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Biebrich mit
Mosbach (Stadt
Wiesbaden)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Biebrich bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938/42, zu der auch die im benachbarten Mosbach lebenden
jüdischen Einwohner gehörten. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18.
Jahrhunderts zurück. 1714 waren erst zwei jüdische Familien am Ort,
bis 1780 nahm ihre Zahl auf 13 Familien zu. 1730 wird eine Stiftung des
Jessel von Mosbach erwähnt für den Unterricht armer Kinder. 1810 wird ein
Fouragehändler Jud Löv und 1912 ein Schmied Charles Blumenthal genannt.
Die Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich im 19. Jahrhundert wie
folgt: 1836 109 jüdische Einwohner, 1840 29 jüdische Familien; 1843 141 (4,9 % von insgesamt 2.855
Einwohnern), 1871 137 (2,1 % von 6.644), 1885 139 (1,4 % von 9.669), 1895
147 (1,2 % von 12.292), 1905 153 (0,8 % von 18.962).
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine
Religionsschule und ein rituelles Bad. Die Toten der jüdischen Gemeinde wurden
bis 1885 in Wiesbaden,
seitdem auf einem eigenen Friedhof
in Biebrich beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde
war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter fungierte. Herausragender
Lehrer der Gemeinde war Dr. Seligmann Baer, der von 1856 bis zu seiner
Pensionierung 1895 (gestorben 1897) Lehrer und Vorsänger in Biebrich war (mehr dazu s.u.).
Von 1895 bis nach 1933 war jüdischer Lehrer in
Biebrich Simon Sulzbacher (zuvor Lehrer in Simmern
im Hunsrück).
Im Ersten Weltkrieg gab es 22 jüdische Kriegsteilnehmer aus Biebrich; der erste
Kriegstote am Ort war ein jüdischer Mann. Er starb beim Verladen von Geschützen auf
dem Bahnhof und wurde im jüdischen Friedhof begraben. Aus Biebrich sind
gefallen: Julius Braun (geb. 13.4.1883 in Wallertheim, gef. 2.1.1916), Arthur
Sender (geb. 19.6.1896 in Biebrich, gef. 19.4.1917), Gefreiter Salomon Sender
(9.6.1894 in Biebrich, gef. 30.5.1917).
Um 1924, als etwa 120 jüdische Personen in Biebrich lebten (0,6 % von insgesamt
etwa 20.000 Einwohnern), waren die Vorsteher der Gemeinde Isaac Kahn,
Jakob Fink und Meier Halberstadt. Als Lehrer, Kantor und Schochet wirkte
der bereits genannte Simon Sulzbacher. Er erteilte an der Religionsschule der
Gemeinde damals acht Kindern den Religionsunterricht (1932 sieben Kinder). An
jüdischen Vereinen bestanden der Israelitische Männer-Kranken-Verein
Biebrich-Schierstein und Frauenstein e.V. unter Leitung von Isaac Kahn,
Jakob Fink und S. Simon (gegründet 1839 anlässlich einer Typhusepidemie, mit 1924 28 Mitgliedern, 1932 unter
Leitung von Julius Oppenheim, damals 29 Mitglieder, Zweck:
Krankenunterstützung, Bestattungswesen) sowie der Israelitische
Frauen-Krankenverein e.V. unter Leitung von Emma Reifenberg und J.
Sulzbacher (gegründet 1854, 1924 21 Mitglieder, 1932 unter Leitung von Jenny
Oppenheim, damals 23 Mitglieder. Zweck und Arbeitsgebiet: Erkrankte Mitglieder
werden 26 Wochen mit einem Krankengeld von 5 Mark wöchentlich unterstützt).
Die Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Wiesbaden. 1932 wird als
Vorsteher der Gemeinde Jakob Fink genannt.
1933 lebten noch etwa 150 jüdische Personen in Biebrich und Mosbach.
In
den folgenden Jahren ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Die
letzten Gemeindevorsitzenden waren: 1933 Jakob Oppenheim (Getreidehändler),
1933-38 Viehkaufmann Josef Levi, 1938-39 Siegfried Simon. Er wanderte 1939
aus.
Von den in Biebrich geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Henriette Ackermann geb. Marx
(1863), Jenny Birlenbach geb. Marx (1878), Josef
Blumenthal (1866), Helene Desser geb. Marx (1899), Julia (Jittel) Dreyfus geb.
Allmayer (1874 oder 1875), Minna Friedländer geb. Mayer (1877), Meier Goldschmidt (1882), Sali Goldschmidt (1886),
Klara Gutmann geb. Felsenthal (1848), Jenny Kahn geb. Marx (1879), Karl Kehrmann (1890), Martha Leonhardt geb.
Löwenberg (1902), Elise Löb (1882), Emilie Löb (1874), Julius Löb
(1873), Sally Löb (1879), Alfred Marx (1898 ?), Bettina Marx (geb. ?), Emilie
Marx geb. Ackermann (1877), Franziska Marx geb. Stahl (1872), Leo Marx (1882),
Lilly Marx geb. Marum (1890), Max Marx (1879), Moritz Marx (1875), Otto Marx
(1922), Samuel (Sali) Marx (1877), Siegmund Marx (1874), Julie Oppenheimer geb.
Silberschmidt (geb. ?), Sara Rückländer geb. Bär (1874), Ida Weill geb. Marx
(1879).
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Allgemeine
Gemeindebeschreibung (von 1937!)
Artikel im
"Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt" vom 20. Juli 1936: "Wer
Wiesbaden schon kennt oder die Großstadt meiden will, wandert von
Wiesbaden-Erbenheim südwestlich zum Waschbach, überquere ihn und halte
sich auf seiner rechten (nördlichen) Seite, gehe an der Südwestecke des
Friedhofs nach rechts bis zum Mühlweg, weiter die Bernhard-May-Straße
und Höchster Strauße, insgesamt 6 km (1 ½ Stunden), zum Biebricher
Schlosspark, einer der schönsten, leider nicht gepflegtesten Parkanlagen
Westdeutschlands, dem Großherzoglich luxemburgischen Herrscherhaus gehörig.
Mitten im Park: Milchkuranstalt; Miniaturburg als Heimatmuseum. Der
Ortsteil Wiesbaden-Biebrich gehört schon 992 als ‚Bibrick’ dem Grafen
Drutwin, Stammvater der Nassauischen Herzöge, und war 1744-1840 deren
Residenz; wurde um das nordwärts liegende alte Mosbach erweitert und
schließlich Wiesbaden einverleibt, mit dem es durch die schnurgerade
vierreihige Hindenburgallee – 2 ½ km lang – verbunden ist. – Eine jüdische
Familie wohnte schon Ende des 17. Jahrhunderts in Biebrich und Mosbach.
Schon 1730 eine Stiftung des Jessel von Mosbach, deren Zinsen zum
Unterricht armer Kinder verwendet werden sollen. Bis 1829 hatten Biebrich
und Mosbach je 1 Synagoge. Die gemeinschaftliche konnte erst errichtet
werden, als sich der regierende Herzog von Nassau über die nassauische
Judenordnung von 1732 hinweggesetzt hatte, wonach jüdische Betstätten
nicht mehr errichtet werden durften! Die jetzige Synagoge steht seit 1860
in der Rathausstraße 37. Bei der Einweihung amtierte schon der junge
‚eingeborene’ Lehrer der Gemeinde, Seligmann Baer, der jahrzehntelang
ein Jahresgehalt von 800 Mark bezog, aber 1876 Ehrendoktor der Universität
Leipzig, darauf Mitglied der Deutsch-Morgenländischen Gesellschaft, dann
Ehrenbürger der einstigen Residenz Biebrich wurde und von den deutschen
Kaisern eine Jahres-‚Bonifikation’ von 1.000 Mark erhielt. Der
bescheidene Religionslehrer war nämlich in seiner Zeit der größte
Kenner der Massorah (und … ‚ein außerordentlich verdienstvoller
Forscher im Fache der jüdisch rituellen Literatur’ … Prof. Franz
Delitzsch). Baers Geburtshaus Wiesbadener Straße 90, trug bis 1933 die
Inschrift: In diesem Hause wurde der große Sprachgelehrte und
Bibelforscher Dr. Seligmann Baer, Ehrenbürger der Stadt Biebrich, am 18.
September 1825 geboren. Sein Grab in der jüdischen Abteilung des
allgemeinen Friedhofs (s. oben) in der 2. Reihe mit Inschrift von prof.
Dr. Berliner, Berlin, dem großen, 1915 verstorbenen Talmudisten und
Orientalisten. – In der Synagoge: Tafel mit Gebet für den Herzog von
Nassau, in goldenem Rahmen vom Vorsteher Wolf Moses 1829 (siehe oben)
gestiftet. Sonstige Sehenswürdigkeiten: Das ehemalige nassauische
Residenzschloss, 1699-1744 erbaut, heute Unteroffizierschule. Von hier aus
soll Cäsar seinen 2. Rheinübergang ausgeführt haben. Im Eckhause
Rheingauerstraße und Rheinufer schrieb Richard Wagner die Meistersinger
(Gedenktafel). Wiesbadener Straße 95, schräg gegenüber dem Geburtshause
Baers, wurde der berühmte Philosoph und Historiker Wilhelm Dilthey
geboren. Von der Rheinpromenade wundervolle Ausblicke auf den Taunus, die
hessischen Höhenzüge, auf die prächtigen Rheinbrücken, den lebhaften
Schiffsverkehr. Auf guter, aber verkehrsreicher Straße in ½ Stunde, mit
der Straßenbahn in wenigen Minuten, nach Wiesbaden-Schierstein."
