Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Tübingen (Universitäts- und Kreisstadt, Baden-Württemberg)
Jüdische Geschichte / Synagoge

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Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)     
    
In Tübingen bestand eine jüdische Gemeinde im Mittelalter und im 19./20. Jahrhundert bis 1939.       
     
Im Mittelalter werden Juden erstmals 1335 genannt. Von einer Judenverfolgung während der Pestzeit 1348/49 ist nichts bekannt. Das mittelalterliche Wohngebiet konzentrierte sich auf die heute noch sogenannte "Judengasse" (1943 vorübergehend in Schotteigasse umbenannt), die das sog. "Süße Löchle" (abgeleitet vom Duft der Gewürzhändler oder von einem Juden namens Süßlin) mit umfasst. In der Judengasse befanden sich die Einrichtungen der jüdischen Gemeinde, vor allem eine Synagoge (s.u.). Rituelle Bäder scheinen in mehreren Häusern vorhanden gewesen zu sein; noch heute befinden sich in den Kellern der Gebäude Judengasse 1,3A und 7 wannenartige Brunnen (Funktion jedoch nicht eindeutig geklärt). Ein Friedhof lässt sich in unmittelbarer Nähe der Stadt nicht nachweisen. Möglicherweise wurde der jüdische Friedhof in Rottenburg mitbenutzt.    
1477
wies anlässlich der Universitätsgründung Graf Eberhard V. im Bart alle Juden aus der Stadt aus.    
       
Seit 1848 war wieder eine Ansiedlung jüdischer Personen möglich. Als erster ließ sich Leopold Hirsch aus Wankheim in der Stadt nieder, dem bald weitere Familien folgten. Im Jahr der Synagogeneinweihung 1882 wurde die jüdische Gemeinde nach 400 Jahren neu gegründet.   
 
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1869 34 jüdische Einwohner (0,4 % von insgesamt etwa 9.300 Einwohnern), 1886 106, 1900 100 (0,7 % von 15.338), 1910 139 (0,7 % von 19.076), 1925 82 (0,4 % von 20.276). Zur jüdischen Gemeinde in Tübingen gehörten 1924 die in Reutlingen und Rottenburg am Neckar lebenden jüdischen Einwohner (1924 36 bzw. 6 Personen), 1932 waren die in Balingen, Bronnweiler, Gomaringen, Metzingen, Reutlingen, Rottenburg und Tailfingen lebenden jüdischen Personen der Tübinger Gemeinde angeschlossen.  
   
Die Integration der jüdischen Neubürger ging schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rasch vonstatten: der Kaufmann Leopold Hirsch war Mitglied der Stadtgarde zu Pferd, der Bankier Friedrich Weil und der Optiker Jakob Dessauer gehörten dem Bürgerverein an, Rechtsanwalt Simon Hayum war Gemeinderat. 
    
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.) und eine jüdische Religionsschule. Die Toten der Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof in Wankheim beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Religionslehrer angestellt, der zugleich als Kantor und Schochet tätig war. Die Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Mühringen beziehungsweise nach Verlegung des Rabbinatssitzes 1913 zum Rabbinatsbezirk Horb.
   
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Ernst Degginger (geb. 23.6.1898 in Tübingen, gef. 31.3.1918) und Julius Stern. Ihre Namen stehen im Gedenkbuch der Stadt für die Gefallenen.   
   
Um 1924, als zur Gemeinde 82 Personen gehörten, waren die Gemeindevorsteher Dr. Julius Katz, Jakob Oppenheim, Kuno Lehrmann, Adolf Dessauer, Ludwig Marx und B. Dreifuß. Als Lehrer und Kantor war Kuno Lehrmann tätig. Er erteilte 16 Kindern an der Religionsschule der Gemeinde den Religionsunterricht; gleichfalls gab er Religionsunterricht an den höheren Schulen der Stadt. 1932 war Gemeindevorstand Dr. Katz. Als Religionsoberlehrer war (seit 1925) Dr. Josef Wochenmark tätig (wohnt Wöhrdstraße 23); er unterrichtete im Schuljahr 1931/32 14 Kinder. An jüdischen Vereinen werden vor allem der Frauenverein und der Synagogenchorverein genannt.   
 
An ehemaligen, teilweise bis nach 1933 bestehenden Handels- und Gewerbebetrieben in jüdischem Besitz sind bekannt: Fabrikant Adolph Bernheim (wohnt Stauffenbergstraße 27); Damenkonfektions- und Aussteuergeschäft Eduard Degginger, (Neue Straße 16), seit 1905 von Jakob Oppenheim weitergeführt, danach Damenkonfektionsgeschäft Eduard Degginger Nachfolge (Inh. Jakob Oppenheim und Albert Schäfer) (Neue Straße  1, 1912-1938), Viehhandlung Simon Degginger (Lange Gasse 36), Optiker und Graveur Adolf Dessauer (Neckargasse 2, Uhlandstraße 16, 1914), Pferdehandlung Martin Erlanger (Fürststraße 7), Rechtsanwaltskanzlei Dr. Simon Hayum, Dr. Julius Katz und seit 1929 auch Dr. Heinz Hayum (Uhlandstraße 15, 1905-1935), Herrenkonfektionsgeschäft Leopold Hirsch (Kronenstraße 6, 1859-1938 von Fam. Hirsch betrieben), Weißwarengeschäft Heinrich & Max Katz (Am Holzmarkt 2, 1876-1901), Viehhandlung Max und Emil Löwenstein (Herrenberger Straße  2, seit 1925 Hechinger Straße 9, 1913-1937), Tapeten-, Linoleum- und Farbengeschäft Hugo Löwenstein (Wilhelmstraße 3), Herrenkonfektionsgeschäft Julius Stern, seit 1930 Gustav Lion (Neckargasse 4a, 1910-1933), Viehhandlung Liebmann und Max Marx (Herrenberger Straße 2, seit 1904 Herrenberger Straße  46, bis 1901-1923), Zeitungsverleger Albert Weil (Uhlandstraße 2, 1903-1930), Bankkommandite Siegmund Weil (Wilhelmstraße 22, 1910-1934).
 
Um 1930 machte sich die nationalsozialistische antijüdische Hetze bemerkbar. Die Studenten-SA verprügelte bereits 1931 jüdische Bürger und beschmierte jüdische Geschäfte. 
  
1933 wurden 88 jüdische Einwohner in der Stadt gezählt (0,4 % von insgesamt 23.257). Die Tübinger Studentenschaft war stark antijüdisch eingestellt. Am 7. Februar 1933 forderte der Allgemeine Studentenausschuss einen Professor auf, seinen jüdischen Assistenten durch einen "deutschen" zu ersetzen. Durch die Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, die zunehmende Entrechtung und die ständigen Repressalien verließ ein Teil der jüdischen Einwohner bereits bis 1938 die Stadt. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge niedergebrannt. 1941 und 1942 wurden 14 der letzten jüdischen Einwohner nach Riga, Izbica, Theresienstadt und Auschwitz deportiert.  
 
Von den in Tübingen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):  Julie Babette Berger geb. Dessauer (1883), Lina Bloch geb. Liebmann (1876), Werner Dahl (1921), Erich Dessauer (1887), Ernst Nathan Dessauer (1882), Walter Alexander Edel (1886), Anne Erlanger geb. Dessauer (1883), Fritz Erlanger (1913), Terese Erlanger (1883), Heinz Feigenheimer (1916), Margarete Frank geb. Dahl (1917), Arthur Hirsch (1886), Elisabeth Klara Lammfromm (1869), Elsa Laupheimer geb. Katz (1880), Kläre (Käte) Levi geb. Abel (1920), Cäcilie Lewinsohn (1880), Rudolf (Raphael) Lewkowitz (1897), Ilse Löwenstein geb. Bloch (1914), Max Löwenstein (18744), Sofia Löwenstein geb. Liebmann (1879), Blanda Marx geb. Schwarz (1878), Marga Marx geb. Rosenfeld (1909), Ruth Marx (1933), Mina Mayer geb. Weil (1877), Dr. Albert Pagel (1885), Charlotte Pagel (1894), Ilse Plotke geb. Levy (1915), Philippine Reinauer (1860), Sofie Reinauer (1869), Charlotte Schemel geb. Pagel (1894), Selma Schäfer geb. Seemann (1887), Julius Berthold Spier (1925), Elfriede Spiro (1894), Hans Spiro (1898), Hermann Stettiner (1911), Klara Wallensteiner geb. Reichenbach (1869), Carl Weil (1879), Sofia Weil geb. Mayer (1852), Josef Wochenmark (1880), Bella Wochenmark geb. Freudenthal (1887), Karl Wolff (1905), Alexius Ziegler (1911).         
  
An die Opfer der Verfolgungszeit 1933 bis 1945 erinnert eine 1983 am Holzmarkt (Mauer zur Stiftskirchenseite) angebrachte Gedenktafel. – Im Foyer der Neuen Aula der Universität in der Wilhelmstraße  erinnert seit 1984 eine Gedenktafel an 11 ermordete ehemalige Tübinger Studenten, die in Verbindung mit dem Widerstandskreis des 20. Juli standen (darunter Dr. Fritz Elsas, vgl. Bad Cannstatt). - Auf dem Wankheimer jüdischen Friedhof findet sich seit 1947 ein Gedenkstein mit den Namen von 14 ermordeten Tübinger Juden.
   
   
    
    
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
    
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1893 / 1934   

Tuebingen Israelit 06031893.jpg (45758 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. März 1893: "Universitätsstadt Tübingen. Die hiesige israelitische Religionslehrer-, Vorbeter- & Schächterstelle soll durch einen tüchtigen, geprüften, militärfreien, ledigen Mann zum 15. Mai dieses Jahres besetzt werden. Bewerber wollen sich sofort zur Einleitung des Weiteren unter Beischluss von Zeugnissen wenden an das Israelitische Kirchenvorsteheramt."
 
