Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Auerbach (Kreis Bergstraße)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Aus der Geschichte der jüdischen Schule und der Lehrer  
Weitere Meldungen aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde    
Zur Geschichte der Synagoge  
Fotos    
Links und Literatur  

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)      
    
In Auerbach bestand eine jüdische Gemeinde bis 1937. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück. Bereits im 17. Jahrhundert ließen sich die ersten Juden am Ort nieder: 1628 werden sie erstmals erwähnt. 1684 wird namentlich Aaron zu Auerbach als Viehhändler genannt. 1770 lebten fünf jüdische Familien in Auerbach. 
   
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die Zahl der jüdischen Einwohner ständig zu (1829-1830: 79 Personen). Die meisten Familien lebten damals vom Viehhandel, einer hatte eine Metzgerei. Die höchste Zahl jüdischer Einwohner wurde 1861 mit 120 Personen erreicht (8 % der Gesamtbevölkerung). Danach ging die Zahl der jüdischen Einwohner durch Aus- und Abwanderung langsam zurück (1905 50 Personen von insgesamt 2.071 Einwohnern). 
   
An Einrichtungen waren vorhanden: eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule (bis 1874 Elementarschule, danach Religionsschule (zur Geschichte der Schule siehe unten bei Berichte) und ein rituelles Bad. Die Toten der Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof in Alsbach beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (siehe Berichte unten). Die jüdische Gemeinde gehörte zum orthodoxen Bezirksrabbinat Darmstadt II. 
    
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges hatte die Gemeinde noch 41 Mitglieder. Sieben der Männer zogen als Soldaten in den Krieg, Sally Rothschild kehrte nicht zurück (geb. 26.4.1884 in Auerbach, vermisst seit 21.5.1915). 
    
Um 1910 bestanden an jüdischen Gewerbebetrieben und Handlungen (mit damaliger Anschrift): Immobilienagentur Zodik Hahn (Bachgasse 11), Altmetall- und Lumpenhandlung Moses Rothschild (Bachgasse 8), Zigarren- und Tabakhandlung sowie Manufakturwaren Rosa Bendheim (Bachgasse 24), Damenschneiderinnen/ Näherinnen Geschwister Hahn (Bachgasse 47), Metzgerei Moses Hahn (Bachgasse 47), Immobilien-Agentur sowie Vieh- und Landesproduktenmakler Moses Bendheim (Heidelberger Str. 2), Frucht- und Fouragehandlung Jonas Bendheim (Bachgasse 17), dass. von Simon Hahn (Bachgasse 40), Viehhandlungen Moses Rothschild (Bachgasse 8), Jonas Bendheim (Bachgasse 17), Heyum Bendheim (Bachgasse 27), Simon Hahn (Bachgasse 40), Kolonialwaren Moses Rothschild (Bachgasse 8).  
   
Um 1925, als noch 45 Personen zur jüdischen Gemeinde gehörten, waren Mitglieder des Gemeindevorstandes Berthold Frank und Moses Hahn. Die jüdischen Kinder erhielten Religionsunterricht durch Lehrer Heinrich Müller in Bensheim. 1932 ist als einziger Gemeindevorsteher Moses Hahn eingetragen. Letzter Gemeindevorsteher war nach 1933 wiederum Berthold Frank.  
      
Nach 1933 ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder (1933: 31 Personen) auf Grund der zunehmenden Entrechtung, des wirtschaftlichen Boykotts und anderer Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Auf Grund des starken Rückgangs der jüdischen Einwohner wurde die Gemeinde 1937 aufgelöst. Die hier noch lebenden jüdischen Einwohner wurden der Gemeinde in Bensheim zugeteilt. 
     
Von den in Auerbach geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Elsa Goudsmit geb. Hahn (1894), Ida Haas geb. Hahn (1887), Augusta Hahn (1888), Elias Hahn (1864), Emmy Hahn geb. Mayer (1905), Ella Hahn (1886), Erna Hahn (1925), Hermann Hahn (1888 oder 1889), Max Hahn (1890), Walter Simon Hahn (1933), Arthur Israel (1903), Bella Israel geb. Hahn (1902), Renate Israel (1932), Albert Weinmann (1890), Frieda Zodick geb. Hahn (1889).       
     
