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Gräfenhausen mit
Weiterstadt (Stadt
Weiterstadt,
Kreis Darmstadt-Dieburg)
und Wixhausen (Stadt Darmstadt) sowie Erzhausen (Kreis Darmstadt-Dieburg)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Gräfenhausen bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938/42. Ihre Entstehung geht in die Zeit der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts zurück, auch wenn bereits im 17. Jahrhundert wenige jüdische
Familien am Ort waren (1654 drei Familien). 1770 und 1815 waren es jeweils zwei
Familien mit zusammen etwa 12 Personen (1776). 1753 starb im Alter von 99 Jahren
nach den Aufzeichnungen des evangelischen Kirchenbuches Gräfenhausen der Jude
Abraham Joel.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner
wie
folgt: in Gräfenhausen 1828 34 jüdische Einwohner, 1861 Höchstzahl
von 67 (7,1 % von insgesamt 947 Einwohnern), 1867 63, 1871 49, 1880 39 (3,5
% von 1.098), 1900 57 (4,0 % von 1.421), 1910 44 (3,0 % von 1.469). Zur jüdischen Gemeinde Gräfenhausen gehörten auch
die in Weiterstadt und Wixhausen
lebenden jüdischen Personen: in Weiterstadt 1830 19, 1871 12, 1905 23, 1924 12, 1932
10; in Wixhausen 1830 14, 1867 10, 1871 7, 1905 5, 1924
7, 1932 9. Bis um 1900 gehörten auch wenige in Erzhausen lebende
jüdische Personen zur Gemeinde Gräfenhausen: 1830 6, 1867 7, 1871 7, 1902 2,
1925 0 Personen.
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule und
ein rituelles Bad (im Haus der Synagoge s.u.). Die Toten der Gemeinde wurden im jüdischen Friedhof
in Groß-Gerau beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde
war zeitweise ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet
tätig war (siehe Ausschreibungen der Stelle unten). Einen eigenen
Religionslehrer hatte die Gemeinde bis etwa 1914; dann ist erst wieder ab 1929
ein Kantor und Schochet genannt (Jakob Fränkel). Die Gemeinde gehörte zum
orthodoxen Bezirksrabbinat Darmstadt II.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Unteroffizier Jakob
Hirsch (geb. 25.10.1891 in Gräfenhausen, gef. 30.8.1914),
Joseph Hirsch (geb. 13.10.1889 in Gräfenhausen, gef. 15.4.1918), Ludwig Kahn
(geb. 23.5.1894 in Gräfenhausen, gef. 27.9.1916) und Moritz Mannheimer (geb.
27.5.1896 in Gräfenhausen, gef. 2.8.1916). Außerdem ist gefallen: Leutnant
Bernhard Ellenstein (geb. 8.1.1887 in Wixhausen, vor 1914 in Nürnberg wohnhaft,
gef. 1.7.1916).
Um 1924, als zur Gemeinde 37 Personen aus Gräfenhausen gehörten (2.3 % von insgesamt
1.613 Einwohnern, dazu die zusammen 19 in Weiterstadt und Wixhausen lebenden
Gemeindeglieder), waren die Gemeindevorsteher Carl Collin (gestorben 1929,
siehe Bericht unten), Moritz May und Siegfried Kahn. Den Religionsunterricht der
jüdischen Kinder der Gemeinde erteilte Lehrer Jakob Strauß aus Griesheim.
Als Schochet wird Jakob Fränkel aus Arheilgen
genannt; er kam regelmäßig zum Schächten nach Gräfenhausen (er bekam
vermutlich wenig später eine Anstellung in Gräfenhausen). 1932
waren die Vorsteher der Gemeinde Siegfried Kahn (1. Vors.), Moritz May (2.
Vors.) und Leopold Seliger (3. Vors.). An Kantor und Schochet wird nun Jakob
Fränkel genannt. Im Schuljahr 1931/32 erhielten vier Kinder der Gemeinde
Religionsunterricht.
