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Arheilgen (Stadt
Darmstadt)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Arheilgen bestand eine jüdische
Gemeinde bis nach 1933. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17./18. Jahrhunderts
zurück. Spätestens in der Mitte des 16. Jahrhunderts wurde eine erste jüdische
Familie aufgenommen. Am Anfang des 17. Jahrhunderts gab es fünf
jüdische Familien am Ort, am Ende des Jahrhunderts (1696) waren es wieder sechs
Familien. Dazwischen hatte der Dreißigjährige Krieg auch für die jüdischen
Einwohner schlimmste Not und Vertreibung mit sich gebracht (1628 beantragte der
aus seinem Heimatort geflohene Hayum aus Arheilgen Niederlassungsrecht beim
Mainzer Domkapitel). 1776 wurden neun jüdische Familien
gezählt.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie
folgt: 1802 13 jüdische Familien, 1828 111 jüdische Einwohner, 1861 98 (4,3 % von
insgesamt 2.265 Einwohnern), 1880 48 (1,5 % von 3.155), 1900 31 (0,7 % von
4.408), 1910 24 (0,4 % von 6.391). Zwischen 1823 und 1876 wurden nach den
erhaltenen jüdischen Standesamtsregistern Arheilgen im Blick auf die jüdischen
Familien 172 Geburten, 85 Sterbefälle und 38 Eheschließungen
registriert.
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule
und ein rituelles Bad. Die Toten der jüdischen Gemeinde wurden im jüdischen
Friedhof Groß-Gerau
beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war im 19.
Jahrhundert zeitweise ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter tätig
war (siehe Ausschreibungen der Stelle 1870/71). Die
Gemeinde gehörte nach dem Verzeichnis 1924 zum orthodoxen Bezirksrabbinat
Darmstadt II, nach dem Verzeichnis 1932 zum liberalen Bezirksrabbinat Darmstadt
I.
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Leopold Kahn (geb.
8.7.1877 in Arheilgen, vor 1914 in Freiburg i.Br. wohnhaft, gef.
13.1.1916).
Um 1924, als noch 23 jüdische Einwohner am Ort gezählt wurden (0,3 %
von insgesamt 7.619 Einwohnern), waren die Vorsteher der Gemeinde Aron Reinhardt, J. Simon und Leopold Harlsberg. Den Religionsunterricht für die
vier schulpflichtigen Kinder der jüdischen Gemeinde erteilte Lehrer Elias
Hauser aus Darmstadt. Als Schochet war Jakob Fränkel tätig. Er hatte das
Amt auch in umliegenden Orten wie Gräfenhausen
inne.
1933 lebten noch 24 jüdische Personen in Arheilgen (0,3 % von 8.263). In
den folgenden Jahren ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Bereits am 5. März
1933 war es (wie auch in Darmstadt) zu antisemitischen Ausschreitungen
gekommen. Unter anderem musste der schwerkranke Heinrich Wechsler mit einer
Hakenkreuzfahne Spießruten laufen; er starb zwei Tage später. Beim Novemberpogrom
1938 überfielen SA- und NSDAP-Leute die Wohnung der Familie Wechsler in der
Felchesgasse. Danach drangen sie gewaltsam in das Haus in der Obergasse ein, in
dem Aron Reinhardt (einige Jahre zuvor noch Herausgeber des "Arheilger
Anzeigers") mit seiner 32-jährigen Tochter Johanna wohnte. In ihrer
Todesangst stürzte sich Johanna Reinhardt aus dem Fenster; zwei Tage später
starb sie an einer Rückgratverletzung. Ihr Vater erhängte sich unmittelbar
nach der Nachricht vom Tode seiner Tochter. In der Hundsgasse warfen die
Nationalsozialisten einen Stein durch die Fensterscheiben, der Dora Stern am
Kopf traf; wenige Tage später starb sie im Jüdischen Krankenhaus in Mainz. 1939 wurden noch 15
jüdische Einwohner gezählt.
Von den in Arheilgen geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Bettche (Betty) Kahn (1868), Aron Reinhardt (1871),
Johanna (Hanna) Reinhardt (1903), Betty Reiß geb. Simon (1874), Alexander
Sander (1857), Jenny (Jettchen) Simon (1875), Dora Stern (), Auguste Wechsler
geb. Simon (1870), Heinrich Wechsler (1901), Siegfried Wechsler
(1893).
An den jüdischen Bäcker und Getreidehändler Heinrich Wechsler (1901-1933)
erinnert seit dem 13. März 1974 in Arheilgen die "Wechslerstraße".
