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Bingen am Rhein (Landkreis
Mainz-Bingen)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht
vgl.
weitere Seite mit Texten zur jüdischen Geschichte in Bingen
(interner Link)
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Bingen bestand eine bedeutende jüdische Gemeinde bereits im
Mittelalter. Schon im 10. Jahrhundert sollen hier Juden ansässig gewesen sein.
Um 1160 erwähnt Benjamin von Tudela eine jüdische Gemeinde in der Stadt. Am
Neujahrsfest 1198 oder 1199 wurden die Binger Juden beraubt und verjagt. Seit
dem Anfang des 14. Jahrhunderts erfährt man wieder von Juden in der Stadt. Als
Geldgeber hatten sie für die Mainzer Erzbischöfe große Bedeutung. In
religiösen und jüdisch-rechtlichen Angelegenheiten unterstanden die Binger
Juden im 14. Jahrhundert dem rabbinischen Gericht in Mainz. Ein Teil der
jüdischen Familien lebte Anfang des 14. Jahrhunderts in der so genannten
"Judengasse". Diese lag im Stadtzentrum zwischen der
"Judenpforte" im Norden (auf der Höhe der heutigen Rheinstraße) und
dem westlichen Marktbereich im Süden (seit 1933: Rathausstraße). Während der
Judenpogrome 1348/49 wurde die Gemeinde zerstört.
Seit 1354 werden wieder
jüdische Familien genannt. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte
lebten mindestens sechs bis neun jüdische Familien in der Stadt. Seit 1388 war
Kussel, Sohn des Salman, in Bingen wohnhaft. Er wurde 1418 als das
"Haupt" der Juden des Erzstifts Mainz bezeichnet. Bei den Stadtbränden
von 1403 und 1409 wurde auch das Judenviertel zerstört. Im 15. Jahrhundert war
von besonderer Bedeutung der in der weiten Umgebung von Bingen anerkannte
Rabbiner, Lehrer und Richter Seligmann Bing (gest. 1469). Sein überragendes
Wissen und seine tiefe Frömmigkeit wurden allgemein bewundert und anerkannt.
Seit 1469 drohte den Juden der Stadt die Ausweisung, die jedoch immer wieder
verschoben wurde (1507 teilweise durchgeführt).
Auch vom 16.-18. Jahrhundert
lebten Juden in Bingen: 1689 wurden 21 jüdische Familien in der Stadt gezählt. In diesem Jahr
wurde Bingen von den Franzosen eingeäschert, wobei auch die Synagoge zerstört
wurde. Bis 1765 stieg die Zahl der jüdischen Familien wieder auf 51 mit insgesamt 343 Personen (12 %
von insgesamt 2.812 Einwohnern).
Während der französischen Herrschaft (ab 1793) erlangten die jüdischen
Einwohner um 1800 die rechtliche Gleichstellung mit den christlichen
Einwohnern. Im Revolutionsjahr 1848 kam es zu schweren
Ausschreitungen gegen jüdische Einwohner. Erst der Einsatz von hessischem
Militär und die Verhaftung einiger an dem Pogrom beteiligter Personen beruhigte
die Situation.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner
wie folgt: 1807 297 jüdische Einwohner, 1828 409 (10,2 % von insgesamt etwa
4.000 Einwohnern), 1861 507 (8,6 % von 5.916), 1880 542 (7,7 % von 7.062), 1900
713 (7,4 % von 9.600). Nach 1900 ging die Zahl der jüdischen Einwohner
durch Aus- und Abwanderung zurück (1910 601 jüdische Einwohner = 6,0 % von
insgesamt 9.952 Einwohnern). Zur jüdischen Gemeinde Bingen gehörten (1924)
auch die in Kempten, Gaulsheim (9) sowie die in Bingerbrück, Münster und
Weiler (35) lebenden jüdischen Personen.
Bis in die Jahre nach 1933 spielten zahlreiche jüdische Einwohner eine bedeutende Rolle im wirtschaftlichen und kommunalen
Leben Bingens.
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde insbesondere eine Synagoge
(s.u.), eine Schule, ein rituelles Bad und einen Friedhof.
Bei der Schule handelte es sich zunächst um eine Religionsschule. 1825
wurde eine Israelitische Elementarschule (die einzige in Rheinhessen) gegründet
und als Elementarlehrer Anton Bachrach angestellt; 1834 wurde die
Elementarschule durch eine Religionsschule ergänzt. Nach der Erkrankung und dem
frühem Tod von Lehrer Bachrach wurde die Elementarschule wieder geschlossen -
die Schüler besuchten fortan die allgemeinen Schulen der
Stadt.
Bingen war Sitz eines Kreisrabbinates, zu dem bis in die NS-Zeit die jüdischen
Gemeinden in Dromersheim, Fürfeld, Gau-Algesheim,
Gensingen, Ingelheim, Ockenheim,
Schwabenheim, Sprendlingen, Steinbockenheim und Wöllstein gehörten.
Unter den Rabbinern des 19./20. Jahrhunderts sind zu nennen:
- Nathan-Neta Josef Ellinger (geb. 1772 in Mainz als Sohn von
Rabbiner Juspo/Josef Ellinger, Bruder des Mainzer Rabbiners Löb Ellinger gen
Löb Schnadig): 1789 bis 1794 Privatgelehrter und Klaus-Rabbiner in Mannheim,
1809 bis 1821 Rabbiner und Leiter der Talmud-Tora-Schule in Hamburg, 1821 bis zu
seinem Tod 1839 Rabbiner in Bingen.
- Dr. Isaak Rafael Sobernheim (geb. 1807 in Bingen, gest. 1869 in
Bingen): nach Studien in Bonn und Gießen von 1839 bis 1869 Rabbiner in
Bingen.
- 1870 - 1889 noch unklar.
- Dr. Richard Grünfeld: (geb. 1863, gest. 1931 in Augsburg):
von 1889 bis 1910 Rabbiner in Bingen, von 1910 bis 1929 in
Augsburg.
- Dr. Ernst Appel (geb. 1884, gest. 1973): studierte an der
Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, Rabbinatsprüfung
1910/11, danach als Rabbiner nach Bingen berufen, wo er bis 1926 blieb
(verheiratet seit 1918 mit Marta geb. Insel, zwei Töchter); danach Rabbiner in
Dortmund (Herbst 1935 Feier des 25-jährigen Amtsjubiläums); 1937 über Holland
in die USA emigriert; amtierte bis 1969 als Rabbiner in Jackson (Tennessee).
Seine Frau starb 1980 in Kalifornien.
- Dr. Ignaz Maybaum (geb. 1897 in Wien, gest. 1976 in London):
studierte an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin,
Rabbinatsprüfung 1926, Schüler von Franz Rosenzweig, war von 1926 bis 1928
Rabbiner in Bingen, dann bis 1936 in Frankfurt (Oder), zuletzt in Berlin,
emigrierte 1939 nach England, 1949 Rabbiner an der Edgware and District Reform
Synagogue, Dozent am Leo Baeck-Institut London. Zahlreiche theologische
Publikationen, war einer der führenden jüdischen Theologen des 20.
Jahrhunderts; siehe Wikipedia-Artikel.
- Dr. Heinrich Guttmann (geb. 1905 Csnograd, Ungarn, gest. 1995
USA): Studium in Gießen, 1928 Rabbiner in Bingen, anschließend bis 1933 in
Landsberg/Warthe, nach 1933 Prof. am Jüdisch-theologischen Seminar in Budapest;
1948-1949 Landesrabbiner von Württemberg-Baden in Stuttgart, danach in die
USA.
In der jüdischen Gemeinde gab es ein reges Vereinsleben: Zentralkasse
für jüdische Wohlfahrtspflege (zu der 1924/32 gehörten: Armenverein, Männerkrankenverein, Frauenkrankenverein, Humanitätsverein,
Mädchenausstattungsverein, 1924 unter Leitung von Rabbiner Dr. Apppel, Max Roß
und 10 Vorstandsmitglieder, 110 Mitglieder), Jüdischer Jugendverein (1924
Leitung Dr. Robert Stein, 1932 Paul Schirling), Männerkippe (1924
Leitung Salomon Pfifferling, 18 Mitglieder), Frauenkippe (1924 Leitung
Frau Werthauer), Synagogenchorverein (1924 Leitung Ernst Groß), Minjanverein
(1924 Leitung Julius Simon), Ortsgruppe des Centralvereins(1924 156
Mitglieder) und einen Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (1932 Vors.
Rechtsanwalt Stern).
Neben der liberalen Gemeinde bestand seit 1876 die Israelitische
Religionsgesellschaft mit einer eigenen Synagoge (s.u.), einem
eigenen Rabbiner, einem Friedhofsanteil und
einer Schule. 1924 waren die Vorsteher der Religionsgesellschaft: Julius
Kann, Fritz Rosenthal und Hermann Wolf. Damals war das Rabbinat gerade
unbesetzt. Den Religionsunterricht der Religionsgesellschaft besuchten
damals 14 Kinder. 1932 war Vorsteher weiterhin Julius Kann,
Schriftführer Martin Wolf. Als Lehrer, Kantor und Schochet fungierte
Gustav Anger. Die Wohlfahrtspflege wurde gemeinsam von beiden Gemeinden
ausgeübt (Zentralkasse s.o.).
Rabbiner der Israelitischen Religionsgesellschaft waren:
- Dr. Hirsch Naphtali Zwi Sänger (geb. 1843 in Buttenwiesen, gest.
1909): seit 1875/76 Predigt und Religionslehrer, dann bis 1893 Rabbiner in Bingen, von 1893 bis 1909 in
Mergentheim.