     
     
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Schule und der Lehrer  

Als die jüdische Gemeinde in der Mitte des 19. Jahrhunderts ihre Blütezeit erlebt, war Lehrer und Vorbeter der Gemeinde Abraham Koschland. In den 1850-Jahren unterrichtete er an der damaligen jüdischen Elementarschule 35 Kinder (bei insgesamt etwa 120 jüdischen Gemeindegliedern). Abraham Koschland war 1801 in Ichenhausen geboren, lernte in Hürben, Ansbach und an der Jeschiwa in Fürth sowie am Seminar in Bensheim und unterrichtete von 1833 an zusammen 45 Jahre die jüdischen Kinder in Auerbach. Aus dieser Zeit liest man in den überregionalen jüdischen Zeitschriften nur einmal im Jahr 1859 von ihm. Damals erhielt er eine Gehaltserhöhung, wofür die jüdische Gemeinde in der Darmstädter Zeitung gelobt wurde:  

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 7. Februar 1859: "Worms, im Januar (1859). Ein Christ rühmt in der Darmstädter Zeitung das Benehmen der jüdischen Landgemeinde zu Auerbach (in Hessen-Darmstadt), welche ihrem Lehrer Abraham Koschland 100 Florin (= Gulden) jährliche Zulage bewilligten."

Seit 1867 stand Koschland in der Person des Lehrers Abraham Weinmann ein Schulgehilfe zur Seite. Diese Stelle war 1866 ausgeschrieben worden; damals besuchten die Elementarschule bereits nur noch 15 Kinder: 

Auerbach Israelit 14111866.jpg (35222 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Israelit" vom 14. November 1866: "An der nur 15 Schüler zählenden israelitischen Religions- und Elementarschule dahier wird zum alsbaldigen Eintritt ein Schulgehilfe gesucht. Nähere Auskunft hierüber erteilt der Unterzeichnete. 
Auerbach a.d. Bergstraße, im Oktober 1866. A. Koschland, Lehrer daselbst."

Nach der Pensionierung Koschlands zum Ende des Schuljahres 1874/75 wurde die jüdische Elementarschule in Auerbach geschlossen; die jüdischen Kinder besuchten seitdem die allgemeine Ortsschule. Die Stelle eines Religionslehrers für die nur noch vier schulpflichtigen jüdischen Kinder wurde im Februar 1875 ausgeschrieben:  

Auerbach Israelit 24021875.jpg (59106 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Februar 1875: "Gesucht per 1. April diesen Jahres für unsere Gemeinde einen Religionslehrer (der aus nur vier Kindern bestehenden Schule), der zugleich Kantor nebst Schächterdienst versehen kann. 
Fixer Gehalt Reichsmark 700, Nebeneinkommen inklusive Logis mindestens Reichsmark 300. um Ausfüllen seiner Freizeit stehen richtig bezahlte Privatstunden zu Gebote. Qualifizierte Bewerber wollen sich unter Anschluss ihrer Zeugnisse franco an uns wenden. 
Auerbach a.d. Bergstraße. Der Vorstand der israelitischen Gemeinde."

Auf die Ausschreibung hin bewarb sich der bisherige Schulgehilfe Abraham Weinmann, der von 1875 bis zu seinem überraschenden Tod 1892 als Religionslehrer, Kantor und Schochet in Auerbach tätig war. 
1878
starb Lehrer Abraham Koschland. Zu seinem Tod erschien nachstehender Bericht in der Zeitschrift "Der Israelit": 

