|
Eingangsseite
Aktuelle Informationen
Jahrestagungen von Alemannia
Judaica
Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft
Jüdische Friedhöfe
(Frühere und
bestehende) Synagogen
Übersicht:
Jüdische Kulturdenkmale in der Region
Bestehende
jüdische Gemeinden in der Region
Jüdische
Museen
FORSCHUNGS-
PROJEKTE
Literatur
und Presseartikel
Adressliste
Digitale
Postkarten
Links
| |
zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"
zurück zur Übersicht "Synagogen in Rheinland-Pfalz"
zur
Übersicht "Synagogen im Landkreis Mainz-Bingen und Stadtkreis Mainz"
Mainz (Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz)
Jüdische Geschichte / Synagogen
Hinweis: zur neuen
Synagoge in Mainz gibt es in dieser Website eine
weitere Seite
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
Mittelalter
In Mainz bestand eine bedeutende jüdische Gemeinde zunächst im Mittelalter
(eine der drei SchUM-Gemeinden nach den Anfangsbuchstaben der Städten
Speyer, Worms und Mainz). Möglicherweise gab es bereits zu römischen Zeiten
eine jüdische Niederlassung in der Stadt. Die Entstehung der mittelalterlichen
Gemeinde geht in die Zeit Mitte des 10. Jahrhunderts zurück. Unter
anderem ließen sich noch vor der Jahrtausendwende Vertreter der berühmten jüdischen
Familien Kalonymus aus Lucca/Italien in der Stadt nieder. Ein Angehöriger
dieser Familie soll Kaiser Otto II. nach der Schlacht von Cotrone i.J. 982 das
Leben gerettet haben. Aus der Kalonymus-Familie entstammten mehrere Gelehrte und
Leiter der Mainzer jüdischen Gemeinde. Viele andere jüdische Gelehrte werden
bereits im 10./11. Jahrhundert genannt (u.a. Rabbi Gerschom bar Jehuda).
Eine erste Verfolgung traf die Gemeinde 1012. 1084 wurde bei einem
Brand das jüdische Wohnviertel (im nordwestlichen Bereich der Altstadt gelegen,
von der heutigen Betzelstraße und der Stadthausstraße über den Flachsmarkt
unter Einschluss von Teilen der Schuster- und der Christofstraße) weitgehend
zerstört; ein Teil der Gemeinde übersiedelte nach Speyer.
Mit dem Beginn der Kreuzzüge 1096 begann die Zeit der schlimmen
Verfolgungen. Mehrmals wurde ein großer Teil der Mainzer Judenschaft grausam
niedergemetzelt, zuletzt während der Zeit der Pest (Sommer 1349).
Dazwischen gab es auch Zeiten einer friedlichen Entwicklung der Gemeinde. Die jüdische
Gemeindeverwaltung lag in den Händen des "Judenrates"; an seiner
Spitze war ein vom Erzbischof ernannten "Judenbischof". Nach der
Verfolgung 1349 werden Juden in Mainz erstmals wieder 1356 genannt. 1410
gab es etwa 20 jüdische Haushalte, 1432 14.
Die Zahl der jüdischen Einwohner betrug 1460 nur etwa 110 bis 120 (vor 1096 und
vor 1349 jeweils über 1.000 Juden in der Stadt). Die Juden lebten vom Handel
mit Geld, Wein, Frucht und Waren, auch werden jüdische Ärzte und
Gemeindebedienstete genannt. Im 15. Jahrhundert kam es mehrfach zur
Vertreibungen (1438, 1462, 1471 und schließlich 1483).
Neuzeit
Nach Zuzügen einzelner jüdischer Familien konnte sich 1583 eine neue jüdische
Gemeinde bilden. Aus Frankfurt am Main, Worms, Hanau und anderen Orten zogen
einzelne jüdische Familien zu. Sie lebten lange in sehr armseligen Verhältnisse.
1662 wurden durch ein Dekret von Kurfürst Johann Philipp von Schönborn wurden
die wirtschaftlichen Möglichkeiten der jüdischen Einwohner stark beschränkt.
Ihnen war nicht mehr erlaubt, offene Läden zu betreiben. Sie durften nur noch
mit bestimmten Waren handeln. Ihr Wohngebiet blieb auf die von beiden Seiten
abgeschlossene Judengasse beschränkt (im 18. Jahrhundert wurde das
Wohngebiet erweitert auf die seit Mitte des 19. Jahrhundert sog. "Vordere
und Hintere Synagogengasse"). Im 18. Jahrhundert nahm die Zahl der jüdischen
Einwohner bis auf etwa 550 Personen zu; im jüdischen Wohnviertel mit seinen
schmalen Häusern herrschte drangvolle Enge. Als Frucht der Aufklärungszeit und
der Französischen Revolution fielen am 12. September 1792 die Tore des
Judenghettos.
 |
 |
 |
Hochzeitsfeier in der
Mainzer
Judengasse 1690 |
Die "Judenwache" am
Eingang
zur Judengasse |
Die Judengasse
(Foto von 1929) |
| Die obigen
Abbildungen sind mehrfach veröffentlicht, u.a. in: P. Arnsberg: Die jüd. Gemeinden in Hessen. Bilder und
Dokumente. 1971. S. 136.138 oder Katalog "Juden in Mainz" s.u. |
Im 19. Jahrhundert nahm die Zahl der
jüdischen Einwohner zu: 1828 waren es 1.620 Personen, 1861 2.665, 1871 wurde
die Höchstzahl von 2.998 erreicht. 1925 waren unter den damals ca. 109.000
Einwohnern noch etwa 2.800 jüdische Personen 1933: 2.730). Mitte des 19.
Jahrhunderts trennten sich wie in vielen anderen Großstädten auch die
Orthodoxen von den liberalen Juden, nachdem gottesdienstliche Reformen (deutsche
Gebete, Orgel in der Synagoge) eingeführt wurden. Erster orthodoxer Rabbiner
war Markus Lehmann. In der liberalen Gemeinde wirkte damals Rabbiner Joseph
Aub.
Seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts
hatten die jüdische Einwohner im Leben der Stadt eine große Bedeutung u.a. als
Unternehmer und Gewerbetreibende, als Ärzte, Rechtsanwälte und Journalisten.
Zwei bedeutende Rabbinerpersönlichkeiten verschafften der Mainzer Gemeinde
zwischen 1880 und 1933 hohes Ansehen und Anerkennung in der gesamten
Bürgerschaft ein: Prof. Dr. Siegmund Salfeld (1880-1918) und Dr. Sali Levi
(1917-1941). Zur Vielgestaltigkeit des Mainzer Kulturlebens trugen zahlreiche
jüdische Vereine bei.
Nach 1933 setzte wie im ganzen Deutschen Reich auch in Mainz
die zunehmende Entrechtung der jüdischen Bevölkerung durch die
nationalsozialistische Politik ein. In der Pogromnacht im November 1938 kam
es zu zahlreichen Übergriffen gegen die jüdische Bevölkerung, ihre Wohnungen
und Gewerbebetriebe; das Schicksal der Synagogen wird unten geschildert. Am 17.
Mai 1939 wurden noch 1.452 Juden gezählt. Im März und September 1942 wurde ein
Großteil nach Polen und Theresienstadt deportiert. Die letzte Deportation am
10. Februar 1943 löschte vollends das jüdische Gemeindeleben in Mainz aus. Nur
wenige Juden in sogenannter "privilegierter Mischehe" erlebten das
Kriegsende in Mainz. Insgesamt wurden etwa 1.300 bis 1.400 Mainzer Juden
ermordet.
Am 17. Oktober 1945 konnte von einigen wenigen Überlebenden
von Konzentrationslagern eine neue Gemeinde gegründet werden. Erster
Gemeindevorsteher war Max Waldmann.1948 gehörten 80 Personen, 1970 122 Personen
der Gemeinde an. Durch den Zuzug von jüdischen Emigranten aus den GUS-Staaten
nahm die Zahl der jüdischen Gemeindeglieder bis 2005 auf etwa 1.000
Gemeindeglieder zu.
Zur Geschichte der Synagogen in
Mainz
Mittelalterliche Synagogen
1093 wird eine erste Synagoge in der damaligen
Unterstadt im Bereich der nach 1288 erbauten St.