- Dr. Salomon Bamberger (geb. 1869 in Frankfurt als Sohn des
Frankfurter Dajan Dr. Seckel Bamberger, Enkel des Seligmann Baer Bamberger in
Würzburg): Rabbiner in Bingen von 1893 bis 1896, danach Distriktsrabbiner und
Leiter der Präparandenschule in Burgpreppach,
1901 bis zu seinem Tod 1920 Provinzialrabbiner in Hanau ("Hanauer Raw").
- Dr. Schlesinger (): Rabbiner in Bingen von 1896 bis
1901.
- Dr. Samuel (Samo) Neuwirth (): Rabbiner in Bingen von 1901 bis
1924, danach Rabbiner in Ichenhausen. |
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde:
Friedrich Fritz Borg, Max Feist, Otto Hallgarten, Siegfried Salomon Hallgarten,
Siegmund Helfer, Otto Loeb, Ferdinand Löbmann, Manfried Marx, Kurt Mattes,
Josef Münzner, Fritz Friedrich Meyer, Sally Rosenthal, Siegfried Rosenthal,
Berthold Salomon, Ernst Simon, Berthold Sommer, Hugo Sommer, Maximilian Wolf,
Sigismund Wolff.
Um 1924, als etwa 500 jüdische Einwohner gezählt
wurden, waren die Vorsteher der jüdischen Religionsgemeinde Julius Simon,
Isidor Groß, Dr. Otto Marx, Bernhard Loeb und Oskar Meyer. Als Lehrer und
Kantor war Alfred Löwy tätig, als Gemeindesekretär Sigmund Seligmann, als
Rechner Sigmund Strauß, als Synagogendiener Max Wolf, als Friedhofsaufseher
Leopold Eis, als Hausmeisterin Fr. Schleider und als Chordirektor Josef Knethel
tätig. Die Religionsschule der Gemeinde besuchten 42 Kinder. 1932 waren
die Gemeindevorsteher: Dr. Otto Marx (1. Vors.), Isidor Groß (2. Vors.) und
Nathan Loeb (3. Vors.). Als Kantor war Isi Bayer tätig.
1933 wurden 465 jüdische Einwohner gezählt (3,3 % von insgesamt 14.098
Einwohnern). Am 1. April 1933 begann mit dem Boykottaufruf der Nationalsozialisten auch in
Bingen die seitdem ständig zunehmende Unterdrückung und Entrechtung der
jüdischen Einwohner.
Beim Novemberpogrom 1938 wurden außer den Synagogen auch
zahlreiche jüdische Geschäfte demoliert und geplündert. Heimische und
ortsfremde SA-Angehörige beteiligten sich insbesondere an den Aktionen.
Jüdische Einwohner wurden festgenommen und auf LKWs durch die Stadt zum
"Hessischen Hof" in der Mainzer Straße gefahren; von dort vermutlich
in ein Konzentrationslager verschleppt.
1942 wurden 152 Juden, weitere 17 Personen in den beiden folgenden Jahren aus der Stadt deportiert. Fast alle von ihnen wurden in
Vernichtungslagern des Ostens ermordet.
Von den in Bingen geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Sibilla Bähr (1869),
Mathilde Bär geb. Seligmann (1884), Walter Bär (1911), Simon Berg (1869),
Amalie Bermann geb. Feist (1853), Delphina Bermann geb. Wendel (1884), Felix
Bermann (1884), Otto Bloch (1906), Johanette Bohl geb. Wolf (1883), Theodor Boll
(1880), Lili Brück geb. Natt (1892), Lotte Bruck (1922), Hedwig Eis geb. Stern
(1879), Leopold Eis (1879), Alice Epstein (1896), Bertha Epstein geb. Hallgarten
(1865), Charlotte Feist (1923), Ellen B. Feist (1925), Klara Feist (1875),
Mathilde Feist (1881), Paul Eugen Feist (1863), Paula (Rula, Eula) Feist geb.
Obermayer (1871), Siegfried Feist (1870), Thekla Feist geb. Kahn (1897), Julius
Franck (1880), Hedwig Frank geb. Marx (1881), Carola Freundlich geb. Meyer
(1891), Siegfried Freundlich (1883), David Friedmann (1880), Jenny Friedmann
geb. Sommer (1888), Rosa Gans gab. Kaufmann (1899), David Goldschmidt (1862),
Setchen Goldschmidt geb. Sternberg (1863), Agnes Groß geb. Neuberger (1883),
Ella Gross geb. Cahn (1883), Ernst Gross (1880), Karl Groß (1876), Selma Gross
geb. Simon (1890), Julius Josef Haas (1878), Alfred Hallgarten (1895), Julius
Hallgarten (1868), Klara Hausmann (1890), Johanna Heimann geb. Wohlgemuth
(1888), Ludwig Heimann (1921), Moritz Max Heli (1865), Hermann Herz (1888),
Selma Herz geb. Löwenstein (1897), Berta Hirschberger geb. Moos (1871), Sigmund
Hirschberger (1865), Elisabeth (Else) Kahn geb. Mayer (1889), Friedrich Kahn
(1926), Julius Kahn (1905), Mathilde Kahn geb. Westheimer (1871), Max Kahn
(1872), Max Kahn (1878), Moritz Kahn (1877), Rosa Kahn (1897), Samuel Kahn
(1879), Selma Kahn geb. Speier (1875), Johanette Kaufmann geb. Feist (1874), Eva
Keller geb. Salomon (1891), Karl Keller (1889), Ruth Mirjam Keller (1924),
Walter Keller (1921), Emilie Kleeblatt geb. Seligmann (1880), Hertha Koppel geb.
Wolf (1889), Karl Koppel (1891), Kurt Koppel (1921), Henny (Henriette) Kunkel
geb. Schiff (1876), August Lazarus (1867), Emma Lazarus (1862), Emma Levi geb.
Ackermann (1889), Willi Levi (1885), Helene Levy geb. Klee (1861), Julie Levy
(1892), Bernhard Löb (1880), Helene Löb geb. Ebstein (1880), Rosa Löwenstein
geb. Eis (1912), Paula Löwenthal (1894), Barbara Lypstadt geb. Eis (1879),
Adele Marcus (1878), Emma Marcus (1876), Henny Marcus (1882), Hugo Marcus
(1874), Artur Marks (1921), Rosa Markus (1870), Arthur Marx (1922), Artur Marx
(1898), Gisela Therese Marx (1930), Irma Marx geb. Koppel (1898), Josefine Marx
geb. Mayer (1879), Toni (Antoni) Marx geb. Weiß (1876), Waltraud Doris Grete
Edith Marx (1932), Lili Fanny Mayer geb. Hallgarten (1896), Max Mayer (1886),
Rudolf (Rudi) Mayer (1925), Moritz Moos (1875), Rosa Moos (1876), Clara Flora
Müller geb. Willstädter (1897), Friedrich Julius Müller (1925), Ludwig
Müller (1887), Ruth Müller (1929), Ludwig Münzner (1911), Sabine (Sophie)
Münzner geb. Albert (1871), Eugenie Nathan (1867), Hugo Nathan (1866), Klara
Nathan (1872), Louise Nathan (1875), Moritz Nathan (1861), Rosalie Nathan geb.
Lazarus (1868), Juliane Rosam (1874), Clara Rosenbaum (1867), Kathie (Kartharina)
Rosenbaum (1869), Adolf Rosenstock (1883), Herbert Rosenstock (1928), Selma
Rosenstock geb. Fink (1894), Alice Rosenthal geb. Kohlmann (1893), Emanuel
Rosenthal (1888), Gerd Schildhaus (1924), Hilde Schildhaus (1923), Simon
Schildhaus (1872), Sofie Schildhaus geb. Meyer (1887), Rosa Schmalz geb. Kahn
(1876), Änne (Änni, Lina) Seligmann (1920), Elisabeth (Ella) Seligmann geb.
Simon (1879), Isidor Seligmann (1874), Ludwig Seligmann (1875), Rosa Seligmann
(1886), Bertha Simon geb. Levy (1873), Eduard Edmund Simon (1877), Ferdinand
Simon (1868), Meta Simon geb. Goldstein (1886), Paula (Pauline) Simon geb.
Hirsch (1866), Ida Sommer geb. Blumenthal (1893), Sally Sommer (1881), Paula
Steinberg geb. Marx (1887), August Adolf Stern (1877), Fritz Stern (1914),
Julius Stern (1883), Paula Stern geb. Oppenheimer (1883), Selma Stern geb. Meyer
(1888), Walter Stern (1907), Elise Strauss (1909, Lea Strauss (1921), Richard
Strauss (1872), Sigmund Strauß (1869), Rosa Viskoper geb. Eis (1885), Cecilie
Waller geb. Kahn (1912), Martha Weinthal (1933), Frieda Weiß (1900), Blondine
Willstädter geb. Haas (1871), Jakob Willstädter (1865), Juli (Julie)
Winkelstein geb. Meyer (1878), Adolf Wolf (1874), Ella Wolf (1896), Ernst Wolf
(1895), Eugen Wolf (1892), Fanny Wolf geb. Rosenbaum (1871), Gertrud Wolf geb.
Levy (1903), Ida Wolf geb. Gardé (1872), Isidor Wolf (1869), Klara Wolf geb.
Kahn (1885), Leonhard Wolf (1872), Marianna Wolf geb. Schwalbe (1904), Marie
Eleonore Wolf (1928), Marion Wolf (1928), Martin Wolf (1895), Selma Wolf geb.
Hecht (1884), Sofie Wolf geb. Hess (1874).
