Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Talheim (Landkreis Heilbronn) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
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Aus dem jüdischen Gemeindeleben   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde  
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen     
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen
Links und Literatur   

    

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)      
    
In Talheim bestand eine jüdische Gemeinde bis 1941. Bereits im 15./16. Jahrhundert lebten hier Juden, die vermutlich aus Heilbronn vertrieben worden waren. 1491 wird Jud Nathan von Talheim genannt. Weitere Nennungen gibt es bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts. 
   
Die Entstehung der neuzeitlichen Gemeinde geht in das 18. Jahrhundert zurück. 1778 wurden vier jüdische Familien und kurz darauf weitere Juden in Talheim aufgenommen. Sie hatten zuvor in der Horkheimer Burg gelebt und wurden von Württemberg in dem sogenannten Schmidberg'schen Schlösschen, dem damals sehr baufälligen westlichen Teil der Talheimer Burg aufgenommen. Nach 1806 konnten sich Juden auch im Dorf niederlassen und eigene Häuser erwerben. Bis 1849 war Talheim Filialgemeinde der jüdischen Gemeinde in Sontheim, danach eine selbständige Gemeinde. 
  
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1806 48 jüdische Einwohner, 1824 63, 1843 78, 1858 122, 1872 105, 1895 93 (7,0 % von insgesamt 1.335 Einwohnern), 1900 85, 1910 77 (5,3 % von 1.465). Die jüdischen Familien lebten im 19. Jahrhundert zum großen Teil vom Vieh- und Ellenwarenhandel. 
  
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine Israelitische Elementar- und Religionsschule (1857 Bau des jüdischen Schulhauses mit Lehrerwohnung in der Langen Gasse 5) sowie ein rituelles Bad. Die Toten der Gemeinde wurden im jüdischen Friedhof Affaltrach, seit 1840/41 in Sontheim beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (vgl. unten Ausschreibungen der Stelle). Unter den Lehrern sind zu nennen (bis nach 1914 Israelitische Volksschullehrer): Salomon Aron Königsbacher (bis 1836), Isaak Sänger aus Oberdorf (1836 bis 1857), Israel Friedberger (1857 bis 1860), Emil Marx (1860 bis 1864), Lehrer Kahn (1864 - ?), Max Haymann (1871 bis 1874), Lehrer Weil (1874 bis 1875), Simon Weinstock (1876), Samuel Löwenstein (1876), Lehrer Pappenheimer (1879), Bernhard Sahm (1884), Max Eichberg (1885 bis 1887), Lehrer J. Oberndörfer (1888), Felix Wolff (1889 bis 1890), Lehrer Rosenberger (1890 bis 1894, danach in Öhringen), Theodor Rothschild (1894), Moses Maier (1895 bis 1897), Berthold Levi (1897 bis 1898), Hugo Rödelsheimer (1898 bis 1902), Hermann Haymann (1902 bis 1903), Lehrer Jakob Schloss (1903, siehe unten), Milton Sahm (1914), Isak Straus (bis 1939 Religionslehrer). Die Gemeinde wurde 1832 dem Rabbinat Lehrensteinsfeld (seit 1864/67 Heilbronn) zugeteilt. 
  
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Moritz Hirschfeld (geb. 25.6.1890 in Talheim, gef. 18.8.1917) und Gustav Manasse. Der Name des ersteres findet sich am dem Gefallenendenkmal der Gemeinde.  
  
An ehemaligen, bis nach 1933 bestehenden Handels- und Gewerbebetrieben jüdischer Eigentümer sind u.a. bekannt: Oel-, Fett-, Woll- und Trikotagenhandel Josua Hirschfeld (Lange Gasse 1), Manufakturwarengeschäft Ludwig Levi (Hauptstraße 20), Viehhandlung Berthold Löwenthal (Hauptstraße 39), Metzger Isaak Manasse (Seligmanns Sohn; Schozacher Straße 2), Vieh- und Rauchwarenhandlung Isaak Manasse (Abrahams Sohn; Gartenstr.14), Vieh- und Rauchwarenhandlung Julius Manasse (Gustavs Sohn; Hauptstraße 15), Pferde-, Vieh- und Rauchwarenhandlung Julius Manasse (Abrahams Sohn; Gartenstraße 12), Metzgerei und Viehhandlung mit Gastwirtschaft "Löwen" Julius Manasse (Moses Sohn; Hauptstraße 9, abgebrochen), Weinhandlung Louis Manasse (Bergstraße 4), Viehhandlung Max Manasse (Hauptstr.12), Viehhandlung Moritz Manasse (Hauptstr.46), Manufakturwarenhandlung Herbert Wertheimer (Hauptstraße 10).   
 
