Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


Eingangsseite

Aktuelle Informationen

Jahrestagungen von Alemannia Judaica

Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft

Jüdische Friedhöfe 

(Frühere und bestehende) Synagogen

Übersicht: Jüdische Kulturdenkmale in der Region

Bestehende jüdische Gemeinden in der Region

Jüdische Museen

FORSCHUNGS-
PROJEKTE

Literatur und Presseartikel

Adressliste

Digitale Postkarten

Links

 

  
zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"  
zurück zur Übersicht "Synagogen in Rheinland-Pfalz" 
zur Übersicht "Synagogen im Landkreis Mainz-Bingen und Stadtkreis Mainz"
   

Mainz Siegel 03.jpg (35028 Byte)  

   
Mainz (Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz) 
Jüdische Geschichte / Synagogen 

  

   

Hinweis: zur neuen Synagoge in Mainz gibt es in dieser Website eine weitere Seite 
 
Es bestehen auch Seiten mit Texten aus jüdischen Periodika des 19./20. Jahrhunderts:  
Berichte zur mittelalterlichen jüdischen Geschichte in Mainz  
Berichte aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben des 19./20. Jahrhunderts (bis zur NS-Zeit) 
Berichte zu Rabbinern und Lehrern sowie weiteren Kultusbeamten und dem Schulwesen der jüdischen Gemeinde (bis zur NS-Zeit)  
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde im 19./20. Jahrhundert (bis zur NS-Zeit) 
Berichte über die (orthodoxe) Israelitische Religionsgesellschaft (bis zur NS-Zeit)  
Berichte zu einzelnen Einrichtungen der jüdischen Gemeinde (bis zur NS-Zeit)   
   
   
Übersicht über diese Seite:   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Mittelalter 
Neuzeit 
Nach 1945          
Zur Geschichte der Synagogen in Mainz  
Mittelalterliche Synagogen 
Texte zur Geschichte der mittelalterlichen Synagogen aus jüdischen Periodika  
Inschriftensteine aus dem 11. Jahrhundert werden aufgefunden (1907)   
Zur Geschichte der Mainzer Synagogen (1909)     
Die Synagogen des 16./17. Jahrhunderts    
Die Synagogen des 18. Jahrhunderts 
Texte aus der Geschichte der Synagoge vor Einweihung der Synagoge 1853 aus jüdischen Periodika  
Eine in der Synagoge in Mainz 1763 gehaltene Predigt des Rabbiners Moyses Brandeis (1868) 
Feier des Geburtsfestes des Großherzogs in der Synagoge (1838)  
Gottesdienst zum Geburtsfest des Großherzogs (1841)   
Abschied von der alten Synagoge (1846)   
Auszug aus der alten Synagoge in eine Interims-Synagoge (1846) 
In der Synagoge befindet sich eine Orgel (1849)   
Fund alter Toraschrein-Vorhänge (1911) 
Die 1853 eingeweihte Hauptsynagoge der "Israelitischen Religionsgemeinde" 
Texte zur Geschichte der 1853 eingeweihten Hauptsynagoge aus jüdischen Periodika   
Für den Neubau der Synagoge konnten 60.000 Gulden gesammelt werden (1846)   
Einweihung der Synagoge (1853)  
Über die Einweihung der Synagoge - ausführlicher Bericht (1853)  
Feier des Jahrestages der Einweihung der Synagoge (1854)  
Zerstörungen an der Synagoge durch die Pulverturmexplosion (1857)   
In der Hauptsynagoge ("Orgel-Synagoge") findet die Konfirmation statt - Kritik von orthodoxer Seite (1869) 
30-jähriges Bestehen der Synagoge und 30-jähriges Jubiläum von Chordirigent und Organist Johann Staab (1883)   
50-jähriges Bestehen der Synagoge (1903)   
Überlegungen zum Neubau einer Synagoge (1906)   
Soll die alte Synagoge umgebaut oder eine neue Synagoge gebaut werden? (1907)   
Die alte Synagoge soll zu einem Museum für israelitische Altertümer umgebaut werden (1912) 
Die orthodoxen Betsäle / Synagogen der "Israelitischen Religionsgesellschaft" 
Texte zur Geschichte der orthodoxen Betsäle / Synagogen der "Israelitischen Religionsgesellschaft" aus jüdischen Periodika  
Einweihung der Synagoge der Religionsgesellschaft (1856)   
Feier des Geburtstages des Großherzogs in der Synagoge (1860)  
Über den Gottesdienst in der Synagoge der Religionsgesellschaft (1862) 
Trauergottesdienst in der Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft für die verstorbene Großherzogin Mathilde (1862)  
Einweihung einer neuen Torarolle für die Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft (1864) 
Friedensfeier in der Synagoge der Religionsgesellschaft (1871)   
Über den Bau der Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft und den Inschriftenstein (1879)   
Ankündigung der Einweihung der neuen Synagoge der Religionsgesellschaft (1879)   
Die Einweihung der Synagoge der Religionsgesellschaft (1879)  
Über die neue Synagoge der Religionsgesellschaft (1879)    
Gebete für die russischen Juden in der orthodoxen Synagoge in Mainz (1882)   
Montefiore-Feier in der Synagoge der Religionsgesellschaft (1884)  
Gottesdienst für die Genesung des Kronprinzen (1887)    
Einweihung einer neuen Torarolle für die Synagoge der Religionsgesellschaft (1894)  
Feier für das Großherzogliche Paar in der Synagoge der Religionsgesellschaft (1894) 
Postkarte "Innere Ansicht der Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft" (1900)  
50-Jahrfeier der Synagoge der Religionsgesellschaft (1929)   
Die polnisch-orthodoxe Synagoge 
Die 1911/12 erbaute Hauptsynagoge der "Israelitischen Religionsgemeinde"  
Der Architektenwettbewerb zur Synagoge 1911    
Texte zur Geschichte der 1911/12 erbauten Hauptsynagoge aus jüdischen Periodika 
  
Städtischer Zuschuss zum Neubau der Synagoge (1910)  
Beschluss zum Bau einer neuen Synagoge in der Neustadt (1910)  
Ein Grundstück zum Bau einer neuen Synagoge wurde erworben (1910) 
E
ntscheidung des Architektenwettbewerbs (1911)   
Der Bau-Unternehmer beim Bau der Synagoge hält sich nicht an die Vereinbarung der Sabbatruhe (1911)  
Die Arbeiten beim Synagogenbau können nach einer Einigung mit der Firma weitergehen (1911)   
Grundsteinlegung für die neue Synagoge (1911) 
Einweihung der neuen Synagoge (1912)  
Zur Einweihung der neuen Synagoge (1912)   
Foto der neuen Synagoge (1912)    
Feierliche Enthüllung der Ehrentafeln für die im Ersten Weltkrieg aus der Gemeinde gefallenen Soldaten (1921)  
Die Synagogen nach 1945  
Texte zur Einweihung einer ersten Synagoge nach 1945 aus jüdischen Periodika    
Einweihung einer neuen Synagoge in Mainz (1947) 
Zwei Gedenktafeln wurden in der Synagoge enthüllt   
2010: Zur neuen Synagoge in Mainz siehe weitere Seite  
        
Fotos / Darstellungen 
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte     
Links und Literatur   

     
     
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)  
     
Mittelalter       
     
In Mainz bestand eine bedeutende jüdische Gemeinde zunächst im Mittelalter (eine der drei SchUM-Gemeinden nach den Anfangsbuchstaben der Städten Speyer, Worms und Mainz). Möglicherweise gab es bereits zu römischen Zeiten eine jüdische Niederlassung in der Stadt. Die Entstehung der mittelalterlichen Gemeinde geht in die Zeit Mitte des 10. Jahrhunderts zurück. Unter anderem ließen sich noch vor der Jahrtausendwende Vertreter der berühmten jüdischen Familien Kalonymus aus Lucca/Italien in der Stadt nieder. Ein Angehöriger dieser Familie soll Kaiser Otto II. nach der Schlacht von Cotrone i.J. 982 das Leben gerettet haben. Aus der Kalonymus-Familie entstammten mehrere Gelehrte und Leiter der Mainzer jüdischen Gemeinde. Viele andere jüdische Gelehrte werden bereits im 10./11. Jahrhundert genannt (u.a. Rabbi Gerschom bar Jehuda). Eine erste Verfolgung traf die Gemeinde 1012. 1084 wurde bei einem Brand das jüdische Wohnviertel (im nordwestlichen Bereich der Altstadt gelegen, von der heutigen Betzelstraße und der Stadthausstraße über den Flachsmarkt unter Einschluss von Teilen der Schuster- und der Christofstraße) weitgehend zerstört; ein Teil der Gemeinde übersiedelte nach Speyer. 

Mit dem Beginn der Kreuzzüge 1096 begann die Zeit der schlimmen Verfolgungen. Mehrmals wurde ein großer Teil der Mainzer Judenschaft grausam niedergemetzelt, zuletzt während der Zeit der Pest (Sommer 1349). Dazwischen gab es auch Zeiten einer friedlichen Entwicklung der Gemeinde. Die jüdische Gemeindeverwaltung lag in den Händen des "Judenrates"; an seiner Spitze war ein vom Erzbischof ernannter "Judenbischof". Nach der Verfolgung 1349 werden Juden in Mainz erstmals wieder 1356 genannt. 1410 gab es etwa 20 jüdische Haushalte, 1432 14. 
    
Die Zahl der jüdischen Einwohner betrug 1460 nur etwa 110 bis 120 (vor 1096 und vor 1349 waren jeweils über 1.000 Juden in der Stadt). Die Juden lebten vom Handel mit Geld, Wein, Frucht und Waren, auch werden jüdische Ärzte und Gemeindebedienstete genannt. Im 15. Jahrhundert kam es mehrfach zur Vertreibungen (1438, 1462, 1471 und schließlich 1483).   
   
   
Neuzeit
    
   
Nach Zuzügen einzelner jüdischer Familien konnte sich 1583 eine neue jüdische Gemeinde bilden. Aus Frankfurt am Main, Worms, Hanau und anderen Orten zogen einzelne jüdische Familien zu. Sie lebten lange in sehr armseligen Verhältnissen. 1662 wurden durch ein Dekret von Kurfürst Johann Philipp von Schönborn die wirtschaftlichen Möglichkeiten der jüdischen Einwohner stark beschränkt. Ihnen war nicht mehr erlaubt, offene Läden zu betreiben. Sie durften nur noch mit bestimmten Waren handeln. Ihr Wohngebiet blieb auf die von beiden Seiten abgeschlossene Judengasse beschränkt (im 18. Jahrhundert wurde das Wohngebiet erweitert auf die seit Mitte des 19. Jahrhundert sog. "Vordere und Hintere Synagogengasse"). Im 18. Jahrhundert nahm die Zahl der jüdischen Einwohner bis auf etwa 550 Personen zu; im jüdischen Wohnviertel mit seinen schmalen Häusern herrschte drangvolle Enge. Als Frucht der Aufklärungszeit und der Französischen Revolution fielen am 12. September 1792 die Tore des Judenghettos.      

Mainz Hochzeit 1690 010.jpg (51575 Byte) Mainz Judenwache 2 010.jpg (61601 Byte) Mainz Judengasse 1929 010.jpg (58909 Byte)
Hochzeitsfeier in der
 Mainzer Judengasse 1690 
Die "Judenwache" am Eingang 
zur Judengasse 
Die Judengasse 
(Foto von 1929) 
Die obigen Abbildungen sind mehrfach veröffentlicht, u.a. in: 
P. Arnsberg: Die jüd. Gemeinden in Hessen. Bilder und Dokumente. 1971. S. 136.138 oder Katalog "Juden in Mainz" s.u.

Im 19. Jahrhundert nahm die Zahl der jüdischen Einwohner zu: 1828 waren es 1.620 Personen, 1861 2.665, 1871 wurde die Höchstzahl von 2.998 erreicht. 1925 waren unter den damals ca. 109.000 Einwohnern noch etwa 2.800 jüdische Personen 1933: 2.730). Mitte des 19. Jahrhunderts trennten sich wie in vielen anderen Großstädten auch die Orthodoxen von den liberalen Juden, nachdem gottesdienstliche Reformen (deutsche Gebete, Orgel in der Synagoge) eingeführt wurden. Erster orthodoxer Rabbiner war Markus Lehmann. In der liberalen Gemeinde wirkte damals Rabbiner Joseph Aub. 
        
Seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten die jüdische Einwohner im Leben der Stadt eine große Bedeutung u.a. als Unternehmer und Gewerbetreibende, als Ärzte, Rechtsanwälte und Journalisten. Zwei bedeutende Rabbinerpersönlichkeiten verschafften der Mainzer Gemeinde zwischen 1880 und 1933 hohes Ansehen bei der gesamten Bürgerschaft: Prof. Dr. Siegmund Salfeld (1880-1918) und Dr. Sali Levi (1917-1941). Zur Vielgestaltigkeit des Mainzer Kulturlebens trugen zahlreiche jüdische Vereine bei. 
       
Nach 1933 setzte wie im ganzen Deutschen Reich auch in Mainz die zunehmende Entrechtung der jüdischen Bevölkerung durch die nationalsozialistische Politik ein. In der Pogromnacht im November 1938 kam es zu zahlreichen Übergriffen gegen die jüdische Bevölkerung, ihre Wohnungen und Gewerbebetriebe; das Schicksal der Synagogen wird unten geschildert. Am 17. Mai 1939 wurden noch 1.452 Juden in der Stadt gezählt. Im März und September 1942 wurde ein Großteil der verbliebenen jüdischen Einwohnerschaft in Vernichtungslager des Ostens oder in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Die letzte Deportation am 10. Februar 1943 löschte vollends das jüdische Gemeindeleben in Mainz aus. Nur wenige Juden in sogenannter "privilegierter Mischehe" erlebten das Kriegsende in Mainz. Insgesamt wurden etwa 1.300 bis 1.400 Mainzer Juden ermordet. 
       
Nach 1945:  Am 17. Oktober 1945 konnte von einigen wenigen Überlebenden der Konzentrationslager eine neue Gemeinde gegründet werden. Erster Gemeindevorsteher war Max Waldmann.1948 gehörten 80 Personen, 1970 122 Personen der Gemeinde an. Durch den Zuzug von jüdischen Emigranten aus den GUS-Staaten nahm die Zahl der jüdischen Gemeindeglieder bis 2005 auf etwa 1.000 Gemeindeglieder zu (2012: 1.027 Gemeindemitglieder).  
    
    
  
  
Zur Geschichte der Synagogen in Mainz  
Mittelalterliche Synagogen      
       
1093 wird eine erste Synagoge in der damaligen Unterstadt im Bereich der nach 1288 erbauten St. Quintinskirche genannt. Sie wurde im Zusammenhang mit der Judenverfolgung beim 1. Kreuzzug am 29. Mai 1096 durch den jüdischen Gemeindevorsteher angezündet. Er wollte damit möglicherweise einer Schändung des Hauses durch die Christen beziehungsweise die Kreuzfahrer und der Umwandlung in eine Kirche zuvorkommen. Neben der Synagoge gab es bereits im 11. Jahrhundert kleinere Bet- und Lehrstätten. Nachdem sich einige Jahre nach dem Pogrom von 1096 wieder eine Gemeinde bilden konnte, wurde am selben Ort ein Bethaus errichtet. Die Juden der Oberstadt trafen sich aus Furcht vor der Stadtbevölkerung im Lehrhaus des Rabbi Juda bar Kalonymos. 
    
1188 wird eine neue Synagoge im Bereich der Stadthaus- und der Schusterstraße erwähnt (Schusterstraße 41-43/Ecke Stadthausstraße), die vermutlich schon einige Jahre oder Jahrzehnte zuvor erbaut worden war. 1271 wurde diese Synagoge renoviert. Dabei ist ein kunstvoll gepflasterter Fußboden eingebracht wurden. Beim Judenpogrom von 15. Juni 1281 wurde diese Synagoge niedergebrannt. Einige Jahre später scheint dieses Bethaus wieder aufgebaut worden zu sein. Im Zusammenhang mit den Verfolgungen in der Pestzeit wurde sie am 23. August 1349 von verzweifelten Juden in Brand gesetzt. 
   
In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts wurde wiederum eine Synagoge erbaut oder ein Betsaal eingerichtet. 1433 und 1442 wird eine "Judenschule" genannt, die wahrscheinlich in der Nähe der späteren Stadionerhofstraße lag. Nach der Vertreibung der Juden 1438 wurde in ihr ein städtisches Kohlenlager eingerichtet. 1445 konnte die Mainzer Juden wieder zurückkehren; die Synagoge erhielten sie zurück. Nach der Ausweisung 1470/71 wurde die Synagoge vom Erzbischof in eine christliche Kapelle "Omnium Sanctorum" ("Allerheiligen") umgewandelt (1473).   
    
    
Texte zur Geschichte der mittelalterlichen Synagogen aus jüdischen Periodika    

Mainz Israelit 30051907.jpg (153936 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Mai 1907: "Zur Geschichte der Juden von Mainz. 
Mainz, 29. Mai (1907). Am 7. März dieses Jahres hat man am Tietzschen Neubau dahier Steine mit hebräischen Inschriften gefunden, die in in Bezug auf die früher auf diesem Platze befindliche Synagogen und das jüdische Lehrhaus (sog. Judenschule) neue Tatsachen zu enthüllen geeignet sind. Unser rühmlichst bekannter Typologe Heinrich Wallau ist soeben damit beschäftigt, von den Steinen Matrizen anzufertigen, um sie den Fachgelehrten vorzulegen. Bis dahin muss ein abschließendes Urteil über die Bedeutung des Fundes zurückgehalten werden. Soviel erscheint aber auch dem der hebräischen Sprache kundigen Laien ersichtlich, dass es sich hier wahrscheinlich bei dem einen Stein um die Gedenktafel der Stifter des Gotteshauses, bei den anderen um eine solche bei Erneuerung des Baues bzw. beim Umbau handelt. Es dürfte darin von der Errichtung des Baues und der dafür stattgehabten Geldsammlung- und Spende die Rede sein. In Bezug auf Namen wollte es uns erscheinen, als ob von einem Manne namens Ben Zion, Sohn des Abraham, und von einem Jacob die Rede sei.
Der Schrift nach gehört der eine Stein der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts an (vergleiche Wallau, in der Festschrift Schneider: 'Frühe Formen der semitisch-griechischen Buchstabenschrift etc.,' wo die Schrift aus dem Jahre 1080 aus Mainz auf der beigegebenen Tafel ganz genau mit der Schrift des gefundenen Steines übereinstimmt), die Schrift des zweiten Steines unterscheidet sich nur wenig von der jetzt gebräuchlichen hebräischen Quadratschrift, scheint aber aus dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts zu stammen, denn besondere Eigenarten der Schrift zeigen Ähnlichkeit mit einer im Jahre 1536 in Prag gedruckten illustrierten Haggadah; nach anderer Ansicht ist der zweite Stein noch bedeutend älter als der erste; diese Ansicht führt an, dass im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts hier gar keine Juden wohnten. (Löwenstein 'Zur Geschichte der Rabbiner in Mainz in: Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft IV 1905 S. 220-239).    
Mainz Israelit 30051907b.jpg (167339 Byte) Wie bekannt, gehörte die ganze Gegend, wo sich demnächst der Tietzsche Neubau erheben wird und noch weit herum, im ganzen 54 Häuser u. z. Betzelsgasse, Flachsmarkt, Hinter Christophstraße,ein Teil der Schustergasse, das Invalidenhaus (zum Hammerstein), Hintere Flachsmarktstraße, Stadthausstraße, der Mainzer Judenschaft (vergleiche. Schaab, Geschichte der Juden zu Mainz, Mainz 1885   Salfeld, Bilder aus der jüdischen Vergangenheit der Gemeinde Mainz, Mainz 1903.) Auch der 'Hof zum Gutenberg', gegenüber dem Tietzschen Neubau war jüdisches Eigentum und und manche wollen sogar behaupten, dass der Name unseres Meisters korrumpiert aus Judenerbe – Gutenberg – (nach niederrheinischer Aussprache) entstanden sei (vergleiche Festschrift zum 500-jährigen Geburtstag von Johann Gutenberg. Im Auftrag der Stadt Mainz herausgegeben von Otto Hartwig. Mainz 1900. Beitrag des Freiherrn Schenk zu Schweinsberg).
Bei den furchtbaren Judenverfolgungen Ende des dreizehnten Jahrhunderts wurden die den gemordeten und entflohenen Juden gehörigen Häuser vom Stadtmagistrat konfisziert und erhielten von nun an den Namen Judenerbe. Diesen Namen behielten die Häuser bis zum Jahre 1462, wo sich der Erzbischof Adolf II. alles städtische Vermögen zueignete und darüber nach seinem Gefallen verfügte. Für den Geschichtsphilosophen mag die Tatsache merkwürdig sein, dass gerade von der Stätte aus, wo der Aberglaube der Judenverfolgung in den Gefühlen der Menschen so furchtbare Verheerung anrichtete, der große Lichtbringer erstand, der durch seine Erfindung Aufklärung und Wissen über die Welt verbreitete. Also an der Stelle war dereinst das Gotteshaus der Mainzer Juden, dessen Gründungsgedenkstein jetzt mit dem neuen Fund zum Vorschein kam. -
Einen Stein, ebenfalls eine hebräische Inschrift enthaltend fand man am 6. Mai bei der Erneuerung der Johanniskirche. Dessen Schrift, nur wenige Buchstaben scheint aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung zu stammen (vergleiche Wallau wie oben Tab. Nr. 8.) Man will das Wort Schalom - Friede – herausgelesen haben. Es ist möglich, dass der Stein einen Teil einer Portalinschrift an der Johanniskirche bildete, oder des an dieser Stelle gewesenen Doms, wie es ja früher Gebrauch war, hebräische Inschriften an Kirchen anzubringen. (An der St. Ignazkirche hier findet sich noch heute eine solche.)" 

 
Zur Geschichte der Mainzer Synagogen (1909)
   
Der Artikel beschäftigt sich im zweiten Teil mit drei aufgefundenen Gedenkinschriften an der mittelalterlichen, 1349 niedergebrannten Synagoge.    

Mainz Israelit 15041909.jpg (111853 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. April 1909: "Zur Geschichte der Mainzer Synagogen.  
Der Boden, auf dem das neue Mainz sich erhebt und nach allen Himmelsgegenden kräftig ausdehnt, schenkt jahraus jahrein dem Forscher wertvolle Zeugnisse einer vielbewegten Vergangenheit. Wenn die hoch entwickelte Kunst der Neuzeit dem Wasser und Gas, sowie den Vermittlern der elektrischen Ströme das Bett der Erde ebnet, wenn für Wohnungen und Berufsstätten ein sicherer Grund gelegt wird, treten Überreste früherer Zeiten in die Erscheinung, die eine stumme, aber dennoch beredte Sprache führen. Wer die Stätten, an denen sie aufbewahrt werden, die Hallen des 'Vereins zur Erforschung der rheinischen Geschichte und Altertümer' durchschreitet, wird über die Fülle des angehäuften Materials staunen und die Bedeutung ermessen, die es für die Aufhellung früherer Kulturen, geschichtlicher Vorgänge, des wichtigen öffentlichen und privaten Lebens hat. Eine überaus rührige Forschung hat die Funde meist schon für die Wissenschaft verwertet. Während dabei umfassende Fachkenntnis und peinliche Gewissenhaftigkeit tätig waren, sind die zahlreichen, aus dem Boden gehobenen Denkmäler der Vergangenheit der jüdischen Gemeinde Mainz bis heute nur zu einem ganz geringen Teile wissenschaftlich bearbeitet worden. Rabbiner Dr. Salfeld, hat nun nach dieser Richtung hin mit drei Synagogen-Inschriften einen weiteren Versuch gemacht (Zur Geschichte der Mainzer Synagogen, Sonderabdruck aus der Mainzer Zeitschrift, Mainz 1909) und zu seinen früheren Arbeiten und zu den des verstorbenen Rabbiners Dr. Lehmann schätzenswerte Ergänzungen geliefert. Eine Beschreibung von mehr denn 1500 Grab-        
Mainz Israelit 15041909b.jpg (350366 Byte)stein-Inschriften, gewonnen aus Material, das neuerdings zutage gefördert wurde, hat der genannte Forscher gleichfalls bereits in Angriff genommen. Sie lässt eine reiche Ausbeute für hebräische Paläographie, Inschriftenkunde und jüdische Literaturgeschichte erwarten.  
Die drei hier behandelten Steine, von denen der erste bei der Kanalisierung in der Stadthausstrasse, in der Nähe der Falkischen Druckerei, der zweite und dritte bei der Ausschachtung des Fundaments für den Neubau des Tietz'schen Warenhauses gefunden ist, beweisen durch ihre Schriftcharaktere, dass sie nicht über die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts hinausreichen. Da sie alten Mainzer Synagogen eingefügt waren, müssen hier einige Bemerkungen über die letzteren vorausgeschickt werden.  
Mainz, das im Mittelalter als 'Haupt und Fürstin unter allen Städten des Deutschen Reiches' gepriesen wird, haben Juden schon zurzeit der römischen Weltherrschaft aufgesucht. Als es vom 8. Jahrhundert an einer industriellen und kommerziellen Blüte entgegenschritt, entwickelte sich in seiner Mitte ein jüdisches Gemeinwesen, das nach und nach für die Judenschaft der Diaspora tonangebend wurde, und, soweit es ihm ermöglicht wurde, gewissenhaft im öffentlichen wirtschaftlichen Leben sich betätigte. Mainzer Juden, die sich 1084 nach Speyer geflüchtet hatten, wo der Bischof Rüdiger Huozman ihre Intelligenz und ihren Fleiß für seine Stadt nutzbar machte, sprechen mit hoher Verehrung von ihrer Vaterstadt. Ein jüdischer Chronist aus dem Anfang des 12. Jahrhunderts sagt von der im ersten Kreuzzug vernichteten jüdischen Gemeinde Mainz, dass ihr Ruf in allen Ländern breitet und sie wie Gold geschätzt sei. Er hebt besonders die in ihr anzutreffende Gelehrsamkeit, Ehrenhaftigkeit und Fröhlichkeit, ihren Reichtum und ihr Wohltun hervor. Nach den Schreckenszeiten der Kreuzzüge hat die Gemeinde sich langsam wieder erholt und friedlich entwickelt, bis im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts der Blutwahn seine Furien entfesselte, zahlreiche Mainzer, Frankfurter und Wetterauer Juden 1286 zur Auswanderung zwang und den Katastrophen der Armleder-Verfolgung von 1336 bis 1337 und der sozialen Revolution mit ihren Judenbränden von 1349 bis 1349 die Pfade ebnete.  
Dass die alte Mainzer jüdische Gemeinde neben ihren blühenden Hochschulen schon früh würdige Gotteshäuser hatte, ist selbstverständlich. Die erste Erwähnung einer Synagoge stammt aus dem Jahr 1093. Drei Jahre später, am 29. Mai 1096, ward sie ein Raub der Flammen. Der bei der Verfolgung gewaltsam getaufte Vorsteher Max Isak hatte sie angezündet und darin mit seinen Angehörigen den Feuertod erlitten. (Näheres hierüber findet der Leser in den Aufsätzen: 'Zur Geschichte der Juden von Mainz' in den Nummern des 'Mainzer Journals' vom 27. Mai und vom 1. Juni 1907). Dadurch verhinderte er, dass die Synagoge zu einer Kirche umgebaut wurde, wie man beabsichtigt hatte. Neben der Hauptsynagoge bestanden noch andere Tempel. Von Mainzer Synagogen erhalten wir ferner Kunde aus einer Mitteilung zum Jahre 1188, 13. Februar. An jenem Tage bestieg der Rabbiner Juda, Sohn des Kalonymos, 'die hölzerne Tribüne', um seine Gemeinde bei drohender Gefahr, die ein Machtwort des Kaisers Friedrich Barbarossa abwandte, zu ermahnen, zu trösten und aufzurichten. Ferner erzählt uns ein Leichenstein von 1281, der dem Rabbiner Mair, Sohn des Abraham Hakohen, gesetzt wurde, von der Einäscherung der Synagoge. Nach der Flucht vieler Juden aus Mainz (1286) ist die Synagoge von den Zurückgebliebenen wohl notdürftig wiederhergestellt worden. Sie ist Eigentum der Gemeinde geblieben und nicht als 'Judenerb' in den Besitz der Stadt übergegangen. Die jüdische Gemeinde bediente sich ihrer bis zum Bartholomäustage, 24. August 1349. Auch sie ging in Flammen auf.   
Das historische Resultat, das die neugefundenen Gedenksteine ergeben, lässt sich in folgendem zusammenfassen: Die Synagoge, an die der erste Stein erinnert, ist 1271 in einer, dank der judenfreundlichen Bulle des Papstes Innocenz IV. und des Landfriedens von 1265 verhältnismäßig ruhigen Zeit erbaut worden. Sie ist in einem Volksaufstande 1281, als die Blutbeschuldigung von neuem erhoben und auch für den sogenannten 'Rheinbezirk' zur furchtbaren Geißel wurde, angezündet und demoliert worden. Die Freigebigkeit der Mainzer Israeliten ermöglichte die Ausbesserung und Wiederherstellung, wie dies der zweite Stein kündet. Als die Gemeinde von den Wunden und Schäden, die die Überfälle von 1281 und 1283 verursacht hatten, sich langsam erholte, konnte man an die innere Ausschmückung der Synagoge denken und nach Angabe des dritten Steins, einen mit Steinen ausgelegten Fußboden herstellen lassen. Das renoviert Gotteshaus bestand, wie gesagt, bis zu den furchtbaren Tagen der Verfolgung in den Zeiten des schwarzen Todes, da man die Juden der Brunnenvergiftung bezichtigte, sie zu Tausenden mordete und in den Tod trieb, ihren Besitz raubte und ihre Häuser in Schutt und Asche legte. Das gewaltige Feuer, das die Häuser des Judenquartiers in Mainz verzehrte und die Glocke der nahen Quintinskirche zum schmelzen brachte, zerstörte auch die Synagoge in der Schusterstrasse (später Nr. 41-42, jetzt Tietz'sches Warenhaus). So erzählt die fast verwitterte Schrift der älteren Gedenksteine auch ein Stück bewegter Mainzer Geschichte.   
Dass es Dr. Salfeld gelungen, den Inhalt der Inschriften richtig zu entziffern, ist ihm von einer Reihe hervorragender jüdischer Gelehrten, die Abklatsche und Photographien der Funde erhielten, bestätigt worden."       