Hinweis: obige Liste wurde erstellt durch Abruf von "Wohnort
Bingen" über die Suchfunktion der Liste des Bundesarchivs. Eine
zusätzliche Eingabe von "Geburtsort" würde weitere Namen
ergeben.
Zur Geschichte der Synagogen in Bingen
Mittelalterliche
Synagoge(n)
Eine "Judenschule" (Synagoge) wird erstmals 1396
genannt, war jedoch sicher schon einige Jahrzehnte vorher vorhanden. Die
Synagoge lag am nördlichen Ende der Judengasse, etwa dort, wo die neuere, bis
1905 benutzte Synagoge stand (Rheinstraße 2-4). Mit einer Seite stieß sie offenbar an ein Haus in
der Mönchsgasse. Diese erste Synagoge dürfte bei den Stadtbränden 1403/09
zerstört wurden sein.
1502 ist wieder eine "Judenschule"
genannt, die Ende des 16. Jahrhunderts erweitert wurde. Sie befand sich nach
einem Plan von 1570 neben der St. Urbans-Kapelle.
Bis
1905: Synagoge in der Judengasse (Rathausstraße)/Rheinstraße (Rheinstraße
2-4)
Die auf dem Grundstück in der Judengasse stehende Synagoge
(noch aus dem Mittelalter?) wurde 1689 bei
der Zerstörung der Stadt niedergebrannt. Erst 1698 wurde an derselben Stelle
u.a. mit Hilfe von Spenden aus Worms und Mainz ein Neubau
erstellt, die Einweihung war 1700. Nachdem 1789 ein Brand den
Dachstuhl zerstörte, wurde der Betsaal anlässlich der Reparatur vergrößert.
Von diesem Bau sind noch einzelne Teile erhalten (Hochzeitsstein, heute im
Israel-Museum Jerusalem; Türflügel mit Stifterinschrift; roter
Sandsteinpfeiler aus dem Bereich des Toraschreines).
1831 befand sich die Synagoge in einem baufälligen Zustand. Man
entschloss sich zu einem Umbau. Der Eingang wurde von der Judengasse im Süden
zur Rheinstraße auf die Nordseite verlegt. Durch den Einbau einer Frauenempore
konnte der bisherige Frauenbereich dem Männerbereich hinzugefügt werden. Die
Einweihung war am 14./15. Dezember 1838. Bereits 1841 danach war
eine erneute Erweiterung nötig (siehe Bericht unten).
1853 und 1871 (Einbau von Orgel- und
Chorempore) sowie letztmals 1891 wurde die Synagoge renoviert. Wenige Jahre
später beschloss die Gemeinde jedoch einen Neubau der Synagoge, zumal es bautechnische
Probleme mit der Orgelempore gab. Die Ritualien der alten Synagoge
einschließlich des wertvollen Toraschreines wurden in die neue Synagoge in der Rochusstraße
gebracht.
Nach der Einweihung der Synagoge 1905 wurde die alte Synagoge verkauft und in den kommenden Jahrzehnten unterschiedlich genutzt, als Gasthaus,
Diskothek und als Jugendtreff. Das Gebäude ist bis heute - wenn auch stark
verändert - erhalten.
Erweiterung der Synagoge 1841
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. November 1841: "Bingen,1 3.
Oktober (1841). In No. 42 dieser Zeitung findet sich ein
Korrespondenzartikel, den Bau der neuen Synagoge zu Ober-Ingelheim
betreffend. Dieses ist nun das zweite neue Gotteshaus, das wir seit
einigen Jahren in unserem Kreise erstehen sehen. Es ist wirklich ein sehr
erfreulicher Beweis der Fortschritte der Kultur unter den Juden, wenn
kleinere Gemeinden, mit beschränkteren Mitteln, bedeutende Opfer nicht
scheuen, um einen regelmäßigen, dem Zeitgeiste angemessenen Gottesdienst
abzuhalten. Die Tätigkeit unseres Gemeindevorstandes (d.h. in Bingen) hat
seit Kurzem bedeutende Verbesserungen ins Leben gerufen, die unser würdiger
Herr Kreisrat Wieger aufs kräftigste fördert und unterstützt. Dankbare
Anerkennung verdient auch die Humanität unseres städtischen Vorstandes,
der zum Bau der Synagoge sowohl, als auch zu sonstigen Anschaffungen aus
den städtischen Fonds Beiträge bewilligte. – Während die ziemlich große
Gemeinde unseres benachbarten Mainz noch sehr an den alten Missbräuchen
festhält, und erst jetzt durch Anstellung des Herrn Dr. Frensheimer die
Bahn zu brechen beginnt, erfreuen wir uns schon seit mehreren Jahren eines
schönen Gottesdienstes mit deutschen Vorträgen und Chorälen. Seit einem
Jahre werden an Sabbaten des Nachmittags abwechselnd von unserem
kenntnisreichen Rabbinen Herrn Dr. Sobernheim und Herrn Lehrer Lebrecht
Andachtsstunden in deutscher Sprache abgehalten, die sich stets eines sehr
zahlreichen Auditoriums erfreuen. Durch den Abbruch einiger der Synagoge
zunächst gelegener alter Häuser wurde an Raum gewonnen, und das etwas zu
kleine Gotteshaus wird nun vergrößert. In wenigen Wochen wir der bereits
begonnene Bau vollendet da stehen. Nach dem Muster einiger anderer
Gemeinden wird nun für Anschaffung einer Orgel gesorgt werden, wozu die
erforderliche Summe durch freiwillige Beiträge zusammengebracht werden
soll. Wir sind von der Freigebigkeit unserer Gemeindeglieder, die uns im
verflossenen harten Winter bewiesen, wie gerne sie ihre Hand öffnen, wenn
es nützlichen und wohltätigen Zwecken gilt, überzeugt, dass sie recht
gerne zur Anschaffung dieses Gemüt erhebenden Instruments beisteuern
werden, sowie wir auch von unserem gebildeten Rabbinen mit Zuverlässigkeit
darauf rechnen können, dass er, der zeitgemäße Verbesserungen gerne fördert,
bereitwilligst dem allgemeinen Wunsche beistimmen werde." |
Einweihung einer neuen Torarolle 1862
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Dezember 1862: "Bingen am Rhein, im
Dezember (1862). Vergangenen Sabbat, Paraschat Wajischlach ward hier eine Sefer
Tora (Torarolle), die zweite binnen Jahresfrist, festlich eingeweiht.
Das erste Sefer ließ die
Beerdigungsbrüderschaft, das zweite ein Verein jünger Leute, die
allsabbatlich zusammenkommen, um sich aus dem Worte Gottes belehren zu
lassen, schreiben. Es ist dies ein sprechender Beweis, dass wie überall,
so auch hier, wo Neologie und Indifferentismus bisher besonders heimisch
waren, ein besserer Geist sich Bahn zu brechen beginnt, und wollen wir
hoffen, dass der wahrhafte religiöse Sinn, wodurch sich in früheren
Zeiten Bingen auszeichnete, daselbst immer mehr und mehr vorherrschend
wird. Die Feier selbst war eine sehr würdige und fand die Predigt, die
Herr Lehrer Lebrecht – da der Rabbiner Herr Dr. Sobernheim* von seinem
Unwohlsein, wenn auch bedeutend besser – leider noch immer nicht ganz
hergestellt – hielt, allgemeinen Beifall, indem sowohl Form als Inhalt
nichts zu wünschen übrig ließen. Möchte es mir vergönnt sein, Ihnen
recht bald fernere günstige Nachrichten über die hiesigen religiösen
Verhältnisse zu geben. Schebach.
*Anmerkung: Der Herr Rabbiner ward am zweiten Neujahrstage während
einer Predigt, worin er sich wegen der durch einige eklatante Beispiel
besonders hervorgetretenen Religionslosigkeit ungemein ereiferte, von
einem sehr bedenklichen Unwohlsein betroffen, wovon sich derselbe, wie
oben erwähnt, ziemliche erholt hat, aber noch immer nicht völlig
hergestellt ist." |
Kritischer Bericht in der orthodoxen Israelitischen
Zeitschrift 1876
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. April 1876: "Bingen. (Curiosa). Die
Leser dieses Blattes, die in letzterer Zeit auch über die Binger jüdischen
Verhältnisse gelesen und durch das eigentümliche Vorgehen eines reformsüchtigen
Vorstandes in Erstaunen gesetzt worden sind, werden dennoch überrascht
sein, wenn sie hören, wie man hier ‚in Reform macht’. Vergangenen
Freitagabend vollzog sich ein seltener religiöser Weiheakt in der
Orgelsynagoge allhier. Unter Musikbegleitung und erhebender Festrede wurde
ein prachtvoller Becher dem Herrn Kantor überreicht, welchen der dankbare
Vorstand den Chorsängern zum Geschenke machte. Da dieser Becher, wie
verlautet, in der Synagoge als Jomtofkidusch-Becher (Kidduschbecher zum
Feiertag) benutzt werden soll, die feierliche Anrede an den Kantor
gerichtet war, sodass alle Anwesenden der irrigen Meinung waren, derselbe
erhielte damit ein Zeichen der Anerkennung für seine gesanglichen
Leistungen, aber, wie es schließlich heißt, dem Chorpersonal gewidmet
worden sei, so können wir zu unserem tiefsten Bedauern unserer
Berichterstatterpflicht nicht getreu nachkommen und den endgültigen
Beschenkten nicht genau angeben. Auf bescheidene Anfragen wird aber der
verehrliche Vorstand wohl Auskunft erteilen. Genug, das Publikum war durch
die erhebende, gewiss in ihrer Art einzigen religiösen Feier sichtlich
tief gerührt und gehoben, und wir müssen es gewiss als boshaft
bezeichnen, wenn sich Einzelne, die der Feier beiwohnten, darüber lustig
machten und erklärten, dass ihnen das Ganze wie ein Faschingsscherz
vorkam, Wie aber bekanntlich das Publikum immer undankbar ist, so zeigte
sich das schon zwei Tage darauf. Es war der letzte Tag Pessach, und da
konnte selbstverständlich der Organist, welcher in der Kirche sehr in
Anspruch genommen war, nicht zugleich in der Synagoge die Orgel spielen.