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Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Artikel zum Masoreten/Bibelforscher Dr. Seligmann (Seckel) Baer (1825-1897)
Seligmann
Baer ist 1825 als Sohn des Löb Baer in Biebrich-Mosbach geboren. Er war
einer der bedeutendsten jüdischen Bibeltextforscher in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts. Nach seiner Ausbildung zum Religionslehrer mit Hilfe eines
Stipendiums des Herzogs von Nassau (Lehrerexamen 1843) wurde er 1844 Lehrer in
Niederhofheim im Taunus, 1856 Lehrer in Biebrich. Hier blieb er bis zu seiner
Zurruhesetzung 1894 bzw. seinem Tod 1897. 1876 wurde er auf Anregung von Franz
Delitzsch von der philosophischen Fakultät Leipzig zum Ehrendoktor ernannt,
1882 zum Ehrenbürger der Stadt Biebrich. Seine Bibeledition, die Ausgaben des
Gebetbuches sowie andere liturgische Werke gelten als Meisterstücke der
jüdischen Bibelforschung.
Ehrengabe des Kaisers an Dr. Seligmann Baer
(1882)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. April 1882: "Biebrich,
10. April (1982). Unserem weithin bekannten Mit- und Ehrenbürger, dem
Gelehrten Dr. S. Baer, hat der deutsche Kaiser wiederholt eine Ehrengabe
von 1.200 Mark überweisen lassen." |
Zum 50. Lehrerjubiläum
von Dr. Seligmann Baer (1894)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Januar 1894:
"Mainz, 21. Januar (1894). Morgen feiert der in weiten Kreisen
bekannte jüdische, auf dem Gebiete der Massorah bedeutendste jetzt
lebende Gelehrte Herr Dr. S. Baer in Biebrich sein 50-jähriges
Lehrerjubiläum. Auf Wunsch der Jubilars findet die Feier nur im engsten
Kreise statt. Wir senden ihm die herzlichsten Glückwünsche. Möge ihm
ein angenehmer Lebensabend beschieden sein! Herr Baer erhielt von Kaiser
Wilhelm I. in Anerkennung seiner Verdienste um die Wissenschaft mehrfach
sehr wertvolle Geschenke." |
Zum 70. Geburtstag von Dr. Seligmann Baer (1895)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 27. September
1895: "Literarische Mitteilungen. Am 7. Tischri (25.
September) wird Dr. Seligmann Baer in Biebrich am Rhein das Alter von 70
Jahren erreicht haben. Wenn seine Gemeinde ihn als ihren Lehrer
beglückwünschen wird, so haben dies auch in den weitesten Kreisen, in
denen die jüdische Wissenschaft noch ihre Vertreter findet, auch alle
diejenigen zu tun, welche in Dr. Baer die erste zeitgenössische
Autorität auf dem Gebiete der Masorah anerkennen. Allerdings ist gerade
dieses jüdische Wissensgebiet am meisten unangebaut geblieben - und nicht
allein in der Gegenwart, sondern auch in früherer Zeit. Diese
Vernachlässigung der Masorah hat sich bitter gerächt. Die allererste
Zusammenstellung für den Druck ihres Materials haben wir aus den Händen
eines Apostaten entgegen nehmen müssen. Jacob ben Chajim, der um 1520 aus
Tunis nach Venedig kam, besorgte die Korrektur der rabbinischen Bibel vom
Jahre 1525, für welche er seine nach handschriftlichen Aufzeichnungen
bearbeitete Masorah nebst einer Einleitung lieferte. Bei der Herausgabe
des Talmuds beschäftigte ihn noch Bromberg mit der Korrektur; aber schon
in der Justinianischen Ausgabe des Talmuds am Ende der Ordnung Toharoth
wird er als Christ erwähnt, und diese Angabe wird von Elia Bachur in der
zweiten Vorrede zu seinem Masorat HaMasorat bestätigt, indem er
von ihm schreibt: 'früher, in Israel, hieß er Jakob.'. In meinen
Vorlesungen habe ich auf einige Stellen hingewiesen, in denen Jacob b.
Chajim von seiner Christologie beeinflusst war. Nach ihm erstanden noch
bedeutende Kenner der Masorah, wie der bereits genannte Elia Bachur,
ferner Salomo Norzi, Verfasser des klassischen Werke Minchat Schai, welche
englisch Christen, Freunde des überlieferten Schrifttextes, übersetzen
wollen, und Lonsano, Verfasser des bereits selten gewordenen Or Tora.
In unserem Jahrhundert, das auf diesem Gebiete Wolf Heidenheim und Sal.
Frensdorff - dessen Handbuch der Masorah leider ein Torso geblieben ist -
als Autoritäten aufzuweisen hat, war es wieder ein von Juden
herstammenden christlicher Gelehrter, der die Schrift-Masorah nach
Handschriften neu herausgab. Dieses aus drei Bänden in groß Folio
bestehende Riesenwerk ist von Dr. Christian Ginsburg hergestellt und in
der kleinen Auflage von 250 Exemplaren (jedes für den Preis von 15 Pfund
Sterling käuflich) gedruckt worden. In der Tat konnte nur in England ein
solches Werk, für das Beaconsfield allein viele Tausende beisteuerte,
geschaffen werden. Und wir sollen auch dieses Mal ruhig mit ansehen
können , wie gerade in unserer Zeit, in der man nach langem Anstürmen
gegen den überlieferten Schrifttext, wieder besonnener wird, zu diesem
zurückzukehren, zum zweiten Male von nichtjüdischer Hand die Schütze
der Masorah ans Tageslicht gezogen werden, und zudem noch zu einem Preise,
der die allgemeine Anschaffung ganz unmöglich macht! Nun, der Jubilar,
von dem diese Zeilen sprechen, ist die einzige jüdische Autorität der
Gegenwart, welche die masoretische Wissenschaft beherrscht. Was er
bereits hierfür geleistet hat, zum Teil in Gemeinschaft mit Franz
Delitzsch, ist den Fachmännern rühmlichst bekannt. Noch aber ist sein
Werk der Masorah, dem er seine ganze Geisteskraft gewidmet, ungedruckt,
weil die Kosten des Druckes, die etwa 2.000 Mark betragen würden, fehlen.
Ich sprach bereits oben von Schätzen der Masorah; allerdings es sind
solche, die nicht messbar und nicht wägbar, aber von hohem Werte sind.
Die Masorah bildet, wie bereits jener Weise der Mischnah lehrt, einen Zaun
um die Thora. Daher wohlan, ehren wir den Meister, ehren wir sein Werk.
Sollte sich nicht unter den Reichen und Begüterten eine genügende Anzahl
von Männern finden, welche die erforderliche Summe durch einzelne
Beiträge aufzubringen geneigt wären? Gewiss, man hat doch für so viele
Zwecke Gelder bereit und sie werden für das Hochheiligste in unserer
Wissenschaft sicher nicht gehlen. Hoffentlich bedarf es nur dieser
Anregung, welche umso eher in die Wirklichkeit umgesetzt werden dürfte,
wenn ich hinzufüge, dass der von mir geleitete Verein Mekize-Nirdanim die
Drucklegung besorgen würde. Hierdurch könnte der zweifache Zweck
erreicht werden: das Masorah-Werk zu einem billigen Preise abgegeben und
so weiteren Kreisen zugeführt werden; zugleich aber dürfte sich noch ein
Fond ergeben, um dem Jubilar zu seinem Lebensabend eine Freunde zu
bereiten.
Berlin, 16. September (1895). Dr. A.
Berliner." |
| Anmerkung: Der Artikel wurde verfasst von
dem hoch bedeutenden Literaturhistoriker Prof. Abraham (Adolf) Berliner
(1833-1915), der seit 1873 als Dozent für jüdische Geschichte und
Literatur an dem von Esriel Hildesheimer begründeten Rabbinerseminar in
Berlin wirkte. Er war Mitbegründer der Adass Jisroel in Berlin. Der
genannte Verein Mekize nirdanim ließ uner seiner Leitung zahlreiche Werke
aus der alten hebräischen Literatur erscheinen. |
Zum Tod von Dr. Seligmann Baer (1897)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. März 1897:
Ein
Masoret. Mainz, 4. Februar (1897). Die deutsche Judenheit hat einen
großen Verlust erlitten. Einer der hervorragendsten Vertreter der
jüdischen Wissenschaft, der bedeutendste Gelehrte, den wir auf dem Gebiet
der Masorah besaßen, Herr Dr. phil. h.c. Seligmann Baer in
Biebrich-Mosbach hat am 27. Februar in einem Alter von 72 Jahren das
Zeitliche gesegnet. Wem unter der großen Zunft der jüdischen Forscher,
der sich nur im Entferntesten für den masoretischen Bibeltext
interessiert, war der Name Baer nicht bekannt? Aber auch jedes Kind, das
das Titelblatt seiner Rödelheimer Tefilla betrachtete, wusste von Baer,
der seit dem Tode Heidenheims die Herausgabe unserer am Meisten gebrachten
heiligen Bücher im Auftrage des berühmten Lehrberger'schen Verlags
übernommen hatte. Baers Leben floss nicht, wie das so vieler seiner
Berufsgenossen, in glattem, ruhigem Strome dahin. Was er erreichte, das
musste er sich schwer erkämpfen und was er geleistet, das verdanken wir
in erster Linie seiner eigenen Energie.