     
     
     

Die Synagogen des 16./17.Jahrhunderts   
     
In der 1568 erstmals genannten "Judengasse", die nichts mit dem mittelalterlichen jüdischen Viertel zu tun hat, befand sich ein Haus, das 1620 als "Zur Judenschule" bezeichnet wird. Auch im Haus des Jospe Menz (gest. 1623) war ein Betsaal eingerichtet. 1594 wird eine Synagoge im Haus "Zum Kalten Bad" genannt.
1639 wurde eine Synagoge auf dem Grundstück Klarastraße/Ecke Stadionerhofstraße (neben dem Bleidenstädter Hof) eingeweiht. Nach einer Judenordnung von 1671 wurde verordnet, dass diese Synagoge binnen eines Jahres verkauft werden musste. Es gelang der Judenschaft, diese Vorschrift bis 1672 hinauszuzögern. Dann konnte der Grundstein für eine neue Synagoge zwischen Margaretengasse (spätere "Judengasse", Judenviertel) und Rechengasse gelegt werden. Diese neue Synagoge wurde innerhalb des seit 1671 eingerichteten "Judenviertels" an Stelle des von der Judenschaft erworbenen Hauses "Zur goldenen Eichel" erstellt und 1673 eingeweiht. Im Vorderhaus wurde das Rabbinat, im Keller 1684 ein rituelles Bad (Mikwe) eingerichtet.       
     
     

Die Synagogen des 18. Jahrhunderts  
    
1715/17 wurde das Synagogengebäude von 1673 vergrößert. Nach dem Umbau war es ein viergeschossiges Gebäude, worin im Erdgeschoss der Betsaal eingerichtet war, zu dem einige Stufen herabführten. Im ersten Stock waren ein Sitzungssaal und die Geschäftszimmer der Gemeinde, im zweiten Stock die "Hochschule" (kleinerer Betraum) und Wohnungen; ebenso gab es im dritten Stock Wohnungen.   
   
Die am Ende des 18. Jahrhunderts aus der Umgebung nach Mainz zugezogenen jüdischen Familien richteten sich einen eigenen Betsaal ein (im "Homburgischen" oder dem "Ledeburgischen Haus").  
     
1846 wurde im Blick auf einen seit 1844 geplanten Neubau (siehe unten) die Synagoge des Judenviertels abgebrochen; der letzte Gottesdienst war in ihr am 23. März 1846. Bis zur Einweihung der neuen Synagoge wurden die Gottesdienste der jüdischen Gemeinde in einem Privathaus gegenüber der abgebrochenen Synagoge abgehalten.  
   
   
Texte aus der Geschichte der Synagoge vor Einweihung der Synagoge 1853 aus jüdischen Periodika  
Eine in der Synagoge in Mainz 1763 gehaltene Predigt des Rabbiners Moyses Brandeis (1868)  
Anmerkung: zu dem im Text genannten Kurfürsten Emmerich Joseph von Breidbach zu Bürresheim siehe den diesbezüglichen Wikipedia-Artikel. Emmerich Joseph war am 5. Juli 1763 vom Mainzer Domkapitel zum neuen Erzbischof und Kurfürsten gewählt worden.   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Januar 1868: 
"Eine in der Synagoge zu Mainz vor 105 Jahren gehaltene Predigt.
Es liegt uns ein interessantes Schriftwerk vor, eine vom Vorstande der israelischen Gemeinde zu Mainz im Jahre 1763, also vor 105 Jahren, dem Kurfürsten Emmerich Joseph überreichte, in hebräischer und deutscher Sprache abgefasste Adresse, die zugleich eine vom damaligen Rabbiner, Moyses Brandeis, am Wahltage gehaltene Predigt enthält.
Das ganze ist sehr schön – das Deutsche in Fraktur, das Hebräische in Quadratschrift – teilweise mit goldenen Buchstaben geschrieben; es ist ein Folio-Band, der 16 Blätter enthält. Das Buch hat zwei Titelblätter, an jeder Seite eins, ein hebräisches und ein deutsches; auf beiden befindet sich, sehr schön ausgeführt, das Familienwappen des Kurfürsten samt dessen lateinischen Wahlspruch, in welchem großgedruckte Buchstaben die christliche Jahreszahl bezeichnen.
Der deutsche Titel lautet:
'Eine Den Fünften Julii 1763 an dem Freudensvollen Wahl Tag unseres gnädigsten Landes Herrn und Churfürsten Herrn, Herrn, Emmerich Joseph aus dem Reichs Hochfreyherrlichen Geschlecht Breidbach zu Bürresheim von dem allhiesigen Rabiner Moyses Brandeis auf Begehren deren Vorgängern verfasste in der Synagoge allhier in Mayntz von sammtlicher getreuer Judenschaft mit einer Illumination und Musik angestellten Dancksagung und Gebett so auf Hebräisch und Teutsch hier folget.'
Der hebräische Titel hat ähnlichen Inhalt; zu bemerken ist darin, dass 'Kurfürst' mit (hebräisch) 'Fürst und wählender Herzog ' übersetzt, und dass Bürresheim mit Berreshei' (hebräische Schreibweise) wiedergegeben ist. 'Mainz' heißt Magenza, wie es in den altjüdischen Schriften genannt wird und wie man hier noch heute in der Ketuba (Ehevertrag) schreibt. In anderen altjüdischen Dokumenten haben wir den Namen der Stadt Mantz gelesen; wahrscheinlich liegt in diesem so vielfachen Wechsel der Namensschreibweise der Grund, dass man hier schon seit Jahrhunderten keinen gt schreibt, während noch in den Toschawot von Maharil (siehe Wikipedia-Artikel) angezogen von beit Josef, Eben Haëser c. 128 – ein von Mainz aus datirtes gt-Formular abgedruckt ist. Die Stadt hieß nacheinander Manz, Minz, Magenza, Mantz, Mainz, Mainz (unterschiedliche hebräische Schreibweisen); doch dies nur beiläufig.
Ehe wir auf den Inhalt des vorliegenden Schriftstückes näher eingehen, wollen wir die darin erwähnten Persönlichkeiten beleuchten.
Kurfürst und Erzbischof Emmerich Joseph, welcher in Mainz von 1763 bis 1774 regierte, war ein Vater seiner Untertanen, als Staatsmann und Gelehrter gleich groß, als Mensch der Edelsten Einer; die Stadt Mainz hat ihm ein dankbares Andenken bewahrt und eine ihrer Straßen nach ihm 'Emmerich-Joseph- Straße' benannt. Wiewohl katholischer Kirchenfürst, ist er doch als weltlicher Kurfürst allen seinen Untertanen, den Juden wie den Protestanten ein gerechter und wohlwollender Herr gewesen.
Über den Rabbinen, den Verfasser des vorliegenden Schriftstückes, wollen wir hier aus dem Memorialbuche der Mainzer Gemeinde einige Mitteilungen machen.
Rabbi Moses Brandeis war ein Nachkomme des berühmten 'hohen Rabbi Löb' von Prag, der da der Held so vieler Sagen geworden ist; der Lehrer seiner Jugend war der Präses der Prager Jeschibah, Rabbi Abraham Brodi. Da Rabbi Moses schon in früher Jugend von seinem Lehrer mit der 'Morenu' (Autorisation zum Rabbiner) beehrt wurde, so drang sein Ruf bis nach Fürth, wo ein reicher Mann, Namens Rabbi Gabriel, ihn zum Schwiegersohn erkor, in Fürth ein Beth HaMidrasch (Talmudschule) gründete, es mit 10,000 fl. fundierte und Rabbi Moses an die Spitze desselben stellte, der zugleich das Rabbineramt Schnaittach verwaltete. Später wurde Rabbi Moses Rabbiner von Bunzlau in Böhmen, wo seine erste Gattin starb und er sich zum zweiten Male mit der Tochter des R. Baruch Austerlitz von Prag, eines Enkels des berühmten Primators von Prag, Rabbi Samuel Taußk (= Rabbi Samuel Taussig-Sachsl), vermählte. Sechzehn Jahre lang lebte Rabbi Moses als Rabbiner in Bunzlau; während dieser Zeit wurde er bei allen wichtigen Anlässen nach Prag berufen, woselbst er manchmal ein halbes Jahr verweilte. Dahin strömten viele Schüler, um seine scharfsinnigen Vorträge zu hören, so dass man ihn nie mehr anders als Rabbi Moses Moscheh Charif, d. i. der Scharfsinnige, nannte. Dieser große Ruf brachte ihm die Berufung nach Mainz, woselbst er als Stadt- und Land-Oberrabbiner 34 Jahre lang fungierte. Er starb am 23. Sivan 5527 (1767). Das Memorialbuch rühmt seine grenzenlose Frömmigkeit, sein unendliches Wissen und seine schrankenlose Wohltätigkeit; noch im hohen Alter war seine Kraft ungeschwächt trotz mannigfacher Trauerfälle in seiner Familie. Ein erwachsener Sohn Namens Rabbi Simon starb kurz vor dessen Hochzeit am 24. Ador 1733; er hätte eine Tochter des berühmten Rabbi Simon Jonathan Eibeschütz heiraten sollen; ein anderer erwachsener Sohn, Rabbi Gabriel, wurde, als Trenk's Panduren die Prager   
Mainz Israelit 08011868b.jpg (120148 Byte) Judenstadt plünderten – 22. Kislew 5505 (1774) – erschlagen (hebräisch und deutsch:), 'weil er den Namen Gottes heiligte.'  Vielleicht kann einer unserer geehrten Leser in Prag nähere Auskunft über dies tragische Ereignis geben. – Der Leichenstein des R. Moscheh Charif sowie der eines seiner Vorgänger, Rabbi Juda Löb Enosch, Verfasser des Kol Jehuda, eines Kommentars zu dem kabbalistischen Werke Asara Mi'omerot, war verfallen; in Folge dessen die hiesige Chewra Kadischa (Beerdigungsbruderschaft) auf Anlass eines eines ihrer Mitglieder, Rabbi Bär Scheuer - sein Licht leuchte -, zwei neue Leichensteine setzen ließ, für die der Herausgeber dieser Blätter die Inschriften verfasste; sie folgte hierin dem Beispiele ihrer Väter, die im Jahre 5552 für Rabbi Schimeon Hagadol einen neuen Leichenstein anstatt des verfallenen aufrichtete. – Ein Sohn des Rabbi Moses Charif, Rabbi Jacob Brandeis, war Rabbiner in Darmstadt, ein Enkel von ihm, Rabbi Abraham Brandeis, war Rabbiner in Bingen und dessen Bruder, Rabbi Sender, war Chasan in Mainz. Sowohl hier als auch in hiesiger Gegend leben noch Nachkommen von Rabbi Moscheh Charif, ja eine seiner Töchter starb erst vor noch nicht langer Zeit in Frankfurt a. M.
Das vorliegende Schriftstück enthält zuvörderst eine kurze Predigt des Rabbiners in hebräischer und deutscher Sprache. Dieselbe hebt die Zeitumstände hervor. Vergessen wir nicht, dass der Vorgang im Jahre 1763 vor sich ging, gerade zu der Zeit des Ausgangs des siebenjährigen Krieges, der Deutschland so schlimm heimgesucht hatte. Wir wollen die kurze Predigt hier in extenso wiedergeben, jedoch nach dem hebräischen Texte, den wir in jetztübliches Deutsch übertragen wollen. (Schluss folgt.). 
  
Mainz Israelit 15011868a.jpg (324954 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Januar 1868: "(Schluss.) Die Predigt selbst lautet:
'Wer kann die großen Taten des allmächtigen Gottes aussprechen und alle seine löblichen Werke preisen! (Psalm 106, 2).
'Er ist der Schöpfer des Alls, Er setzt Könige ein auf Erden, und Sein ist die Herrschaft.
'König Salomo legt dar im Buche Kohelet K. 3, dass diese Welt von der Erschaffung an bis zum Ende derselben von 14 guten und 14 bösen Zeiten, in 14 Versen, bestehe von denen wir drei in die Betrachtung ziehen wollen:
'Es ist eine Zeit zum Kriege und zum Frieden;
'Es ist eine Zeit geboren zu werden, und eine Zeit, zu sterben;
'Es ist eine Zeit zu klagen und eine Zeit, fröhlich zu sein.
'Es sind also hier drei gute und drei böse Zeiten geschildert.
'Jene drei bösen Zeiten sind über die Kurmainzer Israeliten mit aller Schwere hinweggegangen; furchtbare Abgaben, Beschränkungen und Steuern haben die hier und im ganzen Kurstaate wohnenden Israeliten seit langer Zeit derart bedrückt, dass es uns kaum möglich war, unsere Frauen und Kinder zu ernähren. Aber Not folgte auf Not. Seit mehr als sechs Jahren herrscht Krieg zwischen vielen Königen in den Ländern des Westens, die man Europa nennt, und es wurde an uns erfüllt das Wort der heiligen Schrift: Und Israel verarmte gar sehr (Richter K. 6, V. 6).
'Die Führer und Leiter unserer Gemeinde wussten sich mehr weder nach rechts noch nach links zu wenden in Folge der großen Kriegsauflagen. Also ist an uns erfüllt worden zum Bösen: 'Es ist eine Zeit des Krieges'.
'Aber nachher kam uns die Freudenbotschaft, dass Friede geworden in allen Ländern Europas. Da hofften wir, dass auch uns die Verheißung König Salomos zum Guten erfüllt werde: 'Es ist eine Zeit des Friedens'. 
'Da nun die erfreuliche Friedensbotschaft zu uns gedrungen, so erhofften wir Hilfe von unserem gnädigen Landesherrn, dem Kurfürsten, und es flehten zu ihm die Führer und Leiter der Gemeinde Mainz, sowie die aller Gemeinden des Kurstaates, dass er uns erleichtern möge die Last er Bedrückung, der Steuern und Auflagen. Aber es war ihm nicht gegönnt, uns zu helfen, er erkrankte und starb. 'Es ist eine Zeit, geboren zu werden und eine Zeit, zu sterben.' Und als er gestorben war, da beklagten wir den Tod des Landesherrn, des Kurfürsten. 'Es ist eine Zeit zu klagen.' Und so zogen über uns hinweg die drei bösen Zeiten, von denen König Salomo spricht; sie kamen rasch auf einander; aber von den guten Zeiten haben wir nicht eine erlebt.
'Allein der Schöpfer, Sein Name werden gepriesen, gelobt sei Er und gelobt sei Sein großer Name, Er kennt die Not Israels; denn so heißt es: Er, der bildet insgesamt ihr Herz, Er merkt auf all ihr Tun, - er ist's, der verwundet und wieder heilt, Er hat uns gezeigt auch bald eine Zeit zum Guten, die Zeit, fröhlich zu sein, von der König Salomo – über ihm walte der Friede – spricht.
'Siehe, eine Stimme ertönte, eine Stimme, die nicht aufhörte, dass erwählt worden zum Herrscher über alle Mainzer Lande der große, berühmte Fürst, der seinen Namen zeichnet auf Papier mit Tinte und Feder (hebräisch wie kursiv)
Emmerich Joseph, dass er Herr sei über alle Herren und Herrscher über alle Herrscher, dass er gleich einem Könige herrsche in allen Provinzen seines Reiches, als erhabener Kurfürst in allen kurmainzischen Provinzen.
'Da wir nun seit früheren Jahren gesehen und gehört haben, dass Emmerich Joseph liebevoll und barmherzig gegen die Armen und Bedrängten ist, so hat ein großer Trost unsere bekümmerten Herzen belebt, und so wollen wir denn erfüllen jetzt, dass es nach dem Ausspruche Salomos auch eine Zeit zum Fröhlichsein gibt.
'Jauchzen und Jubel herrscht im Lager Israels hier in unserer Gemeinde – Gott schütze sie – und in allen Provinzen des Mainzer Landes! Danken und loben wollen wir den Ewigen und preisen Seinen großen Namen und beten wollen wir heute in der Synagoge, die da ist ein kleines Heiligtum (hebräisch dasselbe) für unseren Herr, den frommen Kurfürsten, dessen Majestät erhöhet werde und der da heißt:
Emmerich Joseph. 'Wir wollen ihn segnen mit allen Segnungen und Glückwünschen; möge er Glück haben, wohin er sich wende, möge Gott seine Tage und Jahre verlängern bis zu hundert Jahren. Amen!'" 

     
Feier des Geburtsfestes des Großherzogs in der Synagoge (1838)    
Anmerkung: gefeiert wurde (wie auch im nachfolgenden Artikel von 1841) in der Synagoge der Geburtstag von Großherzog Ludwig II. (geb. 26. Dezember 1777; Großherzog von 1830-1848)     

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. Februar 1838: "Mainz. 7. Januar (1838). Die kirchliche Feier der hiesigen Synagoge, bei Gelegenheit des Geburtsfestes unseres Großherzogs, war diesmal eine wahrhaft würdige, treffliche deutsche Choräle erklangen, und eine inhaltsschwere Predigt setzte auseinander, wie vieles die Juden des Großherzogtums von jeher, und besonders in den neueren Zeiten, ihrem Fürsten zu danken haben. Das ist aber auch ein Punkt, der nicht genug hervorgehoben werden kann. Will man eine wirklich erfreuliche Lage dieser Staatsangehörigen sehen, so muss man sie in Hessen suchen. Zu den Wissenschaften, zu den Künsten, zu allen Gewerben, zum Feldbau, kurz zu allen Quellen ehrbarer Lebensbeschäftigungen ist hier den Juden der Weg gestattet, und ebenso wenig denkt man daran, sie im kleineren oder größeren Handel zu beschränken, obwohl man sie indirekt von dem unehrbaren Schacher abzieht, da man sie in den ehrbaren Nahrungszweigen vorzugsweise unterstützt. Ist auch die vollkommene Emanzipation als solche noch nicht ausgesprochen, so zeugen doch alle Symptome dafür, dass wir nicht mehr fern von diesem Endpunkte der gerechten Wünsche der hessischen Juden sind. Und bliebe auch dieses erwünscht Gut noch länger aus, als man erwartet, so wird schon darum die Entbehrung nciht wehe tun, weil man weiß, dass sie von keiner Intoleranz und von keinem Vorurteil ausgeht. (L.A.Z.)."           

  
Gottesdienst zum Geburtsfest des Großherzogs (1841)     

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30. Januar 1841: "Mainz, 28. Dezember (1841). Am hohen Geburtsfeste unseres geliebten Großherzogs fand in der hiesigen Synagoge ein sehr erbaulicher Gottesdienst statt. Gebete für das Wohl des Landesfürsten drangen zum Himmel, Choralgesänge wurden von den Knaben vorgetragen, und die Predigt, die Herr Rabbine Ellinger hielt, war voll der edelsten Gesinnungen, der Untertanentreue, der Menschen- und Bruderliebe. Hätte der schon in hohen Jahren stehende Greis diese Rede ebenso rhetorisch ausstatten können, als er sie herzlich meinte, so würde sie noch einen größeren Eindruck hervorgebracht haben, als sie wirklich hervorbrachte. Indessen erfreut sich dieser Mann der Achtung der ganzen Gemeinde und wird von Jedermann für loyal und tolerant gehalten. - Man sieht übrigens bei dieser Gelegenheit, dass der gegenwärtige israelitische Vorstand sich keineswegs den vernünftigen Fortschritten entzieht. Er hat seine Einwilligung zur jährlichen Konfirmation gegeben, er hat dem tüchtigen Religionslehrer Dr. Kahn jetzt einen größeren Gehalt ausgeworfen, er hat sich bereitwillig für den neuen Schulbau erklärt, insofern die freiwilligen Beiträge ansehnlich ausfallen; und ist einmal das neue Gotteshaus errichtet, dann wird auch wohl der Prediger und die regelmäßigen Predigten nicht fehlen. Endlich hat er ganz kürzlich die Anwesenheit Crémieur's in Main auf eine Weise geehrt, die ihm selbst sehr zur Ehre gereicht. (Didask.)."        

  
Abschied von der alten Synagoge (1846)     

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 13. April 1846: "Mainz, 25. März (1846). Am 23. (März) abends nahm die israelitische Gemeinde in Mainz in einem feierlichen Trauergottesdienst Abschied von ihrer alten 500-jährigen Synagoge, da dieselbe abgerissen und ein neues, prachtvolles Gotteshaus auf derselben Stätte aufgeführt werden soll."    

    
Auszug aus der alten Synagoge in eine Interims-Synagoge (1846)     

Artikel in der Zeitschrift "Der treue Zionswächter" vom 14. April 1846: "Mainz, den 24. März (1846). Gestern, als am 25. Ador (23. März), fand der Auszug aus unserer altberühmten Synagoge und der Einzug in die Interims-Synagoge statt, da, wie Ihnen bekannt, unsere alte Synagoge eingerissen und an deren Stelle eine neue erbauet wird. Das Alter unserer Synagoge kann nicht genau angegeben werden; doch wird sich wohl beim Abreißen eine Stelle vorfinden, wo dies genau verzeichnet sein wird. Gewiss ist aber, dass selbige sehr alt ist, und fand man sich hier daher veranlasst, die Zeremonie des Ausziehens mit einer besonderen, der Sache angemessenen Feierlichkeit zu vollziehen. Ich erlaube mir daher, den Lesern Ihres geschätzten Blattes eine kleine Beschreibung davon zu machen, und belieben Sie, selbige der Veröffentlichung wert zu       
Mainz DtrZionsw 14041846a.jpg (200672 Byte)erachten. Nachdem um 5 Uhr Nachmittags in der alten Synagoge noch das Mincha gebetet wurde, und das Lokal mit Andächtigen gedrängt voll war, trug Herr Moritz Reis, unser würdiger Präses des Vorstandes, die Motive vor, welche die Gemeinde dazu bestimmt hätten, zu dem Bau eines neuen Gotteshauses zu schreiten; setzte mit großer Genauigkeit auseinander, wie unter den obwaltenden Umständen der hochwürdige Rabbiner es nach den mosaisch-talmudischen Gesetzen für erlaubt erklärt hätte, diese Synagoge einzureißen, um auf demselben Platze eine neue aufbauen zu lassen. Nach diesem Vortrag betrat Herr Samuel Bondi im Namen unseres hochwürdigen Rabbinen, Herrn Leon Ellinger, welcher augenblicklich durch ein Augenübel verhindert war, die Rednerstelle, und trug die eigentliche Abschieds- oder Auszugsrede vor. Dieser Vortrag machte einen unbeschreiblich tiefen Eindruck auf sämtliche Zuhörer. Ganz besonders erregten die mit großem Nachdruck vorgetragenen Stellen: 'Wie viel Mal wurde Sch'ma Jisrael in dieser Synagoge gesagt, und wie oft Amen. Sein erhabener Name sei gepriesen immerdar in Ewigkeit? tiefe und mächtige Gefühle. Nachdem der Vortragende nach üblichem Brauch die Synagoge und den Toraschrein um Verzeihung gebittet hatte, ließ derselbe wie beim Ausgang des Versöhnungstages... sieben Mal die Schemot sagen. Wie gesagt, es lässt sich der Eindruck dieses Momentes insbesondere gewiss nicht beschreiben. Es blieb kein Herz unberührt und kein Auge tränenleer. Nach diesem sprach Herr S. Bondi noch den Wunsch aus, dass, sowie dieser Auszug in Frieden, Eintracht und Einigkeit geschehe, diese Tugenden nicht minder beim Einzug in die neue Synagoge vorherrschend sein, und jeder der Gemeindeglieder dies erleben möge. 
Nach Beendigung dieser Rede wurden nun die Torarollen aus dem Toraschrein herausgenommen und in folgender Reihe nach der Interims-Synagoge gebracht. Zuerst unser hochwürdiger Herr Rabbiner, sodann die sämtlichen Vorstands-Mitglieder, die Ältesten der Gemeinde, sämtlich mit Torarollen in der Hand. Darauf folgten sämtliche Gemeindeglieder. In der neuen Synagoge angekommen, trug der Präses des Vorstandes im Namen der ganzen Gemeinde den üblichen Tenai vor, dass man nämlich diese Interims-Synagoge später wieder zum profanen Gebrauche benutzen dürfe, sobald der Neubau vollendet sei. Zehn passende Psalmen und Maariw beschlossen diese Feier. - Bei dieser Gelegenheit zeigte unsere sämtlichen verehrten Vorstands-Mitglieder ganz besonders ihren Eifer für das religiöse und friedliebende Verfahren, und wie ihr Bestreben vorzüglich dahin gerichtet sei, den bei uns vorherrschenden Geist des religiösen Sinnes, wie der Friedfertigkeit, stets als Richtschnur ihres Verfahrens gelten zu lassen."         

      
In der Synagoge befindet sich eine Orgel (1849)      

Artikel in der Zeitschrift "Der treue Zionswächter" vom 7. Dezember 1849: "Mainz. Vielleicht haben Sie es noch nicht erfahren, dass in die hiesige neue Synagoge eine Orgel gekommen ist. Unsere hiesigen Orthodoxen blieben aber dazu nicht still, sondern legten bei der Regierung Protest ein, man sieht nächstens einer Entscheidung der Regierung deshalb entgegen. Im Falle die Orgel in der Synagoge verbleibt, so wird Mainz die erste Gemeinde Hessens sein, die sich trennt, und es wird dann sehr in Frage stehen, ob die Reformfreunde so viel Anhang bekommen, um ihre Kultuskosten zu bestreiten. Wir der Rabbinatsverweser Dr. Kahn dabei wegkommen wird, der doch mit der Reform liebäugelt, ist leicht vorauszusehen, für die Reformisten wird er nicht Redner genug sein und die andere Partei wird sich um einen tüchtigen Rabbiner umsehen. Schließlich können wir nicht umhin, Herrn Moses Reis unsere Anerkennung an den Tag zu legen, weil er wegen dieser Orgel einen gedruckten Protest erließ, wodurch bewirkt wird, dass etwa hundert Familien gegen den Vorstand protestierten. Mögen in allen jüdischen Gemeinden, in welchen die Reform ihr Haupt erhebt, immer Gemeindemitglieder sich der Sache annehmen, dann werden auch die zu Schande werden, welche die heilige Religion Israels angreifen."         

