Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Zur Übersicht über die jüdischen Friedhöfe im Kreis Mainz-Bingen   
   

Mainz (Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz) 
Die jüdischen Friedhöfe
(ohne die jüdischen Friedhöfe in den Vororten, zu diesen siehe die Kreisseite)

Übersicht:    

Der mittelalterliche / alte Friedhof oberhalb der Mombacher Straße   
Lage des mittelalterlichen / alten Friedhofes  
Fotos des "Denkmalfriedhofes" und des alten Friedhofes      
    
Der neue Friedhof an der Unteren Zahlbacher Straße   
Lage des neuen Friedhofes  
Fotos des neuen Friedhofes  
Überlegungen zur Erweiterung des Friedhofes (2011)   
  
Texte zur Geschichte der Friedhöfe aus jüdischen Periodika des 19./20. Jahrhunderts 
Fragen um den Blumenschmuck auf dem jüdischen Friedhof (1858)  
In der Nähe des Ludwigsbahnhofes wurden etwa 100 mittelalterliche Grabsteine entdeckt (1860)  
Fund von mittelalterlichen jüdischen Gräbern und Grabsteinen (1862)  
Überlegungen zur Neuanlage eines interkonfessionellen kommunalen Friedhofes (1874) 
Über den Israelitischen Friedhof in Mainz (1876)  
Klärung von Fragen zur Anlage eines neuen Friedhofes (1876)      
Die jüdische Gemeinde wartet auf die Genehmigung des Baus eines Friedhofsgebäudes am neuen Friedhof (1879)  
Am neuen jüdischen Friedhof darf die Religionsgemeinde ein Friedhofsgebäude erstellen (1879)   
Über den neuen israelitischen Friedhof anlässlich der Beisetzung eines armen Durchreisenden (1881)   
Weitere Funde mittelalterlicher Grabsteine (1884)  
Schändung des alten Friedhofes (1885)    
Ein Streit zwischen der israelitischen Religionsgemeinde und der Stadt um den (alten) Friedhof wurde gerichtlich entschieden (1886) 
Hinter Zahlbach wurde ein mittelalterlicher jüdischer Grabstein entdeckt (1887)   
Schändung des jüdischen Friedhofes (1895)   
Weitere mittelalterliche Grabsteine wurden gefunden (1896)  
Gemälde des israelitischen Friedhofes von Gregor Schwenzer (1897)   
Über den alten israelitischen Friedhof (1902)  
Überlegungen zur Aufstellung mittelalterlicher Grabsteine (1903)  
Entzifferung mittelalterlicher Grabsteine durch Prof. Dr. Salfeld (1924)          
Einzelne neuere Presseberichte (von 2007-2010 zum Fund der Grabsteine in der Fritz-Kohl-Straße)  
Links und Literatur   

   
   
Der mittelalterliche / alte Friedhof oberhalb der Mombacher Straße     
   
In Mainz gab es vermutlich seit Anfang des 11. Jahrhunderts einen mittelalterlichen jüdischen Friedhof. Nach einer -  allerdings ungesicherten Überlieferung - wurde 1012 von Mar Samuel und seiner Frau Rahel ein Grundstück zur Anlage eines Friedhofes erworben. 1286 wird der Friedhof erstmals als "Judensand" urkundlich erwähnt, 1397 als "Judenkirchhof". Auf dem Friedhof befand sich ein Leichenwaschhäuschen. Nach Ausweisung der Mainzer Juden 1438 wurde das Friedhofsgrundstück abgeräumt und umgepflügt. Die Grabsteine wurden großenteils als Baumaterial verwendet, ein Teil des Friedhofsgeländes wurde von der Stadt zur Benutzung von Weingärten verpachtet. Als 1445 wieder Juden in der Stadt aufgenommen wurden, erhielten sie einen Teil des früheren Friedhofes zurück. Bei der Vertreibung der Juden 1462 wurde das Häuschen auf dem Friedhof niedergebrannt.  
  
Mainz Beerdigung 1710 010.jpg (64158 Byte)Seit etwa 1700 konnte ein jüdischer Friedhof (alter Friedhof) belegt werden (die Abbildung links zeigt einen Beerdigungszug auf dem Weg vom Judenviertel zum Friedhof). Das Gelände dieses Friedhofes schloss sich an den "alten Judensand" an der Mombacher Straße an. Dieser Friedhof wurde bis 1880 belegt. Er umfasst eine Fläche von 184,58 ar. Bis 1813 war der Friedhof mit einem Zaun umgeben. 1937 wurden etwa 1.500 Grabsteine (vom 17. Jahrhundert bis 1880) gezählt. Auf einem von der jüdischen Gemeinde 1864 erworbenen Erweiterungsgrundstück zu diesem Friedhof, das jedoch nicht mehr belegt worden ist, wurde 1926 ein Denkmalsfriedhof angelegt. Die Betreuung der Arbeiten geschah durch den damaligen Rabbiner Dr. Sali Levi. Grabsteine des mittelalterlichen Friedhofes aus der Zeit von 1049 bis 1421 wurden auf diesem Grundstück aufgestellt. Die meisten dieser Grabsteine waren zwischen 1825 und 1922 (bzw. noch bis 1958) bei der Beseitigung alter Befestigungsanlagen in der Nähe des Judensandes, bei Abbrucharbeiten in der Altstadt und bei Erdarbeiten auf dem Gelände des Friedhofes gefunden worden. Insgesamt enthält dieser Denkmalsfriedhof 196 Steine; davon stammen sechs Grabsteine aus dem 11. Jahrhundert. 
   
Zum neuen jüdischen Friedhof an der Unteren Zahlbacher Straße siehe unten  
  
  
Lage des mittelalterlichen bzw. alten Friedhofes 
 
Der mittelalterliche Friedhof lag auf dem sogenannten "Judensand" vor dem Münstertor an der heutigen Mombacher Straße und reichte bis zu der Höhe des Forts Hartenberg. Der (alte, bis 1880 belegte) Friedhof schloss sich an das Gelände des "Judensandes" in der Mombacher Straße an. 
   
Link zu den Google-Maps  
(der grüne Pfeil markiert die Lage des Friedhofes)  
   

Größere Kartenansicht   
 
  
  
Fotos des "Denkmalfriedhofes" und des alten Friedhofes     

 Der Friedhof im Frühjahr 2005 
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 31.3.2005)    
 
Mainz Friedhof a205.jpg (76622 Byte) Mainz Friedhof a203.jpg (61196 Byte) Mainz Friedhof a201.jpg (80359 Byte)
Hinweistafel zur Geschichte 
des Friedhofes am Eingang
Grabstein des Gerschom bar Jehuda 
aus dem 12. Jahrhundert 
(Abbildung bei Hinweistafel)
Blick über den 
Denkmalsfriedhof
    
     
Mainz Friedhof a202.jpg (75764 Byte) Mainz Friedhof a200.jpg (80385 Byte) Mainz Friedhof a204.jpg (83990 Byte)
Teilansichten des Denkmalfriedhofes
 
Mainz Friedhof a206.jpg (97956 Byte) Mainz Friedhof a210.jpg (74451 Byte) Mainz Friedhof a214.jpg (79443 Byte)
Blick auf die den Denkmalsfriedhof 
vom alten Friedhof an der Mombacher
 Straße trennende Mauer
Teilansichten des Friedhofes an der Mombacher Straße
 
   
Mainz Friedhof a211.jpg (60498 Byte) Mainz Friedhof a213.jpg (77333 Byte) Mainz Friedhof a212.jpg (69322 Byte)
Ansichten des alten Friedhofes von der Mombacher Straße
     