Über die Berufe der jüdischen Haushaltsvorsteher liegen für die Zeit
nach dem Ersten Weltkrieg folgende Angaben vor: es waren tätig als Metzger
Leopold Seliger, Armin Strauß, Simon May und Moritz May, im Milch- und
Geflügelhandel Carl Collin, als Sattler Bernhard Mannheimer, im Verkauf von
Manufakturwaren und Landesprodukten Siegfried Kahn u.a.m. Viele der
jüdischen Familien betrieben nebenbei Landwirtschaft; fast alle hatten eigene
Häuser. Die jüdischen Einwohner waren vollkommen integriert im kommunalen
und Vereinsleben, wie im Nachruf für Carl Collin deutlich wird (siehe
unten). Carl Collin, Simon May und Moritz May gehörten im Jahr 1902 zu den
Mitbegründern des Karnevalsvereins "Ahoi"; Moritz May war von 1904
bis 1933 Präsident des Vereins.
1933 lebten 42 jüdische Personen (in 12 Familien) in Gräfenhausen (2,5 % von insgesamt
1.687 Einwohnern; zur Gemeinde gehörten auch in diesem Jahr 19 Gemeindeglieder
in Weiterstadt in Wixhausen). In
den folgenden Jahren ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. 1933 sollte Jakob
Fränkel, der aus dem polnischen Lodz stammte, mit seiner Frau und den beiden
Kindern ausgewiesen werden. Der Bürgermeister erklärte, dass eine Ausweisung
aus politischen Gründen nicht in Frage käme. Von den aus Gräfenhausen
ausgewanderten Personen konnten 10 in die USA emigrieren, 5 nach Panama, 3 nach
Argentinien. Mehrere verzogen in andere Städte (Berlin, Darmstadt,
Aschaffenburg). Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge zerstört
(s.u.). 1939 wurden noch 22
jüdische Einwohner in Gräfenhausen gezählt. Anfang Februar 1942 wurden noch
sechs jüdische Einwohner in Gräfenhausen registriert.
Von den in Gräfenhausen geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Betty Bendheim geb.
Hirsch (1858), Elise Breitenbach geb. Mannheimer (1889), Günter Cahn (1932),
Henny Cahn geb. Collin (1907), Karl Cahn (1931), Manfred Cahn (1935), Siegmund
Cahn (1900), Heinrich Hirsch (1889), Hilde Regina Hirsch (1922), Julius Hirsch
(1887), Sofie Hirsch geb. Metzger (1887), Bella Kahn geb. Löwenthal (1892),
Gustav Kahn (1934), Abraham Mannheimer (1863), Bernhard Mannheimer (1861), Fanny
Mannheimer geb. Reis (1873), Julius Mannheimer (1886), Moritz Mannheimer (1907),
Simon Mannheimer (1900), Clara May geb. Siegel (1891), Fanny May (1864), Paula
May geb. Schiff (1889), Simon May (1885), Simon May (1888), Berta Meyer geb.
Kahn (1891), Ida Nachmann geb. Mannheimer (1884), Gerda Oppenheimer geb. Hirsch
(1888), Selma Reinheimer geb. Mannheimer (1887), Malchen Schiff geb. Oppenheimer
(1860), Jenny Seliger geb. Strauß (1883), Leopold Seliger (1881), Selma Strauß
(1888).
Von den in Weiterstadt geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften
jüdischen Personen sind umgekommen: Bertha Kaiser geb. Goldenblum (1883),
Hermann Felix Lehmann (1889), Minna Lehmann (1902), Wolf Lehmann (1876), Rosa
Levy geb. Lehmann (1868), Sara Rothschild geb. Goldenblum (1879), Settchen Stern
geb. Lehmann (1887).
Von den in Wixhausen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften
jüdischen Personen sind umgekommen: Helene Ellenstein (1885), Inge Berta
Mannheimer (1934), Johanna Mannheimer (1897), Siegfried Mannheimer (1891).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1891 /
1892 / 1901 / 1911
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Juni 1891:
"Offene Lehrerstelle. Die israelitische Gemeinde Gräfenhausen
sucht per 1. August dieses Jahres einen stattlich geprüften Lehrer,
auch kann derselbe eventuell die Schochetstelle übernehmen. Zeugnisse und
Gehaltsansprüche bei freier Wohnung bitter an den Unterzeichneten
einzusenden:
Der Vorstand der israelitischen Gemeinde Gräfenhausen bei
Darmstadt." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Oktober 1891:
"Offene Lehrer- & Schochetstelle.