Auerbach Israelit 30011878.jpg (118929 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Januar 1878: "Auerbach an der Bergstraße. Ein schwerer Verlust hat unsere Gemeinde, ja unsere ganze Gegend getroffen. Am 28. Kislew (= 5. Dezember 1877) starb dahier unser Gemeindemitglied Abraham Koschland im Alter von 70 Jahren. Derselbe war in Ichenhausen (Bayern) geboren, widmete sich von frühester Jugend an dem Torastudium und lernte zu Hürben, Ansbach und auf der Jeschiwa zu Fürth. 45 Jahre war er Lehrer am hiesigen Platze, 45 Jahre war er tätig in Tora und Awoda (Gottesdienst). Hunderte von Männern verdanken ihm einen großen Teil ihrer Kenntnisse. Seine Liebe zu seinem Berufe, seine große Kenntnis in unserer heiligen Tora, sein liebevolles Wesen gegen Jedermann, besonders gegen seine Kollegen, die an ihm einen treuen Freund, einen weisen Ratgeber verlieren, verschafften ihm hohes Ansehen und Achtung in der ganzen Gemeinde und Umgegend. Die Beerdigung fand Donnerstag, am 1., Rosch Chodesch Tewet (= 7. Dezember 1877) statt. Die Beteiligung an derselben war eine sehr große, nicht allein Seitens der jüdischen Einwohner der ganzen Umgegend, auch die angesehensten christlichen Bürger gaben ihm das letzte Geleite. 
Möge der Allgütige die trauernde Familie trösten und ihr seinen Schutz und Beistand nicht versagen. An dem Dahingeschiedenen möge sich das Wort unserer heiligen Schrift erfüllen (hebräisch und deutsch aus Jesaja 58,8): "Deine Frömmigkeit wird vor Dir hergehen und die Herrlichkeit Gottes Dich aufnehmen. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens. A.W. (= Abraham Weinmann)." 

1881, drei Jahre nach dem Tod Abraham Koschland starb auch seine Frau:  

Auerbach Israelit 03081881.jpg (111182 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. August 1881: "Auerbach an der hessischen Bergstraße. Gestatten Sie mir, geehrter Herr Redakteur, dass ich, wenn auch ziemlich spät, einer heiligen Pflicht nachkomme, einer jüngst verstorbenen, edlen Frau in diesen vielgelesenen Blättern ein kleines Ehrendenkmal zu setzen. Frau Lehrer Koschland, eine Eschet Chajal ("tüchtige Frau") in wahrster Bedeutung, hat nach langem Leiden ihre Laufbahn vollendet und in unserer Gemeinde leider eine neue Lücke hervorgebracht. In kurzem Zeitraume haben uns auf Gottes Ruf fromme, edle Menschen verlassen. In kaum Jahresfrist sind Frau Baruch Bendheim, Herr Baruch Bendheim, Frau Zadock Bendheim und Frau Meyer Bendheim von uns geschieden, lauter edle, gute, gottesfürchtige Menschen und schon wieder hat der Tod eine teure Mitschwester uns entrissen. Groß ist unsere Trauer und unser Schmerz. Frau Koschland, noch in den besten Jahren stehend und stets in Gottesfurcht lebend, war ihrem seligen Gatten, Lehrer Koschland, der noch zur alten, guten Schule gehörte, und ein schöner Sohn der Tora war, eine treue hingebende Gattin, die keine größere Freude kannte, als ihm in seinem Wirken helfend zur Seite zu stehen. Wo eine barmherzige Tat zu üben war, Frau Koschland eilte herbei, riet und half; und wie sie selbst streng, fromm und gut, so erzog sie ihre zahlreiche Familie im Vertrauen auf Gott zur Übung Seiner heiligen Gebote. Mannigfache Schicksalsschläge, die sie trafen, ertrug sie in Geduld und mit hingebender gläubiger Fassung. Wir stehen weinend an ihrem Grabe und rufen...: Halt ein, o Gott, mit Deiner Strafe und sende uns Trost und Erbarmen. Wir schließen diese Zeilen mit dem Wunsche, dass Koschlands Kinder diesseits und jenseits des Ozeans eingedenk ihrer Eltern treu und fest an deren Erziehungsgrundsätzen halten und stets nach Gottes Wort wandeln mögen. Das wird der schönste Nachruf für die Eltern bleiben." 

