Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Bingen am Rhein (Landkreis Mainz-Bingen) 
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht  

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Zur Geschichte der Synagogen  
Mittelalterliche Synagoge(n)  
Bis 1905: Synagoge in der Judengasse (Rathausgasse)/Rheinstraße  
1905 - 1938: Synagoge in der Rochusstraße 
Die orthodoxe Synagoge in der Amtsgasse und die Privatsynagoge in der Martinstraße 
Fotos  
Erinnerungsarbeit vor Ort sowie erste Ansätze für neues jüdisches Leben in der Stadt (2008)  
Links und Literatur  

vgl. weitere Seite mit Texten zur jüdischen Geschichte in Bingen (interner Link) 
 

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)

In Bingen bestand eine bedeutende jüdische Gemeinde bereits im Mittelalter. Schon im 10. Jahrhundert sollen hier Juden ansässig gewesen sein. Um 1160 erwähnt Benjamin von Tudela eine jüdische Gemeinde in der Stadt. Am Neujahrsfest 1198 oder 1199 wurden die Binger Juden beraubt und verjagt. Seit dem Anfang des 14. Jahrhunderts erfährt man wieder von Juden in der Stadt. Als Geldgeber hatten sie für die Mainzer Erzbischöfe große Bedeutung. In religiösen und jüdisch-rechtlichen Angelegenheiten unterstanden die Binger Juden im 14. Jahrhundert dem rabbinischen Gericht in Mainz. Ein Teil der jüdischen Familien lebte Anfang des 14. Jahrhunderts in der so genannten "Judengasse". Diese lag im Stadtzentrum zwischen der "Judenpforte" im Norden (auf der Höhe der heutigen Rheinstraße) und dem westlichen Marktbereich im Süden (seit 1933: Rathausstraße). Während der Judenpogrome 1348/49 wurde die Gemeinde zerstört. 
 
Seit 1354 werden wieder jüdische Familien genannt. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte lebten mindestens sechs bis neun jüdische Familien in der Stadt. Seit 1388 war Kussel, Sohn des Salman, in Bingen wohnhaft. Er wurde 1418 als das "Haupt" der Juden des Erzstifts Mainz bezeichnet. Bei den Stadtbränden von 1403 und 1409 wurde auch das Judenviertel zerstört. Im 15. Jahrhundert war von besonderer Bedeutung der in der weiten Umgebung von Bingen anerkannte Rabbiner, Lehrer und Richter Seligmann Bing (gest. 1469). Sein überragendes Wissen und seine tiefe Frömmigkeit wurden allgemein bewundert und anerkannt. Seit 1469 drohte den Juden der Stadt die Ausweisung, die jedoch immer wieder verschoben wurde (1507 teilweise durchgeführt). 

Auch vom 16.-18. Jahrhundert lebten Juden in Bingen: 1689 wurden 21 jüdische Familien in der Stadt gezählt. In diesem Jahr wurde Bingen von den Franzosen eingeäschert, wobei auch die Synagoge zerstört wurde. Bis 1765 stieg die Zahl der jüdischen Familien wieder auf 51 mit insgesamt 343 Personen (12 % von insgesamt 2.812 Einwohnern).  
 
Während der französischen Herrschaft (ab 1793) erlangten die jüdischen Einwohner um 1800 die rechtliche Gleichstellung mit den christlichen Einwohnern. Im Revolutionsjahr 1848 kam es zu schweren Ausschreitungen gegen jüdische Einwohner. Erst der Einsatz von hessischem Militär und die Verhaftung einiger an dem Pogrom beteiligter Personen beruhigte die Situation.  
 
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1807 297 jüdische Einwohner, 1828 409 (10,2 % von insgesamt etwa 4.000 Einwohnern), 1861 507 (8,6 % von 5.916), 1880 542 (7,7 % von 7.062), 1900 713 (7,4 % von 9.600). Nach 1900 ging die Zahl der jüdischen Einwohner durch Aus- und Abwanderung zurück (1910 601 jüdische Einwohner = 6,0 % von insgesamt 9.952 Einwohnern). Zur jüdischen Gemeinde Bingen gehörten (1924) auch die in Kempten, Gaulsheim (9) sowie die in Bingerbrück, Münster und Weiler (35) lebenden jüdischen Personen. 

Bis in die Jahre nach 1933 spielten zahlreiche jüdische Einwohner eine bedeutende Rolle im wirtschaftlichen und kommunalen Leben Bingens.
 
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde insbesondere eine Synagoge (s.u.), eine Schule, ein rituelles Bad und einen Friedhof. Bei der Schule handelte es sich zunächst um eine Religionsschule. 1825 wurde eine Israelitische Elementarschule (die einzige in Rheinhessen) gegründet und als Elementarlehrer Anton Bachrach angestellt; 1834 wurde die Elementarschule durch eine Religionsschule ergänzt. Nach der Erkrankung und dem frühem Tod von Lehrer Bachrach wurde die Elementarschule wieder geschlossen - die Schüler besuchten fortan die allgemeinen Schulen der Stadt.      
 
Bingen war Sitz eines Kreisrabbinates, zu dem bis in die NS-Zeit die jüdischen Gemeinden in Dromersheim, Fürfeld, Gau-Algesheim, Gensingen, Ingelheim, Ockenheim, Schwabenheim, Sprendlingen, Steinbockenheim und Wöllstein gehörten. Unter den Rabbinern des 19./20. Jahrhunderts sind zu nennen: 
   
Nathan-Neta Josef Ellinger (geb. 1772 in Mainz als Sohn von Rabbiner Juspo/Josef Ellinger, Bruder des Mainzer Rabbiners Löb Ellinger gen Löb Schnadig): 1789 bis 1794 Privatgelehrter und Klaus-Rabbiner in Mannheim, 1809 bis 1821 Rabbiner und Leiter der Talmud-Tora-Schule in Hamburg, 1821 bis zu seinem Tod 1839 Rabbiner in Bingen. 
Dr. Isaak Rafael Sobernheim (geb. 1807 in Bingen, gest. 1869 in Bingen): nach Studien in Bonn und Gießen von 1839 bis 1869 Rabbiner in Bingen. 
-  1870 - 1889 noch unklar.  
Dr. Richard Grünfeld: (geb. 1863, gest. 1931 in Augsburg): von 1889 bis 1910 Rabbiner in Bingen, von 1910 bis 1929 in Augsburg.    
Dr. Ernst Appel (geb. 1884, gest. 1973): studierte an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, Rabbinatsprüfung 1910/11, danach als Rabbiner nach Bingen berufen, wo er bis 1926 blieb (verheiratet seit 1918 mit Marta geb. Insel, zwei Töchter); danach Rabbiner in Dortmund (Herbst 1935 Feier des 25-jährigen Amtsjubiläums); 1937 über Holland in die USA emigriert; amtierte bis 1969 als Rabbiner in Jackson (Tennessee). Seine Frau starb 1980 in Kalifornien. 
Dr. Ignaz Maybaum (geb. 1897 in Wien, gest. 1976 in London): studierte an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, Rabbinatsprüfung 1926, Schüler von Franz Rosenzweig, war von 1926 bis 1928 Rabbiner in Bingen, dann bis 1936 in Frankfurt (Oder), zuletzt in Berlin, emigrierte 1939 nach England, 1949 Rabbiner an der Edgware and District Reform Synagogue, Dozent am Leo Baeck-Institut London. Zahlreiche theologische Publikationen, war einer der führenden jüdischen Theologen des 20. Jahrhunderts; siehe Wikipedia-Artikel.    
Dr. Heinrich Guttmann (geb. 1905 Csnograd, Ungarn, gest. 1995 USA): Studium in Gießen, 1928 Rabbiner in Bingen, anschließend bis 1933 in Landsberg/Warthe, nach 1933 Prof. am Jüdisch-theologischen Seminar in Budapest; 1948-1949 Landesrabbiner von Württemberg-Baden in Stuttgart, danach in die USA.  

    
In der jüdischen Gemeinde gab es ein reges Vereinsleben: Zentralkasse für jüdische Wohlfahrtspflege (zu der 1924/32 gehörten: Armenverein, Männerkrankenverein, Frauenkrankenverein, Humanitätsverein, Mädchenausstattungsverein, 1924 unter Leitung von Rabbiner Dr. Apppel, Max Roß und 10 Vorstandsmitglieder, 110 Mitglieder), Jüdischer Jugendverein (1924 Leitung Dr. Robert Stein, 1932 Paul Schirling), Männerkippe (1924 Leitung Salomon Pfifferling, 18 Mitglieder), Frauenkippe (1924 Leitung Frau Werthauer), Synagogenchorverein (1924 Leitung Ernst Groß), Minjanverein (1924 Leitung Julius Simon), Ortsgruppe des Centralvereins(1924 156 Mitglieder) und einen Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (1932 Vors. Rechtsanwalt Stern). 

Neben der liberalen Gemeinde bestand seit 1876 die Israelitische Religionsgesellschaft mit einer eigenen Synagoge (s.u.), einem eigenen Rabbiner, einem Friedhofsanteil und einer Schule. 1924 waren die Vorsteher der Religionsgesellschaft: Julius Kann, Fritz Rosenthal und Hermann Wolf. Damals war das Rabbinat gerade unbesetzt. Den Religionsunterricht der Religionsgesellschaft besuchten damals 14 Kinder. 1932 war Vorsteher weiterhin Julius Kann, Schriftführer Martin Wolf. Als Lehrer, Kantor und Schochet fungierte Gustav Anger. Die Wohlfahrtspflege wurde gemeinsam von beiden Gemeinden ausgeübt (Zentralkasse s.o.).
Rabbiner der Israelitischen Religionsgesellschaft waren:  
Dr. Hirsch Naphtali Zwi Sänger (geb. 1843 in Buttenwiesen, gest. 1909): seit 1875/76 Predigt und Religionslehrer, dann bis 1893 Rabbiner in Bingen, von 1893 bis 1909 in Mergentheim
Dr. Salomon Bamberger (geb. 1869 in Frankfurt als Sohn des Frankfurter Dajan Dr. Seckel Bamberger, Enkel des Seligmann Baer Bamberger in Würzburg): Rabbiner in Bingen von 1893 bis 1896, danach Distriktsrabbiner und Leiter der Präparandenschule in Burgpreppach, 1901 bis zu seinem Tod 1920 Provinzialrabbiner in Hanau ("Hanauer Raw").  
Dr. Schlesinger (): Rabbiner in Bingen von 1896 bis 1901.  
Dr. Samuel (Samo) Neuwirth (): Rabbiner in Bingen von 1901 bis 1924, danach Rabbiner in Ichenhausen.   

Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde: Friedrich Fritz Borg, Max Feist, Otto Hallgarten, Siegfried Salomon Hallgarten, Siegmund Helfer, Otto Loeb, Ferdinand Löbmann, Manfried Marx, Kurt Mattes, Josef Münzner, Fritz Friedrich Meyer, Sally Rosenthal, Siegfried Rosenthal, Berthold Salomon, Ernst Simon, Berthold Sommer, Hugo Sommer, Maximilian Wolf, Sigismund Wolff. 

Um 1924,
als etwa 500 jüdische Einwohner gezählt wurden, waren die Vorsteher der jüdischen Religionsgemeinde Julius Simon, Isidor Groß, Dr. Otto Marx, Bernhard Loeb und Oskar Meyer. Als Lehrer und Kantor war Alfred Löwy tätig, als Gemeindesekretär Sigmund Seligmann, als Rechner Sigmund Strauß, als Synagogendiener Max Wolf, als Friedhofsaufseher Leopold Eis, als Hausmeisterin Fr. Schleider und als Chordirektor Josef Knethel tätig. Die Religionsschule der Gemeinde besuchten 42 Kinder. 1932 waren die Gemeindevorsteher: Dr. Otto Marx (1. Vors.), Isidor Groß (2. Vors.) und Nathan Loeb (3. Vors.). Als Kantor war Isi Bayer tätig. 

1933 wurden 465 jüdische Einwohner gezählt (3,3 % von insgesamt 14.098 Einwohnern). Am 1. April 1933 begann mit dem Boykottaufruf der Nationalsozialisten auch in Bingen die seitdem ständig zunehmende Unterdrückung und Entrechtung der jüdischen Einwohner. 

Beim Novemberpogrom 1938 wurden außer den Synagogen auch zahlreiche jüdische Geschäfte demoliert und geplündert. Heimische und ortsfremde SA-Angehörige beteiligten sich insbesondere an den Aktionen. Jüdische Einwohner wurden festgenommen und auf LKWs durch die Stadt zum "Hessischen Hof" in der Mainzer Straße gefahren; von dort vermutlich in ein Konzentrationslager verschleppt.  
   
1942
wurden 152 Juden, weitere 17 Personen in den beiden folgenden Jahren aus der Stadt deportiert. Fast alle von ihnen wurden in Vernichtungslagern des Ostens ermordet.   
     
Von den in Bingen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Sibilla Bähr (1869), Mathilde Bär geb. Seligmann (1884), Walter Bär (1911), Simon Berg (1869), Amalie Bermann geb. Feist (1853), Delphina Bermann geb. Wendel (1884), Felix Bermann (1884), Otto Bloch (1906), Johanette Bohl geb. Wolf (1883), Theodor Boll (1880), Lili Brück geb. Natt (1892), Lotte Bruck (1922), Hedwig Eis geb. Stern (1879), Leopold Eis (1879), Alice Epstein (1896), Bertha Epstein geb. Hallgarten (1865), Charlotte Feist (1923), Ellen B. Feist (1925), Klara Feist (1875), Mathilde Feist (1881), Paul Eugen Feist (1863), Paula (Rula, Eula) Feist geb. Obermayer (1871), Siegfried Feist (1870), Thekla Feist geb. Kahn (1897), Julius Franck (1880), Hedwig Frank geb. Marx (1881), Carola Freundlich geb. Meyer (1891), Siegfried Freundlich (1883), David Friedmann (1880), Jenny Friedmann geb. Sommer (1888), Rosa Gans gab. Kaufmann (1899), David Goldschmidt (1862), Setchen Goldschmidt geb. Sternberg (1863), Agnes Groß geb. Neuberger (1883), Ella Gross geb. Cahn (1883), Ernst Gross (1880), Karl Groß (1876), Selma Gross geb. Simon (1890), Julius Josef Haas (1878), Alfred Hallgarten (1895), Julius Hallgarten (1868), Klara Hausmann (1890), Johanna Heimann geb. Wohlgemuth (1888), Ludwig Heimann (1921), Moritz Max Heli (1865), Hermann Herz (1888), Selma Herz geb. Löwenstein (1897), Berta Hirschberger geb. Moos (1871), Sigmund Hirschberger (1865), Elisabeth (Else) Kahn geb. Mayer (1889), Friedrich Kahn (1926), Julius Kahn (1905), Mathilde Kahn geb. Westheimer (1871), Max Kahn (1872), Max Kahn (1878), Moritz Kahn (1877), Rosa Kahn (1897), Samuel Kahn (1879), Selma Kahn geb. Speier (1875), Johanette Kaufmann geb. Feist (1874), Eva Keller geb. Salomon (1891), Karl Keller (1889), Ruth Mirjam Keller (1924), Walter Keller (1921), Emilie Kleeblatt geb. Seligmann (1880), Hertha Koppel geb. Wolf (1889), Karl Koppel (1891), Kurt Koppel (1921), Henny (Henriette) Kunkel geb. Schiff (1876), August Lazarus (1867), Emma Lazarus (1862), Emma Levi geb. Ackermann (1889), Willi Levi (1885), Helene Levy geb. Klee (1861), Julie Levy (1892), Bernhard Löb (1880), Helene Löb geb. Ebstein (1880), Rosa Löwenstein geb. Eis (1912), Paula Löwenthal (1894), Barbara Lypstadt geb. Eis (1879), Adele Marcus (1878), Emma Marcus (1876), Henny Marcus (1882), Hugo Marcus (1874), Artur Marks (1921), Rosa Markus (1870), Arthur Marx (1922), Artur Marx (1898), Gisela Therese Marx (1930), Irma Marx geb. Koppel (1898), Josefine Marx geb. Mayer (1879), Toni (Antoni) Marx geb. Weiß (1876), Waltraud Doris Grete Edith Marx (1932), Lili Fanny Mayer geb. Hallgarten (1896), Max Mayer (1886), Rudolf (Rudi) Mayer (1925), Moritz Moos (1875), Rosa Moos (1876), Clara Flora Müller geb. Willstädter (1897), Friedrich Julius Müller (1925), Ludwig Müller (1887), Ruth Müller (1929), Ludwig Münzner (1911), Sabine (Sophie) Münzner geb. Albert (1871), Eugenie Nathan (1867), Hugo Nathan (1866), Klara Nathan (1872), Louise Nathan (1875), Moritz Nathan (1861), Rosalie Nathan geb. Lazarus (1868), Juliane Rosam (1874), Clara Rosenbaum (1867), Kathie (Kartharina) Rosenbaum (1869), Adolf Rosenstock (1883), Herbert Rosenstock (1928), Selma Rosenstock geb. Fink (1894), Alice Rosenthal geb. Kohlmann (1893), Emanuel Rosenthal (1888), Gerd Schildhaus (1924), Hilde Schildhaus (1923), Simon Schildhaus (1872), Sofie Schildhaus geb. Meyer (1887), Rosa Schmalz geb. Kahn (1876), Änne (Änni, Lina) Seligmann (1920), Elisabeth (Ella) Seligmann geb. Simon (1879), Isidor Seligmann (1874), Ludwig Seligmann (1875), Rosa Seligmann (1886), Bertha Simon geb. Levy (1873), Eduard Edmund Simon (1877), Ferdinand Simon (1868), Meta Simon geb. Goldstein (1886), Paula (Pauline) Simon geb. Hirsch (1866), Ida Sommer geb. Blumenthal (1893), Sally Sommer (1881), Paula Steinberg geb. Marx (1887), August Adolf Stern (1877), Fritz Stern (1914), Julius Stern (1883), Paula Stern geb. Oppenheimer (1883), Selma Stern geb. Meyer (1888), Walter Stern (1907), Elise Strauss (1909, Lea Strauss (1921), Richard Strauss (1872), Sigmund Strauß (1869), Rosa Viskoper geb. Eis (1885), Cecilie Waller geb. Kahn (1912), Martha Weinthal (1933), Frieda Weiß (1900), Blondine Willstädter geb. Haas (1871), Jakob Willstädter (1865), Juli (Julie) Winkelstein geb. Meyer (1878), Adolf Wolf (1874), Ella Wolf (1896), Ernst Wolf (1895), Eugen Wolf (1892), Fanny Wolf geb. Rosenbaum (1871), Gertrud Wolf geb. Levy (1903), Ida Wolf geb. Gardé (1872), Isidor Wolf (1869), Klara Wolf geb. Kahn (1885), Leonhard Wolf (1872), Marianna Wolf geb. Schwalbe (1904), Marie Eleonore Wolf (1928), Marion Wolf (1928), Martin Wolf (1895), Selma Wolf geb. Hecht (1884), Sofie Wolf geb. Hess (1874).    
 
Hinweis: obige Liste wurde erstellt durch Abruf von "Wohnort Bingen" über die Suchfunktion der Liste des Bundesarchivs. Eine zusätzliche Eingabe von "Geburtsort" würde weitere Namen ergeben.   
   