1933 wurden noch 82 jüdische Einwohner gezählt. Auf Grund der zunehmenden Repressalien und der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts verzog ein Teil von ihnen in den folgenden Jahren in andere Orte oder wanderte aus (bis 1939 mindestens 38 Personen nach den USA, Südafrika, England, Frankreich, Belgien). 1937 wurde für die nichtjüdischen Talheimer, die noch mit Juden verkehrten, ein "Judenpranger" eingerichtet. Zu den Ereignissen im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom 1938 siehe unten (Abschnitt Synagogengeschichte). Seit Mai 1939 mussten die jüdischen Familien in bestimmten "Judenhäusern" zusammenziehen. 1940/41 wurden die jüdischen Talheimer zur Zwangsarbeit verpflichtet (Bau der Straße Flein - Haigern). Mindestens 31 jüdische Einwohner sind zwischen Dezember 1941 und Dezember 1942 von Talheim aus in drei Transporten deportiert worden.  
  
Von den in Talheim geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem): Mathilde Böttigheimer geb. Manasse (1874), Frieda Hirschfeld (1885), Julius Hirschfeld (1897), Lionel Hirschfeld (1880), Max Hirschfeld (1894), Moses Hirschfeld (1891), Ludwig Levi (1882), Auguste Löwenthal geb. Erlebacher (1870), Berthold Löwenthal (1890), Hilda Löwenthal (1896), Lydia Löwenthal (1899), Rosa Löwenthal (1902), Theo Löwenthal (1913), Alfred Manasse (1923), Alfred Mannasse (1940), Albert Manasse (1890), Bertha Manasse (1876), Berta Manasse (1922), Frieda Manasse geb. Manasse (1893), Gitta Manasse geb. Wollenberger (1895), Hilda Manasse geb. Frank (1895), Irma Manasse (1914), Ilse Manasse (1922), Isaak Manasse (1868), Isaak Manasse (1879), Johanna Manasse (1926), Julius Manasse (1879 oder 1886), Louis Manasse (1881), Milian Manasse (1924), Mina Manasse (1875), Rosa Manasse geb. Manasse (1889), Siegfried Manasse (1922), Ferdinand Marx (1867), Bela Oberdorfer (1927), Elsa (Elisabetha) Oberdorfer geb. Finke (1892), Julius Oberdorfer (1921), Karola Oberdorfer (1925), Siegfried Oberdorfer (1890), Flora Wollenberger (1896).  
    
    
    
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1878 / 1902  

Talheim Israelit 10071878.jpg (54545 Byte) Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Juli 1878: "Die israelitische Gemeinde Talheim sucht zum sofortigen Eintritt einen Elementar- und Religionslehrer, welcher das Vorbeter- und womöglich auch das Schächteramt versehen kann. Gehalt Mark 700 pro Jahr und freie Wohnung nebst Nebeneinkünften, die sich auf Mark 200 jährlich belaufen können. Qualifizierte Bewerber wollen ihre Meldung nebst Zeugnissen innerhalb 3 Wochen franco an die unterzeichnete Stelle senden.
Thalheim (Württemberg), 8. Juli 1878. Das israelitische Kirchenvorsteheramt Leopold Marx." 
 
Talheim Israelit 07071902.jpg (47170 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Juli 1902: "Die Elementarlehrerstelle in Talheim, verbunden mit Schächter und Vorbeterdienst ist mit einem Fixum von 900 Mark und Nebenverdienste ca. 300 Mark bei freier Wohnung und Heizung per sofort oder 1. August zu besetzen. Seminaristisch gebildete Bewerber wollen sich bei der unterfertigten Stelle melden. Bezirksrabbinat Heilbronn am Neckar." 