Wer will es nun einer Gemeinde verargen, die sich zwar schon mehrmals aus
demselben Grunde still ergeben darein gefunden, statt um 9 um 10 Uhr ihren
Gottesdienst abzuhalten, wenn sie heute,
wo sie ein und eine halbe Stunde auf ihren Organisten warten
musste, ungeduldig wurde und sich nicht mehr erinnerte des herrlichen
Festgenusses, den ihr erfindungsreicher und für ihre Unterhaltung stets
sorgender Vorstand erst zwei Abend vorher bereitet hatte! Wie wir hören,
hat auch am ersten Pessachabend eine Dame durch Solovorträge aus Haydns
‚Schöpfung’ die andächtigen Besucher des Gotteshauses entzückt. –
Ja die Binger jüdische Gemeinde kann sich glücklich schätzen, einen so
kunst- und musikliebenden Vorstand zu besitzen!!!" |
Der Toraschrein der alten Synagoge wird zur neuen Synagoge
gebracht (1905)
Artikel im
"Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 25. August 1905: "Bingen.
Vorigen Samstag wurde in der 800 Jahre alten Synagoge der hiesigen
israelitischen Gemeinde der letzte Gottesdienst abgehalten. Berühmt war
in der Synagoge der Oraun hakaudesch (Toraschrein) als ein altes
Kunstwerk von hohem Werte; derselbe wird in die mit einem Kostenaufwand
von einer Viertel Million Mark erbaute neue Synagoge übergeführt werden." |
Kritischer Artikel zum Verkauf der alten Synagoge
1911
Anmerkung: Die orthodox eingestellte Zeitschrift "Der Israelit"
stand in kritischer Distanz zu der liberal geprägten Israelitischen
Religionsgemeinde in Mainz mit ihrer "Orgelsynagoge". Dass nun auch
noch die alte Synagoge in der beschriebenen Weise weiterverwendet wurde, war
Anlass für diesen kritisch geschriebenen Artikel:
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Mai 1911: "Die jüdische Gemeinde
in Görlitz ist aber schon lange vorher von der jüdischen
Synagogengemeinde in Bingen am Rhein überflügelt worden. Vor, allerdings
schon sehr langer Zeit, war die jüdische Gemeinde Bingen der Sitz einer Jeschiwa,
an der hervorragende Männer und Leuchten des Judentums gelehrt hatten.
Sehr häufig teilte die alte Gemeinde im Mittelalter das Schicksal ihrer
benachbarten Schwestergemeinden Mainz, Worms, Oppenheim, Kreuznach,
Bacharach und Boppard. Man sollte nun meinen, dass in einer solchen alten
Gemeinde, der Geist der Pietät und Würde auf lange Zeit hinaus
nachwirke. Wie aber dieser Geist der Pietät in der heutigen Generation
lebt, das kann nicht besser illustriert werden, als durch die Tatsache,
dass die frühere Synagoge in der Rheingasse, die über 70 Jahre
gottesdienstlichen Zwecken diente, samt den nicht unbeträchtlichen
Nebenbauten, als Mikwe, Beamtenwohnungen und Schullokal für 30 oder 35
Mark an einen christlichen Unternehmer verkauft wurde, der alsbald ein
Vergnügungsetablissement daraus machte. Und gerade die alte Synagoge ist
es, wo heute ein Tanzlokal, ein Konzertsaal, eine Bierhalle, ein
Kinematographentheater, nicht weniger als wie Tingeltangel und Kabarett
den Zusammenkunftsort für Publikum zweiten, dritten und weiteren Ranges
bildet. Sonntäglich soll es da etwas weniger als vornehm hergehen.
Es ist an sich gleichgültig, von welchem Gesichtspunkt aus man den
jetzigen Verkehr in der ehemaligen Synagoge nach ästhetischen oder
moralischen Gesichtspunkten einschätzt, ob es da etwas wild und stürmisch
oder etwas ruhiger und gesetzter hergeht und ob die jungen Techniker, die
in Bingen studieren, dort nur Bier trinken und nur tanzen, oder was sonst
noch. Es ist und bleibt eine Schande und Schmach, dass eine Gemeinde, die
mit zu den wohlhabendsten am Rhein gehört, eine Synagoge auf derartige
Weise entweihen lässt. Ob eine der dortigen christlichen Kirchen jemals
bedingungslos für derartige oder ähnliche Zwecke verkauft würde? Es ist
ganz überflüssig, solche Fragen zu diskutieren.
Wenn aber Gemeinden wie Görlitz und Bingen hunderttausende für eine neue
Synagoge auszugeben imstande sind, so müssen sie auch in der Lage sein,
ihre alten Gotteshäuser so lange in eigener Hand behalten zu können, bis
sich eine Gelegenheit findet, sie würdig zu verwenden. Warum konnten die
Vorsteher dieser Gemeinde nicht etwa ein Altersheim für jüdische Beamten
oder ein Refugium für erwerbsunfähige Beamtenwitwen errichten? In
Bingen, wo die geographische Lage dazu ebenso geeignet gewesen wäre, wie
auch der ganze Gebäudekomplex an sich schon, wären sicherlich von außer
zu solchen Zwecken Gelder aufzubringen gewesen und das altehrwürdige Gebäude
wäre nicht in so unerhörter Weise entweiht worden.
Da man nur allzu sehr berechtigten Grund hat, dass das von Görlitz und
Bingen gegebene unrühmliche Beispiel Nachahmung finden könnte, sollte
man an die jüdischen gemeinde Deutschlands die dringende Warnung richten,
einen solchen Chillul nicht
weiterzuverbreiten. Sonst gibt man dem nie müden Antisemitismus nur
weiter neue Handhaben das Gesamtjudentum für die Missgriffe einzelner
Gemeindevorsteher verantwortlich zu machen und zu befehden. Und das muss
unter allen Umständen verhütet werden." |
1905
- 1938: Synagoge in der Rochusstraße (Rochusstraße 10-12)
Eine großer Synagogenneubau wurde von 1903 bis 1905 durchgeführt.
Sie wurde nach den Plänen von Professor Ludwig Levy aus Karlsruhe erstellt. Er
hatte einen an romanischen Kirchenbauten orientierten Gebäudekomplex mit einer
monumentalen Fassade entworfen. Im Betsaal befanden sich 218 Männer- und 171
Frauen-Sitze. Zur Ausstattung der Synagogen gehörten u.a. über 60 Torarollen,
darunter eine aus dem Jahr 1700.
Entwürfe zum Neubau der Synagoge (1903)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 16. Januar 1903: "Bingen am
Rhein, 4. Januar (1903). Bei den zu dem Neubau einer Synagoge dahier von
vier Bewerbern eingelaufenen Entwürfen ging derjenige des Herrn Baurat
Professor Ludwig Levy in Karlsruhe als Sieger hervor. Ein Entwurf des
Architekten Herrn Gartner in Wien wurde als zweibester von dem
Preisrichterkollegium zum Ankauf empfohlen. Dieses Kollegium bildeten die
Herren königlicher Baurat Stadtbaumeister Genzmer – Wiesbaden, Prof. K.
Henrici – Aachen und Geheimer Oberbaurat Professor Hofmann –
Darmstadt." |
Verdienste des Bankiers/Kommerzienrates Julius Landau um
den Bau der Synagoge (Rückblick von 1911)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 8. Dezember 1911: "Anlässlich
des großherzoglichen Geburtstages ist Herr Bankier Julius Landau in
Bingen am Rhein zum Kommerzienrat ernannt worden. Bingen verdankt ihm vor
allem die neue Synagoge. Er ist erster Vorstand der jüdischen
Religionsgemeinde." |
Die Einweihung der neuen Synagoge am 21. August 1905:
Artikel
in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. Oktober 1905:
"Bingen, 24. September. Am vergangenen Donnerstag den 21.v.M. feierte
unsere Gemeinde die Einweihung ihrer neuerbauten Synagoge. Der Feier wohnten die
staatlichen und städtischen Behörden bei, unter anderen der Kreisrat Geheimer
Regierungsrat Spamer, Kreisamtmann Muhl, Bürgermeister Neff und fast sämtliche
Stadtverordnete, der katholische Pfarrer Geistlicher Rat Dekan Engelhardt, die
beiden evangelischen Pfarrer Reinhard und Engel, die Schulbehörden, die
Vorstände der israelitischen Landgemeinden des Bezirks und ein zahlreiches
Publikum. Die Bevölkerung hatte ihr Interesse an der seltenen Feier durch
Beflaggen der Häuser kundgegeben, namentlich war die Rochusstraße, auf welcher
das neue Gebäude sich befindet, seitens der Stadtverwaltung mit einem
stattlichen Festgewand versehen worden. Die Feier wurde mit der feierlichen
Schlüsselübergabe am Portale eröffnet, bei welcher Fräulein Ella Landau mit
einer poetischen Ansprache den auf einem weißen Atlaskissen ruhenden goldenen
Schlüssel übergab. Bei dem Einzuge in das Gotteshaus sang der Chor das
Eingangslied: Preis und Anbetung, worauf durch den Rabbiner der Gemeinde Dr.