Tuebingen Israelit 14061934.jpg (63629 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Juni 1934: "Wir suchen a) für die Israelitische Religionsgemeinde Tübingen zu sofortigem Antritt möglichst einen auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (BBG) zur Ruhe gesetzten Vorbeter und Religionslehrer (liberal). Gewährt wird eine Zulage, durch die die vollen Bezüge eines Beamten der zuständigen Besoldungsgruppe abzüglich der besonderen württembergischen Kürzung erreicht werden…
Meldungen sind unter Beifügung eines Lebenslaufes und beglaubigten Zeugnisabschriften bis zum 28. Juni einzureichen beim Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, Stuttgart, Königstraße 82."

  
Spendenaufruf des Lehrers Ad. Ehrlich (1891)   

Tuebingen Israelit 28051891.jpg (69027 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Mai 1891: "Edle Glaubensgenossen! 
Obwohl Euer Wohltätigkeitssinn immer in Anspruch genommen ist, sehe ich mich dennoch veranlasst, an Eure Mildtätigkeit zu appellieren. In dem benachbarten R. befindet sich eine Familie, welche dem größten Elende preisgegeben ist, wenn nicht rasche Hilfe eintritt. Der Ernährer der 11 Köpfe zählenden Familie kann die wegen Erkrankung seiner Frau schon gesteigerten Bedürfnisse unmöglich erschwingen und deshalb befindet sich die Familie in bitterster Not. 
Der Unterzeichnete ruft daher das Mitleid seiner Glaubensgenossen an und gibt die Versicherung, dass es nicht für einen Unwürdigen geschieht. 
Milde Gaben wolle man gefälligst richten an die Expedition dieses Blattes und an den Unterzeichneten. 
Tübingen, den 25. Mai 1891. Ad. Ehrlich, Lehrer."

      
 Zum Tod von Lehrer Leopold Polack (1923, Lehrer in Tübingen 1914-1923)  

Olnhausen Israelit 19071923.jpg (117460 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Juli 1923: "Tübingen, 16. Juli (1923). Am Freitag wurde auf dem Friedhof Wankheim (nicht: Werkheim) (bei Tübingen) der Lehrer der Tübinger Gemeinde, L. Pollak, zu Grabe getragen. Ein echter Jehudi ist mit ihm gestorben, der in vierzigjähriger Tätigkeit, kurze Zeit in bayrischen Gemeinden, dann 26 Jahre in Olnhausen (bei Heilbronn) und zuletzt neun Jahre in Tübingen das Banner des toratreuen Judens hochgehalten und Generationen in diesem Geiste erzogen hat. Was er am letzten Orte seiner Wirksamkeit in anders gesinnter Umgebung für Schechita und Religionsunterricht getan hat, kann nicht genug gerühmt werden; selbst in den kranken Tagen hat er seine Schüler in seinem Hause mit der Lehre Gottes bekannt gemacht. Seine Beerdigung legte durch die übergroße Beteiligung noch einmal Zeugnis für seine Leistungen ab; kurz, wegen des nahenden Sabbats, sprachen der Bezirksrabbiner Herr Dr. Schweizer (Horb), als Vertreter des Kirchenvorsteheramtes der israelitischen Gemeinde Tübingen Herr Rechtsanwalt Dr. Katz, im Auftrage der Nachbargemeinde Hechingen Herr Lehrer Schmalzbach, als Vertreter des württembergischen Lehrerverbandes Herr Lehrer Rothschild, Esslingen. Herr Rabbiner Posner widmete dem Verstorbenen kurz vor Schabbat-Eingang warme Worte der tiefsten Verehrung und Hochschätzung. Als die letzten Schollen das Grab deckten, zog fast der Monat Aw ein und die Kinder kehrte ohne Aw (= Vater) an die leere Stätte ihres Elternhauses zurück. Möge Gott ihnen und der betrübten Witwe beistehen. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."  
  
Tuebingen Israelit 19071923a.jpg (53431 Byte)Traueranzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Juli 1923: "Statt besonderer Anzeige! Am 28. Tammus verschied nach längerem, in großer Geduld ertragenem Leiden, mein lieber Gatte, unser fürsorglicher guter Vater, Schwiegervater, Bruder und Schwager, der Lehrer und Vorsänger Leopold Pollak im noch nicht vollendeten 65. Lebensjahre. 
Pauline Pollak geb. Heidelberger. Tübingen, im Aw 5683 - Juli 1923. 
Die Beerdigung hat bereits stattgefunden."  

 
   
Einzelne Berichte zur jüdischen Geschichte    

Aus einem Abschnitt der Zeitschrift "Der Israelit" über eine obskure, in Tübingen erschienene christliche Schrift (1841)  

Tuebingen Israelit19Jh 14031841.jpg (194688 Byte)Der Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit des 19. Jahrhunderts" vom 14. März 1841 wird nicht ausgeschrieben; bei Interesse bitte anklicken. 

  
In Tübingen darf immer noch kein Jude wohnen (1850)  

Tuebingen Israelit 11111850.jpg (136840 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. November 1850: "Tübingen, im November (1850). Ich befinde mich hier im Württemberger Land, in welchem in diesem Augenblicke wenigstens noch die deutschen Grundrechte geltend sind, in welchem, was noch viel mehr sagen will, die Duldung und Gleichberechtigung seit langer Zeit schöne Triumphe gefeiert, tief gewurzelt hat. Und gerade in Tübingen werde ich daran erinnert, dass der gerühmte Geist der Neuzeit noch lange Zeit nicht überall im deutschen Vaterland zur Herrschaft gelangt ist, dass nicht bloß im großen ‚Vaterland des Deutschen’, sondern in kleinem Lande dicht nebeneinander der verschiedenste Geist sich betätigt. Wie nahe ist Stuttgart der Universitätsstadt Tübingen – und welch anderer Geist wehet an beiden Orten! In Stuttgart kaum eine Spur von Religionshass noch, und in Tübingen – darf noch heute kein Jude wohnen. Er darf gesetzlich wohl, aber faktisch darf er es nicht wagen, ich glaube, die Stadt stünde auf. Nein, in einem nahen Dorfe müssen sie wohnen (sc. Wankheim), und so beschwerlich dies für Beide ist, für die Juden und die Tübinger, es muss so sein. Welch dichte Finsternis herrscht hier in den Köpfen des Volkes in dieser Beziehung noch, auf welche Hindernisse stößt die Besserung noch, als ob noch Jahrhunderte dazu gehören möchten. Sie liegt Tübingen im gesegneten Württemberg wie eine Insel des Religionshasses – aber schade, dass es nicht einmal die einzige Insel da ist. Ein Stück Spanien und Neapel mitten in Deutschland."

  
Der Stadtrat muss einem jüdischen Mann das Bürgerrecht verleihen (1852)  

Tuebingen AZJ 06091852.jpg (38847 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. September 1852: "Der demokratische Stadtrat von Tübingen wurde von der königlichen Regierung gezwungen, einem Israeliten das Bürgerrecht zu verleihen, jetzt verweigert derselbe die Bürgeraufnahme dessen Kindern. Solche Humanitätsbeweise liberaler Stadträte hat Württemberg vielseitig aufzuweisen."

   
Gründung eines liberalen jüdischen Landesverbandes in Tübingen (1913)          

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 10. Januar 1913: Tübingen, 7. Januar (1913). Hier fand gestern eine zahlreich besuchte Versammlung statt, die der Gründung eines liberalen jüdischen Landesverbandes galt. Den Vorsitz führte Dr. Karl Ries- Stuttgart. Das Hauptreferat erstattete Rabbiner Dr. Tänzer - Göppingen. Nach längerer Debatte wurde einstimmig die Gründung des Landesvereins beschlossen. Zum Vorsitzenden wurde Landgerichtsrat Dr. Stern - Stuttgart gewählt."          

 
Prof. Dr. Nägele verhält sich für den Schwäbisch Albverein judenfreundlich (1930)  