Lehrer Abraham Weinmann betrieb neben seiner Tätigkeit als Lehrer, Vorbeter und Schochet auch eine streng koscher geführte Gastwirtschaft

Auerbach Israelit 28061882.jpg (38005 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Juni 1892: "Auerbach an der Bergstraße. Koscher - Restauration von A. Weinmann. Referenz erteilt Herr Rabbiner Dr. Marx in Darmstadt."

Abraham Weinmann starb im Dezember 1891:  

Auerbach Israelit 28011892.jpg (59833 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Januar 1892: "Bensheim (Bergstraße). Vor einigen Tagen brach der von hier nach Auerbach zurückkehrende Lehrer Weinmann in einer Wirtschaft plötzlich zusammen und war eine Leiche. Derselbe war in der ganzen Umgegend als ein sehr bescheidener und leutseliger Mann bekannt und von den Juden besonders als ein sehr religiöser Mann geschätzt. Er gehörte zu den ersten Schülern des Würzburger jüdischen Seminars und amtierte fast 25 Jahre in Auerbach als Kantor, Lehrer und Schochet. Vielen Touristen und solchen die längere Zeit in gesunder Luft sich aufhalten wollten, ermöglichte er es, dass sie Koscher-Kost erhalten konnten. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."

Nach dem Tod Weinmanns wurde die Stelle des Religionslehrers, Vorsängers und Schächters neu ausgeschrieben: 

Auerbach Israelit 29021892.jpg (45496 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Februar 1892: "Die israelitische Religionsschule-, Vorsänger- und Schächterstelle in Auerbach, Kreis Bensheim, ist sofort zu besetzen. Das Einkommen beträgt 600 Mark Gehalt, etwa 250 Mark Gefällen und freie Wohnung. Ledige Schulkandidaten belieben ihre mit Zeugnis-Abschriften versehene Meldung an den Vorstand Jonas Bendheim einzusenden."

  
  
Weitere Meldungen aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
Wahlerfolg (oder besser: Wahlschlappe) der Antisemiten (1892)  

Auerbach Israelit 11041892.jpg (22066 Byte) Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. April 1892: "Der von Stöcker empfohlene Kandidat der Antisemiten, Herr Dr. Paul Förster, hat es im Wahlkreise Reichenbach - Auerbach auf ganze 2.300 Stimmen gebracht. Abgegeben wurden ca. 22.600 Stimmen."

   
Antijüdische Beschlüsse des Gemeinderates (1935)   

Auerbach Israelit 27061935n.jpg (63301 Byte)Meldung in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Juni 1935: "Darmstadt. Der Gemeinderat von Auerbach a.d. Bergstraße hat (ähnlich wie vor kurzem der Gemeinderat von Nidda) beschlossen, nur noch diejenigen Handwerker, Fuhrleute und Geschäftsleute mit Arbeiten und Lieferungen für die Gemeinde zu berücksichtigen, die der Bürgermeisterei gegenüber eine eidesstattliche Erklärung abgeben, dass sie und ihre Familienangehörigen mit Juden und Nichtariern keine Geschäfte tätigen."

    
    
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde  
Dokument zu dem langjährigen Gemeindevorsteher Nathan Bendheim (gest. 1875)  
(aus der Sammlung von Peter Karl Müller, Kirchheim/Ries)    