Der Friedhof im Sommer 2010
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 15.7.2010)  
  
Mainz Friedhof a440.jpg (147209 Byte) Mainz Friedhof a441.jpg (92804 Byte) Mainz Friedhof a443.jpg (157296 Byte)
Hinweistafel zur Geschichte des Friedhofes am Eingang Hinweistafel zum Besuch des Friedhofes
     
Mainz Friedhof a445.jpg (153675 Byte) Mainz Friedhof a444.jpg (161958 Byte)  
Teilansichten des Denkmalfriedhofes  
     
Mainz Friedhof a447.jpg (109294 Byte) Mainz Friedhof a442.jpg (135592 Byte) Mainz Friedhof a446.jpg (153974 Byte)
Einzelne Grabsteine des Denkmalfriedhofes
     
       
Mainz Friedhof a460.jpg (119413 Byte) Mainz Friedhof a459.jpg (157834 Byte) Mainz Friedhof a458.jpg (150751 Byte)
Das Eingangstor an der 
Mombacher Straße
Teilansichten des Friedhofes
  
     
Mainz Friedhof a457.jpg (141389 Byte) Mainz Friedhof a456.jpg (157572 Byte) Mainz Friedhof a452.jpg (147241 Byte)
Teilansichten des Friedhofes 
     
Mainz Friedhof a453.jpg (147406 Byte) Mainz Friedhof a454.jpg (141453 Byte) Mainz Friedhof a455.jpg (155015 Byte)
Teilansichten des Friedhofes
     
Mainz Friedhof a450.jpg (157597 Byte) Mainz Friedhof a451.jpg (136979 Byte)  
Der Sturm vom 14.7.2010 hat einen
 Baum in den Friedhof gedrückt
Stark verwitterte 
Grabsteine
 
     

      
      
      
      

Der neue Friedhof an der Unteren Zahlbacher Straße
   
      
Nachdem der alte jüdische Friedhof auf Grund der Erweiterung der Stadt nicht weiter belegt werden konnte, wurde ein neuer jüdischer Friedhof angelegt und seit dem 2. Januar 1881 belegt. Dieser Friedhof grenzt südlich an den allgemeinen städtischen Friedhof an der Zahlbacher Straße an. 1948 wurde auf dem Friedhof eine Gedenktafel angebracht mit der Inschrift: "Unseren Opfern zum Gedenken, Den Mördern zur Schande, Den Lebenden zur Mahnung". Dieser Friedhof wird bis heute belegt.  Er umfasst eine Fläche von 207,21 ar. Eine Friedhofshalle mit Trauerhalle, Wärterhaus und Nebenräumen wurde 1880/81 durch den Mainzer Stadtbaumeister Eduard Kreißig erbaut. Das Gebäude ist erhalten.
  
Die in maurischem Stil erbaute Trauerhalle wurde 2005/06 umfassend saniert. Das vom Verfall bedrohte Baudenkmal litt seit Jahren unter Schwamm, Schädlingen und Wassereinbruch, wobei auch Deckenflächen stark in Leidenschaft gezogen wurden. Die zum Teil noch aus der Bauzeit stammende Zinklegierung des Daches war durch Materialermüdung spröde geworden. Ende 2005/Anfang 2006 wurde das Dach mit den Zwiebelaufsätzen nach vorliegenden Originalplänen saniert, danach erfolgten abschließende Sanierungsarbeiten.   
    
    
Lage des neuen Friedhofes  
      
Der neue Friedhof liegt in der Unteren Zahlbacher Straße 11
     
     
Link zu den Google-Maps  
(der grüne Pfeil markiert die Lage des Friedhofes)  


Größere Kartenansicht      
      
      
Fotos des Friedhofes an der Unteren Zahlbacher Straße     

Der Friedhof im Frühjahr 2005  
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 31.3.2005)
 
Mainz Friedhof n219.jpg (65819 Byte) Mainz Friedhof n218.jpg (67707 Byte) Mainz Friedhof n217.jpg (85746 Byte)
Eingangstor mit Blick auf die Trauerhalle, 
die derzeit (2005) renoviert wird. 
Hinweistafeln 
am Eingang
Rückblick auf die 
Friedhofshalle vom Friedhof
     
Mainz Friedhof n203.jpg (83131 Byte) Mainz Friedhof n220.jpg (79833 Byte) Mainz Friedhof n213.jpg (79796 Byte)
Denkmal der jüd. Gemeinde (aufgestellt
 1948): "1933-1945 - Unseren Opfern zum
 Gedenken, den Mördern zur Schande, 
den Lebenden zur Mahnung"
Klassizistisch geprägte Grabstätte der 
Familie Simon: Gustav Simon (1847-1929),
 Nannette Simon geb. Mayer (1818-1902) 
und Markus Simon (1810-1892) 
   
     
Mainz Friedhof n214.jpg (78984 Byte) Mainz Friedhof n202.jpg (82621 Byte) Mainz Friedhof n216.jpg (66518 Byte)
   Rechts Grabstein für Moritz Oppenheim
  (1814-1884), Präses der Israelit. Gemeinde
 und Stadtverordneter; links Grabstein 
für seine Frau Rosine geb. Feist  
Ruhestätte von Hermann Meyer
 
 
     
Mainz Friedhof n212.jpg (84141 Byte) Mainz Friedhof n211.jpg (82817 Byte) Mainz Friedhof n210.jpg (78101 Byte)
Teilansichten des neueren Teiles Grabmal für Heinrich Knobloch (1837-1905) 
und Josefine geb. Ganz (1841-1919)
 
   
Mainz Friedhof n215.jpg (80496 Byte) Mainz Friedhof n201.jpg (75986 Byte) Mainz Friedhof n204.jpg (79931 Byte)
Grab- und Gedenkstätten - Zeugen der Geschichte Neuere Gräber
   
Mainz Friedhof n209.jpg (81171 Byte) Mainz Friedhof n208.jpg (81125 Byte) Mainz Friedhof n207.jpg (88465 Byte)
Teilansichten im neuen Teil
  
Mainz Friedhof n206.jpg (87226 Byte) Mainz Friedhof n205.jpg (79739 Byte) Mainz Friedhof n200.jpg (65106 Byte)
Auffallendes Grab im neuesten Teil, 
belegt mit Steinen
Neuere Gräber       
  
      
  Der Friedhof im Sommer 2010  
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 15.7.2010)     
     
Mainz Friedhof n472.jpg (80111 Byte) Mainz Friedhof n471.jpg (132277 Byte) Mainz Friedhof n442.jpg (107597 Byte)
Tafel am Eingang Eingangstor mit Blick zur Friedhofshalle Eingangstor
     
Mainz Friedhof n446.jpg (124738 Byte) Mainz Friedhof n447.jpg (95428 Byte) Mainz Friedhof n469.jpg (101482 Byte)
Blick auf die Friedhofshalle
 vom Friedhof
Portale der Friedhofshalle 
zum Friedhof
Mittleres Tor 
zum Friedhof
     
Mainz Friedhof n470.jpg (107746 Byte) Mainz Friedhof n440.jpg (122521 Byte) Mainz Friedhof n441.jpg (105757 Byte)
Zedoko-Büchse am Friedhofstor Inschriften / Bibelzitate an der Friedhofshalle
     
Mainz Friedhof n444.jpg (103984 Byte) Mainz Friedhof n443.jpg (123337 Byte) Mainz Friedhof n448.jpg (47714 Byte)
Weitere Inschriften / Bibelzitate an der Friedhofhalle "Davidstern" auf der Kuppel der Friedhofshalle
        