Tuebingen CV-Ztg 21111930.jpg (225185 Byte)Artikel in der Zeitschrift des Central-Vereins (CV-Zeitung") vom 21. November 1930: "Vorbildliche Neutralität
Der Vaterländische Schwäbische Albverein hat aus Ersparnisgründen den Druck seines Blattes einer Tübinger Druckerei übertragen, deren Inhaber Jude ist.  Einige Mitglieder des Vereins sind deshalb aus dem Verein ausgetreten. Der Vorsitzende, Prof. Dr. Nägele (Tübingen), geht in nr. 11 der Blätter des Schwäbischen Albvereins in einem Artikel ‚An unsere Mitglieder’ auf den Vorfall ein. Er schreibt unter anderem: 
‚… Von zehn Druckereien zwischen Tübingen, Stuttgart und Göppingen liefen, teils verlangt, teils unverlangt, Angebote ein. Weitaus das billigste war das der ‚Tübinger Chronik’ (Besitzer A. Weil). Ein auf Grund reicher Erfahrung abgefasster Vertrag sichert den Verein vor jeglicher Mehrforderung. Wie groß die Ersparnisse sein werden und worin sie bestehen, braucht hier nicht ausgeführt zu werden. Da schreiben nun die Nationalsozialisten: ‚Wir sind dagegen, dass eine jüdische Druckerei das Blatt druckt, zu dessen Herstellung unsere Beiträge verwendet werden’, ja sie fordert die Parteigenossen mit der Lösung: ‚Keinen Pfennig einer jüdischen Firma!’ bereits zum allgemeinen Austritt auf!
Ist das der Anfang des Kampfes gegen ‚Rom und Juda’ auf schwäbischem Boden? Wir wissen nicht, wie viele unserer Mitglieder zu der erwähnten Partei gehören, deren Wahlsieg am 14. September die ganze Welt überrascht hat, aber wir können nicht glauben, dass ein echter Albvereinsfreund, auch wenn er zu den Nationalsoziallisten gehört, dass überhaupt jemand, der die 42jährige Geschichte des Albvereins kennt und seine Leistungen genießt, deswegen, weil etwa der zwanzigste Teil des Jahresaufwandes durch die Druckereimaschinen eines israelitischen Besitzers geht, in der hier getroffenen Sparmaßnahme einen Grund erkennt, einem Verein den Rücken zu kehren, der jeder Politik fern steht, keine Weltanschauung verletzt und sich anerkanntermaßen im Sinne der Heimat- und Vaterlandsliebe, des sozialen Ausgleichs und der Volksgemeinschaft in gemeinnütziger, meist ehrenamtlicher Weise betätigt, und das alles zunächst auf schwäbischem Boden, dann aber auch als Glied des Reichsverbandes deutscher Gebirgs- und Wandervereine.
Gegen diesen Versuch, den Vereinsfrieden und die Vereinsarbeit durch den Angriff auf eine ganz nebensächliche Maßnahme zu stören, erhebt die Vereinsleitung entrüstet Einspruch. Nicht der Besitzer der Druckmaschinen, sondern die Vereinsleitung und mit ihr all die getreuen Mitglieder entscheiden über den Geist unseres vaterländischen Vereins…"
 
Tuebingen Israelit 06111930.jpg (62762 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. November 1930: "Stuttgart. Die Nationalsozialisten haben ihre Parteigenossen zum Austritt aus dem weit verbreiteten Schwäbischen Albverein aufgefordert, weil die Vereinsleitung, aus Sparsamkeitsgründen, den Druck ihrer Blätter für 1931 einer Firma übertrug, deren jüdischer Inhaber von zehn Angeboten das niedrigste gemacht hatte. Der Schwäbische Albverein wendet sich gegen eine solche Hetze und bittet seine Mitglieder, welchen Glaubens sie auch sein mögen, sich von keinerlei gehässigen Verleumdungen dieser Art irre machen zu lassen."

   
Hässlicher Antijudaismus
im benachbarten Derendingen wird nur milde bestraft (1931)  

Artikel in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des "Central-Vereins") vom 14. August 1931: "15 Mark Geldstrafe. 'Wenn das Judenblut vom Messer spritzt...'  
Unter den gewiss nicht zarten Marschgesängen der nationalsozialistischen Liederbücher zum Gebrauche ihrer Landsknechtstruppen finden man ein Lied nicht: Sogar die Parteileitung scheint sich des strafbaren Charakters dieses Liedes bewusst zu sein! Trotzdem wird es gesungen, obwohl es unverhüllte Morddrohung bedeutet. Denn der zweite Vers des schönen Liedes lautet folgendermaßen: '
Wenn der Sturmsoldat zu Felde zieht, 
Dann hat er frohen Mut! 
Und wenn das Judenblut vom Messer spritzt, 
Dann geht's noch mal so gut!'   

Gegen Mitglieder der SA-Abteilung, die vor kurzem, dieses Lied singend, durch Derendingen (Württemberg) hindurchmarschierten, ist Strafantrag gestellt worden. Nicht nur auf Grund des § 130 Strafgesetzbuch, für dessen Anwendung dieser Schulfall einer Aufreizung zum Klassenhass gewiss genügend Handhabe bot, sondern vor allem auf Grund des § 2, Ziffer 2 der Notverordnung schien eine strenge Verurteilung geboten und sicher zu sein.   
Was aber tat das zuständige Schöffengericht? Weder der Staatsanwalt noch der Amtsrichter hielten es für notwendig, die Notverordnung auch nur zu erwähnen. Das Gericht hat lediglich groben Unfug angenommen und demgemäss gegen einige der Angeklagten Geldstrafen in Höhe von 15 Mark (fünfzehn!) verhängt. Zumindest ist die Annahme 'groben Unfugs' beim Absingen solcher Lieder ein staatsgefährlicher Irrtum, und so lächerliche Geldstrafen wirken geradezu wie eine Prämie für die erfolgreiche Aufreizung zum politischen Mord. Ka."    

    
    
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde  
Dr. Hayum wird zum Obmann des Bürgerausschusses gewählt (1911)   

Tuebingen FrfIsrFambl 20011911.jpg (34658 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 20. Januar 1911: "Stuttgart. In Laupheim wurde Direktor Julius Hirsch in den Bürgerausschuss, dem er schon bisher als Obmann angehörte, wiedergewählt und in Tübingen Rechtsanwalt Dr. Hayum zum Obmann des Bürgerausschusses gewählt." 

  
Gustav Hirsch wird zum israelitischen Kirchenvorsteher wiedergewählt (1912)      

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom  19. Januar 1912: "Bei der am 29. vorigen Monats in Tübingen vorgenommenen Wahl eines Kirchenvorstehers wurde das austretende Mitglied, Herr Gustav Hirsch, mit allen abgegebenen Stimmen wiedergewählt. Derselbe gehört seit 36 Jahren ununterbrochen dem Kollegium an".         


   
Berichte zu jüdischen Studierenden und Professoren
  
Aus dem Semesterprogramm der Universität (1846)     

Tuebingen AZJ 20041846.jpg (56824 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 20. April 1846: "2. April. An unserer Landesuniversität werden nächstes Sommerhalbjahr unter Anderem folgende Vorlesungen gehalten: Geschichte der hebräischen Nationalliteratur, alttestamentliche Interpretations-Übungen, Erklärung des Deutero-Jesaja und ausgewählter Psalmen, arabische, aramäische, Zend- und neupersische Sprache. Die Hochschule besuchen gegenwärtig 9 Israeliten. Die israelitischen Studierenden dort bilden schon seit mehreren Jahren einen Verein, der die besseren jüdischen Tagblätter, und sonstige, auf diesem Gebiet erscheinende Schriften liest."

 
Bericht über die jüdischen Studierenden (1852)  

Tuebingen AZJ 22111852.jpg (58393 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 22. November 1852: "Die Hochschule in Tübingen ist gegenwärtig stark von Israeliten frequentiert, doch interessieren sich dieselben weniger für das Judentum, als die früheren. Die Promotion aus den Jahren 1837 bis 1842 hat jüngst eine Zusammenkunft gehabt, bei der besonders die Tagesfragen des Judentums zur Sprache kamen. Es ist eine erfreuliche Erscheinung, dass die gelehrten Israeliten von Beruf in Württemberg sich lebhaft an der Gestaltung der Synagoge beteiligen."

         
Lehrer Alexander Elsässer (Jebenhausen) weist auf Besprechungen einer Schrift von Professor Dr. Leopold Pfeiffer hin (1859)   
Anmerkung: Dr. jur. Leopold Pfeiffer (geb. 25. Oktober 1821 in Weikersheim, gest. 4. November 1881 in Tübingen), war seit 1851 bis zu seinem Tod 1881 Rechtslehrer (außerordentlicher Professor) an der Universität Tübingen (im Bereich Zivilprozess und Strafprozess in Verbindung mit Strafrecht; veröffentlichte wichtige rechtswissenschaftliche Arbeiten; wohnte in Tübingen am Hirschauer Tor, Neckarhalde 27). War seit 1860 verheiratet mit Jeanette geb. Ezechiels (geb. 28. Juli 1829 in Rotterdam, gest. 20. März 1915 in Tübingen). Leopold und Jeanette Pfeiffer wurden im israelitischen Teil des Pragfriedhofes in Stuttgart beigesetzt; ihre Gräber sind erhalten. Literatur: Joachim Hahn: Pragfriedhof Stuttgart, israelitischer Teil S. 167; Lilli Zapf: Die Tübinger Juden. 1978² S. 31ff.    

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 26. September 1859: "Jebenhausen, im September (1859). Schon früher haben wir auf die Schrift von Professor Dr. Leopold Pfeiffer in Tübingen: 'Das gemeine deutsche Strafrecht der Gegenwart, 1. Abteilung, Tübingen, Laupp, XIX. u. 415 S. gr. 8' aufmerksam gemacht, den Fachmännern das Urteil über dieselbe überlassend; wir sind jetzt in der Lage, auf gewichtige anerkennende Urteile über diese juridisch bedeutende Schrift hinzuweisen. Gersdorfs Repertorium in dem ersten Hefte, die Jahrbücher der deutschen Rechtswissenschaft und Gesetzgebung von Dr. H. Z. Schletter V. Band 2. Heft, Erlangen, bringen letztere, S. 124 von Geheimjustizrat Dr. Krug rühmliche Kritiken über dieses Werk. Dr. Julius Friedrich Heinrich Abegg stellt in seiner neulichst erschienenen Schrift: 'Die Berechtigung der deutschen Strafrechtswissenschaft der Gegenwart' das Werk Pfeiffers dem von Wächters rühmlich an die Seite, rühmt die scharfsinnige Auffassung und stellt dem II. positiven teil ein günstiges Prognostikon. - Herr Professor Dr. Pfeiffer hat sei seiner Lehr- und literarischen Tätigkeit sein Herz für jüdische Literatur und israelitisches Leben offen behalten und folgt mit besonders warmem Interesse den Kundgebungen des jüdischen Literaturvereins, dessen Mitglied er ist. Auch Nichtjuristen werden in seinem neuesten Werke seine philosophische und juridisch-historische Durchbildung leicht erkennen; der positive 2. Teil seines Werkes, der demnächst erscheint, dürfte Epoche in der deutschen Strafrechtsliteratur machen und werden wir seinerzeit wieder in diesen Spalten darüber Bericht erstatten. A. Elsässer."           