Die israelitische Gemeinde Gräfenhausen sucht per sofort einen staatlich
geprüften Lehrer, welcher zugleich Kantor- und Schochetstelle mit
übernehmen kann. Gehalt bei freier Wohnung 500 Mark. Nebenverdienste
circa 350-400 Mark. Offerten bittet man an den Unterzeichneten
einzusenden.
Der Vorstand der israelitischen Gemeinde Gräfenhausen bei
Darmstadt.
Nachbemerkung: Man beliebe nur Zeugnisabschriften einsenden zu wollen,
indem solche nicht mehr zurückgesandt
werden." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Januar 1892:
"Die israelitische Gemeinde Gräfenhausen sucht per 1. März
laufenden Jahres einen Religionslehrer und Schochet. Gehalt
bei freier Wohnung 5-600 Mark. Nebenverdienste circa 350 Mark. Offerten
nebst Zeugnissen bittet man an den Unterzeichneten einzusenden
Gustav Kahn. Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde
Gräfenhausen bei Darmstadt.
Nachbemerkung. Schochet wird nicht unbedingt
verlangt." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. März 1901:
"Die Gemeinde Gräfenhausen (Hessen) sucht per 1. Mai einen Vorbeter,
Lehrer und Schochet. Das Einkommen beträgt mit Nebenverdienste
900-1000 Mark jährlich nebst freier Wohnung. Ledige werden bevorzugt.
Offerten nebst Zeugnissen sind an den Unterzeichneten zu richten.
Der Vorstand der Religionsgemeinde Gräfenhausen." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. April 1901:
"Wir suchen per 1. Mai laufenden Jahres einen Religionslehrer,
Vorbeter und Schochet. Fixer Gehalt 600 Mark, Nebenverdienst circa
400-450 Mark, nebst freier Wohnung. Offerten nebst Zeugnissen wolle man an
den Unterzeichneten einsenden. Der Vorstand: Gustav Kahn,
Gräfenhausen bei Darmstadt." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Januar 1911:
"In unserer Gemeinde ist die
Kantor-, Religionslehrer- und Schächterstelle
per sofort oder später mit einem von der Gemeinde garantierten
Jahreseinkommen nicht unter 1.100 Mark zu besetzen. Reflektanten wollen
sich gefälligst nebst Zeugnisabschriften (inde3m dieselben nicht
zurückgesandt werden) an den Unterzeichneten Vorstand wenden. Wohnung
für kleine Familie ist vorhanden.
Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde Gräfenhausen bei
Darmstadt. Gustav Kahn." |
Über den Unterricht der jüdischen Kinder (1867)
| Nach Paul Arnsberg s. Lit. I S. 273 gibt es
im Pfarrarchiv eine Verfügung aus dem Jahr 1867, den Unterricht der
jüdischen Kinder an der allgemeinen christlichen Schule des Ortes
betreffend: "Der Lehrer hat die Judenkinder von nun an vorsichtig zu
behandeln, auch ist die Anrede 'Ihr Juden' nicht mehr zu verwenden. Im
Religionsunterricht soll man dieselben nur die 10 Gebote und daneben
Sprüche aus dem Alten Testament lernen lassen". Der Lehrer musste
die Kenntnisnahme durch Unterschrift bestätigen. |
Zum Tod von Lehrer Wolf Schafheimer (1901)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. August 1901: "Groß-Gerau,
1. August (1901). Soeben wurde mir die tieftraurige Nachricht, dass
mein lieber Freunde und Studiengenosse, Herr Lehrer Wolf Schafheimer,
nach schwerem Leiden das Zeitliche gesegnet hat. Wer ihn gekannt, wird ihn
nur als wahren, echten Jehudi betrauern müssen. Zuletzt als Lehrer in der
israelitischen Gemeinde zu Gräfenhausen bei Darmstadt tätig, war
er stets bemüht, das religiöse Leben dieser Gemeinde zu fördern und zu
verbessern. Seinen lieben Eltern und Geschwistern war er ein steter
Wohltäter. Leider sollte ihm nur ein kurzes Leben beschieden sein. So
wurde er im letzten Vierteljahr von einer tückischen Krankheit befallen,
die ihn nötigte, seinem Berufe zu entsagen. Bei seinen Eltern in Lohrhaupten
bei Gelnhausen fand er leider die erhoffte Genesung nicht, denn am 5. Aw
(= 21. Juli 1901) hauchte er seine reine Seele aus in dem noch so
jugendlichen Alter von kaum 24 Jahren. In seiner Berufstätigkeit galt er
als ein gewissenhafter, berufsfreudiger Lehrer, und erfreute sich derselbe
auch stets der Anerkennung seiner Vorgesetzten und seiner Gemeinde. S.