Mainz Friedhof n445.jpg (170174 Byte) Mainz Friedhof n449.jpg (140150 Byte) Mainz Friedhof n450.jpg (150421 Byte)
Gedenkstein für die 
Märtyrer der Shoa
Grabstein rechts am Rand für 
Isaac Jeremias (1855-1894)
Dunkler Grabstein rechts der Mitte für 
Sophie Beck geb. Frank (1857-1894)
     
Mainz Friedhof n451.jpg (145530 Byte) Mainz Friedhof n452.jpg (150910 Byte) Mainz Friedhof n453.jpg (157141 Byte)
Obeliken rechts der Mitte für 
Emilie Marx geb. Ransburg (1838-1920) 
und Michael Marx (1833-1894)
   
Kleinere Grabsteine von links für 
Elise Schloss geb. Willstaedt (1846-1913), 
Isaac Schloss (1840-1894) und 
Alfred Joseph Rosenmeyer  (gest. 1894)
Familiengrabstein für Kommerzienrat Martin
 Moritz Mayer (Beigeordneter der Stadt Mainz,
 1841-1917), Rosalie Mayer geb. Hamburg
 (1851-1921) und Anna Mayer (1880-1896) 
       
Mainz Friedhof n454.jpg (171218 Byte) Mainz Friedhof n455.jpg (167506 Byte) Mainz Friedhof n456.jpg (162253 Byte)
Teilansicht mit charakteristischen 
Obelisken aus der Zeit um 1900  
  
Grabsteine für 
David Feist (1830-1911) und 
Julie Feist geb. Marx (1834-1900)
Die durch den Friedhof 
führende Baumallee 
  
     
Mainz Friedhof n457.jpg (162775 Byte) Mainz Friedhof n458.jpg (165525 Byte) Mainz Friedhof n459.jpg (161515 Byte)
Grabstein rechts für Bertha Marxsohn 
geb. Sternfels (1869-1904) und 
Ludwig Marxsohn (1863-1923) 
Grabstein für Josefine Knobloch 
geb. Ganz (1841-1919) und 
Heinrich Knobloch (1837-1905) 
Familiengrabstein 
Schönberger  
   
     
Mainz Friedhof n467.jpg (130907 Byte) Mainz Friedhof n466.jpg (127754 Byte) Mainz Friedhof n465.jpg (144077 Byte)
Teilansichten - Grabsteine aus den 1880er- und 1890er-Jahren Charakteristische Steine um 1890 
mit Amphoren
  
       
Mainz Friedhof n464.jpg (153821 Byte) Mainz Friedhof n460.jpg (149877 Byte) Mainz Friedhof n461.jpg (154584 Byte)
Grabsteine Mitte für Emil Heiden-Heimer
 (1831-190.) und Clementine Heiden-Heimer
 geb. Schwabacher (1835-1903)
Grabstätten aus 
der Zeit um 1940  
  
Grabstein für Gottschalk Mayer 
aus Harxheim (1852-1941) 
  
     
Mainz Friedhof n468.jpg (128390 Byte) Mainz Friedhof n462.jpg (168704 Byte) Mainz Friedhof n463.jpg (144831 Byte)
Gedenkstein für Angehörige der 
Familie Blatt / Kaelbermann  
Neuere Gräber Gräber rechts vorne 
von 2010 
   
     

Weitere ergänzende Fotos von Michael Ohmsen (Link zur Fotoseite zu Mainz mit - teilweise hoch aufgelösten - Fotos zum jüdischen Friedhof)   

Mainz Friedhof Halle 010.jpg (116715 Byte) Mainz Friedhof KantorSaenger 010a.jpg (125789 Byte) Mainz Friedhof KantorSaenger 010.jpg (98101 Byte) Mainz Friedhof MOppenheim 010a.jpg (116089 Byte) Mainz Friedhof MOppenheim 010.jpg (152584 Byte)
Die Friedhofshalle 
Das Foto oben in hoher Auflösung 
   
Grabstein für den "kunstgeübten
 hochgeachteten" Kantor Theodor Sänger
 (1827 Bingen - 1881 Kassel) 
Grabstein für Moritz Oppenheim, Präses 
der Israelitischen Gemeinde und
 Stadtverordneter (1814-1884) 
      
Mainz Denkmal 015.jpg (208481 Byte) Mainz Friedhof Salfeld 011.jpg (136108 Byte) Mainz Friedhof Salfeld 010.jpg (107544 Byte) Mainz Friedhof Waldmann 010.jpg (181435 Byte)
Denkmal für die Opfer der Shoa   Grabstein für Rabbiner Prof. Dr. Siegmund
 Salfeld (1843-1926) und seine Frau 
Zipora geb. Herzberg (1845-1933)  
Grab- und Gedenkstein für Angehörige 
und Nachkommen von Josef Waldmann 
(1866-1922) 
  
     

    
  
  
Überlegungen zur Erweiterung des jüdischen Friedhofes (2011)  
Da der jüdische Friedhof in Mainz in absehbarer Zeit belegt ist, stellt sich die Frage nach einer Erweiterungsfläche. Eine von der Stadt zunächst in Aussicht genommene Fläche ist jedoch umstritten - es regt sich Widerstand. 

April 2011: Wie kann der jüdische Friedhof erweitert werden?   
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung" vom 18. April 2011 (Artikel): "Schäfer-Wiese hat viele Unterstützer
Mainz - OBERSTADT. RÖMERSTEINE Zur Freundeskreis-Gründung versammeln sich 200 Bürger

(mij). Mit einer solch großen Resonanz hatte Schäfer Günter Dorn nicht gerechnet: Geschätzte 200 Unterstützer kamen zur Gründungsversammlung seines jüngst ins Leben gerufenen 'Freundeskreis Lebendiges Denkmal Römersteine', davon trugen sich spontan 170 Bürger als Gründungsmitglieder ein. Auf so viele Sympathisanten sei er gar nicht eingestellt gewesen, sagt Dorn, 'Ich hatte nur 100 Formulare dabei.' Wie berichtet will der Hobby-Hirte, der seit 1999 auf den Wiesen an den Römersteinen seine Schafe hütet, gegen Pläne vorgehen, die das städtische Grundstück als Erweiterungsfläche für den benachbarten jüdischen Friedhof vorsehen. Die Stadt habe schon Vermessungs-Pflöcke eingeschlagen, es sei nun höchste Zeit, öffentlich Zeichen für den Erhalt der Wiesen zu setzen, meint Dorn. Zumal sich als Erweiterungsfläche für den Friedhof auch ein Grundstück zwischen jüdischem Friedhof und Albert Schweizer-Straße anbiete, das sich im Besitz der evangelischen Landeskirche in Hessen und Nassau befinde. Nach AZ-Informationen kann sich die Landeskirche den Verkauf dieses Areals durchaus vorstellen. 700 Unterschriften hat Dorn bereits gesammelt. Nun wolle er mit dem frischformierten Freundeskreis bei der Stadt vorstellig werden. Aus deren Pressestelle verlautete, dass bislang noch nichts entschieden sei. 
Bei der Freundeskreis-Gründung am Samstag, so Dorn, hätten sich allerdings auch ungebetene Unterstützer breitgemacht. Die rechtslastige 'Bürgerbewegung' Pro Mainz verteilte Flugblätter, allerdings ohne großen Erfolg. Viele der Wiesenfreunde hätten die Zettel einfach zerrissen."   