Am 18. September 1825 geboren, wollte der gut beanlagte Knabe sich zuerst
dem Studium widmen, allein die Mittellosigkeit seiner Eltern nötigte ihn
von diesem Plane zu lassen und so musste er in einem kleinen
Gebirgsstädtchen im Taunus, in Niederhofheim, in Jahre 1844 die Stelle
eines jüdischen Lehrers annehmen. Aber die Sorge um die gemeine Notdurft
des Lebens konnte die einmal rege gewordene Liebe zur Wissenschaft in dem
armen Dorfschullehrer nicht ertöten und sein Freund und Studiengenosse
Delitzsch, mit dem er während seines ganzen Lebens in eifriger
Korrespondenz stand, sorgte dafür, dass Baer von den Fortschritten auf
dem Gebiete seines Lieblingsfaches stets auf dem |
Laufenden
gehalten wurde. Im Jahre 1856 finden wir Baer in Heddernheim bei Frankfurt
am Main und hier mag es wohl gewesen sein, wo er in dem nage gelegenen
Rödelheim den jüdischen Verleger Lehrberger kennen lernte, der ihm nach
dem Tode Heidenheims die Textrevisionen der von ihm herauszugebenden
jüdischen Werke übertrug, indem er die Bedeutung Baers auf dem Gebiete
der Masorah bald erkannte.
Die Werke und Schriften, die Baer nunmehr herausgab, sind von überaus
großer Zahl, doch bildet sein Hauptwerk, die textkritische und
masoretische Bearbeitung der Bibel, die er im Verein mit seinem Freunde,
dem obengenannten Leipziger Professor Franz Delitzsch, edierte; hierbei
wurden die beiden Forscher von der Tauchnitz'schen Buchhandlung, die ohne
Aussicht auf Absatz, wie es Delitzsch in seinen lateinischen Vorreden
öfters hervorhebt, nur im Interesse der Wissenschaft den Verlag
übernahm, sehr unterstützt. Als diese Bibel erschien, erregte sie in den
jüdischen Gelehrtenkreisen das größte Aufsehen, früher gedruckte
Ausgaben waren vielfach höchst unvollkommen, so entbehrte ein Teil der
Propheten die Bezeichnung der Petichot und Setimot, die von
den Verfassern durch das üblich P und S eingefügt wurde.
Durch die Benutzung vorzüglicher, teils uralter, höchst seltener
Ausgaben, sowie neu aufgefundener alter Manuskripte, von denen viele aus
spanisch-maurischer Zeit und aus dem Orient stammten, gelang es ihnen,
Fehler, die sich im Laufe der Zeit in die heiligen Text eingeschlichen
hatten, auszumerzen und die ursprünglich richtige Lesart wieder
herzustellen, ganz besonders hatte Baer auf dem Gebiete der Neginot
große Erfolge zu verzeichnen, wo er durch seine Korrekturen oftmals
überraschende Aufhellung der durch alte Notationen nur äußerst schwer
verständlichen Stellen erzielt. Dass Baer sich auch manchmal irrte und
richtige Stellen durch fehlerhafte ersetzte, wer wollte ihm das
nachtragen? Bleibt doch jegliches menschliche Werk unvollkommen und auch
die ungeheure Sorgfalt und der außerordentliche Fleiß, mit welchem Baer
arbeitet, konnte ihn vor solchen Irrtümern nicht bewahren.
Noch im Jahre 1856 trat Baer seine Stelle in Biebrich-Mosbach an, die er
bis zu seiner vor drei Jahren erfolgten Pensionierung innehatte. Hier war
es ihm vergönnt, mancherlei Freude zu erleben und die Früchte seiner
schweren Mühen zu genießen. Kaiser Wilhelm I. verlieh ihm den
Kronenorden IV. Klasse, indem er ihm gleichzeitig einen Jahresgehalt
aussetzte, den auch die erhabenen Nachfolger des großen Monarchen ihm
nicht entzogen. Am 15. November 1876 ernannte ihn die philosophische
Fakultät der Stadt Leipzig zum Ehrendoktor. Die
Deutsch-Morgenländische Gesellschaft kreierte ihn zu ihrem ordentlichen
Mitgliede und die Stadt Biebrich zu ihrem Ehrebürger (Juni 1882). 1894
feierte Baer sein 50jähriges Dienstjubiläum. Die sehr wertvolle
Bibliothek Baers enthält u.a. eine Reihe seltener Drucke, so eine Bibel
ed. Soncino 1486, sowie einige noch nicht gedruckte Schriften aus seiner
Feder, wie über die zurückweichende Neginoh, die den Titel
trägt: ..., eine aramäisch-ägyptische Grammatik etc.
Der teuere Entschlafene kam am 2. März, Nachmittags 2 Uhr, zur letzten
Ruhe. Am Grabe sprachen die Rabbiner Silberstein - Wiesbaden, Plaut -
Frankfurt, Lehrer Sulzbacher - Biebrich, Bürgermeister Vogt - Biebrich,
Lehrberger - Rödelheim, Allmayer - Mosbach. Über den Inhalt der
einzelnen Reden werden wir in nächster Nummer, da es uns heute an Raum
mangelt, ausführlich berichten. In dem Dahingeschiedenen verlieren wir
einen treuen Freund und Mitarbeiter. Möge dessen Andenken zum Segen
gereichen." |
Ein Bericht über die Trauerfeier erschien
in der Zeitschrift "Der Israelit" am 11. März 1897.
Das Grab von Seligmann Baer befindet sich in der zweiten Reihe auf dem jüdischen
Friedhof in Biebrich.
Anbringung einer
Gedenktafel am Geburtshaus Dr. Baers zu dessen 100. Geburtstag (1925)
Artikel
in der "Jüdischen liberalen Zeitung" vom 2. Oktober 1925:
"Biebrich (Ehrung eines jüdischen Lehrers). An dem Geburtshause des
israelitischen Lehrers Dr. h.c. Seligmann Baer, des Ehrenbürgers
Biebrichs, wurde eine Gedenktafel angebracht. Baer war ein hervorragender
Kenner der biblischen Wissenschaft, ein bedeutender Schriftstellen im
Fache der liturgischen rituellen Literatur und ein bekannter Forscher auf
dem Gebiet der hebräischen Grammatik. Er ist hier 1897 gestorben. An der
Feier beteiligten sich auch Vertreter der evangelischen und katholischen
Geistlichkeit und der Stadt." |
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Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. November 1925: "Biebrich
am Rhein, 23. Oktober (1925). Die Enthüllung einer Gedenktafel
anlässlich der Wiederkehr des 100. Geburtstages des berühmten Hebraisten
und Bibelforschers Dr. Seligmann Bär gestaltete sich zu einer imposanten
Kundgebung und Ehrung für den großen Gelehrten, woran sich alle
Schichten der Bevölkerung Biebrichs, sowie Anverwandte und Freunde des
Verstorbenen von nah und fern zahlreich beteiligten. Der Hof vor dem
Geburtshause Bärs und die daran anstoßende Straße waren dicht von
Menschen gefüllt. Der Kultusvorstand der jüdischen Gemeinde, Herr Is.
Kahn, begrü0te namens derselben alle Erschienenen, insbesondere die
Vertreter des Magistrats und des Stadtverordnetenkollegiums. Sodann
ergriff das Wort Herr Lehrer Sulzbacher, der in ausführlicher Rede die
unsterblichen Verdienste Bärs auf dem Gebiete der Bibelforschung und der
Synagogenliturgie schilderte. Des weiteren schilderte Redner die
unbegrenzte Bescheidenheit des Großen, der jeder Ehrung aus dem Wege ging
und den man hier nur als den bescheidenen Religionslehrer und Vorbeter
seiner Gemeinde kannte. Heute wisse man aber, wer und was Bär war und so
habe es sich die Stadt- und Kultusgemeinde nicht nehmen lassen, an seinem
100. Geburtstage eine Gedenktafel zu enthüllen, die jedem sagen soll:
'Hier wurde einst ein Großer geboren, dessen Andenken nie untergehen
wird!' Hierauf hielt Herr Bezirksrabbiner Dr. Lazarus eine sinnvolle
Ansprache. Herr Dr. med. Bär, Sohn des Verstorbenen, sprach namens der
Familie der Versammlung Dank aus für die erhebende Feier. Herr
Bürgermeister Scheffler versprach sodann namens der Stadtverwaltung, der
Tafel den Schutz der Stadt angedeihen zu lassen. Mit Worten des Dankes
schloss hierauf Herr Is. Kahn die schön verlaufene
Enthüllungsfeier." |
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Links:
Gedenktafel an Dr. Seligmann Baer mit der Inschrift "In diesem
Hause wurde der große Sprach-Gelehrte und Bibelforscher Dr. Seligmann
Baer, Ehrenbürger der Stadt Biebrich am 18. September 1825 geboren".
Das Geburtshaus von Dr. Baer bat die Adresse: Am Schlosspark 90 (früher:
Wiesbadener Str. 90). Nach 1933 wurde die Tafel mit einer Hakenkreuzfahne
verdeckt, erst 1946 wurde sie wieder enthüllt. Foto aus Arnsberg Bilder
s.Lit. S. 23. |
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| Weiterer
Bericht über Dr. Seligmann Baer, erschienen im September 1925, von Lehrer
Simon Sulzbacher (Biebrich) |
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Artikel in der Zeitschrift
"Der Israelit" vom 17. und 24. September 1925: Bitte bei Interesse den
Bericht zum Lesen anklicken, da auf dieser Seite zu Biebrich nicht alle
Artikel zu Dr. Seligmann Baer ausgeschrieben werden können. |
Über Dr. Seligmann Bär zum 40. Todestag (Artikel von
1937)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. April 1937: "Die Verjüngung eines
Siebzigjährigen. Vor siebzig Jahren hat der in Wolf Heidenheims Fußstapfen
wandelnde Dr. Seligmann Bär in Biebrich die jüdische Welt mit seinem
vorbildlichen Sidur Awodat Jisrael
beschenkt, der während dieser sieben Jahrzehnte das Vorbeterpult unzähliger
Gemeinden des deutschen Ritus geschmückt und Tausenden von interessierten
Lernenden den Weg zur tieferen Erforschung des Gebetbuches und der
Minhagim der Synagoge erschlossen hat. Der stattliche Band mit seinen 900
Seiten im Lexikon-Format war von vornherein nicht nur eine Fundgrube
reichen jüdischen Wissensmaterials und ein Musterbild wissenschaftlicher
Akribie, sondern auch eine Augenweide für den Bücherliebhaber, denn die
Lehrberger’sche Offizin hatte ihre Ehre darein gesetzt, Satz und Druck
mit einer derartigen Genauigkeit und leuchtenden Farbenschönheit durchzuführen,
dass auch der kritisch geschulte Blick nirgends die leiseste Unregelmäßigkeit
des Satzes oder irgend eine Nuance schwächerer Farbengebung entdecken
konnte. Die satte, wuchtige Schönheit der großen hebräischen
Quadratschrift wetteiferte mit der mysteriösen, ästhetisch nicht minder
reizvollen Begleitmusik des Raschi-Schriftkommentars darunter, um auch in
der Form den Eindruck der Vollkommenheit zu erzeugen.