                   



Zur Geschichte der Synagogen in Bingen

Mittelalterliche Synagoge(n)

Eine "Judenschule" (Synagoge) wird erstmals 1396 genannt, war jedoch sicher schon einige Jahrzehnte vorher vorhanden. Die Synagoge lag am nördlichen Ende der Judengasse, etwa dort, wo die neuere, bis 1905 benutzte Synagoge stand (Rheinstraße 2-4). Mit einer Seite stieß sie offenbar an ein Haus in der Mönchsgasse. Diese erste Synagoge dürfte bei den Stadtbränden 1403/09 zerstört wurden sein. 

1502
ist wieder eine "Judenschule" genannt, die Ende des 16. Jahrhunderts erweitert wurde. Sie befand sich nach einem Plan von 1570 neben der St. Urbans-Kapelle. 
  

Bis 1905: Synagoge in der Judengasse (Rathausstraße)/Rheinstraße (Rheinstraße 2-4)

Die auf dem Grundstück in der Judengasse stehende Synagoge (noch aus dem Mittelalter?) wurde 1689 bei der Zerstörung der Stadt niedergebrannt. Erst 1698 wurde an derselben Stelle u.a. mit Hilfe von Spenden aus Worms und Mainz ein Neubau erstellt, die Einweihung war 1700. Nachdem 1789 ein Brand den Dachstuhl zerstörte, wurde der Betsaal anlässlich der Reparatur vergrößert. Von diesem Bau sind noch einzelne Teile erhalten (Hochzeitsstein, heute im Israel-Museum Jerusalem; Türflügel mit Stifterinschrift; roter Sandsteinpfeiler aus dem Bereich des Toraschreines).
1831 befand sich die Synagoge in einem baufälligen Zustand. Man entschloss sich zu einem Umbau. Der Eingang wurde von der Judengasse im Süden zur Rheinstraße auf die Nordseite verlegt. Durch den Einbau einer Frauenempore konnte der bisherige Frauenbereich dem Männerbereich hinzugefügt werden. Die Einweihung war am 14./15. Dezember 1838. Bereits 1841 danach war eine erneute Erweiterung nötig (siehe Bericht unten). 

1853 und 1871 (Einbau von Orgel- und Chorempore) sowie letztmals 1891 wurde die Synagoge renoviert. Wenige Jahre später beschloss die Gemeinde jedoch einen Neubau der Synagoge, zumal es bautechnische Probleme mit der Orgelempore gab. Die Ritualien der alten Synagoge einschließlich des wertvollen Toraschreines wurden in die neue Synagoge in der Rochusstraße gebracht.

Nach der Einweihung der Synagoge 1905 wurde die alte Synagoge verkauft und in den kommenden Jahrzehnten unterschiedlich genutzt, als Gasthaus, Diskothek und als Jugendtreff. Das Gebäude ist bis heute - wenn auch stark verändert - erhalten.

Erweiterung der Synagoge 1841  

Bingen AZJ 06111841s.jpg (198992 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. November 1841: "Bingen,1 3. Oktober (1841). In No. 42 dieser Zeitung findet sich ein Korrespondenzartikel, den Bau der neuen Synagoge zu Ober-Ingelheim betreffend. Dieses ist nun das zweite neue Gotteshaus, das wir seit einigen Jahren in unserem Kreise erstehen sehen. Es ist wirklich ein sehr erfreulicher Beweis der Fortschritte der Kultur unter den Juden, wenn kleinere Gemeinden, mit beschränkteren Mitteln, bedeutende Opfer nicht scheuen, um einen regelmäßigen, dem Zeitgeiste angemessenen Gottesdienst abzuhalten. Die Tätigkeit unseres Gemeindevorstandes (d.h. in Bingen) hat seit Kurzem bedeutende Verbesserungen ins Leben gerufen, die unser würdiger Herr Kreisrat Wieger aufs kräftigste fördert und unterstützt. Dankbare Anerkennung verdient auch die Humanität unseres städtischen Vorstandes, der zum Bau der Synagoge sowohl, als auch zu sonstigen Anschaffungen aus den städtischen Fonds Beiträge bewilligte. – Während die ziemlich große Gemeinde unseres benachbarten Mainz noch sehr an den alten Missbräuchen festhält, und erst jetzt durch Anstellung des Herrn Dr. Frensheimer die Bahn zu brechen beginnt, erfreuen wir uns schon seit mehreren Jahren eines schönen Gottesdienstes mit deutschen Vorträgen und Chorälen. Seit einem Jahre werden an Sabbaten des Nachmittags abwechselnd von unserem kenntnisreichen Rabbinen Herrn Dr. Sobernheim und Herrn Lehrer Lebrecht Andachtsstunden in deutscher Sprache abgehalten, die sich stets eines sehr zahlreichen Auditoriums erfreuen. Durch den Abbruch einiger der Synagoge zunächst gelegener alter Häuser wurde an Raum gewonnen, und das etwas zu kleine Gotteshaus wird nun vergrößert. In wenigen Wochen wir der bereits begonnene Bau vollendet da stehen. Nach dem Muster einiger anderer Gemeinden wird nun für Anschaffung einer Orgel gesorgt werden, wozu die erforderliche Summe durch freiwillige Beiträge zusammengebracht werden soll. Wir sind von der Freigebigkeit unserer Gemeindeglieder, die uns im verflossenen harten Winter bewiesen, wie gerne sie ihre Hand öffnen, wenn es nützlichen und wohltätigen Zwecken gilt, überzeugt, dass sie recht gerne zur Anschaffung dieses Gemüt erhebenden Instruments beisteuern werden, sowie wir auch von unserem gebildeten Rabbinen mit Zuverlässigkeit darauf rechnen können, dass er, der zeitgemäße Verbesserungen gerne fördert, bereitwilligst dem allgemeinen Wunsche beistimmen werde."

Einweihung einer neuen Torarolle 1862

Bingen Israelit 10121862s.jpg (202967 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Dezember 1862: "Bingen am Rhein, im Dezember (1862). Vergangenen Sabbat, Paraschat Wajischlach ward hier eine Sefer Tora (Torarolle), die zweite binnen Jahresfrist, festlich eingeweiht. Das erste Sefer ließ die Beerdigungsbrüderschaft, das zweite ein Verein jünger Leute, die allsabbatlich zusammenkommen, um sich aus dem Worte Gottes belehren zu lassen, schreiben. Es ist dies ein sprechender Beweis, dass wie überall, so auch hier, wo Neologie und Indifferentismus bisher besonders heimisch waren, ein besserer Geist sich Bahn zu brechen beginnt, und wollen wir hoffen, dass der wahrhafte religiöse Sinn, wodurch sich in früheren Zeiten Bingen auszeichnete, daselbst immer mehr und mehr vorherrschend wird. Die Feier selbst war eine sehr würdige und fand die Predigt, die Herr Lehrer Lebrecht – da der Rabbiner Herr Dr. Sobernheim* von seinem Unwohlsein, wenn auch bedeutend besser – leider noch immer nicht ganz hergestellt – hielt, allgemeinen Beifall, indem sowohl Form als Inhalt nichts zu wünschen übrig ließen. Möchte es mir vergönnt sein, Ihnen recht bald fernere günstige Nachrichten über die hiesigen religiösen Verhältnisse zu geben. Schebach.
*Anmerkung: Der Herr Rabbiner ward am zweiten Neujahrstage während einer Predigt, worin er sich wegen der durch einige eklatante Beispiel besonders hervorgetretenen Religionslosigkeit ungemein ereiferte, von einem sehr bedenklichen Unwohlsein betroffen, wovon sich derselbe, wie oben erwähnt, ziemliche erholt hat, aber noch immer nicht völlig hergestellt ist."

Kritischer Bericht in der orthodoxen Israelitischen Zeitschrift 1876

Bingen Israelit 26041876s.jpg (194554 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. April 1876: "Bingen. (Curiosa). Die Leser dieses Blattes, die in letzterer Zeit auch über die Binger jüdischen Verhältnisse gelesen und durch das eigentümliche Vorgehen eines reformsüchtigen Vorstandes in Erstaunen gesetzt worden sind, werden dennoch überrascht sein, wenn sie hören, wie man hier ‚in Reform macht’. Vergangenen Freitagabend vollzog sich ein seltener religiöser Weiheakt in der Orgelsynagoge allhier. Unter Musikbegleitung und erhebender Festrede wurde ein prachtvoller Becher dem Herrn Kantor überreicht, welchen der dankbare Vorstand den Chorsängern zum Geschenke machte. Da dieser Becher, wie verlautet, in der Synagoge als Jomtofkidusch-Becher (Kidduschbecher zum Feiertag) benutzt werden soll, die feierliche Anrede an den Kantor gerichtet war, sodass alle Anwesenden der irrigen Meinung waren, derselbe erhielte damit ein Zeichen der Anerkennung für seine gesanglichen Leistungen, aber, wie es schließlich heißt, dem Chorpersonal gewidmet worden sei, so können wir zu unserem tiefsten Bedauern unserer Berichterstatterpflicht nicht getreu nachkommen und den endgültigen Beschenkten nicht genau angeben. Auf bescheidene Anfragen wird aber der verehrliche Vorstand wohl Auskunft erteilen. Genug, das Publikum war durch die erhebende, gewiss in ihrer Art einzigen religiösen Feier sichtlich tief gerührt und gehoben, und wir müssen es gewiss als boshaft bezeichnen, wenn sich Einzelne, die der Feier beiwohnten, darüber lustig machten und erklärten, dass ihnen das Ganze wie ein Faschingsscherz vorkam, Wie aber bekanntlich das Publikum immer undankbar ist, so zeigte sich das schon zwei Tage darauf. Es war der letzte Tag Pessach, und da konnte selbstverständlich der Organist, welcher in der Kirche sehr in Anspruch genommen war, nicht zugleich in der Synagoge die Orgel spielen. Wer will es nun einer Gemeinde verargen, die sich zwar schon mehrmals aus demselben Grunde still ergeben darein gefunden, statt um 9 um 10 Uhr ihren Gottesdienst abzuhalten, wenn sie heute,  wo sie ein und eine halbe Stunde auf ihren Organisten warten musste, ungeduldig wurde und sich nicht mehr erinnerte des herrlichen Festgenusses, den ihr erfindungsreicher und für ihre Unterhaltung stets sorgender Vorstand erst zwei Abend vorher bereitet hatte! Wie wir hören, hat auch am ersten Pessachabend eine Dame durch Solovorträge aus Haydns ‚Schöpfung’ die andächtigen Besucher des Gotteshauses entzückt. – Ja die Binger jüdische Gemeinde kann sich glücklich schätzen, einen so kunst- und musikliebenden Vorstand zu besitzen!!!"