  
  
  
Texte zur Geschichte der Friedhöfe aus jüdischen Periodika des 19./20. Jahrhunderts  
     
 
Fragen um den Blumenschmuck auf dem jüdischen Friedhof (1858)     

Mainz Jeschurun Juli1858a.jpg (149265 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Jeschurun" vom Juli 1858:  "Mainz, im Juni 1858. Einer der Vorsteher und ehrenwertesten Mitglieder der hiesigen gesetzestreuen Gemeinde, zugleich Mitglied der Chewra Kadischa we Gemillut Chassodim (Wohltätigkeits- und Beerdigungsbruderschaft) hatte bei Rückkehr von einem Begräbnisse, im Ärger über das bei uns erst beginnende Verzieren der Gräber und Blumen sich hinreißen lassen, einige Blumen aus zwei Gräbern zu reißen; er wurde denunziert und der Verletzung des Eigentums an Friedhöfen, was das Gesetz mit bis zu 4 Jahren Korrektionshausstrafe belegt, angeklagt. - Die Verteidigung machte geltend, dass nicht die Absicht Eigentum an Friedhöfen zu verletzen, sondern dass einzig nur religiöse Erbitterung über Verletzung der Religionsgesetze durch benanntes Verzieren die Triebfeder jener Handlung gewesen. Die Voruntersuchung verlangte jedoch ein Gutachten von Herrn Rabbiner Aub, und dieser erklärte, dass es erlaubt, ja sogar empfehlenswert sei, die Gräber mit Blumen zu bepflanzen, welches er auch in der auf den 18. d. M. Anberaumten gerichtlichen Verhandlung eidlich nochmals versicherte. Dem gegenüber wies Herr Rabbiner Dr. Lehmann als Entlastungszeuge, in seiner eingehenden, die Sache nach allen Seiten beleuchtenden und besonnenen würdigenden Aussage, das religionsgesetzlich durchaus Unstatthafte dieses Gebrauches nach. Ihre Leser werden es mir Dank wissen wenn ich diese Aussage wörtlich mitteile. An vielen Orten schweben über diesem Punkt Konflikte; vielleicht trägt diese Veröffentlichung zur 'Klarmachung des Standpunktes' bei und nützt somit der guten Sache.
Frage: Ist es erlaubt jüdische Gräber mit Blumen zu bepflanzen:
Antwort: 'Die gestellte Frage muss von drei verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtet werden und von allen dreien gelangt man zu dem Resultat, dass das Bepflanzen jüdischer Gräber mit Blumen religiös verboten ist. Es ist 1. verboten, weil es gegen ein jüdisches Religionsgesetz verstößt, 2. weil es im Judentume heilig gehaltene Sitte und Herkommen verletzt und endlich 3., weil es als Nachahmung eines fremden Religionsgebrauch dem jüdischen Friedhofe einen unjüdischen Charakter verleiht und dadurch das religiöse Gefühl eines jeden Einzelnen, dem doch der die Leichen teurer Verwandten bergende Friedhof, eine heilige Stätte ist, verwundet.
I. Das Bepflanzen jüdischer Gräber mit Blumen ist religiös verboten, weil dasselbe gegen ein jüdisches Religionsgesetz verstößt. 
Mainz Jeschurun Juli1858b.jpg (184141 Byte) Dieses Religionsgesetz verbietet eine jegliche Nutznießung, sie möge Namen haben, welche sie wolle, von einer Leiche, und von dem was mit der Leiche in Verbindung steht, also die ihr bestimmten Kleider, ihr Sarg, ihr Grab. (Babylonischer Talmud, Traktat Synhedrion 47, b. J. D. c. 364 § 1) Der Begriff dieses Verbots der Nutznießung mag an einigen Beispielen erläutert werden. Es ist allgemein bekannt, dass die jüdische Religion den Genuss verschiedener Speisen verbietet, doch erstreckt sich dieses Verbot in der Regel nur auf das faktische Genießen, das Essen und Trinken, während anderweitige Nutznießung, wie Kaufen, Verkaufen, Verschenken der verbotenen Speisen gestattet ist. Bei einigen jedoch, so beim gesäuerten Brote am Pessachfeste, bei der Mischung von Fleisch und Milch und andern ist jede Art Nutznießung verboten. Der Besitzer dieser Speisen darf sie nicht allein nicht genießen, er darf sie nicht verkaufen, nicht verschenken, nicht sein Vieh damit füttern – er darf nichts damit vornehmen, was ihm in irgendeiner Weise Genuss oder Vergnügen gewährt. In dieser Kategorie der am weitesten sich erstreckenden Genussverbote gehört die Leiche und ihr Zubehör. Die menschliche Leiche ist dem Judentume heilig, unverletzlich; sie war während des Lebens das Gefäß für das Gotteslicht, die Seele, gleichwie der heilige Schrein die Hülle für das Gotteswort ist. Diese Unverletzlichkeit, diese Unverbrauchbarkeit erstreckt sich auf ihr unmittelbares Zubehör, ihre Kleider und ihr Grab, d.h. speziell die Erde die behufs der Grablegung aufgegraben und wieder aufgeschüttet ist. Es ist daher verboten auch nur auf diese Erde zu treten, so dass die Beerdigungsgenossenschaft alljährlich einen Fasttag abhält, um dieses Vergehen zu sühnen, wenn es selbst unabsichtlich geschehen sollte. Es leuchtet somit von selbst ein, dass es unerlaubt ist diese die Leiche bedeckende Erde dazu zu benutzen, irgendeine Pflanze in ihr zu ziehen und durch sie zu nähren. Ist dieses dennoch geschehen, so führt diese Übertretung zu neuen Übertretungen. Die Erfahrung lehrt, dass das Übertreten religiöser Gebote nur allzu leicht Nachahmung findet; der Friedhof, das Leichenfeld, das den Besucher zu ernsten, ergreifenden und erschütternden Betrachtungen veranlassen soll, gleicht nur zu bald einem Blumengarten, der ein zum Besuche einladender Erholungsplatz wird. Es ist in größeren Städten, in denen sich die Neuerungssucht auch auf diesem Gebiete geltend gemacht hat, bereits dahin gekommen, dass, da ein anderer Aufenthalt Ort im Freien in der Nähe der Stadt stets mit Kosten verknüpft ist, der einem Blumengarten gleichende Friedhof der beliebte Zielpunkt von Spaziergängern geworden ist, namentlich für Frauenzimmer mit ihrer Arbeit, ihren Kindern und ihren Butterbroten. Die jüdische Religion verbietet aber indes jedes unernste Benehmen auf dem Friedhofe, Spazieren gehen, Hindurchgehen, Essen und Trinken daselbst (J. D. 368.)
Wie wahrscheinlich ist es ferner, dass der Besucher, eines ihm teuren Grabes eine Blume von denselben pflückt, sie zum Andenken mit sich führt und sich dadurch eines Vergehens schuldig macht; die jüdische Religion verbietet aber, irgendwie Anlass zur Sünde zu geben: Dem Blinden sollst du nicht Anstoß in den Weg legen (3. Buch Moses 19, 14). 