   
Rätsel von Lehrer J. Oberndörfer (1889)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Juni 1889:    

  
Lehrer Jakob Schloß von Talheim wechselt nach Malsch (1905)    

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 8. Dezember 1905: "Karlsruhe: "Das neueste Verordnungsblatt des Großherzoglichen Oberrates der Israeliten meldet folgende Veränderungen in der Besetzung der Religionsschullehrerstellen: Jakob Lewin seither in Lorsch nach Randegg, Sally Rosenfelder in Eubigheim nach Buchen, Nathan Adler von Külsheim nach Eubigheim, Kantor Simon Metzger von Sulzburg nach Bretten, Samuel Strauß von Berlichingen nach Sulzburg, Jakob Schloß von Talheim nach Malsch bei Ettlingen. Auf Ansuchen wurden von ihren Stellen enthoben: Kantor Weiß in Gailingen und Religionslehrer Jakob Lorch in Untergrombach, letzterer behufs Übernahme der Verwalterstelle der M.A. d. Rothschild'schen Lungenheilstätte in Nordrach."   

  
  
Berichte aus dem jüdischen Gemeindeleben   

Gottesdienstliche "Reformen" im Blick auf eine gemeinsame Konfirmation anstelle der Bar Mizwa-Feier stoßen auf Widerstand (1870) 
Anmerkung: 1831 wurde die Konfirmation in den württembergischen israelitischen Gemeinden nach Vorbild der evangelischen Konfirmationen eingeführt. Die meisten der jüdischen  Landgemeinden konnten sich damit wenig anfreunden und zogen weiterhin die traditionelle Bar-Mizwa-Feier vor. 

Talheim Israelit 01061870.jpg (129406 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Juni 1870: "Talheim Rabbinats Heilbronn, 20. Mai (1870). Auch hier zeigt sich, wie am Sitze des Rabbinats, die erste Weigerung, Kinder konfirmieren, das heißt an dem Weiheakt in der Synagoge teilnehmen zu lassen, nachdem das Kultusministerium diese Teilnahme nach dem Grundsatze der Gewissensfreiheit bekanntlich in das Belieben der Eltern gestellt hat. In Heilbronn schlossen sich am vorigen Sabbat unter 14 Schülern zwei Mädchen von diesem Akte aus, und hier ist es ein Kind, dessen Eltern glauben, ohne Konfirmation doch ein guter Jude sein zu können. Die Rabbiner fürchten mit Recht, die Exempel könnten im folgenden Jahre größere Nachahmung finden. 
Nachträglich erfahren wir, dass auch in Lehrensteinsfeld, dem ehemaligen diesseitigen Rabbinatssitz, alle Eltern der diesjährigen Konfirmanden sich weigern, ihre Kindern konfirmieren zu lassen. Im Braunsbacher Rabbinatssprengel haben sämtliche Gemeinden des Bezirks die Vornahme des Konfirmationsaktes verweigert bis auf die Stadtgemeinde Crailsheim, wo auch Reformgottesdienst mit Harmonium eingeführt ist. man sieht hieraus, wie wenig dieses christliche Institut der Konfirmation in den jüdischen Gemeinden Wurzel zu fassen vermochte, obgleich es schon seit 1831 zwangsweise in Württemberg existiert und wie der erste Hauch der Freiheit wegfegt, was vier Jahrzehnte nur durch kirchliche Gewalt sich zu erhalten vermochte."  

    
Meldung aus dem Nachbarort Flein - der evangelische Pfarrer lobt die Einhaltung des Schabbat (1924)  

Talheim Flein Israelit 31011924.jpg (67831 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. Januar 1924: "Heilbronn, 20. Januar (1924). In dem benachbarten Ort Flein hat der evangelischen Pfarrer letzten Sonntag im Verlaufe seiner Predigt folgendes ausgeführt: 'Ich habe während des Herbstgeschäftes (Weinlese) leider wahrnehmen müssen, dass viele Gemeindegenossen den Sonntag entweiht haben. Diese möglichen sich ein Beispiel nehmen an der Firma J.B.R. in Heilbronn (der Herr Pfarrer nannte die jüdische Firma bei vollem Namen), diese Firma hält ihr Geschäft Samstags geschlossen und ist noch dazu gezwungen von Gesetzeswegen auch Sonntags die Arbeit ruhen zu lassen und ist dabei auch noch nicht zurückgekommen. Der eine von den Herrn kommt ja viel hierher, Ihr kennt ihn ja Alle."  