Der Toraschrein der alten Synagoge wird zur neuen Synagoge gebracht (1905) 

Bingen Frf IsrFambl 25081905s.jpg (45222 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 25. August 1905: "Bingen. Vorigen Samstag wurde in der 800 Jahre alten Synagoge der hiesigen israelitischen Gemeinde der letzte Gottesdienst abgehalten. Berühmt war in der Synagoge der Oraun hakaudesch (Toraschrein) als ein altes Kunstwerk von hohem Werte; derselbe wird in die mit einem Kostenaufwand von einer Viertel Million Mark erbaute neue Synagoge übergeführt werden."

Kritischer Artikel zum Verkauf der alten Synagoge 1911
Anmerkung: Die orthodox eingestellte Zeitschrift "Der Israelit" stand in kritischer Distanz zu der liberal geprägten Israelitischen Religionsgemeinde in Mainz mit ihrer "Orgelsynagoge". Dass nun auch noch die alte Synagoge in der beschriebenen Weise weiterverwendet wurde, war Anlass für diesen kritisch geschriebenen Artikel:

Bingen Israelit 11051911s.jpg (253590 Byte) Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Mai 1911: "Die jüdische Gemeinde in Görlitz ist aber schon lange vorher von der jüdischen Synagogengemeinde in Bingen am Rhein überflügelt worden. Vor, allerdings schon sehr langer Zeit, war die jüdische Gemeinde Bingen der Sitz einer Jeschiwa, an der hervorragende Männer und Leuchten des Judentums gelehrt hatten. Sehr häufig teilte die alte Gemeinde im Mittelalter das Schicksal ihrer benachbarten Schwestergemeinden Mainz, Worms, Oppenheim, Kreuznach, Bacharach und Boppard. Man sollte nun meinen, dass in einer solchen alten Gemeinde, der Geist der Pietät und Würde auf lange Zeit hinaus nachwirke. Wie aber dieser Geist der Pietät in der heutigen Generation lebt, das kann nicht besser illustriert werden, als durch die Tatsache, dass die frühere Synagoge in der Rheingasse, die über 70 Jahre gottesdienstlichen Zwecken diente, samt den nicht unbeträchtlichen Nebenbauten, als Mikwe, Beamtenwohnungen und Schullokal für 30 oder 35 Mark an einen christlichen Unternehmer verkauft wurde, der alsbald ein Vergnügungsetablissement daraus machte. Und gerade die alte Synagoge ist es, wo heute ein Tanzlokal, ein Konzertsaal, eine Bierhalle, ein Kinematographentheater, nicht weniger als wie Tingeltangel und Kabarett den Zusammenkunftsort für Publikum zweiten, dritten und weiteren Ranges bildet. Sonntäglich soll es da etwas weniger als vornehm hergehen. 
Es ist an sich gleichgültig, von welchem Gesichtspunkt aus man den jetzigen Verkehr in der ehemaligen Synagoge nach ästhetischen oder moralischen Gesichtspunkten einschätzt, ob es da etwas wild und stürmisch oder etwas ruhiger und gesetzter hergeht und ob die jungen Techniker, die in Bingen studieren, dort nur Bier trinken und nur tanzen, oder was sonst noch. Es ist und bleibt eine Schande und Schmach, dass eine Gemeinde, die mit zu den wohlhabendsten am Rhein gehört, eine Synagoge auf derartige Weise entweihen lässt. Ob eine der dortigen christlichen Kirchen jemals bedingungslos für derartige oder ähnliche Zwecke verkauft würde? Es ist ganz überflüssig, solche Fragen zu diskutieren.
Wenn aber Gemeinden wie Görlitz und Bingen hunderttausende für eine neue Synagoge auszugeben imstande sind, so müssen sie auch in der Lage sein, ihre alten Gotteshäuser so lange in eigener Hand behalten zu können, bis sich eine Gelegenheit findet, sie würdig zu verwenden. Warum konnten die Vorsteher dieser Gemeinde nicht etwa ein Altersheim für jüdische Beamten oder ein Refugium für erwerbsunfähige Beamtenwitwen errichten? In Bingen, wo die geographische Lage dazu ebenso geeignet gewesen wäre, wie auch der ganze Gebäudekomplex an sich schon, wären sicherlich von außer zu solchen Zwecken Gelder aufzubringen gewesen und das altehrwürdige Gebäude wäre nicht in so unerhörter Weise entweiht worden.
Da man nur allzu sehr berechtigten Grund hat, dass das von Görlitz und Bingen gegebene unrühmliche Beispiel Nachahmung finden könnte, sollte man an die jüdischen gemeinde Deutschlands die dringende Warnung richten, einen solchen Chillul nicht weiterzuverbreiten. Sonst gibt man dem nie müden Antisemitismus nur weiter neue Handhaben das Gesamtjudentum für die Missgriffe einzelner Gemeindevorsteher verantwortlich zu machen und zu befehden. Und das muss unter allen Umständen verhütet werden."


1905 - 1938: Synagoge in der Rochusstraße (Rochusstraße 10-12)

Eine großer Synagogenneubau wurde von 1903 bis 1905 durchgeführt. Sie wurde nach den Plänen von Professor Ludwig Levy aus Karlsruhe erstellt. Er hatte einen an romanischen Kirchenbauten orientierten Gebäudekomplex mit einer monumentalen Fassade entworfen. Im Betsaal befanden sich 218 Männer- und 171 Frauen-Sitze. Zur Ausstattung der Synagogen gehörten u.a. über 60 Torarollen, darunter eine aus dem Jahr 1700. 

Entwürfe zum Neubau der Synagoge (1903)

Bingen AZJ 16011903s.jpg (57113 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 16. Januar 1903: "Bingen am Rhein, 4. Januar (1903). Bei den zu dem Neubau einer Synagoge dahier von vier Bewerbern eingelaufenen Entwürfen ging derjenige des Herrn Baurat Professor Ludwig Levy in Karlsruhe als Sieger hervor. Ein Entwurf des Architekten Herrn Gartner in Wien wurde als zweibester von dem Preisrichterkollegium zum Ankauf empfohlen. Dieses Kollegium bildeten die Herren königlicher Baurat Stadtbaumeister Genzmer – Wiesbaden, Prof. K. Henrici – Aachen und Geheimer Oberbaurat Professor Hofmann – Darmstadt."

Verdienste des Bankiers/Kommerzienrates Julius Landau um den Bau der Synagoge (Rückblick von 1911)

Bingen AZJ 08121911s.jpg (31334 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 8. Dezember 1911: "Anlässlich des großherzoglichen Geburtstages ist Herr Bankier Julius Landau in Bingen am Rhein zum Kommerzienrat ernannt worden. Bingen verdankt ihm vor allem die neue Synagoge. Er ist erster Vorstand der jüdischen Religionsgemeinde."


Die Einweihung der neuen Synagoge am 21. August 1905: 