Mainz Jeschurun Juli1858c.jpg (177132 Byte) Es ergibt sich demnach, dass durch das Bepflanzen der Gräber mit Blumen ein Religionsgesetz verletzt wird, ja die Codices sind in dieser Beziehung so streng, dass sie sogar das Bepflanzen derjenigen Plätze des Friedhofes verbieten, an denen sich vielleicht ein Grab befunden haben mag. (S. C. Zu J. D. c. 368.)
II. Es ist aber auch ferner das Bepflanzen von Gräbern mit Blumen verboten, weil dasselbe einem durch das Alter geheiligten Herkommen widerstreitet. Die jüdische Religion schreibt vor: Ein durch das Alter geheiligtes Herkommen ist einer Religionsvorschrift gleich zu achten. Es haben sich Friedhöfe und Grabstätten aus den ältesten Zeiten erhalten und nirgends findet man Spuren von Blumen und Anpflanzungen. Die anerkannt große Pietät der Juden hat die Grabstätten ihrer großen Verstorbenen nicht mit Blumen verziert. Noch zeigt man die Grabmäler jüdischer Könige und Propheten, unser eigener Friedhof hat ein Alter von fast 15 Jahrhunderten, der Friedhof zu Worms ist vielleicht noch älter und hat seine Gräber wunderbar gut erhalten, ebenso der Friedhof zu Prag und nirgends findet sich eine Spur von Blumenanpflanzungen, die gewiss die Pietät der Nachgeborenen nicht hätte verfallen lassen. Noch blüht der Lorbeerbaum auf Virgils Grab und von den Rosen auf dem angeblichen Grabe Homers weiß jeder Reisende zu erzählen, wohl singen die Dichter des Altertums von den Zypressen und heiligen Hainen, die zu Ehren der Toten gepflanzt wurden – aber in der gesamten, so überaus reichen jüdischen Literatur findet sich auch kein Anklang eines derartigen Gebrauches; nur ein Denkstein lässt das Grab als solches erkennen, sogar blieben schmucklos die Gräber der Propheten und der hervorragendsten Männer aus Judas Stamm.
Man hat geltend gemacht, dass das Unterlassen der Verzierung der Gräber von nichtjüdischer Seite her in mittelalterlicher Verfolgungssucht keinen Grund gehabt habe; aber abgesehen davon, dass, wie wir nachgewiesen haben, selbst im Altertume, also zur Zeit der Selbstständigkeit und Macht unseres Volkes sich keine Spur davon findet, so finden wir, während überall zu jedem Gebrauche die Gründe angegeben sind, diesen Grund nirgendwo verzeichnet, wir finden im Gegenteil erzähl, dass manchmal rohe Gewalt die Bepflanzung der Gräber erzwungen hat, der beste Beweis, dass sie freiwillig nimmer geschehen wären (J. D. c. 368 §. 2).
III. Erst in neuester Zeit, da so viele Israeliten von der Erfüllung des jüdischen Religionsgesetzes sich entfernt haben, da oft Vorstände, die dem jüdischen Gesetz in ihrem Privatleben längst den Rücken gewandt haben, über die religiösen Angelegenheiten der Gemeinde gebieten, da vielfach sogenannte 
Mainz Jeschurun Juli1858d.jpg (174174 Byte) Rabbiner, bei denen Leichtsinn und Unwissenheit sich einander die Hände reichen, über die Berechtigung des Gesetzes aburteilen wollen und nach ihrer individuellen Anschauung je nach Belieben, was ihnen gefällt für erlaubt und was ihnen missfällt für verboten erklären, erst in neuester Zeit, in der die Sucht fremde Religionsakte nachzuahmen fast krankhaft geworden, erst in dieser Zeit hat man begonnen, die Gräber mit Blumen zu bepflanzen, wie man begonnen Orgel und deutsche Gebete und Gesänge in die Synagoge einzuführen. Ich darf wohl als bekannt voraussetzen, dass diese Nachahmungen und Einführungen das religiösen Gefühl der orthodoxen Israeliten dieser Stadt und anderer Städte zur Trennung und zum Bau eines eigenen Gotteshauses gezwungen haben; der Friedhof ist noch gemeinschaftlich und muss auch wegen der Erinnerungen, die sich daran knüpfen, wegen der Väter, der Mütter, die dort ruhen, gemeinschaftlich bleiben. Wie sehr aber muss das religiöse Gefühl eines jeden Einzelnen verletzt werden, wenn der Friedhof, dieser so teure und heilige Platz seinen jüdischen Charakter verliert und ein fremdes Aussehen gewinnt? Wie wert den Israeliten diese Wahrung des jüdischen Charakters in Bezug auf den Friedhof ist, mag ein Faktum aus der Geschichte der israelitischen Gemeinde dieser Stadt beweisen. Als während der französischen Okkupation der Präfekt einen gemeinschaftlichen Friedhof für alle Konfessionen angeordnet, wurde keine Mühe gespart bis zum Kaiser Napoleon durch Vermittlung des seligen Bischofs Colmar (sc. Bischof Joseph Ludwig Colmar; Bischof in Mainz bis zu seinem Tod 1818) der ursprüngliche Friedhof in seiner unveränderten Gestalt der Gemeinde zurückgegeben war. -
Es ergibt sich also aus allem bisher Gesagten, dass es religiös verboten ist, jüdische Gräber mit Blumen zu bepflanzen, weil
1. dem das Religionsgesetz der Nichtnutzziehung aus der Leiche und deren Zubehör entgegensteht; weil es
2. gegen durch Alter geheiligtes Herkommen, das einem Religionsgesetze gleichsteht, verstößt; weil es
3. nur aus der Nachahmung fremder Religionsbräuche entsprungen ist.
Es ist aber nicht allein verboten aufs Grab zu pflanzen, sondern auch die bereits Gepflanzten stehen zu lassen; es wird also durch das Ausreißen derselben kein Eigentum verletzt, sondern nur vervollkommnet, nicht gegen die Ehrerbietung verstoßen, sondern vielmehr Ehre erwiesen, denn nicht das bringt Ehre, was das Gesetz verletzt, sondern was seine Bestimmungen erfüllt, und nie vermag Das zum Schmuck und Zierde gereichen, was die Religion verbietet; vielmehr ist ihren Vorschriften gemäß hier Schmucklosigkeit der einzige Schmuck.'
Der Verteidiger Herr Dr. Au wies darauf in einer glänzenden Rede nach, wie der Standpunkt des Herrn Rabbiners Aub ein unjüdischer sei, indem er sich über das Gesetz stelle. 
Mainz Jeschurun Juli1858e.jpg (32838 Byte) Auch der Staatsprokurator war am Ende überzeugt und stellte den Strafantrag nur auf eine Geldstrafe von 50 fl. Der Gerichtshof erkannte nach langer Beratung auf eine Strafe von 10 fl. Dies war das, was auf religiöser Seite gewünscht worden war; es lag in der Selbsthülfe eine Rechtsverletzung und diese musste das Gesetz bestrafen – aber wie. Das war die Frage, und diese ist nun glücklich entschieden. 
Wir erhalten uns jeder so naheliegenden Bemerkung über diese Vorgang und das Benehmen der hier handelnd aufgetreten Personen; die Tatsachen sind beredt, wiewohl sie nur einen Ring bilden in einer gar langen Kette anderer; wir registrieren sie als ein nicht uninteressantes Stück Zeitgeschichte."  