Selten hat sich diese Qualität eines Erstdruckes so gelohnt wie in diesem
Falle – denn nun bot sich, nachdem das Werk viele Jahre vergriffen war,
dem Schocken-Verlag in Berlin nach siebzig Jahren die Möglichkeit, durch
Anwendung eines photographischen Vervielfältigungsverfahrens eine neue
Ausgabe des klassischen Werkes zu erschwinglichem Preise herauszubringen,
die – man konstatiert es mit Freude und Überraschung – alle
typographischen Vorzüge der Erstausgabe aufweist, um ihr noch den Vorzug
eines herrlichen Papiers und eines wetterfesten, mehr als gediegenen
Ganzleinen-Einbands zuzugesellen: eine restlose Wonne für den Bücherfreund
und zugleich ein Zeugnis der nimmer verlöschenden Ehre und Würdigung,
die das jüdische Volk dem Schatz seiner Gebete, diesem ewig sprudelnden
Quelle seiner Lebenserneuerung, entgegenbringt.
Bärs ‚Awaudos Isroel’ ist schon im Manuskript von keinem Geringeren
als dem Kolmarer Oberrabbiner – Rabbi Schlomo Klein – das Andenken
an den Gerechten ist zum Segen - als
eine wissenschaftliche Leistung allerersten Ranges und als religiöse Tat
gewürdigt worden. Rabbi Schlomo Klein selbst hat zu der Ausarbeitung des
schlichten, immer auf den einfachen Wortsinn hinzielenden Kommentars
beigetragen. Nicht weniger als acht der besten, ältesten Handschriften
und etwa 30 Frühdrucke liegen der Feststellung der wichtigen Lesarten
zugrunde, die in den deutschen Gemeinden ja heute durchweg Bürgerrecht
erlangt und zur Erziehung des hebräischen Sprachgefühls weit mehr
beigetragen haben, als man sich gemeinhin bewusst ist.
Darüber hinaus aber ist der Bär’sche Kommentar als Quellen-Nachweis
von unerreichter Vollständigkeit, für jeden ein unentbehrlicher
Wegweiser, der in die biblischen, talmudischen und midraschischen Quellen
des Gedankeninhalts wie der Form unserer Gebete eindringen und sich auf
diesem unumgänglichen Forschungswege der Tiefe, wie der Aktualität ihres
Gehaltes voll bewusst werden will. So
darf man dem Schocken-Verlag für diese neue, wertvolle Gabe besonders
warmen Dank wissen, grade weil sie zunächst nicht der großen Masse der jüdische
Ungebildeten, sondern nur dem lernenden oder Wissenden zugute kommen kann.
Weiteren Kreisen wird ein gleichzeitig erschienener Neudruck eines
früher weit verbreiteten Buches willkommen sein, die Ausgabe der Wiener
Chamischa Chumasch Tora vom Jahre 5619 mit Raschi, Raschbam, Ramban, Ibn
Esra, Siporno und den Targumim, die der Schocken-Verlag mit ebensolcher
technischer Vollkommenheit photographisch vervielfältigt hat wie den Bär’schen
Siddur.
In diesem Falle gehören allerdings recht gute junge Augen oder ein
Vergrößerungsglas dazu – um trotz der Schärfe des Druckes – die
kleinen Typen eines Teiles der Kommentar bequem lesen zu können.
Vielleicht wäre es praktischer gewesen, lieber auf den Vorzug der
Handlichkeit zu verzichten und ein etwas größeres Format zu wählen.
Durch die Wahl eines erstklassigen Dünndruckpapiers ist es gelungen, die
etwa 1.600 Seiten zu einem in der Tat handlichen – vornehm
ausgestatteten – Bande von etwa 4 ½ cm Dicke zusammenzupressen, der
sicherlich bald ein beliebtes Barmizwo-Geschenk sein wird. Möge er fleißig
benutzt, das heißt: in Gründlichkeit gelernt werden." |
Artikel in der "Jewish Encyclopedia" über Dr.
Seligmann Bär
(Quelle: Website
der Jewish Encyclopedia)
| Der Artikel wird nicht
ausgeschrieben - bei Interesse bitte anklicken |
 |
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Aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben
70-jähriges Jubiläum des Israelitischen
Männerkrankenvereins Biebrich, Schierstein und Frauenstein 1909
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit von 4. März 1909:
"Biebrich am Rhein, 20. Februar. Am 18. Februar, 27. Schewat, feierte
der Israelitische Männerkrankenverein Biebrich, Schierstein und
Frauenstein sein 70jähriges Jubiläum. Die Feier wurde durch einen
besonderen Festgottesdienst durch Herrn Lehrer Sulzbacher - Biebrich
eingeleitet. Alsdann folgte der alljährlich am Stiftungsfeste
stattfindende Jom-Kippur-Katan-Gottesdienst. Gegen 3 Uhr
versammelten sich die Mitglieder zur Generalversammlung und dem
darauffolgenden Festmahle. Zunächst ergriff der Vorsitzende des Vereins,
Herr Josef Kahn das Wort, um die fast vollzählig erschienenen Mitglieder
willkommen zu heißen. Im weiteren Verlaufe seiner Rede gedachte Herr Kahn
der Gründer des Vereins und bat, unter Hinweis auf die schon damals
festgelegten wohltätigen Zwecke und Ziele, alle Anwesenden durch festes
Zusammenhalten dafür Sorge zu tragen, dass das von den Vorfahren
übernommene Erbe auf ewige Zeiten erhalten bleibe. Herr M. Reifenberg
dankte für die erwiesene Ehrung in bewegten Worten. Weitere Ansprachen
hielten die Herren Lehrer Sulzbacher - Biebrich und Katzenstein - Schierstein." |
Berichte zu
einzelnen Personen aus der Gemeinde
Verschiedene Personen
Josef Sender wird mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet (1918)
Mitteilung
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 18. Januar
1918: "Biebrich. Offizier-Stellvertreter Josef Sender (statt:
Gender) erhielt das Eiserne Kreuz 1. Klasse." |
Zum Tod des langjährigen Gemeindevorstehers Moses Reifenberg (1918)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Oktober 1918: "Biebrich
am Rhein, 10. Oktober (1918). Vor einigen Wochen trugen wir unser
ältestes Gemeindemitglied, Moses Reifenberg, im Alter von 89 Jahren zu
Grabe. Mit ihm ist ein echter Jehudi und selten guter Mensch
dahingegangen. Sein ehrlicher und redlicher Sinn als Kaufmann, sowie seine
seltene Menschenliebe und Menschenfreundlichkeit machten ihn beliebt und
geachtet bei allen, die ja mit ihm in irgendeine Berührung kamen.
Besonders innig war die Liebe und Anhänglichkeit, mit der unser ganzes Kahal
(= unsere ganze Gemeinde) an dem Verstorbenen hing, der 30 lange Jahre
hindurch als Gemeindevorsteher die Geschäfte der Gemeinde in
Händen hatte. Und er war ein Vorsteher in echt alt-jüdischem
Sinne, der die öffentlichen Bedürfnisse mit Treue
ausführte. Das Interesse seine Gemeinde stand dem eigenen allezeit voran.
Die Pflege von Tora, Gottesdienst und Wohltätigkeit innerhalb der
Gemeinde betrachtete er als seine Lebensaufgabe, wobei dem Gottesdienste
im Gotteshause sein besondere Augenmerk zu jeder Zeit zugewandt war.