Bingen AZJ 06101905.jpg (235975 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. Oktober 1905: "Bingen, 24. September. Am vergangenen Donnerstag den 21.v.M. feierte unsere Gemeinde die Einweihung ihrer neuerbauten Synagoge. Der Feier wohnten die staatlichen und städtischen Behörden bei, unter anderen der Kreisrat Geheimer Regierungsrat Spamer, Kreisamtmann Muhl, Bürgermeister Neff und fast sämtliche Stadtverordnete, der katholische Pfarrer Geistlicher Rat Dekan Engelhardt, die beiden evangelischen Pfarrer Reinhard und Engel, die Schulbehörden, die Vorstände der israelitischen Landgemeinden des Bezirks und ein zahlreiches Publikum. Die Bevölkerung hatte ihr Interesse an der seltenen Feier durch Beflaggen der Häuser kundgegeben, namentlich war die Rochusstraße, auf welcher das neue Gebäude sich befindet, seitens der Stadtverwaltung mit einem stattlichen Festgewand versehen worden. Die Feier wurde mit der feierlichen Schlüsselübergabe am Portale eröffnet, bei welcher Fräulein Ella Landau mit einer poetischen Ansprache den auf einem weißen Atlaskissen ruhenden goldenen Schlüssel übergab. Bei dem Einzuge in das Gotteshaus sang der Chor das Eingangslied: Preis und Anbetung, worauf durch den Rabbiner der Gemeinde Dr. Grünfeld das Entzünden der "Ewigen Lampe" mit weihevollen Worten erfolgte. Hieran schloss sich der Umzug mit den Torarollen, die von den Rabbinern Dr. Stein - Worms, Dr. Saalfeld - Mainz, Dr. Lewit - Alzey, Dr. Tawrogi - Kreuznach und dem hiesigen Rabbiner getragen wurden und das Einheben derselben unter den dabei üblichen Gesängen. Den Mittelpunkt der Feier bildete die eindrucksvolle Festpredigt mit darauffolgender Weihe von unserem allgemein beliebten Rabbiner Dr. Grünfeld. derselben lag der Text zugrunde: "Dieses Tor ist des Ewigen. Gerechte gehen da ein", welche Worte als Inschrift über dem Eingangsportale der neuen Synagoge angebracht sind. Der Redner führte dabei aus, dass das jüdische Gotteshaus ein laut redendes Zeugnis für die unverwüstliche Kraft des Monotheismus, eine Stätte der Sammlung und Andacht im brausenden Weltgewühl und eine Pflanzstätte alles Guten und Edlen sei. Diese gedankentiefe und formvollendete Predigt verfehlte nicht, auf alle Zuhörer einen weihevollen Eindruck zu machen. Hieran schloss die Absingung der Keduschah durch Kantor, Chor und Gemeinde und das Gebet für Kaiser und Großherzog. Ein Schlussgesang beendete die würdig verlaufene Feier. Nach der Feier fand im Englischen Hofe ein Frühstücke statt, an welchem die Behörden und Gäste mit dem Vorstand und den Bauausschüssen teilnahmen. Erwähnung verdient auch der Toast des großherzoglichen Bürgermeisters Neff, der als Vertreter der Stadt mit vollem Recht auf die vorbildliche Einigkeit hinweisen konnte, die in unserer Stadt unter den Angehörigen der jüdischen und christlichen Religion herrscht. Diese Eintracht unter unseren Mitbürgern hat sich anlässlich der Einweihung der Synagoge auch darin bestätigt, dass die Stadtverwaltung dem Vorstand unserer Gemeinde die Summe von 6.000 Mark als Beitrag zu den Anschaffungskosten der Orgel überwies. Abends war in demselben Hotel eine größere Festveranstaltung der Gemeindemitglieder mit Frauen und Kinder. Beide nahmen einen sehr freudigen, mit vielen Toasten, Reden und Vorträgen reich gewürzten Verlauf, und mit stolzer Genugtuung kann die Bingener Gemeinde auf ihr so herrlich vollendetes Werk wie auf den schönen Verlauf des ganzen Festes zurückblicken, das ihr in ewiger Erinnerung bleiben dürfte."

Ergänzender Artikel über die neue Synagoge 

Bingen AZJ 13101905s.jpg (94928 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 13. Oktober 1905: "Bingen, 6. Oktober (1905). Unsere neue Synagoge, über deren Einweihung ich Ihnen schon berichtet habe, ist nach den Plänen des als Synagogenerbauter weithin bekannten Architekten Herrn Baurat Professor Ludwig Levy in Karlsruhe erbaut. Der Stil ist ein einfach romanischer, die Fassade aus weißem Vogesensandstein, hat in der Mitte eine spitze Turmkuppel und an den anschließenden Gemeindegebäude tragen die Treppenhäuser Spitzverdachungen. In dem Mittelstück der Fassade befindet sich ein von Bildhauer Bauser – Karlsruhe kunstvoll ausgeführtes ornamentales Bild, die Gesetzestafeln von zwei sie schützenden Löwen darstellend. Der Tempel umfasst 220 Männerplätze und auf den Emporen 180 Sitze für Frauen. Der Bau begann im Frühjahr 1903 und betragen die Kosten desselben 250 000 Mark. Für die prächtige Ausschmückung des Innenraums sind von Gemeindemitgliedern, sowie von auswärts wohnenden Bingenern größere und kleinere Beträge gespendet worden. Dass die Stadt Bingen der Gemeinde ein Festgeschenk im Betrage von 6.000 Mark überwies, welche für die Kosten der Orgel verwendet werden, habe ich Ihnen schon gemeldet. Durch diesen herrlichen Bau hat unsere hübsche Rheinstadt wieder eine neue prächtige Zierde erhalten."

Zuschuss der Stadt Bingen für die Orgel in der neuen Synagoge - kritische Kurzmeldung im (orthodoxen) Frankfurter Israelitischen Familienblatt (Oktober 1905)

Bingen FfIsrFambl 06101905s.jpg (28947 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 6. Oktober 1905: "…Die Stadtgemeinde Bingen hat der Israelitischen Religionsgemeinde daselbst, anlässlich der vor kurzem stattgehabten Einweihung ihrer neu erbauten Synagoge ein Festgeschenk von Mark 6.000 bewilligt und zwar mit der Bestimmung, mit dieser Summe die Kosten der – Orgel zu bestreiten…"

Rückblick auf die Einweihung und die Berichtserstattung (November 1905)

Bingen AZJ 24111905s.jpg (103465 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 24. November 1905: "Bingen, 19. November (1905). Hier wurde, wie ich Ihnen seinerzeit gemeldet, vor kurzem die neue Synagoge eingeweiht. Die ‚Rhein- und Nahe-Zeitung’, das amtliche Kreisblatt in Bingen, richtete bei diesem Anlass an die Einwohnerschaft die folgende Aufforderung: ‚Zur Einweihung der neuen Synagoge ist vom Herrn Rabbiner Dr. Grünfeld eine Festschrift verfasst worden: ‚Die Geschichte der Juden in Bingen’. Das Werkchen ist auch für Nichtisraeliten sehr anregend und in den hiesigen Buchhandlungen zu haben. – Sehr wünschenswert würde es sein, wenn zu der Feier, die von so hoher Bedeutung für unsere israelitischen Mitbürger ist, auch die Angehörigen der anderen Konfessionen durch eine allgemein Beflaggung der Häuser das ihrige beitragen.’ – Diese Zumutung findet die ‚Staatsbürger-Zeitung’, die auch unter ihrem neuen Verleger nicht viel vornehmer geworden ist, ‚unerhört’. Wer die Verhältnisse am Rheine kennt, der muss über diese sittliche Entrüstung lachen. Im Rheinland wird keine christliche Kirche gebaut, zu der nicht die Juden durch Geldsammlungen beisteuern. Bei Prozessionen und Kircheneinweihungen schmücken die Juden ebenso ihre Häuser wie die Christen und ebenso erweisen die christlichen Nachbarn bei Synagogeneinweihungen durch äußeren Schmuck ihre Verehrung. Diese Leute werden das nie begreifen, dass die Liebe und nicht der Hass der Grundton aller Religionen ist."

Die neue Synagoge war (nur) 33 Jahre lang Mittelpunkt des jüdischen Gemeindelebens der israelitischen Religionsgemeinde in Bingen.

Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge von SA-Männern und Nazianhängern zerstört. Nachdem am Morgen der Brand durch den Synagogendiener hatte gelöscht werden können, wurde das Gebäude gegen 17 Uhr noch einmal angezündet. Davor wurde die gesamt Einrichtung demoliert, die Orgel zerstört und die Trümmer mit Teer übergossen. Durch Zwangsverkauf kamen die Gebäudereste und das Grundstück in die Hände des Binger Winzervereins, der den erhaltenen rechten Teil des Bethauses eine Zeitlang als "Weinlokal mit Musik und Tanz" nutzte. 

1962 kamen die Gebäudereste und das Grundstück in den Besitz der Stadt Bingen. Sie ließ 1970 die Ruine mit der erhaltenen architektonisch wichtigen Ostfassade abbrechen. Seit 1983 erinnert eine Gedenktafel an die ehemalige Synagoge, von der nur noch der Flügel mit dem Treppenturm und der zum Wohnhaus umgebaute, dreiachsige Gebäudeteil  erhalten blieb. Reste einer Säule befinden sich auf dem jüdischen Friedhof
Gedenkfeiern zur Erinnerung an die Zerstörung der Synagoge werden regelmäßig vom "Arbeitskreis Jüdisches Bingen" durchgeführt. 

 

Die Orthodoxe Synagoge in der Amtsgasse (Amtsgasse 13)
und die Privatsynagoge in der Martinstraße (Martinstraße 1-3; Martinsgässchen)

Der Einbau einer Orgel in der Synagoge 1871 war auch in Bingen Anlass für die Orthodoxen, eine eigene Gemeinde zu bildet. Zunächst traf man sich in einem provisorischen Betsaal. Seit der Einweihung eines neuen Betsaales in der Amtsgasse im August 1876 wurden die Gottesdienst hier abgehalten. 
 