Auerbach Dok 280.jpg (93261 Byte)Umschlag eines Briefes an Nathan Bendheim in Auerbach, versandt zwischen 1860 und 1866. Absender war Dr. E. Jaup in Darmstadt (möglicherweise Verwandtschaft zu Heinrich Karl Jaup, vgl. Wikipedia-Artikel über Heinrich Karl Jaup). 
Nach der Dokumentation des jüdischen Friedhofes in Alsbach (nach der Publikation "Erinnerungen an die Juden in Auerbach" s. Lit., S. 102) wurde Nathan Bendheim nach seinem Tod 1875 dort beigesetzt. In einem Nachruf auf ihn hieß es: "Durch Handel und Wandel nach Art und Methode seiner Glaubensgenossen, besonders auch durch ansehnliche Lieferungen in den Kriegen 1866 und 1870 hatte er sich ein sehr bedeutendes Vermögen errungen und gehörte zu den hiesigen und Bergsträßer Finanzgrößen" ("Erinnerungen..." s. Lit. S. 55). Der evangelische Ortspfarrer schrieb zu seiner Beisetzung in die Ortschronik: "Am 23. März dieses Jahres (1875) starb der langjährige Vorsteher der israelitischen Gemeinde: Herr Nathan Bendheim. Er war ein Mann mit viel Lebensart und ein sehr zärtlicher Vater gegen seine vielen wohlerzogenen Töchter... Als man ihn beerdigte, hatte sich ein großes Leichen-Gefolge an seinem Hause versammelt und auch der Schreiber dieses Blattes hat den Verstorbenen auf seinem letzten Wege nach dem Bickenbacher Judenfriedhof bis an Auerbach's letztem Haus begleitet. Während seiner schmerzvollen Krankheit (er litt an Leberleiden), habe ich ihn auch besucht, da ich fast 25 Jahre lang in freundschaftlichem Verkehr mit ihm gestanden und ihm in früheren Jahren, wo er noch große Ökonomie betrieb, oftmals den Ertrag der Pfarrwiese auf der Bahnweide verkauft habe, wobei er immer sehr anständig verfahren war. Einige Tage vor seinem Ende sagte er zu mir mit einem dankbaren Händedruck: 'Herr Pfarrer, Sie haben Israel immer geschätzt und geliebt.' Und das tue ich natürlich auch heute noch; denn 'das Heil kam von den Juden'." (Quelle: Auszug aus der Chronik des evangelischen Dorfpfarrers in: "Erinnerungen an die Juden in Auerbach" s. Lit., S. 33).        

       

Kennkarte aus der NS-Zeit            
               
Am 23. Juli 1938 wurde durch den Reichsminister des Innern für bestimmte Gruppen von Staatsangehörigen des Deutschen Reiches die Kennkartenpflicht eingeführt. Die Kennkarten jüdischer Personen waren mit einem großen Buchstaben "J" gekennzeichnet. Wer als "jüdisch" galt, hatte das Reichsgesetzblatt vom 14. November 1935 ("Erste Verordnung zum Reichsbürgergesetz") bestimmt. 
Hinweis: für die nachfolgende Kennkarte ist die Quelle: Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland: Bestände: Personenstandsregister: Archivaliensammlung Frankfurt: Abteilung IV: Kennkarten, Mainz 1939" http://www.uni-heidelberg.de/institute/sonst/aj/STANDREG/FFM1/117-152.htm. Anfragen bitte gegebenenfalls an zentralarchiv@uni-hd.de       
 
 Kennkarte von 
Emilie Fuld geb. Rothschild 
 
 Auerbach KK MZ Fuld Emilie.jpg (101325 Byte)    
   Emilie Fuld geb. Rothschild ist am 15. September 1882 in Auerbach geboren. Sie lebte später in Schaafheim, wo sie mit dem Viehhändler Leopold Fuld II (geb. 24. Oktober 1872 in Schaafheim) verheiratet war. Die beiden hatten zwei Kinder (Julius (geb. 1910), Siegfried (geb. 1917). Leopold Fuld starb am 4. Dezember 1938 im KZ Buchenwald. Die Söhne Julius und Siegfried konnten in die USA emigrieren. Emilie Fuld lebte noch 1940 in Schaafheim, konnte jedoch noch im Januar 1941 zu ihren Söhnen in die USA emigrieren.    