   
Fund alter Toraschrein-Vorhänge (1911)    

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 3. November 1911: "Mainz. Bei Räumungsarbeiten in der Synagoge wurden in einer alten, kunstvoll gearbeiteten Truhe aus dem Jahre 1678 Vorhänge von großem Kunstwerte aufgefunden. Es sind da Arbeiten aus der frühesten Renaissancezeit, ja sogar solche, die wahrscheinlich bei der Vertreibung der Juden aus Spanien mit nach Deutschland wanderten, denn sie weisen byzantisch-maurische Figuren auf. Manche der Stickereien erinnern mit ihren großzügigen Zeichnungen an die Zeit Rubens, andere mit ihren Blumen- und Früchtemotiven an die Blütezeit des Rokoko. Die in die Mitte der Vorhänge eingesetzten Samtspiegel mit hebräischen Inschriften sind meist jüngeren Datums, denn ehe die kostbaren Stoffe dem Gotteshause gestiftet wurden, befanden sie sich oft schon sehr lange in Privatbesitz der Familien. So erzählt eine Inschrift, dass eine Frau zur Barmizwoh ihres Ältesten ihr Brautkleid der Synagoge geschenkt habe (1749), eine andere Widmung besagt, dass der Gatte beim Tode seiner Gemahlin deren kostbares Gewand für einen Altarvorhang bestimmen ließ (1768). Die Inschriften auf diesen Synagogenvorhängen zeigen die Namen uralter Mainzer jüdischer Familien, wie Ladenburg, Hamburg, Utitz, Weltsch, Wrangkfurth, Wissibad etc.
Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Kommerzienrat B. A. Mayer, beabsichtigt, den Antrag zu stellen, die Vorhänge mit noch anderen interessanten Antiquitäten dem Mainzer Museum zu überlassen, das sodann eine Abteilung jüdischer Altertümer, wie sie anderweitig existieren, zu bilden hätte."    
 
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. November 1911: "(Funde jüdischer Altertümer.) Die Verwaltung der jüdischen Gemeinde in Mainz, die wegen des Neubaus der Synagoge mit Räumungsarbeiten beschäftigt ist, fand in einer alten, kunstvoll gearbeiteten Truhe aus dem Jahre 1678, verfertigt von Adam Riedel, eine Reihe antiker Parochot (Toraschreinvorhänge) von großem Kunstwerte. Die Vorhänge bestehen zumeist aus uralten seidenen Stoffen, die mit herrlichen Stickereien, Blumen, Früchte oder Tiere darstellend, versehen sind. Wir finden da Arbeiten aus der frühen Renaissancezeit, ja sogar solche, die wahrscheinlich aus Spanien, aus der Zeit der Vertreibung der Juden aus diesem Lande mit nach Deutschland wanderten, denn sie weisen byzantisch-maurische Figuren auf. Manche der Stickereien erinnern mit ihren großzügigen Zeichnungen an die Zeit Rubens, andere mit ihren Blumen- und Fruchtmotiven an die Blütezeit des Rokoko. Die in der Mitte der Vorhänge eingesetzten Samtspiegel mit hebräischen Inschriften sind meist jüngeren Datums, denn ehe die kostbaren Stoffe dem Gotteshause gestiftet wurden, befanden sie sich oft schon sehr lange Zeit in Privatbesitz der Familien. So erzählt eine Inschrift, dass eine Frau zur Bar Mizwa ihres Ältesten ihr Brautkleid der Synagoge geschenkt habe (1749), eine andere Widmung besagt, dass der Gatte beim Tode seiner Gemahlin deren kostbares Gewand für einen Parochet-vorhang bestimmen ließ (1768). Die Inschriften auf diesen Synagogenvorhängen zeigen die Namen uralter Mainzer jüdischer Familien, wie Ladenburg, Hamburg, Utitz, Weltsch, Wrangkfurth, Wissibad usw. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde beabsichtigt die im Besitz der Gemeinde befindlichen Vorhänge mit noch anderen interessanten Antiquitäten dem Mainzer Museum zu überlassen, das sodann eine Abteilung jüdischer Altertümer, wie sie anderweitig existieren, zu bilden hätte." 

     
     
     
Die 1853 eingeweihte Hauptsynagoge der "Israelitischen Religionsgemeinde"  
      
1844 beschloss der jüdische Gemeindevorstand den Neubau einer Synagoge am bisherigen Standort zwischen der Vorderen und der Hinteren Synagogenstraße (heute: zwischen Klarastraße und Rechengasse). Auf Grund der politisch unruhigen Zeiten (Revolutionsjahr 1848) konnte der Synagogenbau erst 1853 abgeschlossen und das Gotteshaus am 11. März 1853 eingeweiht werden. Architekt war der Regierungs- und Mainzer Dombaumeister Ignaz Opfermann. Er baute die Synagoge im maurischen (neu-islamischen) Stil. Charakteristisch war eine monumentale, dreigeschossige Fassade. Eine breite Treppe zwischen hohen Podesten führte zum Portal des Mittelrisalits. Im Betsaal gab es 764 Sitzplätze. 
    
Nach der Einweihung der neuen Hauptsynagoge (1912) wurde die Synagoge von 1853 verkauft und bis 1937 als eine städtische Lagerhalle genutzt. In der Pogromnacht im November 1938 wurde das Gebäude geschändet, 1945 bei einem Bombenangriff weitgehend zerstört. Nach 1945 wurde die Ruine abgebrochen. Bei Bauarbeiten 1993 wurde ein Werkstein von einer der Turmspitzen entdeckt und 1999 zur Erinnerung an die Synagoge im Innenhof der Landesbausparkasse Rheinland-Pfalz aufgestellt. 
    
    
Texte zur Geschichte der 1853 eingeweihten Hauptsynagoge aus jüdischen Periodika     
Für den Neubau der Synagoge konnten 60.000 Gulden gesammelt werden (1846)       

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. Januar 1846: "Mainz, 23. Dezember. Innerhalb weniger Tage ist diese Woche von wohlhabenden Israeliten die Summe von 60,000 Fl. zum Bedarf des Baues der neuen Synagoge gezeichnet worden."     

 
Einweihung der Synagoge (1853)    

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 4. April 1853: "Mainz, 12. März. (Didask.) Gestern Abend und heute Morgen wurde die Einweihung der neuen Synagoge der hiesigen israelitischen Gemeinde auf würdevolle Weise gefeiert. Gestern vor 5 Uhr war schon das neue Gotteshaus in allen seinen weiten Räumen mit Mitgliedern der Gemeinde und mit Einlasskarten versehenen Gästen angefüllt. Nicht lange nach 5 Uhr kam der Zug der bei der Abschiedsfeier in dem seitherigen Bethause tätig oder zugegen gewesenen Gemeindemitglieder in der Synagoge an und bewegte sich unter Musik und Gesang durch den mittleren Gang nach dem Heiligtume, wo unter den üblichen Zeremonien die Tora niedergelegt wurde, worauf Gesang, von den vollen Tönen der schönen Orgel und der Musik des Bürgermusikvereins begleitet, mit Gebet wechselten, bis der erste Rabbiner, Herr Dr. Aub, die Kanzel betrat und in fast anderthalbstündiger Predigt, welche des besten Eindrucks nicht verfehlte, die Bedeutung des Tages auseinander setzte. Nach der Predigt folgten noch Gesang und Gebet bis 8 Uhr, wo für diesen Tag die Feier endete, der die höchsten Zivil- und Militärautoritäten, sowie mehrere höhere Geistliche der beiden christlichen Konfessionen beiwohnten. Sprechen wir nun auch von dem Eindrucke, den das Innere des neuen Baues selbst auf uns und auf Alle machte, welche wir darüber sich äußern hörten, so war derselbe ein im höchsten Grade überraschender, großartiger. Das hohe, mit Glaskuppeln gewölbte Schiff, von zwei auf drei Seiten übereinander hinlaufenden Galerien umkränzte, unter diesen die entsprechenden Nebenräume, und alle diese Räume aufs prachtvollste durch Malereien und architektonische Verzierungen geschmückt und von dem Lichtmeer der Hunderte von Gas ausströmenden Kerzen durchstrahlt. Alles das wirkte wahrhaft zauberhaft auf den Beschauer und rief in ihm die Überzeugung hervor, dass dieser Tempel eine der schönsten Zierden unserer Stadt bilde."      

   
Über die Einweihung der Synagoge - ausführlicher Bericht (1853)    

Mainz IsrVolksschullehrer 031853 01.jpg (106278 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelitische Volksschullehrer" vom März 1853:  
(März 1853). 
Einweihungs-Feier 
der Synagoge zu Mainz. 
Freitag, den 11. März 1853.    
Eine das Judentum verherrlichende, ihre Veranlasser ehrende, bedeutungsvolle Feier hat an diesem Tage in unserer Nachbarstadt und Gemeinde stattgefunden. Sie hat der Hebung unseres Gottesdienstes einen mächtigen Vorschub geleistet, indem sie in der dortigen Gemeinde die Tatkräftigen und Eifrigen für ihre Ausdauer gelohnt und zu neuer Tätig-        
Mainz IsrVolksschullehrer 031853 02.jpg (160090 Byte)keit begeistert, die Lauen erwärmt, die Zagenden beruhigt, die Böswilligen beschämt, und in einer strengkatholischen, aber doch im Grunde ihres Herzens den menschenverbindenden Ideen des Jahrhunderts hingegebenen Stadt dem Judentume Anerkennung und seinen Anhängern Hochachtung verschafft - -  Gründe genug, um der Einweihung der neuerbauten Synagoge zu Mainz, als einem ebenso erfreulichen als denkwürdigen Ereignisse, in dieser der Weckung würdigen Gestaltung des jüdisch-religiösen Lebens gewidmeten Zeitschrift einige Blätter einzuräumen. - 
Sechs Rabbiner halfen diese Feier zelebrieren; nämlich: Herr Dr. Aub, erster Rabbiner zu Mainz; Herr Dr. Cahn, zweiter Rabbiner daselbst; Herr Dr. Levi, Provinzialrabbiner zu Gießen; Herr Dr. Sobernheim, Kreisrabbiner zu Bingen; Herr Samuel Süßkind, Stadt- und Bezirksrabbiner zu Wiesbaden, und der Herausgeber. - Freitag um 5 Uhr versammelte man sich in dem bisherigen, interimistischen, über zwei Treppen eines altfinsteren Hauses gelegenen Betsaale um daselbst das Mincha-Gebet als Scheidegruß zu sprechen. Wir sahen in manchem Auge eine Träne der Rührung; denn solcher Abschied hat immer etwas tief Ergreifendes! Herr Dr. Aub sprach hier, vor dem Herausnehmen der Gesetzrollen, einige Worte, worin er auf die Bedeutung der nun zu verlassenden Räume für die Gemeinde, die hier einige Jahre den Herr verehrt, sowie für ihn selbst, der hier seinen Bund mit der Gemeinde schloss, hinwies. - Hierauf setzte sich der Zug in Bewegung, indem der genannte Redner ausrief und die Gemeinde antwortete (hebräisch und deutsch): 
'Ich freue mich, spricht man zu mir, 
Wir ziehen zum Haus des Herrn!' 
 
Zwölf Tora-Rollen
wurden, reich verziert, von den anwesenden Rabbinern und Vorstehern getragen, auf beiden Seiten von Notabeln der Gemeinde und den Festordnern begleitet, denen sich die Gemeindemitglieder, zu drei und drei Personen, anschlossen. Dem Zuge voran gingen zwölf weißgekleidete, mit Kränzen geschmückte Mädchen im Alter von     
Mainz IsrVolksschullehrer 031853 03.jpg (164112 Byte)8 bis 12 Jahren; es waren gleichsam die Engel der Unschuld und Herzensreinheit, welche dem Gottesworte den weg bahnten beim Einzuge in das Heiligtum des Herrn. Vor dem Portale, über welchem mehrere kleine Türme sich erheben und zu welchem eine Anzahl von Treppen emporführt, die zum Feste reich mit Blumen geschmückt waren, hielt der Zug stille; der erste Rabbiner trat vor und sprach die Worte (hebräisch und deutsch):  
'Öffnet die Pforten, dass eintrete Die Gemeinde, welche den Glauben wahrt. 
Öffnet mir des Heiles Pforten, Ich trete ein und danke Gott. 
Das ist die Pforte zum Herrn, Die Frommen treten hier ein.'  

Die Pforten taten sich auf; die Posaunen erdröhnten; die Pauken wirbelten; die Orgel ließ ihre mächtigen Töne erbrausen; drein klangen helle Kinderstimmen, wie Chöre aus den Höhen, das 'Ma-tobu' in vollem Chorale anstimmend; dazu der überraschende Anblick der von unzähligen Gasflammen erleuchteten und im Glanze ihrer reichen Ornamente bräutlich strahlenden prachtvollen Synagoge - es war ein großer, unbeschreiblicher Moment! - Tränen der Rührung und des Dankes traten in meine Augen, und ich sprach mit Salomo in meinem Herzen (hebräisch und deutsch): 'gelobt sei Gott, der seinem Volke Israel Ruhe geschenkt!' - Denn ein Zeugnis besserer Zeiten, die uns Gott erleben ließ, ist dieser Tempel, erbaut von einer ehrwürdigen Gemeinde in Israel, die, bei ihrem Eingehen in die neuere Zeit und ihre fortschreitenden Grundsätze, doch den alten Gott und den alten Glauben nicht verlassen hat. - Das neue, herrliche Gotteshaus, von dem rühmlichst bekannten Baumeister Opfermann zu Mainz im Maurischen Stile ebenso würdig als geschmackvoll ausgeführt, bietet dem Auge des Beschauers im Inneren ein längliches Viereck dar, innerhalb dessen, zu ebener Erde, sich die wie Kirchensitze eingerichteten Plätze für die Männer befinden, und an dessen beiden Seiten eine Reihe schöner Säulen sich hinzieht, über deren Knauf die Hauptlehren und   
Mainz IsrVolksschullehrer 031853 04.jpg (153932 Byte)Grundgebote des Judentums in hebräischen Versen angebracht sind. Die Säulen tragen zwei übereinander hinlaufende, mit kleineren Säulen geschmückte offene Galerien für die Frauen; in der Mitte der oberen Galerie im zweiten Stockwerke befindet sich, im Westen, die Orgel - die erste in einer großen deutschen Synagoge, welche den ganzen Gottesdienst begleitet - ihr zu beiden Seiten geräumige Plätze für Knaben und Mädchen, für Sänger und Sängerinnen. Im Osten befindet sich, wie gewöhnlich, die heiligen Lage; vor ihr ein geräumiger Platz, zu welchem mehrere Stufen von beiden Seiten empor führen. Neben diesem Auftritte befindet sich die Kanzel; unter ihr, in derselben Ebene mit den Plätzen für die Männer, die Stätte für den Kantor, welche zugleich als Lesestätte für den Vortrag aus der Tora benutzt wird, und ihr zu beiden Seiten die Plätze für die beiden Rabbiner*). In der Höhe, von wannen das Licht kommt, geht der reichbemalte Plafond in zwei Fensteröffnungen aus, und das Ganze, farbenprächtig, bietet, besonders zur Abendzeit, bei hell erleuchtetem Hause und bei zahlreicher Versammlung - denn der schönste Schmuck eines Gotteshauses bleiben immer seine Besucher - einen erhebend schönen Anblick dar. - Kehren wir, nachdem wir den Leser im Geiste in das neue Haus eingeführt, zu dessen Einweihungsfest zurück! - Die Träger der heiligen Torarollen stellten sich am Stande des Vorbeters auf,    
*) In Betreff dieser Räumlichkeiten bleibt noch manches zu wünschen übrig. 1) Muss die Kanzel höher gerichtet werden, wenn der Redner im Verhältnisse zur Höhe des Hauses seine Stelle einnehmen soll; 2) muss auch die Stätte für den Kantor eine erhöhte sein, sonst kann seine Stimme, namentlich beim gewöhnlichen Gebete, die Gemeinde nicht beherrschen; 3) muss an der Rückseite des Betpultes ein Lesepult für die Tora sich befinden, dem Volkes zugewendet, denn die Tora hat der Vorbeter nicht Gott, sondern der Gemeinde vorzutragen. - Da der Raum zwischen Kanzel und heiliger Lade ohne Zweck sehr abundant ist, so werden sich diese Übelstände zum Vorteile des Ganzen leicht beseitigen lassen.   
Mainz IsrVolksschullehrer 031853 05.jpg (159703 Byte) und nachdem der Ma-tobu-Choral beendigt war, sprach der erste Rabbiner die Worte:
(hebräisch und deutsch:) 'Wie ehrfurchtsvoll ist diese Stätte!
(hebräisch und deutsch:) 'Ja dies ist Gottes Haus,
(hebräisch und deutsch:) 'Und dies ist die Pforte zum Himmel!'
Hierauf wurde zum ersten Male in dem der Verehrung des einig-einzigen Gottes gewidmeten Tempel das 'Schema Jisrael' angestimmt – ein ergreifender Moment! – und unter dem Gesange des Simchat-Tora-Festes, hoscha na wurden sodann die üblichen Umzüge auf dem für die heiligen Funktionen bestimmten Raume abgehalten und die Thorarollen unter Absingung des Chorals: 'erhebt, ihr Thore, das Haupt' ect. in die heilige Lade eingeführt, worauf der zweite Rabbiner mit dem Gebete (hebräisch) diesen Theil der Handlung abschloss.
Daran reihte sich die Einweihungspredigt mit den begleitenden deutschen Gesängen. – Herr Dr. Aub knüpfte die Einleitung seines Vortrages in passender Weise an den Wochenabschnitt (Pikudei) an und ging dann zu seinem Thema von der Bedeutung des Gotteshauses über, welches er an den Text aus Hosea 2, 21. 22. anknüpfte: (hebräisch und deutsch:) 'ich verbinde dich mir auf ewig; ich verbinde dich mir durch Recht und Gerechtigkeit, durch Liebe und Erbarmen; ich verbinde mich dir durch die Treue, auf dass du erkennest den Herrn.' – Dieser Text gab den Rednern die Einteilung von selbst an die Hand. Er stellte nämlich den Satz auf, dass das Gotteshaus seine Bedeutung darin habe, dass es ein Bau für die Ewigkeit sei; wohl werde es, wie das Haus, das ihm vorangegangen, einstselbst in Staub zerfallen, aber in ihm und durch dasselbe soll der innere unzerstörbare Gottestempel gegründet und ausgeführt werden, und die Bausteine dazu sind: Gerechtigkeit, Liebe und Treue. Dieser Vortrag, in klarer Darstellung Vergangenheit und Gegenwart würdigend, die verschiedenen Momente des menschlichen wie des Gemeinde- und gottesdienstlichen Lebens in obige drei Worte einschließend und so gleichsam alle in den neuen Tempel bedeutungsvoll einfü-   
Mainz IsrVolksschullehrer 031853 06.jpg (166132 Byte) rend, verfehlte seines guten Eindruckes nicht bei den zahlreich versammelten Zuhörern aus allen Konfessionen, und der Redner erntete, nach vollendetem Gottesdienste, - welche nach dem deutschen Einweihungsgebete in der üblichen Liturgie abgehalten wurde, - reichlichen Dank und beglückwünschende Anerkennung von allen Seiten. Dieselbe wurde auch dem würdigen Vorstande in verdientem Maße zu Teil, ihm, der unter vielen Kämpfen und unermüdlicher Ausdauer das Gotteshaus neu gegründet, das Rabbinat neu befestigt, dem Gottesdienste eine neue Bahn des Fortschrittes und der Entwicklung eröffnet, ihm, der an dem 'Baue der Ewigkeit' in seiner Gemeinde das Seinige redlich und gottesfürchtig ausgeführt, indem er, wie einst die wiedergekehrten Väter beim Baue der Mauer zu Jerusalem, mit der einen Hand baute und mit der anderen die Widersacher abwehren musste – Gedenke ihm Gott zum Guten... (nach Nehemia 5,19; 13,31). – Die zahlreich anwesenden christlichen Notabeln der Stadt waren von der ganzen Handlung und von der durchaus würdigen Haltung der dreistündigen Feier sichtlich ergriffen. Es haben aber auch Alle, welche durch ihre Mitwirkung den Gottesdienst verherrlichen halfen, das Ihrige freudig beigetragen, die Würde desselben zu wahren; die Sänger und Sängerinnen, ein zahlreicher Chor, nur aus Gemeinde-Angehörigen bestehend, - indem man einen gerechten Stolz darein setzte, nur durch eigene Kräfte das heilige Werk zu vollführen, - haben, namentlich in den Chorälen, Treffliches geleistet und ein sehr wirksames Ensemble kundgegeben; möchten sie alle in ihrem schönen Eifer ausharren! Denn wahrer Eifer darf nicht Sache des momentanen Enthusiasmus sein – ein Flackerfeuer! – sondern muss, wie das Feuer auf dem Altare im Tempel, stetig fortbrennen (ein ewiges Feuer), unauslöschlich (nicht wird es gelöscht). Selbst des Vorbeters, Herrn Lehmeier, müssen wir anerkennend Gedenken; es hat dieser Mann, schon in reiferen Jahren stehend, sich mit löblichem Eifer die neue Vortragsweise angeeignet und die betreffenden Gebete und Gesänge mit Würde und Präzision vorgeführt. Nur war es uns verdrieß- 
Mainz IsrVolksschullehrer 031853 07.jpg (167486 Byte) lich, hier wieder eine neue Art von Responsorien und Synagogenmelodien zu hören, während die Sulzer’schen – auch zu Frankfurt a. M. eingeführt und von der Gemeinde mitgesungen, so dass dieselben auch so leicht nach Mainz zu verpflanzen waren, - sich bereits in Deutschland eine große Anzahl von Synagogen erobert haben. Es ist ein ganz unbegründetes Vorteil, dass dieselben so schwer seien; es mag dies von mehreren größeren und schwierigen Pieçen des 'Schir Zion' zu sagen sein; von den Responsen und vielen Synagogenmelodien ist dies sicher nicht der Fall; Sulzer hat mit genialer Begabung die alten Synagogengemeinden benutzt, veredelt, verherrlicht; an diesen Meister sollte die deutsche Synagoge sich allenthalben anschließen; in ihm ist fast durchgehend Alles einfach und erhaben, während wir in den Mainzer Chorälen und Melodien viel Gedehntes und in den Responsen, bei Schma, Jehe scheme rabba usw. viel Schnörkel und Modulationen gefunden haben, welche der Würde und Hoheit der Aussprüche Eintrag tun. Wir hoffen doch, dass wenigstens in den Responsen in unserer Umgegend eine Einheit in den gleichstrebenden Gemeinden erzielt werde, damit, wer von einer Synagoge in die andere komme, die Genugtuung habe, bei den heiligen Sprüchen mit einstimmen zu können und sich durch den gottesdienstlichen Gesang in Harmonie mit Gleichgesinnten zu fühlen.
Einen Misston bei der schönen Einweihungsfeier gab der Umstand, dass die katholische Geistlichkeit, - eingeladen, wie die protestantische, die erschienen ist – dieser, doch sicher der Mehrung des religiösen Lebens und der Verherrlichung des Höchsten geweihten Zeremonie fern blieb. Warum? Vergibt die Eine Konfession Etwas an ihrer Würde, wenn sie die würdige Begehung eines gottesdienstlichen Festes bei der anderen beiwohnt? Darf nicht das Judentum, als die Mutter des Christentums, von dieser seiner Tochter, mag diese noch so reich und stolz erscheinen und jene für arm und abgelebt halten, die gehörige Hochachtung in Anspruch nehmen? Ist die katholische Kirche nicht auch in manchen Ländern in der    
Mainz IsrVolksschullehrer 031853 08.jpg (154725 Byte) Minderheit? War sie nicht wenigstens auch in manchen Ländern die zurückgesetzte, ecclesia pressa? Und ist es nicht ein heiliger Grundsatz – auch des Christentums: liebe deinen Nächsten wie dich selbst, d. h. die Zurücksetzung, welche dir missfallen würde, füge nicht deinem Nächsten zu? Und handelte es sich hier ja um keine Anerkennung des Judentums, sondern lediglich um eine Betätigung brüderlicher Gesinnung und bürgerlichen Gemeinsinns, und die katholische Geistlichkeit hätte sich durch eine solche Kundgebung, ebenso wie die vielen achtbaren Katholiken, welche der Feier beiwohnten, gewiss nur selbst geehrt* (*Anmerkung: siehe Beilage S. 64). – Doch genug hiervon! – Gehen wir zu einer erfreulicheren Erscheinung der Zeit über! – Am Festabend um zehn Uhr brachte, auf eigenen Antrieb, die Bürgermusik der Stadt Mainz den beiden Herren Rabbinern – eigentlicher gesprochen der guten Sache, der Sache echter Menschenliebe und heiligen Bürgerfriedens – eine glänzende Serenade. Sie ließ zu diesem Berufe, auf eigene Kosten, ein schönes Blatt drucken, welches, in Goldrahmen gefasst, in vielen Exemplaren den Herrn Rabbinern und Vorstehern überreicht wurde, und worauf sich die Worte befanden: 'Serenade zu Ehren der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde, repräsentiert durch die ehrenwerten Herren Dr. Aub und Dr. Cahn, nach feierlicher Verrichtung des ersten Gottesdienstes in der neu erbauten Synagoge, am 11. März 1853, dargebracht durch die Mainzer Bürgermusik, unter der Leitung des Herrn Ferdinand Walter.' (Programm). Die gespielten Pieçen wurden mit großer Meisterschaft und mit sichtlichem Fleiße aufgeführt; Tausende von Menschen waren als Zuhörer versammelt; die hellen und klaren Töne wogten feierlich durch die lauschende Nacht, und verkündeten laut und trostvoll, dass weit hinter uns liegen die finsteren Zeiten, wo die Bürger in die Judengassen eindrangen, um arme Verfolgte zu misshandeln; wo Hass und Feindschaft und Rachegefühl das Leben der Völker mit ungelösten    
Mainz IsrVolksschullehrer 031853 09.jpg (160082 Byte) Dissonanzen erfüllte. Wo aus der Synagoge Weh- und Jammergeschrei aufstieg zu Gott über die Unterdrückung von Menschen zu Menschen! – Hört diese Töne, ihre benachbarten finsteren Giebeldächer der Judengasse, ihr Zeugen einer alten versinkenden Zeit! Die Bürger sind gekommen mit klingendem Spiel in eure Nähe, um Frieden und Freude zu verkünden und in Liebe zu sühnen die Schuld der Vergangenheit! Höre diese Töne, benachbartes freundliches, heute geweihtes Gotteshaus, Zeuge einer neuen aufgehenden Zeit! Die Bürger sind gekommen, dir den Willkommensgruß zu bringen, dir, aus dessen Mitte Lob und Dankgesänge emporsteigen sollen, zu Gott für die bessere Zeit, welche er uns geschenkt hat. – Es gibt einen heiligen Dreiklang, der heißt: Gott, Menschheit und Vaterland; in diesen Dreiklang werden alle Misstöne der Gegenwart sich lösen in einer immer siegreicher herannahenden, weltverbrüdernden Zukunft. – 
Am Sabbatmorgen, nachdem der Frühgottesdienst (Schacharit) um 7 Uhr abgehalten worden war, begann um 9 Uhr der Hauptgottesdienst mit dem Lesen aus der Tora und der deutschen Haftara, worauf Herr Rabbiner Dr. Cahn die zweite Festrede abhielt über den Text aus Jesaias 26, 2. (hebräisch und duetsch:) 'öffnet euch, ihr Tore, dass einziehe das Volk, das gerechte, welches die Treue bewahrt.' Der Redner sprach über die Treue, die wir dem Gotteshause schuldig sind, beherzigende Worte und legte in einem sehr bezeichnenden Gleichnisse von einem großen, herrlichen Palaste, dessen schöne Räume leer und verlassen stehen, und einer kleinen, dunklen Hütte, wo eine Familie gemütlich und einig beisammen wohnt, den versammelten Gemeinde-Angehörigen die Pflicht ans Herz, das neuerbaute Gotteshaus fleißig und gewissenhaft zu besuchen, damit nicht das frühere alte, dunkle Haus, welches die Familie einigte, dem jetzigen neuen und herrlichen Palaste vorzuziehen sein möchte, wenn in diesem die Gemeindefamilie fehlen würde. – In diese Ermahnung können wir nur von ganzem Herzen einstimmen! – Zur Steigerung und Erhaltung der Frequenz des     
Mainz IsrVolksschullehrer 031853 10.jpg (175681 Byte) Gottesdienstes wird aber eine Läuterung des letzteren das Ihrige gewiss beitragen. Wir haben in dem Vorworte zur hiesigen Gottesdienstordnung (Volkslehrer B. I. S. 23.) die Wahrnehmung ausgesprochen, dass, sobald wir den alten jüdischen Gottesdienst zu ordnen beginnen, uns seine Mängel erst recht entgegen treten; denn sein Übermaß war auf die Unordnung berechnet. Gleich am ersten Sabbate traf diese Wahrheit beim Gottesdienste zu Mainz klar hervor, und die Rabbiner und Vorsteher haben den Vorsatz gefasst, Lücken auszufüllen und Übermäßiges abzustellen, wie Zeit und Gelegenheit es gebieten und gestatten. – Namentlich tritt das Bedürfnis eines neuen Gebetbuches überall dringend und unerlässlich hervor, wo die bessere Ordnung unter Gesang und Orgelgesang ihren Einzug feiert, und hoffentlich werden die benachbarten, in ihrem Streben sich nachstehenden Gemeinden sich in Bälde vereinen, um wenigstens über die Grundzüge eines Gebet- und Andachtsbuches (denn die häusliche Andacht muss mit besorgt und neuerbaut werden) eine Verständigung zu erzielen. –
Samstag Abend wurde die schöne Festesfeier mit einem Festmahle geschlossen, welches Vorstand und Ausschuss den Gästen veranstalteten, und bis Morgens um 3 Uhr hielt die freudige Stimmung die Gesellschaft beisammen. Ernste und scherzhafte Toaste, Gesang und anregende Diskussionen wechselten und gaben dem Mahle den Charakter bald eines brüderlich frohen Zusammenseins, bald eines weihevollen 'Symposions'. Trinksprüche auf die Ehrengäste, auf die beiden Herren Rabbiner zu Mainz, dann auf die Verdienste des Vorstandes, namentlich seines würdigen, energisch ausdauernden Vorsitzenden, Herrn Leopold Goldschmidt, sowie auf das Zusammengehen des Ausschusses mit dem Vorstande in allen gemeinnützigen Angelegenheiten wurden in rheinländisch kordialer Weise ausgebracht und beantwortet, wobei wir insbesondere die Erwiderung des geistreichen Präses des Ausschusses, Herrn Dr. Creizenach, hervorheben müssen. Herr Rabbiner Dr. Levi nahm von der Anwesenheit eines greisen (orthodoxen) Ausschussmitglieds die Gelegenheit, in einem Toaste den Wunsch    
Mainz IsrVolksschullehrer 031853 11.jpg (164556 Byte) auszusprechen, dass diesem Beispiele die übrigen noch dissentierenden Alten in der Gemeinde folgen mögen. – Herr Rabbiner Dr. Sobernheim sprach als Vertreter der Rheinprovinz und würdigte in einem, allgemein Anklang findenden Toast den elften März, an welchem nun vor 41 Jahren (1812) jenes Preußische Emanzipationsedikt bei den Israeliten des Rheinlands so freudige Hoffnung erregte. Seien diese auch teilweise wieder vereitelt worden, so dokumentierte doch dieser Tag die Macht einer voranschreitenden besseren Zeit, und in ihrem besseren Geiste sei auch das gestern neugeweihte Gotteshaus errichtet worden. – Herr Rabbiner Süßkind sprach von dem Eindrucke, welchen das reiche Gaslicht am gestrigen Abende auf ihn machte, als er mit der Tora in die Hallen des neuen Gotteshauses einzog. Das Gaslicht aber sei Naturlicht, ein Kind der Wissenschaft in der neuen, die Tora das Licht Gottes, die Mutter des Glaubens aus der alten Zeit: beide sollen zusammengehen, die Wissenschaft und der Glaube; ihrem Vereine galt des Redners innigster Trinkspruch. – Schreiber dieses  brachte das Wohl der israelitischen Gemeinde zu Mainz aus, indem er die Hoffnung aussprach, dass, wie an dieser schönen Stadt der Rhein- und Mainstrom nebeneinander hergehen, bis jener diesen überwältigt und brüderlich in sich hinüberzieht, so in der Gemeinde die strebende Mehrheit die widerstrebende Minderheit in sich hinüberziehe, dass beide als Ein majestätischer Strom dem Ziele der Ewigkeit zustreben, in der Tiefe das fromme Gefühl unergründlich bergend, und von ihrem Spiegel die Klarheit des religiösen Gedankens sonnig wiedergebend.-
Möge der allgütige Gott die Wünsche alle in Erfüllung gehen lassen, welche bei diesem Feste für das Wohl einer der ältesten Gemeinden in Israel rege wurden! – (hebräisch und deutsch:) 'Möge Friede herrschen, o Mainz, in deiner Ringmauer, Eintracht in deinen hochstrebenden Häusern! Um meiner Brüder und Freunde willen wünsche ich Frieden für dich, umwillen des Hauses, unserem Gott und Herrn geweiht, bete ich für dein Heil!'.  
Mainz IsrVolksschullehrer 031853 12.jpg (151064 Byte) Beilage (zu S. 60.)
Wir freuen uns, im folgenden Aktenstücke, - einem Briefe, welche Seine Excellenz der Staatsminister, Herr v. Dalwigh zu Darmstadt, früher Regierungspräsident zu Mainz, an den israelitischen Gemeinde-Vorstand daselbst geschrieben – einen Beweis der Hochachtung und der Teilnahme, welchen die Regierung für das geschilderte Fest kundgeben, in weiteren Kreisen bekannt machen zu können. – Der Brief lautet:
'An den verehrlichen Vorstand der israelitischen Gemeinde zu Mainz! – In Ihrem gefälligen Schreiben vom 2. I. M. habe ich dankbar einen ehrenden Beweis fortdauernden freundlichen Andenkens erblickt. Ich war einst Zeuge der rühmlichen und unermüdeten Bestrebungen, durch welche es dem Vorstande der israelitischen Gemeinde zu Mainz gelungen ist, ein so würdiges Gotteshaus, wie das dortige, herzustellen, und ich kann nicht ohne wahre Befriedigung daran denken, dass unter meiner früheren Verwaltung ein so schönes Denkmal der Religiosität, des Bürgersinnes und des kräftigen Willens des israelitischen Religionsverbandes und der israelitischen Religionsgemeinde zu Mainz entstanden ist. – Mit wahrer Freude würde ich deshalb dem bedeutungsvollen Feste beigewohnt haben, zu dem ich von Ihnen mit einer Einladung beehrt worden bin. – Leider gestatten mir meine Amtsgeschäfte nicht, an dem von Ihnen bezeichneten Tage Darmstadt zu verlassen, aber meine Gedanken und Erinnerungen werden bei Ihnen sein. Entschuldigen Sie die Verspätung dieses Schreibens mit einer bisher nicht aufgegebenen Hoffnung, die Reise nach Mainz doch noch möglich machen zu können, und empfangen Sie die erneuten Versicherungen meiner wohlbekannten vorzüglichen Hochachtung.
Darmstadt, den 8. März 1853.  (gez.) von Dalwigh.'
Bemerkung. Auf Anregung des Herrn Dr. Aub ist der Tag der Einweihung noch besonders durch Stiftung einer Waisenanstalt geheiligt worden, wovon im nächsten Hefte. – Auch die Einweihungspredigt hoffen wir in einem der folgenden Hefte geben zu können.. 