   
Einweihung der Kriegerdenkmals für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges (Dezember 1925)

Talheim CV 08011926.jpg (30248 Byte)Meldung in der CV-Zeitung vom 8. Januar 1926: "In Talheim bei Heilbronn wurde das Kriegerdenkmal unter außerordentlich zahlreicher Beteiligung eingeweiht. Außer dem katholischen und evangelischen Pfarrer sprach u.a. auch Lehrer Straus als Vertreter der israelitischen Gemeinde." 

    
    
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde  
Es wurden noch keine Berichte gefunden    

    
    
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen  
Moses Königsbacher verkauft eine Torarolle (1858)   

Talheim AZJ 08021858.jpg (45012 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 8. Februar 1858: "Bei dem Unterzeichneten ist eine noch ganz neue, 1 Elle hohe, vorzüglich schön und korrekt geschriebene Gesetzesrolle, Sefer Tora, zu einem äußerst billigen Preis zum Verkauf ausgesetzt. Etwaige Liebhaber wollen sich in portofreien Anfragen wenden an Moses Königsbacher in Talheim bei Heilbronn, Königreich Württemberg."  

     
Nach der Emigration: Hochzeitsanzeige von Moritz Manasse und Leoni geb. Marx (USA, 1942)     

Anzeige in der Zeitschrift "Der Aufbau" vom 30. Januar 1942: "Statt Karten. 
Zu unserer am 1. Februar 1942 stattfindenden Trauung laden herzlich ein 
Moritz Manasse  Leoni Manasse geb. Marx
   
früher Talheim - früher Baisingen    650 W. 177. Str., Apt. 43, N.Y.C.  
Trauung Sonntag, 1. Febr., 1:00 Uhr 
K'HALL ADATH JESHURUN
  90 Bennett Ave., zw. 185. u. 186. Str."       

   
    
    
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge               
    
Die 1778 im württembergischen Teil der Talheimer Burg (seitdem "Judenburg" bzw. "Judenschloss" genannt) aufgenommenen jüdischen Familien haben sich alsbald einen Betsaal in der Burg eingerichtet. Seit etwa 1792 hatte die Judenschaft mit Salomon Aron aus Königsbach (später Salomon Königsbacher) einen Vorsänger und Lehrer. Er betrieb zur Aufbesserung seiner bescheidenen Einkünfte einen Ellenwarenhandel. 
 
Als die jüdischen Familien 1793 an der Nordwand des Burghofes ein Back- und Waschhaus erbauen konnten, sollte der Betsaal in dessen Obergeschoss verlegt werden. Die württembergische Zustimmung hatte hierzu vorgelegen, dennoch empfanden die Vertreter des Deutschen Ordens, die die Rechte über den anderen Teil der Talheimer Burg hatten, dies als eine Provokation. Der deutschordische Amtmann verhinderte zunächst die auf den 4. Januar 1793 geplante Einweihung des Betsaales, indem er die Fenster und Läden des Betsaales ausheben und die Kultgegenstände konfiszieren ließ. Hierbei sind die Talheimer Juden weniger Opfer antijüdischer als vielmehr antiwürttembergischer Gefühle geworden. Nach Auskunft der Juden hatte ihnen damals der deutschordische Beamte gesagt, dass er ihnen die Einrichtung von drei Synagogen erlaubt hätte, wenn sie bei ihm um den Schutz gebeten hätten.    
 