Quintinskirche genannt. Sie wurde im Zusammenhang mit der Judenverfolgung
beim 1. Kreuzzug am 29. Mai 1096 durch den jüdischen Gemeindevorsteher
angezündet. Er wollte damit möglicherweise einer Schändung des Hauses durch
die Christen beziehungsweise die Kreuzfahrer und der Umwandlung in eine Kirche zuvorkommen. Neben der Synagoge gab
es bereits im 11. Jahrhundert kleinere Bet- und Lehrstätten. Nachdem sich
einige Jahre nach dem Pogrom von 1096 wieder eine Gemeinde bilden konnte, wurde
am selben Ort ein Bethaus errichtet. Die Juden der Oberstadt trafen sich aus
Furcht vor der Stadtbevölkerung im Lehrhaus des Rabbi Juda bar Kalonymos.
1188 wird eine neue Synagoge im Bereich der Stadthaus- und der
Schusterstraße erwähnt (Schusterstraße 41-43/Ecke Stadthausstraße), die
vermutlich schon einige Jahre oder Jahrzehnte zuvor erbaut worden war. 1271
wurde diese Synagoge renoviert. Dabei ist ein kunstvoll gepflasterter Fußboden
eingebracht wurden. Beim Judenpogrom von 15. Juni 1281 wurde diese Synagoge
niedergebrannt. Einige Jahre später scheint dieses Bethaus wieder aufgebaut
worden zu sein. Im Zusammenhang mit den Verfolgungen in der Pestzeit wurde sie
am 23. August 1349 von verzweifelten Juden in Brand gesetzt.
In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts wurde wiederum eine Synagoge erbaut
oder ein Betsaal eingerichtet. 1433 und 1442 wird eine
"Judenschule" genannt, die wahrscheinlich in der Nähe der späteren
Stadionerhofstraße lag. Nach der Vertreibung der Juden 1438 wurde in ihr ein
städtisches Kohlenlager eingerichtet. 1445 konnte die Mainzer Juden wieder
zurückkehren; die Synagoge erhielten sie zurück. Nach der Ausweisung 1470/71
wurde die Synagoge vom Erzbischof in eine christliche Kapelle "Omnium
Sanctorum" ("Allerheiligen") umgewandelt (1473).
Texte
zur Geschichte der mittelalterlichen Synagogen aus jüdischen Periodika
Zur Geschichte der Mainzer Synagogen
(1909)
Der Artikel beschäftigt sich im zweiten Teil mit drei aufgefundenen
Gedenkinschriften an der mittelalterlichen, 1349 niedergebrannten
Synagoge.
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
15. April 1909: "Zur Geschichte der Mainzer Synagogen.
Der Boden, auf dem das neue Mainz sich erhebt und nach allen
Himmelsgegenden kräftig ausdehnt, schenkt jahraus jahrein dem Forscher
wertvolle Zeugnisse einer vielbewegten Vergangenheit. Wenn die hoch
entwickelte Kunst der Neuzeit dem Wasser und Gas, sowie den Vermittlern
der elektrischen Ströme das Bett der Erde ebnet, wenn für Wohnungen und
Berufsstätten ein sicherer Grund gelegt wird, treten Überreste früherer
Zeiten in die Erscheinung, die eine stumme, aber dennoch beredte Sprache
führen. Wer die Stätten, an denen sie aufbewahrt werden, die Hallen des
'Vereins zur Erforschung der rheinischen Geschichte und Altertümer'
durchschreitet, wird über die Fülle des angehäuften Materials staunen
und die Bedeutung ermessen, die es für die Aufhellung früherer Kulturen,
geschichtlicher Vorgänge, des wichtigen öffentlichen und privaten Lebens
hat. Eine überaus rührige Forschung hat die Funde meist schon für die
Wissenschaft verwertet. Während dabei umfassende Fachkenntnis und
peinliche Gewissenhaftigkeit tätig waren, sind die zahlreichen, aus dem
Boden gehobenen Denkmäler der Vergangenheit der jüdischen Gemeinde Mainz
bis heute nur zu einem ganz geringen Teile wissenschaftlich bearbeitet
worden. Rabbiner Dr. Salfeld, hat nun nach dieser Richtung hin mit drei
Synagogen-Inschriften einen weiteren Versuch gemacht (Zur Geschichte der
Mainzer Synagogen, Sonderabdruck aus der Mainzer Zeitschrift, Mainz 1909)
und zu seinen früheren Arbeiten und zu den des verstorbenen Rabbiners Dr.
Lehmann schätzenswerte Ergänzungen geliefert. Eine Beschreibung von mehr
denn 1500 Grab- |
stein-Inschriften,
gewonnen aus Material, das neuerdings zutage gefördert wurde, hat der
genannte Forscher gleichfalls bereits in Angriff genommen. Sie lässt eine
reiche Ausbeute für hebräische Paläographie, Inschriftenkunde und
jüdische Literaturgeschichte erwarten.
Die drei hier behandelten Steine, von denen der erste bei der
Kanalisierung in der Stadthausstrasse, in der Nähe der Falkischen
Druckerei, der zweite und dritte bei der Ausschachtung des Fundaments für
den Neubau des Tietz'schen Warenhauses gefunden ist, beweisen durch ihre
Schriftcharaktere, dass sie nicht über die erste Hälfte des 14.
Jahrhunderts hinausreichen. Da sie alten Mainzer Synagogen eingefügt
waren, müssen hier einige Bemerkungen über die letzteren vorausgeschickt
werden.
Mainz, das im Mittelalter als 'Haupt und Fürstin unter allen Städten des
Deutschen Reiches' gepriesen wird, haben Juden schon zurzeit der
römischen Weltherrschaft aufgesucht. Als es vom 8. Jahrhundert an einer
industriellen und kommerziellen Blüte entgegenschritt, entwickelte sich
in seiner Mitte ein jüdisches Gemeinwesen, das nach und nach für die
Judenschaft der Diaspora tonangebend wurde, und, soweit es ihm ermöglicht
wurde, gewissenhaft im öffentlichen wirtschaftlichen Leben sich
betätigte. Mainzer Juden, die sich 1084 nach Speyer geflüchtet hatten,
wo der Bischof Rüdiger Huozman ihre Intelligenz und ihren Fleiß für
seine Stadt nutzbar machte, sprechen mit hoher Verehrung von ihrer
Vaterstadt. Ein jüdischer Chronist aus dem Anfang des 12. Jahrhunderts
sagt von der im ersten Kreuzzug vernichteten jüdischen Gemeinde Mainz,
dass ihr Ruf in allen Ländern breitet und sie wie Gold geschätzt sei. Er
hebt besonders die in ihr anzutreffende Gelehrsamkeit, Ehrenhaftigkeit und
Fröhlichkeit, ihren Reichtum und ihr Wohltun hervor. Nach den
Schreckenszeiten der Kreuzzüge hat die Gemeinde sich langsam wieder
erholt und friedlich entwickelt, bis im letzten Viertel des 13.
Jahrhunderts der Blutwahn seine Furien entfesselte, zahlreiche Mainzer,
Frankfurter und Wetterauer Juden 1286 zur Auswanderung zwang und den
Katastrophen der Armleder-Verfolgung von 1336 bis 1337 und der sozialen
Revolution mit ihren Judenbränden von 1349 bis 1349 die Pfade
ebnete.
Dass die alte Mainzer jüdische Gemeinde neben ihren blühenden
Hochschulen schon früh würdige Gotteshäuser hatte, ist
selbstverständlich. Die erste Erwähnung einer Synagoge stammt aus
dem Jahr 1093. Drei Jahre später, am 29. Mai 1096, ward sie ein
Raub der Flammen. Der bei der Verfolgung gewaltsam getaufte Vorsteher Max
Isak hatte sie angezündet und darin mit seinen Angehörigen den Feuertod
erlitten. (Näheres hierüber findet der Leser in den Aufsätzen: 'Zur
Geschichte der Juden von Mainz' in den Nummern des 'Mainzer Journals' vom
27. Mai und vom 1. Juni 1907). Dadurch verhinderte er, dass die Synagoge
zu einer Kirche umgebaut wurde, wie man beabsichtigt hatte. Neben der
Hauptsynagoge bestanden noch andere Tempel. Von Mainzer Synagogen erhalten
wir ferner Kunde aus einer Mitteilung zum Jahre 1188, 13. Februar.