 
Feier des Jahrestages der Einweihung der Synagoge - zwei Israeliten wurden als Stadträte gewählt (1854)     

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 13. März 1854: "In dem benachbarten Mainz wird Samstag, den 4. März der Jahrestag der Einweihung der dortigen prachtvollen Synagoge feierlich begangen werden. – Es wurden daselbst zwei Israeliten als Stadträte gewählt, wobei nur das von Interesse ist, dass diese zwei Herren von ultramontaner Seite vorgeschlagen und durchgebracht wurden."      

  
Zerstörungen an der Synagoge durch die Pulverturmexplosion (1857)   
Anmerkung: am 18. November 1857 verwüstete eine Pulverturmexplosion Teile der Stadt Mainz. Es gab dadurch 42 Todesfälle, 57 ganz zerstörte und 64 teilweise zerstörte Häuser. Kein Haus der Stadt blieb unbeschädigt. Auch die St.-Stephan-Kirche wurde sehr stark beschädigt. Vgl. Wikipedia-Artikel "Pulverturm (Mainz)"  

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. Dezember 1857: "Worms, im Dezember (1857). (Privatmitteilung) In Folge der furchtbaren Katastrophe in Mainz musste der Gottesdienst in den beiden Synagogen einige Zeit unterbrochen werden, da die Oberfenster der Neusynagoge und die Fenster der Altsynagoge zerstört wurden. Dass keiner unserer Glaubensgenossen getötet, oder tödlich verwundet verwundet wurde, haben Sie bereits berichtet; es verdient aber noch mitgeteilt zu werden, dass der um 2 Uhr abgelöste Posten vor dem Pulverturm ein österreichischer jüdischer Soldat war, der ein Opfer der Explosion geworden wäre, wenn er den Postendienst von 2-4 hätte versehen müssen; eine ebenso merkwürdige Lebensrettung ereignete sich in einem Hause, wo eine jüdische Dame (von hier gebürtig) ihren Säugling aus der Wiege nahm, wohinein im nächsten Augenblick ein schwerer Stein, durch das Fenster dringend, fiel. Dass unsere Glaubensgenossen unter Die gehören, welche durch überraschend große Summen zur Unterstützung der Mainzer sich auszeichnen, brauche ich wohl kaum zu sagen; dagegen ist es ein seltsamer Zufall, dass zu den Mitgliedern des in Paris sich gebildeten Hilfskomitees ein Dr. Bamberger (Israelit) gehört, welcher, in Mainz gebürtig, nach 1848 von dort flüchten musste; der hessische Gesandte in Paris darf ihm keinen Pass nach Mainz erteilen, wohl aber mit ihm im Wert der Menschenliebe sich vereinigen, und hat das Haus, mit dem Dr. Bamberger liiert ist, 4000 Fl. zur Unterstützung der Mainzer beigesteuert. - "     

  
In der Hauptsynagoge ("Orgel-Synagoge") findet die Konfirmation statt - Kritik von orthodoxer Seite (1869)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Mai 1869: "Mainz, den 18. Mai. Wie alljährlich wurde auch eben am verflossenen Schabuoth-Feste die feierliche Konfirmation in der Orgel-Synagoge vollzogen. Da während der Feierlichkeit Regenwetter eintrat, so standen Droschken und Equipagen vor der Synagogen-Türe, und Konfirmanden und Konfirmandinnen, welche soeben die Heilighaltung der jüdischen Religion feierlich schworen hatten, fuhren nach Hause, den heiligen Festtag sofort öffentlich entweihend! Welch ein frevelhaftes Spiel! –"       

 
30-jähriges Bestehen der Synagoge und 30-jähriges Jubiläum von Chordirigent und Organist Johann Staab (1883)   
Anmerkung: Johann Staab war nicht jüdischer Konfessionszugehörigkeit; die Orgel konnte z.B. am Sabbat nicht von einem jüdischen Organisten gespielt werden.   

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 27. März 1883: "Die israelitische Gemeinde zu Mainz feierte am 10. d. W. den 30-jährigen Bestand ihres neuen Gotteshauses und gleichzeitig das Jubiläum ihres Beamten, des Chordirigenten und Organisten Herrn Johann Staab. Ist es schon keine leichte Aufgabe, ein solches Amt treulich zu pflegen, so war es vor 30 Jahren für einen Andersgläubigen doppelt schwierig, israelitische Gesänge chorgerecht einzuüben. Herr J. Staab verstand dies alles nicht nur vorzüglich, sondern komponierte die Gesänge, die noch heute in der Gemeinde als mustergültig gelten. Die Festrede in der Synagoge hielt Herr Rabbiner Dr. Salfeld. Nach beendigtem Gottesdienste überreichte der Präses der Gemeinde, Herr Oppenheim, im Namen derselben Herrn Staab einen silbernen Pokal. Am Abend fand ein Festmahl statt."      

  
50-jähriges Bestehen der Synagoge (1903)  
Anmerkung: der genannte Prof. Fritz Volbach (1861-1940) war seit 1891 Musikdirektor in Mainz, Wikipedia-Artikel Fritz Volbach.   

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 20. März 1903: "Mainz, 16. März. Samstag feierte die israelitische Gemeinde den Tag, an dem vor 50 Jahren die Synagoge eingeweiht wurde. Herr Rabbiner Dr. Salfeld, der die Festpredigt hielt, hat zu dem Gedenktag eine Schrift: 'Bilder aus der jüdischen Vergangenheit Mainz' verfasst, die von mehr als nur lokalem Interesse ist. Eine von Herrn Professor Volbach komponierte stimmungsvolle fünfminütige Motette gelangte durch Mitglieder der Liedertafel und des Damengesangvereins, ein Psalm von Schubert unter Mitwirkung der Herren Werner und Suppantschitsch in würdiger Weise zum Vortrag."    

   
Überlegungen zum Neubau einer Synagoge (1906)      

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 28. September 1906: "Mainz. Der Neubau der Synagoge wurde in einer vertraulichen Sitzung der Höchstbesteuerten der israelitischen Gemeinde beraten. Als Platz für die Synagoge dürfte der Platz, auf dem die Gendarmeriekaserne steht, in Frage kommen, welcher Platz von der Regierung der Stadt zum Kaufe angeboten ist.
Gelegentlich des Roschhaschonoh-Festes (Neujahrsfestes) sollte die bisherige Synagoge polizeilich gesperrt werden, da bei der an den hohen Feiertagen herrschenden Überfüllung die Eingänge in Rücksicht auf Feuersgefahr unzulänglich sind; nur der Intervention des Herrn Stadtbaumeister Rühl ist es zu verdanken, dass die Polizei ihr Verbot wieder zurückzog."    

  
Soll die alte Synagoge umgebaut oder eine neue Synagoge gebaut werden (1907)  

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 25. Oktober 1907: "Mainz. Erbauung einer neuen Synagoge oder Umbau der alten Synagoge? Mit dieser Frage beschäftigte sich der Vorstand der israelitischen Gemeinde schon seit längerer Zeit. Es liegen zwei Kostenanschläge vor, nach dem einen derselben würde sich der Umbau der alten Synagoge mit einer Summe von 160.000 Mark bewerkstelligen lassen, während der Neubau einer Synagoge eine Summe von 350.000 Mark erfordern würde, ein Vertrag, den sowohl die Herren O. Hauswald und Gebr. Mertens, wie auch die Herren Architekten Jürgens und Bachmann - Berlin, die Erbauer der neuen Synagoge in Frankfurt a. M. für ausreichend erklärten. Aus einer dem Vorstand unterbreiteten Eingabe, welche sich für den Neubau einer Synagoge ausspricht, entnehmen wir folgendes: 'Nachdem festgestellt worden ist, dass ohne weitere Erhöhung der Steuern ein Neubau durch Vermieten der Plätze finanziert werden kann, und nachdem festgestellt worden ist, dass ein unserer Gemeinde würdiges Gotteshaus für 350.000 M. gebaut werden kann, kann man nie und nimmer begreifen, wie man 160.000 M. zum Umbau einer alten Synagoge ausgeben kann, deren Lage heute eine geradezu unwürdige ist. Die Störungen des Gottesdienstes durch den Lärm in den engen Gassen, das Geschrei unzähliger Kinder und streitender Weiber braucht den Besuchern der Synagoge gewiss nicht erwähnt zu werden.' In der Eingabe wird dann weiter mitgeteilt, dass bereits für einen Umbau die Zinsen von 160.000 M. durch Steuern gedeckt sind, dass mithin für einen Neubau nur nur noch 200.000 M. fehlen, dass aber die Zinsen und die Amortisation dieses Betrages durch die Sesselmiete leicht gedeckt werden könne."         

 
Die alte Synagoge soll zu einem Museum für israelitische Altertümer umgebaut werden (1912)    

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 20. September 1912: "Die in der Margaretengasse befindliche alte Synagoge zu Mainz wird zu einem Museum für israelitische Altertümer eingerichtet werden. Ein Teil der höchst wertvollen Vorhänge wurde in dem Trausaal der neuen Synagoge verwendet."   
 
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 25. September 1912: "Mainz. Nachdem die neue Synagoge in Benutzung genommen ist, soll die alte Synagoge in ein Museum für jüdische Kunst umgewandelt werden."  

     
     
     
Die orthodoxen Betsäle/Synagogen der "Israelitischen Religionsgesellschaft"  
  
Da in der 1853 eingeweihten Hauptsynagoge eine Orgel eingebaut und weitere Reformen durchgeführt wurden (Almemor nicht mehr in der Mitte des Betsaales u.a.m.), beschlossen die Orthodoxen der Gemeinde, einen eigenen - zunächst provisorischen - Betraum einzurichten und in diesem Gottesdienst in traditioneller Weise abzuhalten. Seit 1855 wurden die Gottesdienste vorübergehend im Gasthaus "Zur Stadt Darmstadt" abgehalten (Vordere Judengasse/Synagogenstraße 20). 
   
Am 24. September 1856 konnte auf dem Eckgrundstück Flachsmarkt-/Margarethenstraße eine orthodoxe Synagoge eingeweiht werden. Der Entwurf stammt von Architekt Albert. Nach 20 Jahren zeigten sich allerdings erhebliche Bauschäden, sodass 1877 mit den Planungen für einen grundlegenden Um- beziehungsweise Neubau begonnen wurde. Eine neue orthodoxe Synagoge wurde nach Plänen von Stadtbaumeister Eduard Kreysig im maurischen Stil erbaut und am 26. Mai 1879 eingeweiht. Sie bot 300 Personen Platz. Der Zugang erfolgte zwischen den Gebäuden Margarethenstraße 19 und Flachsmarktstraße 25. 
   
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge durch einen Brand beschädigt, die Inneneinrichtung völlig zerstört. 1939/40 wurde das Gebäude abgebrochen. Ein hebräischer Inschriftenstein ist erhalten, der 1983 auf dem jüdischen Friedhof entdeckt wurde. Er war 1879 aus Palästina nach Mainz gebracht worden und hatte auf dunklem Marmor eine vergoldete Inschrift (siehe Pressebericht unten von 1879) mit einem Zitat aus Psalm 102,15: "Denn es lieben deine Diener ihre (sc. Zion's) Steine und seinem Staube sind sie hold".   
  
  
Texte zur Geschichte der orthodoxen Betsäle / Synagogen der "Israelitischen Religionsgesellschaft" aus jüdischen Periodika     
Einweihung der Synagoge der Religionsgesellschaft (1856)    

Mainz Jeschurun 011856.jpg (138074 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Jeschurun" vom Januar 1856: "Mainz. Am 24. Sept. fand die Einweihung der von dem frommen Teile der hiesigen Gemeinde neuerbauten Synagoge, unter der freudigen und aufrichtigen Teilnahme der gesamten Bevölkerung statt. Es ist dies der gerechte Tribut, der jedem aufrichtigen wackeren Streben, das für die Sache, die es als die heilige erkannt, vor keinem Opfer zurückschreckt, geschuldet wird. Denn wahrlich an Opfern hat es das kleine Häuflein Männer, deren Herz noch warm für die heilige Sache unseres Volkes schlägt, nicht fehlen lassen, und so wie es mit eine der trüben, schmerzlichen Folgen der Gegenwart ist, dass die frommen Juden um ihren Gewissenspflichten zu genügen gezwungen sind, die ihnen teuren Stätten der Väter, an die sich so manche heilige Erinnerung knüpft, zu verlassen, so liegt doch gerade in Erscheinungen wie hier, in der mit den größten Opfern verbundenen und unter den beständigen Anfeindungen der Gegner unternommenen Bildung einer neuen Gemeinde, in der Erbauung einer Synagoge, in der Gründung einer Schule, die Bürgschaft, dass das alte Judentum, das man so gerne als veraltet schimpft, doch noch nicht allen Boden in den Herzen seiner Bekenner verloren, und dass es noch Kreise gibt, die es in sich zur Wahrheit machen wollen und ihm immer neue Stätten bereiten. Die Beschreibung der Festlichkeiten, die, wie schon bemerkt, unter der allgemeinen Teilnahme der Behörden und der gesamten christlichen Bevölkerung stattfanden, so dass z.B. in den Straßen durch welche sich der Festzug bewegte, alle Häuser mit Flaggen, Fahnen, Teppichen etc. geziert waren, werden Sie wohl schon aus den öffentlichen Blättern erfahren haben. Wir haben nur den einen Wunsch, dass unsere junge Gemeinde unter der wackeren Führung ihres Rabbiners, des Herrn Dr. Lehmann, der durch seine treffliche Einweihungsrede von Neuem bewies, wie treu und aufrichtig er es mit der heiligen Sache meine, unter dem Beistande Gottes zu immer größerer Blüte und Vollendung gelangen möge."   

  
Feier des Geburtstag des Großherzogs in der Synagoge (1860)      

Mainz Israelit 13061860.jpg (53411 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. Juni 1860: "Mainz, 10. Juni. In unserem gesegneten Lande, in welchem die Emanzipation in voller Wirklichkeit schon seit einer langen Reihe von Jahren durchgeführt ist, und, was mehr ist als das, in welchem Gewissensfreiheit auch den gesetzestreuen Israeliten einer reformtüchtigen Majorität gegenüber gegönnt ist, ist der 9. Juni, der Geburtstag des Monarchen, immer ein froher Festtag. Derselbe wurde auch gestern in der Synagoge der israelitischen Religionsgesellschaft (orthodoxer Richtung) hierselbst unter großer Betheiligung und in ergreifender Weise durch Gebet, Gesang (Psalmen und Ursprache) und Predigt gefeiert."     

    
Über den Gottesdienst in der Synagoge der Religionsgesellschaft (1862)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Juni 1862:  "Der Gottesdienst in der Synagoge der isr. Religionsgesellschaft zu Mainz, von Oberlehrer Fuld.
Das innere Leben des Menschen, die Welt seiner Gedanken und Gefühle von dem höhern und für das höhere Leben, der Glaube an das Göttliche, der in ihm wohnt, die erreichte höhere Vollkommenheit seiner Seele, tritt in keiner Lebenserscheinung so charakteristisch und eigentümlich hervor, wie in der öffentlichen Gottesverehrung. Je mehr der Mensch sich für das Höhere und Himmlische zu begeistern vermag, desto tiefer hat sein religiöser Glaube Wurzel geschlagen, desto kräftiger ist seine religiöse Überzeugung geworden. Er nimmt vermöge seines inneren Lebens einen höheren Standpunkt auf der Stufenleiter menschlicher Veredlung ein; denn er wird abgezogen von niederem Streben; sein Leben erhält eine höhere Richtung, ist einem höheren Lebenszweck gewidmet. Während der Geist des im sinnlichen Genusse Schwelgenden stets von seiner himmlischen Urquelle mehr entfernt wird und am Ende alle Empfänglichkeit für die Erfassung der höhern Wahrheit verliert, gewinnt der Geist des ersteren stets eine höhere Klarheit in der Erfassung göttlicher Dinge.
Dieses innere religiöse Leben ist einesteils ein Produkt unserer gewonnen religiösen Erkenntnis; denn durch dieselbe entsteht der religiöse Gedanke, und dieser hat die Erweckung religiöser Gefühle, deren Keime im menschlichen Herzen vorhanden sind, zur unmittelbaren Folge.
Der Geist des Israeliten wird durch das religiöse Wissen nach Oben gelenkt. Die Menschheit tritt ihm in ihren höchsten Idealen vor Augen, und eine neue Gedanken- und Gefühlswelt muss die notwendige Folge davon sein. Je reicher und klarer die gewonnene Erkenntnis, desto reicher auch das innere Leben, wie unsere Weisen sagen (hebräisch und deutsch:) 'eine reichere Torakenntnis schafft ein reicheres Leben'; desto kräftiger werden auch diese 
Mainz Israelit 18061862b.jpg (398896 Byte) durch die heilige Lehre geweckten Gefühle in den religiösen Handlungen zu Tage treten. Diese äußere Erscheinung der religiösen Gedankenwelt muss dadurch bei der öffentlichen Gottesverehrung da am meisten hervortreten, wo eine gegenseitige Anregung stattfindet und wo die religiösen Gefühle zur freien Entfaltung kommen. Freilich müssen je nach der individuellen Beschaffenheit der menschlichen Temperamente auch bei gleichem Erkenntnisgrade, Grade des Unterschiedes in der Erscheinung nach Außen stattfinden; aber diese Unterschiede berühren das eigentliche Wesen des in der Tat sich ausprägenden religiösen Lebens nicht.
Andernteils ist das innere religiöse Leben ein Ergebnis der auf den Menschen so mächtig einwirkenden Wechselfälle des Lebens; doch diese vermögen wohl momentan den Sinn demütig zu machen, ein inneres religiöses Leben vermögen sie jedoch nur dann zu schaffen, wenn eine religiöse Erkenntnis mitwirkt.
Diese innere Welt des religiösen Denkens und Fühlens tritt uns – wir haben dies an den jüngsten Feiertagen wieder so recht in vollem Maße empfunden – in der herrlichsten und erhebensten Entfaltung in der Synagoge der israelitischen Religionsgesellschaft zu Mainz entgegen. Auf diese andächtige Versammlung hinblickend, fühlen wir uns mächtig ergriffen und zu gleicher Andacht angeregt. Wir glauben uns zurückversetzt in jene schöne Periode der Vergangenheit, wo das jüdisch religiöse Leben so kräftig zu Tage trat, wo die heilige Lehre noch das ganze israelitische Leben beherrschte. Wir sehen, dass diese Gemeinde nicht aus den Katechismen der Neuzeit die Begeisterung für die Bewahrung ihrer alten Institutionen geschöpft, sondern aus dem Munde gottesbegeisterter Lehrer, an der unmittelbaren Quelle der Tora selbst. Es ist der religiöse Ernst, es ist die tiefste, unerschütterlichste religiöse Überzeugung; es ist der unverkennbarste Eifer für die genaue vorschriftsmäßige Beobachtung der göttlichen Gebote; es ist die alte in ihrer vollsten Herzlichkeit sich entfaltende Anhänglichkeit an den väterlichen Glauben; es ist die Reihe der in der heiligen Sprache liegenden Klänge, die uns mächtig anregen und den Unterschied zwischen den urkräftigen alten und den nach Willkür beschnittenen lückenvollen und mangelhaften Institutionen der Neuzeit fühlbar machen. Dabei würde man aber irren, wenn man glauben wollte, weil das religiöse Gemüt hier so ohne allen Formenzwang der Neuzeit sich naturwüchsig entfalten kann, es würde den ästhetischen Anforderungen der Gegenwart nicht Rechnung tragen, und es wäre in dieser Beziehung auf die äußere Einwirkung keine Rücksicht genommen. Freilich bedarf es in dieser Synagoge der Einwirkung von Außen durch kirchliche Musik und Choräle nicht. Den Besuchenden ist der Besuch des Gotteshauses religiöses Bedürfnis; sie bringen die andächtige Stimmung mit, ohne dass dieselbe durch Choralgesang und Orgelspiel geweckt zu werden braucht; dessen ungeachtet sind die ästhetischen Anforderungen der Neuzeit nicht unbeachtet geblieben. Die Gemeinde besitzt zunächst einen Vorsänger, begabt mit einer herrlichen Stimme und voll warmer Begeisterung für die Heiligkeit seines Amtes. Mit ihm wirkt, unter der Leitung eines tüchtigen Gesangslehrers, ein Chor von Dilettanten und Schulkindern, dessen Leistungen hinter denen anderer großer Städte durchaus nicht zurückstehen, und der einer immer größeren Vollkommenheit entgegengehen muss, weil seine Mitglieder nicht, wie in anderen Städten, des Lohnes wegen, sondern rein der guten Sache ihre Gesangskräfte widmen. Das Mitwirken eines Chors bestand schon in der alten Synagoge seit etwa 30 Jahren. Seine Wirksamkeit greift indessen nicht so tief in das Wesen der Gebete ein, dass die Gemeinde zur Passivität gedrängt würde. Er begleitet den Vorsänger bei der Einleitung des Sabbats (lecha dodi etc. etc.); dahingegen bei solchen Gebeten, da die Gemeinde in ihrer Gesamtheit mitzubeten hat, wie z.B. bei der keduscha, wirkt kein Chor mit. Dabei ist hervorzuheben, dass die Eigentümlichkeiten der hebräischen Melodien in den Chorälen beibehalten sind, so dass dieselben weder zu viel an das Kirchliche, noch an das Profane streifen. Betrachten wir die winzigen Anfänge dieser Gemeinde, so müssen wir staunen, wie aus so Geringem sich so Großes entwickelt hat. Wenn der Mensch für die höchsten und heiligen Güter, die er besitzt, Opfer zu bringen vermag, dann erscheint er uns in seinem edelsten Streben.
Wohl lassen sich hier die Worte des Psalmisten anwenden: (hebräisch und deutsch aus Psalm 118,23:) 'Von dem Ewigen ist dieses geworden; uns scheint es wunderbar.' Es bietet uns die Entstehung dieser Gemeinde die geschichtliche Wahrheit dar, dass der Allgütige stets für die Erhaltung jener Prinzipien Sorge trägt, aus denen das sittliche Leben der Nationen seine Nahrung zieht und durch welche das edlere Menschentum sich wieder aufbaut. Noch immer, wenn das Streben des Menschen allzu sehr auf das Materielle gerichtet war und die Gefahr sich mehrte, dass der Mensch herabsinke von seiner höheren Würde und seinem Verfall entgegengehe, da trug die göttliche Vorsehung Sorge, dass in einzelnen Menschen seine Lehre unverfälscht genährt und gepflegt wurde, damit sie sich durch diese Weniger wieder ausbreite und das Gemeingut Vieler werde; aber eine weitere Lehre können wir noch aus den Erscheinungen des besprochenen öffentlichen Gottesdienstes ziehen. Die zu Tage tretende Begeisterung bei der Gottesverehrung hängt von dem Maße der gewonnenen    
Mainz Israelit 18061862c.jpg (99523 Byte) religiösen Erkenntnis ab; also je mehr wir unsere Kleinen an dem Born der Erkenntnis trinken lassen, desto mehr werden wir ein kräftiges, andauerndes inneres religiöses Leben schaffen, dass allein unserem Gottesdienst seine Erhabenheit für die Zukunft zu bewahren mag. Eine reichere Torakenntnis schafft ein reicheres Leben.
Nachbemerkung der Redaktion: Wir haben noch einige Worte über den, vom geehrten Herrn Einsender besprochenen sogenannten Chor hinzuzufügen. Bereits im Jahre 1831 wurde in Mainz von einem der modernen Richtung angehörigen Vorstande Chorgesang eingeführt; als wir im Jahre 1856 unser, aus unseren eigenen Mitteln erbauten Gotteshaus einweihten, durften wir den Chor nicht emendieren, ohne uns der Gefahr auszusetzen, viele Gemüter unserem Gottesdienste und damit der heiligen Sache des Judentums zu entfremden. Unsere Schwester-Religionsgesellschaft in Frankfurt a. M. befand sich in derselben Lage und ging uns darin, wie in vielen anderen Dingen, mit ihrem Beispiele voran. Wir sorgten jedoch dafür, dass der Chorgesang auf ein Minimum beschränkt wurde und in der Tat mehr als in ästhetischer Weise geregelt, alte Institut von Chasan (Kantor) und Meschorerim ist. Es wird vom Chore nichts gesungen als Lecha Dodi, die Gesangsstücken beim beim Herausnehmen und Zurückstellen der Tora, Hodu und im Hallelgebete, und Jigdal an den Festabenden."    