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Lehrers / Vorbeters / Schochet 1870 /1871
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Juni 1870: "Die
israelitische Gemeinde Arheiligen bei Darmstadt beabsichtigt, einen Lehrer
und Vorbeter aufzunehmen. Fixer Gehalt 250 Gulden nebst 14 Gulden für
Heizung des Schullokals und freie Wohnung. Durch die Nähe der
Residenzstadt ist dem anzustellenden Lehrer, im Fall derselbe sich
musikalische Ausbildung will, Gelegenheit zur Fortbildung geboten.
Zeugnisse sind an den unterzeichneten Vorstand franco einzusenden. Simon
Fs. Kahn." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Juni 1871: "Die hiesige
israelitische Gemeinde beabsichtigt, einen Lehrer und Vorbeter
aufzunehmen. Die Stelle hat einen fixen Gehalt von 250 Gulden nebst 15
Gulden für Heizung des Schullokals und freie Wohnung; ist auch mit
Nebeneinkommen verbunden. Die Bewerber um diese Stelle wollen sich bei dem
unterzeichneten Vorsteher portofrei melden. Die Stelle kann gleich besetzt
werden. Arheiligen. Simon Js. Kahn". |
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeige des Buchdruckers A. Reinhard
(1903)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Januar 1903:
"Buchdrucker-Lehrling gesucht. Schabbos und Jomtof frei.
A. Reinhard,
Arheilgen - Darmstadt". |
Zur Geschichte der Synagoge
Über Alter und Geschichte der Synagoge liegen dem Webmaster
nur wenige Informationen vor (weitere Infos erbeten: Adresse siehe Eingangsseite).
1903 wurde die Synagoge umfassend renoviert, worüber ein Bericht
vorliegt:
Renovierung der Synagoge 1903
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 11. September
1903: "Arheilgen bei Darmstadt. Die Synagoge der hiesigen
israelitischen Gemeinde, die einer gründlichen Renovierung unterworfen
war, ist nun soweit fertig gestellt und macht dieselbe infolge des neuen
Verputzes einen recht schönen Eindruck. Schwerlich wäre die
israelitische Gemeinde in der Lage gewesen, die Synagoge auf eigene
Rechnung dergestalt zu errichten, wenn nicht ein Wohltäter, der der
eigentliche Veranlasser war, sich erboten hätte, 500 Mark
beizusteuern." |
Beim Novemberpogrom 1938 war das
Synagogengebäude bereits in nichtjüdischem Besitz.
Im September 1944 brannte das Synagogengebäude ab - der Sohn von August
Lücker hatte sie angezündet.
Adresse/Standort der Synagoge: Kleine
Brückenstraße 14 (früher Kleine Hundsgasse)
Fotos
| Es liegen noch
keine Fotos / Darstellungen der Synagoge bzw. zur jüdischen Geschichte
vor. Über Hinweis freut sich der Webmaster der "Alemannia
Judaica"; Adresse siehe Eingangsseite. |
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Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
| November 2009:
In Arheilgen werden "Stolpersteine"
verlegt |
Artikel von Annette Wannemacher-Saal in "Echo online" vom 12.
November 2009 (Artikel):
"Stolpersteine für die Arheilger Opfer
Gedenken: An drei Häusern werden jeweils zwei Pflastersteine verlegt, um an die verfolgten jüdischen Bürger zu erinnern.
'Ein Tag der Schande ' sei der 10. November 1938 für Arheilgen gewesen. 'Nun soll es ein Tag des Gedenkens
sein', sagt am Dienstag Horst A. Härter vom Arheilger Geschichtsverein..."
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| August 2010:
Ausstellung über Pfarrer Karl Grein
(1881-1957) |
Artikel in "Echo online" vom
August 2010 (Artikel):
"Unbeugsam im Widerstand: Ausstellung über Pfarrer Karl Grein.
DARMSTADT. Er ließ sich von dem nazihörigen Darmstädter Bischof nicht aus dem Amt jagen und bereitete die Neugründung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) nach dem Krieg vor: Eine Ausstellung in Darmstadt-Arheilgen würdigt das Leben des Pfarrers Karl Grein (1881-1957) an dem Ort seines jahrzehntelangen Wirkens..." |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 46. |
 | Keine Artikel bei Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 und dies. Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 54-55. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 80-81. |
 | W. Andres: Alt-Arheilgen. Geschichte eines Dorfes.
Darmstadt 1978 S. 206-213.
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Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Arheilgen
Hesse. Established around 1800, the community numbered 111 in 1828 but dwindled
to 24 (0,4 % of the total) in 1910. The Nazis, who failed to gain wide support
in Arheilgen before 1933, organized murderous outrages in Kristallnacht
(9-10 November 1938). The synagogue (previously acquired by non-Jews) remained
intact, but Torah schrolls removed to Darmstadt were burned there. Some of the
remaining Jews emigrated; others perished in the Holocaust.

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