 
Antrittsrede von Prof. Dr. Gundelfinger (1874) 
Anmerkung: es handelt sich um Prof. Dr. Sigmund Gundelfinger (geb. 1846 in Kirchberg an der Jagst, gest. 1910 in Darmstadt): war seit 1869 Privatdezent an der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Tübingen, seit 1874 außerordentlicher Professor der Mathematik; 1879 wurde er an die Technische Hochschule in Darmstadt berufen. War zu seiner Zeit einer der bedeutendsten Mathematiker Deutschlands.       

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. August 1874:  "Tübingen, 23. Juli (1874). In der Aula der hiesigen Universität hielt heute Dr. Gundelfinger seine akademische Antrittsrede als außerordentlicher Professor in der naturwissenschaftlichen Fakultät über die Entwicklung der Geometrie, besonders im 19. Jahrhundert."         


Ehrendoktoren der Universität für jüdische Forscher (1877)  

Tuebingen AZJ 21081877.jpg (53514 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 21. August 1877: "Tübingen, 9. August (1877). Wie bekannt, feiert in diesen Tagen die hiesige Universität ihr 400jähriges Jubelfest. Wie es Sitte ist, wurde bei dieser Gelegenheit eine Anzahl ausgezeichneter Männer zu Ehrendoktoren kreiert. Hierzu gehörten diesmal auch zwei Israeliten: Professor Ferdinand Cohn (Botaniker) in Breslau und Bernstein (als Naturforscher und populär-naturwissenschaftlicher Schriftsteller) in Berlin. Der von einigen Judenfeinden schon mehrere Male wiederholte Vorwurf, dass die Juden auf naturwissenschaftlichem Gebiete nichts leisteten ist hierdurch abermals widerlegt."

 
Duell zwischen jüdischem und nichtjüdischem Studenten mit tödlichem Ausgang (1880)  

Tuebingen AZJ 30111880.jpg (71832 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30. November 1880: "Tübingen, 15. November (1880). Die abscheuliche Anstachelung der niedrigsten Leidenschaften gegen die Juden in Deutschland bringen immer traurigere Früchte hervor. Kaum dass die Kunde von dem Duell in Hanau sich verbreitet hat, und es ist von hier aus von einem gleichen Vorfall zu berichten. Die Duellanten waren der Student Karl Grimm aus Brück in Brandenburg und Tykociner aus Warschau. Der Erstere hatte sich eine Provokation des Letzteren, der Jude ist, zu Schulden kommen lassen. Beim Duell schoss Tykociner den Grimm mitten ins Herz. Tykociner wurde, nachdem er sich freiwillig dem Gerichte gestellt hatte, gegen eine Kaution von 2.000 Mark auf freien Fuß gelassen, aber bald hernach wieder verhaftet." 

   
Zum Tod von Prof. Dr. Leopold Pfeiffer (1821-1881)   

Tuebingen Israelit 16111881.JPG (144055 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. November 1881: "Tübingen, 4. November (1881). Prof. Dr. Pfeiffer hier wurde heute Morgen nach 9 Uhr im Lesezimmer des Museums vom Schlage gerührt und war sofort tot. Der so jäh aus dem Leben Geschiedene gehörte der juristischen Fakultät seit einer Reihe von Jahren als außerordentlicher Professor an. Am vorigen Montag wurde der Verstorbene auf dem israelitischen Friedhofe in Stuttgart vom Bahnhofe aus beerdigt. Es hatten sich zu der ernsten Feier u.a. Ministerialdirektor Dr. v. Silcher, Landesgerichtsdirektor von Firnhaber, Staatsanwalt Schönhardt und jüngere Justizbeamte, welche Schüler des Verstorbenen waren, eingefunden. Die gesamte israelitische Oberkirchenbehörde war im Leichengefolge und Kirchenrat Rabbiner Dr. Wassermann hielt die Grabrede, in welcher er darauf hinwies, wie eifrig der Verstorbene bestrebt gewesen sei, seiner Religion Achtung zu verschaffen, wie er aber auch jede andere Religion hochgehalten habe. Aus der Lebensskizze, die der Redner entwarf, entnehmen wir, dass Pfeiffer am 25. Oktober 1821 in Weikersheim geboren wurde. Das Studium der Jurisprudenz, welches er erwählt, absolvierte er an den Universitäten Berlin und Tübingen, 1861 verheiratete er sich. An der Landesuniversität war er als Privatdozent, später außerordentlicher Professor viele Jahre tätig. Hebräisch Gebet und Segen schloss die Feier, welche auf Wunsch des Dahingeschiedenen ohne jeglichen Pomp gehalten war. Er war ein Freund und Wohltäter vieler Studenten an der Landesuniversität. Die Familie ist reich und kinderlos. Merkwürdig ist, dass Prof. Pfeiffer am gleichen Tag wie sein Vater der Kommerzienrat vor 44 Jahren gestorben und am gleichen Tag wie seine Mutter vor 47 Jahren beerdigt worden ist. Seligen Andenkens."  
 
Tuebingen AZJ 29111881.JPG (136774 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 29. November 1881: "Aus Württemberg, 12. November (1881). Am 4. dieses Monats starb in Tübingen im Lesezimmer des Museums unerwartet schnell, vom Schlage gerührt, Prof. Dr. jur. Leopold Pfeiffer, der einzige akademische Lehrer jüdischen Glaubens in Württemberg, der mehrere Jahrzehnte lang an dieser Hochschule gewirkt hat. Seiner Majestät unser König ließ sogleich nach der Todesnachricht der Fakultät sowohl als der Familie seine Teilnahme bezeigen. Am 7. November fand die Überführung der Leiche nach Stuttgart statt. Ein fast endloser Zug von Leidtragenden, darunter sämtliche Professoren der Universität und sämtliche studentische Korporationen, gab dem Dahingeschiedenen das Ehrengeleite bis zum Bahnhofe. Die Militärkapelle spiele den ‚Wal’schen Trauermarsch und den Choral: ‚Süß und ruhig ist der Schlummer.’ Der Verstorbene, welcher sich neben seiner erfolgreichen Wirksamkeit als akademischer Lehrer in seinem privaten Leben namentlich durch einen seltenen Grad von Mildtätigkeit, auszeichnete, war in Tübingen eine sehr populäre Persönlichkeit. Die Beerdigung fand in Stuttgart statt. Die Leiche wurde vom Bahnhof aus mit einer langen Wagenreihe nach dem israelitischen Kirchhofe gebracht und auf Wunsch des Verstorbenen ohne größere Feier zur Erde bestattet. Rabbiner Dr. Wassermann hielt die Grabrede. Unter der Verstammlung bemerkte man Ministerialdirektor Dr. Silcher, Oberlandesgerichtsdirektor Firnhaber, viele Juristen und Beamte, die Mitglieder der Israelitischen Oberkirchenbehörde, die Mitglieder der Familie Kaulla und anderer hervorragender israelitischer Familien. Pfeifer war am 21. Oktober 1821 in Weikersheim geboren und erreichte somit das 60. Lebensjahr. Der 4. und 7. November, sein Todes und Begräbnistag, waren längst Trauertage in seiner Familie, denn am 4. November vor 41 Jahren starb sein Vater, am 7. November vor 47 Jahren wurde seine Mutter begraben. Seine Ausbildung erhielt Dr. Pfeiffer auf den Gymnasien in Mannheim, in Stuttgart und auf den Universitäten in Tübingen und Berlin. Für seine Glaubensgenossen zeigte Dr. Pfeiffer stets das regeste Interesse und beteiligte sich bei allen Angelegenheiten der sich erst neu gebildeten israelitischen Gemeinde Tübingen."  

    
Prof. von Marlitz spricht sich für Juden als "gute Deutsche" aus (1886)    

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. Juli 1886: "Tübingen, 20. Juni (1886). Wenn man Gelegenheit gehabt hat, zu hören, wie ein Treitschke (sc. Heinrich von Treitschke) und in früheren Jahren ein Ad. Wagner (sc. Adolph Wagner) (wir bemerken gerne , dass Wagner in neuerer Zeit sich immer mehr das Vergnügen versagt, in seinen Vorlesungen Antisemitik zu treiben, und dass er sich einen gewissen Grad von Objektivität anzueignen bestrebt ist) von dem Katheder herab vor einem gläubigen Auditorium ihr Anathema gegen die jüdische Rasse schleuderten und wie sie uns Juden das deutsche Bürgerrecht absprachen, so berührt es doppelt angenehm, von einer ähnlichen Stelle aus gerade das Gegenteil zu vernehmen. In seiner Vorlesung über 'Allgemeines Staatsrecht und Politik' kam vor einiger Zeit der hiesige Professor Dr. von Marlitz auf die Frage zu sprechen: Sind die Juden Deutsche oder bilden sie eine eigene Nation? Mit aller Entschiedenheit vertrat er seine Ansicht, dass die Juden ebenso gute Deutsche wie die Anhänger jeder anderen Konfession in Deutschland sind, und dass die Behauptung des Gegenteils eine tendenziöse Einstellung sei, die leider bei dem steigenden Nationalitätsprinzipe unserer Zeit in unserem Jahrhundert zum dritten Mal wiederkehren.  
Wir wünschen nur, dass die anwesenden Zuhörer von dieser Äußerung ebenso Notiz genommen hätten, wie dies bei gegenteiligen über diesen Gegenstand der fall ist und war, und in ihrem künftigen Berufe als Beamte etc. von der Berechtigung unseres Verlangens, als jüdische Deutsche und nicht als deutsche Juden behandelt zu werden, überzeugt sein möchten."    