Hofmann, Lehrer." |
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde
Goldene Hochzeit des Ehepaares L. Hirsch (1900)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. November 1900: "Gräfenhausen,
im November (1900). Das seltene Fest der goldenen Hochzeit begingen am 20.
November in geistiger und körperlicher Frische, Herr L. Hirsch und Frau.
Die Liebe und Hochachtung, welche dieselben am hiesigen Platze genießen,
gab sich in der regen Teilnahme der Gemeinde kund. Seiner Hochwürden Herr
Pfarrer Zimmermann gratulierte im Namen seiner Gemeinde dem geehrten
Jubelpaare. Herr Lehrer Schafheimer hielt einen mit großem Beifall
aufgenommenen Vortrag, worin er das Jubelpaar aufforderte, ferner auf den
allgütigen Lenker und Leiter der Welt ihr Vertrauen zu setzen. Hierauf
wechselten Gesänge und Vorträge, welche von den Kindern vorgetragen
wurden, miteinander ab. Möge dem rüstigen Jubelpaare ein heiterer
Lebensabend beschieden sein. Wolf Schafheimer, Lehrer." |
Zum Tod des Gemeindevorstehers Carl Collin - aktiv in
verschiedenen Vereinen (1929)
"sein Tod bedeutet auch eine Lücke für die christliche
Gemeinde"
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Februar 1929: "Wixhausen,
11. Februar. Am 7. Februar hat die jüdische Gemeinde Gräfenhausen
einen unersetzlichen Verlust erlitten. Der 1. Vorstand, Carl Collin wurde
an diesem Tage, kaum 49 Jahre alt, in ein besseres Jenseits abgerufen. Wir
groß die Verdienste dieses edlen Mannes waren, hörte man am besten aus
der Rede des Rabbiners Dr. Merzbach, Darmstadt, der hervorhob, was Carl
Collin für die jüdische Gemeinde und auch für den jüdischen Verband
geleistet hat. Was aber der Verstorbene seinen christlichen Mitbürgern
war, und welchen Ruf er in der ganzen Umgegend besaß, das zeigte sich bei
seiner Beerdigung. Gesang- und Turnvereine waren mit ihren Fahnen
herbeigeeilt zur letzten Ehrung. War doch der Verstorbene eine Zeitlang
Turn-Gauvorsitzender. Ferner war er im Vorstand der Demokratischen Partei,
der Kriegsbeschädigten, des Milchhändlerverbandes usw. Für die Gemeinde
Grafenhausen sprach der Bürgermeister lobende Worte für die Taten des
Verstorbenen. Ganz besonders hervorzuheben ist die Rede des Pfarrers der
Kirchengemeinde, der in ergreifenden Worten hervorhob, dass Carl Collin
immer bemüht war, in den beiden Konfessionen Einigkeit zu erhalten, und
dass sein Tod auch für die christliche Gemeinde Lücke bedeutet. Seine
Seele sei eingebunden im Bund des Lebens." |
80. Geburtstag von Lina Strauß Wwe. (1931)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. März 1931: "Gräfenhausen,
10. März (1931). Am Rosch Chodesch Nisan (1. Nisan 5691 = 19.
März 1931) begeht Frau Lina Strauß Witwe in geistiger und körperlicher
Gesundheit ihren 80. Geburtstag. Der Heilige - gepriesen sei er (=
Gott) möge die Jubilarin kräftigen und ihr noch viele gute Jahre
schenken. (Alles Gute) bis 120 Jahre." |
Zur Geschichte der Synagoge
1699 kaufte der Schutzjude Abraham eine Hofreite, die
sich in der späteren Langgasse befand und an den Pfarrgarten angrenzte. Im
Währbuch von Gräfenhausen ist für 1699 zu lesen: "Abraham der
Schutzjud kauft ein Hauß samt Scheuer, geforcht dem herschaftllichen Hausplatz
allda, wo das Schafhaus ufstehet, anderseits der gemeine Gaß, sodann dem
Pfarrgarten, wovon 2 Albus Kastengeld gefallen. Und ist der Kauf geschehen vor
und um 300 fl. an Geld, eine Kuh und 3 fl. vor ein paar Hosen."