  
In der Nähe des Ludwigsbahnhofes wurden etwa 100 mittelalterliche Grabsteine entdeckt (1860)    

Mainz Jeschurun 011860 204.jpg (97271 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Jeschurun" vom November 1860 S. 204: "Die in der Nähe des Ludwigsbahnhofes in Mainz aufgefundenen jüdischen Grabsteine. Beim Baue der durch die Stadt führenden Eisenbahn stieß man im Anfange des Monats Juni diesen Jahres In der Nähe des Ludwigsbahnhofes auf eine Batterie, die größtenteils aus jüdischen Grabsteinen gebaut war. Ähnliche Steine waren schon früher am Holztore und am Rheinufer, de rheinischen Hof gegenüber, gefunden. Das traurige Geschick der Israeliten im Mittelalter erstreckte sich bis in das Grab hinein. In einem alten Gebete findet sich die schmerzliche Klage: 'Erbarme Dich, o Gott, der Gebeine deiner Diener, die aus ihren Gräbern gerissen werden an jeglichem Tage.' 'Zur Schmach und Schande werden hinausgeworfen die heiligen Steine über alle Gassen.'
Es war im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert Mode geworden, jüdische Grabsteine als Baumaterial zu benutzen; aus in Breslau, Zürich, Erfurt, Regensburg und in vielen anderen Städten Deutschlands fand oder findet man diese altehrwürdigen Steine in öffentlichen oder Privatgebäuden eingemauert.
Die hier gefundenen, ungefähr 100 an der Zahl, sind vielfach nicht ohne großes Interesse. Sie zeichnen sich nicht allein durch ihr hohes Alter aus, sie belehren nicht allein über den damals üblichen hebräischen Lapidarstil, einige davon gehören auch literarisch bedeutenden 
Mainz Jeschurun 011860 205.jpg (130282 Byte) Persönlichkeiten oder deren Angehörigen an. Die ältesten Steine sind ohne Angabe der Jahreszahl; unter diesen findet sich der von Rabbenu (unser Lehrer) Meschulam dem Großen, der sicherlich im Anfange des 11. Jahrhunderts starb; der älteste, der eine Jahreszahl trägt, stammt aus dem Jahre 1101; der jüngste datiert vom Jahre 1428.
Der wichtigste unter all diesen Steinen ist sicherlich der eben erwähnte Grabstein des Rabbana Meschullam. Die Inschrift lautet:
(hebräisch und deutsch:) 'Hier ist begraben Rabbana*) Meschullam, Sohn von Rabaena Rabbi Kalonymos. Seine Seele möge aufgenommen werden in den Bund der Lebendigen.'**)
Wenn auch schon Israeliten in uralter Zeit***) am Rheine gelebt haben, so gab es in diesen von der ursprünglichen Heimat so entfernten Gegenden doch lange keine bedeutenden und gelehrten Männer. Diese scharten sich um die hohen Schulen in Palästina und Babylonien und wanderten er im 9. und 10. Jahrhundert, und zwar zunächst nach Nordafrika, Italien und Spanien aus. Nach einer alten historischen Notiz veranlasste der deutsche Kaiser im Jahre 917 einen gelehrten Rabbinen, Rabbenu Moscheh den Alten, von Lucka nach Mainz zu übersiedeln. Dieser und seine Nachkommen wurden die bedeutendsten rabbinischen Autoritäten für Frankreich und Deutschland. Sein Sohn Rabbenu Kalonymos, der den Beinamen 'von Lucka' führte, war der Vater unseres Rabbenu 
*) Rabbena ist die chaldäische Form für das hebr. Rabbenu.
**) Nach dem 1. Buche Samuel S. 25, V. 29.
***) Rabbi Jakob ha Lewi, um die Mitte des 15. Jahrhunderts Rabbiner in Mainz, behauptet einen Leichenstein gesehen zu haben, der damals gerade 1100 Jahre alt gewesen.   
Mainz Jeschurun 011860 206.jpg (163110 Byte) Meschullam, den man später allgemein 'den Großen' nannte. Vater und Sohn waren als synagogale Dichter berühmt und einige dieser Gedichte bilden noch heute einen integrierenden Teil der jüdischen Liturgie. Von den bedeutendsten rabbinischen Autoritäten des 11. und 12. Jahrhunderts werden Beide mit der größten Ehrfurcht zitiert und es wird berichtet, dass ihre Aussprüche denen der Propheten fast gleich geachtet wurden. - Über Geburts- und Sterbejahr des Rabbenu Meschullam lässt sich nichts ermitteln, wohl aber über die Zeit seiner Blüte. Er wird nämlich in einem im Jahre 1037 von Rabbenu Nathan aus Rom verfassten Lexikon zum Talmud als ein bereits Verstorbener zitiert und wenn man bedenkt, wie langsam sich damals literarische Erzeugnisse verbreiteten, so wird man zugeben, dass seine Blütezeit an das Ende des vorigen Jahrtausends und sein Tod in den Anfang des jetzigen zu setzen ist.
Die Inschriften aus dem 11. und 12. Jahrhundert sind alle höchst einfach. Sie beschränken sich auf Angabe von Namen und Vatersnamen, Datum und Segenswunsch für den Verstorbenen. Die Art und Weise der Datumsangabe ist ebenfalls bemerkenswert; während die ältesten gar kein Datum tragen, geben die jüngeren nur das Jahr, die noch jüngeren auch den Monat, die noch jüngeren auch den Tag, die noch jüngeren sogar den Wochentag des Sterbens und Begrabenwerdens an.
Die Namen sind teils biblische, teils griechische, wie sie zur Zeit des zweiten Tempels unter den Juden gebräuchlich wurden; doch finden sich auch deutsche Namen, namentlich auf Frauengrabmälern; wir heben von diesen hervor: Gertrud, Olga, Bruna, Jutta, Merlin, Maitin, Hannchen etc., Familiennamen finden sich sehr wenige und diese sind von adjectivis akzeptiert; so gehören viele dieser Steine Mitgliedern der berühmten Familie ha Bachur (der Jüngling) an; dass diese Bezeichnung hier nicht adjektivisch gebraucht sein kann, geht daraus hervor, dass sie sich einmal bei Vater und Sohn findet: 'Hier ruht Rabbi Jakob ha Bachur, Sohn von Rabbi Mosche ha Bachur.' Da nun in der nachbiblischen Literatur 'ha Bachur' immer einen Junggesellen bezeichnet, so   ist natürlich die appellative Bedeutung hier unmöglich. Hieraus vermute ich, dass die häufig wiederkehrende Bezeichnung 'ha Saken', 
Mainz Jeschurun 011860 207.jpg (83726 Byte) d. i. Der Alte, und 'ha Naim', d. i. der Liebliche, ebenfalls Familiennamen waren. Von besonderem Interesse sind wohl noch die Grabsteine einiger Märtyrer; sonderbarer Weise hat sich keiner derselben vollständig erhalten; ich setze eine solche Inschrift hierher:
(hebräisch und deutsch):' ….....Frau...
die Tochter der Rabbi Jizchak
….. und ward ins Wasser gestürzt,
weil sie sich weigerte die Einheit
des göttlichen Namens zu verleugnen
im Jahre 959 (d . i. 1199)
am 8. Ijar (Mai); sie ruht
im Paradiese.' 

Ein einziger Doppelstein findet sich vor; er ist zum Andenken zweier Schwestern gesetzt worden, von denen die eine am Dienstage, die andere am folgenden Tag im November 1312 starb. - Amt und Stand sind nur bei Wenigen angegeben; es finden sich vor die Leichensteine mehrere Rabbinen, eines Kantors, einer Hebamme; bei einigen findet sich die Bezeichnung 'ha Radiw', d. i. Der Reiche und Wohltätige. Es möge hier eine das Andenken eines Rabbiners ehrende Inschrift folgen:   
Mainz Jeschurun 011860 208.jpg (94577 Byte)(hebräisch und deutsch): 'Hier ward versenkt unter Wehklagen
unser Herr, Führer und Lehrer Jechiel
der Sohn des Rabbiners Rabbi Moscheh,
ha Lewi, der einging zu seiner ewigen
Heimat, am 14. Marscheschwan (Oktober)
am 1. (Wochen-) Tage 141 (1380). Es möge
seine Seele aufgenommen werden
in den Bund der Lebendigen!