 
Trauergottesdienst in der Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft für die verstorbene Großherzogin Mathilde (1862)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Juli 1862: "Mainz, 23. Juni. Am 22. dieses Monats wurde in der Synagoge der israelitischen Religionsgesellschaft in Folge Anordnung hoher Regierung ein feierlicher Trauergottesdienst für höchstselige Großherzogin Mathilde abgehalten. Die Synagoge, schwarz drapiert und entsprechend beleuchtet, gewährte einen imposanten Anblick. Die Feier, welche circa 1 ½ Stunden dauerte, machte auf die zahlreichen Anwesenden einen ergreifenden Eindruck. Bei Gelegenheit des Seelengebetes wurden 50 fl. gespendet, von denen die Hälfte für jüdische, die Hälfte für christliche Arme bestimmt wurde. Die Liebe ihrer Untertanen aller Konfessionen und Glaubensschattierungen ist das schönste Monument, welches sich die Fürsten setzen können. Es war dieser Gedanke, von Herrn Dr. Lehmann in der Trauerrede gebührend hervorgehoben, welcher in Aller Herzen Anklang und Wiederhall fand. (Mainzer Anzeiger.)"      

 
Einweihung einer neuen Torarolle für die Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft (1864)     

Mainz Israelit 14091864.jpg (121731 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. September 1864: "Mainz, den 8. Sept. Am 2., 3. und 4. d. M. feierte die israelitischen Religionsgesellschaft hier das Fest der Einweihung einer neuen Thorarolle, welche der Verein Liviat Chen hatte schreiben lassen. Freitag, den 2. September, war zur Vorfeier im Lokale des hiesigen Krankenvereins, welche zu diesem Zweck auf auf das Wundervollste mit Blumen geschmückt war, die Thorarolle in einer prachtvollen eigens zu diesem Zweck hergerichtet Halle dem Publikum zur Ansicht dargeboten, für dessen Bewirtung der Verein Liviat Chen in splendidester Weise gesorgt hatte. Der Herausgeber dieser Blätter hielt die Festrede. Der geräumige Saal konnte die herzuströmende Menge nicht fassen, und so wogte es denn ab und zu bis nahe an Mitternacht.
Samstag, den 3. September, wurde in feierlichem Festzuge, an welchem sich die Schüler und Schülerinnen der Unterrichtsanstalt der israelitischen Religionsgesellschaft beteiligten, die Thorarolle in die Synagoge getragen, in deren Vorhof die ältesten Mitglieder mit den anderen Thorarollen im Arme dieselben empfingen. Nachdem sie am Simchat Thora üblichen Halaphot (Umzüge) um die Bimah (Bereich mit dem Vorlespult) vollzogen worden waren, wurde die Sidra Schophtim aus der neuen Thorarolle verlesen. Dieselbe ist vom hiesigen Sofer (Toraschreiber) Herrn Heimann mit großer Sorgfalt und Eleganz geschrieben. Beim Aufrufe zur Thora wurde reichliche Spenden zu wohltätigen Zwecken gelobt.
Die Synagoge war buchstäblich überfüllt. Der Herausgeber dieser Blätter hielt wiederum die Festpredigt.
Sonntag Nachmittags versammelten sich die Mitglieder des Vereins Leviat Chen zu einem Festessen, welches sichtlich das Gepräge einer Freude über die Erfüllung einer religiösen Weisung trug und die Teilnehmer in der angeregteste Stimmung bis nach Mitternacht vereinigte. Belehrende sowohl als launige Vorträge wurden vielfach gehalten, und noch lange wird diese schöne Feier allen denen im Gedächtnis bleiben, die ihr beizuwohnen das Glück hatten."     

  
Friedensfeier in der Synagoge der Religionsgesellschaft (1871)        

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. März 1871: "Mainz, 7. März. Die Friedensfeier in der Synagoge der israelitischen Religionsgesellschaft machte dadurch einen ganz besonders erhebenden Eindruck, dass circa 100 deutsche Soldaten jüdischen Glaubens, darunter viele mit dem eisernen Kreuze geschmückt, und ungefähr 50 französische Soldaten dem Gottesdienste anwohnten. Herr Rabbiner Dr. Lehmann wies in der Festpredigt besonders darauf hin, dass die Juden in Deutschland als Deutsche, in Frankreich als Franzosen mit großer Hingebung ihre Pflichten erfüllt und gern und freudig für ihr Vaterland ihr Leben eingesetzt haben. Als der Redner die Schrecken des Krieges schilderte, vor denen Gott Deutschland gnädiglich bewahrt hat, als er das Wort an die tapferen Krieger richtete und sie zum Dank gegen Gott, der sie von so vielen Gefahren errettet, aufforderte, als er die Väter und Mütter anredete, die jetzt nicht mehr für das Leben ihrer noch auf dem Kriegsschauplatz befindlichen Söhne zu sorgen und zu bangen haben, blieb kein Auge tränenleer. Herr Cantor Marx und der von Herrn Wolf dirigierte Chor trugen die Festgesänge in bekannter Meisterschaft vor. Die Feier dauerte 1 ½ Stunden.
(Mainzer Anzeiger.)"    

 
Über den Bau der Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft und den Inschriftenstein (1879)   
Anmerkung: dieser Inschriftenstein ist bis zur Gegenwart erhalten. Er hat die Zerstörung und den Abbruch der Synagoge 1938 überstanden und wurde 1983 auf dem Friedhof der Gemeinde wiederentdeckt.      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. April 1879:  "Mainz, 31. März. Der Neubau der Synagoge der Israel. Religionsgesellschaft geht nunmehr seiner baldigen Vollendung entgegen. Derselbe, im maurischen Stile, von dem genialen Stadtbaumeister Herrn Kreißig ausgeführt, wird unsrer Stadt zur Zierde gereichen. Ein Hauptschmuck der Synagoge wird heute darin befestigt. Es ist dies ein Stein aus dunklem Marmor, welcher Herr Jechiel Bril, Redakteur der hebräischen Ausgabe des 'Israelit' (Halebanon), aus Palästina hat kommen lassen.
Der Stein trägt die nachfolgende, vergoldete Inschrift: (hebräisch und deutsch:) 'Dieser aus dem heiligen Lande gebrachte Stein ruft uns aus der Mauer entgegen: ' ' Es lieben deiner Diener ihre (Zion’ s) Steine und denken ihres Staubes wehmuthsvoll' (Psalm 102, V. 15)
Die feierliche Einweihung der Synagoge wird wahrscheinlich am 4. Siwan (26. Mai), zwei Tage vor dem Wochenfeste, stattfinden."   

  
Ankündigung der Einweihung der neuen Synagoge der Religionsgesellschaft (1879)    

Mainz Israelit 21051879.jpg (29228 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Mai 1879: "Mainz, 19. Mai. Die feierliche Einweihung der neuerbauten Synagoge der hiesigen israelitischen Religionsgemeinschaft findet (hebräisch) am 26. Mai, Nachmittags 4 Uhr, statt; die Abschiedsfeier in der bisherigen Interims-Synagoge (Mitternachtstraße 12) beginnt um 3 ½ Uhr."       

   
Die Einweihung der Synagoge der Religionsgesellschaft (1879)    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Juni 1879: 
"Die Einweihung der neuerbauten Synagoge der israelitischen Religionsgesellschaft zu Mainz.  Mainz, 27. Mai.
Es war eine schöne bezaubernde Feier, von der wir unsere geehrten Lesern heute berichten.
Die israelitische Religionsgesellschaft hat sich vor 23 Jahren ein Haus gebaut, das durch die Erstarkung der Orthodoxie in unserer Stadt, wiewohl Anfangs zu groß, bald zu klein war. Da die Verhältnisse keinen Umbau gestatteten – die Fundamente des Gebäudes waren in Folge der bekannten Pulverturmexplosion am 18. November 1857 stark erschüttert – so erheischte der Neubau große, für die Religionsgesellschaft fast unerschwingliche Opfer. Erst im Jahre 1877, als die Zustände fast unerträglich geworden waren, entschloss man sich, schweren Herzens, zu dem Neubau, der nunmehr durch Gottes gnädige Fürsorge gestern seiner Bestimmung ist übergeben worden.
Die neuerbaute Synagoge ist ein wunderbar schönes Gebäude, dessen Anblick alle Besucher entzückt; Herr Stadtbaumeister Kreißig hat dadurch seinem Ingenium ein Denkmal gesetzt, das noch spätere Geschlechter bewundern werden.
Schon Samstag, 25. Mai, herrschte in der ganzen Stadt eine festliche Stimmung, und schon kamen von nah und fern die Gäste herbei; wir wollen von den Auswärtigen gleich hier einige nennen: Herr Dr. M. Hirsch, Direktor der Realschule der israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt a M. (Herr Rabbiner Hirsch war leider durch Unwohlsein verhindert) und der Gesamt-Vorstand der genannten Gesellschaft, Herr Rabbiner Dr. Marx von Darmstadt, von dem dortigen Vorstande begleitet, Herr Rabbiner Dr. Cahn von Wiesbaden nebst den Vorstehern der altisraelitischen Kultusgemeinde, Herr Rabbiner Dr. Sänger von Bingen, ebenfalls in Begleitung des dortigen Vorstandes, Herr Bezirksrabbiner Dr. Salvendi von Dürkheim, Herr Rabbiner Dr. Goitein von Karlsruhe,"  
Mainz Israelit 04061879bs.jpg (373808 Byte)Herr Provinzial-Rabbiner Dr. Cahn von Fulda und viele, viele Andere.
Um 3 ½ Uhr begann die Feier in dem bisherigen Betlokale mit dem Minchah-Gebete. Dann wurde vom Vorsänger und der Gemeinde der 132. Psalm rezitiert. Hierauf bestieg der Herausgeber dieser Blätter die Kanzel und sprach ungefähr Folgendes:
'So haben wir denn, teure Freunde, zum letzten Male in diesem Hause, unser Gebet zu Gott emporgesandt, in diesem Hause, das uns länger als zwei Jahre eine Stätte der Andacht gewesen, wohin wir täglich, Morgens und Abends, unsere Schritte lenkten, um uns zu unserem Vater im Himmel im Gebet zu erheben, wo wir das Wort unseres Gottes verlesen hörten, wo wir täglich, und namentlich am Sabbat, Belehrung suchten und fanden. Es ist eine uns liebgewordene Stätte, von der wir jetzt für immer scheiden! Was Wunder, dass mitten in unserem Jubel sich die Zähre der Wehmut mischt – namentlich, wenn wir bedenken, dass unseren Herzen so teure Männer und Frauen, die mit einzogen in dieses Haus, unterdes sind eingezogen in das Haus unseres ewigen Vaters! Ich will nun einen nennen, den unvergesslichen Gründer unserer Religions-Gesellschaft, meinen teuren Schwiegervater Rabbi Samuel Bondi - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen, der an dieser Stätte noch wenige Wochen vor seinem Hinscheiden beim Ausgange des Versöhnungsfestes die heiligen Gottesnamen - Schemot, verkündet. – Doch, bannen wir die Gefühle der Wehmut am Tag der Freude, (hebräisch und deutsch:) 'Wenn auch Vater und Mutter mich verlassen – Gott nimmt mich auf!' (Psalm 27, V. 10) Gottes Majestät ist mit uns hierher gezogen an diese bescheidene Stätte, Gottes Majestät zieht mit uns in das neuerbaute, herrliche Haus, in das wir unsere Heiligtümer zu bringen im Begriffe stehen. Zuvor aber lasst uns die Einheit Seines Namens, die ewige Dauer Seiner Regierung, Sein göttliches Walten auf Erden in herzinnigem Ausruf verkünden, wie Israel es zu tun pflegt in den feierlichen Augenblicken des Lebens: 'Schma Jisrael ... Baruch schem Kewod... Adonai hu haelohjim... adonai melech..."  
Hierauf wurde unter den üblichen Gesängen die Thora-Rollen den anwesenden Rabbinen und Vorstehern übergeben, und der Festzug setzte sich in Bewegung durch die im reichen Fahnenschmuck prangenden Straßen, durch die zahlreiche Menge, die an beiden Seiten ehrfurchtsvoll Spalier bildete.
Voran zogen die Schülerinnen, dann die Schüler der Unterrichtsanstalten der israelitischen Religionsgesellschaft, dann folgten die Sänger (Synagogen-Gesang-Verein), die Rabbinen und übrigen Träger der Thora-Rollen, ein Jeder von zwei Ältesten der Gemeinde begleitet, dann viele Mitglieder der Religions-Gesellschaft und fremde Gäste. Unter Absingung des 122. Psalmes ('ich freute mich über die, die zu mir sagen: lasset uns ziehen zum Haus des Herrn...') bewegte sich der Zug in den festlich geschmückten Synagogenhof, wo sieben junge Mädchen durch Vortragung eines Gedichtes – die eine, Fräulein Bertha Bondi, sprach das Gedicht, die anderen wiederholten den Refrain – der Weihe des Momentes Ausdruck verliehen. Hierauf wurde dem Erbauer des Hauses der Schlüssel überreicht, der ihn dem Bürgermeister der Stadt Mainz, Herrn Dr. Dumont, überreichte, nachdem er hervorgehoben, dass diese feierliche Übergabe des Schlüssels an die höchste Behörde der Stadt ein Symbol sei, dass dieses Gebäude ein öffentliches, das sich gleich anderen öffentlichen Gebäuden des besondern Schutz der Gesetze erfreue. Der Herr Bürgermeister sprach dann, sichtlich ergriffen, einige erhebende Worte, in welchen er auf die hohe Bedeutung und den heiligen Zweck des Gotteshauses hinwies.
Nun begann die Hauptfeier. Die höchsten Behörden waren dazu erschienen. Seine Excellenz, der Gouverneur der Festung Mainz, Herr General von Pritzelwitz, die Obersten der hier garnisonierenden Regimenter, Herr Bürgermeister Dr. Dumont und dessen beide Adjunkten Herr Dr. Oechsner und Herr Reinach, Herr Gerichtspräsident Dr. Aull, Herr Kreisassessor Dr. Breiter, der erste evangelische Geistliche des Großherzogtums Herr Prälat Dr. Schmitt, Herr Pfarrer Dr. Steinmetz, Herr Pfarrer Büttel, Herr Garnisons-Pfarrer Clausius, Herr Pfarrer Hieronymie, Herr Polizeirat Künstler, der Landtagsabgeordnete Herr Kommerzienrat Betz, der Gymnasialdirektor Herr Dr. Löhbach, der Direktor der Realschule Herr Dr. Schödler, die Vorsteher der Gemeinde und die Rabbinen derselben Herr Dr. Cahn und Herr Dr. Fürst und viele, viele Andere. Das geräumige Haus war gefüllt, fast überfüllt und dabei war die Verwaltung mit der Verteilung der Eintrittskarten überaus sparsam vorgegangen – dennoch mögen etwa 1200 Personen anwesend gewesen sein.
Unter den Klängen des von Herrn Chordirigenten Wolf komponierten Festmarsches zog man in das Gotteshaus ein. Hierauf wurde mah towu gesungen und der 84. Psalm ('wie herrlich sind deine Wohnungen...') rezitiert; dann fanden unter den üblichen Gesängen   
Mainz Israelit 04061879cs.jpg (362130 Byte) die 7 Umzüge um den Almemor statt, worauf die Träger der Tora-Rollen Almemor bestiegen. Der Herausgeber dieser Blätter sprach dann die vorgeschriebene Berachah (hatow umantiw) siehe Schulchan-Aruch Orach Chajim Cap. 223, Baër Hêtêb § 9) und den Segen für den deutschen Kaiser, den Großherzog von Hessen, für Vaterstadt und Vaterland, wie er hier in Mainz bei besonders feierlichen Gelegenheiten (anstatt des sonst üblichen haniten teschuah usw.)) gesprochen wird. – Nachdem die Tora-Rollen unter den üblichen Gesängen in die heilige Lade verbracht worden, hielt der Herausgeber dieser Blätter die Festrede, deren hauptsächlichen Inhalt wir im Nachstehenden wiedergeben:
Festpredigt.
(Hebräisch und deutsch:) 'Also hat Gott gesprochen: Die Himmel sind mehr Thron und die Erde ist meiner Füße Schemel! – welches ist das Haus, das ihr mir bauen wollt, und welches der Ort meiner Ruhestätte’?'
(hebräisch und deutsch:) 'Und alles Dieses hat meine Hand gemacht, und alles Dieses ist durch Gottes Wort entstanden, und nur auf den schaue ich, der bescheiden und zerknirschten Gemütes ehrfurchtsvoll mein Wort beachtet!' (Jesaja Kapitel 66, Verse 1 und 2)
Allmächtiger Schöpfer des Weltalls! Die Himmel mit ihren zahllosen Welten, die wir Gestirne nennen, sie sind Dein Thron, und die Erde, die wir bewohnen, die uns winzigen Menschen so über alle Vorstellung groß erscheint, ist deiner Füße Schemel – und wir könnten es wagen, Dir, o Gott ein Haus zu bauen, eine Stätte, auf der Deine Majestät throne? Aber Du, o Gott, der du schauest auf den Demütigen, auf den, der zerknirschten Gemütes ehrfurchtsvoll Dein Wort beachtet, hast zu uns gesprochen durch Deinen Propheten (hebräisch und deutsch:) 'Und ich werde bei ihnen sein auch in den kleinsten Heiligtümern in allen Ländern, in die sie wandern werden (Ezechiel Kapitel 11. Vers 16), (hebräisch und deutsch:) 'Das sind, sagen die Weisen (Megillah 29) die Synagogen und Lehrhäuser. So lasse, Allbarmherziger, in diesem kleinen Heiligtum, deine Majestät walten, auf dass wir Dir dienen in Liebe und in Wahrheit, Amen! –
Andächtige Gemeinde, verehrte Versammlung! An den Pforten des Gotteshauses, durch die wir soeben mit unseren heiligen Thora-Rollen eingezogen sind, begrüßt uns der Ausspruch des Propheten Jesaias (Kapitel 26, Vers 2) (hebräisch und deutsch:), 'Öffnet die Pforten, damit einziehe ein gerechtes Volk, das die Treue bewahrt.' Diese Worte der heiligen Schrift, welche wir an den Eingang unseres Gotteshaus gestellt haben, mögen auch den Gegenstand unserer heutigen Betrachtungen bilden, und so will ich es denn versuchen, darzulegen, welches der Zweck, die Bestimmung und die Weihe des Hauses ist, dessen Pforten sich uns geöffnet haben und wie die Gemeinde sein soll, die in dasselbe würdig einziehe.
I.
Der Zweck, die Bestimmung und die Weihe des jüdischen Gotteshauses werden genau angegeben durch die Namen, die man demselben beizulegen pflegt: Bet HaKnesset, das Haus der Versammlung, mit der griechischen Bezeichnung Synagoge, Bet HaTefilah, das Bethaus, und endlich Bet HaMidrasch, das Lehrhaus oder in der allgemein üblichen Bezeichnung: die Schule.
Vor Allem soll uns das Gotteshaus sein ein Haus der Versammlung Bet haKnesset; es sei der Mittelpunkt der Gemeinde, der Mittelpunkt des religiösen Lebens; zwei- oder dreimal täglich besucht der Jude diese heilige Stätte, der neugeborene Knabe empfängt hier am achten Tage seines Lebens die religiöse Weihe und wenn die junge Mutter, nach überstandener Gefahr, zum ersten Male das Haus verlässt, so wendet sie hierher ihre Schritte; die freudigsten wie die traurigsten Ereignisse des Lebens finden hier ihren Wiederhall; hier wird der Knabe zum Manne, indem er zur Tora gerufen wird und aus ihr einen Abschnitt vorließt, hier ertönt das Kaddisch aus wehmutserfülltem Herzen nach dem Heimgange der geliebten Eltern, hier versammelt sich die Gemeinde zu gemeinsamer, ergreifender Andacht; denn die eigentliche Bestimmung der Synagoge ist das Gebet; sie soll nicht nur sei ein Bet HaKnesset, ein Haus der Versammlung, sie soll auch ein Bet HaTefillah, ein Haus des Gebetes sein.
Eine der Säulen, auf denen die sittliche Weltordnung beruht, ist nach der Lehre unserer Weisen die Awodah, der Gottesdienst. Einst stand uns in Jerusalem ein heiliges Haus, dessen Erbauer Könige, dessen Diener Hohepriester und Propheten waren. Dort wurde der heilige Dienst vollbracht nach der von Gott eingesetzten Weise, dort brachten in Reinheit und Heiligkeit die Priester die von Gott befohlenen Opfer, dort sangen die Leviten die Psalmen Davids im Beisein der Abgesandten Israels. Von allem Dem ist uns nichts geblieben als das Gebet, die awodah schäbalew, der im Herzen wurzelnde und aus ihm emporsteigende Gottesdienst,  
Mainz Israelit 04061879ds.jpg (368009 Byte) und der awodah schäbalew, dem Gottesdienste des Herzens, ist dieses Haus bestimmt. Hier fühlen wir uns nahe unserem Vater im Himmel, hier erflehen wir seinen mächtigen Beistand, hier danken wir ihm für all das Gute, dass er uns in so reichem Maße zu Teil werden lässt. In dieses Haus mögen eintreten der Schuldbeladene, seine Vergehen bereuen, und Gott wird die Last hinwegnehmen von seinem Herzen und ihm Gnade und Verzeihung zu Teil werden lassen; in dieses Haus möge treten der Verzweifelnde, zu ihm sich wenden, dem Helfer und Retter – so wird er neue Kraft gewinnen, den Stürmen des Lebens zu begegnen; und der Reichgesegnete, er möge an diesem heiligen Orte innewerden der Größe und Allmacht unseres Gottes und Demut und Bescheidenheit lernen; hierher möge man führen die zarten Kinder und sie gewöhnen, Gott zu fürchten und zu lieben.
Aber noch eine dritte Bestimmung hat das jüdische Gotteshaus: es soll sein ein Bet HaMidrasch, ein Lehrhaus, eine Schule, und das ist des Hauses eigentliche Weihe, nach dem Ausspruche unserer Weisen im Midrasch (hebräisch und deutsch): 'Rabbi Saimon sagte: Wann wird der Heilige, gelobt sei Er, gefeiert in seiner Welt? Wann Israel sich in den Synagogen, in den Schulen versammelt, um Belehrung zu vernehmen aus dem Munde seiner Weisen. Dann erscheint Gott in seiner Majestät und Herrlichkeit, wie es heißt: 'In der Menge des Volkes ist die Majestät des Königs.' (Proverbia Cap. 11) Eine Schule soll unser Gotteshaus sein, eine Schule im edelsten Sinne des Wortes. Hier sollen wir die Grundsätze unserer heiligen Religion kennen lernen und die Inbegriffe ihrer Lehre; an dieser heiligen Stätte soll der Lehrende die Herzen seiner Hörer gewinnen für ein reines, gotterfülltes Leben, hier soll unser heiliges Gotteswort erklärt und dem menschlichen Verständnisse nahe gebracht werden, unsere heilige Tora, von der es heißt: (hebräisch und deutsch), 'ihren Mund öffnet sie mir Weisheit und eine Lehre der Liebe ist auf ihrer Zunge.' (hebräisch und deutsch:). 'Rabbi Jose sagte, das bezieht sich auf das erste der fünf Bücher Moses'. (hebräisch und deutsch:) 'den Mund öffnet sie mit Weisheit' – das ist die Geschichte der Schöpfung durch den allmächtigen Gott, - die höchste Weisheit, wie sie noch kein philosophisches Lehrsystem errungen hat, (hebräisch und deutsch:) 'und eine Lehre der Liebe auf ihrer Zunge', indem sie uns lehrt, wie wir, gleich Abraham, Jizchak, Jakob die Menschheit lieben und, gleich jenen Vätern unseres Volkes, Tugend und Sittlichkeit zum Inhalte unseres Lebens machen sollen. Und so heißt es von Abraham: (hebräisch und deutsch:) 'Und er saß am Eingang seines Zeltes wie die Wärme des Tages' (1. Buch Mose Kapitel 18, Vers 1) Wie die Wärme des Tages, wie die Sonne scheint über Reiche und Arme, über Vornehme und Geringe, über Gute und Böse, über Fromme und Unfromme, über Fremde und Einheimische, so saß Abraham am Eingang seines Zeltes, die müden hungrigen Wanderer erwartend, um sie zu erquicken, zu beherbergen, ihnen Gutes im reichsten Maße zu erweisen. (hebräisch und deutsch:) 'so lehrt uns Gottes Wort Liebe üben!'