Unersetzlich groß ist daher der Verlust unserer Gemeinde, dem Herr Lehrer
Sulzbacher am Grabe Ausdruck verlieh und die Gemeindevorstände dabei
ermahnte, im frommen Sinne des Dahingegangenen die Gemeindeinstitutionen
weiter zu leiten und zu pflegen. Seine Seele sei eingebunden in den
Bund des Lebens. S." |
Zum Tod von Samuel Marx (1920)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Februar 1920:
"Biebrich, 3. Februar. Am 21. Tewet (= 12. Januar 1920) verschied
dahier Herr Samuel Marx. Mit ihm ist ein äußerst schlichtes, aber
wackeres Mitglied unserer Gemeinde von hinnen gegangen. Aus einer
einfachen, echt frommen Familie stammend - deren tief-jüdischer Sinn sein
ganzes Leben hindurch sein Vorbild war - hatte sich Marx - das Gedenken an
der Gerechten ist zum Segen -, durch unermüdlichen Fleiß und durch
ehrlich-redliches Streben zu Wohlstand und Ansehen emporgearbeitet. Diesen
seinen Wohlstand nützte er in seiner Anspruchslosigkeit nicht für sich,
sondern fand Befriedigung und Freude darin, Wohltätigkeit im jüdischen
Sinne zu üben. Am Grabe schilderte Lehrer Sulzbacher mit tiefempfundenen
Worten die Größe des Verlustes für die Hinterbliebenen, für die
jüdische Gemeinde und besonders auch für die Armen. Das Andenken dieses
bescheidenen Mannes und echten Jehudi wird in unserer Gemeinde immer
weiter leben. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des
Lebens". |
Artikel zur Geschichte der
Familie Sender ("eine der edelsten, besten,
frömmsten Familien der deutschen Judenheit")
Die Familie Sender in Biebrich war im Judentum des 19./20. Jahrhunderts in der
weiten Umgebung bekannt. Herausragende Vertreter waren der herzogliche
Hoflieferant Joseph Sender und der Mohel (Beschneider) Hayum Sender,
über die in nachfolgenden Artikeln aus der Zeitschrift "Der Israelit"
berichtet wird. Weitere Vertreter waren der Kaufmann Moritz (Moses) Sender,
der Anfang des 20. Jahrhunderts einige Jahre Vorsitzender der jüdischen
Gemeinde Biebrich war.
Seine Tochter Toni Sender (geb. 1888 in Biebrich,
gest. 1964 in New York) wohnte seit 1901 in Frankfurt, engagierte sich zunächst
als Kommunistin, später in der USDP und war von 1919 bis 1933 als eine der
ersten Frauen Reichstagsabgeordnete im Berliner Reichstag (1933 in die USA
geflohen; 1940 veröffentlichte sie 'Autobiography of a German Rebel', deutsch
1981).
Web-Links: Wikipedia-Artikel
zu Toni Sender Weitere
Seite zu Toni Sender (Uni Ulm) Seite
bei hr-online Seite
der Stadt Frankfurt
An Toni Sender erinnert in Biebrich heute u.a. das "Toni-Sender-Haus"
(Kindertagesstätte sowie Alten- und Pflegeheim, Rudolf-Dyckerhoff-Str. 30); die
Stadt Frankfurt vergibt seit 1992 für frauenpolitisches Engagement an
bedeutende Frauen den "Toni-Sender-Preis"; in Frankfurt-Sossenheim
gibt es eine "Toni-Sender-Straße".
Zum Tod des herzoglichen Hoflieferanten Joseph Sender
und seines Sohnes Hermann Sender im September 1879
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. September
1879: "Mainz, 15. September (1879). Eine der edelsten, besten,
frömmsten Familien der deutschen Judenheit hat herbe Prüfungen erfahren,
schmerzliche Verluste erlitten! Herr Joseph Sender in Biebrich und
dessen ältester Sohn, Herr Hermann Sender, sind im Verlaufe von sechs
Tagen aus diesem Leben abberufen worden. Wie einst der königliche Sänger
in Bezug auf den Tod eines vortrefflichen Vaters und eines vorzüglichen
Sohnes klagend rief: 'Die geliebten in ihrem Leben, auch in ihrem Tode
waren sie nicht getrennt' (2. Samuel 1,23) so erheben auch wir weinend
unsere Stimme: diese beiden, edlen, frommen, vortrefflichen Menschen, die
im Leben die innigste Liebe verband, sie bleiben auch im Tod ungetrennt!
Der herzogliche Hoflieferant Herr Joseph Sender - seine Ruhe sei Wonne
- war ein Jehudi, wie es nicht viele gibt. Von Jugend auf zur Tora und zum
Gottesdienst erzogen, gründete er ein Haus in Israel, das durch
Wohltätigkeit, Gastfreundschaft und echte, wahre Frömmigkeit weithin
berühmt wurde. So erzog er auch seine Söhne und Töchter, und die
heiligen Grundsätze des Judentums waren ihm maßgebend bei der Wahl
seiner Schwiegersöhne und der Schwiegertochter. Seine Liebe zur
Gotteslehre war grenzenlos; alle seine Muße widmete er ihr; Raschi,
Ramban, Midraschim und Sifre Mussor bildeten ständig seine Lektüre. Im
Verkehre mit den Mitmenschen war seine strenge Rechtlichkeit, seine große
Gewissenhaftigkeit, seine unerschöpfliche Wohltätigkeit fast sprichwörtlich
geworden. Bis kurz vor seinem Tode noch recht rüstig, war er am Erew
Schabbat Paraschat Ki Tawo (= Freitag, 31. August 1879), wie seit 25
Jahren fast an jedem Erew Schabbat (Freitag), beim Herausgeber dieser
Blätter zum Besuche hier in Mainz gewesen. In der Sabbat-Nacht erkrankte
er; als mir das durch einen Expressboten am Sonntag früh berichtet wurde,
eilte ich an sein Krankenlager. Im vollen Bewusstsein des herannahenden
Todes traf er noch einige Anordnungen in Bezug auf sein Leichenbegängnis;
am Montag Abend wurde er zu seinen Vätern versammelt. Während der ganzen
Zeit der Krankheit war sein Sohn Hermann nicht von dem Bette des Vaters
gewichen und hatte sich wohl zu sehr beim lauten Sprechen - der Vater
hörte etwas schwer - angestrengt. Zwei Stunden nach dem Tode des Vaters
bekam der dreiunddreißigjährige, erst seit einem Jahr verheiratete Mann
einen Blutsturz und gestern folgte der Sohn dem Vater in eine andere
Welt.
Wie soll ich meiner Klage um Dich, Du mein teurer Freund und Schüler,
Ausdruck verleihen! Als ich vor einem Vierteljahrhundert nach Mainz kam,
brachte mir der Vater den achtjährigen Knaben, und seitdem war dieser mit
ein lieber Schüler geblieben, ein treuer Freund geworden.
Hermann Sender - seine Ruhe sei Wonne - war ein seltener Mensch,
ein echter Jehudi; die Herzensgüte, die ihn auszeichnete, ist
unbeschreiblich; stets eifrig, Gutes zu tun und zu wirken, glühte sein
Herz für das Judentum; dabei war er sehr genau in der Beachtung der
Gebote; obgleich viel auf Reisen, hatte er wohl niemals eine Bestimmung
übergetreten, niemals in einer jüdischen Restauration von zweifelhaftem Kascherut
gespeist. - Um ihn trauern seine junge Gattin, seine Geschwister und Alle,
die ihn kannten. Sein, erst fünf Wochen altes Kind - Gott möge es
beschützen -, wird erst später erfahren, welch einen Vater es
verloren. Und der Ewige wird heilen unsere
Gebrechen.... Ihre Seelen seien eingebunden in den Bund
des Lebens." |
Zum Tod des Mohel (Beschneiders)
Hayum Sender im Oktober (1879)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Oktober 1879:
"Mainz, 20. Oktober (1879). Es ist ein trauriger Gang, von dem wir
soeben zurückkehren. Die im weiten Kreisen rühmlichst bekannte Familie
Sender in Biebrich-Mosbach hat wiederum einen schmerzlichen Verlust
erlitten. Herr Hayum Sender war ein Jehudi, wie man sie zu allen Zeiten
nur selten fand; um so schmerzlicher wird der Verlust in unserer Zeit
empfunden. Von Kindheit an in unserer heiligen Gotteslehre. dem
Gottesdienste und der Ausübung von Wohltaten. Namentlich war es die
Einführung der Kinder in den Bund unseres Vaters Abraham, der er mit
Aufopferung oblag. Da war ihm kein Weg zu weit und zu beschwerlich.
Oftmals wanderte er, im Winter bei Schnee und Eis, in entlegene, einsame
Gebirgsdörfer, wohin weder Eisenbahn noch Postverbindung führte, sodass
es manchmal mit Lebensgefahr verbunden war. Oft musste er die Sabbate und
die heiligsten Feiertage in solchen Dörfern verbringen, und da er es mit
der Beobachtung der göttlichen Gesetze streng nahm, so hatte er vielfach
nichts Anderes zu essen, als die Vorräte, die er selbst mitgebracht
hatte. Bei wenig bemittelten Leuten unterstützte er Wöchnerin und Kind
aus eigenen Mitteln oft sehr reichlich. Er ließ auch die Kinder, die er
in Abrahams Bund eingeführt hatte, nicht aus den Augen, sorgte dafür,
dass sie jüdischen Unterricht erhielten, schenkte ihnen die Bücher der
heiligen Schrift und unterrichtete sie vielfach selbst darin. |
Er war ein Menschenfreund im edelsten Sinne des Wortes, liebevoll und
gefällig gegen Juden, wohltätig gegen die Armen, geliebt und geachtet
von Allen. Er war ein aufrichtiger, ernst meinender Jehudi und stets
bereit, für das wahre, echte, unverfälschte und unverkürzte Judentum
mit feuriger Energie einzutreten. Auch die Armen des heiligen Landes haben
in ihm einen Freund und Wohltäter und fleißigen Gabensammler
verloren.
Trotz des strömenden Regens hatte sich zum Leichenbegängnis eine
zahlreiche Menschenmenge eingefunden. Wir bemerkten unter den Anwesenden
die Herr Rabbiner M. Weiskopf aus Paris, Rabbiner Dr. Carlebach aus
Lübeck, Rabbinats-Assessor S. Bamberger aus Frankfurt am Main, Dr. med.
Theodor Klein aus Paris, Benjamin Niederhofheim aus Frankfurt am Main,
Jonas Bondi aus Mainz und viele, viele andere.