An jenem Tage bestieg der Rabbiner Juda, Sohn des Kalonymos, 'die
hölzerne Tribüne', um seine Gemeinde bei drohender Gefahr, die ein
Machtwort des Kaisers Friedrich Barbarossa abwandte, zu ermahnen, zu
trösten und aufzurichten. Ferner erzählt uns ein Leichenstein von 1281,
der dem Rabbiner Mair, Sohn des Abraham Hakohen, gesetzt wurde, von der Einäscherung
der Synagoge. Nach der Flucht vieler Juden aus Mainz (1286) ist die
Synagoge von den Zurückgebliebenen wohl notdürftig wiederhergestellt
worden. Sie ist Eigentum der Gemeinde geblieben und nicht als 'Judenerb'
in den Besitz der Stadt übergegangen. Die jüdische Gemeinde bediente
sich ihrer bis zum Bartholomäustage, 24. August 1349. Auch sie
ging in Flammen auf.
Das historische Resultat, das die neugefundenen Gedenksteine ergeben,
lässt sich in folgendem zusammenfassen: Die Synagoge, an die der erste Stein
erinnert, ist 1271 in einer, dank der judenfreundlichen Bulle des
Papstes Innocenz IV. und des Landfriedens von 1265 verhältnismäßig
ruhigen Zeit erbaut worden. Sie ist in einem Volksaufstande 1281,
als die Blutbeschuldigung von neuem erhoben und auch für den sogenannten
'Rheinbezirk' zur furchtbaren Geißel wurde, angezündet und demoliert
worden. Die Freigebigkeit der Mainzer Israeliten ermöglichte die
Ausbesserung und Wiederherstellung, wie dies der zweite Stein kündet. Als
die Gemeinde von den Wunden und Schäden, die die Überfälle von 1281 und
1283 verursacht hatten, sich langsam erholte, konnte man an die innere
Ausschmückung der Synagoge denken und nach Angabe des dritten Steins,
einen mit Steinen ausgelegten Fußboden herstellen lassen. Das renoviert
Gotteshaus bestand, wie gesagt, bis zu den furchtbaren Tagen der
Verfolgung in den Zeiten des schwarzen Todes, da man die Juden der
Brunnenvergiftung bezichtigte, sie zu Tausenden mordete und in den Tod
trieb, ihren Besitz raubte und ihre Häuser in Schutt und Asche legte. Das
gewaltige Feuer, das die Häuser des Judenquartiers in Mainz verzehrte und
die Glocke der nahen Quintinskirche zum schmelzen brachte, zerstörte auch
die Synagoge in der Schusterstrasse (später Nr. 41-42, jetzt Tietz'sches
Warenhaus). So erzählt die fast verwitterte Schrift der älteren
Gedenksteine auch ein Stück bewegter Mainzer
Geschichte.
Dass es Dr. Salfeld gelungen, den Inhalt der Inschriften richtig zu
entziffern, ist ihm von einer Reihe hervorragender jüdischer Gelehrten,
die Abklatsche und Photographien der Funde erhielten, bestätigt
worden." |
Die Synagogen des 16./17.Jahrhunderts
In der 1568 erstmals genannten "Judengasse",
die nichts mit dem mittelalterlichen jüdischen Viertel zu tun hat, befand sich
ein Haus, das 1620 als "Zur Judenschule" bezeichnet wird. Auch
im Haus des Jospe Menz (gest. 1623) war ein Betsaal eingerichtet. 1594 wird eine
Synagoge im Haus "Zum Kalten Bad" genannt.
1639 wurde eine Synagoge auf dem Grundstück Klarastraße/Ecke
Stadionerhofstraße (neben dem Bleidenstädter Hof) eingeweiht. Nach einer
Judenordnung von 1671 wurde verordnet, dass diese Synagoge binnen eines
Jahres verkauft werden musste. Es gelang der Judenschaft, diese Vorschrift bis
1672 hinauszuzögern. Dann konnte auch der Grundstein für eine neue Synagoge
zwischen Margaretengasse (spätere "Judengasse", Judenviertel) und
Rechengasse gelegt werden.
Die Synagogen des 18. Jahrhunderts
Diese neue Synagoge innerhalb des nach 1671 eingerichteten Judenviertels
wurde an Stelle des von der Judenschaft erworbenen das Hauses "Zur goldenen Eichel"
erstellt und 1673 eingeweiht. Im Vorderhaus wurde das Rabbinat, im Keller
1684 ein rituelles Bad (Mikwe) eingerichtet. 1715/17
wurde das Bethaus vergrößert. Es handelte sich nach der Vergrößerung um ein
viergeschossiges Gebäude, worin im Erdgeschoss der Betsaal eingerichtet war, zu
dem einige Stufen herabführten. Im
ersten Stock waren ein Sitzungssaal und die Geschäftszimmer der Gemeinde, im zweiten Stock die
"Hochschule" (kleinerer Betraum) und Wohnungen; gleichfalls gab es im dritten Stock Wohnungen.
Die am Ende des 18. Jahrhunderts aus der Umgebung nach Mainz zugezogenen
jüdischen Familien richteten sich einen eigenen Betsaal ein (im "Homburgischen"
oder dem "Ledeburgischen Haus").
1846 wurde die Synagoge des Judenviertels abgebrochen. Bis zur Einweihung
der neuen Synagoge wurden die Gottesdienste der jüdischen Gemeinde in einem
Privathaus gegenüber der abgebrochenen Synagoge gefeiert.
Texte aus der Geschichte der Synagoge vor Einweihung der Synagoge 1853 aus jüdischen Periodika
Eine
in der Synagoge in Mainz 1763 gehaltene Predigt des Rabbiners Moyses Brandeis
(1868)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8.
Januar 1868: |
|
| |
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
15. Januar 1868: |
Feier des Geburtsfestes des Großherzogs in der
Synagoge (1838)
Anmerkung: gefeiert wurde (wie auch im nachfolgenden Artikel von 1841) in der
Synagoge der Geburtstag von Großherzog Ludwig II. (geb. 26. Dezember 1777;
Großherzog von 1830-1848)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 6. Februar 1838: "Mainz. 7. Januar (1838). Die kirchliche
Feier der hiesigen Synagoge, bei Gelegenheit des Geburtsfestes unseres
Großherzogs, war diesmal eine wahrhaft würdige, treffliche deutsche
Choräle erklangen, und eine inhaltsschwere Predigt setzte auseinander,
wie vieles die Juden des Großherzogtums von jeher, und besonders in den
neueren Zeiten, ihrem Fürsten zu danken haben. Das ist aber auch ein
Punkt, der nicht genug hervorgehoben werden kann. Will man eine wirklich
erfreuliche Lage dieser Staatsangehörigen sehen, so muss man sie in
Hessen suchen. Zu den Wissenschaften, zu den Künsten, zu allen Gewerben,
zum Feldbau, kurz zu allen Quellen ehrbarer Lebensbeschäftigungen ist hier
den Juden der Weg gestattet, und ebenso wenig denkt man daran, sie im
kleineren oder größeren Handel zu beschränken, obwohl man sie indirekt
von dem unehrbaren Schacher abzieht, da man sie in den ehrbaren
Nahrungszweigen vorzugsweise unterstützt. Ist auch die vollkommene
Emanzipation als solche noch nicht ausgesprochen, so zeugen doch alle
Symptome dafür, dass wir nicht mehr fern von diesem Endpunkte der
gerechten Wünsche der hessischen Juden sind. Und bliebe auch dieses
erwünscht Gut noch länger aus, als man erwartet, so wird schon darum die
Entbehrung nciht wehe tun, weil man weiß, dass sie von keiner Intoleranz
und von keinem Vorurteil ausgeht. (L.A.Z.)." |
Gottesdienst zum Geburtsfest des Großherzogs
(1841)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 30. Januar 1841: "Mainz, 28. Dezember (1841). Am
hohen Geburtsfeste unseres geliebten Großherzogs fand in der hiesigen
Synagoge ein sehr erbaulicher Gottesdienst statt. Gebete für das Wohl des
Landesfürsten drangen zum Himmel, Choralgesänge wurden von den Knaben
vorgetragen, und die Predigt, die Herr Rabbine Ellinger hielt, war
voll der edelsten Gesinnungen, der Untertanentreue, der Menschen- und
Bruderliebe. Hätte der schon in hohen Jahren stehende Greis diese Rede
ebenso rhetorisch ausstatten können, als er sie herzlich meinte, so
würde sie noch einen größeren Eindruck hervorgebracht haben, als sie
wirklich hervorbrachte. Indessen erfreut sich dieser Mann der Achtung der
ganzen Gemeinde und wird von Jedermann für loyal und tolerant gehalten. -
Man sieht übrigens bei dieser Gelegenheit, dass der gegenwärtige
israelitische Vorstand sich keineswegs den vernünftigen Fortschritten
entzieht. Er hat seine Einwilligung zur jährlichen Konfirmation gegeben,
er hat dem tüchtigen Religionslehrer Dr. Kahn jetzt einen
größeren Gehalt ausgeworfen, er hat sich bereitwillig für den neuen
Schulbau erklärt, insofern die freiwilligen Beiträge ansehnlich
ausfallen; und ist einmal das neue Gotteshaus errichtet, dann wird auch
wohl der Prediger und die regelmäßigen Predigten nicht fehlen. Endlich
hat er ganz kürzlich die Anwesenheit Crémieur's in Main auf eine Weise
geehrt, die ihm selbst sehr zur Ehre gereicht. (Didask.)."