II. (Hebräisch und deutsch:) ' Öffnet die Pforten, dass einziehe ein gerechtes Volk, das die Treue bewahrt.'
Wir haben nunmehr darzulegen versucht den Zweck, die Bestimmung, die Weihe des Hauses, dessen Pforten sich und geöffnet haben. Suchen wir auch zu erkennen, wie die Gemeinde sein soll, die in ein solches Haus einzuziehen würdig ist. Es heißt in dem Pirke (Spruch) des Rabbi Elieser: (hebräisch und deutsch)
'Zwei Wege gibt es, deren Vereinigung zum ewige Heile führt, und wenn der Mensch auf diesen beiden Wegen wandelt, so ruft der Prophet elijahu vor ihm aus: Öffnet die Pforten, damit einziehe ein gerechtes Volk, das die Treue bewahrt.'
(hebräisch und deutsch:) Gerechtigkeit und Liebe für die Menschen einerseits, und Treue für Gott und den Väterglauben andererseits – das sind die zwei Wege, deren Vereinigung zum ewigen Heile führt. 
Wie die Gerechtigkeit einer der Grundpfeiler des göttlichen Thrones ist (Gerechtigkeit und Recht ist der Pfeiler deines Thrones), so ist sie auch die Grundlage des gesamten Judentums. Das ist schon im Anbeginn ausgesprochen in Bezug auf Abraham und seine Nachkommen.
(hebräisch und deutsch:) 'Und Abraham wird werden zu einem großen, mächtigen Volke und durch ihn werden gesegnet werden alle Völker der erde; denn ich weiß von ihm, dass er befehlen wird seinen Söhnen und seinem Hause nach ihm, dass sie beobachten den Weg des Ewigen, damit der Ewige bringe über Abraham, was er über ihn verheißen.' (1. Buch Mose Kap. 18 Verse 18 und 19).  
Mainz Israelit 04061879es.jpg (377542 Byte)Durch die heiligen Grundsätze der Gerechtigkeit, der allgemeinen Menschenliebe, die Abraham und seinen Nachkommen der Welt verkündet haben, sind gesegnet worden alle Völker der Erde. Während den Nationen des Altertums der Fremde eine Fein, ein barbar war, verkündet schon in grauer Vorzeit Israel die allumfassende Menschenliebe; und so lehren die Weisen im Talmud Jeruschalmi:
(hebräisch und deutsch:) 'Du sollst lieben Deinen Nächsten, wie dich selbst; Rabbi Akiba sagte: Dies ist der größte Grundsatz der Gotteslehre. Rabbi Simon Ben Asai sagte: es gibt einen noch mehr umfassenden Grundsatz: 'Dies ist das Buch der Geschlechtsfolge des Menschen, am Tage, an dem Gott den Menschen erschuf, im Ebenbilde Gottes erschuf er ihn.' (Nedarim Cap. 9, Halachah 4.) (säh sefer toledot adam) Alle Menschen stammen von einem Elternpaare; alle Menschen, alle sind im Ebenbilde Gottes erschaffen; deshalb sollen wir nicht nur den Freund, den Stammesgenossen, den Glaubensgenossen lieben – nein, jeder Mensch ist mein Bruder, in jedem Menschen soll ich das Ebenbild meines Gottes achten und wertschätzen, das ist der größte, der umfassendste Grundsatz des Judentums.
'Öffnet die Pforten, damit einziehe ein gerechtes Volk, das die Treue bewahrt'. Es ist demnach der eine Weg, der zum Heile führt, die Zedaka, die Gerechtigkeit, die allumfassende Menschenliebe, aber es muss die Wahrheit, der Glaube an Gott, die Treue für den Väterglauben, eng damit verbunden sein, und die Erhaltung dieses Glaubens, dieser Treue ist in unseren Tagen der Gegenstand der heißesten Kämpfe geworden. Es ist nicht nur noch ein Kampf um Einzelnes, mehr oder weniger Wesentliches – es ist ein Kampf um die höchsten Güter der Menschheit. Man will der Menschheit ihren Gott rauben und das Vorhandensein der von Gott eingehauchten Seele bestreiten; es soll nichts übrig bleiben als Kraft und Stoff und blinde Naturnotwendigkeit.
(hebräisch und deutsch:) 'Die da sprechen zu Gott: weiche von uns; die da verneinen, der Allmächtige können ihnen nichts anhaben.' (Hiob Cap. 22, V. 17.)
Um die alte Treue für Gott und Sein heilig Gesetz zu bewahren, um im Kampfe gegen die zerfetzenden Ideen der Neuzeit das Judentum unverkürzt zu erhalten, hat sich vor einem Viertel-Jahrhundert die israelitischen Religionsgesellschaft gebildet. Es waren nur wenige Männer, die sich damals eng aneinander schlossen unter den größten, kaum zu überwindenden Schwierigkeiten. Aber es bewährte sich Gottes Segen (hebräisch und deutsch:) 'Und ist auch nur klein dein Anfang, so wirst du groß werden gar sehr (Hiob Cap. 8, V. 7). Und unter Gottes erhabenen Beistand erging an uns der Ruf des Propheten (hebräisch und deutsch:) 'Erweitere den Ort deines Zeltes und die Teppiche deiner Wohnung mögen sich ausdehnen, halte nicht zurück; ziehe die Maßschnüre lang und die Grundpfeiler schlage fest ein.' (Jesaja Kap. 54, Vers 2.)
Wohl war die kleine Gemeinde gewachsen, und doch war die Erweiterung in ferner Aussicht, da die baulichen Verhältnisse keinen Umbau gestatteten, sondern einen Neubau erheischten. Aber Gott, dem wir die Treue bewahren, Er bewahrt sie auch uns; Er hat geholfen und unsere schwache Kraft gesegnet, so dass dieser herrliche Tempel entstanden, schöner und prächtiger, als wir selbst es zu hoffen gewagt.
(Hebräisch und deutsch:) 'Öffnet die Pforten, damit einziehe ein gerechtes Volk, das die Treue bewahrt.'
Das da die Treue bewahrt! Wo gibt es ein Volk auf Erden, das die Treue bewahrt hat gleich Israel? Wo gibt es ein Volk, das so viel gelitten um dieser Treue willen gleich Israel? Gestern, am 3. Siwan, das alte Memorial-Buch der Gemeinde verzeichnet den Tag, waren es 783 Jahre, dass die Straßen dieser Stadt sich röteten vom unschuldigen Blute unserer Väter!
(hebräisch und deutsch:) 'Gott, meine feste Burg und mein Schild, auf Ihn hat vertraut mein Herz und mir ward geholfen; jetzt frohlocket mein Herz und mit meinem Liede will ich ihm danken!' (Psalm 28, V. 6).   
Mainz Israelit 04061879fs.jpg (29310 Byte)Jubeln wir auf ihm heißen Danke, dass unsere Treue nicht mehr auf so harte Probe gestellt wird, danken wir Gott, dass er unsere Tage gesegnet, dass wir leben inmitten hochgebildeter Völker, unter dem Schutze guter und weiser Gesetze, unter dem Schirme edler, mächtiger Fürsten, als treue Söhne des heißgeliebten Vaterlandes, in dessen Wohl und Gedeihen wir auch unser Glück und Heil erblicken sollen. Und in diesen Tagen der Freiheit und Sicherheit ist die Mahnung doppelt notwendig, dass wir die Treue bewahren dem alten Glauben, der Jahrtausende lang unser höchstes Gut gewesen und es ewig bleiben wird. Nur wenige Tage, ja Stunden noch, und wir begehen das Fest der Offenbarung am Sinai. Was uns damals geworden, das Gesetz unseres Gottes und seine heilige Lehre, das ist ein Schatz von unermesslichem Werte.
(Hebräisch und deutsch:), 'mögen Sie niemals deinen Augen entrückt werden, bewahre sie im Innersten Deines Herzens. (Sprüche Salomos Cap. 4, V. 21.)
(Siehe den Schluss in der ersten Beilage.)   
Mainz Israelit 04061879gs.jpg (310716 Byte) Die Einweihung der neuerbauten Synagoge der isr. Religions-Gesellschaft zu Mainz. (Schluss). 
'Öffnet die Pforten, damit einziehe ein gerechtes Volk, das die Treue bewahrt'
Doch täuschen wir uns nicht! Sind wir, bist du, meine geliebte Gemeinde, sind wir wirklich ein (hebräisch und deutsch:) 'ein gerechtes Volk, (hebräisch und deutsch:) das da die Treue bewahrt? O, dazu fehlt noch viel! Auch wir sind sündige Menschen, voller Fehler und Gebrechen, die nur in Gottes Langmut und Nachsicht Trost und Rettung erblicken. Aber das Streben haben wir, Gott in Wahrheit zu dienen, und dieses Streben ist die Himmelsleiter für Israels Zukunft.
(hebräisch und deutsch:) 'An jenem Tage wird gesungen werden dieses Lied im Lande Jehuda: Uns ist eine feste Stadt, Gottes Hilfe wird gründen die Mauern und die Vormauer.' (Jes. Cap. 26, V. 1.)
Dann wird das Heil erblühen vieler Nationen, und verschwinden werden von der Erde der völkermordende Krieg, Krankheit, Noth und Elend und alle Menschen werden sein eine Familie, ein Volk, und eine Stimme wird ertönen vom Himmel, die ganze Welt durchbrausend:
'Öffnet die Pforten, damit einziehe ein gerechtes Volk, das die Treue bewahrt'. Öffnet die Pforten, auf das einziehe in jene Stadt, deren Mauern und Vormauern das göttliche Heil sind, ein gerechtes Volk, indem die ganze Menschheit Gott und sich die Treue bewahrt.
(hebräisch). Und uns wird wieder erbaut werden jenes großes Gotteshaus, von wo aus das Licht der Erkenntnis leuchten wird der einzigen, einigen, großen Völkerfamilie.
Und du, Albarmherziger, wie sollen wir danken für all deine Gnade und Liebe. Du hast gesegnet diesen Bau von Anbeginn an, hast behütet Alle, so daran gearbeitet, dass keiner auch nur die geringste Verletzung davon getragen. Und nun stehen wir in dem vollendeten Hause in heißer Andacht vor Dir, uns Deinen Vater-Segen zu erflehen. Segne, Allgütiger, den hohen Hort des Vaterlandes, unseren erhabenen Kaiser und ein Haus, segne unseren geliebten Landesfürsten und das hohe Großherzogliche Haus, segne unser engeres und weiteres Vaterland, und diese uns geliebte Vaterstadt, die auch in der Geschichte Israels eine hervorragende Stelle einnimmt, segne die geehrten Gäste, die unsre Feier durch ihre Anwesenheit verherrlicht haben, und den genialen Baumeister, der diesen herrlichen Bau in seinem Geiste hat vorher entstehen lassen, ehe die fleißigen Hände ihn haben schaffen können, segne Alle, die so opferfreudig dazu beigetragen, und die Vorsteher, deren sorgenvolles Mühe so reiche Früchte gebracht, segne o Gott, diese ganze andächtige Versammlung, und auch derer gedenke, die nicht mehr unter uns weilen, deren Leben und Sterben wir die Existenz unsrer Religionsgesellschaft verdanken! Gib, o Gott, dass dieses heilige Haus stets sei und bleibe ein Haus der Sammlung, der Andacht, der Belehrung und dass immerdar in dasselbe einziehe eine Gemeinde, beseelt von edler, gottgefälliger Menschenliebe und ausharrend in der Treue zum Väterglauben, in der Treue zu Dir! Also sei es Dein heiliger Wille, Amen!

Nach der Festpredigt wurde ein im Programme abgedrucktes hebräisches Gebet von jedem Einzelnen der Anwesenden gebetet, dessen deutsche Übersetzung wir hier folgen lassen:
'Unser Vater im Himmel, schau herab vom Deinem heiligen Throne und vernimm die Stimme unseres Flehens. Siehe, wir haben heute am Tage unserer Freude vor dir gebetet und haben vernehmen lassen unsere Stimme, wir und unsre zarten Kinder, die nicht gesündigt haben, und nun wende Du Dich zu unserem Gebet, das wir im Herzen sprechen, wie du dereinst gnädiglich vernommen hast das Gebet der Chana und hast ihr verliehen, was sie verlangte; denn Du, o Gott, schauest und prüfest die Herzen und bist gnädig denen, die geraden Herzens sind. Herr, Gott Israels, niemand ist wie du im Himmel droben und auf der Erde tief unten, Du bewahrst den Bund und die Liebe deinen Kindern, die vor Dir wandeln mit ganzem Herzen. Wir, unser Gott, danken Dir nunmehr und preisen den Namen Deiner Herrlichkeit. Wer sind wir, dass wir Kraft gewonnen hätten, dir solche ein Haus zu bauen? Von Deiner Hand kommt alles 
Mainz Israelit 04061879hs.jpg (390821 Byte)und von Deiner Hand geben wir Dir's wieder; denn wir sind ja nur Fremdlinge vor Dir, Geduldete, wie unsere Väter alle; wie Schatten fliegen unsere Tage über die Erde, ohne Hoffnung. Herr unser Gott, dieses Haus, das da am heutigen Tage durch uns vollendet wurde, dass da eingerichtet ward den Vorschriften unserer Weisen gemäß, von denen wir weder rechts noch links weichen, wie Du es uns in unserer heiligen Lehre befohlen hast, dieses Haus, das wir, Du weißt es, o Gott, nicht zum Zank und zum Hader sondern einzig und allein zur Heiligung Deines großen Namens gebaut haben, dieses Haus, in dem wir beten, während unser Herz sich hinwendet nach dem zerstörten Heiligtume im Lande der Väter, dieses Haus ist Dir geweiht, von deiner Hand stammt es, und freudig haben wir Dir es als Spende dargebracht. Herr, Gott Abrahams, Jizchaks und Israels, unsrer Väter, gedenke uns diese Spende für alle Ewigkeiten, zur Bildung der Gedanken des Herzens Deines Volkes; richte ihr Herz zu Dir empor, führe uns allesamt zurück zu Dir, auf dass zurück wir kehren, damit nicht gespalten sei das Volk, das Du erwählt hast, in zwei Lager, damit nicht betrachtet werde Deine heilige, reine, ganze Lehre, wie der Lehren zwei. Du, unser Vater, der Du liebevoll entgegenstreckst die Hand den Verbrechern, führe auf den geraden Weg die Sünder, damit allesamt das ganze Haus Israels wiederum einen unser Herz zu deinem Dienste. Dann ja, dann wirst auch bald Du schicken Deinen Diener, den lang ersehnten Erlöser, dass er sammle unsre Verstreuten von allen Enden der Erde.
So möge denn dieses Haus bestehen für die Ewigkeit, zum Ruhm, zum Preis und zum Lobe; uns aber stärke und kräftige und auch unsere Nachkommen nach uns, Dich zu fürchten alle Zeiten. Es seien wohlgefällig vor Dir, die Worte meinen Mundes und die Gedanken meines Herzen, mein Gott, mein Schutzfeld und Erlöser. Amen!'
Mit der Absingung von Psalm 30, 'Jigdal', und Psalm 150, dem Maariw-Gebet endete die erhebenden Feier, woran sich dann noch ein Sijum HaSchass (= Abschlussfeier des Studiums des Talmud) schloss, nachdem der Talmud-Verein 29 Jahre mit dem Studium des ganzen Talmuds verbracht hatte.
Abends fanden sich die fremden Rabbinen und andere Gäste beim Herausgeber dieser Blätter zu einem einfachen Mahle ein, bei welchem die Herren Dr. Hirsch, Dr. Salvendi, Leo Leser, Präses des Vorstandes der israelitischen Religionsgesellschaft zu Mainz, Emanuel Schwarzschild, Präses des Vorstandes der israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M., Dr. Goitein, Dr. Cahn (Fulda) durch gediegene Vorträge und Toaste die Herzen der Anwesenden erfreuten. Da wurde uns noch eine freudige Überraschung zu Teil: der Gesang-Verein Liederkranz unter der Leitung des Herrn Kapellmeisters Rupp und die Kapelle des 118. Regiments unter der Leitung des Herrn Kapellmeisters Spreng brachten dem Herausgeber dieser Blätter eine Serenade. Wir dankten vom Fenster aus und sprachen ungefähr Folgendes:
'Gestatten Sie mir, geehrte Herren, Ihnen meinen herzinnigen Dank auszusprechen, für die große Aufmerksamkeit und die hohe Ehre, die Sie mir erweisen. Die rege Teilnahme, welche die christliche Bevölkerung unsrer geliebten Vaterstadt bei unserm heutigen Feste an den Tag gelegt hat, gipfelt in der Ehre, die Sie mir jetzt erweisen. Dass Bekenner anderer Religionen dieses jüdische Gemeindefest zum Anlass nehmen, mir eine Freude zu bereiten, erfüllt mich mit Stolz, Bürger einer Stadt zu sein, in welcher der konfessionelle Hader in der Bevölkerung keine Stätte findet. Es ist dieser erhebende Moment eine Bürgschaft dafür, dass immer mehr zur Wahrheit wird der Ausspruch des Propheten: 'Haben wir doch Alle einen Vater, hat doch ein Gott uns Alle erschaffen!' So wollen wir uns denn als Brüder lieben immerdar. Die Ehre, die Sie mir erweisen, dem Bekenner und Vertreter einer anderen Religion, ehrt Sie, meine Herren, beweist, dass in unserer geliebten Vaterstadt, unserem goldenen Mainz *), alle seine Bürger in Friede und Eintracht leben. So bitte ich Sie denn mit mir einzustimmen in ein Hoch auf diese uns allen so teure Stadt. Unsre geliebte Vaterstadt, unser goldenes Mainz, es lebe hoch!' 
Und begeistert stimmte die auf der Straße versammelte, nach Tausenden zählende Menge mit ein.
Wir hätten noch manches zu berichten, von Vereinen, die uns Deputationen sandten, von zahlreichen Beglückungsschreiben in Versen und in Prosa, von ebenso vielen Telegrammen – unter andern von Herrn Rabbiner Hirsch in Frankfurt a. M., vom Freiherrn, Herrn Wilhelm von Rothschild in Frankfurt a. M., von Herrn Rabbiner Dr. Hildesheimer in Berlin, von den Herren Aron Hirsch und Sohn in Halberstadt, Rabbiner Dr. Auerbach daselbst, Rabbiner Dr. Plato in Köln. – Wir wollen nur noch hinzufügen, dass unser Vorgänger, Herr Ahron Cahn, nicht wenig zur Verherrlichung unserer Feier beigetragen hat und sich des allgemeinen Beifalls erfreute, was umso mehr hervorzuhaben, da derselbe, Kaufmann von Beruf, seinen leider durch Unwohlsein verhinderten Bruder, den bei der Religionsgesellschaft angestellten Kantor, vertritt. So ist denn das sehnsuchtsvolle Ziel erreicht. Möge der allgütige Gott auch ferner Gelingen geben.
*) Im Mittelalter hießen Köln: das eiserne, Straßburg: das silberne, und Mainz: das goldene."  

 
Über die neue Synagoge der Religionsgesellschaft (1879)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Juni 1879:  "Mainz, den 6. Juni. Über die neuerbaute Synagoge der hiesigen israelitischen Religionsgesellschaft erhalten wir von Fachkundigen die nachstehenden Notizen:
'Die Lage des Bauplatzes brachte es mit sich, dass die Gesamtordnung in der Weise erfolgen konnte und musste, wie sie bei den meisten Gotteshäusern des Orients von jeher üblich war und heute noch ist, dass nämlich der Hauptbau den Hintergrund einer in der Regel mit Hallen umgebenen Hofanlage bildet. Der Eintritt in das Gebäude führt über eine breite Treppe durch eine Haupt- und zwei Seitentüren zunächst in die Vorhalle, einen der Länge nach vor der Synagoge liegenden 17 Mtr. langen, 4 Mtr. breiten, 4,50 Mtr. hohen Raum, welcher zugleich zu Versammlungen, zu religiösen Vorträgen etc. dient. Aus dieser Vorhalle führen wieder drei reich geschmückte Portale in das Innere der Synagoge. Dieses selbst hat eine Länge von 21,50 Mtr. und eine Breite von 13,75 Mtr. und besteht aus dem mittleren Hauptschiff und die durch die Frauenbühne in der Höhe geteilten, das Hauptschiff von drei Seiten umgebenden Nebenschiffen. Das Mittelschiff hat eine Höhe von ca. 16 Mtr. Der ganze Innenbau wird durch 12 gegossene Säulen getragen, welche die 12 Stämme Israels andeuten; diese Säulen sind unter sich und mit den Umfangswänden durch Arkaden verbunden. In der Mitte des Hauptschiffes steht der Almemor (aus der alten Synagoge stammend) von welchem aus die feierlichen Handlungen beim Gottesdienste erfolgen; an der Ostseite wird erstes durch die Nische geschlossen, welches das Heiligtum, die Tora, enthält. Diese Nische ist mit reichem plastischen Schmucke ausgestattet, mit einem in Palmzweigen ausgehenden Stalaktitengewölbe geschlossen, und mit einem gemalten Rundfenster bekrönt. (Bildhauer Feyerle und Blees, Glasmaler Bernhard-Grosch). Vor der Nische ist die Kanzel und das Pult des Vorsängers, zur Zeit noch in provisorischer Ausführung angebracht. Links vor der Nische befindet sich ein abgesonderter Raum für den Sängerchor, rechts ein Aufenthaltszimmer für den Rabbiner. Die Frauengalerie ist durch einen besonderen Aufgabe von der Margarethengasse aus zugänglich. Dieser führt mittels einer steinernen Treppe durch einen zweistöckigen Seitenflügel des Gebäudes in welchem die nötigen Nebenräume, wie Erholungszimmer, Frauengarderobe und dergleichen sich befinden. Die Galerie ist durch ein feines Schmiedeeisengitter (Gebrüder Pfeiffer) gegen das Mittelschiff abgeschlossen. Eine zweite höher gelegene Frauengalerie an der Westseite ist noch nicht in Gebrauch genommen. – Die Mauerarbeiten sind nach Submission von Herrn Groh von Kastel, die Zimmerarbeit von Herrn Fritz, gleichfalls aus Kastel, zur Ausführung gelangt. Die Tüncherarbeit und das Ansetzen der von den Bildhauern Herren Blees und Feyerle nach Zeichnung gelieferten Ornamente war den Herren Gebrüder Krauter ebenfalls auf Submissionswege übertragen worden. Was schließlich die ästhetische Ausbildung des Bauwerks anlangt, so ist das Ganze genau in den Formen des maurischen (arabischen) Stiles aus dem 12. Jahrhundert gehalten. Das Äußere ist ganz in Hausteinen mit farbigen Incrustationen von gebrannten Mettlacher Steingutplatten ausgeführt, und zwar besteht der Sockel aus Basaltlava, die Fassade der Vorhalle und des Seitenbaues aus abwechselnden Schichten von grünlichem Schwäbisch-Haller Sandstein und gelbem Metzer Kalkstein; die beiden Säulen des Hauptportals aus einem schönen grünen Trachyt des Siebengebirges, die Fassade des Hauptgebäudes aus weißem französischen Kalkstein (Boller u. Comp., Mannheim). Die Ornamente des Innern sind durchgängig in Gipsstuck ausgeführt; die stilgemäße Bemalung soll erst in späterer Zeit stattfinden, vorläufig ist das Ganze noch in weißem Tone des Gipsputzes belassen. Der Erbauer der Synagoge ist Herr Stadtbaumeister Kreißig, der hier ein dauerndes Denkmal seiner architektonischen Meisterschaft geschaffen hat. Als Zeichner und Bauführer fungierte Herr Fr. Harz, und aushilfsweise Herr Baum. Begonnen wurde der Bau im Frühjahr 1877 und die Einweihung erfolgte am 26. Mai 1879."       

  
Gebete für die russischen Juden in der orthodoxen Synagoge in Mainz (1882)    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. März 1882:  "Mainz, 28. Febr. Der 'Frankfurter Zeitung' wird geschrieben: 'Ungeachtet der beruhigenden Versicherungen dauern die Verfolgungen der russischen Juden, insbesondere in den kleineren Städten und auf dem Lande noch immer fort. Die Geplünderten erhalte kein Gehör, die Geplünderten gehen frei aus und den Zeitungen ist es aufs Strengste verboten, hiervon Etwas zu berichten. Die israelitische Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M., sowie mehrere jüdische Gemeinden haben sich daher veranlasst gesehen, in ihrem täglichen Gottesdienst Bittgebete für ihre unglücklichen Glaubensgenossen in Russland aufzunehmen.'
Auch in der Synagoge der israelitischen Religionsgesellschaft zu Mainz ist diese Anordnung getroffen worden, dass das Gebet schomer Jisrael täglich, Morgens und Nachmittags, eingeführt wird. Wir ersuchen unsere geehrten Leser, dahin zu wirken, dass in den Synagogen ihrer Wohnplätze ebenfalls für unsere unglücklichen Glaubensgenossen in Russland gebetet werde. Möge sich der allgütige Gott der Hartbedrängten bald erbarmen."   