Das Haus des Abraham blieb seitdem in jüdischem Besitz. Es war ein Fachwerkhaus
und wurde ab 1855 als Synagoge verwendet (genannt
"Judenschule"). Im Obergeschoss war der Betraum; im Erdgeschoss war
neben dem Wohnhaus das rituelle Bad. Die Synagoge hatte 36 Männer- und 20
Frauenplätze. 1893 wurde eine Synagogenordnung erlassen für die
Israelitische Religionsgemeinde Gräfenhausen mit Weiterstadt und
Wixhausen.
Die Synagoge wurde in den Jahren 1914 und 1927 renoviert.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge
von der SA-Standarte 115 (der SA-Brigade 50/Starkenburg) zerstört: der Innenraum
und die Einrichtung wurden demoliert, die Kultgegenstände auf die Straße
geworfen usw. Wenig später wurde das Gebäude abgebrochen und der Platz eingeebnet.
Im Volksmund hieß der Platz danach "Judenplatz". Als in den 1950er-
und 1960er-Jahren das zwischen dem Synagogengrundstück und der Kirche gelegene
Pfarrhaus abgebrochen und am entstandenen großen Platz die Post und später
auch die Volksbank gebaut wurden, erhielt der Platz den offiziellen Namen
"Postplatz". Er ist als Parkplatz angelegt und wurde einige Jahre für
auch für die Ortsfeste ("Kerb") verwendet.
Am 10. November 1983 wurde am Postplatz ein Gedenkstein für die
Synagoge eingeweiht.
Adresse/Standort der Synagoge: Postplatz / Hauptstraße
(früher: Langstraße beziehungsweise
Langgasse 5)
Fotos
Die "Judenschule"
in den 1920er-Jahren
(Quelle: Heimatverein Gräfenhausen-Schneppenhausen e.V.
über die Website
des Heimatvereins) |
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Bei der
"Judenschule handelt es sich um das weiße, verputzte Haus (4.
Gebäude von rechts) |
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Die "Judenschule"
(Synagoge im Obergeschoss) nach der Zerstörung 1938
(Quelle: Heimatverein Gräfenhausen-Schneppenhausen e.V.
über www.synagogen.info) |
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Der Gedenkstein für die
Synagoge auf dem Postplatz (Aufnahmen von 2003)
(Fotos: Daniel Jünger, Weiterstadt
über www.synagogen.info) |
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Inschrift:
"Hier stand bis zum 10./11. November 1938 die Synagoge
der jüdischen
Gemeinde Gräfenhausen". |
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Blick in die Gräfenhäuser
Hauptstraße,
rechts lag früher die Synagoge (Postplatz) |
Der heutige Postplatz
von
Süden |
Der heutige Postplatz
von
Norden |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 272-274. |
 | Keine Artikel bei Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 und dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 48-49. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 149-150. |
 | Günther Hoch: Jüdische Gemeinde Gräfenhausen.
1984. |
Hinweis auf ein familiengeschichtliches Werk
Nathan M. Reiss
Some Jewish Families
of Hesse and Galicia
Second edition 2005
http://mysite.verizon.net/vzeskyb6/ |
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In diesem Werk
eine Darstellung zur Geschichte der jüdischen Familien May in Roßdorf,
Gräfenhausen und Ober-Ramstadt
("The MAY Families of Roßdorf, Gräfenhausen and Ober-Ramstadt", S.
269-282) (Nachkommen bis ca. 2000) mit Abbildungen
u.a.m. |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Graefenhausen
Hesse. The community, numbering 67 (7 % of the total) in 1861, was augmented by
Jews from Weiterstadt and Wixhausen in 1893, but slowly declined. On Kristallnacht
(9-10 November 1938) SA troops from the Darmstadt area came to Graefenhausen and
vandalized Jewish property. By 1940, 13 of the remaining 22 Jews hat emigrated;
the rest were eventually deported.

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