Einweihung des neuen Betsaales im August 1876  

Bingen Israelit 23081876s.jpg (168886 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. August 1876: "Bingen, 18. August. Wir sind abermals in der angenehmen Lage, Ihnen Erfreuliches von unserer jungen Gemeinde mitteilen zu können. Wenn auch die Entwicklung derselben eine langsam ist, so verspricht sie doch eine umso gedeihlichere zu werden. Die am verflossenen Freitagabend begangene feierliche Einweihung unseres neuen Betsaales scheint uns Bürge hierfür zu sein. Schon um 5 ½ Uhr versammelten sich sämtliche Mitglieder unserer Religionsgesellschaft, festlich gekleidet, in dem alten Betsaale, um den Einzug in den erwähnten neuen Betsaal zu halten. Nach beendetem Mincha-Gebet wurden die Torarollen von den ältesten Mitgliedern unserer Religionsgesellschaft in das neue Lokal in feierlichem Zug, dem sich unsere sämtlichen Gemeindemitglieder anschlossen, übertragen. Als der Präses, Herr Joseph Meyer, die Synagoge öffnete, die Gemeinde unter Vorantritt der Torarollen den Einzug hielt, überraschte uns, unser jugendliches Mitglied, Herr Arthur Cahn, mit seinem erhebenden Gesang. Nachdem unser ehrwürdiger Rabbiner Herr Dr. Sänger zwei Segenssprüche und das Gebet für den Landesfürsten gesprochen und die üblichen Hakefot mit den Torarollen beendet waren beendet waren, hielt Herr Rabbiner Dr. Sänger, eine der Feier angemessene Predigt, die uns im wahrsten Sinne des Wortes begeisterte. Die hinreißende Redeweise unseres ehrwürdigen Rabbiners, die von tiefster Gottesfurcht überzeugende Wahrheit seiner Worte, konnten ihre Wirkung nicht verfehlen und so verließen wir in begeisterter und gehobener Stimmung nach beendetem Abendgottesdienst, die festlich geschmückten Räume unseres Gotteshauses.
Befanden wir uns schon an diesem Abend in freudiger, gehobener Stimmung, so wurde diese bei dem darauf folgenden Morgen Gottesdienst in noch erhöhtem Grade hervorgerufen, durch die wiederholt trefflichen Gesangsleistungen unseres Mitgliedes Herrn A. Kahn und durch die entzückende Rede unseres allverehrten Rabbiners.
Wir sagen nicht zu viel, wenn wir hiermit öffentlich aussprechen, dass ein Mann, wie Herr Rabbiner Dr. Sänger, beseelt von wahrer Gottesfurcht, getragen von den reinsten, erhabensten Ideen, auf seine Gemeindemitglieder, sowie auf seine ganze Umgebung veredelnd wirkt. Wir fühlen uns daher glücklich, einen solchen Mann an unserer Spitze zu haben, insbesondere schätzen wir uns glücklich, ihn als Religionslehrer unserer Kinder zu wissen.
Möge es uns vergönnt sein, diesen trefflichen Mann recht lange in unserem Kreise wirken zu sehen. Zum Schluss statten wir unserem Vorstande für seine Mühe und Tätigkeit im Allgemeinen und insbesondere für dessen Tätigkeit bei dem Bau unseres Betsaales den innigsten Dank ab mit dem Wunsche, er möge es sich auch fernerhin zur Aufgabe machen, sich um die öffentlichen Bedürfnisse in Wahrheit zu kümmern."

Gedenkgottesdienst für Samson Raphael Hirsch 1889

Bingen Israelit 10011889s.jpg (51836 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Januar 1889: "Bingen, 6. Januar 1889. In der Synagoge der israelitischen Religionsgesellschaft hier hielt heute Herr Rabbiner Dr. Sänger eine tief ergreifende Trauerrede aus Anlass des vor wenigen Tagen dahingeschiedenen Rabbi Samson Raphael Hirsch in Frankfurt am Main und schilderte in beredten Worten die große Bedeutung des Dahingeschiedenen für das Judentum. Seine Worte hinterließen einen tiefen Eindruck auf die Trauerversammlung; wir müssen es uns indes versagen, näher darauf zu zugeben, da, wie wir hören, auf Wunsch vieler Gemeindemitglieder die Rede durch Drück vervielfältigt werden."

Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung des orthodoxen Betsaales demoliert.
  

Privatsynagoge in der Martinstraße

Neben den großen Synagogen gab es um 1900 auch eine Privatsynagoge. Das heutige Gebäude Hotel Martinskeller (Martinstraße 1-3) war nach 1884 zunächst Weinhandlungshof der Firma Augstein (Dr. Augstein, Rechtsanwalt, und der Spiegelherausgeber Augstein, sind direkte Nachfahren dieser Familie). Im Laufe der folgenden Jahre diente das Anwesen den verschiedensten Zwecken: um 1900 war eine private Synagoge von Dr. Faist als Synagoge eingerichtet). Nach 1936 war in dem Gebäude ein Weingutsbetrieb, seit 1984 das Hotel Martinskeller.


Fotos

Synagoge in der Rheinstraße
(Fotos wurden bereits mehrfach veröffentlicht, u.a. im Gedenkbuch der Synagogen)
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   Die Synagoge in der Rheinstraße um 1905 Innenansicht
      
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Eingangstür von 1789, übernommen in die Synagoge Rochusstraße mit Stifterinschrift ("gestiftet durch den Gemeindevorsteher Chajmi, den Sohn von Aron Friedburg...") Der Hochzeitsstein der Synagoge Bingen (heute Israelmuseum Jerusalem) 
  
Die neugotische Maßwerkrose der alten Synagoge (Aufnahme von 1992)  
  
     
Die Synagoge in der Rochusstraße Bingen Synagoge 023.jpg (56667 Byte) Bingen Synagoge 022.jpg (74214 Byte)
  Historische Postkarte mit der Außenansicht Innenansicht
     
   Bingen Synagoge 021.jpg (54209 Byte) Bingen Synagoge 020.jpg (62696 Byte)
  Die beim Novemberpogrom 1938 zerstörte Synagoge
   
Die erhaltenen Reste der ehemaligen Synagoge in der Rochusstraße
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 29.3.2005)
Bingen Synagoge 200.jpg (45495 Byte) Bingen Synagoge 201.jpg (55235 Byte)
   Blick von der Rochusstraße auf den erhaltenen rechten Flügel der ehemaligen Synagoge
   
Bingen Synagoge 202.jpg (53463 Byte) Bingen Synagoge 203.jpg (46927 Byte) Bingen Synagoge 204.jpg (61760 Byte)
   Ansicht des rechten Flügels vom Hinterhof Gedenktafel von 1983
     
Gebäude Martinstraße 1-3, worin sich um 1900 eine Privatsynagoge befand Bingen Hotel Martinskeller 01.jpg (21220 Byte)   

       
   

Erinnerungsarbeit vor Ort sowie erste Ansätze zu neuem jüdischem Leben in der Stadt  

Aus der "Allgemeinen Zeitung" vom 21. Mai 2008 - Artikel von Lena Fleischer 
"Verdrängen der Geschichte geht nicht"  -  Vorsitzender des Arbeitskreises Jüdisches Bingen fordert Verantwortung gegenüber Israel 
BINGEN Mehr als die Hälfte der Deutschen sieht keine besondere Verantwortung für den Staat Israel. Wenn er das hört, sträubt sich in Dr. Josef Götten alles. Der Vorsitzende des Arbeitskreises Jüdisches Bingen erklärt, warum sich auch Binger heute Israel verpflichtet fühlen sollten.

Dass zu einer Umfrage anlässlich des 60. Jahrestags der Gründung Israels 53 Prozent der Deutschen eine besondere, historische Verantwortung gegenüber Israel ablehnten, kann Götten nicht fassen. "Das deutsche Volk hat sich am jüdischen Volk versündigt und muss alles Menschenmögliche tun, um das wieder gut zu machen" - auch noch 60 Jahre später. 
In Bingen lebten einst Juden, prächtige Wohnhäuser zeugten vom Wohlstand erfolgreicher jüdischer Familien, die 1905 eingeweihte Synagoge in der Rochusstraße war sichtbares Zeichen der jüdischen Religionsgemeinschaft. Der frühere Gymnasiallehrer Götten und seine Mitstreiter des Arbeitskreises wollen vor allem die Erinnerung an die Juden in Bingen wach halten, ihre Geschichte erforschen und Kontakt mit denen halten, die noch leben und in alle Welt zerstreut sind. Im Jahr 1997 gegründet, wurden zwei Jahre später zum ersten Mal Juden, die aus Bingen stammten, in ihre alte Heimat eingeladen: "Manche kamen mit Angst und fühlten sich immer noch verfolgt. Aber sie hatten auch große Erwartungen", erzählt Götten. Dass einige inzwischen wieder versöhnt sind mit Bingen, empfindet Götten als Genugtuung und Bestätigung des Engagements des Arbeitskreises, der ausschließlich aus christlichen Mitgliedern besteht. "Daran sehen wir: Wir können was bewirken", ist Götten sicher. Israel hat den Latein- und Theologielehrer schon immer fasziniert. 1984 sollte er endlich Stätten sehen, die er bisher nur aus dem Studium kannte: Bethlehem, Nazareth, die Grabeskirche und die Stelle, wo der Jordan entspringt. Die Reise hat ihn nachhaltig geprägt und doch ist er "innerlich zerrissen": "Ich begrüße, dass das jüdische Volk in Israel eine Heimat hat. Doch das geht auf Kosten der Palästinenser." Die Mauer zerreiße das Land. Götten stimmt traurig, dass beide Seiten so brutal miteinander umgingen. Dass sich die in Bingen lebende Jugend nicht schuldig fühlt, kann Götten verstehen: "Darum muss das ausführlich im Unterricht behandelt werden." Ein Modell einer Synagoge, das zurzeit in der Volkshochschule zu sehen ist, will Götten an die Schulen bringen, will die Geschichte der Juden in Bingen den Kindern ins Bewusstsein rufen. Göttens Ziel ist, die Schüler hellhörig zu machen, damit sie erfahren, womit rechtsextreme Gruppen locken und was hinter ihrer Ideologie steckt. "Die Kinder müssen wissen, was Menschen Menschen angetan haben, was durch Deutsche in der Welt geschehen ist." Uniformen, Aufmärsche, Lieder - all das gehörte zur Kindheit des 1932 Geborenen, der sagt: "Das vergisst man nicht." Er will die Jugendlichen aufrütteln, sie aufklären und mit der Geschichte der Großeltern-Generation vertraut machen. Dass laut Umfrage die Ablehnung einer Verantwortung gegenüber Israel mit 65 Prozent bei den 30- bis 39-Jährigen am deutlichsten laut wird, macht Götten wütend: "Die sollen sich mit der Geschichte befassen, das wird höchste Zeit. Man kann auch Dinge bewusst ausklammern", ist sein Vorwurf. Doch mit diesem Erklärungsansatz gibt sich Götten nicht zufrieden: "Verdrängen der Geschichte geht nicht. Wir müssen da dran bleiben, die Erinnerung wach halten. Auch in Bingen."    Link: "Arbeitskreis "Jüdisches Bingen"  
   