       
Erneuerung des Doktor-Diploms für Gustav Weyl und Jacob Auerbach (1887)  

Tuebingen AZJ 10021887.jpg (17081 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 10. Februar 1887: "Die Universität Tübingen hat den Herren Gustav Weyl in Heidelberg und Jacob Auerbach in Frankfurt am Main das ihnen vor 50 Jahren erteilte Doktordiplom erneuert." 

    
Antijüdische Beschlüsse der Satisfaktion gebenden Korporationen der Studentenschaft (1904)  

Tuebingen AZJ 26021904.jpg (41529 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 26. Februar 1904: "In Tübingen hat die Studentenschaft in einer Vertreterversammlung sämtlicher Satisfaktion gebender Korporationen den Beschluss gefasst, keinem Angehörigen einer jüdischen Verbindung mehr Satisfaktion zu geben. Schon vor einiger Zeit war eine Bitte an das Universitätsamt gerichtet worden, eine jüdische Verbindung nicht zu genehmigen. Das Universitätsamt hatte sich aber dahin ausgesprochen, der etwaigen Gründung einer solche nichts in den Weg zu legen."  
 
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. März 1904: "Tübingen. Die hiesige Studentenschaft hat in einer Vertreterversammlung sämtlicher Satisfaktion gebenden Korporationen den Beschluss gefasst, keinem Angehörigen einer jüdischen Verbindung mehr Satisfaktion zu geben. Da die Zahl der Juden auf hiesige Hochschule in letzter Zeit bedeutend zugenommen hat, sodass man dem Entstehen einer jüdischen Verbindung hier entgegensehen konnte, war schon vor einiger Zeit eine Bitte an das Universitätsamt gerichtet worden, eine solche Korporation nicht zu genehmigen. Das Universitätsamt hatte sich aber dahin ausgesprochen, der etwaigen Gründung einer jüdischen Verbindung nichts in den Weg zu legen."   

    
Auszeichnung für den Jurastudenten W. Tennenbaum (1910)  

Tuebingen AZJ 02121910.jpg (23514 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 2. Dezember 1910: "Stud. jur. W. Tennenbaum, Sohn des bekannten Stuttgarter Kantors, erhielt bei der jüngsten Preisverteilung in der juristischen Fakultät in Tübingen den ersten Preis mit goldener Medaille zuerkannt."

     
     
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Einzelpersonen  
 
Jüdische Haushälterin sucht eine Stelle (1867)      

Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 8. Januar 1867: "Ein sehr tüchtiges Frauenzimmer, Israelitin, von angenehmen Äußer, der die besten Zeugnisse ihrer bisherigen Herrschaften zur Seite stehen, wünscht als Haushälterin bei einem ältlichen Herrn plaziert zu werden. Dieselbe ist im Koch sehr tüchtig. 
Adressen beliebe man A.D.B. poste restante nach Tübingen (Württemberg) zu richten."         

      
Anzeige von Kaufmann M. Jacobi (1885)   
Anmerkung: es handelt sich um Maier Jacobi (geb. 20.1.1827 in Aufhausen), der 21 Jahre lang Lehrer in Haigerloch war, anschließend 1878 mit seiner Familie nach Tübingen zog, wo er als Kaufmann tätig war und am 19. Januar 1901 verstorben ist. Er war verheiratet mit Friederike geb. Hirsch aus Haigerloch (geb. 9. April 1838 in Haigerloch, gest. 3. Juni 1925 in Tübingen). Die Tochter Johanna (geb. 17. September 1861 in Haigerloch, gest. 5. Oktober 1845 in England) heiratete am 8. Juli 1885 den Kaufmann Josef Hilb aus Haigerloch (geb. 18. Dezember 1851 in Haigerloch, gest. 13. Januar 1900 in Ludwigsburg). 
Quelle: J. Hahn: Jüdisches Leben in Ludwigsburg S. 406. L. Zapf: Die Tübinger Juden S. 135-138.  

Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 13. Oktober 1885: "Tübingen. Eine Wärterin (Israelitin), welche in einem Krankenhause als Aushilfswärterin tätig war, sucht eine passende Stellung, entweder in einem Krankenhause, oder als Privatanwärterin in einer Gemeinde gegen Wartegeld oder bei einer Privatperson. Zeugnisse stehen zu Gebot. Nähere Auskunft erteilt M. Jacobi, Kaufmann".    

  
Anzeige des Manufaktur- und Konfektionsgeschäftes Leopold Hirsch (1916)       

Tuebingen FrfIsrFambl 30061916.jpg (53978 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Juni 1916:
 "Lehrlings-Gesuch.  
Für mein Manufaktur- und Konfektionsgeschäft suche ich zum baldigen Eintritt einen Lehrling. Eventuelle Kost und Wohnung im Hause.   
Leopold Hirsch, 
Tübingen in Württemberg.
"     

       
Verlobungs- und Hochzeitsanzeigen von Dr. Siegfried Koppel und Edith geb. Hayum (1924)     

Anzeige in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des "Central-Vereins") vom 31. Januar 1924: 
"Statt Karten! Edith Hayum - Dr. med. Siegfried Koppel. Verlobte. 
Tübingen - Köln am Rhein. Venloer Straße 324".          
 
Anzeige in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des "Central-Vereins") vom 27. März 1924: 
"Dr. med. Siegfried Koppel - Edith Koppel geb. Hayum. Vermählte. 
Köln am Rhein-Ehrenfeld, Venloer Straße 324 - Tübingen."    

  
  
   
   
Zur Geschichte der Synagoge       
      
Im mittelalterliche Wohngebiet, der heute noch sogenannten "Judengasse", befand sich eine Synagoge, möglicherweise am Platz einer inzwischen abgebrochenen Scheune zwischen Judengasse 2 und 4 (früheres Gebäude Nr. 276). 
     
Nachdem 1848 die ersten Juden aus Wankheim nach Tübingen gezogen waren, benutzten diese und auch die in den folgenden Jahren zuziehenden Familien die kultischen Einrichtungen der Wankheimer Gemeinde. Im Mai 1882 wurde auf Antrag des Israelitischen Kirchenvorsteheramtes Wankheim von der Israelitischen Oberkirchenbehörde beschlossen, den Sitz der die Wohnorte Wankheim, Reutlingen und Tübingen umfassenden jüdischen Gemeinde nach Tübingen zu verlegen. Kurz zuvor war schon der Abbruch der Wankheimer Synagoge und der Bau einer neuen Synagoge in Tübingen von der Oberkirchenbehörde genehmigt worden. Nachdem am Schabbat, dem 8. April 1882 ein feierlicher Abschiedsgottesdienst in der Synagoge in Wankheim stattgefunden hatte, wurde diese abgebrochen und - unter Verwendung von Baumaterialien der Wankheimer Synagoge (Steine, Holzbalken usw.) - mit dem Bau der neuen Synagoge in Tübingen begonnen. Die Baueingabe wurde am 5. Mai 1882 mit dem schriftlichen Einverständnis der Grundstücksnachbarn in der Gartenstrasse vorgenommen. Am 13. Mai passierte sie ohne Einwände den Gemeinderat unter dem damaligen Schultheiß Julius Goes. Bei einem Gottesdienst in dem von den Stadtbehörden bis zur Fertigstellung der Synagoge zur Verfügung gestellten Interimslokal deutete der Mühringer Bezirksrabbiner Dr. Michael Silberstein den freundlichen Empfang als Beweis, dass in Tübingen "ein heller, lichter Geist, der Geist des gegenseitigen Wohlwollens, der Achtung, der Duldung herrscht und waltet". In achtmonatiger Bauzeit konnte unter der Leitung von Oberamtsbaumeister Riekert die neue Synagoge auf dem Grundstück Gartenstrasse 33 erstellt werden. Es war ein von Osten nach Westen gestreckter Längsbau im Grundriss von 8,85 m auf 14,07 m, für den ein Mischstil von klassizistischen Formen (mit Anlehnungen an die Renaissance und Romanik) und maurischen Formen charakteristisch war. Im Betsaal war traditionell die Decke mit Sternen bemalt, blau auf weißem Hintergrund.  
  
Die feierliche Einweihung der Synagoge fand am Freitag und Samstag (Schabbat), dem 8./9. Dezember 1882 statt. Sie fiel mit dem Chanukkafest dieses Jahres zusammen. Am Freitagnachmittag versammelte sich eine große Festgemeinde vor dem Haus Gartenstraße 2, um von hier aus pünktlich um drei Uhr in folgender Reihenfolge zur Synagoge zu ziehen: die jüdische Schuljugend, die Träger mit den Torarollen, der Rabbiner und die jüdischen Gemeindevorsteher, die Ehrengäste und die Mitglieder der Gemeinde. Vor dem Eingang der Synagoge wurde durch eine Musikkapelle ein Choral gespielt, worauf Bezirksrabbiner Dr. Silberstein eine erste Ansprache hielt. Nach dem Eintritt in die Synagoge folgte Chorgesang, das Einheben der Torarollen und die Festpredigt von Dr. Silberstein, der dabei die Synagoge weihte "zu einer Stätte, die friedlicher Sammlung und Einigung dient". Er ahnte nicht, dass nach ihm nur noch zwei Rabbiner und sechs Kantoren am Vorbeterpult predigen würden. Nach seiner Festpredigt folgten nach Gesang, Weihegebet und Chorgesang der Freitagabendgottesdienst. Am Schabbat war um 9 Uhr Vormittagsgottesdienst und abends ein Festessen mit anschließendem Programm im unteren Museumssaal. Abends um halb neun konnte an König Karl nach Bebenhausen ein Telegramm mit dem Inhalt geschickt werden: "Die Israelitische Gemeinde Tübingen, zur Feier der Einweihung ihrer neuen Synagoge versammelt, hat soeben den Gefühlen der Ehrfurcht, der Liebe und Treue gegen Seine Majestät den König Ausdruck gegeben und wagt es, diesen Ausdruck vor die Stufen des Königlichen Thrones ehrerbietigst niederzulegen. Bezirksrabbiner und Kirchenvorsteher".   
  