Grünfeld das Entzünden der "Ewigen Lampe" mit weihevollen Worten
erfolgte. Hieran schloss sich der Umzug mit den Torarollen, die von den
Rabbinern Dr. Stein - Worms, Dr. Saalfeld - Mainz, Dr. Lewit - Alzey, Dr.
Tawrogi - Kreuznach und dem hiesigen Rabbiner getragen wurden und das Einheben
derselben unter den dabei üblichen Gesängen. Den Mittelpunkt der Feier bildete
die eindrucksvolle Festpredigt mit darauffolgender Weihe von unserem allgemein
beliebten Rabbiner Dr. Grünfeld. derselben lag der Text zugrunde: "Dieses
Tor ist des Ewigen. Gerechte gehen da ein", welche Worte als Inschrift
über dem Eingangsportale der neuen Synagoge angebracht sind. Der Redner führte
dabei aus, dass das jüdische Gotteshaus ein laut redendes Zeugnis für die
unverwüstliche Kraft des Monotheismus, eine Stätte der Sammlung und Andacht im
brausenden Weltgewühl und eine Pflanzstätte alles Guten und Edlen sei. Diese
gedankentiefe und formvollendete Predigt verfehlte nicht, auf alle Zuhörer
einen weihevollen Eindruck zu machen. Hieran schloss die Absingung der Keduschah
durch Kantor, Chor und Gemeinde und das Gebet für Kaiser und Großherzog. Ein
Schlussgesang beendete die würdig verlaufene Feier. Nach der Feier fand im
Englischen Hofe ein Frühstücke statt, an welchem die Behörden und Gäste mit
dem Vorstand und den Bauausschüssen teilnahmen. Erwähnung verdient auch der
Toast des großherzoglichen Bürgermeisters Neff, der als Vertreter der Stadt
mit vollem Recht auf die vorbildliche Einigkeit hinweisen konnte, die in unserer
Stadt unter den Angehörigen der jüdischen und christlichen Religion herrscht.
Diese Eintracht unter unseren Mitbürgern hat sich anlässlich der Einweihung
der Synagoge auch darin bestätigt, dass die Stadtverwaltung dem Vorstand
unserer Gemeinde die Summe von 6.000 Mark als Beitrag zu den Anschaffungskosten
der Orgel überwies. Abends war in demselben Hotel eine größere
Festveranstaltung der Gemeindemitglieder mit Frauen und Kinder. Beide nahmen
einen sehr freudigen, mit vielen Toasten, Reden und Vorträgen reich gewürzten
Verlauf, und mit stolzer Genugtuung kann die Bingener Gemeinde auf ihr so
herrlich vollendetes Werk wie auf den schönen Verlauf des ganzen Festes
zurückblicken, das ihr in ewiger Erinnerung bleiben dürfte." |
Ergänzender Artikel über die neue
Synagoge
|
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 13. Oktober 1905: "Bingen, 6.
Oktober (1905). Unsere neue Synagoge, über deren Einweihung ich Ihnen
schon berichtet habe, ist nach den Plänen des als Synagogenerbauter
weithin bekannten Architekten Herrn Baurat Professor Ludwig Levy in
Karlsruhe erbaut. Der Stil ist ein einfach romanischer, die Fassade aus
weißem Vogesensandstein, hat in der Mitte eine spitze Turmkuppel und an
den anschließenden Gemeindegebäude tragen die Treppenhäuser
Spitzverdachungen. In dem Mittelstück der Fassade befindet sich ein von
Bildhauer Bauser – Karlsruhe kunstvoll ausgeführtes ornamentales Bild,
die Gesetzestafeln von zwei sie schützenden Löwen darstellend. Der
Tempel umfasst 220 Männerplätze und auf den Emporen 180 Sitze für
Frauen. Der Bau begann im Frühjahr 1903 und betragen die Kosten desselben
250 000 Mark. Für die prächtige Ausschmückung des Innenraums sind von
Gemeindemitgliedern, sowie von auswärts wohnenden Bingenern größere und
kleinere Beträge gespendet worden. Dass die Stadt Bingen der Gemeinde ein
Festgeschenk im Betrage von 6.000 Mark überwies, welche für die Kosten
der Orgel verwendet werden, habe ich Ihnen schon gemeldet. Durch diesen
herrlichen Bau hat unsere hübsche Rheinstadt wieder eine neue prächtige
Zierde erhalten." |
Zuschuss der Stadt Bingen für die Orgel in der
neuen Synagoge - kritische Kurzmeldung im (orthodoxen) Frankfurter
Israelitischen Familienblatt (Oktober 1905)
Artikel im
"Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 6. Oktober 1905: "…Die
Stadtgemeinde Bingen hat der Israelitischen Religionsgemeinde daselbst,
anlässlich der vor kurzem stattgehabten Einweihung ihrer neu erbauten
Synagoge ein Festgeschenk von Mark 6.000 bewilligt und zwar mit der
Bestimmung, mit dieser Summe die Kosten der – Orgel zu bestreiten…" |
Rückblick auf die Einweihung und die
Berichtserstattung (November 1905)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 24. November 1905: "Bingen,
19. November (1905). Hier wurde, wie ich Ihnen seinerzeit gemeldet, vor
kurzem die neue Synagoge eingeweiht. Die ‚Rhein- und Nahe-Zeitung’,
das amtliche Kreisblatt in Bingen, richtete bei diesem Anlass an die
Einwohnerschaft die folgende Aufforderung: ‚Zur Einweihung der neuen
Synagoge ist vom Herrn Rabbiner Dr. Grünfeld eine Festschrift verfasst
worden: ‚Die Geschichte der Juden in Bingen’. Das Werkchen ist auch für
Nichtisraeliten sehr anregend und in den hiesigen Buchhandlungen zu haben.
– Sehr wünschenswert würde es sein, wenn zu der Feier, die von so
hoher Bedeutung für unsere israelitischen Mitbürger ist, auch die Angehörigen
der anderen Konfessionen durch eine allgemein Beflaggung der Häuser das
ihrige beitragen.’ – Diese Zumutung findet die ‚Staatsbürger-Zeitung’,
die auch unter ihrem neuen Verleger nicht viel vornehmer geworden ist,
‚unerhört’. Wer die Verhältnisse am Rheine kennt, der muss über
diese sittliche Entrüstung lachen. Im Rheinland wird keine christliche
Kirche gebaut, zu der nicht die Juden durch Geldsammlungen beisteuern. Bei
Prozessionen und Kircheneinweihungen schmücken die Juden ebenso ihre Häuser
wie die Christen und ebenso erweisen die christlichen Nachbarn bei
Synagogeneinweihungen durch äußeren Schmuck ihre Verehrung. Diese Leute
werden das nie begreifen, dass die Liebe und nicht der Hass der Grundton
aller Religionen ist." |
Die neue Synagoge war (nur) 33 Jahre lang Mittelpunkt
des jüdischen Gemeindelebens der israelitischen Religionsgemeinde in Bingen.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge von SA-Männern und Nazianhängern
zerstört. Nachdem am Morgen der Brand durch den Synagogendiener hatte gelöscht
werden können, wurde das Gebäude gegen 17 Uhr noch einmal angezündet. Davor
wurde die gesamt Einrichtung demoliert, die Orgel zerstört und die Trümmer mit
Teer übergossen. Durch Zwangsverkauf kamen die Gebäudereste und das
Grundstück in die Hände des Binger Winzervereins, der den erhaltenen rechten
Teil des Bethauses eine Zeitlang als "Weinlokal mit Musik und Tanz"
nutzte.
1962 kamen die Gebäudereste und das Grundstück in den Besitz der Stadt
Bingen. Sie ließ 1970 die Ruine mit der erhaltenen architektonisch wichtigen
Ostfassade abbrechen. Seit 1983 erinnert eine Gedenktafel an die ehemalige
Synagoge, von der nur noch der Flügel mit dem Treppenturm und der zum Wohnhaus
umgebaute, dreiachsige Gebäudeteil erhalten blieb. Reste einer Säule
befinden sich auf dem jüdischen Friedhof.
Gedenkfeiern zur Erinnerung an die Zerstörung der Synagoge
werden regelmäßig vom "Arbeitskreis
Jüdisches Bingen" durchgeführt.
Die
Orthodoxe Synagoge in der Amtsgasse (Amtsgasse 13)
und die Privatsynagoge in der Martinstraße (Martinstraße 1-3; Martinsgässchen)
Der Einbau einer Orgel in der Synagoge 1871 war auch in Bingen Anlass für
die Orthodoxen, eine eigene Gemeinde zu bildet. Zunächst traf man sich in einem
provisorischen Betsaal. Seit der Einweihung eines neuen Betsaales in der
Amtsgasse im August 1876 wurden die Gottesdienst hier abgehalten.
Einweihung des neuen Betsaales im August 1876
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. August 1876: "Bingen, 18.
August. Wir sind abermals in der angenehmen Lage, Ihnen Erfreuliches von
unserer jungen Gemeinde mitteilen zu können. Wenn auch die Entwicklung
derselben eine langsam ist, so verspricht sie doch eine umso gedeihlichere
zu werden. Die am verflossenen Freitagabend begangene feierliche
Einweihung unseres neuen Betsaales scheint uns Bürge hierfür zu sein.
