gebäude Marienstrasse 3 befand sich der Betsaal von "Esras Achim"

 
   

Links und Literatur   

Links:  

Website der Stadt Stuttgart   
Website der Israelitische Religionsgemeinschaft in Württemberg in Stuttgart      
Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Stuttgart - Projekt Schule   
"Stiftung Geissstrasse 7" in Stuttgart, verschiedene Formen der Erinnerung, unter anderem mit Gedenkblättern für einige jüdische Persönlichkeiten in Stuttgart (u.a. Joseph Süß Oppenheimer, Eduard Pfeiffer)     
"Zeichen der Erinnerung" - Verfolgung und Vernichtung württembergischer Juden - Der Innere Nordbahnhof Stuttgart als Tatort   
Infoseiten zu "Stuttgart im nationalsozialistischen Deutschland 1933-1945"  
Stolpersteine in Stuttgart (zahlreiche Informationen und Biographien zu jüdischen Personen aus Stuttgart) 
Übersicht über die in den "Central Archives for the History of the Jewish People" (CAHJP) in Jerusalem vorhandenen Archivalien der jüdischen Gemeinde Stuttgart: pdf-Datei hier anklicken  
Website von Dietmar Näher zur jüdischen Verfolgungsgeschichte in Stuttgart  
    
Informationsseite zum Projekt von Lutz Schelhorn und Stefan Mellmann: "Die Chemie der Erinnerung" - am Ort der Deportation der Stuttgarter Juden am Nordbahnhof 
   
Zum Synagogenarchitekten Adolf Wolff (interner Link)  
Informationen zur Stuttgarter Familie Benedict (zusammengestellt von Rolf Hofmann, Stuttgart, interner Link):     
-   Family sheet Baruch Benedict of Kriegshaber + Stuttgart    
-   Family sheet Sir Julius Benedict of Stuttgart + Naples (Italy) + London     

Literatur (Auswahl):  

Paul Sauer: Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. 1966. S. 164-172.
Germania Judaica II,2 S.809ff III,2 S. 1441-1443.
Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum der Synagoge zu Stuttgart. Hg. vom Israelitischen Kirchenvorsteheramt Stuttgart. 1911.
Maria Zelzer: Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden. Stuttgart 1964.
dies.: Stuttgart unterm Hakenkreuz. Chronik aus Stuttgart 1933-45. Stuttgart 1984²

Joachim Hahn: Hoppenlaufriedhof, Israelitischer Teil (Friedhöfe in Stuttgart 2. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Stuttgart 40) Stuttgart 1988. 

ders.: Pragfriedhof, israelitischer Teil (Friedhöfe in Stuttgart 3. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Stuttgart 57) Stuttgart 1992.

Roland Müller: Stuttgart zur Zeit des Nationalsozialismus. 1988.

Verschiedene Beiträge in der Reihe "Stuttgart im Dritten Reich". Ausstellung des Projekts Zeitgeschichte. 5 Bde. 1984.

Siegfried Däschler-Seiler: Auf dem Weg in die bürgerliche Gesellschaft. Joseph Maier und die jüdische Volksschule im Königreich Württemberg. (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Stuttgart 73) 1997.

Paul Sauer/Sonja Hosseinzadeh: Jüdisches Leben im Wandel der Zeit. 170 Jahre Israelitische Religionsgemeinschaft. 50 Jahre neue Synagoge in Stuttgart. 2002 (hier weitere Literatur)

        

                   
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Stand: 23. Oktober 2014