     
     
     

Zur Geschichte der Synagoge    
         
    
In den ersten Jahrzehnten ihrer Niederlassung in Auerbach besuchten die jüdischen Familien in Auerbach die Gottesdienste im benachbarten Bensheim. Auch die in Schwanheim (heute gleichfalls Stadtteil von Bensheim) lebenden Juden kamen nach Bensheim. 1756 schlossen die Bensheimer mit den Auerbacher und Schwanheimer Juden einen Vertrag über die Mitbenutzung ihres Gotteshauses (in den Akten "Schulbündnis" genannt). Dabei wurden insbesondere die finanziellen Fragen geregelt (Bezahlung des Vorsängers, Instandhaltung des Gebäudes usw.). Für die Benutzung der Synagoge war die Bensheimer Gemeinde gegenüber der kurmainzischen Herrschaft zahlungspflichtig.  
   
1779 erbauten die Auerbacher Juden ihre eigene Synagoge. Dadurch geriet die Bensheimer Gemeinde freilich in Zahlungsschwierigkeiten gegenüber der Mainzer Behörde. Es kam am Karfreitag 1780 zum Streit zwischen den Bensheimer und den Auerbacher Juden. In einem Bericht vom 8. Mai 1780 schilderte der zuständige Mainzer Hofrat die Angelegenheit: "Ganz neuerlich fiel es den Auerbacher Juden ein, sich eine eigene Schule (= Synagoge) zu Auerbach anzulegen, und dadurch die darmstädtischen Juden der Bensheimer Synagoge abzubekommen. Die Bensheimer Juden beschwerten sich nun darüber und sagen: zu einer Judenschul gehörten doch wenigstens 10 dreizehnjahrealte Juden männlichen Geschlechts. Als jene Juden aus wenigen Haushaltungen bestanden, wäre ihnen der Bensheimer Schulgang (= Besuch der Synagoge) ein Freundstück gewesen. Nun als sie sich vermehrten, wollten sie trotzdem sich trennen. Ohne den Beitrag der 6 Kreuzer von diesen  Leuten könnten sie die ständigen Ausgaben nicht bestreiten..." Dann kommt der Hofrat auf den Ausbruch des Streites zu sprechen: "Den verwichenen Karfreitag begaben sich die Auerbacher Juden nach Bensheim in die Synagoge und wollten ihre Bücher mit hinwegnehmen. Jud Salomon widersetzte sich, und es gab Lärm. Sie liefen in die Kellerei (= Sitz des Mainzer Verwaltungsbeamten), reklamierten die Bücher und Möbel ganz ungestüm. Der Tag war heilig, und der Keller (= Verwalter) nahm die Sache nach Ostern vor. Er bestrafte den Tumult von Karfreitag und ließ die Bücher... samt Effekten bis auf weiteren hohen Regierungsbefehl in die Kellerei bringen". Wie der Streit vollends gelöst wurde, ist nicht bekannt, zumal die Akten der hessischen Landjudenschaft beim Brand Darmstadts im Jahr 1945 vernichtet wurden. Zum Bau der Synagoge in Auerbach ist schon vermutet worden, dass der wohlhabende Auerbacher Jude Lössmann ein Grundstück zur Verfügung stellte und den Bau finanziert. 
   
Die Auerbacher Synagoge war anderthalb Jahrhunderte Mittelpunkt des jüdischen Gemeindelebens am Ort. 1874 und 1911 wurde das Gebäude renoviert. In der Zeit des Ersten Weltkrieges, als ein großer Teil der jüdischen Männer aus Auerbach (und dem benachbarten Zwingenberg) in den Krieg gezogen waren, tat man sich mit der jüdischen Gemeinde in Zwingenberg zusammen und besuchte den dortigen Gottesdienst. Dabei blieb es bis in die 1930er-Jahre, zumal an beiden Orten die Zahl der jüdischen Gemeindeglieder weiter zurücknahm. Ein letzter Gottesdienst in der Synagoge in Auerbach war 1932 die Trauung von Bella Hahn.
Nach 1933 gab es Gerüchte am Ort, dass die Ortsgruppenleitung der NSDAP plane, die Synagoge in einen Schweinestall zu verwandeln. Einem Schweinehändler im Nachbarort sei das Gebäude zur Nutzung angeboten worden. Berthold Frank, der letzte Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Auerbach, kam der Ausführung dieses Planes zuvor. Er verkaufte die Synagoge mit dem dazugehörigen Wohnhaus 1934 an den Inhaber einer Landmaschinen-Reparaturwerkstatt (namens Goebel), der das Synagogengebäude entsprechend nutzte. Obwohl beim Novemberpogrom 1938 die ehemalige Synagoge schon vier Jahre im Besitz dieses nichtjüdischen Mannes war, wollten Nationalsozialisten das Gebäude am 10. November 1938 in Brand setzen. Herr Goebel überraschte die drei Männer, die mit Fackeln in der Hand das Tor zum ehemaligen Synagogengebäude übersteigen wollten und konnte auf diese Weise eine Inbrandsetzung verhindern. 
     