|
Abschied von der alten Synagoge
(1846)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 13. April 1846: "Mainz, 25. März (1846). Am 23. (März)
abends nahm die israelitische Gemeinde in Mainz in einem feierlichen
Trauergottesdienst Abschied von ihrer alten 500-jährigen Synagoge, da
dieselbe abgerissen und ein neues, prachtvolles Gotteshaus auf derselben Stätte
aufgeführt werden soll." |
Auszug aus der alten Synagoge in eine Interims-Synagoge
(1846)
Artikel in der Zeitschrift "Der treue Zionswächter"
vom 14. April 1846: "Mainz, den 24. März (1846). Gestern, als
am 25. Ador (23. März), fand der Auszug aus unserer altberühmten
Synagoge und der Einzug in die Interims-Synagoge statt, da, wie Ihnen
bekannt, unsere alte Synagoge eingerissen und an deren Stelle eine neue
erbauet wird. Das Alter unserer Synagoge kann nicht genau angegeben
werden; doch wird sich wohl beim Abreißen eine Stelle vorfinden, wo dies
genau verzeichnet sein wird. Gewiss ist aber, dass selbige sehr alt ist,
und fand man sich hier daher veranlasst, die Zeremonie des Ausziehens mit
einer besonderen, der Sache angemessenen Feierlichkeit zu vollziehen. Ich
erlaube mir daher, den Lesern Ihres geschätzten Blattes eine kleine
Beschreibung davon zu machen, und belieben Sie, selbige der
Veröffentlichung wert zu |
erachten.
Nachdem um 5 Uhr Nachmittags in der alten Synagoge noch das Mincha
gebetet wurde, und das Lokal mit Andächtigen gedrängt voll war, trug
Herr Moritz Reis, unser würdiger Präses des Vorstandes, die Motive vor,
welche die Gemeinde dazu bestimmt hätten, zu dem Bau eines neuen
Gotteshauses zu schreiten; setzte mit großer Genauigkeit auseinander, wie
unter den obwaltenden Umständen der hochwürdige Rabbiner es nach den
mosaisch-talmudischen Gesetzen für erlaubt erklärt hätte, diese
Synagoge einzureißen, um auf demselben Platze eine neue aufbauen zu
lassen. Nach diesem Vortrag betrat Herr Samuel Bondi im Namen
unseres hochwürdigen Rabbinen, Herrn Leon Ellinger, welcher
augenblicklich durch ein Augenübel verhindert war, die Rednerstelle, und
trug die eigentliche Abschieds- oder Auszugsrede vor. Dieser Vortrag
machte einen unbeschreiblich tiefen Eindruck auf sämtliche Zuhörer. Ganz
besonders erregten die mit großem Nachdruck vorgetragenen Stellen: 'Wie
viel Mal wurde Sch'ma Jisrael in dieser Synagoge gesagt, und wie
oft Amen. Sein erhabener Name sei gepriesen immerdar in Ewigkeit?
tiefe und mächtige Gefühle. Nachdem der Vortragende nach üblichem
Brauch die Synagoge und den Toraschrein um Verzeihung
gebittet hatte, ließ derselbe wie beim Ausgang des Versöhnungstages...
sieben Mal die Schemot sagen. Wie gesagt, es lässt sich der
Eindruck dieses Momentes insbesondere gewiss nicht beschreiben. Es blieb
kein Herz unberührt und kein Auge tränenleer. Nach diesem sprach Herr S.
Bondi noch den Wunsch aus, dass, sowie dieser Auszug in Frieden, Eintracht
und Einigkeit geschehe, diese Tugenden nciht minder beim Einzug in die
neue Synagoge vorherrschend sein, und jeder der Gemeindeglieder dies
erleben möge.
Nach Beendigung dieser Rede wurden nun die Torarollen aus dem Toraschrein
herausgenommen und in folgender Reihe nach der Interims-Synagoge gebracht.
Zuerst unser hochwürdiger Herr Rabbiner, sodann die sämtlichen
Vorstands-Mitglieder, die Ältesten der Gemeinde, sämtlich mit Torarollen
in der Hand. Darauf folgten sämtliche Gemeindeglieder. In der neuen
Synagoge angekommen, trug der Präses des Vorstandes im Namen der ganzen
Gemeinde den üblichen Tenai vor, dass man nämlich diese
Interims-Synagoge später wieder zum profanen Gebrauche benutzen dürfe,
sobald der Neubau vollendet sei. Zehn passende Psalmen und Maariw
beschlossen diese Feier. - Bei dieser Gelegenheit zeigte unsere
sämtlichen verehrten Vorstands-Mitglieder ganz besonders ihren Eifer für
das religiöse und friedliebende Verfahren, und wie ihr Bestreben
vorzüglich dahin gerichtet sei, den bei uns vorherrschenden Geist des
religiösen Sinnes, wie der Friedfertigkeit, stets als Richtschnur ihres
Verfahrens gelten zu
lassen." |
In der Synagoge befindet sich eine Orgel
(1849)
Artikel in der Zeitschrift "Der treue Zionswächter"
vom 7. Dezember 1849: "Mainz. Vielleicht haben Sie es
noch nicht erfahren, dass in die hiesige neue Synagoge ein Orgel gekommen
ist. Unsere hiesigen Orthodoxen blieben aber dazu nicht still, sondern
legten bei der Regierung Protest ein, man sieht nächstens einer
Entscheidung der Regierung deshalb entgegen. Im Falle die Orgel in der
Synagoge verbleibt, so wird Mainz die erste Gemeinde Hessens sein, die
sich trennt, und es wird dann sehr in Frage stehen, ob die Reformfreunde
so viel Anhang bekommen, um ihre Kultuskosten zu bestreiten. Wir der Rabbinatsverweser
Dr. Kahn dabei wegkommen wird, der doch mit der Reform liebäugelt,
ist leicht vorauszusehen, für die Reformisten wird er nicht Redner genug
sein und die andere Partei wird sich um einen tüchtigen Rabbiner umsehen.
Schließlich können wir nicht umhin, Herrn Moses Reis unsere
Anerkennung an den Tag zu legen, weil er wegen dieser Orgel einen
gedruckten Protest erließ, wodurch bewirkt wird, dass etwas hundert
Familien gegen den Vorstand protestierten. Mögen in allen jüdischen
Gemeinden, in welchen die Reform ihr Haupt erhebt, immer
Gemeindemitglieder sich der Sache annehmen, dann werden auch die zu
Schande werden, welche die heilige Religion Israels
angreifen." |
Fund alter Toraschrein-Vorhänge
(1911)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt"
vom 3. November 1911: |
| |
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
9. November 1911: |
Die 1853 eingeweihte Hauptsynagoge der "Israelitischen
Religionsgemeinde"
1844 beschloss der jüdische Gemeindevorstand den Neubau einer Synagoge am bisherigen Standort zwischen der Vorderen und der Hinteren Synagogenstraße (heute: zwischen Klarastraße und Rechengasse). Auf Grund der politisch unruhigen Zeiten (Revolutionsjahr 1848) konnte der Synagogenbau erst 1853 abgeschlossen und das Gotteshaus am 11. März 1853 eingeweiht werden. Architekt war der Regierungs- und Mainzer Dombaumeister Ignaz Opfermann. Er baute die Synagoge im maurischen (neu-islamischen) Stil. Charakteristisch war eine monumentale, dreigeschossige Fassade. Eine breite Treppe zwischen hohen Podesten führte zum Portal des Mittelrisalits. Im Betsaal gab es 764
Sitzplätze.