Schon um 5 ½ Uhr versammelten sich sämtliche Mitglieder unserer
Religionsgesellschaft, festlich gekleidet, in dem alten Betsaale, um den
Einzug in den erwähnten neuen Betsaal zu halten. Nach beendetem
Mincha-Gebet wurden die Torarollen von den ältesten Mitgliedern unserer
Religionsgesellschaft in das neue Lokal in feierlichem Zug, dem sich
unsere sämtlichen Gemeindemitglieder anschlossen, übertragen. Als der Präses,
Herr Joseph Meyer, die Synagoge öffnete, die Gemeinde unter Vorantritt
der Torarollen den Einzug hielt, überraschte uns, unser jugendliches
Mitglied, Herr Arthur Cahn, mit seinem erhebenden Gesang. Nachdem unser
ehrwürdiger Rabbiner Herr Dr. Sänger zwei Segenssprüche und das Gebet für
den Landesfürsten gesprochen und die üblichen Hakefot
mit den Torarollen beendet waren beendet waren, hielt Herr Rabbiner Dr. Sänger,
eine der Feier angemessene Predigt, die uns im wahrsten Sinne des Wortes
begeisterte. Die hinreißende Redeweise unseres ehrwürdigen Rabbiners,
die von tiefster Gottesfurcht überzeugende Wahrheit seiner Worte, konnten
ihre Wirkung nicht verfehlen und so verließen wir in begeisterter und
gehobener Stimmung nach beendetem Abendgottesdienst, die festlich geschmückten
Räume unseres Gotteshauses.
Befanden wir uns schon an diesem Abend in freudiger, gehobener Stimmung,
so wurde diese bei dem darauf folgenden Morgen Gottesdienst in noch erhöhtem
Grade hervorgerufen, durch die wiederholt trefflichen Gesangsleistungen
unseres Mitgliedes Herrn A. Kahn und durch die entzückende Rede unseres
allverehrten Rabbiners.
Wir sagen nicht zu viel, wenn wir hiermit öffentlich aussprechen, dass
ein Mann, wie Herr Rabbiner Dr. Sänger, beseelt von wahrer Gottesfurcht,
getragen von den reinsten, erhabensten Ideen, auf seine
Gemeindemitglieder, sowie auf seine ganze Umgebung veredelnd wirkt. Wir fühlen
uns daher glücklich, einen solchen Mann an unserer Spitze zu haben,
insbesondere schätzen wir uns glücklich, ihn als Religionslehrer unserer
Kinder zu wissen.
Möge es uns vergönnt sein, diesen trefflichen Mann recht lange in
unserem Kreise wirken zu sehen. Zum Schluss statten wir unserem Vorstande
für seine Mühe und Tätigkeit im Allgemeinen und insbesondere für
dessen Tätigkeit bei dem Bau unseres Betsaales den innigsten Dank ab mit
dem Wunsche, er möge es sich auch fernerhin zur Aufgabe machen, sich
um die öffentlichen Bedürfnisse in Wahrheit zu kümmern." |
Gedenkgottesdienst für Samson Raphael Hirsch 1889
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Januar 1889: "Bingen, 6. Januar
1889. In der Synagoge der israelitischen Religionsgesellschaft hier hielt
heute Herr Rabbiner Dr. Sänger eine tief ergreifende Trauerrede aus
Anlass des vor wenigen Tagen dahingeschiedenen Rabbi Samson Raphael Hirsch
in Frankfurt am Main und schilderte in beredten Worten die große
Bedeutung des Dahingeschiedenen für das Judentum. Seine Worte hinterließen
einen tiefen Eindruck auf die Trauerversammlung; wir müssen es uns indes
versagen, näher darauf zu zugeben, da, wie wir hören, auf Wunsch vieler
Gemeindemitglieder die Rede durch Drück vervielfältigt werden." |
Beim Novemberpogrom 1938 wurde
die Inneneinrichtung des orthodoxen Betsaales demoliert.
Privatsynagoge in der Martinstraße
Neben den großen Synagogen gab es um 1900 auch eine Privatsynagoge. Das heutige Gebäude Hotel
Martinskeller (Martinstraße 1-3) war nach 1884 zunächst Weinhandlungshof
der Firma Augstein (Dr. Augstein, Rechtsanwalt, und der Spiegelherausgeber
Augstein, sind direkte Nachfahren dieser Familie). Im Laufe der folgenden Jahre
diente das Anwesen den verschiedensten Zwecken: um 1900 war eine private
Synagoge von Dr. Faist als Synagoge eingerichtet). Nach 1936 war in dem Gebäude
ein Weingutsbetrieb, seit 1984 das Hotel Martinskeller.
Fotos:
Synagoge in der Rheinstraße
(Fotos wurden bereits mehrfach veröffentlicht, u.a. im
Gedenkbuch der Synagogen) |
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Die Synagoge in der
Rheinstraße um 1905 |
Innenansicht |
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| Eingangstür von 1789,
übernommen in die Synagoge Rochusstraße mit Stifterinschrift ("gestiftet
durch den Gemeindevorsteher Chajmi, den Sohn von Aron Friedburg...") |
Der Hochzeitsstein der
Synagoge Bingen (heute Israelmuseum Jerusalem)
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Die neugotische Maßwerkrose
der alten Synagoge (Aufnahme von 1992)
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| Die Synagoge in der Rochusstraße |
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Historische Postkarte mit der
Außenansicht |
Innenansicht |
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Die beim
Novemberpogrom 1938 zerstörte Synagoge |
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Die erhaltenen Reste der ehemaligen
Synagoge in der Rochusstraße
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 29.3.2005) |
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Blick von der
Rochusstraße auf den erhaltenen rechten Flügel der ehemaligen Synagoge |
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Ansicht des rechten Flügels
vom Hinterhof |
Gedenktafel von 1983 |
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| Gebäude Martinstraße 1-3, worin sich um
1900 eine Privatsynagoge befand |
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Erinnerungsarbeit vor Ort sowie erste
Ansätze zu neuem jüdischem Leben in der Stadt
Aus der "Allgemeinen Zeitung" vom
21. Mai 2008 - Artikel von Lena Fleischer
"Verdrängen der Geschichte geht nicht" - Vorsitzender des Arbeitskreises Jüdisches Bingen fordert Verantwortung gegenüber Israel
BINGEN Mehr als die Hälfte der Deutschen sieht keine besondere Verantwortung für den Staat Israel. Wenn er das hört, sträubt sich in
Dr. Josef Götten alles. Der Vorsitzende des Arbeitskreises Jüdisches Bingen erklärt, warum sich auch Binger heute Israel verpflichtet fühlen sollten.
Dass zu einer Umfrage anlässlich des 60. Jahrestags der Gründung Israels 53 Prozent der Deutschen eine besondere, historische Verantwortung gegenüber Israel ablehnten, kann Götten nicht fassen. "Das deutsche Volk hat sich am jüdischen Volk versündigt und muss alles Menschenmögliche tun, um das wieder gut zu machen" - auch noch 60 Jahre später.
In Bingen lebten einst Juden, prächtige Wohnhäuser zeugten vom Wohlstand erfolgreicher jüdischer Familien, die 1905 eingeweihte Synagoge in der Rochusstraße war sichtbares Zeichen der jüdischen Religionsgemeinschaft.
Der frühere Gymnasiallehrer Götten und seine Mitstreiter des Arbeitskreises wollen vor allem die
Erinnerung an die Juden in Bingen wach halten, ihre Geschichte erforschen und Kontakt mit denen halten, die noch leben und in alle Welt zerstreut sind.
Im Jahr 1997 gegründet, wurden zwei Jahre später zum ersten Mal Juden, die aus Bingen stammten, in ihre alte Heimat eingeladen: "Manche kamen mit Angst und fühlten sich immer noch verfolgt. Aber sie hatten auch große Erwartungen", erzählt Götten. Dass einige inzwischen wieder versöhnt sind mit Bingen, empfindet Götten als Genugtuung und Bestätigung des Engagements des Arbeitskreises, der ausschließlich aus christlichen Mitgliedern besteht. "Daran sehen wir: Wir können was bewirken", ist Götten sicher.
Israel hat den Latein- und Theologielehrer schon immer fasziniert. 1984 sollte er endlich Stätten sehen, die er bisher nur aus dem Studium kannte: Bethlehem, Nazareth, die Grabeskirche und die Stelle, wo der Jordan entspringt. Die Reise hat ihn nachhaltig geprägt und doch ist er "innerlich zerrissen": "Ich begrüße, dass das jüdische Volk in Israel eine Heimat hat. Doch das geht auf Kosten der Palästinenser." Die Mauer zerreiße das Land. Götten stimmt traurig, dass beide Seiten so brutal miteinander umgingen.
Dass sich die in Bingen lebende Jugend nicht schuldig fühlt, kann Götten verstehen: "Darum muss das ausführlich im Unterricht behandelt werden." Ein Modell einer Synagoge, das zurzeit in der Volkshochschule zu sehen ist, will Götten an die Schulen bringen, will die Geschichte der Juden in Bingen den Kindern ins Bewusstsein rufen.
Göttens Ziel ist, die Schüler hellhörig zu machen, damit sie erfahren, womit rechtsextreme Gruppen locken und was hinter ihrer Ideologie steckt. "Die Kinder müssen wissen, was Menschen Menschen angetan haben, was durch Deutsche in der Welt geschehen ist." Uniformen, Aufmärsche, Lieder - all das gehörte zur Kindheit des 1932 Geborenen, der sagt: "Das vergisst man nicht." Er will die Jugendlichen aufrütteln, sie aufklären und mit der Geschichte der Großeltern-Generation vertraut machen.
Dass laut Umfrage die Ablehnung einer Verantwortung gegenüber Israel mit 65 Prozent bei den 30- bis 39-Jährigen am deutlichsten laut wird, macht Götten wütend: "Die sollen sich mit der Geschichte befassen, das wird höchste Zeit. Man kann auch Dinge bewusst ausklammern", ist sein Vorwurf.