Nach den Protokollen des deutschordischen Amtmannes vom Januar 1793 wurde der damalige Betsaal aus nichtjüdischer Sicht so beschrieben: "Eine altarartige Gezierte in der Mitte des Zimmers; eine vorn bei den Fenstern angebrachte halbsteinerne und halbhölzerne Pyramide, die mit einem Vorhang versehen war, worin hebräische Worte eingenäht waren. Hinter diesem war ein Kästchen, worin – wie sie sagten – die Zehn Gebote eingelegt würden; ein Lehrstuhl, geziert und ringsum mit Wachslichtern besteckt in der Mitte des Zimmers, neben herum Bänke und viele Pulte; verschiedene messingene Kronleuchter, auch messingene Ampeln von oben herabhängend. Es war auch ein besonderer Frauenzimmerstand, nach Judenweise, auch beleuchtet, angebracht; dann ein eisernes an der Wand bei der Türe angebrachtes Opferstöckchen, verschlossen". Folgende Gegenstände wurden von den Vertretern des Deutschordens beschlagnahmt: "Ein stoffener Vorhang mit seidenen Quasten, worin sieben Linien hebräische Buchstaben mit Gold eingestickt waren, mit goldenen Borten eingefasst und von oben mit goldener Krone und zwei Löwen geziert (es war der Vorhang vor der ‚altarmäßigen Pyramide’, von Freudental entlehnt), zwei dazu gehörige Kränze, auch von Stoff, mit gestickten goldenen Borten und seidenen Quasten", "sechs neue Vorhänge (Umgang vor den Weiberstühlen); die gelb tafetene Pultdecke mit blauen Bändern": "einen grüntafetenen chorhemdmäßigen Anzug, worauf zwei hebräische Buchstaben von goldenen Borten angebracht waren"; drei messingene Kronleuchter; eine große mit Brennöl angefüllt "Schabbesampel"; zwei dicke gelbe und eine Menge kleinerer Wachskerzen, den Opferstock und zwölf Betstühle. 
 
Ein jahrelanger Streit zwischen Württemberg und dem Deutschorden war die Folge. Das neu erbaute "Bet-, Wasch- und Backhaus" war drei Jahre lang dem eindringenden Regen, Sturm und Schnee ausgesetzt. Erst 1796 kam die Erlaubnis, das Gebäude zu reparieren. Und erst Anfang Dezember 1803 erhielt die jüdische Gemeinde die 1793 beschlagnahmten Gegenstände zurück.  
 
1836 wurde das "Bet-, Wasch- und Backhaus" völlig umgebaut. Neben der vergrößerten Synagoge befanden sich nun nach einer Beschreibung von 1851 im unteren Teil das rituelle Bad sowie die Schule und die Lehrerwohnung. 1857 erwarb die Gemeinde für die Schule ein eigenes Haus, nachdem inzwischen schon seit 20 Jahren eine freiwillige israelitische Konfessionsschule in Talheim bestand. 1870 ist die Synagoge nochmals umfassend renoviert worden. 
 
Eine wertvolle Stiftung zur Ausschmückung der Synagoge erhielt die Talheimer Gemeinde im Frühjahr 1929. Der auf Schloss Stettenfeld (nahe Untergruppenbach) wohnende Siegfried Levi übergab eine aus kornblauem Samt gearbeitete Synagogengarnitur. Sie bestand aus einem Vorhang für den Toraschrein, zwei Toramänteln, einer Schulchandecke und drei Decken für Kanzel und Vorbeterpult. Am 1. Pessach-Tag im Frühjahr 1929 wurden die neuen Paramente bei einem festlichen Gottesdienst in Anwesenheit des Stifters erstmals ausgelegt.  
  
In der Pogromnacht am 9./10. November 1938 kam es in Talheim noch zu keinen Ausschreitungen. Erst in der darauf folgenden Nacht wurde durch Sontheimer SA-Leute die Synagoge demoliert, Kultgegenstände auf dem Kelterplatz verbrannt, die jüdischen Wohnungen verwüstet und die Bewohner misshandelt. Die demolierte Synagoge zerfiel und musste, nachdem sie 1945 noch durch Kriegseinwirkungen beschädigt wurde und 1952 bei einem Unwetter teilweise einstürzte, in dem letztgenannten Jahr abgebrochen werden.  
 
Eine Gedenktafel an der Burgmauer erinnert seit 1983 an den Standort der Synagoge.
 
Nach den Ereignissen beim Novemberpogrom 1938 konnten die in Talheim noch verbliebenen Juden bis zu den Deportationen 1941/42 zu Gottesdiensten noch im jüdischen Gasthaus "Löwen" (Hauptstrasse 9, Haus besteht nicht mehr) zusammenkommen. 
   