Nach der Einweihung der neuen Hauptsynagoge (1912) wurde die alte verkauft und bis 1937 als eine städtische Lagerhalle genutzt. In der Pogromnacht im November 1938 wurde das Gebäude geschändet, 1945 bei einem Bombenangriff weitgehend zerstört. Nach 1945 wurde die Ruine abgebrochen. Bei Bauarbeiten 1993 wurde ein Werkstein von einer der Turmspitzen entdeckt und 1999 zur Erinnerung an die Synagoge im Innenhof der Landesbausparkasse Rheinland-Pfalz aufgestellt.
Texte zur
Geschichte der 1853 eingeweihten Hauptsynagoge aus jüdischen Periodika
Für den Neubau der Synagoge konnten 60.000 Gulden
gesammelt werden (1846)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 5. Januar 1846: |
Einweihung der Synagoge (1853)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 4. April
1853: |
Über die Einweihung der Synagoge - ausführlicher Bericht (1853)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelitische Volksschullehrer" vom
März 1853:
(März 1853).
Einweihungs-Feier
der Synagoge zu Mainz.
Freitag, den 11. März 1853.
Eine das Judentum verherrlichende, ihre Veranlasser ehrende,
bedeutungsvolle Feier hat an diesem Tage in unserer Nachbarstadt und
Gemeinde stattgefunden. Sie hat der Hebung unseres Gottesdienstes einen
mächtigen Vorschub geleistet, indem sie in der dortigen Gemeinde die
Tatkräftigen und Eifrigen für ihre Ausdauer gelohnt und zu neuer
Tätig- |
keit
begeistert, die Lauen erwärmt, die Zagenden beruhigt, die Böswilligen
beschämt, und in einer strengkatholischen, aber doch im Grunde ihres
Herzens den menschenverbindenden Ideen des Jahrhunderts hingegebenen Stadt
dem Judentume Anerkennung und seinen Anhängern Hochachtung verschafft -
- Gründe genug, um der Einweihung der neuerbauten Synagoge zu
Mainz, als einem ebenso erfreulichen als denkwürdigen Ereignisse, in
dieser der Weckung würdigen Gestaltung des jüdisch-religiösen Lebens
gewidmeten Zeitschrift einige Blätter einzuräumen. -
Sechs Rabbiner halfen diese Feier zelebrieren; nämlich: Herr Dr. Aub,
erster Rabbiner zu Mainz; Herr Dr. Cahn, zweiter Rabbiner daselbst;
Herr Dr. Levi, Provinzialrabbiner zu Gießen; Herr Dr. Sobernheim,
Kreisrabbiner zu Bingen; Herr Samuel Süßkind, Stadt- und
Bezirksrabbiner zu Wiesbaden, und der Herausgeber. - Freitag um 5 Uhr
versammelte man sich in dem bisherigen, interimistischen, über zwei
Treppen eines altfinsteren Hauses gelegenen Betsaale um daselbst das Mincha-Gebet
als Scheidegruß zu sprechen. Wir sahen in manchem Auge eine Träne der
Rührung; denn solcher Abschied hat immer etwas tief Ergreifendes! Herr
Dr. Aub sprach hier, vor dem Herausnehmen der Gesetzrollen, einige
Worte, worin er auf die Bedeutung der nun zu verlassenden Räume für die Gemeinde,
die hier einige Jahre den Herr verehrt, sowie für ihn selbst, der
hier seinen Bund mit der Gemeinde schloss, hinwies. - Hierauf setzte sich
der Zug in Bewegung, indem der genannte Redner ausrief und die Gemeinde
antwortete (hebräisch und deutsch):
'Ich freue mich, spricht man zu mir,
Wir ziehen zum Haus des Herrn!'
Zwölf Tora-Rollen wurden, reich verziert, von den anwesenden
Rabbinern und Vorstehern getragen, auf beiden Seiten von Notabeln der
Gemeinde und den Festordnern begleitet, denen sich die Gemeindemitglieder,
zu drei und drei Personen, anschlossen. Dem Zuge voran gingen zwölf
weißgekleidete, mit Kränzen geschmückte Mädchen im Alter
von |
8
bis 12 Jahren; es waren gleichsam die Engel der Unschuld und
Herzensreinheit, welche dem Gottesworte den weg bahnten beim Einzuge in
das Heiligtum des Herrn. Vor dem Portale, über welchem mehrere kleine
Türme sich erheben und zu welchem eine Anzahl von Treppen emporführt,
die zum Feste reich mit Blumen geschmückt waren, hielt der Zug stille;
der erste Rabbiner trat vor und sprach die Worte (hebräisch und
deutsch):
'Oeffnet die Pforten, dass eintrete Die Gemeinde, welche den Glauben
wahrt.
Oeffnet mir des Heiles Pforten, Ich trete ein und danke Gott.
Das ist die Pforte zum Herrn, Die Frommen treten hier ein.'
Die Pforten taten sich auf; die Posaunen erdröhnten; die Pauken
wirbelten; die Orgel ließ ihre mächtigen Töne erbrausen; drein klangen
helle Kinderstimmen, wie Chöre aus den Höhen, das 'Ma-tobu' in vollem
Chorale anstimmend; dazu der überraschende Anblick der von unzähligen
Gasflammen erleuchteten und im Glanze ihrer reichen Ornamente bräutlich
strahlenden prachtvollen Synagoge - es war ein großer, unbeschreiblicher
Moment! - Tränen der Rührung und des Dankes traten in meine Augen, und
ich sprach mit Salomo in meinem Herzen (hebräisch und deutsch): 'gelobt
sei Gott, der seinem Volke Israel Ruhe geschenkt!' - Denn ein Zeugnis
besserer Zeiten, die uns Gott erleben ließ, ist dieser Tempel, erbaut von
einer ehrwürdigen Gemeinde in Israel, die, bei ihrem Eingehen in die
neuere Zeit und ihre fortschreitenden Grundsätze, doch den alten Gott und
den alten Glauben nicht verlassen hat. - Das neue, herrliche Gotteshaus,
von dem rühmlichst bekannten Baumeister Opfermann zu Mainz im Maurischen
Stile ebenso würdig als geschmackvoll ausgeführt, bietet dem Auge des
Beschauers im Inneren ein längliches Viereck dar, innerhalb dessen, zu
ebener Erde, sich die wie Kirchensitze eingerichteten Plätze für die
Männer befinden, und an dessen beiden Seiten eine Reihe schöner Säulen
sich hinzieht, über deren Knauf die Hauptlehren und |
Grundgebote
des Judentums in hebräischen Versen angebracht sind. Die Säulen tragen
zwei übereinander hinlaufende, mit kleineren Säulen geschmückte offene
Galerien für die Frauen; in der Mitte der oberen Galerie im zweiten Stockwerke
befindet sich, im Westen, die Orgel - die erste in einer
großen deutschen Synagoge, welche den ganzen Gottesdienst
begleitet - ihr zu beiden Seiten geräumige Plätze für Knaben und
Mädchen, für Sänger und Sängerinnen. Im Osten befindet sich, wie
gewöhnlich, die heiligen Lage; vor ihr ein geräumiger Platz, zu welchem
mehrere Stufen von beiden Seiten empor führen. Neben diesem Auftritte
befindet sich die Kanzel; unter ihr, in derselben Ebene mit den Plätzen
für die Männer, die Stätte für den Kantor, welche zugleich als
Lesestätte für den Vortrag aus der Tora benutzt wird, und ihr zu beiden
Seiten die Plätze für die beiden Rabbiner*). In der Höhe, von wannen
das Licht kommt, geht der reichbemalte Plafond in zwei Fensteröffnungen
aus, und das Ganze, farbenprächtig, bietet, besonders zur Abendzeit, bei
hell erleuchtetem Hause und bei zahlreicher Versammlung - denn der
schönste Schmuck eines Gotteshauses bleiben immer seine Besucher - einen
erhebend schönen Anblick dar. - Kehren wir, nachdem wir den Leser im
Geiste in das neue Haus eingeführt, zu dessen Einweihungsfest zurück! -
Die Träger der heiligen Torarollen stellten sich am Stande des Vorbeters
auf,
*) In Betreff dieser Räumlichkeiten bleibt noch manches zu wünschen
übrig. 1) Muss die Kanzel höher gerichtet werden, wenn der Redner
im Verhältnisse zur Höhe des Hauses seine Stelle einnehmen soll; 2) muss
auch die Stätte für den Kantor eine erhöhte sein, sonst kann seine
Stimme, namentlich beim gewöhnlichen Gebete, die Gemeinde nicht
beherrschen; 3) muss an der Rückseite des Betpultes ein Lesepult
für die Tora sich befinden, dem Volkes zugewendet, denn die Tora hat der
Vorbeter nicht Gott, sondern der Gemeinde vorzutragen. - Da
der Raum zwischen Kanzel und heiliger Lade ohne Zweck sehr abundant ist,
so werden sich diese Übelstände zum Vorteile des Ganzen leicht
beseitigen lassen. |
|
|
|
|
|
|
|
|
Feier des Jahrestages der Einweihung der Synagoge -
zwei Israeliten wurden als Stadträte gewählt