Einweihung der Synagoge (1882)  

Tuebingen AZJ 26121882.jpg (63488 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 26. Dezember 1882: "Heute fand die Einweihung der von Wankheim nach Tübingen verlegten Synagoge in festlicher Weise statt. Der Festzug bewegte sich nachmittags durch die Gartenstraße zur neuen, kleinen und einfach gehaltenen, aber würdig ausgestatteten Synagoge. Die israelitische Oberkirchenbehörde war bei der Feier durch Kirchenrat Rabbiner Dr. Wassermann von hier vertreten. Unter den Ehrengästen bemerkte man den evangelischen Dekan Frank, mehrere andere evangelische Geistliche, den Oberamtmann Sandberger, den Bürgermeister und Vertreter von Lehranstalten. Die Festrede hielt der Bezirksrabbiner Dr. Silberstein von Mühringen."  

   
Hinweis auf die Predigten von Rabbiner Dr. Silberstein: Letzter Gottesdienst in der Synagoge Wankheim - Predigt zur Einweihung der Synagoge Tübingen (1882)  

Tuebingen AZJ 25121883.jpg (114721 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 25. Dezember 1882 (längerer Abschnitt über Neuerscheinungen, darunter Predigten): "…Eine wahrhaft erbauende Predigt über den Anfang des Gebetes Salomo’s und schwungreiche Reden bei den einzelnen Akten der Einweihung. Bilden so diese Reden ein würdiges Denkmal für die abgehaltene Feier, so tut dies ebenfalls folgende Schrift für einen anderen Platz: Blätter zur Erinnerung an den Abschied on der Synagoge in Wankheim sowie an die Einweihung der neuen Synagoge in Tübingen. Vier Predigten nebst einer Geschichte der Gemeinde von Dr. A. Silberstein (Esslingen, Harburger, 1883).  

   
Lehrer Thalmann hält einen Jugendgottesdienst in der Synagoge (1885)  
   

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 31. März 1885: "Man schreibt uns aus Tübingen vom 11. März: Vergangenen Sonnabend wurde in der hiesigen Synagoge von Herrn Lehrer Thalmann der erste Jugendgottesdienst abgehalten. Die Kinder, welche durch die Teilnahme am Schulunterricht vom Besuche des gewöhnlichen Gottesdienstes abgehalten werden, erhalten dadurch, abgesehen von der Familienerziehung, Gelegenheit zu beten und das belehrende Wort der Predigt zu hören. Ein Knabe rezitierte die Gebete und die andern Kinder, Knaben und Mädchen, übten die Responsorien. Herr Thalmann schilderte den Kindern den großen Wert des Gebets und das beseligende Gefühl, das im Herzen durch ein wahrhaftes Gebet entsteht. Väter und Müller beteiligten sich am Gottesdienste. (Diese Einrichtung entspricht ganz den Ansichten, die wir jüngst über den Jugendgottesdienst in diesen Blättern geäußert haben, nur dass die Predigt, wenigstens abwechselnd, zu einer Katechese werden möge. Mögen recht viele Lehrer dem Beispiele des Herrn Thalmann folgen! Redaktion)."              


Werbung der für die Synagogenbeleuchtung verantwortlichen Firma (1886)  

Tuebingen Israelit 29031886.jpg (50893 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. März 1886: "Zulauf & Co.  Inhaber: Wilhelm und Josef Reinach. Mainz und Höchst am Main. 
Fabrik in allen Gas- und Wasserartikeln, Luster, Lampen, Ampeln, Suspensions, Hähnen, Closets, Badewannen etc. etc.   
Spezialität. Synagogenbeleuchtung.
Eingerichtet wurden von uns in allerletzter Zeit die Synagogen Zweibrücken, Saargemünd, Alzey, Oberstein, Tübingen, Meiningen etc. etc."    

Ein erster Anschlag auf die Synagoge wurde bereits im Januar 1928 verübt. Mit zwei schweren Steinen wurde eines der großen Fenster völlig zertrümmert. Die Steine waren so schwer, dass von einem auch der Rohrgeflechtsitz eines Stuhles im Innern der Synagoge durchschlagen wurde. Im Herbst 1932 wurde die Synagoge aus Anlass der bevorstehenden Feier ihres 50jährigen Bestehens gründlich renoviert. Zu diesem Jubiläum fand am 25. Dezember 1932 eine "weihevolle religiöse Morgenfeier" in der Synagoge statt, zu der sich die Mitglieder der israelitischen Gemeinde zahlreich versammelt hatten. Oberlehrer Josef Wochenmark hielt die Festpredigt; Bezirksrabbiner Dr. Abraham Schweizer sprach als Vertreter des Israelitischen Oberrates. Der Israelitische Frauenverein, der sich die Ausstattung der Synagoge zu einem besonderen Anliegen gemacht hatte, stiftete zum Jubiläumsfest einen neuen Vorhang für den Toraschrein.
     
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge zerstört. Um Mitternacht vom 9. auf den 10. November plünderten zunächst zehn Männer und eine Frau die Synagoge und warfen die Torarollen in den Neckar. Unter den Plünderern befanden sich der damalige Kreisleiter der NSDAP und der damalige Bürgermeister. Zwischen drei und vier Uhr in der Frühe wurde die Synagoge in Brand gesteckt. Ein Nachbar eilte zu Hilfe und wollte die Feuerwehr alarmieren, wurde jedoch von SA-Männern daran gehindert. Die Feuerwehr traf erst verspätet ein und verhinderte nicht das völlige Ausbrennen der Synagoge. Erst am Morgen kamen Tübinger Bürger, um sich die Ruinen anzusehen. Der völlige Abbruch der Synagoge musste von der jüdischen Gemeinde bezahlt werden. 

Das Synagogengrundstück wurde 1940 weit unter Preis an die Stadt Tübingen veräußert. Nach der Beschlagnahmung durch die Alliierten 1945 kam es an die Jüdische Vermögensverwaltung JRSO, die es 1949 an die Israelitische Kultusvereinigung Stuttgart verkaufte. Von ihr wurde das Grundstück 1951 an einen Privatmann weiterverkauft, der darauf ein Wohnhaus errichtete. Die Brandstifter der Synagoge, derer man noch habhaft werden konnte, wurden 1946 und 1949 vor Gericht gestellt und zu Zuchthausstrafen von einem Jahr und acht Monaten beziehungsweise zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt.
    
An die Synagoge erinnerte nach der Neubebauung nur noch der aus der Gründerzeit erhaltene Umfassungszaun. Erst 1978 wurde zur Erinnerung an die Synagoge eine Gedenkinschrift am seitdem sogenannten "Synagogenbrunnen" angebracht. Die erste Inschrift löste vielfachen Protest aus ("Hier stand die Synagoge der Tübinger Jüdischen Gemeinde. Sie wurde in der Nacht vom 9./10. November 1938 wie viele andere in Deutschland niedergebrannt"). Sie wurde 1979 durch eine weitere Inschrift ergänzt: "Zum Gedenken an die Verfolgung und Ermordung jüdischer Mitbürger in den Jahren 1933-1945". 2000/01 wurde der Synagogenplatz neu überbaut und ein Denkmal Synagogenplatz gestaltet mit Texttafeln und Inschriften (Einweihung November 2000). Das Denkmal ist Ausgangsstation eines Tübinger Geschichtspfades. 
     
     
     
     
Fotos 
Plan / Historische Fotos: 

Die Synagoge in der Gartenstraße Tübingen 1882-1938

Tuebingen Synagoge Plan03.jpg (58505 Byte) Tuebingen Synagoge.jpg (37926 Byte)  Tuebingen Synagoge 001.jpg (106305 Byte)
Ausschnitte eines Stadtplanes von Tübingen
 (um 1900) - Gartenstraße mit Eintragung 
der Synagoge
Die Synagoge Tübingen - Anstrich mit
 maurisch-islamischem Stilelementen 
(um 1885)
Die Synagoge - weiß gestrichen (um 1930)
(Quelle: Jüdische Gotteshäuser und Friedhöfe.
 1932. S. 129)
     
Tuebingen Synagoge 003.jpg (69425 Byte) Tuebingen Synagoge 002.jpg (66434 Byte) Tuebingen Synagoge 004.jpg (48663 Byte)
Weitere Außenansicht (nach 1900). Quelle:
 Stadtarchiv Tübingen (Walter Kleinfeldt)
Innenansicht - Blick zur Empore
(Quelle: Stadtarchiv Tübingen)
Innenansicht - Blick zum Toraschrein
(Quelle: Stadtarchiv Tübingen)
     
Die Zerstörung der Synagoge 1938
(Quelle: L. Zapf s. Lit. Tafel I)
Tuebingen Synagoge 070.jpg (55897 Byte) Tuebingen Synagoge 071.jpg (60054 Byte)
  Die brennende Synagoge


Fotos nach 1945/Gegenwart:  

Fotos um 1985 
des 1978 aufgestellten Gedenk-Brunnens:
(SW-Fotos: Hahn)
Tuebingen Brunnen 02.jpg (95424 Byte) Tuebingen Synagoge 121.jpg (67866 Byte)
   Blick auf das Synagogengrundstück 
mit Gedenkbrunnen rechts hinter 
dem Auto
Foto 1998 mit derselben Ansicht 
(Quelle: cityinfonetz -
 hier anklicken)
     