Im Trauerhause sprach zuerst der Herausgeber dieser Blätter, anlehnend an
den schönen Ausspruch unserer Weisen im Traktat Berachot: Da Rabbi
Jochanan das Buch Hiob zu Ende gelesen hatte, sagte er: das Ende des
Menschen ist zu sterben, und das des Tieres geschlachtet zu werden, und
Alle gehen dem Tod entgegen. Heil Dem, der herangewachsen ist in der Tora
und sich bemüht hat um die Tora, und Gott wohlgefällig gelebt hat; Heil
Dem, der herangewachsen in einem guten Namen und von dieser Welt scheidet
mit einem guten Namen, und so hat auch Salomo gesprochen in seiner
Weisheit: Besser ist ein guter Name denn wohlriechend Öl.
Hierauf sprach Herr Rabbiner Weiskopf aus Paris, ein naher Verwandter des
Heimgegangenen. Derselbe hob in ergreifender Weise die schmerzlichen
Verluste hervor, welche die durch Tugend und Frömmigkeit ausgezeichnete
Familie Sender nacheinander getroffen. Er verglich diese schweren
Ereignisse mit den Prüfungen, die unser Vater Abraham zu bestehen gehabt,
und wie dieser aus allen Prüfungen mit nur umso größerem Gottvertrauen
hervorgegangen, so mögen auch die Mitglieder dieser Familie festhalten an
ihrem Vater im Himmel.
Die Leiche wurde auf dem neuen Friedhofe der orthodoxen israelitischen
Gemeinde zu Wiesbaden bestattet. Am Friedhofe sprach Herr Rabbiner Dr.
Kahn aus Wiesbaden in ergreifender Weise, ein treues Lebensbild des edlen
Verblichenen entrollen, zugleich hervorhebend, wie sehr der Heimgegangene
die Zwecke und Bestrebungen der orthodoxen israelitischen Gemeinde zu
Wiesbaden gefördert habe.
In der israelitischen Gemeinde zu Biebrich-Mosbach hat der Tod in den
jüngst verflossenen Wochen eine große Lüche gerissen. Mögen die
Männer und Jünglinge daselbst sich bemühen, diese Lücke auszufüllen,
damit der genannten Gemeinde ihr allbewährter Ruhm der Frömmigkeit und
Liebe zur Gotteslehre erhalten bleibe. Das Gedenken an den Gerechten ist
zum Segen!" |
Zum 40. Jahrestages des Todes von Moritz Sender
(1929)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. September 1929: "Biebrich am Rhein,
17. September. Am 1. Rosch Chodesch Elul verschied unerwartet rasch
der im 76. Lebensjahre stehende Moritz Sender von hier. Die Kunde von dem
schnellen Hinscheiden erfüllte die Stadt und besonders unsere Gemeinde
mit tiefem Schmerz und herber Trauer. Ist doch mit dem Dahingeschiedenen
– seligen Andenkens – der Eckpfeiler
– auf den die ganze Gemeinde stolz war und sich stützen konnte – zu
frühe aus unserer Mitte gerissen worden und wehmutsvoll entrinnen (?) die
Worte sich unseren Lippen. ‚Weh
uns, dass gefallen die Krone unseres Hauptes’. Dem weithin bekannten
Hause Sender entstammend, das echte und unverfälschte Jüdischkeit
allezeit hegte und pflegte, förderte und verteidigte, hatte der Vater
Salomon Sender – seligen Andenkens – dafür Sorge getragen, dass der Verstorbene gemäß
den Segnungen der Tora erzogen wurde und gab ihn in die damals aufblühende
Lehmann’sche Schule nach Mainz, von wo aus er nach Paris in ein Bankhaus
kam und neben seiner kaufmännischen Ausbildung im der Talmudschule
(Beit Midrasch) des allverehrten Rabbiners Weiskopf – sein Licht leuchte – dem Lernen
der Tora oblag. Als der Vater ihm frühzeitig entrissen ward, kehrte
er hierher zurück, gründete ein Geschäft, das auf ausgezeichneter
Reelität fußte und vertrat so den vielen noch unversorgten Geschwistern
gegenüber die Vaterstelle, gründete alsdann mit einer ihm gleich
gesinnten Gattin seinen eigenen Hausstand, in dem Tora und Mizwot (Gebote)allezeit
herrschte und den Kindern eingepflanzt wurde. Als langjähriger Vorstand
unserer Gemeinde war er stets bemüht, die Institutionen innerhalb
derselben in gesetzestreuer Weise zu hegen und zu erhalten, versah
Jahrzehnte das Amt eines Chasan (Vorbeters) und Baal
Tokea (Schofarbläsers) an den ehrfurchtgebietenden
Tagen mit großer Andacht und seltener Hingabe und war so einer, der für
alle Gemeindebelange sich in Treue und Liebe hingewendet. So kurz auch die
Zeit zwischen dem Verscheiden und der Beerdigung
war, so folgte doch eine große Trauerschar aus allen Kreisen ohne
Unterschied der Konfessionen von hier und nächster Umgebung der Bahre –
ein Zeichen der Beliebtheit des Verstorbenen. Die letztwillige Verfügung
des Dahingegangenen, dass weder am Grabe noch im Hause eine Trauerrede
gehalten werden dürfte, konnte und musste schon des Monatsanfangs und des nahenden Schabbos wegen erfüllt werden. Die
still klagende und tief bewegte Trauergemeinde, die vom frisch
ausgeworfenen Grabeshügel sich trennte, sagte mehr, wie Worte es vermögen,
wer der Dahingegangene war. Möge sein Verdienst
der trauernden Gattin und den Kindern, sowie besonders auch unserer Gemeinde beistehen. Seine
Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Einzelpersonen
Anzeige von M. Katz für seinen Sohn (1901)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Juli 1901: "Suche für
meinen Sohn, 14 Jahre alten kräftigen und arbeitswilligen Jungen,
passende Stelle als Lehrling in einem frequenten Manufaktur- und
gemischten Warengeschäft. Familienanschluss erwünscht.
M. Katz, Biebrich – Mosbach am Rhein." |
Anzeige von Siegmund Max (1902)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. August 1902: "Ein
junger Metzgerbursche gesucht.
Siegmund Marx, Biebrich am Rhein". |
Anzeigen der Viehhandlung und Metzgerei Isaac Kahn (1903
/ 1904)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. September 1903:
"Zum sofortigen Eintritt suche einen ehrlichen, braven Gehülfen
für meine Metzgerei und Viehhandel.
Isaac Kahn, Biebrich am Rhein." |
| |
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Februar 1904:
"Zum sofortigen Eintritt suche ich einen starken Gehilfen, der
selbständig schlachten kann und im Viehhandel behilflich ist.
Isaac Kahn,
Viehhandlung und Metzgerei, Biebrich am
Rhein." |
Heiratsanzeige von Joseph B. Sender und Valerie geb.
Bollag (1921)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Juni 1921: "Joseph B. Sender –
Valerie Sender geb. Bollag.
Vermählte. Biebrich am Rhein – Basel.
Trauung: Montag, 27. Juni 1927 mittags 1 Uhr
‚Frankfurt-Loge’, Frankfurt am Main." |
Verlobungsanzeige für Rosel Schächter und Bernhard
Sulzbacher (1930)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Januar 1930: "Statt Karten. Gott
sei gepriesen. Rosel Schächter – Bernhard Sulzbacher. Verlobte. Fürth
in Bayern Mathildenstraße 16 – Fürth in Bayern / Wiesbaden-Biebrich.
Empfang in Biebrich: Samstag, 8. und Sonntag, 9. Februar." |
Zur Geschichte der Synagoge
Zunächst war ein Anfang des 19. Jahrhunderts zu eng
gewordener Betsaal vorhanden, den die jüdische Gemeinde gemietet hatte.
1829/30 wurde eine Synagoge erbaut und eingeweiht. Diese ist vermutlich
um 1865 erweitert worden, da bis 1864 der Gottesdienst zeitweilig im Gasthof zum
Wandersmann stattgefunden hat. Nach der Darstellung bei Arnsberg s. Lit. S. 71
wurde allerdings um 1865 eine neue Synagoge gebaut. Ein Landwirt namens Bernhard
Reitz habe als Dank für die Errettung vom "Englischen Fieber" seinem
jüdischen Arzt einen Acker mit Scheune genannt. Diese Scheune sei zur Synagoge
ausgebaut worden. Bei der Einweihung habe Dr. Seligmann Baer amtiert. Mit der
Darstellung bei Arnsberg lässt sich jedoch schwer die Hundertjahrfeier der
Synagoge im Januar 1930 in Einklang bringen, sodass zu vermuten ist, dass es
sich um 1865 um eine Renovierung beziehungsweise Vergrößerung der bestehenden
Synagoge gehandelt hat. Über die Hundertjahrfeier der Synagoge am 4. Januar
1930 liegt folgender Bericht vor:
Artikel in der Jüdisch-liberalen Zeitung vom 15. Januar 1930:
"Biebrich am Rhein. (Hundertjahrfeier der
Synagoge). Hier fand unter
Beteiligung aller Gemeindemitglieder und zahlreicher Gäste aus den
benachbarten Gemeinden Wiesbaden, Bierstadt, Schierstein, Flörsheim und
Höchst am Main die Feier des 100jährigen Bestehens der Synagoge statt.