Bis 1972 wurde die ehemalige Synagoge als Werkstatt weitergeführt. In diesem Jahr kaufte die Stadt Bensheim das Grundstück mit den Gebäuden, um diese im Zusammenhang mit der Bachgassensanierung abzubrechen. Das Gebäude der 1874 erbauten jüdischen Schule, in der sich auch die Lehrerwohnung und das rituelle Bad befanden, wurde als erstes abgebrochen. Erst danach fiel die ehemalige Synagoge als erhaltenswertes Gebäude auf. Es wurde 1979 bis 1981 äußerlich renoviert; der Vorplatz hergerichtet. Zu Beginn der Renovierungsarbeiten zeigte sich das folgende Bild (aus dem 'Arbeitsbericht' in "Erinnerungen an die Auerbacher Juden" S. 21f): 
"Die wesentlichen Bauteile der ehemaligen Synagoge sind erhalte: der Rohbau einschließlich des Dachstuhles mit dem Muldengewölbe und den Holzgesimsen am Dachansatz, die Empore mit dem profilierten Randbalken, die Treppe zur Empore, ein großer Teil der Fenstergesimse, die Toranische. Außerdem hatte der in der Zwischenzeit eingeschaltete Restaurator, Peter Pracher aus Würzburg, drei verschiedene Schichten von Bemalung im Synagogenraum festgestellt: unter der obersten, grauen Bemalung fand sich eine Schicht, die in der Decke aus einem blauen Grund mit schablonierten gelben Sternen besteht, dazu gehört ein grauer Anstrich des Holzgesimses, darunter ein schablonierter Fries mit einem Eulenmuster, die Wand ist in gebrochenem Weiß gehalten. Als dritte Schicht ließ sich  unter der Decke ein weiterer hellblauer Anstrich, an der Wand ein weiterer gebrochen-weißer Anstrich nachweisen. Links neben der Toranische konnten Reste einer ersten Bemalung in Form einer Säule mit Kapitell und Girlandenwerk festgestellt werden."
   
Bei der Innenrenovierung 1986 wurden die vorhandenen Originalbauteile so gut wie möglich erhalten und restauriert. Weitere Teile wurden rekonstruiert, auch wenn nicht immer (zum Beispiel bei der Brüstung der Empore) nicht klar war, wie sie ausgesehen hat. Bei den Renovierungsarbeiten wurden unter den Holzbalken hinter der Empore auch Teile einer Genisa (Aufbewahrungsort nicht mehr gebrauchter Gebetbücher und anderer Ritualien entdeckt). Die Übergabe der renovierten ehemaligen Synagoge an den Synagogenverein erfolgte am Sonntag, 26. Oktober 1986. Der "Auerbacher Synagogenverein" ist seitdem verantwortlich für die kulturellen und religiösen Veranstaltungen in der ehemaligen Synagoge
.  
    