Tuebingen Brunnen 05.jpg (71703 Byte)  Tuebingen Brunnen 04.jpg (70959 Byte) Tuebingen Brunnen 03.jpg (76155 Byte)
Der Brunnen  Gedenkinschrift 
für die Synagoge
Gedenkinschrift für die 
umgekommenen jüdischen Tübinger
  
     
Fotos um 1998/2000
Die umstrittene Neubebauung 
des Synagogenplatzes und die
 Neugestaltung der Gedenkstätte
Tuebingen Synagoge 106.jpg (44836 Byte) Tuebingen Synagoge 111.jpg (52896 Byte)
   Zur Neubebauung wurde das 
Grundstück abgeholzt  
Reste der Synagogengrundmauer 
wurden entdeckt  
     

  

Tuebingen Synagoge 105.jpg (46882 Byte) Tuebingen Synagoge 110.jpg (52185 Byte)
   Demonstration für den 
Erhalt der Grundmauern  
Der Neubau auf dem Grundstück wird erstellt;
 links ist der Umfassungszaun aus
 Synagogenzeiten zu sehen  
  
     
Die neue Gedenkstätte Tuebingen Synagoge 109.jpg (45129 Byte) Tuebingen Synagoge 108.jpg (51750 Byte)
  Teilansicht der neuen Gedenkstätte
   
Fotos 2003:
(Fotos: Hahn, 
Aufnahmedatum: 13.8.2003)  
Tuebingen Synagoge 168.jpg (62230 Byte) Tuebingen Synagoge 169.jpg (45558 Byte)
  Die auf dem Synagogenplatz
 erstellten Gebäude
Gedenkstele 
"Synagogenplatz"
     
Tuebingen Synagoge 160.jpg (49510 Byte) Tuebingen Synagoge 163.jpg (43824 Byte) Tuebingen Synagoge 161.jpg (50103 Byte)
Hinweistafel zur Geschichte der 
Gestaltung des Platzes
Informationsseite zur Geschichte der
 jüdischen Gemeinde in Tübingen
Informationsseite zur 
Geschichte der Synagoge
     
Tuebingen Synagoge 165.jpg (54317 Byte) Tuebingen Synagoge 162.jpg (57044 Byte) Tuebingen Synagoge 167.jpg (63429 Byte)
Die Gedenkstätte. Der rechte Würfel ist
 um den Gedenkbrunnen gesetzt 
Wasserlauf vom 
Gedenkbrunnen 
Reste des Umfassungszaunes und Markierung
 des Synagogeneingangs (rechts) 
      
Tuebingen Synagoge 170.jpg (69889 Byte) Tuebingen Synagoge 166.jpg (74086 Byte) Tuebingen Synagoge 164.jpg (75749 Byte)
Über dem Wasserlauf: die Namen der vertriebenen und ermordeten Tübinger Juden
                                      
                                 
Virtuelle Rekonstruktion der
 ehemaligen Synagoge 2006 
Zum Gedenken an die Reichspogromnacht im November 2006 präsentierten Tübinger
 Jugendliche virtuelle Rekonstruktionen der ehemaligen Synagoge in Tübingen.
Hierzu: Presseartikel aus dem Reutlinger Generalanzeiger vom 19. November 2006 (pdf-Datei)
Tuebingen Synagoge 895.jpg (115088 Byte) Tuebingen Synagoge 892.jpg (53093 Byte) Tuebingen Synagoge 890.jpg (55813 Byte)
Programm der Veranstaltungen 2006 zum Gedenken an die Pogromnacht   Oben und unten: Details aus der virtuellen Rekonstruktionen der ehemaligen Synagoge 
   
   
   Tuebingen Synagoge 893.jpg (34295 Byte) Tuebingen Synagoge 891.jpg (19972 Byte)
        

   
   
Einzelne Presseberichte zur jüdischen Geschichte 

November 2009: Fotograf des Synagogenbrandes von 1938 ist namentlich bekannt  
Tuebingen Synagoge 1938a.jpg (56742 Byte)Foto links von Richard von Frankenberg: Vor 71 Jahren ging die Tübinger Synagoge in Flammen auf. 
Artikel von Michael Petersen in der "Stuttgarter Zeitung" vom 9. November 2009 (Artikel):  
"Geheimnis gelöst - Foto der Synagoge in Flammen. 
Tübingen
- Von einem "eindrucksvollen Zeugnis eines Verbrechens", spricht die Tübinger Kulturamtsleiterin Daniela Rathe. Gemeint ist das Foto der brennenden Tübinger Synagoge, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Flammen aufging. Wie so viele andere war dieses Gotteshaus von NSDAP-Mitgliedern in Brand gesteckt worden. Das Foto ist seit langem bekannt, die Abzüge lagern im Staatsarchiv Sigmaringen. "Das Foto stammt von einem 16-Jährigen mit jüdischem Hintergrund, der das Bewusstsein gehabt hat, dass Unrecht geschieht." Tübingens Stadtarchivar Udo RauchIn Funk und Fernsehen widmete sich von Frankenberg verkehrspolitischen Themen. Gerade jungen Leuten versuchte der als Draufgänger bekannte Autofahrer die Bedeutung der Sicherheit im Straßenverkehr nahezubringen.
Mit Vollgas durchs Leben. Eine ganz andere Seite dieses Mannes beschäftigte sich mit der Aufarbeitung der Nazijahre. So schrieb von Frankenberg unter dem Pseudonym Herbert A. Quint gemeinsam mit dem rechtskonservativen Schriftsteller Walter Görlitz die erste deutsche Hitler-Biografie. Auch philosophische Themen griff er als Autor auf. Richard von Frankenberg starb am 13. November 1973 bei einem Verkehrsunfall auf der Autobahn bei Stuttgart. Ein Ford Transit hatte seinen Porsche abgedrängt. Aus Richard von Frankenbergs erster Ehe stammt Donald von Frankenberg, geboren 1951 in Stuttgart. Der Künstler ist in den letzten Jahren mehrfach auf eine Biografie seines Vaters angesprochen worden. Die lag bis dahin nicht vor. In der Folge hat Donald von Frankenberg, der inzwischen in Kiel wohnt, das Projekt selbst in die Hand genommen. Das Buch "Richard von Frankenberg - mit Vollgas durchs Leben" ist soeben erschienen. Die Familie seines Vaters hatte nach 1933 in Tübingen gelebt. Donald von Frankenberg war davon wenig bekannt. "Als mein Vater starb, war ich 22", berichtete er jetzt in Tübingen bei einer Veranstaltungsreihe "71 Jahre Progromnacht". Damals habe er nur wenige Fragen gestellt. "Und die Eltern erzählen ihren Kindern sowieso nichts aus ihrem Leben", lautet Donald von Frankenbergs Erfahrung. 
Jüdische Wurzeln. Er wandte sich 2007 an Tübingens Stadtarchivar Udo Rauch mit der Frage, wo denn seine Eltern in Tübingen gelebt hätten. Das ließ sich schnell herausfinden, in der Gartenstraße 34, schräg gegenüber der Synagoge. Der Vater war der Schriftsteller Alex-Victor von Frankenberg und Ludwigsdorf, die Mutter Irene-Konstanze von Brauchitsch. Aus ihrer Familie stammt der Generalfeldmarschall der NS-Zeit, Walther von Brauchitsch und auch der Rennfahrer Manfred von Brauchitsch. Dessen furchtloser Einsatz im Mercedes-Silberpfeil beim Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring bewunderte der junge Richard von Frankenberg vor Ort. Der Großvater von Alex-Victor von Frankenberg mütterlicherseits war Jude. Das war der Polizei bekannt, wie der Tübinger Historiker Hans-Joachim Lang herausgefunden hat. Und Richard von Frankenberg hat die jüdische Abstammung wohl schon 1933 zu spüren bekommen, als er offenbar das Freibad nicht besuchen durfte. Die aktuelle Anfrage machte in Tübingen die Runde. So führte die Spur zum Nachlass von Lilli Zapf. Die hatte sich in den sechziger Jahren intensiv mit dem Schicksal der Tübinger Juden beschäftigt. Nach ihr werden jedes Jahr Jugendgruppen für Bürgermut und Solidarität ausgezeichnet. 
Fotografieren war verboten. In Lilli Zapfs Unterlagen fand sich ein Brief von Richard von Frankenbergs Mutter, die in der Nacht des 9. November 1938 ihren Sohn beobachtet hatte: "Mein Sohn mischte sich unter die Menge und fing an Aufnahmen zu machen, da kam ein Mann, halb in Uniform und sagte, was machst du denn da, worauf er einfach sagte, ich fotografiere". Fotografieren war streng verboten. Der Mann spulte den Film zurück, belichtete ihn aber nicht. So blieben Richard von Frankenbergs Aufnahmen von der um vier Uhr früh brennenden Synagoge erhalten. Stadtarchivar Rauch stellt heute fest: "Das Foto also stammt von einem 16-Jährigen mit jüdischem Hintergrund, der offensichtlich das Bewusstsein gehabt hat, dass hier Unrecht geschieht". Donald von Frankenberg, der seinem Vater durchaus ähnlich sieht, hat erst Philosophie und Geschichte studiert und später Medizin. Er arbeitete als Arzt und seit 1996 als freischaffender bildender Künstler.
Richard von Frankenberg: Mit Vollgas durchs Leben. Autor: Donald von Frankenberg, Verlag Delius Klasing. 215 Seiten, 32 Euro."  
  