Am Samstag, den 4. Januar 1930 wurde ein feierlicher Festgottesdienst
abgehalten, bei dem Herr Bezirksrabbiner Dr. Lazarus - Wiesbaden die
formvollendete Festrede hielt. Am Tage darauf fand der offizielle Festakt
unter Teilnahme der staatlichen, weltlichen und geistlichen Behörden
statt. Bei dieser Feier, die mit der Enthüllung einer Gedenktafel für
die im Weltkrieg gefallenen Mitglieder der Biebricher Gemeinde verbunden
war, hielt Herr Dr. Lazarus die offizielle Festrede. Nach ihm sprachen die
Vertreter der verschiedenen Behörden und Organisationen, Herr Lehrer
Lilienthal für die Ortsgruppe Wiesbaden der Reichsbundes jüdischer
Frontsoldaten, Herr Rabbiner Dr. Ansbacher für die alt-israelitische
Kultusgemeinde, die Geistlichen der beiden Konfessionen, die Vertreter der
Stadt und Herr Lehrer Katzenstein für die Nachbargemeinden. Für die
Gemeinde Biebrich selbst sprach in längeren Ausführungen Herr Lehrer
Sulzbacher, der auch einen geschichtlichen Überblick gab und dankbar der
heimgegangenen Führer der Gemeinde gedachte, vor allem der in letzter
Zeit verstorbenen Kultusvorsteher Moritz Sender und Isaak Kahn und des
Lehrers Dr. S. Baer, dessen überaus bedeutende wissenschaftliche Arbeiten
auf dem Gebiete der Massora und Bibelexegese in der ganzen
wissenschaftlichen Welt anerkannt worden sind. - Am Abend beschloss ein
Ball die Feierlichkeit." |
Aus der Zeit der Geschichte der
Synagoge liegt noch ein Bericht über die Spende eines Toramantels durch die
Nachkommen des Hayum Sender vor (1883):
Spende eines Toramantels für die Synagoge
durch die Kinder von Herrn Sender (1883)
Artikel
in der Zeitschrift "Jeschurun" vom August 1883 S. 505: "Biebrich,
25. Juli (1883). Die Kinder des bereits vor längerer Zeit verstorbenen
Herrn Sender spendeten der hiesigen Synagoge zum Andenken an ihre Eltern
einen herrlichen Thoramantel, ein wahres Meisterwerk der Stickkunst aus
dem Atelier der auf dem Gebiete der Goldstickerei berühmten Breslauer
Firma Isidor und Rosalie Reiter." |
Die Synagoge in Biebrich blieb
Mittelpunkt des jüdischen Gemeindelebens am Ort bis 1938. Zu ersten
antisemitischen Aktionen kam es 1931, als die Synagogentür mit Hakenkreuzen
beschmiert wurde. Der Täter konnte gefasst werden und erhielt eine
Gefängnisstrafe von einem Monat:
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Juni 1931:
"Frankfurt am Main. Das Schöffengericht in Biebrich bei Wiesbaden
verurteilte einen Arbeiter zu einem Monat Gefängnis, weil er die
Synagogentür mit Hakenkreuzen in Ölfarbe bemalt hatte. Wegen ähnlicher
Vergehen waren kürzlich schon einmal drei Arbeiter verurteilt
worden". |
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge die
Synagoge geschändet, ihre Inneneinrichtung zerstört. In wieweit es zu einer
Brandstiftung kam und das Gebäude aus- oder abbrannte, ist unklar. Nach Angaben
eines Nachbarn kam es zu keiner Niederbrennung des Gebäudes (siehe den Artikel
unten vom 5. April 1979). Das Synagogengebäude wurde im Krieg durch eine
Luftmine beziehungsweise Bomben zerstört. Die Ruine wurde abgebrochen.
Nach 1945 wurde das Grundstück mit einem Wohn- und Geschäftshaus neu
bebaut.
Anfang 1979 wurde im Rathaus der Gemeinde (Ortsverwaltung) eine Gedenktafel
zur Erinnerung an die jüdische Geschichte und die Synagoge Biebrichs
angebracht, nachdem eine solche Anbringung an dem Wohn- und Geschäftshaus auf
dem Grundstück der ehemaligen Synagoge nicht möglich war. Die Gedenktafel
trägt die Inschrift: "Zum Gedenken an die Jüdische Gemeinde Biebrich, die
sich nach 1800 gebildet hatte. 1865 erbaute sie sich in der Rathausstraße 37
eine eigene Synagoge, die am 9. November 1938 zerstört wurde. Die 130
Mitglieder der Gemeinde wurden aus ihrer Heimat vertrieben oder starben in
Konzentrationslagern".
Aus diesem Anlass erschien folgender Artikel zur jüdischen Geschichte
Biebrichs:
Artikel im Wiesbadener Kurier vom 2. März 1979: "Nicht einmal im
Bild erhalten: Synagoge der Biebricher Juden. In der Reichskristallnacht
zerstört / Gedenktafel im Rathaus. W.-Biebrich. Im nächsten Jahr
hätte das 150jährige Bestehen der Biebricher Synagoge gefeiert werden
können. Wenn vor kurzem nicht eine Gedenktafel im Rathaus des
Stadtbezirks angebracht worden wäre, gäbe es keinen äußeren Hinweis
mehr auf das 1938 in der Reichskristallnacht zerstörte Gebäude. Die
jüdische Gemeinde selbst hat einen wesentlichen Anteil an der Entwicklung
Biebrichs genommen und bekannte Persönlichkeiten hervorgebracht.
Einige von ihnen sind auf dem jüdischen Friedhof des größten
Außenbezirks Wiesbadens begraben. Die Ruhestätte der Toten hat im
Gegensatz zu vielen Mitgliedern der Gemeinde das Dritte Reich
überstanden. Der dort beigesetzte Astrophysiker Erwin Freundlich*
war nach dem Krieg in seine Heimat zurückgekehrt und hatte in Mainz als
Professor gelehrt.
Aus der jüdischen Gemeinde Biebrichs ragte vor der Vertreibung und
Verfolgung durch die Nationalsozialisten noch die Reichstagsabgeordnete Tony
Sender heraus, die zuerst der SPD und später der USPD angehörte. Sie
wirkte nach 1945 für die Unesco. Sehr populär war der Religionsforscher Seligmann
Baer, der sogar zum Ehrenbürger ernannt wurde und den Doktortitel
ehrenhalber erhielt. Er gab an der Schule in Biebrich
Religionsunterricht.
Vor dem Dritten Reich zählte die jüdische Gemeinde in Biebrich 150
Mitglieder. Ihnen stand in einem parkähnlichen Grundstück an der
Rathausstraße 37 eine Synagoge zu Verfügung, die 1865 erbaut worden war.
Das erste Gotteshaus der Juden in Biebrich war 1830 errichtet worden, doch
ist unbekannt, wo es stand. Auch von dem zweiten Gebäude existiert,
soweit bekannt ist, keine Ansicht mehr.
Der Heimatforscher Rolf Faber hat die Geschichte der jüdischen Gemeinde
Biebrichs, soweit sie erreichbar und zugängig ist, zusammengetragen.
Daraus ergibt sich, dass drei Jahre vor der Machtergreifung der
Nationalsozialsten noch eine große Feier zum 100jährigen Bestehen der
Synagoge stattfand. Daran nahm die Bevölkerung trotz der antisemitischen
Propaganda großen Anteil. Im Sommer 1930 wurden allerdings schon die
ersten Hakenkreuze auf die Synagoge in der Rathausstraße geschmiert, die
Täter allerdings noch bestraft.
1938, in der Reichskristallnacht, wurde auch die Biebricher Synagoge
angezündet und brannte bis auf die Grundmauern nieder. Den Rest des
Gebäudes zerstörten Kriegsbomben. Nunmehr kündet eine Gedenktafel im
Aufgang des Biebricher Rathauses vom Schicksal der jüdischen Gemeinde und
ihres Gotteshauses. Wie es heißt, konnte sie nicht an dem Neubau
angerbacht werden, der auf dem Grundstück der früheren Synagoge stand.
Der Verschönerungs- und Verkehrsverein Biebrich hat damit acht Tafeln
angebracht, die auf bedeutende Gebäude hinweisen. Leider konnte diese
Aktion nicht mit solche der Stadt und des Landes koordiniert werden,
obwohl dies Geld erspart und in jedem Falle fundierte Inschriften erbracht
hätte." eg
* (Anmerkung des Webmasters): Erwin Freundlich kann nicht zu den
Mitgliedern der jüdischen Gemeinde ein Biebrich gezählt werden: nur
seine Großmutter väterlicherseits war jüdisch. Dadurch fiel er
allerdings unter § 3 des nationalsozialistischen Berufsbeamtengesetzes.
Vgl. Wikipedia-Artikel
zu Erwin Freundlich |
Wenige Tage nach diesem Artikel
erschien als ergänzende Information die Auskunft eines Nachbarn, nachdem die
Synagoge offenbar nicht "bis auf die Grundmauern niedergebrannt"
war:
Artikel
im "Wiesbadener Kurier" vom 5. April 1979: "Wiesbaden-Biebrich.
Bislang war verbreitete Meinung, die Synagoge in Biebrich sei bei der
'Kristallnacht' durch Feuer zerstört worden. Ohnehin gibt es wenig
Überliefertes vom ehemaligen Gotteshaus der jüdischen Gemeinde, das auf
einem rückwärtigen Grundstück an der Rathausstraße stand. Inzwischen
meldete sich ein Nachbar des früheren Gebäudes beim KURIER und
berichtete, er habe im November 1938 verhindert, dass die Synagoge
angezündet wurde. Zwar sei dies von Nationalsozialisten geplant gewesen,
doch habe vor allem der Hinweis auf die Gefährdung der umstehenden
Häuser und einer Werkstatt der Brandstiftung entgegengewirkt. Dafür sei
die Inneneinrichtung demoliert worden. Später hätten Bomben das
verlassene Gotteshaus zerstört, das noch vor Kriegsende abgerissen worden
sei." |
1998 konnte die bis dahin am Rathaus
befindliche Gedenktafel
für die Synagoge an dem Wohn- und Geschäftshaus auf dem ehemaligen
Synagogengrundstück in der Rathausstraße 37 angebracht werden. Der Text der
Tafel lautet: "Zum Gedenken an die jüdische Gemeinde Biebrich, die sich
nach 1800 gebildet hatte. 1865 erbaute sie sich in der Rathausstraße 37 eine
eigene Synagoge, die am 9. November 1938 zerstört wurde. Die 130 Mitglieder der
Gemeinde wurden aus ihrer Heimat vertrieben oder starben in
Konzentrationslagern." Am Holocaust-Gedenktag 2010 (27. Januar 2010)
wurde eine Gedenkstele des Künstlers Karl-Martin Hartmann am
Synagogengrundstück aufgestellt (siehe Bericht unten; Link: Website
von Karl-Martin Hartmann).