(1854)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 13. März 1854: |
Zerstörungen an der Synagoge durch die
Pulverturmexplosion (1857)
Anmerkung: am 18. November 1857 verwüstete eine Pulverturmexplosion Teile
der Stadt Mainz. Es gab dadurch 42 Todesfälle, 57 ganz zerstörte und 64
teilweise zerstörte Häuser. Kein Haus der Stadt blieb unbeschädigt. Auch die
St.-Stephan-Kirche wurde sehr stark beschädigt. Vgl. Wikipedia-Artikel
"Pulverturm (Mainz)"
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 14. Dezember 1857: |
In der Hauptsynagoge ("Orgel-Synagoge")
findet die Konfirmation statt - Kritik von orthodoxer Seite
(1869)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Mai
1869: |
30-jähriges Bestehen der Synagoge und 30-jähriges
Jubiläum von Chordirigent und Organist Johann Staab (1883)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 27. März 1883: |
50-jähriges Bestehen der Synagoge (1903)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt"
vom 20. März 1903: |
Überlegungen zum Neubau einer Synagoge
(1906)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt"
vom 28. September 1906: |
Soll die alte Synagoge umgebaut oder eine neue Synagoge gebaut
werden (1907)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt"
vom 25. Oktober 1907: |
Die alte Synagoge soll zu einem Museum für
israelitische Altertümer umgebaut werden (1912)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 20. September 1912: |
| |
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt"
vom 25. September 1912: |
Die orthodoxen Betsäle/Synagogen der
"Israelitischen Religionsgesellschaft"
Da in der 1853 eingeweihten Hauptsynagoge auch eine Orgel
geplant war und weitere Reformen durchgeführt wurden (Almemor nicht mehr in der
Mitte des Betsaales u.a.m.), beschlossen die Orthodoxen der Gemeinde, einen
eigenen Betsaal einzurichten. Zunächst traf man sich in einem Betsaal. Seite
1855 wurden die Gottesdienste vorübergehend im Gasthaus "Zur Stadt
Darmstadt" abgehalten (Vordere Judengasse/Synagogenstraße 20).
1856 konnte auf dem Eckgrundstück Flachsmarkt-/Margarethenstraße eine
orthodoxe Synagoge eingeweiht werden. Der Entwurf stammt von Architekt Albert.
Nach 20 Jahren zeigten sich allerdings erhebliche Bauschäden, sodass 1877 mit
den Planungen für einen grundlegenden Um- beziehungsweise Neubau begonnen wurde. Die
neue orthodoxe Synagoge wurde nach Plänen von Stadtbaumeister Eduard Kreysig im
maurischen Stil erbaut. Sie bot 300 Personen Platz. Der Zugang erfolgte zwischen
den Gebäuden Margarethenstraße 19 und Flachsmarktstraße 25.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge durch einen Brand beschädigt, die
Inneneinrichtung völlig zerstört. 1939/40 wurde das Gebäude abgebrochen. Ein
hebräischer Inschriftenstein ist erhalten, das 1983 auf dem jüdischen Friedhof
entdeckt wurde. Es enthält ein Zitat aus Psalm 102,15: "Denn deine Knechte
haben lieb die Steine und es jammert sie seines Schuttes".
Texte
zur Geschichte der orthodoxen Betsäle / Synagogen der "Israelitischen
Religionsgesellschaft" aus jüdischen Periodika
Einweihung der Synagoge der Religionsgesellschaft
(1856)
Artikel
in der Zeitschrift "Jeschurun" vom Januar
1856: |
Feier des Geburtstag des Großherzogs in der Synagoge
(1860)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
13. Juni 1860: |
Über den Gottesdienst in der Synagoge der
Religionsgesellschaft (1862)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Juni
1862: |
|
|
Trauergottesdienst in der Synagoge der Israelitischen
Religionsgesellschaft für die verstorbene Großherzogin Mathilde
(1862)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
2. Juli 1862: |
Einweihung einer neuen Torarolle für die Synagoge der
Israelitischen Religionsgesellschaft (1864)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
14. September 1864: |
Friedensfeier in der Synagoge der Religionsgesellschaft
(1871)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
8. März 1871: |
Über den Bau der Synagoge der Israelitischen
Religionsgesellschaft (1879)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
2. April 1879: |
Ankündigung der Einweihung der neuen Synagoge der Religionsgesellschaft
(1879)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Mai
1879: |
Die Einweihung der Synagoge der Religionsgesellschaft
(1879)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Juni
1879: |
|
|
|
|
|
|
|
Über die neue Synagoge der Religionsgesellschaft
(1879)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Juni
1879: |
Gebete für die russischen Juden in der orthodoxen
Synagoge in Mainz (1882)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
1. März 1882: |
Montefiore-Feier in der Synagoge der
Religionsgesellschaft (1884)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Oktober
1884: |
|
Gottesdienst für die Genesung des Kronprinzen (1887)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. November
1887: |
Einweihung einer neuen Torarolle für die Synagoge der
Religionsgesellschaft (1894)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Juni
1894: |
Feier für das Großherzogliche Paar in der Synagoge der
Religionsgesellschaft (1894)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. November
1894: |
Postkarte: "Innere Ansicht der Synagoge der
Israelitischen Religionsgesellschaft" (1900)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10.
Dezember 1900: |
50-Jahr-Feier der Synagoge der Religionsgesellschaft
(1929)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Juni
1929: |
Die polnisch-orthodoxe Synagoge
1908 gründeten polnisch sprechende jüdische Zuwanderer den
"Israelitischen Humanitätsverein". Man traf sich zu Gottesdiensten
nach orthodoxem polnischem Ritus in einem Betsaal in der Margarethenstraße 13.
Dieser Betsaal wurde beim Novemberpogrom 1938 geplündert und verwüstet.
Die
1911/12 erbaute Hauptsynagoge der "Israelitischen Religionsgemeinde"
Die 1853 eingeweihte Hauptsynagoge war um 1900 zu klein
geworden. Ein Neubau sollte in zentraler Lage in der Mainzer Neustadt entstehen.
Beim Architektenwettbewerb 1910 gingen 131 Bewerbungen ein. Der Stuttgarter
Architekt Willy Graf bekam den Auftrag. Die Grundsteinlegung war am 4. August
1911; bereits ein gutes Jahr später konnte am 3. September 1912 die
Einweihung gefeiert werden. Es handelte sich um einen monumentalen Zentralbau
mit niedrigeren Seitenflügeln. Der zentrale Kuppelraum hatte einen Durchmesser
von 27 m und war 25 m hoch. Es wären 580 Sitzplätze für Männer, 482 für
Frauen vorhanden. Über dem Toraschrein befand sich eine von Orgelbauer Wilhelm
Sauer aus Frankfurt an der Oder konzipierte Orgel.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge am frühen Morgen des 10 November
von SS-Trupps geschändet. Mit Brandsätzen wurde Feuer gelegt. Durch
Sprengungen sollte das Gebäude zerstört werden, was jedoch nur teilweise
gelang, da sonst die Nachbarhäuser in Mitleidenschaft gezogen worden wären.
1939/40 musste die jüdische Gemeinde auf Polizeibefehl für den Abbruch und das
Abräumen der Trümmer sorgen. Nach 1945 wurde auf dem Grundstück das
Hauptzollamt erbaut. 1988 fand man Reste der Säulenhalle wieder, die man als
Mahnmal von vier Säulen mit Architrav aufstellen konnte.
Der Architekten-Wettbewerb zur Synagoge 1911
Anmerkung: Das Ergebnis des Architekten-Wettbewerb wurde publiziert in
"Deutsche Konkurrenzen vereinigt mit Architektur-Konkurrenzen" (Ernst
Wasmuth A.-G. Berlin). Hrsg.: Prof. A. Neumeister Karlsruhe. Band XXVI Heft 3.
Nr. 303 Synagoge in Main. Verlag von Seemann & Co. Leipzig 1911.