  
Montefiore-Feier in der Synagoge der Religionsgesellschaft (1884)     

Mainz Israelit 30101884.jpg (250257 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Oktober 1884: "Die Montefiore-Feier in der Synagoge der israelitischen Religionsgesellschaft zu Mainz.  Mainz, den 27. Oktober.
Gestern Nachmittags 4 Uhr 30 Minuten hatte sich in dem in der Überschrift genannten Gotteshause ein zahlreiches Publikum eingefunden, darunter auch viele Nichtjuden. Die Feier begann mit Absingung des ma towu, ausgeführt vom Synagogen-Chor unter Leitung des Herrn Leo Schlessinger und unter der Mitwirkung des Kantors Herrn Ahron Cahn. Hierauf folgte das Mincha-Gebet und die im Programme vorgeschriebenen Psalmen. Nachdem der Synagogen-Chor nunmehr den 24. Psalm vorgetragen hatte, bestieg Herr Rabbiner Dr. Lehmann die Kanzel. Er hatte den 100. Psalm mismor letoda zu Texte genommen. Die Feier, so sprach der Redner, die uns heute hier vereint, findet ihren Ausdruck zunächst in dem Gefühle des Dankes, den wir aus tiefsten Herzen dem allgütigen Gotte darbringen dafür, dass er uns diesen Mann gegeben und ihn ein so hohes, ungewöhnliches Alter hat erreichen lassen.
(Hebräisch und deutsch:), 'Jubelt dem Ewigen die ganze Erde.'
Es ist ein erhebendes Gefühl, zu wissen, dass in dieser Stunde sich auf der ganzen Erde, in den entferntesten und entlegensten Ländern, im Osten und im Westen, im Norden und im Süden sowie jenseits des großen Weltmeeres die Glaubensgenossen versammeln zu Ehren des edlen Mannes, dessen Wirksamkeit sich fast auf den ganzen Erdboden erstreckt hat. Eine solche Feier ist ohne Vorgang in der Geschichte Israels; es hat eben in unserer nach Jahrtausenden zählenden Geschichte noch keinen solchen Mann gegeben. Nicht etwa, dass Israel nicht schon größere Männer, Männer von zugleich größerer Bedeutung und Wirksamkeit hervorgebracht hätte – nicht also, es ist nur, wenn ich so sagen darf, die geographische Ausdehnung seines Wirkens, die ich hierbei im Auge habe, und die unsere verehrten Jubilar zu einem Manne einzig seiner Art gestaltet.
(Hebräisch und deutsch:) 'Dienet dem Ewigen mit Freude, kommet vor Ihn mit Jauchzen.' Der Begriff des Gottesdienstes ist in unserer Zeit vielfach missdeutet worden. Im Judentume beschränkt sich der Gottesdienst nicht auf das Gotteshaus, er muss vielmehr durch das gesamte Leben betätigt werden. Gott dienen, heißt, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all unserem Vermögen alle unsere Stunden und Tage in Erfüllung des göttlichen Willens aufbieten, und das hat unser Moses (hebräisch und deutsch:) mit Freude, getan.
Hieran reihte der Redner eine kurz gefasste Biographie des Gefeierten, die wir an dieser Stelle nicht wiederholen wollen, da sie bereits in früheren Nummern mitgeteilt ist worden. Nachdem der Redner die unsterblichen Verdienste des verehrten Jubilars um die Glaubensbrüder im heiligen Lande, bei der Damaskus-Affäre, in Russland, Italien, Afrika (Marokko), Rumänien, Persien, und in Bezug auf die syrischen Schriften hervorgehoben und seine bevorzugte gesellschaftliche Stellung geschildert hatte, stellte er das Verhältnis des Gefeierten zum orthodoxen Judentume dar.        
Mainz Israelit 30101884a.jpg (372734 Byte) (Hebräisch und deutsch:) 'Erkennet, dass der Ewige Gott ist, Er hat uns gemacht, und Sein sind wir, Sein Volk und die Herde Seiner Weide.'  Sir Moses Montifiore hat von Jugend auf sein Heil und sein Glück in treuer Anhänglichkeit für die Lehre unseres Gottes gesucht und gefunden. Als die sogenannte Reformbewegung auch in England hervortrat, ist Sir Moses ihr mit großem Eifer und bedeutendem Erfolge entgegengetreten, wiewohl Freunde und Verwandte zu den Gründern und Leitern der neuen Sekte gehörten. Auf seinen weiten Reisen zu Land und zu Wasser, in oft unwirtlichen Gegenden, hat er die Vorschriften des Judentums auf das Sorgfältigste beobachtet; als Freund und Genosse von königlichen Prinzen und anderen vornehmen Herren ist er nie von den Geboten unseres Gottes gewichen. 'Erkennt, dass der Ewige Gott ist, Er hat uns gemacht und Sein sind wir, Sein Volk und die Herde Seiner Weide', das war die Devise seines ganzen Lebens.
Die (hebräische) Schreibweise bietet uns noch einen anderen Sinn in dem in Rede stehenden Verse dar. (Hebräisch und deutsch:) 'Er hat uns gemacht und nicht wir.' Gerade in den Ländern englischer Zunge ist neuerdings häufig von self made man 'einem selbstgemachten Manne', das heißt, von einem solchen die Rede, der Alles nur sich selbst zu verdanken hat. Auch Sir Moses hätte sich so bezeichnen können; aber er hat es nie getan. Sein ganzes, reines und hingebungsvolles Streben zum Besten der Menschheit ist eine Betätigung der Worte des Psalmisten 'Er hat uns gemacht und nicht wir, Sein Volk und die Herde Seiner Weide.'
'Gehet in seine Tore mit Danklied, in seine Höfe mit Lobgesang, dankt ihm, preiset seinen Namen'.  Und deshalb sind heute die Scharen der Andächtigen in fast allen Ländern der Erde in die Synagogen geeilt, um dem allgütigen Gott zu Danken für die Güte und Liebe, die er unserm teuren Sir Moses erwiesen, dass er ihn ein so ungewöhnlich hohes Lebensalter hat erreichen lassen, dass er ihm des Körpers Kraft und der Geistes Frische erhalten. Und die Anerkennung und Verehrung seiner Mitmenschen ihm hat zu Teil werden lassen.
(Hebräisch und deutsch:) 'Denn gütig ist der Ewige, ewig währet seine Liebe und von Geschlecht zu Geschlecht seine Treue.' Gott ist die unendliche Güte. Das erfahren wir nicht nur bei außerordentlichen Vorkommnissen, sondern immer, ewig. – Unsere Weisen lehren, dass wir dadurch Gott nachwandeln, dass wir uns seine erhabene Eigenschaften zum Muster nehmen und ihnen nachstreben. 'Wie Er barmherzig, so sei auch Du barmherzig, wie Er Gnädig, so sei auch Du gnädig.'
Was ich Euch, meine Brüder und Schwestern von den großen Taten unseres Sir Moses erzählt habe, das sind nur Einzelheiten. Aber seine unendliche Güte, seine unaussprechliche Liebe für alle Menschen und namentlich die Armen und Unterdrückten, entzieht sich jeder Beschreibung. Davon dringt wenig zu uns in die Ferne, davon wissen nur die Leute zu erzählen, die zu seiner nächsten Umgebung gehören. Wahrlich es ist etwas Himmlisches, etwas Göttliches, solch ein für alles menschliche Leid teilnahmevolles Herz! Malen wir uns im Geiste eine Szene aus dem tatenreichen Leben des Jubilars aus. In Damaskus schmachten neun unschuldige Glaubensgenossen in finsterem Kerker; ihre Gliedmaßen sind durch die Tortur zermartert; in dumpfer Verzweiflung sehen die dem Tode entgegen. Da geht im fernen Westen ein Schiff ab, das ein ihnen unbekannter Mann, eine ihnen fremde Frau besteigen, und den Bemühungen des edlen Ehepaares gelingt es, die Pforten des Kerkers zu öffnen und die Gefangenen der Freiheit, dem Licht und dem Leben wiederzugeben. Ist das nicht etwas Himmlisches, Göttliches?
(Hebräisch und deutsch:) 'Und von Geschlecht zu Geschlecht währt seine Treue.'
Und auch das ist ein beglückender Moment unserer Feier: das Bewusstsein die Überzeugung, dass Gottes Liebe und Treue uns niemals verlassen und uns bleiben werden bis zu den spätesten Geschlechtern. In jedem Zeitalter hat Er uns Männer erstehen lassen, auf die wir mit gerechtem Stolze und mit freudiger Genugtuung blicken dürfen, die jedes Zeitalter sich als Musterbilder, wählen darf für das eigene Streben. So wollen denn auch wir, dem erhabenen Beispiele Montefiores folgen, mit aller unserer Kraft einstehen für unsere heilige Gotteslehre, mit aller unserer Kraft und bemühen um das Wohl unserer Mitmenschen!
Der Redner nahm dann die Torarolle aus der heiligen Lade und sprach das im Programm vorgeschriebene Gebet in hebräischer und deutscher Sprache, worauf der Synagogenchor den 150. Psalm vortrug. Mit dem Maariw-Gebete schloss die erhebende Feier."   

 
Gottesdienst für die Genesung des Kronprinzen (1887)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. November 1887:  "Mainz, 16. Nov. In der Synagoge der israelitischen Religionsgesellschaft wurde heute Mittag 1 Uhr ein feierlicher Gottesdienst abgehalten, um für die Genesung des Kronprinzen die göttliche Hilfe zu erflehen. Nach Rezitierung von zu diesem Zwecke ausgewählten Psalmen, sprach Herr Rabbiner Dr. Lehmann vor geöffneter Bundeslade ein ergreifendes Gebet. Die Gemeindemitglieder hatten sich in großer Zahl eingefunden, und aus den Tiefen der Herzen stiegen die Gebete empor, die der Allgütige erhören möge."   

 
Einweihung einer neuen Torarolle für die Synagoge der Religionsgesellschaft (1894)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Juni 1894: "Mainz. Am Tag nach dem Schawuotfest. Unser Gottesdienst erhielt in den eben verflossenen Festtagen eine besondere Weihe.
Herr D. Levinger hier ließ eine neue prächtige Torarolle schreiben und übergab solche am ersten Tage Schawuoth unserer Religionsgesellschaft in feierlicher Weise. Vor Beginn des Thoralesens gingen zehn Mitglieder des Vorstandes und Ausschusses unserer Gesellschaft mit den bereits vorhandenen Sefarim (Torarollen) der neugeschriebenen Rolle entgegen, welche vom Vorbeter in Begleitung unseres Herrn Rabbiners unter Chorgesang an ihren heiligen Bestimmungsort getragen wurde. Nach einigen Umzügen um den Almemor, kam es aus dem betreffenden Sefer (Torarolle) der dem Tage entsprechende Thoraabschnitt zur Verlesung.
Die Thorarolle ist von Herrn Sofer (Toraschreiber) Holzmann auf das sorgfältigste in schönen, großen und deutlichen Buchstaben hergestellt. Der sie umgebende Mantel, welcher mit prachtvoller Goldstickerei versehen, ging aus dem Atelier des Herrn Rotschild in Frankfurt a. M. hervor. Das Silber bietet ein hervorragendes Kunstwerk der auf diesem Gebiete weltbekannten Firma Lazarus Posen Wwe. in Frankfurt a. M. Zur Erinnerung an dieses freudige Ereignis stiftete Herr Levinger einen Betrag von 1200 Mark für den hiesigen Hilfsverein. Möge der edle Geber Kinder und Enkel sehen, die sich mit der Thora beschäftigen."      

  
Feier für das Großherzogliche Paar in der Synagoge der Religionsgesellschaft (1894)   
Anmerkung: das Großherzogliche Paar war 1894: Großherzog Ernst Ludwig (geb. 25. November 1868 in Darmstadt, gest. 9. Oktober 1937 in Schloss Wolfsgarten bei Langen, von 1902 bis 1918 Großherzog von Hessen und bei Rhein), verheiratet mit (seiner Kousine) Victoria Melita von Sachsen-Coburg und Gotha (geb. 25. November 1876 in Valletta, Malta, gest. 2. März 1936 in Amorbach); mit der jüngsten Schwester des Landesfürsten, der Braut des russischen Kaisers ist  Prinzessin Alix von Hessen-Darmstadt gemeint (geb. 6. Juni 1872 in Darmstadt, spätere Frau von Kaiser Nikolaus II. und damit Kaiserin von Russland, ermordet mit der ganzen Kaiserfamilie in der Nacht auf den 17. Juli 1918 in Jekaterinburg). Die im Text genannte Mutter der Prinzessin Alix war Prinzessin Alice von Großbritannien und Irland (1843-1878), eine Tochter der britischen Königin Victoria.        

Mainz Israelit 26111894.jpg (286618 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. November 1894:  "Mainz, 25. Nov. In der Synagoge der israelitischen Religionsgesellschaft fand heute in erhebender Weise die Feier des hohen Geburtstags Ihrer königlichen Hoheiten des Großherzoglichen Paares statt. Nach entsprechendem Gesang und Rezitation einiger Psalmen bestieg Herr Rabbiner Dr. Bondi die Kanzel, um auf Grund der drei Verse 8, 10, 11 des 45. Psalmes den Großherzog, die Großherzogin und die jüngste Schwester des Landesfürsten, die erlauchte Braut des russischen Kaisers zu feiern. Mit den Schlussworten des gestrigen Prophetenabschnitts: 'Es lebe mein Herr der König David ewiglich' begann der Redner, indem er heiße Wünsche für das Wohl des Landesfürsten in diesem biblischen Huldigungsruf kleidete. In den Worten des Psalmisten 'Du liebstes Gerechtigkeit, hassest Unrecht, darum salbte Dich Gott, Dein Gott mit dem Öle der Wonne vor deinen Genossen', fand er eine treffende Schilderung der Regierung unseres Landesvaters, der Gerechtigkeit auf seine Fahne geschrieben, dessen Herze alle Untertanen gleich nahe stehen und dessen Regierung durch eine Reihe glücklicher Erfolge gesegnet wurde. Besonders die Geschichte des Großherzoglichen Hauses im vergangenen Jahre zeigt uns deutlich den reichen Segen des Himmels. Der Großherzog erkor sich als Gattin eine Fürstentochter aus uraltem glänzendem Geschlechte, eine nahe Verwandte, die, wie sie am gleichen Tage mit ihm sein Wiegenfest feiert, so gleich dem Fürsten mit allen allen edlen Tugenden geschmückt ist.
'Es steht die Gattin an deiner Rechten geschmückt mit kostbarem Golde'. Der herrlichste Schmuck der Fürsten ist die Verehrung und Liebe der Untertanen. Der zukünftigen Kaiserin von Russland rief der Redner die Schriftworte zu: 'Höre und merk auf Tochter und neige dein Ohr und vergiss dein Volk und deines Vaters Haus'. Es ist das Schicksal der Fürstentochter, dass sie oft ein neues Vaterland erwählen, um mit dem Gatten, den sie erkoren ein fremdes Land zu beherrschen, und als Herrscherin treu mit allen Fasern des Herzens dem neuen Volke angehören müssen. Je ungeteilter ihr Herz den neuen Pflichten gehört, um so mehr wird sie gepriesen. Doch bevor sie ihr altes Heim verlässt und hinauszieht aus dem väterlichen Palaste, da soll sie nochmals Umschau halten, aufmerken und ihr Ohr neigen den geheiligten Traditionen ihres Geschlechts und alles Gute und Schöne in ihrem Herzen mit hinwegtragen, damit es zum Segen werde auch dem fremden Volke. Vor Jahrzehnten zog ebenfalls eine hessische Fürstin in die Hauptstadt des großen nordischen Reiches und die Regierung des Kaisers Alexander II., des Gatten der hessischen Prinzessin Maria gehört zu den lichtvollsten und gesegnetesten der russischen Geschichte. Die Tagesblätter haben schon berichtet, dass die jetzige russische Kaiserbraut ihre Fürsorge besonders den großen Wohltätigkeitsanstalten widmet, welche ihre unvergessliche Verwandte auf dem Kaiserthrone ins Leben gerufen und reicht bedacht hat. Lange Jahre waren dieselben an höchster Stelle vergessen und der Regellosigkeit und Verwilderung anheim gefallen. Die heute noch viel betrauerte und erlauchte Mutter unserer Prinzessin Alix nannte dieses ihr jüngstes Kind in Briefen an die Königin Victoria von England 'Sonnenscheinchen', weil sie in früher Jugend schon Sonnenschein im elterlichen Hause verbreitet hat. Möge ihr, die von morgen ab den Namen Kaiserin Alexandra Feodorowna (sc. Александра Фёдоровна) führt, vergönnt sein, Sonnenschein zu bringen, dem gewaltigen, dunklen Nordreiche. Möge die Wiederkehr des morgigen Tages stets froh gefeiert werden, in der Erinnerung, dass mit diesem Tage eine Sonne des Glückes und Friedens aufging, für alle russischen Völker ohne Unterschied des Stammes und des Glaubens. 
Mit dem Gebete um den Segen für das Großherzogliche Paar, die Großherzogliche Prinzessin und das gesamte Fürstenhaus, schloss die weihevolle Rede."   

  
Postkarte: "Innere Ansicht der Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft" (1900)     

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Dezember 1900: 
"In unserem Verlage erschien:  
Innere Ansicht der Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft zu Mainz
Postkarte, vielfarbig und künstlerisch, 
von Professor Conrad Sutter ausgeführt. Preis per Stück 5 Pfennig. 
Joh. Wirth'sche Hofbuchdruckerei A.-G., Mainz."  "   

  
50-Jahr-Feier der Synagoge der Religionsgesellschaft (1929)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Juni 1929:  "Mainz, 16. Juni. Am 3. Siwan 5639 wurde der Synagogen-Neubau der Israelitischen Religionsgesellschaft Mainz mit großen Feierlichkeiten seiner Bestimmung übergeben. Es war beabsichtigt, die 50. Wiederkehr dieses Tages feierlich zu begehen, aber durch den leider vor kurzem erfolgten Heimgang unsere Raw Dr. Bondi - das Gedenken an den Gerechten ist zum Segen - musste davon Abstand genommen werden. Um jedoch der Erinnerung an die denkwürdige Begebenheit gerecht zu werden, fand beim Schachris-Gebete (Abendgebet) eine schlichte, einfache aber würdige Feier statt, der ein größerer Teil der Gemeinde in Ergriffenheit beiwohnte. Der zufällig hier anwesende Würzburger Oberkantor, Herr Eschwege, hatte sich in liebenswürdiger Weise bereit erklärt, für unseren durch dir Trauer um seinen jüngst heimgegangenen Sohn leider verhinderten Oberkantor, Herrn Abraham Oppenheimer, einzutreten und er fand mit seinem Chasonus (Kantorendienst) dankbare Bewunderung. Nach Schluss des täglichen Gebetes, von welchem einige Teile besonders gesungen wurden, rezitierte die Gemeinde nach einem Solovortrag des Herrn Eschwege einige Mismaurim (Psalmen), die auch vor 50 Jahren bei der Einweihung gesprochen wurden. Danach sprach Herr J. Tschorniki ein besonders für die Bedeutung des Tages verfasstes Gebet, worin auch der heimgegangenen Führer Dr. Lehmann und Dr. Bondi - das Gedenken an den Gerechten ist zum Segen -  Erwähnung geschah."    

   
   
   
   
Die polnisch-orthodoxe Synagoge   
 
   
1908 gründeten polnisch sprechende jüdische Zuwanderer den "Israelitischen Humanitätsverein". Man traf sich zu Gottesdiensten nach orthodoxem polnischem Ritus in einem Betsaal in der Margarethenstraße 13. Dieser Betsaal wurde beim Novemberpogrom 1938 geplündert und verwüstet.    
   
   
   
   
Die 1911/12 erbaute Hauptsynagoge der "Israelitischen Religionsgemeinde"          
          
Die 1853 eingeweihte Hauptsynagoge war um 1900 zu klein geworden. Ein Neubau sollte in zentraler Lage in der Mainzer Neustadt entstehen. Beim Architektenwettbewerb 1910 gingen 131 Bewerbungen ein. Der Stuttgarter Architekt Willy Graf bekam den Auftrag. Die Grundsteinlegung war am 4. August 1911; bereits ein gutes Jahr später konnte am 3. September 1912 die Einweihung gefeiert werden. Es handelte sich um einen monumentalen Zentralbau mit niedrigeren Seitenflügeln. Der zentrale Kuppelraum hatte einen Durchmesser von 27 m und war 25 m hoch. Es wären 580 Sitzplätze für Männer, 482 für Frauen vorhanden. Über dem Toraschrein befand sich eine von Orgelbauer Wilhelm Sauer aus Frankfurt an der Oder konzipierte Orgel.  
   
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge am frühen Morgen des 10 November von SS-Trupps geschändet. Mit Brandsätzen wurde Feuer gelegt. Durch Sprengungen sollte das Gebäude zerstört werden, was jedoch nur teilweise gelang, da sonst die Nachbarhäuser in Mitleidenschaft gezogen worden wären. 1939/40 musste die jüdische Gemeinde auf Polizeibefehl für den Abbruch und das Abräumen der Trümmer sorgen. Nach 1945 wurde auf dem Grundstück das Hauptzollamt erbaut. 1988 fand man Reste der Säulenhalle wieder, die man als Mahnmal von vier Säulen mit Architrav aufstellen konnte. 
   
    
Der Architekten-Wettbewerb zur Synagoge 1911   

Anmerkung: Das Ergebnis des Architekten-Wettbewerb wurde publiziert in "Deutsche Konkurrenzen vereinigt mit Architektur-Konkurrenzen" (Ernst Wasmuth A.-G. Berlin). Hrsg.: Prof. A. Neumeister Karlsruhe. Band XXVI Heft 3. Nr. 303 Synagoge in Main. Verlag von Seemann & Co. Leipzig 1911.       
Die Seiten mit den großformatigen Abbildungen der Entwürfe wurden für die Darstellung in der Website um 90° gedreht. 

Mainz Architekten 1912001.jpg (136337 Byte) Mainz Architekten 1912002.jpg (112628 Byte) Mainz Architekten 1912003.jpg (166050 Byte) Mainz Architekten 1912004.jpg (191773 Byte) Mainz Architekten 1912005.jpg (181875 Byte)
Titelblatt der 
Publikation 
Inhaltsverzeichnis 
und Lageplan 
Text der Ausschreibung zu a) Der eigentliche Synagogenbau,
 b) Das Gemeindehaus,  c) Besondere Bedingungen 
für den Synagogenbau 
Aus dem Gutachten
 des Preisgerichts 
           
          
Mainz Architekten 1912006.jpg (131330 Byte) Mainz Architekten 1912007.jpg (191480 Byte) Mainz Architekten 1912008.jpg (109942 Byte) Mainz Architekten 1912009.jpg (144583 Byte) Mainz Architekten 1912010.jpg (190990 Byte)
Forts. Die Pläne und Entwürfe der mit dem 1. Preis ausgezeichneten Arbeit von Willy Graf, Architekt in Stuttgart
         
Mainz Architekten 1912011.jpg (130046 Byte) Mainz Architekten 1912012.jpg (120411 Byte) Mainz Architekten 1912013.jpg (317081 Byte) Mainz Architekten 1912014.jpg (202509 Byte) Mainz Architekten 1912015.jpg (123369 Byte)
Die Pläne und Entwürfe der gleichfalls mit einem 1. Preis ausgezeichneten 
Arbeit von O. Menzel, Architekt B.D.A. in Dresden 
Die Pläne und Entwürfe der mit dem 3. Preis
 ausgezeichneten Arbeit von Fritz Fuß & Willy Dietsch,
 Architekten in Düsseldorf 
    
         
Mainz Architekten 1912016.jpg (173535 Byte) Mainz Architekten 1912017.jpg (279122 Byte) Mainz Architekten 1912018.jpg (154517 Byte) Mainz Architekten 1912019.jpg (113644 Byte) Mainz Architekten 1912020.jpg (290880 Byte)
Forts. 3. Preis 
    
Die Pläne und Entwürfe der Arbeit von 
E. Fahrenkamp & Kühnen, Architekten in Düsseldorf 
Die Arbeit von P. Gracher 
und K. Rüschoff, 
Architekten in Düsseldorf 
        
          
Mainz Architekten 1912021.jpg (196373 Byte) Mainz Architekten 1912022.jpg (255051 Byte) Mainz Architekten 1912023.jpg (210232 Byte) Mainz Architekten 1912024.jpg (213552 Byte) Mainz Architekten 1912025.jpg (138560 Byte)
Forts.  Entwurf von Hummel & Rothe, Architekten in Karlsruhe  Entwurf von K. Leubert, Architekt in Karlsruhe 
         
Mainz Architekten 1912026.jpg (197716 Byte) Mainz Architekten 1912027.jpg (194456 Byte) Mainz Architekten 1912028.jpg (237692 Byte) Mainz Architekten 1912029.jpg (156094 Byte)  
Entwurf von Franz Roeckle, 
Architekt in Frankfurt am Main 
Entwurf von Philipp Hettinger, 
Architekt in Heidelberg  
 
          
Mainz Architekten 1912030.jpg (286759 Byte) Mainz Architekten 1912031.jpg (175945 Byte) Mainz Architekten 1912032.jpg (198454 Byte)  Mainz Architekten 1912033.jpg (188693 Byte)   
Entwurf von Paul Müller - Mylau - Düsseldorf; 
Mitarbeiter Werner Hagenbruch Düsseldorf 
Entwurf von Heinrich Stumpf, 
Architekt in Darmstadt  
  

   
   
   
Texte zur Geschichte der 1911/12 erbauten Hauptsynagoge aus jüdischen Periodika          
Städtischer Zuschuss zum Neubau der Synagoge (1910)      

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 1. Juli 1910:  "Mainz. Die Stadtverordneten bewilligten zum Neubau einer Synagoge 50.000 Mark an Stelle eines Bauplatzes. Die jüdische Gemeinde beabsichtigt, das Humannsche Terrain auf dem Karmelitenplatz zu erwerben".        
 
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 8. Juli 1910: "Die Stadtverordneten in Mainz bewilligten zum Neubau einer Synagoge 50.000 Mark an Stelle eines Bauplatzes. Die jüdische Gemeinde beabsichtigt, das Humannsche Terrain auf dem Karmelitenplatz zu erwerben."    

  
Beschluss zum Bau einer neuen Synagoge in der Neustadt (1910)   

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 5. August 1910: "Mainz. Die neue Synagoge wird in der Neustadt gebaut. Das Terrain ist noch unbestimmt."       

 
Ein Grundstück zum Bau einer neuen Synagoge wurde erworben (1910)     

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 16. September 1910: "Mainz. Die israelitische Gemeinde erwarb aus dem Gelände der ehemaligen Lederwerke in der Neustadt ein Terrain für 130.000 Mark zum Bau einer neuen Synagoge."      

   
Entscheidung des Architektenwettbewerbs (1911)     

Mainz AZJ 17021911.jpg (57981 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 17. Februar 1911:  "Bei dem Wettbewerbe eines Planes zur Erbauung einer Synagoge der israelitischen Religionsgemeinde in Mainz ist das Preisgericht am 24. Januar mit seiner Prämiierung fertig geworden. Es waren 133 Projekte eingelaufen. Der erste und zweite Preis in Höhe von 3000 und 2000 Mark wurden zusammengelegt und mit je 2500 Mark die Projekte der Architekten Willi Grab - Stuttgart und Mensel - Dresden prämiiert. Den dritten Preis von 1000 Mark erhielt das Projekt der Architekten Fuß und Ditsch - Düsseldorf".         


Der Bauunternehmer beim Bau der Synagoge hält sich nicht an die Vereinbarung der Sabbatruhe (1911)    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Juli 1911: "Mainz, 30. Juni (1911). Am 26. dieses Monats nahmen die Arbeiter an dem Neubau der Synagoge der Hauptgemeinde die Arbeit nicht auf. Der Neubau liegt an einem Platze der Neustadt und wird von dem nichtjüdischen Bauunternehmer Schreyer ausgeführt. Es kommen 30 Maurer und 55 Hilfsarbeiter in Frage. Der Grund der Arbeitsniederlegung ist folgender: Die israelitische Religionsgemeinde hat den Unternehmer Schreyer bei Ausführung des Baues zur Bedingung gemacht, dass aus religiösen Gründen am Samstag nicht gearbeitet werden darf. Die Vertreter der Arbeiter haben nun bei dem Vorstand der israelitischen Gemeinde, sowie bei dem Unternehmer Schreyer vorgesprochen, damit den Arbeitern, die den Sabbat feiern müssen, eine Entschädigung gewährt werde. Der israelitische Gemeindevorstand erklärte, das sei Sache des Unternehmers, der die Arbeit mit der Bedingung übernommen hätte, dass an den israelitischen Feiertagen an dem Bau nicht gearbeitet werde und Schreyer müsste für Entschädigung der feiernden Arbeiter aufkommen. Unternehmer Schreyer hat abgelehnt, irgendwelche Entschädigung zu zahlen".          

 
Die Arbeiten beim Synagogenbau können nach einer Einigung mit der Firma weitergehen (1911)       

Mainz Israelit 13071911.jpg (83411 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. Juli 1911: "Mainz, 7. Juli (1911). Mit der Sperre des von der Firma Schreyer ausgeführten Synagogen-Neubaues beschäftigte sich gestern eine Versammlung der aufständischen Arbeiter. Wie schon früher hier berichtet wurde, ist die Arbeitseinstellung verursacht durch das Ruhen an den Samstagen, ohne dass den Arbeitern hierfür eine Entschädigung von dem nichtjüdischen Unternehmer gewährt wurde. In einer Schlichtungskommissionssitzung vom 4. dieses Monats wurde ein Vorschlag dahingehend gemacht, den Arbeitern zu empfehlen, unter folgenden Bedingungen die Arbeit aufzunehmen. Es sollen in der Woche von Monat bis Freitag inklusive 5 Überstunden gearbeitet werden. Für diese Überstunden soll ein Zuschlag von 20 Pfennig pro Stunde gewährt werden. Diejenigen Arbeiter, welche am Synagogenbau Überstunden arbeiten, dürfen an den Samstagen nicht beschäftigt werden. Nach lebhafter Debatte hat die Versammlung beschlossen, den Vorschlägen ihre Zustimmung zu geben. Die Arbeit wurde somit heute früh wieder aufgenommen".       

  
Grundsteinlegung für die neue Synagoge (1911)   

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 25. August 1911: "Mainz. In feierlicher Weise wurde die Grundsteinlegung der neuen Synagoge vorgenommen. Stadtverordneter Kommerzienrat Bernhard Mayer begrüßte die Erschienenen. Rabbiner Dr. Salfeld gab sodann einen geschichtlichen Überblick über die Mainzer Synagogen. Wir erfuhren u.a. daraus, dass die erste urkundliche Erwähnung einer Synagoge in Mainz aus dem Jahre 1093 stammt, und dass die jetzige Synagoge 1844 erbaut wurde. Nach der Rede Dr. Salfelds wurde in den Grundstein eine Kapsel mit Werken über die Geschichte der Gemeinde, mit Abbildungen der Synagoge und mit einer von Rabbiner Dr. Salfeld verfassten hebräischen und deutschen Urkunde eingefügt."         
 
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. September 1911: 
derselbe Artikel wie im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" s.o.     

    
Einweihung der neuen Synagoge (1912)     

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 6. September 1912: "Mainz. In Gegenwart der Staats- und Stadtbehörden - Eisenbahnpräsident Laury, Geheimrat Dr. Breidert, Bürgermeister Dr. Göttelmann - fand die Einweihung der neuen Synagoge statt. Kommerzienrat Bernhard Mayer, der erste Vorsteher, hielt eine kurze Ansprache. Rabbiner Dr. Salfeld hielt die Festrede. Kommerzienrat Mayer erhielt den Philippsorden 1. Klasse, Rabbiner Dr. Salfeld den Titel Professor."         
  