    
Adresse/Standort der SynagogeBachgasse, 64625 Bensheim-Auerbach
     
     
Auerbacher Synagogenverein - Kontaktadresse
Auerbacher Synagogenverein

Karlheinz Storch, Lilienweg 6, 67551 Worms-Weinsheim 
(Tel. 06241/933155). Internet  E-Mail 
   

    
   
Fotos
(Quelle: Farbfotos Hahn Aufnahmedatum 18.6.2006; Innenansicht aus der Website des Auerbacher Synagogenvereines)  

Auerbach Synagoge 020.jpg (45921 Byte) Auerbach Synagoge 222.jpg (107950 Byte) Auerbach Synagoge 223.jpg (105691 Byte)
Die ehemalige Synagoge nach 
weitgehendem Abschluss der
 Renovierungsarbeiten im August 1986 
Außenansichten der ehemaligen Synagoge mit Gedenktafel; an der rechten Wand 
ist als kleiner Vorbau die ehemalige Toranische erkennbar.
    
      
Auerbach Synagoge 221.jpg (86984 Byte) Auerbach Synagoge 220.jpg (49443 Byte) Auerbach Synagoge 019.jpg (12858 Byte)
Eingangsbereich Links Inschrift der Gedenktafel: "Hüte Dich und bewahre deine Seele gut, dass du die Geschichte 
nicht vergisst, die deine Augen gesehen haben und dass sie nicht aus deinem Herzen komme 
dein Leben lang und tue sie deinen Kindern kund. 5. Mose. 
Ehemalige Synagoge erbaut um 1780. Zur Erinnerung an die jüdische Gemeinde in Auerbach. 
Renoviert von der Stadt Bensheim 1986". Rechts: Innenansicht  
 
 
 
   
Foto der ehemaligen Synagoge
 in höherer Auflösung  
Auerbach Synagoge 840.jpg (250067 Byte)
   Das Foto wurde erstellt von Michael Ohmsen (April 2011; 
Link zum Foto auf der Fotoseite von M. Ohmsen)  
    

    
    
Links und Literatur

Links:  

Website der Stadt Bensheim  mit Seite zum Stadtteil Auerbach  
Website des Auerbacher Synagogenvereines  
Webportal HS 010.jpg (66495 Byte)Webportal "Vor dem Holocaust" - Fotos zum jüdischen Alltagsleben in Hessen mit Fotos zur jüdischen Geschichte in Auerbach  

Quellen:    

Hinweis auf online einsehbare Familienregister der jüdischen Gemeinde Auerbach 
In der Website des Hessischen Hauptstaatsarchivs (innerhalb Arcinsys Hessen) sind die erhaltenen Familienregister aus hessischen jüdischen Gemeinden einsehbar: 
Link zur Übersicht (nach Ortsalphabet) https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/llist?nodeid=g186590&page=1&reload=true&sorting=41              
Zu Auerbach sind vorhanden:    
HHStAW 365,952  Trauregister der Juden von Auerbach   1823 - 1873  https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v828048       
HHStAW 365,953  Sterberegister der Juden von Auerbach 1823 - 1826, 1837 - 1874  https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v3501966      
HHStAW 365,951  Geburtsregister der Juden von Auerbach  1823 - 1874   https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v282837                   

Literatur:  

Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 50-51.  
Auerbach Buch.jpg (17954 Byte)Erinnerungen an die Juden in Auerbach. Hg. für den Auerbacher Synagogenverein von Rolf Lesser. Bensheim-Auerbach 1986.
Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 S. 119-120.
dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad. und: Synagogen in Hessen - Was geschah seit 1945? Teil II S. 108.
Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 242-243.
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 40-41.
Denkzeichen. Von Alsbach bis Zwingenberg. Orte von Widerstand und Verfolgung. Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen in Südhessen und Umgebung. Redaktion: Renate Dreesen, Initiative 'Gedenkort Güterbahnhof Darmstadt". 2005. S. 13-14. 

   
    


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Auerbach, Hesse. Established around 1770, the community numbered 120 (8 % of the total) in 1861 and had close ties with the Jews of neighboring Bensheim. By 1933 it had dwindled to 49 and in 1938 the synagogue was purchased by a non-Jew. On Kristallnacht (9-10 November 1938) stormtroopers destroyed Jewish homes and property. The remaining Jews emigrated of moved elsewhere, but eight survivors were deported in 1942. The synagogue was restored in 1987.  
    
     

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 05. Mai 2016