Doch mit diesem Erklärungsansatz gibt sich Götten nicht zufrieden: "Verdrängen der Geschichte geht nicht. Wir müssen da dran bleiben, die Erinnerung wach halten. Auch in Bingen."
Link: "Arbeitskreis
"Jüdisches Bingen" |
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| Erste Ansätze für neues
jüdisches Leben in Bingen stoßen auf Schwierigkeiten (2008) |
Artikel im Main-Rheiner (direkt zum Artikel)
vom 1. November 2008: Auf der Suche nach Raum für jüdisches Leben
- Wohnung in ehemaliger Synagoge an Feuerwehr vergeben / Private Iniative stellt Ansprüche
lef. BINGEN Die Erinnerung an die einst bedeutende jüdische Gemeinde hält der Arbeitskreis Jüdisches Bingen mit großem Engagement aufrecht.
Nun hat sich in Bingen eine Initiative um Dorothea Dürsch zusammengetan, die, unabhängig vom Arbeitskreis Jüdisches Bingen, eine jüdische Gemeinschaft entstehen lassen will. Dürsch hat die Idee, einen Ort zu schaffen, an dem jüdische Bürger feiern und beten können. Außerdem denkt sie an Workshops zu jüdischer Tradition und Religionsunterricht für Kinder.
Dürsch hat sich nun in einem Brief an Oberbürgermeisterin Collin-Langen gewandt, denn sie hat verfolgt, dass in der ehemaligen Synagoge in der Rochusstraße 10 eine Wohnung frei geworden ist. Dürsch schreibt: "Seit einigen Jahren leben in Bingen wieder jüdische Bürger." Auch wenn sie "selten öffentlich für ihre Interessen" einträten, sei bei den "etwa 60 bis 80 jüdischen Bürgern der Stadt eine Sehnsucht nach einer jüdischen Gemeinschaft" zu spüren. Die Menschen suchten eine Anlaufstelle und eine Chance, jüdisches Leben aufbauen zu können. Dürsch sieht sich und ihre Inititative daher in einer "Anwaltsfunktion." Und Dürsch sagt, sie sei mit ihrem Anliegen nicht allein: "Bisher konnten über 170 Unterstützer aus allen Kreisen der Bevölkerung von Bingen und der Umgebung für diese Initiative gewonnen werden."
Die Oberbürgermeisterin jedoch teilt Dürsch in einem Antwortschreiben mit, "dass diese Räume bereits für die Nutzung durch die Freiwillige Feuerwehr Bingen Stadt vorgesehen" sind. Die räumlichen Verhältnisse in der Feuerwache seien schon seit Jahren mehr als beengt und durch gestiegene Anforderungen und Aufgaben sei es dringend notwendig, zusätzlichen Raum zu schaffen. "Deshalb wurde, unmittelbar nachdem die langjährige Mieterin im Mai diesen Jahres verstorben ist, mit den entsprechenden Umbauplanungen begonnen, die mittlerweile zum Abschluss gebracht sind", teilt Collin-Langen mit. Darum stünden diese Räumlichkeiten nicht mehr zur Verfügung.
Weiterhin erklärt die Oberbürgermeisterin, die Stadt habe Dürschs Schreiben zum Anlass genommen, zu prüfen, ob es in anderen städtischen Objekten möglich sei, geeignete Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen.
Beate Goetz vom Arbeitskreis Jüdisches Bingen weiß, dass die frei gewordenen Räume in der ehemaligen Synagoge an die Feuerwehr gegangen sind. "Der Wunsch, bei der Suche nach einem Raum zu helfen, ist nicht von jüdischen Binger Bürgern an uns herangetragen worden, sondern von Frau Dürsch als Privatperson. Der Arbeitskreis ist gerne bereit, die jüdischen Binger Bürger bei ihren Anliegen zu unterstützen, wenn sie das wollen und kundtun. Auch Frau Dürsch konnte nicht bestätigen, dass sie in dieser Angelegenheit einen Auftrag hat. Allein auf ihre Vermutung hin, wenn ein Raum da wäre, kämen auch Leute, sah der Arbeitskreis keinen Handlungsbedarf."
Gleichwohl hatte der Vorsitzende des Arbeitskreises, Dr. Josef Götten, bei der Präsentation des Synagogenmodells im Januar vergangenen Jahres selbst die Hoffnung geäußert, dass der Arbeitskreis langfristig in der ehemaligen Synagoge, an diesem authentischen Ort, "ein Archiv oder gar ein Museum für die Geschichte der Juden in Bingen" unterbringen könnte. Auch das Synagogenmodell könnte dort einen Platz finden. Götten schloss: "Ich meine: Man darf darüber nachdenken." |
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Weitere Bemühungen
des "Fördervereines TIFTUF im Dezember 2008 und Januar 2009:
Artikel im Main-Rheiner (direkt zum Artikel) am 29. Dezember 2008:
"Nutzung der Synagoge wäre Imagegewinn"
hg. BINGEN Ein neuer jüdischer Förderverein kämpft weiter um die Nutzung der ehemaligen Synagoge in Bingen. Als "Sprachrohr und offizielle Interessenvertretung" der jüdischen Gemeinschaft in Bingen bezeichnet sich der Verein, der sich Mitte Dezember unter dem Namen "TIFTUF - Förderverein für jüdisches Leben in Bingen heute" offiziell gegründet hat.
Schon vor der Gründung waren die Initiatoren mit dem Wunsch an die Öffentlichkeit gegangen, Räumlichkeiten im ehemaligen Synagogenflügel, Rochusstraße 10, nutzen zu wollen (wir berichteten). In der Wohnung seien noch Reste des alten Gewölbes, Kapitelle und Säulen der alten Synagoge erhalten. Diese Überreste hätten eine große Bedeutung für die Juden. In Anknüpfung an die einst bedeutende jüdische Gemeinde könne diese Wohnung wieder für Versammlungen, Gottesdienste, Feste, Ausstellungen, Unterricht für Kinder und für Workshops genutzt werden. Oberbürgermeisterin Birgit Collin- Langen hatte das Ansinnen abschlägig beschieden, da diese Räume seit längerem für die Nutzung durch die freiwillige Feuerwehr vorgesehen sind. Den Juden könne die Stadt bei der Suche nach einem anderen Quartier helfen, so die Oberbürgermeisterin.
Der Förderverein zeigt Unverständnis. Die Stadt solle ihre Entscheidung "nochmals überdenken". Die Initiative bezüglich der Nutzung der ehemaligen Synagoge durch Juden in und um Bingen wird von der Mainzer jüdischen Gemeinde unterstützt, wie Menahkim Shterental, deren 2. Vorsitzender, betonte. Für Bingen wäre es "ein großer Imagegewinn", wenn in der alten Synagoge mit den vorhandenen historischen Resten eine jüdische Gemeinschaft wieder leben könnte. |
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Artikel von Christine Tscherner im
Main-Rheiner (direkt
zum Artikel) am 5. Januar 2009: "Wunsch nach Räumen mit Symbolwert.
Jüdische Gemeinde möchte ehemaligen Synagogen-Flügel in der Rochusstraße nutzen.
BINGEN. Der im Dezember gegründete "Förderverein für jüdisches Leben in Bingen heute" kämpft für die Nutzung der ehemaligen Synagoge. Die 100 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde will eine Mietwohnung im ersten Stock der Rochusstraße 10 als Versammlungsort nutzen.
Die jüdische Gemeinde in Bingen gedeiht. Vor allem durch Zuzug von Menschen jüdischen Glaubens aus Gebieten der ehemaligen Sowjetunion ist die jüdische Gemeinschaft nach Vereinsangaben inzwischen auf 90 bis 110 Personen angewachsen. Als deren Sprachrohr und offizielle Vertretung tritt der Mitte Dezember gegründete Förderverein "Tiftuf" auf.
"Der Name kommt aus dem Hebräischen und bedeutet Tröpfchen-Bewässerung", erläutert Tamara Schmedro. Die 60-jährige Konzertpianistin aus der Südukraine steht an der Spitze des neuen Vereins. "Tröpfchen für Tröpfchen kann etwas Großes erwachsen", mit diesem Leitgedanken will der Verein die jüdische Gemeinschaft unterstützen.
Bereits im September wandte sich Dorothea Dürsch, heute Vizevorsitzende des Vereins, an die Stadtverwaltung. Ihre Bitte: In einer seit Mai leerstehenden Wohnung im ersten Stock der ehemaligen Synagoge solle Binger Juden Raum für Gottesdienste, Versammlungen, Feste, Ausstellungen und Unterricht für Kinder zu jüdischen Themen zur Verfügung gestellt werden.
Doch die Stadt hatte längst andere Pläne. "90000 Euro sind im Haushalt eingestellt, um die Mietwohnung zur Leitzentrale der Feuerwehr umzubauen," weiß Stadtrat und Tiftuf-Aktiver Martin Rector. Die Platznot der Feuerwehr sei seit Jahren prekär, verwies die Oberbürgermeisterin in ihrem Antwortschreiben auf abgeschlossene Umbaupläne. Deshalb lehnte die Verwaltung die Vereinsbitte ab, bot jedoch Hilfe bei der Suche nach Alternativräumen an.
"Das Angebot steht nach wie vor", so Stadtsprecher Jürgen Port auf AZ-Nachfrage. Allerdings müsse der Verein seinen Raumbedarf konkretisieren. Dass ein Arrangement mit der Feuerwehr in der Rochusstraße möglich ist, sei darum nicht ausgeschlossen.