Erste Ansätze für neues jüdisches Leben in Bingen stoßen auf Schwierigkeiten (2008) 
Artikel im Main-Rheiner  (direkt zum Artikel) vom 1. November 2008:  Auf der Suche nach Raum für jüdisches Leben -  Wohnung in ehemaliger Synagoge an Feuerwehr vergeben / Private Iniative stellt Ansprüche 
lef. BINGEN Die Erinnerung an die einst bedeutende jüdische Gemeinde hält der Arbeitskreis Jüdisches Bingen mit großem Engagement aufrecht.
Nun hat sich in Bingen eine Initiative um Dorothea Dürsch zusammengetan, die, unabhängig vom Arbeitskreis Jüdisches Bingen, eine jüdische Gemeinschaft entstehen lassen will. Dürsch hat die Idee, einen Ort zu schaffen, an dem jüdische Bürger feiern und beten können. Außerdem denkt sie an Workshops zu jüdischer Tradition und Religionsunterricht für Kinder. Dürsch hat sich nun in einem Brief an Oberbürgermeisterin Collin-Langen gewandt, denn sie hat verfolgt, dass in der ehemaligen Synagoge in der Rochusstraße 10 eine Wohnung frei geworden ist. Dürsch schreibt: "Seit einigen Jahren leben in Bingen wieder jüdische Bürger." Auch wenn sie "selten öffentlich für ihre Interessen" einträten, sei bei den "etwa 60 bis 80 jüdischen Bürgern der Stadt eine Sehnsucht nach einer jüdischen Gemeinschaft" zu spüren. Die Menschen suchten eine Anlaufstelle und eine Chance, jüdisches Leben aufbauen zu können. Dürsch sieht sich und ihre Inititative daher in einer "Anwaltsfunktion." Und Dürsch sagt, sie sei mit ihrem Anliegen nicht allein: "Bisher konnten über 170 Unterstützer aus allen Kreisen der Bevölkerung von Bingen und der Umgebung für diese Initiative gewonnen werden." Die Oberbürgermeisterin jedoch teilt Dürsch in einem Antwortschreiben mit, "dass diese Räume bereits für die Nutzung durch die Freiwillige Feuerwehr Bingen Stadt vorgesehen" sind. Die räumlichen Verhältnisse in der Feuerwache seien schon seit Jahren mehr als beengt und durch gestiegene Anforderungen und Aufgaben sei es dringend notwendig, zusätzlichen Raum zu schaffen. "Deshalb wurde, unmittelbar nachdem die langjährige Mieterin im Mai diesen Jahres verstorben ist, mit den entsprechenden Umbauplanungen begonnen, die mittlerweile zum Abschluss gebracht sind", teilt Collin-Langen mit. Darum stünden diese Räumlichkeiten nicht mehr zur Verfügung. Weiterhin erklärt die Oberbürgermeisterin, die Stadt habe Dürschs Schreiben zum Anlass genommen, zu prüfen, ob es in anderen städtischen Objekten möglich sei, geeignete Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen. Beate Goetz vom Arbeitskreis Jüdisches Bingen weiß, dass die frei gewordenen Räume in der ehemaligen Synagoge an die Feuerwehr gegangen sind. "Der Wunsch, bei der Suche nach einem Raum zu helfen, ist nicht von jüdischen Binger Bürgern an uns herangetragen worden, sondern von Frau Dürsch als Privatperson. Der Arbeitskreis ist gerne bereit, die jüdischen Binger Bürger bei ihren Anliegen zu unterstützen, wenn sie das wollen und kundtun. Auch Frau Dürsch konnte nicht bestätigen, dass sie in dieser Angelegenheit einen Auftrag hat. Allein auf ihre Vermutung hin, wenn ein Raum da wäre, kämen auch Leute, sah der Arbeitskreis keinen Handlungsbedarf." Gleichwohl hatte der Vorsitzende des Arbeitskreises, Dr. Josef Götten, bei der Präsentation des Synagogenmodells im Januar vergangenen Jahres selbst die Hoffnung geäußert, dass der Arbeitskreis langfristig in der ehemaligen Synagoge, an diesem authentischen Ort, "ein Archiv oder gar ein Museum für die Geschichte der Juden in Bingen" unterbringen könnte. Auch das Synagogenmodell könnte dort einen Platz finden. Götten schloss: "Ich meine: Man darf darüber nachdenken." 
    
Weitere Bemühungen des "Fördervereines TIFTUF im Dezember 2008 und Januar 2009:  
Artikel im Main-Rheiner (direkt zum Artikel) am 29. Dezember 2008:  "Nutzung der Synagoge wäre Imagegewinn"
hg. BINGEN Ein neuer jüdischer Förderverein kämpft weiter um die Nutzung der ehemaligen Synagoge in Bingen. Als "Sprachrohr und offizielle Interessenvertretung" der jüdischen Gemeinschaft in Bingen bezeichnet sich der Verein, der sich Mitte Dezember unter dem Namen "TIFTUF - Förderverein für jüdisches Leben in Bingen heute" offiziell gegründet hat. 
Schon vor der Gründung waren die Initiatoren mit dem Wunsch an die Öffentlichkeit gegangen, Räumlichkeiten im ehemaligen Synagogenflügel, Rochusstraße 10, nutzen zu wollen (wir berichteten). In der Wohnung seien noch Reste des alten Gewölbes, Kapitelle und Säulen der alten Synagoge erhalten. Diese Überreste hätten eine große Bedeutung für die Juden. In Anknüpfung an die einst bedeutende jüdische Gemeinde könne diese Wohnung wieder für Versammlungen, Gottesdienste, Feste, Ausstellungen, Unterricht für Kinder und für Workshops genutzt werden. Oberbürgermeisterin Birgit Collin- Langen hatte das Ansinnen abschlägig beschieden, da diese Räume seit längerem für die Nutzung durch die freiwillige Feuerwehr vorgesehen sind. Den Juden könne die Stadt bei der Suche nach einem anderen Quartier helfen, so die Oberbürgermeisterin. 
Der Förderverein zeigt Unverständnis. Die Stadt solle ihre Entscheidung "nochmals überdenken". Die Initiative bezüglich der Nutzung der ehemaligen Synagoge durch Juden in und um Bingen wird von der Mainzer jüdischen Gemeinde unterstützt, wie Menahkim Shterental, deren 2. Vorsitzender, betonte. Für Bingen wäre es "ein großer Imagegewinn", wenn in der alten Synagoge mit den vorhandenen historischen Resten eine jüdische Gemeinschaft wieder leben könnte.   
   
Artikel von Christine Tscherner im Main-Rheiner (direkt zum Artikel) am 5. Januar 2009:  "Wunsch nach Räumen mit Symbolwert. Jüdische Gemeinde möchte ehemaligen Synagogen-Flügel in der Rochusstraße nutzen. 
BINGEN. Der im Dezember gegründete "Förderverein für jüdisches Leben in Bingen heute" kämpft für die Nutzung der ehemaligen Synagoge. Die 100 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde will eine Mietwohnung im ersten Stock der Rochusstraße 10 als Versammlungsort nutzen. 
Die jüdische Gemeinde in Bingen gedeiht. Vor allem durch Zuzug von Menschen jüdischen Glaubens aus Gebieten der ehemaligen Sowjetunion ist die jüdische Gemeinschaft nach Vereinsangaben inzwischen auf 90 bis 110 Personen angewachsen. Als deren Sprachrohr und offizielle Vertretung tritt der Mitte Dezember gegründete Förderverein "Tiftuf" auf. "Der Name kommt aus dem Hebräischen und bedeutet Tröpfchen-Bewässerung", erläutert Tamara Schmedro. Die 60-jährige Konzertpianistin aus der Südukraine steht an der Spitze des neuen Vereins. "Tröpfchen für Tröpfchen kann etwas Großes erwachsen", mit diesem Leitgedanken will der Verein die jüdische Gemeinschaft unterstützen. Bereits im September wandte sich Dorothea Dürsch, heute Vizevorsitzende des Vereins, an die Stadtverwaltung. Ihre Bitte: In einer seit Mai leerstehenden Wohnung im ersten Stock der ehemaligen Synagoge solle Binger Juden Raum für Gottesdienste, Versammlungen, Feste, Ausstellungen und Unterricht für Kinder zu jüdischen Themen zur Verfügung gestellt werden. Doch die Stadt hatte längst andere Pläne. "90000 Euro sind im Haushalt eingestellt, um die Mietwohnung zur Leitzentrale der Feuerwehr umzubauen," weiß Stadtrat und Tiftuf-Aktiver Martin Rector. Die Platznot der Feuerwehr sei seit Jahren prekär, verwies die Oberbürgermeisterin in ihrem Antwortschreiben auf abgeschlossene Umbaupläne. Deshalb lehnte die Verwaltung die Vereinsbitte ab, bot jedoch Hilfe bei der Suche nach Alternativräumen an. "Das Angebot steht nach wie vor", so Stadtsprecher Jürgen Port auf AZ-Nachfrage. Allerdings müsse der Verein seinen Raumbedarf konkretisieren. Dass ein Arrangement mit der Feuerwehr in der Rochusstraße möglich ist, sei darum nicht ausgeschlossen. Bislang treffen sich jüdische Gemeinde-Mitglieder an wechselnden Orten, sind Gäste der evangelischen Gemeinde oder im Caritas-Haus. "Eigene Räume im ehemaligen Synagogen-Flügel würden wir als historische Chance empfinden", stellt Dorothea Dürsch klar. Die erhaltenen Säulen, Kapitelle, Gewölbedecken und Rundbogenfenster der freien Mietwohnung hätten als Überreste der Synagoge Symbolcharakter für Binger Juden. Den dringenden Wunsch nach Raum vertritt der Verein nachdrücklich. "Wir bitten die Stadt freundlichst, ihre Entscheidung nochmals zu überdenken", so Dürsch in einer einberufenen Pressekonferenz. Die jüdische Gemeinde in Bingen zählte einst zu den bedeutendsten in Rheinland-Pfalz. Im Jahr 1900 erreichte die Gemeinde mit 713 Mitgliedern (acht Prozent der Einwohner) ihren Höchststand. Die alte Synagoge in der Rheinstraße (heute Jugendhaus) wurde 1905 durch einen großen Neubau an der Rochusstraße ersetzt. In der Reichspogromnacht durch Brandstiftung zerstört, gingen Gebäudereste und Grundstück durch Zwangsverkauf in die Hände des Binger Winzervereins über. 10000 Mark Ausgleichszahlung sollen an die jüdische Gemeinde nach Mainz geflossen sein. 1960 erwarb die Bezirkswinzergenossenschaft das Gelände und verkaufte es 1962 an die Stadt weiter. Die Immobilie wurde zu Mietwohnungen umgebaut. 
   