Dieser R. Jechiel ist wahrscheinlich der Großvater des oben in der Anmerkung erwähnten berühmten R. Jakob ben R. Moscheh ha Lewi. Als Beispiel einer schönen Schreibweise, möge folgende Inschrift hier ihre Stelle finden:  
(Hebräisch und deutsch): 'Als Krone des Ruhmes
habe ich an ihr Haupt gesetzt ein Denkmal von Stein, doch ist die heilige Nachkommenschaft ihr bleibendes Denkmal*), die Witwe, die alte, ehrwürdige Frau Peiar, Tochter des heiligen**) Rabbi Elieser, deren Taten schön und herrlich waren wir Räucherwerk (auf Gottes Altar) und wie der Schmuck der Priestertiaren***); sie starb und ward begraben
…....'   Der Fuß des Steines und mit ihm der Schluss der Inschrift ist abgebrochen.
*) Nach Jesaias S. 6. V. 13.
**) Die Märthyrer bekamen das Prädikat 'heilig.'
***) Nach II. B. M. S. 36, V. 28. 
Mainz Jeschurun 011860 209.jpg (142025 Byte) Auch eine Inschrift in hebräischen Versen, die aber sehr beschädigt und verstümmelt ist, findet sich vor. Sie lautet:
(hebräisch und deutsch): 'Hart ist der Tag der Trauer, der Tag des Verscheidens des Herrlichen, der sein Vermögen dazu anwandte, den Namen Gottes öffentlich zu ehren, ein Vollkommener, eines Vollkommnen Sohn; er ernährte die armen Wanderer, die gesättigt sein Haus verließen und mit Geld versehen von ihm zurückkehrten, da sie gefunden hatten die Schwelle der Barmherzigkeit …... und der herrliche Rabbi Samuel, der Sohn des Rabbi Salomo ….....'
Auch hier fehlt der Schluss der Inschrift gänzlich. Die beiden zuletzt erwähnten Steine scheinen sowohl nach der Schrift als auch nach dem Styl zu urteilen, mit zu den jüngsten der hier gefundenen zu gehören.
Es bleibt uns nun noch übrig, einige Worte über den Platz zu sagen von dem diese Steine fortgenommen und an das Rheinufer gebracht wurden. Es ist dieses mit Bestimmtheit kein anderer als der sogen. Judensand am Hardenberge, der noch heute zum Begräbnisplatze der Mainzer Israeliten dient und der in Urkunden aus dem 15. Jahrhundert als der uralte Friedhof der Juden bezeichnet wird; auch finden sich auf demselben noch einige Grabsteine aus dem 13. Jahrhundert, die in neuerer Zeit dort an Ort und Stelle ausgegraben wurden. Dieser bietet jedoch dem Geschichtsforscher sehr wenig, da die älteren und jüngeren Grabmäler bei den verschiedenen Belagerungen der Stadt Mainz zerstört worden sind. - Vom größten Interesse wäre es, die hier gefundenen Grabsteine mit den Memorial-Büchern der hiesigen Gemeinde zu vergleichen; doch diese sind verloren, wenn auch nicht spurlos verschwunden. Sollte es mir gelingen, in den Besitz derselben zu gelangen, so werde ich mir erlauben, die gewonnenen Resultate mitzuteilen.  Dr. M. Lehmann."

    
Fund von mittelalterlichen jüdischen Gräbern und Grabsteinen (1862)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Mai 1862:  "Mainz, den 24. April. Während er Halbfeiertage des Pessachfestes wurden in Folge eines Baues im Garten eines hiesigen christlichen Bürgers drei jüdische Leichensteine nebst den darunter befindlichen Leichen ausgegraben. Der Herausgeber dieser Blätter, davon in Kenntnis gesetzt, eilte sofort an Ort und Stelle. Zwei Leichensteine fanden sich ohne Inschrift, der dritte jedoch trägt eine sehr wohl erhaltene. Sie lautet auf eine Frau Esther, Tochter des Rabbi Jirmijahu, welche am 26. Tischri 5624 (Jahreszahl hebräisch) verschied, es hat dieser Stein demnach ein Alter von fast 600 Jahren. Das Knochengerüst, welches sich darunter befand, war noch sehr wohl erhalten; es fehlte kein Knöchelchen; auch die stark in Rost übergegangenen Nägel des Sarges fanden sich vor. Nicht so vollständig erhalten waren die anderen beiden Leichen. - Wir veranlassten die sofortige Beisetzung aller vorgefundenen Überreste auf dem hiesigen Friedhofe. -
Zur Erklärung ist es nun notwendig, einige Worte über den hiesigen israelitischen Friedhof zu sagen. Derselbe ist uralt und befindet sich noch an demselben Orte, wo er vor zwei Jahrtausenden von den ersten jüdischen Einwanderern angelegt worden. Rabbi Jakob Hallevi (Maharil), in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts Rabbi von Mainz, fand auf dem demselben Friedhofe einen Leichenstein, der damals 1100 Jahre alt war. Dieser Friedhof, in alten Urkunden 'der Judensand' genannt, liegt am östlichen Abhange des Hardenberges, im Norden der Stadt, in einer einer Entfernung von etwa 20 Minuten. Der oben erwähnte Garten liegt nun an der Spitze des Hardenberges, woraus sich mit Bestimmtheit ergibt, dass ehemals der Friedhof den ganzen östlichen Abhang einnahm, also um dreimal breiter war als er augenblicklich ist. Wahrscheinlich haben die Juden, als sie im Anfange des 16. Jahrhunderts unter Kurfürst Adalbert in Mainz sich wieder ansiedelten, nachdem sie im Jahre 1480 durch Kurfürst Adolph von Nassau sämtlich aus der Stadt vertrieben worden waren, zwar denselben Platz, aber nicht in seiner vollen Ausdehnung zum Begräbnisplatze zurückerhalten. Hiermit hängt auch noch eine andere Erscheinung zusammen. Es befinden sich nämlich am Rheinufer in der Stadt Batterien, die aus jüdischen Leichensteinen erbaut sind. Bei verschiedenen Nachgrabungen wurden einzelne zu Tage gefördert, bis im Jahr 1858 beim Baue der Rheinischen Eisenbahn mehr als 100 ausgegraben wurden. Von diesen trägt der älteste die Jahreszahl 4861 (1101); anders, bedeutend ältere, tragen keine Jahreszahl; so der des hochberühmten Rabanna Meschullam ben Rabanna Kalonymos, welcher von Raschi, Tossaphot und dem Aruch an vielen Stellen angeführt und auch Rabanna Meschulam Hagagol genannt wird. Die jüngsten dieser Steine reichen nicht bis zur zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts hinab. Es ergibt sich dadurch fast mit Sicherheit, dass die Steine während der gänzlichen Abwesenheit der Juden von Mainz, geraubt und zur Erbauung der erwähnten Batterien verwendet worden sind; wahrscheinlich wurden dann später die in Folge dessen von Leichensteinen entblößten Gegenden des Friedhofs nicht zurückgegeben. Dass aber der gegenwärtige Begräbnisplatz an der Stelle des uralten sich noch befindet, beweisen zahlreiche Ausgrabungen auf demselben von Leichensteinen, die aus dem Ende des vorigen aber dem Anfange dieses Jahrhunderts a. m. stammen. So wurde auch vor einigen Jahren ein Stein aufgefunden, welchen im Jahre 5522, also genau vor 100 Jahren, die Beerdigungsbrüderschaft an die Stelle des alten verfallenen Leichensteins auf das Grab des hochberühmten liturgischen Dichters R. Schimeon Hagadol setzen ließ, welche wenige Tage vor dem Ausbruche der ersten großen Judenverfolgung im Jahre 1096 starb. Der Stein befindet sich am Südende des Friedhofes. Bei den vielen Belagerungen, die Mainz im Laufe der Jahrhunderte hat erdulden müssen, hat auch der israelitische Friedhof viel gelitten und denkwürdige Leichensteine finden sich fast nur in Folge gelegentlicher Ausgrabungen. Wir werden nächstens Gelegenheit nehmen, über andere hiesige jüdische Altertümer zu berichten und dadurch nicht unwichtige Beiträge zur Geschichte der Juden überhaupt liefern, denn Mainz (Magenza) war eins Haupt- und Mutterstadt in Israel und die Männer, die hier gelebt und gewirkt haben, gehören zu den größten aller Zeiten; wir erinnern nur an R. Moscheh Hasaken, den Begründer talmudischer Gelehrsamkeit in Deutschland, dessen Sohn R. Kalonymos von Lucka, angeführt von Tossaphot, Menachoth 109, dessen Sohn, den oben bereits erwähnten R. Meschulam Hagadol, R. Gerschom Meor Hagolah, R. Amnon, den Verfasser des Unßannu Tokef, R. Eliser ben Nathan (R'AB"N) und so viele Andere, deren vollständige Aufzählung wir uns für ein anderes Mal vorbehalten."    