August 2010: Bericht über die "Tübinger Toraschreibe" von Hans-Joachim Lang im "Schwäbischen Tagblatt" vom 31. Juli 2010
(eingestellt als pdf-Datei).      
  
November 2011: Die "Tübinger Torascheibe" wird an die Erben zurückgegeben    
Artikel von Raimund Weible im "Schwäbischen Tagblatt" vom 24. November 2011: "Ende eines Beutekunst-Kapitels. Tübingen gibt Thorascheibe an Erben zurück. Nach langer, aber erfolgreicher Suche: Die Stadt Tübingen übergibt heute eine Thorascheibe aus ihrem Museumsbestand an den Enkel ihres Stifters..." 
Link zum Artikel    
Weiterer Artikel hierzu ebd.: "Verneinung der Vergangenheit. Avner Falk entwickelte seine Geschichte einer Thorarolle..." Link zum Artikel   
 
Weiterer Artikel von Gisela Dachs in der Zeitschrift "Die Zeit" vom 19. Januar 2012: "Freund der Juden? Der evangelische Theologe Otto Michel, der nach 1945 für eine neue deutsche Judaistik stand, verschwieg seine braune Herkunft". Link zum Artikel      
Abbildung: die restaurierte Torascheibe nach der Restaurierung (pdf-Datei)     
   
Februar 2012: Dr. Avner Falk sucht die "drei verlorenen Schwestern" der Torascheibe  
Anfrage von Dr. Avner Falk: "Die oben in den Artikeln genannte Scheibe vom Ez Chajim der Thorarolle stiftete mein polnisch-jüdischer Großvater 1927 der Synagoge von Zgierz. Diese wurde 1939 von deutschen Soldaten niedergebrannt, die Thorarolle zerrissen, und der Ez Chajim zerbrochen. Mein Großvater starb 1941 im Ghetto von Lodz. 
Nun habe ich diese Thorascheibe erhalten und restauriert, und möchte ihre drei verlorene "Schwestern" finden. Zu diesem Zweck suche ich jüdische Museen, bzw. Judaica-Händler, die diese Scheiben gesehen, gekauft oder verkauft haben könnten. Falls Sie solche Museen oder Händler kennen, oder Falls Sie eine andere Idee haben, wie man die drei verlorene Thorascheiben finden könnte, so wäre ich Ihnen tief dankbar, wenn Sie mir diese Auskünfte zukommen lassen" - E-Mail-Adresse von Dr. Falk bzw. avner.falk[et]usa.net  
  
Dezember 2012: Eine neue Gedenktafel für die 1938 zerstörte Synagoge wird angebracht 
Artikel im "Schwäbischen 'Tageblatt" vom 7. Dezember 2012: "Ein Zeichen setzen. Förderverein für jüdische Kultur enthüllt Tafel
Der vor wenigen Monaten gegründete 'Förderverein für jüdische Kultur' enthüllt am kommenden Sonntag, 9. Dezember, eine Hinweistafel. Sie erinnert an die Synagoge, die in der Reichspogromnacht von den Nazis zerstört wurde.
Tübingen. Der zahlenmäßig kleine Verein hatte seine Gründungsversammlung im September. Zwölf Mitglieder sind darin engagiert, unter ihnen der katholische Theologe Karl-Josef Kuschel, der einstige Pfarrer Helmut Zwanger und AL-Stadtrat Bruno Gebhardt-Pietzsch. Vorsitzender des Vereins ist Harald Schwaderer, der früher für die DKP im Stadtrat saß. 
Insbesondere 'denkmalschützerische Aktivitäten' will der Verein angehen, so Schwaderer. Er denkt an die Sicherung, Bewahrung und Präsentation der Reste der von den Nazis in der Pogromnacht zerstörten Synagoge in der Gartenstraße. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 legten sie die Synagoge in Schutt und Asche. Übrig blieben zwei Treppenstufen, einige Fundamentsteine und ein Teil des kunstvoll geschmiedeten Gartenzauns.
Was der Verein noch alles bewerkstelligen kann, soll die Diskussion in den nächsten Wochen und Monaten zeigen, sagt Schwaderer. Angedacht sind Literatur- und Filmabende oder Hebräisch-Kurse. Zunächst jedoch wollen die Mitglieder 'ein Zeichen setzen', sagt der Vorsitzende. Er will an jüdisches Leben in Tübingen erinnern, denn Anfang der 1930er Jahre lebten über 90 Tübinger jüdischen Glaubens in der Uni-Stadt.
Und er will die Eröffnung der Tübinger Synagoge vor 130 Jahren ins Gedächtnis rufen. Am 8. Dezember 1882 öffnete das jüdische Versammlungs- und Gebetshaus erstmals seine Türen. So enthüllt der Verein zusammen mit der Tübinger Geschichtswerkstatt am Sonntag um 15 Uhr vor dem früheren Eingangsbereich in der Gartenstraße 33 (Synagogenplatz) eine 55 mal 40 Zentimeter große Hinweistafel aus Aluminium – mit einem erläuternden Text und einem Bild der Synagoge."  
Link zum Artikel    
 

  
   

Links und Literatur   

Links:  

Website der Stadt Tübingen  mit Informationen zur jüdischen Geschichte  (Link aktuell am 9.4.2013)    
Informationsseite über die Geschichtewerkstatt Tübingen: interner Link oder direkt www.geschichtswerkstatt-tuebingen.de 
Bustan01.jpg (11561 Byte)Jüdischer Verein Tübingen - Bustan Shalom  

Literatur:  

Paul Sauer: Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. 1966. S.  176ff.  
Germania Judaica III,2 S. 1489-1490. 
Lilli Zapf: Die Tübinger Juden. 1978².
Geschichtswerkstatt Tübingen (Hg.): Zerstörte Hoffnungen – Wege der Tübinger Juden. (Reihe: Beiträge zur Tübinger Geschichte. Hg. von der Stadt Tübingen. Kulturamt Band 8) Stuttgart 1995.  
Benigna Schönhagen: Tübingen unterm Hakenkreuz. 1991. 
dies./Wilfried Setzler: Jüdisches Tübingen. Schauplätze und Spuren. 1999.  
dies.: Jüdisches Tübingen um 1900, in: Tübinger Blätter 2001 S. 45-52. 
Martin Ulmer: Pogromnacht 1938, in: Tübinger Blätter 1998/99 S. 27-31. 
Geschichtswerkstatt Tübingen (Hg.): Wege der Tübinger Juden. Eine Spurensuche. (Dokumentarfilm). Tübingen 2004. 
Tuebingen Lit 0902.jpg (81544 Byte)Adelheid Schlott: Die Geschichte der Geschichten des Tübinger Synagogenplatzes. Mit Beiträgen von Ulrike Baumgärtner, Daniel Felder, Martin Ulmer und Michael Volkmann. Reihe: Tübinger Besonderheiten 3. Verlag der faire Kaufladen Tübingen 2009. 
Tuebingen Lit 201305.jpg (70090 Byte) Matthias Märkle: Jüdische Studenten an der Universität Tübingen 1807 bis 1871. Reihe: Tübinger Bausteine zur Landesgeschichte Bd. 23. Jan Thorbecke Verlag  2013. ISBN 978-3-7995-5523-4.   € 24,90.  
Dieses Buch widmet sich mit den Studenten jüdischen Glaubens einem bislang kaum erforschten Aspekt der Tübinger Universitätsgeschichte im 19. Jahrhundert. Nicht nur bekannte Männer wie der Schriftsteller Berthold Auerbach (1812-1882) und der Bankier Kilian von Steiner (1833-1903) hatten die württembergische Landesuniversität besucht, auch viele weitere Juden zog es zum Studium an den Neckar. 
Wie stand es um ihre Integration in die Studentenschaft zu einer Zeit wachsender rechtlicher Gleichstellung, nachdem ihre Glaubensgenossen jahrhundertelang in Württemberg und anderen Territorien nicht geduldet waren? Inwieweit praktizierten die jüdischen Studierenden in Tübingen ihre Religion? Und welche Berufe ergriffen sie später? Das sind einige der behandelten Fragenkomplexe. Der Band wird durch eine Datensammlung zu den Studenten komplettiert, die sich bis 1871 immatrikulierten. 

          
     
      


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Tuebingen Wuerttemberg. Jews were present in the 13th century, 30 of their houses being preserved to this day and indicating a population of 100-150 families. They were expelled in the Black Death persecutions of 1348-49, again in 1456, and again with the opening of the university in 1477. 
Jewish students were first enrolled in the university in the early 19th century and numbered 54 in 1842. The settlement was renewed in 1848 by Jews from neighboring Wankheim. The Jewish population rose from 34 in 1869 to 139 in 1910 (total population 19.076). While Jews participated actively in the town's public and economic life they were not accepted socially, which accounts for the unusually high rate of conversion. While 82 Jews remained in Tuebingen prior to the Nazi rise to power, another 43 were converts of offspring of mixed marriages. Antisemitism was already felt at the university in the 1920s and Jewish lecturers were dismissed in 1933. In the city, synagogue windows were smashed in 1928 and the SA often attacked Jews in the streets. The economic boycott introduced in 1933 destroyed Jewish business. By 1938 all Jewish establishments had either been closed of "Aryanized". On Kristallnacht (9-10 November 1938), the synagogue was burned. By 1940, 68 Jews had emigrated, of whom 34 went to the U.S. and 15 to Palestine; 21 were deported to their deaths in the Riga and Theresienstadt ghettoes and in Auschwitz in late 1941 and in 1942-43. Six of 11 Jews in neighboring Rottenburg, whose medieval community was now attached to Tuebingen, were also deported (three emigrated).  
    
     

                   
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Stand: 30. Juni 2014