Bislang treffen sich jüdische Gemeinde-Mitglieder an wechselnden Orten, sind Gäste der evangelischen Gemeinde oder im Caritas-Haus. "Eigene Räume im ehemaligen Synagogen-Flügel würden wir als historische Chance empfinden", stellt Dorothea Dürsch klar. Die erhaltenen Säulen, Kapitelle, Gewölbedecken und Rundbogenfenster der freien Mietwohnung hätten als Überreste der Synagoge Symbolcharakter für Binger Juden.
Den dringenden Wunsch nach Raum vertritt der Verein nachdrücklich. "Wir bitten die Stadt freundlichst, ihre Entscheidung nochmals zu überdenken", so Dürsch in einer einberufenen Pressekonferenz.
Die jüdische Gemeinde in Bingen zählte einst zu den bedeutendsten in Rheinland-Pfalz. Im Jahr 1900 erreichte die Gemeinde mit 713 Mitgliedern (acht Prozent der Einwohner) ihren Höchststand. Die alte Synagoge in der Rheinstraße (heute Jugendhaus) wurde 1905 durch einen großen Neubau an der Rochusstraße ersetzt.
In der Reichspogromnacht durch Brandstiftung zerstört, gingen Gebäudereste und Grundstück durch Zwangsverkauf in die Hände des Binger Winzervereins über. 10000 Mark Ausgleichszahlung sollen an die jüdische Gemeinde nach Mainz geflossen sein. 1960 erwarb die Bezirkswinzergenossenschaft das Gelände und verkaufte es 1962 an die Stadt weiter. Die Immobilie wurde zu Mietwohnungen umgebaut. |
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| "Stolpersteine"
in Bingen - Stand Ende Februar 2009 |
Foto
links: Der Kölner Künstler Gunter Demnig beim Verlegen der Stolpersteine in
Bingen. Foto: hbz /Jörg Henkel
Artikel von Christine Tscherner im Main-Rheiner (direkt
zum Artikel) vom 24. Februar 2009: "Ein Fingerzeig auf Wunde der Geschichte
- Der Künstler Gunter Demnig verlegt weitere "Stolpersteine" zum Gedenken an Binger Opfer des Holocaust.
BINGEN. Seit dem Start vor vier Jahren sind insgesamt 56 Steine verlegt. Gestern kamen 24 neue "Stolpersteine" hinzu. Sie erinnern als "Denkmal von unten" an die Opfer des Holocaust.
Der Arbeitskreis Jüdisches Bingen hat die ehemaligen Wohnhäuser jüdischer Mitbürger recherchiert und pflegt den Kontakt zu Nachfahren. "Stolpersteine" im Trottoir halten zum Erinnern an, laden zum Gespräch ein. Meist sind es Verwandte, die vor dem ehemaligen Wohnhaus ihrer Angehörigen einen Stein stiften. Kleine Betonwürfel von zehn Zentimetern im Quadrat mit einer gravierten Messingplatte erinnern an deportierte und ermordete Binger Nachbarn.
Der Kölner Künstler Gunter Demnig, Initiator des bundesweiten Projekts, verlegte Steine vor Häusern der Schmitt-, Hospital-, Schloßberg- und Gaustraße sowie Am Burggraben, in der Mainzer Straße und erstmals auch im Stadtteil
Büdesheim.
Nachbarschaft. Geschichte vor Ort, nicht im Museum, das findet inzwischen viel Zuspruch. Die unaufdringlichen Metallplatten sind auf vielen Wegen der Innenstadt und in Bingerbrück präsent. Sie regen zum Nachfragen an, erinnern an Schicksale, fordern zu Toleranz auf.
Für Stifterin Claudia Kountoudakis-Gross, Enkelin der deportierten Juden Ernst und Selma Gross, bedeuten die kleinen Steine viel: Eine Art Ruhestätte nach einer langen Zeit des Ungewissen, eine Stelle des Trosts. "Mein Vater litt sehr unter der Trauer, auch weil das Schicksal der Großeltern nie aufgeklärt wurde."
Am 20. März 1942 wurde das bekannte Weinhändler-Paar Ernst und Selma Gross nach Lublin deportiert. Ihr Schicksal blieb bis heute im Dunkeln. Auch die Umstände des Todes von Pauline Simon, Mutter von Selma Gross, kurz nach der Deportation sind ungeklärt. Sie wurden wie 148 weitere Binger Juden Opfer des Holocaust. Zusammen mit den drei vorhandenen Steinen vor dem Haus Gaustraße 11 für Karl, Agnes und Bertha Gross sind die Namen nun vor dem früheren Wohnhaus der Familie ablesbar. Über die Internetseite
www.stolpersteine.com können Interessierte Kontakt zum Kölner Künstler Demnig aufnehmen. Auch weitere Informationen zur Aktion sind dort ebenfalls nachzulesen. In Bingen forciert der Arbeitskreis Jüdisches Bingen das Verlegen der Steine.
Was anfangs bloße Namen und Zahlen sind, webt der Verein zu rekonstruierten und bewegenden Familiengeschichten zusammen. Auch Nachgeborene können so die enorme wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung der Juden einst für das Leben der Stadt erahnen. Die Stolpersteine geben den Fingerzeig für ein zentrales Stück der Binger Stadtgeschichte." |
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| November 2009:
Gedenken zum Novemberpogrom 1938 |
Artikel in der "Allgemeinen
Zeitung" vom 12. November 2009 (Artikel):
Verbrechen nicht in Vergessenheit - GEDENKEN Binger erinnern an Opfer des Nazi-Terrors.
(kbi). Der 9. November ist ein Schicksalstag der deutschen Geschichte. So sehr die Freude über den Fall der Mauer in Berlin vor 20 Jahren an diesem Tag des Jahres 2009 überwogen hat, vergaßen weder Bundeskanzlerin Merkel in ihrer Rede vor dem amerikanischen Kongress noch Bundespräsident Köhler an den Jahrestag des Gedenkens an die öffentliche Ausgrenzung der Juden und die Schändung ihrer Gotteshäuser 1938 hinzuweisen und sich öffentlich zu dieser Schuld zu bekennen. Seit vielen Jahren trägt der Ausschuss für Ökumene der Pfarrgemeinde St. Martin, der Johanneskirchengemeinde, der Freien evangelischen Gemeinde und der Fels-Gemeinde gemeinsam mit dem Arbeitskreis Jüdisches Bingen dafür Sorge, dass an der Binger Synagoge in der Rochusstraße vor Ort an die Untaten des Naziregimes und die Vertreibung der jüdischen Familien aus Bingen erinnert wird. In einer "Themenansage" wurden mosaikartig wesentliche Aspekte der Ausgrenzung aus dem öffentlichen Leben, die ungeheuren Verbrechen und Verdrängung des nachfolgenden Holocaust nach 1945 zur Sprache gebracht. Bemerkenswert ist der Dankbrief eines Nachkommens, der im Sommer mit anderen Familienmitgliedern zur Stolperstein-Verlegung für seine Großeltern, die Urgroßmutter und eine Urgroßtante angereist war. Er schrieb: "Ich habe Bingen jetzt in angenehmer Erinnerung. Das war nicht immer so, wie Sie wohl verstehen werden. Ein großer Teil der Last befindet sich nun sozusagen in einem kleinen Grab, und ich muss diesen Teil der Last nicht mehr tragen." |
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Links und Literatur
Literatur:
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Germania Judaica I S. 26-27; II,1 S. 82-85; III,1 S. 116-128. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 101-106. |
 | Hans-Peter Schwarz (Hg.): Die
Architektur der Synagoge. Frankfurt a.M./Stuttgart 1988 S. 149 (Aufnahme Eingangstür
von 1789). |
 | Art. "Bingen" in: "und dies ist
die Pforte des Himmel". Synagogen Rheinland-Pfalz - Saarland. Reihe: Gedenkbuch
der Synagogen in Deutschland Bd. 2. 2005 S. 108-115 (mit weiteren
Literaturangaben bis 2005).
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Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Bingen. From the 11th century,
Jewish moneylenders were permitted to settle there as protected Jews (Schutzjuden),
the archbishops levying taxes on their wealth. The community later suffered
expulsion (1198) and the Black Death persecutions of 1348-49. R. Seligmann Bing
convened an assembly there in 1456, hoping the bring all the Rhinleland
communities under his jurisdiction, but the attempt failed. In 1490 a fire
destroyed the Jewish quarter (Judengasse) and in 1507 Jews were banished
from the city. Following its reestablishment, the community made slow progress
until the French occupation (1793-1813), when it numbered 297 and a delegate
from Bingen attended the Paris Sanhedrin (1807). Many Jews welcomed the 1848
revolution and enlisted in the National Guard. When an organ and other reforms
were introduced in 1871, Orthodox members left the community and established a
separate Jewish community (Austrittsgemeinde). At a meeting held in
Bingen (prior the the First Zionist Congress) on 11 July 1897, the establishment
of a German Zionist Organization was approved. By 1900, the community had grown
to 713 (7,4 % of the total). Jews played a major role in civic affairs and
commerce, wine production being one of their specialties. Under the Weimar
Republic, branches of the Central Union (C.V.), Jewish War Veterans Association,
Zionist Organization, and other national bodies were active. On 1 April 1933,
stormtroopers inaugurated the boycott of Jews and Jewish-owned stores. Nazi
legislation (1933-38) resulted in the dismissal of Jewish professionals and the
"Arynization" of Jewish businesses enterprises. On Kristallnacht (9-10
November 1938), Jewish department stores on the city were vandalized, the
imposing Liberal synagogue was ransacked and the burned to the ground, and the
Orthodox's synagogue's interior was destroyed. Of the 465 Jews (3,3 %) living
there in 1933, 243 had left or emigrated by 1939; the 169 who still remained
were deported in 1942.

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