Die Seiten mit den großformatigen Abbildungen der Entwürfe wurden für die
Darstellung in der Website um 90° gedreht.
 |
 |
 |
 |
 |
Titelblatt der
Publikation |
Inhaltsverzeichnis
und Lageplan |
Text
der Ausschreibung zu a) Der eigentliche Synagogenbau,
b) Das Gemeindehaus, c) Besondere Bedingungen
für den Synagogenbau |
Aus dem Gutachten
des Preisgerichts |
| |
|
|
| |
|
|
|
|
 |
 |
 |
 |
 |
| Forts. |
Die Pläne und
Entwürfe der mit dem 1. Preis ausgezeichneten Arbeit von Willy Graf,
Architekt in Stuttgart |
| |
|
|
|
|
 |
 |
 |
 |
 |
Die Pläne und
Entwürfe der gleichfalls mit einem 1. Preis ausgezeichneten
Arbeit von O. Menzel, Architekt B.D.A. in Dresden |
Die
Pläne und Entwürfe der mit dem 3. Preis
ausgezeichneten Arbeit von Fritz Fuß & Willy Dietsch,
Architekten in Düsseldorf |
| |
| |
|
|
|
|
 |
 |
 |
 |
 |
Forts. 3. Preis
|
Die Pläne und
Entwürfe der Arbeit von
E. Fahrenkamp & Kühnen, Architekten in Düsseldorf |
Die Arbeit von P.
Gracher
und K. Rüschoff,
Architekten in Düsseldorf |
| |
|
| |
|
|
|
|
 |
 |
 |
 |
 |
| Forts. |
Entwurf von Hummel
& Rothe, Architekten in Karlsruhe |
Entwurf von K.
Leubert, Architekt in Karlsruhe |
| |
|
|
|
|
 |
 |
 |
 |
|
Entwurf von Franz
Roeckle,
Architekt in Frankfurt am Main |
Entwurf von
Philipp Hettinger,
Architekt in Heidelberg |
|
| |
|
|
|
|
 |
 |
 |
 |
|
Entwurf von Paul
Müller - Mylau - Düsseldorf;
Mitarbeiter Werner Hagenbruch Düsseldorf |
Entwurf von
Heinrich Stumpf,
Architekt in Darmstadt |
|
Texte zur
Geschichte der 1911/12 erbauten Hauptsynagoge aus jüdischen Periodika
Städtischer Zuschuss zum Neubau der Synagoge
(1910)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt"
vom 1. Juli 1910: |
| |
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 8. Juli 1910: |
Beschluss zum Bau einer neuen Synagoge in der Neustadt
(1910)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt"
vom 5. August 1910: |
Ein Grundstück zum Bau einer neuen Synagoge wurde erworben
(1910)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt"
vom 16. September 1910: |
Der Bauunternehmer beim Bau der Synagoge hält sich
nicht an die Vereinbarung der Sabbatruhe (1911)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6.
Juli 1911: |
Die Arbeiten beim Synagogenbau können nach einer
Einigung mit der Firma weitergehen
(1911)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13.
Juli 1911: |
Grundsteinlegung für die neue Synagoge
(1911)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt"
vom 25. August 1911: |
| |
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. September
1911: |
Einweihung der neuen Synagoge
(1912)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt"
vom 6. September 1912: |
| |
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 11. September 1912: |
|
Feierliche Enthüllung der Ehrentafeln für die im
Ersten Weltkrieg aus der Gemeinde gefallenen Soldaten
(1921)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 9. Dezember 1921: |
| |
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
8. Dezember 1921: |
Der Betsaal 1938/40
Nach der Zerstörung der Hauptsynagoge konnte die jüdische
Gemeinde ihre Versammlungsräume noch im Haus Forsterstr. 2 (damals
"Horst-Wessel-Straße") einrichten. Bis zu den Deportationen der
Mainzer Juden traf man sich hier zu Gottesdiensten. Das Gebäude wurde im Krieg
teilweise ausgebombt. Eine Gedenktafel ist am Nachfolgebau (seit 1952 jüdisches
Gemeindezentrum) angebracht.
Die Synagogen nach 1945
Nach Kriegsende 1945 kamen zunächst nur wenige Juden nach Mainz zurück. Als
erster Betsaal diente die Trauerhalle auf dem neuen
jüdischen Friedhof. 1947 konnte vorübergehend eine Synagoge in einer früheren
Turnhalle der Feldbergschule am Feldbergplatz eingerichtet werden. 1952
wurde ein neues Gemeindezentrum mit Betsaal auf dem Anwesen Forsterstraße 2
erbaut, wo sich das frühere jüdische Gemeindezentrum befand. 1966 wurde der
Betsaal erweitert.
Die Einweihung der neuen Synagoge (1947)
Artikel
im "Jüdischen Gemeindeblatt" vom 24. September
1947: "Mainz und Rheinhessen. Als man am frühen Nachmittag
des 10. September durch Mainz ging, waren an den Straßenkreuzungen mehr
deutsche Polizei und mehr französische Gendarmerie als gewöhnlich
bemerkbar: Sollte das etwa mit der an diesem Tage stattfindenden
Einweihung der Mainzer Synagoge zusammenhängen? Tatsächlich war dies der
Fall. Hohe Offiziere der französischen Besatzungsmacht und der
französischen Zivilverwaltung, der die jüdische Gemeinde die Initiative
zur Errichtung ihres neuen Gotteshauses verdankt, waren zu der feierlichen
Handlung erschienen. Gleichzeitig hatten sich neben den Vertretern der
maßgebenden deutschen Behörden und des Mainzer Bischofs überaus
zahlreiche Mitglieder der Mainzer und anderer jüdischer Gemeinden Hessens
eingefunden, um diesem seltenen Akt beizuwohnen.
Der Gemeindevorsitzende, Max Gruenfeld, begrüßte insbesondere die
Ehrengäste, dankte allen, die das nunmehr vollendete Werk schaf- |
fen
halten, und gedachte der dahingegangenen führen Persönlichkeiten der
einstmals blühenden Kehilla. Die Reihe der Ansprachen, später vom Radio
Koblenz übertragen, eröffnete Addi Bernd (Koblenz), der Präsident des
Landesverbandes der jüdischen Gemeinden von Rheinland-Pfalz. Ihm folgte
Dr. C. Epstein (Wiesbaden), der in seiner Eigenschaft als Staatskommissar
für de rassisch, religiös und politische Verfolgten die Grüße und
Wünsche des Hessischen Staatsministeriums überbrachte. Regierungspräsident
Dr. Rückert (Mainz) sprach im Namen des Ministerpräsidenten des Landes
Rheinland-Pfalz, Altmeyer, und zugleich als Vertreter der Regierung von
Rheinhessen. Oberbürgermeister Dr. Klaus (Mainz) erinnerte u.a. an die
schändlichen Novembertage des Jahres 1938, denen auch die alte stolze
Synagoge der Stadt zum Opfer gefallen war. Der Vertreter der Jewish Relief
Unit und des Jewish Committee for Relief Abroad, London, Dr. E.G.
Lowenthal (Düsseldorf) ging auf die Bedeutung der Errichtung einer
Synagoge in dieser Zeit der Trostlosigkeit jüdischen Lebens ein. Der am
Erscheinen verhinderte amerikanische Armeerabbiner William Z. Dalin war
durch J. Matzner (Wiesbaden) vertreten. Von den französischen Militärs
sprachen Armeerabbiner Kalifa, General Jacobsen (Mainz), Gouverneur der
Provinz Rheinhessen, und Col. Julit (Koblenz), der im Auftrage des
Generalgouverneurs von Rheinland-Pfalz, General Hettier de Boislambert,
erschienen war.