"Stolpersteine" in Bingen - Stand Ende Februar 2009  
Bingen 200918.jpg (6833 Byte)Foto links: Der Kölner Künstler Gunter Demnig beim Verlegen der Stolpersteine in Bingen. Foto: hbz /Jörg Henkel
Artikel von Christine Tscherner im Main-Rheiner (direkt zum Artikel) vom 24. Februar 2009: "Ein Fingerzeig auf Wunde der Geschichte - Der Künstler Gunter Demnig verlegt weitere "Stolpersteine" zum Gedenken an Binger Opfer des Holocaust.
BINGEN.
Seit dem Start vor vier Jahren sind insgesamt 56 Steine verlegt. Gestern kamen 24 neue "Stolpersteine" hinzu. Sie erinnern als "Denkmal von unten" an die Opfer des Holocaust. 
Der Arbeitskreis Jüdisches Bingen hat die ehemaligen Wohnhäuser jüdischer Mitbürger recherchiert und pflegt den Kontakt zu Nachfahren. "Stolpersteine" im Trottoir halten zum Erinnern an, laden zum Gespräch ein. Meist sind es Verwandte, die vor dem ehemaligen Wohnhaus ihrer Angehörigen einen Stein stiften. Kleine Betonwürfel von zehn Zentimetern im Quadrat mit einer gravierten Messingplatte erinnern an deportierte und ermordete Binger Nachbarn. 
Der Kölner Künstler Gunter Demnig, Initiator des bundesweiten Projekts, verlegte Steine vor Häusern der Schmitt-, Hospital-, Schloßberg- und Gaustraße sowie Am Burggraben, in der Mainzer Straße und erstmals auch im Stadtteil Büdesheim
Nachbarschaft. Geschichte vor Ort, nicht im Museum, das findet inzwischen viel Zuspruch. Die unaufdringlichen Metallplatten sind auf vielen Wegen der Innenstadt und in Bingerbrück präsent. Sie regen zum Nachfragen an, erinnern an Schicksale, fordern zu Toleranz auf. Für Stifterin Claudia Kountoudakis-Gross, Enkelin der deportierten Juden Ernst und Selma Gross, bedeuten die kleinen Steine viel: Eine Art Ruhestätte nach einer langen Zeit des Ungewissen, eine Stelle des Trosts. "Mein Vater litt sehr unter der Trauer, auch weil das Schicksal der Großeltern nie aufgeklärt wurde." 
Am 20. März 1942 wurde das bekannte Weinhändler-Paar Ernst und Selma Gross nach Lublin deportiert. Ihr Schicksal blieb bis heute im Dunkeln. Auch die Umstände des Todes von Pauline Simon, Mutter von Selma Gross, kurz nach der Deportation sind ungeklärt. Sie wurden wie 148 weitere Binger Juden Opfer des Holocaust. Zusammen mit den drei vorhandenen Steinen vor dem Haus Gaustraße 11 für Karl, Agnes und Bertha Gross sind die Namen nun vor dem früheren Wohnhaus der Familie ablesbar. Über die Internetseite www.stolpersteine.com  können Interessierte Kontakt zum Kölner Künstler Demnig aufnehmen. Auch weitere Informationen zur Aktion sind dort ebenfalls nachzulesen. In Bingen forciert der Arbeitskreis Jüdisches Bingen das Verlegen der Steine.
Was anfangs bloße Namen und Zahlen sind, webt der Verein zu rekonstruierten und bewegenden Familiengeschichten zusammen. Auch Nachgeborene können so die enorme wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung der Juden einst für das Leben der Stadt erahnen. Die Stolpersteine geben den Fingerzeig für ein zentrales Stück der Binger Stadtgeschichte."
   
November 2009: Gedenken zum Novemberpogrom 1938
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung" vom 12. November 2009 (Artikel): 
Verbrechen nicht in Vergessenheit - GEDENKEN Binger erinnern an Opfer des Nazi-Terrors. 
(kbi). Der 9. November ist ein Schicksalstag der deutschen Geschichte. So sehr die Freude über den Fall der Mauer in Berlin vor 20 Jahren an diesem Tag des Jahres 2009 überwogen hat, vergaßen weder Bundeskanzlerin Merkel in ihrer Rede vor dem amerikanischen Kongress noch Bundespräsident Köhler an den Jahrestag des Gedenkens an die öffentliche Ausgrenzung der Juden und die Schändung ihrer Gotteshäuser 1938 hinzuweisen und sich öffentlich zu dieser Schuld zu bekennen. Seit vielen Jahren trägt der Ausschuss für Ökumene der Pfarrgemeinde St. Martin, der Johanneskirchengemeinde, der Freien evangelischen Gemeinde und der Fels-Gemeinde gemeinsam mit dem Arbeitskreis Jüdisches Bingen dafür Sorge, dass an der Binger Synagoge in der Rochusstraße vor Ort an die Untaten des Naziregimes und die Vertreibung der jüdischen Familien aus Bingen erinnert wird. In einer "Themenansage" wurden mosaikartig wesentliche Aspekte der Ausgrenzung aus dem öffentlichen Leben, die ungeheuren Verbrechen und Verdrängung des nachfolgenden Holocaust nach 1945 zur Sprache gebracht. Bemerkenswert ist der Dankbrief eines Nachkommens, der im Sommer mit anderen Familienmitgliedern zur Stolperstein-Verlegung für seine Großeltern, die Urgroßmutter und eine Urgroßtante angereist war. Er schrieb: "Ich habe Bingen jetzt in angenehmer Erinnerung. Das war nicht immer so, wie Sie wohl verstehen werden. Ein großer Teil der Last befindet sich nun sozusagen in einem kleinen Grab, und ich muss diesen Teil der Last nicht mehr tragen."  
   

   

 

Links und Literatur

Website der Stadt Bingen am Rhein  
Zur jüdischen Geschichte in Bingen siehe auch die Seiten des Arbeitskreises "Jüdisches Bingen"  
Zur Seite über den jüdischen Friedhof in Bingen (interner Link)     
Seiten zur Familiengeschichte von Julius Lachmann (1897 - 1941 deportiert), langjähriger Kantor der Israelitischen Gemeinde.
Seiten über das Lebenswerk und den Nachlass des in Bingen geborenen Architekten Fritz Nathan (1891 - 1960) 
Liste der in den Central Archives in Jerusalem aufbewahrten Dokumente der jüdischen Gemeinde Bingen (pdf-Datei)  

Literatur:  

Germania Judaica I S. 26-27; II,1 S. 82-85; III,1 S. 116-128.

Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 101-106.

Hans-Peter Schwarz (Hg.): Die Architektur der Synagoge. Frankfurt a.M./Stuttgart 1988 S. 149 (Aufnahme Eingangstür von 1789).

Art. "Bingen" in:  "und dies ist die Pforte des Himmel". Synagogen Rheinland-Pfalz - Saarland. Reihe: Gedenkbuch der Synagogen in Deutschland Bd. 2. 2005 S. 108-115 (mit weiteren Literaturangaben bis 2005).  
  


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Bingen. From the 11th century, Jewish moneylenders were permitted to settle there as protected Jews (Schutzjuden), the archbishops levying taxes on their wealth. The community later suffered expulsion (1198) and the Black Death persecutions of 1348-49. R. Seligmann Bing convened an assembly there in 1456, hoping the bring all the Rhinleland communities under his jurisdiction, but the attempt failed. In 1490 a fire destroyed the Jewish quarter (Judengasse) and in 1507 Jews were banished from the city. Following its reestablishment, the community made slow progress until the French occupation (1793-1813), when it numbered 297 and a delegate from Bingen attended the Paris Sanhedrin (1807). Many Jews welcomed the 1848 revolution and enlisted in the National Guard. When an organ and other reforms were introduced in 1871, Orthodox members left the community and established a separate Jewish community (Austrittsgemeinde). At a meeting held in Bingen (prior the the First Zionist Congress) on 11 July 1897, the establishment of a German Zionist Organization was approved. By 1900, the community had grown to 713 (7,4 % of the total). Jews played a major role in civic affairs and commerce, wine production being one of their specialties. Under the Weimar Republic, branches of the Central Union (C.V.), Jewish War Veterans Association, Zionist Organization, and other national bodies were active. On 1 April 1933, stormtroopers inaugurated the boycott of Jews and Jewish-owned stores. Nazi legislation (1933-38) resulted in the dismissal of Jewish professionals and the "Arynization" of Jewish businesses enterprises. On Kristallnacht (9-10 November 1938), Jewish department stores on the city were vandalized, the imposing Liberal synagogue was ransacked and the burned to the ground, and the Orthodox's synagogue's interior was destroyed. Of the 465 Jews (3,3 %) living there in 1933, 243 had left or emigrated by 1939; the 169 who still remained were deported in 1942.  
  

                   
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Stand: 13. November 2009