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. September 1912: "Mainz, 3. September (1912). Heute Vormittag 11 1/4 Uhr hatte sich zahlreiches Publikum, darunter die Spitzen der staatlichen und städtischen Behörden, in der Neuen Synagoge in der Bonifaziusstraße eingefunden, um der feierlichen Einweihung derselben beizuwohnen. Die Feier wurde eingeleitet durch einen Choral von Gluck (Psalm 24,7 bis 10), gesungen vom Synagogenchor und verstärkt durch sangeskundige Damen und Herren der Gemeinde. Diesem Choral folgte nachstehende Ansprache des ersten Vorstehers, Herrn Stadtverordneten Kommerzienrat Bernhard Mayer: 'Im Namen des Vorstandes der Israelitischen Gemeinde begrüße ich die Vertreter der hohen Behörden, die Ehrengäste sowie die Mitglieder unserer Gemeinde und danke ich Ihnen aufs Wärmste für Ihr uns ehrendes Erscheinen. Es gereicht mir zur besonderen Freude, Ihnen zur heutigen Feier einen kurzen Rückblick auf die Baugeschichte unseres neuen Gotteshauses geben zu dürfen. Unsere alte Synagoge entsprach nicht mehr den baupolizeilichen Bestimmungen, die heutzutage an ein öffentliches Gebäude gestellt werden wegen der Sicherheit der Besucher. Da ein Umbau des alten Gebäudes mit unverhältnismäßig großen Kosten verknüpft gewesen wäre und trotzdem nicht Abhilfe aller Mängel gewährleistet hätte, entschied sich die am 10. Juli 1919 einberufene Gemeindeversammlung mit großer Mehrheit für den Neubau einer Synagoge.       
Mainz AZJ 11091912a.jpg (251949 Byte)  Ein allgemeiner Wettbewerb unter den deutschen Architekten wurde zur Erlangung eines Bebauungsplanes ausgeschrieben, und ging aus diesem Wettbewerb unter 131 Bewerbern Herr Architekt Willy Graf in Stuttgart mit dem ersten Preis hervor. Ihm wurde vom Vorstande und der von demselben zugezogenen Baukommission der Auftrag zur Erbauung dieses Gotteshauses gegeben, und am 5. Mai 1911 begonnen, können wir heute, nach kaum sechzehnmonatlicher Bauzeit, die Einweihung unserer neuen Synagoge begehen. Für die geniale und rasche Ausführung des Baues gebührt Herrn Architekt Graf unser aller Dank, wie wir ihn auch seinem unermüdlichen Bauwerkmeister Herrn Architekt Siegloch aussprechen. Gleichzeitig danken wir allen den Meistern und Handwerkern, die an unserem Gotteshause mitgearbeitet haben und ihr Bestes für dasselbe einsetzten. Unser Dank gebührt aber auch den Herren der Bau- und Finanzkommission, die unter dem Vorsitz des Herrn Beigeordneten Martin Moritz Mayer den Vorstand in seinen Bemühungen, ebenso wie unser hochverehrter Herr Rabbiner, unterstützten, und endlich den Stiftern und Stifterinnen, die zur Ausschmückung dieses Gotteshauses beigetragen haben. Ich gedenke noch der beiden, uns durch den Tod entrissenen früheren Vorstandsmitglieder, des Herren Martin Meyer-Ganz und Herrn Justizrat Dr. Loeb; sie beide haben unentwegt für diesen Neubau gewirkt, sie beide sollten diesen Tag leider nicht mehr erleben. So entstand dieses Haus, das wir aufrichten zur Ehre des allmächtigen einzigen Gottes, zur Stärkung unserer Gemeinde, und das eine Zierde unserer geliebten Vaterstadt sein möge, in deren Schutz wir unsere Synagoge stellen. In enger finsterer Gasse stand unser früheres Gotteshaus, durch seine Lage stets an schwere Zeiten erinnernd. Vieles hat sich in der Gegenwart geändert, und wenn auch die Lage unseres neuen Gotteshauses nicht mehr an alte Zeiten erinnert, sondern der Neuzeit entspricht, so wollen wir doch immer und stets fest an unserem Glauben halten, für den unsere Vorfahren so schwer gelitten haben. Wir wollen aber auch zeigen, dass bei diesem Festhalten an unserem Glauben wir deutsche Staatsbürger sind, die in Treue an ihrem geliebten Vaterland hängen und, unseren Mitbürgern gleich, Gut und Blut zu opfern jederzeit bereit sind, sowie uns auch der erste Grundsatz unserer Religion, der uns Toleranz gebietet, heilig ist. In Friedenszeiten erbaut, möge dieses Gotteshaus nie andere Zeiten schauen, und möge jeder hier Frieden und Erbauung finden. Und so übergeben wir diesen Tempel seiner Bestimmung, auf dass einziehe die Lehre, die einst Gott uns durch Moses auf dem Sinai gegeben – zum Segen der gesamten Menschheit!' Hierauf erfolgte der feierliche Einzug mit den Torarollen unter dem Sologesang des ersten Kantors, Herrn Bernhard Nussbaum. Anschließend fand der Segensspruch des Herrn Rabbiner Dr. Salfeld statt. Es folgten dann Chor und Terzett aus der Haydnischen 'Schöpfung'. Die Solis wurden von Frau Lena Simon und den Herren Adolf Trimborn und Rob. Wolfskehl prächtig zu Gehör gebracht. Beim Anzünden des ewigen Lichtes ertönte der Huldigungsgesang der Gemeinde mit dem herrlichen Solo des Kantors Nussbaum, was einen mächtigen Eindruck machte. Herr Rabbiner Dr. Salfeld hielt die äußerst wirkungsvolle Festpredigt, worauf sich Weihegebete und Segen sowie das Gebet für Kaiser und Großherzog anschlossen. Die eindrucksvolle Feier endete mit dem Schlussgesang 'Halleluja' (Psalm 150). Zum Schluss sei noch mitgeteilt, dass aus Anlass der Einweihungsfeier Herr Rabbiner Dr. Salfeld vom Großherzog der Charakter als Professor verliehen wurde. Der erste Vorsteher der Gemeinde, Herr Kommerzienrat Bernhard Albert Mayer, erhielt das Ritterkreuz erster Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen. Zur Feier war eine große Menge von Begrüßungstelegrammen eingelaufen, unter diesen Gratulanten befand sich auch der Herr Minister Dr. Braun."    

   
Zur Einweihung der neuen Synagoge in Mainz (1912)    
Anmerkung: der Beitrag ist geschrieben von Rabbiner Dr. Martin Salomonski (geb. 1881 in Berlin, verschollen 1944 im KZ Auschwitz): 1910 bis 1924 Rabbiner in Frankfurt an der Oder; 1928 Gemeinderabbiner der Synagoge Schönhauser Allee in Berlin, ab 1935 Vorsitzender des Kollegiums der Berliner Gemeinderabbiner; am 16. Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert.      

Mainz AZJ 25091912.jpg (159845 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 25. September 1912:  "Ein Jubeltag im goldenen Mainz.
Aus Frankfurt a. M., das uns liberale Rabbiner am Gedenktage zu wichtiger und erfolgreicher Beratung vereinigt hatte, kam ich ins nahe Mainz. Meiner Vorfreude, dort am Weihefeste des neuen Gotteshauses der israelitischen Religionsgemeinde teilzunehmen, bot die schöne Stadt schönstes Erleben.
Wetteifernd mit dem Schmuck ihrer Ströme grüßten festfrohe Straßen, grüßten Bürger und Behörden in friedlichem Verein den Ehrentag der Israeliten. Doch machtvollere Empfindungen löste der Bau, zu Ehren des Ewigen geschaffen auf geschichtlich geheiligtem Boden. Ein Haus Gottes in der Geburtsstadt der deutschen Juden, ein Tempel auf jenem Grunde, da unsere Brüder schon länger beten und leben als einst in Jerusalem, das schuf eine bedeutende Stunde! Hier ist der Ort, da das von Römerhand verwundete Volk Genesung und Kraft zu neuem Ertragen fand, hier ist die Stätte, da das Genie der großen Meister Geistesschätze gebar, der Ewigkeit erhalten durch den Mainzer Gutenberg. Würdig dieser Erinnerungen ist das neue Heiligtum, das den Himmel auf die Erde niederzwingt und den Sohn der Tiefe emporhebt, ein Zeugnis auch dafür, dass Gott erfüllte mit dem Geist der 'Kunst und Einsicht' die Bauleute, mit willigem Herzen die frommen Spender. Doch nicht allein wirkt hier der Kuppel Macht und Höhe, der Farbentöne sanfte Pracht, tausendfältiger Glanz und Schimmer, frommer Klänge Zauberwort.
Mehr noch als Auge und Ohr ernteten Geist und Gemüt. Kurz an Sätzen, reich an Gedanken war die Begrüßung des ersten Vorstehers, Kommerzienrats Mayer, der den Bau seiner Bestimmung übergab. Und dann die Weihepredigt des aus Anlass der Feier zum Professor ernennten Rabbiners Dr. Salfeld! Die Geschichte seiner Gemeinde, die Bedeutung des Gotteshauses verflocht der Meister der Wissenschaft und der Rede zu tief ergreifender Gestaltung; allen, die seinen Lippen lauschten, selbst Abbild und Verkörperung der Gemeinde, als treuer Führer und Hüter seit Jahrzehnten, voranleuchtend in Würde, vorwärtsschauend mit Aufrichtigkeit, emporführend mit nimmermüder Kraft.
Die Feier des Hauses ist auch die seine geworden. Das bleibt des denkwürdigen Tages kostbares Dokument. Umhegt von seiner Lebensgefährtin, den Kindern und Enkeln, innig verbunden mit seiner Gemeinde, geehrt vom Herrn des Landes, geliebt von seinen hessischen Amtsgenossen, deren keiner fehlte, hat er des Lebens Höhe erklommen. Mag der schönen Stunden Sonnenschein nicht schwinden ihm und seinen Getreuen, mag der Jubeltag in Mainz auch anderer Orten gleichen Opfersinn und begeisternden Nachhall wecken!    Salomonski".    

 
Foto der neuen Synagoge (1912)      

Mainz AZJ 02101912.jpg (233343 Byte)Foto in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 2. Oktober 1912: "Die Mainzer neue Synagoge".        

   
Feierliche Enthüllung der Ehrentafeln für die im Ersten Weltkrieg aus der Gemeinde gefallenen Soldaten (1921)                

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 9. Dezember 1921: "Mainz, 2. Dezember (1921). Unter lebhafter Anteilnahme der staatlichen und städtischen Behörden, der Schuldirektoren, des Eisenbahn- und Landgerichtspräsidenten, des Vorsitzenden der Handelskammer und anderen mehr sowie eines großen Teils der Mainzer jüdischen Bevölkerung fand in der hiesigen Hauptsynagoge die feierliche  Enthüllung der Ehrentafeln zum Gedächtnis an die im Kriege gefallenen 66 Gemeindemitglieder, gleich 2,02 Prozent der hier wohnenden Israeliten statt. Im Vorort Bretzenheim fielen fünf Söhne aus zehn jüdischen Familien. Die Abnahme der Verhüllung erfolgte durch zwei jüdische Frontkämpfer, Inhaber des Eisernen Kreuzes 1. Klasse. Die Namen der Gefallenen sind alphabetisch geordnet. Aus mehreren Familien sind zwei Söhne gefallen, aus mancher Familie der einzige Sohn beziehungsweise Kind, viele der Eltern sind ihren Söhnen bereits in die Gruft nachgefolgt. In seiner überaus eindrucksvollen Weiherede hob Herr Rabbiner Dr. Levi hervor, dass der Vorwurf, die Juden seien schuld am Kriege, ebenso unbegründet sei wie derjenige, dass die Juden revolutionären und destruktiven Tendenzen hauptsächlich huldigten. Kein gläubiger Jude wird auch nur einen einzigen Stein vol Bau des Vaterlandes reißen. Die, die uns als Schädlinge angeheftet werden, waren unserem Bekenntnisse schon untreu, ehe sie an der Sache des Vaterlandes rüttelten. Die Tafeln sind künstlerisch ausgeführt und mit entsprechenden hebräischen Sprüchen verziert. Stimmungsvoll wurde die Feier eingeleitet durch ein freies Vorspiel für Orgel nach dem Motiv: 'In der Heimat, in der Heimat, da gibt's ein Wiedersehen'. Es folgten das Solo: 'Ruht in Frieden, alle Seelen' von Schubert, der Chor 'Enosch k'chozir jomow' von Lewandowski, dann nach der Weiherede (Psalm 61,5) der Chor: 'Seele, was betrübst du dich?' von Staab. Von gleich gehobener Stimmung war der Schlusschor: 'Ich hat einen Kameraden', der zumal auf die anwesenden Nichtisraeliten eine äußerst starke Wirkung hervorrief. - Unser Herr Rabbiner Dr. Levi betätigte sich in jüngster Zeit mit großem Erfolge in Wort und Schrift in der Abwehr antisemitischer Angriffe, an denen es auch hier nicht fehlt."        
 
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Dezember 1921:  Derselbe Bericht wie oben.       

     
     
     
Der Betsaal 1938/40  

  
Nach der Zerstörung der Hauptsynagoge konnte die jüdische Gemeinde ihre Versammlungsräume noch im Haus Forsterstr. 2 (damals "Horst-Wessel-Straße") einrichten. Bis zu den Deportationen der Mainzer Juden traf man sich hier zu Gottesdiensten. Das Gebäude wurde im Krieg teilweise ausgebombt. Eine Gedenktafel ist am Nachfolgebau (seit 1952 jüdisches Gemeindezentrum) angebracht.   
   
   
   

   
Die Synagogen nach 1945    
    
          
Nach Kriegsende 1945 kamen zunächst nur wenige Juden nach Mainz zurück. Als erster Betsaal diente die Trauerhalle auf dem neuen jüdischen Friedhof. 1947 konnte vorübergehend eine Synagoge in einer früheren Turnhalle der Feldbergschule am Feldbergplatz eingerichtet werden. 1952 wurde ein neues Gemeindezentrum mit Betsaal auf dem Anwesen Forsterstraße 2 erbaut, wo sich das frühere jüdische Gemeindezentrum befand. 1966 wurde der Betsaal erweitert. 
    
   
Die Einweihung der neuen Synagoge (1947)          

Mainz JuedGemblatt 24091947.jpg (99662 Byte)Artikel im "Jüdischen Gemeindeblatt" vom 24. September 1947: "Mainz und Rheinhessen. Als man am frühen Nachmittag des 10. September durch Mainz ging, waren an den Straßenkreuzungen mehr deutsche Polizei und mehr französische Gendarmerie als gewöhnlich bemerkbar: Sollte das etwa mit der an diesem Tage stattfindenden Einweihung der Mainzer Synagoge zusammenhängen? Tatsächlich war dies der Fall.  Hohe Offiziere der französischen Besatzungsmacht und der französischen Zivilverwaltung, der die jüdische Gemeinde die Initiative zur Errichtung ihres neuen Gotteshauses verdankt, waren zu der feierlichen Handlung erschienen. Gleichzeitig hatten sich neben den Vertretern der maßgebenden deutschen Behörden und des Mainzer Bischofs überaus zahlreiche Mitglieder der Mainzer und anderer jüdischer Gemeinden Hessens eingefunden, um diesem seltenen Akt beizuwohnen. 
Der Gemeindevorsitzende, Max Gruenfeld, begrüßte insbesondere die Ehrengäste, dankte allen, die das nunmehr vollendete Werk schaf-       
Mainz JuedGemblatt 24091947a.jpg (251906 Byte)fen halten, und gedachte der dahingegangenen führen Persönlichkeiten der einstmals blühenden Kehilla. Die Reihe der Ansprachen, später vom Radio Koblenz übertragen, eröffnete Addi Bernd (Koblenz), der Präsident des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden von Rheinland-Pfalz. Ihm folgte Dr. C. Epstein (Wiesbaden), der in seiner Eigenschaft als Staatskommissar für de rassisch, religiös und politische Verfolgten die Grüße und Wünsche des Hessischen Staatsministeriums überbrachte. Regierungspräsident Dr. Rückert (Mainz) sprach im Namen des Ministerpräsidenten des Landes Rheinland-Pfalz, Altmeyer, und zugleich als Vertreter der Regierung von Rheinhessen. Oberbürgermeister Dr. Klaus (Mainz) erinnerte u.a. an die schändlichen Novembertage des Jahres 1938, denen auch die alte stolze Synagoge der Stadt zum Opfer gefallen war. Der Vertreter der Jewish Relief Unit und des Jewish Committee for Relief Abroad, London, Dr. E.G. Lowenthal (Düsseldorf) ging auf die Bedeutung der Errichtung einer Synagoge in dieser Zeit der Trostlosigkeit jüdischen Lebens ein. Der am Erscheinen verhinderte amerikanische Armeerabbiner William Z. Dalin war durch J. Matzner (Wiesbaden) vertreten. Von den französischen Militärs sprachen Armeerabbiner Kalifa, General Jacobsen (Mainz), Gouverneur der Provinz Rheinhessen, und Col. Julit (Koblenz), der im Auftrage des Generalgouverneurs von Rheinland-Pfalz, General Hettier de Boislambert, erschienen war.  
Die Feier, die mit der Einbringung der Tora-Rollen, dem Gebet für die französische Republik und dem wirkungsvoll vorgetragenen El Mole Raschamim beendet wurde, war durch religiöse Gesänge des Jüdischen Chors Wiesbaden (Leitung: Josef Brandsdorfer) und Kapellmeister Hohner (am Harmonium) umrahmt. Die Synagoge, auf Kosten der Stadt Mainz in der früheren Turnhalle der Feldbergschule errichtet, ist würdig, schlicht und geschmackvoll gestaltet, wobei Überkommenes in zeitgemäßer Form Ausdruck findet.  Eine kleine Festschrift enthält einen Abriss der Geschichte der Juden in Mainz aus der Feder von Regierungsrat Michel Oppenheim. Im Anschluss an die Synagogenweihe wurde die aus über 2000 Bänden bestehende Gemeindebibliothek besichtigt, die seit dem berüchtigten Synagogenbrand von der Mainzer Stadtbibliothek in Verwahr gehalten wurden war, eine teilweise sehr bemerkenswerte Sammlung, die eine Seltenheit im jüdischen leben Deutschlands bleiben wird, solange das Schicksal ähnlicher jüdischer Büchereien ungewiss ist. th."     

  
Zwei Gedenktafeln wurden in der Synagoge enthüllt (1947)  

Mainz JuedGemblatt 31121947.jpg (105094 Byte)Artikel im "Jüdischen Gemeindeblatt" vom 31. Dezember 1947: "Wie in der vorigen Nummer des 'Gemeindeblattes' kurz mitgeteilt, wurden im Gebäude der vor einigen Monaten feierlich eingeweihten Synagoge zwei Gedenktafeln enthüllt, Die Eine, die innerhalb des Gotteshauses angebracht ist, erinnert an die Zerstörung der beiden Mainzer Synagogen in Jahre 1938, die andere, größere, im Synagogenvorraum errichtet, ist ein Mahnmal an die vielen Juden, die ein Opfer des Nazi-Terrors wurden.  
An den Enthüllungsfeierlichkeiten nahmen u.a. teil der Gouverneur der Franzischen Militärregierung von Rheinhessen, Guérin, der Innenminister Steffan, der Leiter der örtlichen Betreuungsstelle, Baumann, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mainz, Max Grünfeld. Ihre Worte waren dem Sinn der Gedenkstunde angepasst. Regierungsrat M. Oppenheim, der Kulturdezernent von Mainz nahm die Tafeln in die Obhut der Stadt. th"   

       
      
Seit 1996 (erstmals bereits Anfang der 1960er-Jahre, jedoch nicht ausgeführt) gab es Pläne für ein neues jüdisches Gemeindezentrum. Den Architektenwettbewerb gewann 1999 Manuel Herz, Köln. Der Neubau wurde 2008-2010 auf dem alten Synagogengrundstück Hindenburgstraße 44 (bzw. neue Adresse des Gemeindezentrums: Synagogenplatz) ausgeführt. Die Synagoge wurde am 3. September 2010 eingeweiht - siehe Berichte und Fotos auf einer weiteren Seite      
     
     
     
     
Fotos 
Historische Fotos/Abbildungen: 

Die Synagogen des 17./19. Jahrhunderts    
Mainz Synagoge a001.jpg (53275 Byte) Mainz IsrVolksschullehrer 031853 01.jpg (79486 Byte) Mainz Synagoge a010.jpg (58298 Byte)
Alte Synagoge in der Unteren Judengasse 
(später Synagogenstraße 12): Aufriss der
 Vorderansicht vor dem Abbruch 1846. 
Die 1853 eingeweihte Hauptsynagoge 
(Quelle links: "Der israelitische Volkslehrer": Heft März 1853.
   
   
Aufnahmen der orthodoxen Synagoge 
in der Flachsmarktstraße 
Mainz Synagoge Fl001.jpg (15423 Byte) Mainz Synagoge Fl002.jpg (14693 Byte)
   vgl. Artikel von Leo Trepp auf Seite der Jüdischen Gemeinde Mainz: hier anklicken  
   
Die 1911/12 eingeweihte Hauptsynagoge    
Mainz Synagoge 045.jpg (60000 Byte) Mainz Synagoge 070.jpg (155248 Byte) Mainz Synagoge n 010.jpg (45051 Byte)
Historische Ansichtskarten der neuen Synagoge  
 
Mainz Synagoge 03.jpg (62395 Byte) Mainz Synagoge 05.jpg (31817 Byte) Mainz Synagoge 04.jpg (17801 Byte)
Weitere Ansichten der neuen Synagoge   Abbrucharbeiten 1939/40  

    
Fotos nach 1945:  

Denkmal für das Judenviertel und die alte,
 bis 1912 verwendete Synagoge
   
(Quelle: Website des VVN-BdA Mainz)
Mainz Synagoge o130.jpg (173304 Byte) Mainz Synagoge o131.jpg (227928 Byte)
  Inschrift der Tafel: "Auf diesem Gelände der Landes-Bausparkasse wurde 1671 das Judenviertel den Mainzer Juden als Wohngebiet zugewiesen. Es wurde 1798 von der Stadt aufgelassen (das Viertel zählte damals rund 850 Seelen) und im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört. In der 1855 auf den Fundamenten der 1684 errichteten, 1717 erweiterten Synagoge (Synagogenstraße 10/12) der Israelitischen Religionsgemeinde wurde bis 1912 Gottesdienst gehalten. Bei den sichtbaren Mauerresten handelte es sich um Teile der nördlichen Umfassungsmauer der Synagoge. Die in dieser Mauer befindliche Synagogentür ist hier in Originalgröße wiedergegeben."    
     
Mainz Synagoge 204.jpg (81983 Byte) Mainz Synagoge 202.jpg (79564 Byte) Mainz Synagoge 200.jpg (58174 Byte)
Die Reste der Säulenhalle der Synagoge in der Hindenburgstraße; 1988 als Denkmal aufgestellt  
 
Mainz Synagoge 201.jpg (70805 Byte) Mainz Synagoge 203.jpg (58287 Byte)   
   Gedenkstein mit Darstellung der Synagoge    
     
     
Pläne für die neue Synagoge 
(1999, eingeweiht im September 2010)  
Mainz Synagoge Plan 05.jpg (10978 Byte) Mainz Synagoge Plan 06.jpg (19698 Byte)
     
  Link: zur Seite über die neue Synagoge in Mainz  

      
      
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte           

Juli 2012: Gedenken an den Großvater - über einen "Stolperstein" in Mainz  
Gedenken an den Großvater (Allgemeine Zeitung, 28.07.2012).  
 
Februar 2015: Nach der Verlegung von weiteren 19 "Stolpersteinen" gibt es nun 115 "Stolpersteine" in Mainz 
- Bericht mit Video: siehe Website des SWR:  http://www.swr.de/landesschau-aktuell/rp/mainz/stolpersteine-mainz-demnig-naziopfer/-/id=1662/nid=1662/did=15006226/o0z2il/ 
  

    
      

Links und Literatur   

Links:    

Website der Stadt Mainz      
Website der Jüdischen Gemeinde in Mainz          
Zur Seite über die jüdischen Friedhöfe in Mainz (interner Link)  
Johannes-Gutenberg-Universität Mainz IAK Jüdische Studien - Jüdische Bibliothek  

Literatur:      

siehe die Zusammenstellung: Literatur zur Geschichte der Juden in Mainz, Rheinhessen und Rheinland-Pfalz (Stand: 27.3.2012, 
auch intern als pdf-Datei eingestellt)   
Germania Judaica I,174-228; II,2 512-521; III,2 786-831 (jeweils mit Lit.).  
Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. 1971 Bd. II,7-46 (Lit.).  
Rolf Dörrlamm: Magenza. Die Geschichte des jüdischen Mainz, Festschrift zur Einweihung des neuen Verwaltungsgebäudes der Landes-Bausparkasse Rheinland-Pfalz. Mainz 1995.  
Tatjana Böttcher / Christina Ochs: Denkmal - denk mal. Der alte jüdische Friedhof in Magenza / Die "Neue Synagoge". In: SACHOR. Beiträge zur Jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz. Hrsg. von Matthias Molitor und Hans-Eberhard Berkemann in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz. Erschienen im Verlag Matthias Ess in Bad Kreuznach. 5. Jahrgang, Ausgabe 2/95 S. 48-56. Beitrag online zugänglich (pdf-Datei).   
Franz Dumont/Ferdinand Scherf, Friedrich Schütz (Hrsg.): Mainz. Die Geschichte der Stadt. Mainz 1999.  
Juden in Mainz, Katalog zur Ausstellung der Stadt Mainz im Rathaus-Foyer im November 1978, bearbeitet von Friedrich Schütz. Mainz 1978. (Lit.).  
Friedrich Schütz: Skizzen zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Weisenau bei Mainz. Mit einer besonderen Würdigung der Familie Bernays, in: Mainzer Zeitschrift. Mittelrheinisches Jahrbuch für Archäologie, Kunst und Geschichte, Jg. 92, 1987, Mainz 1987, S. 151-179.  
Bernd A. Vest: Der alte jüdische Friedhof in Mainz. Mainz 2000.  
Als die letzten Hoffnungen verbrannten, 9./10. November 1938, Mainzer Juden zwischen Integration und Vernichtung, herausgegeben von Dr. Anton Maria Keim und dem Verein für Sozialgeschichte Mainz e.V., Hermann Schmidt Verlag Mainz. 1988.
Sonderheft der Mainzer Geschichtsblätter: Die Mainzer Synagogen. Ein Überblick über die Mainzer Synagogenbauwerke, mit ergänzenden Beiträgen über bedeutende Mainzer Rabbiner, das alte Judenviertel und die Bibliotheken der jüdischen Gemeinden. 
Mit Beiträgen von Dieter Krienke, Andreas Lehnardt, Leo Trepp, Ingrid Westerhoff und Gabriele Ziethen, hrsg. von Hedwig Brüchert im Auftrag des Vereins für Sozialgeschichte Mainz e.V.  Mainz 2008, ISSN 1435-8026, 186 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Hardcover, Preis: 12,00 €. 
Kurzbeschreibung:  Dieses Buch will die aus dem Mainzer Stadtbild verschwundenen Synagogen und damit einen wichtigen Teil der Geschichte der traditionsreichen Mainzer jüdischen Gemeinde dokumentieren. Gleichzeitig wird an wichtige Rabbiner, die in vergangenen Jahrhunderten in dieser Stadt wirkten, und an die bedeutenden jüdischen Bibliotheken in Mainz erinnert. Unter den Baumeistern der prächtigen Mainzer Synagogen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts finden sich bekannte Namen, wie Ignaz Opfermann, Eduard Kreyßig und Willy Graf. Die meisten dieser Gotteshäuser wurden im November 1938 geschändet und zerstört; die niedergehenden Bomben im Krieg machten dann auch noch die Reste der Bauwerke dem Erdboden gleich. Abgesehen von der restaurierten kleinen Weisenauer Synagoge künden heute nur noch einige Gedenktafeln von den früheren Gebetsstätten und Lehrhäusern der Mainzer Juden. Doch der Band ruft nicht nur Verlorenes in Erinnerung, sondern bietet auch einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft. Vorgestellt wird der Entwurf des Architekten Manuel Herz für ein neues jüdisches Gemeindezentrum mit Synagoge, das schon bald am Standort der früheren Hauptsynagoge in der Hindenburgstraße entstehen wird.  

 
       
        

                     
vorherige Synagoge  zur ersten Synagoge nächste Synagoge   

                   

 

Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an Alemannia Judaica (E-Mail-Adresse auf der Eingangsseite)
Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 10. Januar 2016