Die Feier, die mit der Einbringung der Tora-Rollen, dem Gebet für die
französische Republik und dem wirkungsvoll vorgetragenen El Mole
Raschamim beendet wurde, war durch religiöse Gesänge des Jüdischen
Chors Wiesbaden (Leitung: Josef Brandsdorfer) und Kapellmeister Hohner (am
Harmonium) umrahmt. Die Synagoge, auf Kosten der Stadt Mainz in der
früheren Turnhalle der Feldbergschule errichtet, ist würdig, schlicht
und geschmackvoll gestaltet, wobei Überkommenes in zeitgemäßer Form
Ausdruck findet. Eine kleine Festschrift enthält einen Abriss der
Geschichte der Juden in Mainz aus der Feder von Regierungsrat Michel
Oppenheim. Im Anschluss an die Synagogenweihe wurde die aus über 2000
Bänden bestehende Gemeindebibliothek besichtigt, die seit dem
berüchtigten Synagogenbrand von der Mainzer Stadtbibliothek in Verwahr
gehalten wurden war, eine teilweise sehr bemerkenswerte Sammlung, die eine
Seltenheit im jüdischen leben Deutschlands bleiben wird, solange das
Schicksal ähnlicher jüdischer Büchereien ungewiss ist.
th." |
Zwei Gedenktafeln wurden in der Synagoge enthüllt
(1947)
Artikel
im "Jüdischen Gemeindeblatt" vom 31. Dezember 1947: "Wie
in der vorigen Nummer des 'Gemeindeblattes' kurz mitgeteilt, wurden im
Gebäude der vor einigen Monaten feierlich eingeweihten Synagoge zwei
Gedenktafeln enthüllt, Die Eine, die innerhalb des Gotteshauses
angebracht ist, erinnert an die Zerstörung der beiden Mainzer Synagogen
in Jahre 1938, die andere, größere, im Synagogenvorraum errichtet, ist
ein Mahnmal an die vielen Juden, die ein Opfer des Nazi-Terrors
wurden.
An den Enthüllungsfeierlichkeiten nahmen u.a. teil der Gouverneur der Franzischen
Militärregierung von Rheinhessen, Guérin, der Innenminister Steffan, der
Leiter der örtlichen Betreuungsstelle, Baumann, der Vorsitzende der
Jüdischen Gemeinde Mainz, Max Grünfeld. Ihre Worte waren dem Sinn der
Gedenkstunde angepasst. Regierungsrat M. Oppenheim, der Kulturdezernnt von
Mainz nahm die Tafeln in die Obhut der Stadt. th" |
Seit 1996 (erstmals bereits Anfang der 1960er-Jahre, jedoch nicht
ausgeführt) gab es Pläne für ein neues jüdisches Gemeindezentrum.
Den Architektenwettbewerb gewann
1999 Manuel Herz, Köln. Der Neubau wurde 2008-2010 auf dem alten
Synagogengrundstück Hindenburgstraße 44 (bzw. neue Adresse des
Gemeindezentrums: Synagogenplatz) ausgeführt. Die Synagoge wurde am 3.
September 2010 eingeweiht - siehe Berichte
und Fotos auf einer weiteren Seite.
Fotos
Historische Fotos/Abbildungen:
| Die Synagogen des 17./19. Jahrhunderts |
|
|
 |
 |
 |
| Alte Synagoge in der Unteren
Judengasse (später Synagogenstraße 12): Aufriss der Vorderansicht vor
dem Abbruch 1846. |
Die 1853 eingeweihte
Hauptsynagoge
(Quelle links: "Der israelitische Volkslehrer":
Heft März 1853. |
| |
| |
|
Aufnahmen der orthodoxen Synagoge
in der Flachsmarktstraße |
 |
 |
| |
vgl. Artikel von
Leo Trepp auf Seite der Jüdischen Gemeinde Mainz: hier
anklicken |
| |
|
| Die 1911/12 eingeweihte Hauptsynagoge |
|
 |
 |
 |
| Historische
Ansichtskarten der neuen Synagoge |
| |
 |
 |
 |
| Weitere Ansichten
der neuen Synagoge |
Abbrucharbeiten 1939/40 |
Fotos nach 1945:
Denkmal für das
Judenviertel und die alte,
bis 1912 verwendete
Synagoge
(Quelle: Website
des VVN-BdA Mainz) |
 |
 |
| Inschrift der
Tafel: "Auf diesem Gelände der Landes-Bausparkasse wurde 1671 das
Judenviertel den Mainzer Juden als Wohngebiet zugewiesen. Es wurde 1798
von der Stadt aufgelassen (das Viertel zählte damals rund 850 Seelen) und
im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört. In der 1855 auf den
Fundamenten der 1684 errichteten, 1717 erweiterten Synagoge
(Synagogenstraße 10/12) der Israelitischen Religionsgemeinde wurde bis
1912 Gottesdienst gehalten. Bei den sichtbaren Mauerresten handelte es
sich um Teile der nördlichen Umfassungsmauer der Synagoge. Die in dieser
Mauer befindliche Synagogentür ist hier in Originalgröße
wiedergegeben." |
| |
|
|
 |
 |
 |
| Die Reste der
Säulenhalle der Synagoge in der Hindenburgstraße; 1988 als Denkmal
aufgestellt |
| |
 |
 |
|
| |
Gedenkstein mit Darstellung
der Synagoge |
|
| |
|
|
| |
|
|
Pläne für die neue Synagoge
(1999, eingeweiht im September 2010) |
 |
 |
| |
|
|
| |
Link:
zur Seite über die neue Synagoge in
Mainz |
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Germania Judaica I,174-228; II,2 512-521; III,2 786-831 (jeweils
mit Lit.). |
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen.
1971 Bd. II,7-46 (Lit.). |
 | Rolf Dörrlamm: Magenza. Die Geschichte des jüdischen Mainz,
Festschrift zur Einweihung des neuen Verwaltungsgebäudes der
Landes-Bausparkasse Rheinland-Pfalz. Mainz 1995. |
 | Franz Dumont/Ferdinand Scherf, Friedrich Schütz
(Hrsg.): Mainz. Die Geschichte der Stadt. Mainz 1999. |
 | Juden in Mainz, Katalog zur Ausstellung der Stadt Mainz im
Rathaus-Foyer im November 1978, bearbeitet von Friedrich Schütz. Mainz 1978.
(Lit.). |
 | Friedrich Schütz: Skizzen zur Geschichte der jüdischen Gemeinde
in Weisenau bei Mainz. Mit einer besonderen Würdigung der Familie Bernays,
in: Mainzer Zeitschrift. Mittelrheinisches Jahrbuch für Archäologie, Kunst
und Geschichte, Jg. 92, 1987, Mainz 1987, S. 151-179. |
 | Bernd A. Vest: Der alte jüdische Friedhof in Mainz. Mainz 2000. |
 | Als die letzten Hoffnungen verbrannten, 9./10. November 1938, Mainzer
Juden zwischen Integration und Vernichtung, herausgegeben von Dr. Anton
Maria Keim und dem Verein für Sozialgeschichte Mainz e.V.,
Hermann Schmidt Verlag Mainz. 1988. |
 | Erschienen
in 2008: Sonderheft der Mainzer Geschichtsblätter: Die Mainzer Synagogen.
Ein Überblick über die Mainzer Synagogenbauwerke, mit ergänzenden Beiträgen über bedeutende Mainzer Rabbiner, das alte Judenviertel und die
Bibliotheken der jüdischen Gemeinden.
Mit Beiträgen von Dieter Krienke, Andreas Lehnardt, Leo
Trepp, Ingrid Westerhoff und Gabriele Ziethen, hrsg. von Hedwig
Brüchert im Auftrag des Vereins für Sozialgeschichte Mainz e.V.
Mainz 2008, ISSN 1435-8026, 186 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Hardcover, Preis: 12,00 €.
Kurzbeschreibung: Dieses Buch will die aus dem Mainzer Stadtbild verschwundenen Synagogen und damit einen wichtigen Teil der Geschichte der traditionsreichen Mainzer jüdischen Gemeinde dokumentieren. Gleichzeitig wird an wichtige Rabbiner, die in vergangenen Jahrhunderten in dieser Stadt wirkten, und an die bedeutenden jüdischen Bibliotheken in Mainz erinnert.
Unter den Baumeistern der prächtigen Mainzer Synagogen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts finden sich bekannte Namen, wie Ignaz Opfermann, Eduard Kreyßig und Willy Graf. Die meisten dieser Gotteshäuser wurden im November 1938 geschändet und zerstört; die niedergehenden Bomben im Krieg machten dann auch noch die Reste der Bauwerke dem Erdboden gleich. Abgesehen von der restaurierten kleinen Weisenauer Synagoge künden heute nur noch einige Gedenktafeln von den früheren Gebetsstätten und Lehrhäusern der Mainzer Juden.
Doch der Band ruft nicht nur Verlorenes in Erinnerung, sondern bietet auch einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft. Vorgestellt wird der Entwurf des Architekten Manuel Herz für ein neues jüdisches Gemeindezentrum mit Synagoge, das schon bald am Standort der früheren Hauptsynagoge in der Hindenburgstraße entstehen wird.
vorherige Synagoge zur ersten Synagoge nächste Synagoge
|
|