   
  

Fotos 
Historische Fotos: 

Talheim Synagoge 004.jpg (70165 Byte) Talheim Synagoge 001.jpg (93026 Byte) Talheim Judenschloss bb.jpg (47763 Byte)
Historische Aufnahme des 
Talheimer Schlosses. Die Synagoge
 steht noch: Dach unterhalb des
 schlanken Turmes
Die Synagoge in Talheim Weiteres Foto des "Judenschlosses", auf 
dem das Dach des Synagoge jedoch verdeckt 
ist (erhalten von Claire-Lise Rosenfield, 
Geneva, NY)
 
 

Plan:

Talheim Synagoge 005.jpg (50714 Byte)

Die Bauphasen der Talheimer Synagoge: der vordere (linierte) Teil markiert das alte Wasch- und Bethaus von 1793; - - - markiert die erweiterte Synagoge von 1836; - . - . - markiert den Treppenhausanbau aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts

  
Fotos nach 1945/Gegenwart: 

Fotos 1952:
(Quelle: Buch von Nebel/Däschler-Seiler 
s.u. S. 43)  
Talheim Synagoge 006.jpg (102940 Byte) Talheim Synagoge 007.jpg (117385 Byte)
   Einsturz der baufälligen Synagoge am 28. März 1952  
   
Fotos um 1970 (Fotos: R. Klotz)      
Talheim Schloss 210.jpg (42319 Byte) Talheim Schloss 212.jpg (42635 Byte) Talheim Schloss 211.jpg (51062 Byte)
Schmidberg'sches Schlösschen  Standort der Synagoge  Schlossmauern 
     
Fotos um 1985 (Fotos: Hahn)       

Talheim Synagoge 003.jpg (82268 Byte)

Talheim Synagoge 011.jpg (46194 Byte) Talheim Synagoge 010.jpg (81221 Byte)
Das Schmidberg'sche Schlösschen 
(linker Teil der Burg)
Das Grundstück der 
ehemaligen Synagoge
Gedenktafel für Synagoge und 
jüdische Gemeinde Talheims
     
 Fotos 2003:
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 4.9.2003) 
        
Talheim Schloss 152.jpg (55047 Byte) Talheim Synagoge 150.jpg (66203 Byte) Talheim Synagoge 152.jpg (62612 Byte)
Das Schmidberg'sche Schlösschen 
(linker Teil der Burg)
Das Grundstück der 
ehemaligen Synagoge
Gedenktafel für Synagoge und 
jüdische Gemeinde Talheims
     
Talheim Synagoge 151.jpg (75866 Byte) Talheim Schloss 153.jpg (47150 Byte) Talheim Schloss 151.jpg (52605 Byte)
Die Talheimer Burg Im Burghof: Blick auf das 
Schmidberg'sche Schlösschen
Eingang zum 
Schmidberg'schen Schlösschen
   
     
    Talheim Schloss 150.jpg (36341 Byte)    
    Mesusaritze   

   
   

Links und Literatur

Links:

Website der Gemeinde Talheim 
Infoseiten zu "Talheim im nationalsozialistischen Deutschland 1933-1945": hier anklicken  

Literatur:

Germania Judaica III,2 S. 1448.
Paul Sauer: Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. 1968. S. 173-176.
Wolfram Angerbauer/Hans Georg Frank: Jüdische Gemeinden in Kreis und Stadt Heilbronn. 1986. S. 230-235.
Theobald Nebel: Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Talheim. 1963.
ders./Siegfried Däschler-Seiler: Neubearbeitung von Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Talheim. 1990.  
Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern - Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem 1986. S. 92-94.  
synagogenbuch-1.jpg (32869 Byte)Joachim Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007.    
  
  

  
  


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.
   
Talheim. Few Jews resided in Talheim until the second half of the 18th century, when a few families were allowed to occupy the demolished western wing of a local castle and erect baking and mikve facilities. The settlement developed under Wuerttemberg rule after 1806 and reached a peak population of 122 in 1860, with some emigrating, mainly to the U.S. Jews were fully integrated in the town's social life but were not active politically. In 1933, 82 remained (total 1,512). Nazi pressure brought about the social and economic isolation of the Jews. On 11 Nov. 1938, the day after the Kristallnacht, SA troops wrecked the synagogue and beat and pillaged Jews in their homes. The community was subsequently forced to "sell" the synagogue and Jewish school building to the municipal council at a nominal price. In 1940-41, Jewish men were put to forced labor paving a street; in 1941 a farm land still in Jewish hands was impounded. Thirty-eight Jews managed to emigrate, 26 of them to the U.S. Of the others, 38 perished after expulsion to the east in 1941-42.
   

  

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 18. Januar 2013