Adresse/Standort der Synagoge: Rathausstraße
37.
Fotos
(neuere Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 10.8.2008)
| Historische Fotos
der ehemaligen Synagoge sind nicht vorhanden; über Hinweis oder
Zusendungen freut sich der Webmaster der "Alemannia Judaica";
Adresse siehe Eingangsseite. |
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| Das auf dem
Synagogengrundstück heute stehende Wohn- und Geschäftshaus |
Im Eingangsbereich ist die
Gedenktafel angebracht |
Die Gedenktafel |
Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
Führung auf den Spuren der jüdischen
Geschichte in Biebrich im September 2008
| September 2008:
Führung auf den Spuren der jüdischen Geschichte
in Biebrich im September 2008 |
Artikel von Christine Dressler im Wiesbadener
Tagblatt vom 15. September 2008 (Artikel):
Detaillierte Informationen - Dorothee Lottmann-Kaeseler zeigt Spuren jüdischen Lebens in Biebrich
Auf den Spuren jüdischen Lebens führte Dorothee Lottmann-Kaeseler vier Damen und drei Herren durch Biebrich. Die Gruppe war erschüttert, wie schnell unter den Nazis die Stimmung gegen die Jahrhunderte lang integrierten Juden umschlug.
"Man sieht nichts mehr davon, aber hier war früher die Synagoge", erklärte Dorothee
Lottmann-Kaeseler den Treffpunkt Rathausstraße 37. Trotz strömenden Regens machte sich die
Gruppe auf zu einer Drei-Stunden-Führung, mit der die neue Rundgangsreihe des evangelischen Dekanats begann. Das Spektrum der Gruppe reichte vom Neubiebricher, den das Thema interessierte, "weil ich die Tafel hier an der Synagoge gesehen habe und sonst nichts von jüdischem Leben in Biebrich weiß", bis zu
Lottmann-Kaeseler-Fans. Die Juristin gründete 1988 das Aktive Museum Spiegelgasse mit, saß dem Verein bis 2006 vor und erforscht seit 20 Jahren die jüdische Geschichte in und um Wiesbaden.
Detailliert waren ihre Informationen auf dem Weg. Er führte von der 1865 erbauten und am 9. November 1938 zerstörten Synagoge ums Eck in die Stettiner Straße 6 zum Geburtshaus von der "in den 30er Jahren rechtzeitig" nach Amerika geflohenen SPD-Politikerin Toni Sender", die 1964 in New York starb. Am 29. November 1888 geboren, wurde sie Sidonie getauft, "aber bald Toni gerufen". Als Reichstagsabgeordnete von 1920 bis 1933 war sie "sehr gefährdet", sagte
Lottmann-Kaeseler. Weiter ging es zu Seligmann Baers Geburtshaus in die Straße Am Schlosspark. Mit dem 1825 geborenen Gelehrten endete der auch wegen Zahlungsnot der Gemeinde fast jährliche Wechsel der Lehrer in der Synagoge. Die Juristin nannte Namen, Bildung und Herkunft aller bis zurück ins Jahr 1820. "Sehr bildungsorientiert" übernahm Baer das Amt 1856 bis zu seinem Tod 1897 und übersetzte die hebräischen Texte auch ins Deutsche. Ihm folgte Simon Sulzbacher. "Er blieb bis in die 30er Jahre".
Mit vielen Textbelegen berichtete Lottmann-Kaeseler auf dem Rundgang, dass "eine relativ große Zahl Juden wahrscheinlich schon seit der Römerzeit" am Rhein und in Biebrich lebte. Ausführlich schilderte sie die 100-Jahr-Feier der Synagoge mit Rabbinern, Polizeipräsident, Repräsentanten des Magistrats und der christlichen Kirche im Jahr 1930. Das beweise außer einer Vorgängersynagoge, wie angesehen die jüdische Gemeinde war. Die Gruppe erschütterte, "was nur acht Jahr später daraus wurde": Alle 130 Gemeindemitglieder wurden vertrieben oder in KZs ermordet. |
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| Januar 2010:
Einweihung einer Gedenkstele für die
ehemalige Synagoge |
Foto
(FR/Schick): Stele: kein Anstoß sein, sondern Anstoß geben: das
Kunstwerk.
Artikel von Michael Grabenströer in der "Frankfurter Rundschau"
(fr-onlne.de) vom 29. Januar 2010 (Artikel):
"Stele in Biebrich - Platzhalter für verschwundene Synagoge.
Die Stele steht am Rande des Bürgersteigs, zur Rathausstraße in Biebrich hin, direkt vor dem Gebäude des türkischen Jugend- und Kulturbundes. Hoch aufragend, sechs Meter. Sie sieht auf den ersten Blick aus wie der Träger einer Werbemaßnahme, an der nur noch die Leuchttafeln fehlen. Sie soll mit ihren roten Glaselementen und mehrsprachigen Inschriften Aufmerksamkeit schaffen und Fragen aufwerfen. Die Stele, die aus dem Gehweg wächst, steht schließlich an einem besonderen Ort der Erinnerung. Sie wurde dort errichtet, wo einst die Synagoge der jüdischen Gemeinde in Biebrich stand. Die Stele behindert keinen beim Vorbeilaufen, will kein Anstoß sein, sondern Anstoß geben.
Am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, wurde das Kunstwerk enthüllt. Ein Objekt des Künstlers Karl-Martin Hartmann, der sein Werk, das bewusst anderen Werken gleicht, als Symbol der Toleranz sieht. Elf Stelen mahnen bereits vor allem an Schulen in Wiesbaden und in Partnerstädten, und mehr sollen hinzukommen.
Schon seit 1994 bewegt Hartmann die Idee, eine große Stele zu errichten, ein 60 Meter hohes Objekt. Doch die Realisierungsphase ist noch weit entfernt. So hat der Künstler mit einem Netzwerk der Stelen in der Stadt begonnen, sechs Meter hohe Mahn-, Erinnerungs-, Gedenksteine aus Stahl und Glas. Die sechs Meter sind als Zehntel der geplanten großen Stele zu verstehen. In Israel soll noch eine hinzukommen, in Wisconsin (USA) steht bereits eine.
Die Aufstellung der Stele in Biebrich erinnert auch an den Umgang mit der jüdischen Geschichte.
Am 10. November 1938 wurde die Synagoge vom 3. SS Pioniersturmbann verwüstet. An das "barbarische Zerstörungswerk", wie es im Informationstext zur Enthüllung hieß, der Deutschen an der jüdischen Kultur in Biebrich, wurde später mit einer kleinen Gedenktafel im Eingangsbereich des Rathauses erinnert.
1998 rückte diese Gedenktafel an die Fassade des neuen Wohn- und Geschäftsgebäudes an der Rathausstraße 37. Dort wo die Synagoge einmal stand. Die Tafel wurde "umplatziert" heißt es in der Einladung zum Stelen-Enthüllung.
Wo das Leben pulsiert. Nun ist die Stele ein Ort der Erinnerung im geschäftigen Leben der Rathausstraße in Biebrich, die erst noch zu einem aktiven Ort der Erinnerung werden muss. Die Mahnskulptur steht dort, wo der Ort pulsiert. Und niemand, der das sieht, kann sich vorstellen, dass die Bevölkerung nichts mitbekommen hat. Der Terror gegen die Juden war mitten in Biebrich zu Hause, mitten in der Bevölkerung, wie auch anderswo im Dritten Reich. Auch daran soll die Stele gemahnen.
Rabbiner Avraham Nussbaum forderte bei der Übergabe des Kunstwerkes, jeder Art von Verallgemeinerung dürfe man keine Toleranz gewähren. Deutschland und Wiesbaden hätten viel bei der Verarbeitung der Vergangenheit geleistet. Es gelte aber nun dem aktiven Antisemitismus entgegen zu treten in Schulen, Vereinen, auf der Straße. Nussbaum wollte an diesem Tag des Gedenkens keinen Funken Toleranz zulassen, gegenüber "Predigern, die Gift ausbreiten".
Das Zusammenleben, sagte vorher Biebrichs Ortsvorsteher Wolfgang Gores, bedürfe des Gedenkens an die Vergangenheit - immer." |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 70-73. |
 | ders.: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder -
Dokumente. S. 23. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 348-349. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 395-397.
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Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Biebrich am
Rhein Hesse-Nassau. Jews lived there and in nearby Mosbach from
the 17th century. Their united community opened a new synagogue in Biebrich
(1830), which soon gave way to a larger edifice (1865). Though affiliated with
Wiesbaden's (Liberal) rabbinate, the community - numbering 147 (1 % of the
total) in 1895 and 112 in 1925 - remained Orthodox. Dr. Seligmann Baer
(1825-1897), its erudite, locally born teacher and hazzan, published Seder
Avodat Yisra'el (1868), which became German Jewry's standard traditional
prayer book. During Kristallnacht (9-10 November 1938), SS men burned
down the synagogue; other Nazis looted Jewish homes and stores. Jews who
remained were eventually deported.

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