      
Überlegungen zur Neuanlage eines interkonfessionellen kommunalen Friedhofes (1874)    

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 17. März 1874: "Mainz, 20. Februar. Das Ministerium hat in jüngster Zeit eine nicht unwichtige prinzipielle Entscheidung bezüglich der Friedhöfe getroffen. Das Napoleonische Dekret vom Jahre XII., welches die Kirchhöfe als Leichengründe zu schließen befahl und dafür gemeinschaftliche Gottesäcker in einer Entfernung von mindestens einem Kilometer nördlich der Umfassung der Städte anordnete, wurde seither von einer Seite dahin interpretiert, als sei damit auch die ausschließliche Konfessionalität der Friedhöfe ausgesprochen. Diese Tendenz wurde von Eiferern soweit ausgedehnt, dass auch die Leichenhäuser als ausschließlich konfessionelle Anstalten betrachtet werden sollten. Der hiesige Friedhof ist nach diesem Gesichtspunkte für die christlichen Konfessionen durch einen Weg geschieden. Die Israeliten besitzen einen besonderen Friedhof. Dieser fällt in die Stadterweiterung und muss demgemäss geschlossen werden. In der oben berührten Entscheidung der Regierung sind die Friedhöfe als allgemeine, dem politischen Bürgerverband gemeinsame bezeichnet, und wir werden nun auf dem großen, zu diesem Zweck neben dem alten Friedhof erworbenen Grundstücken einen interkonfessionellen Friedhof entstehen sehen, wie ihn z. B. die Stadt Alzey längst für ihre Bürger aller Konfessionen besitzt.
(Es fragt sich nun, ob die Israeliten von Mainz sich nicht auch fernerhin einen besonderen Friedhof auf ihre Kosten anlegen werden, wozu ihnen die Erlaubnis schwerlich vorenthalten werden kann. Redaktion)"    

     
Über den Israelitischen Friedhof in Mainz (1876)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. März 1876: "Der israelitische Friedhof zu Mainz.
Mainz, 27. Februar. In voriger Woche wurde vom Rate der Stadt Mainz in öffentlicher Sitzung mit allen gegen die eine Stimme des Vorstehers der israelitischen Gemeinde, Herrn Moritz Oppenheim, der Antrag genehmigt, den israelitischen Friedhof, der in den Bauplan der Mainzer Neustadt fällt, schließen zu lassen. Es ist das ein ehrwürdiges Altertum, das eine mehr als tausendjährige Geschichte hat, von der wir hier einiges mitteilen wollen.
Der Friedhof liegt circa 20 Minuten von der Stadt entfernt, unweit der Gonsenheimer Hohl, an der Straße nach Mombach, am Abhange des Hardenberges. Der Bogen ist sandig, und in den alten Grundbüchern der Stadt kommt der Friedhof unter dem Namen 'Judensand' vor. Wie alt derselbe ist, lässt sich nicht so genau eruieren; doch weiß man sicher, dass er länger als ein Jahrtausend seiner Bestimmung gedient hat. In dem von den Schülern des berühmten Mainzer Rabbinen Rabbi Jacob ha Levi (Meharil) niedergeschriebenen Sammelwerke wird erzählt, dass der Genannte auf dem Mainzer Friedhofe einen Leichenstein gesehen habe, der damals ein Alter von 1100 Jahren gehabt. Da nun Rabbi Jacob im Jahre 1420 mit anderen Israeliten durch den Kurfürsten Adolph von Nassau, denselben, der unter den Bürgern der Stadt ein furchtbares Blutbad angerichtet und die Stadt ihren Freiheiten beraubt hat, vertrieben wurde, so hätte demnach der Friedhof ein Alter von nahezu 1600 Jahren. Diese Angabe erscheint jedoch nicht ganz glaubwürdig; denn erstens wird dort erzählt, dass der Denkstein einer verlobten, halbfreien Sklavin (Schischah) gesetzt war; solche gab es aber nur im heiligen Lande zur Zeit des ersten Tempels; zweitens war es in jenen alten Zeiten noch nicht Sitte, die Jahreszahlen auf die Leicheneichensteine zu setzen.
Dass aber der Friedhof älter als ein Jahrtausend ist, mag aus Folgendem erhellen. Im Jahre 1858 wurde beim Bau der Eisenbahn am Fischtor eine große Anzahl jüdischer Leichensteine ausgegraben. Schreiber dieses ließ sie reinigen und schrieb die Inschriften ab. Die ältesten Steine stammten aus dem neunten, die jüngsten aus dem Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts. Die ältesten Steine tragen keine Jahreszahl; ihr Alter war aber teilweise anderweitig festzustellen. Wir wollen hier nur eines Steines erwähnen, des Denksteines für Rabbi Meschullam, Sohn des Rabbi Kalonymos aus Lucka. Dieser, ein berühmter Gelehrter und vorzüglicher liturgischer Dichter, - die von ihm verfassten Hymnen werden noch heute in der Synagoge gelesen und bilden eine Zierde der Liturgie des Versöhnungstages – war der Zeit nach der dritte Rabbiner von Mainz; denn als die Juden anfingen sich in Deutschland anzusiedeln, waren die ersten Ansiedler Kaufleute und nicht Schriftgelehrte. Als nun die israelitische Gemeinde in Mainz an Zahl und Wohlhabenheit zunahm, da wandte sie sich an Kaiser Karl den Großen, und bat ihn, ihr von seinem Römerzuge einen Rabbinen aus Italien mitzubringen. Kaiser Karl willfahrte dem Gesuche und brachte aus Lucka den Rabbi Moses, den Alten, mit. Aber dieser starb bald, und das Gesuch wurde von der Gemeinde erneuert; da brachte er Kaiser den Sohn des Verstorbenen, Rabbi Kalonymos aus Lucka mit; der war der zweite Rabbiner aus Mainz; ihm folgte im Amte sein Sohn Rabbi Meschullam, derselbe, dessen Leichenstein ich hier gefunden habe. Da Kaiser Karl von 769 bis 814 regierte, so ist anzunehmen, dass der in Rede stehende Leichenstein um die Mitte des neunten Jahrhunderts gesetzt wurde, dass also der Friedhof viel älter als ein Jahrtausend ist, denn dieser Stein wird doch nicht gerade der älteste sein. Von den anderen Leichensteinen war der älteste, der eine Jahreszahl trug, aus dem Jahre 4861 anno mundi, das ist 1101 der gewöhnlichen Zeitrechnung. Auf dem Friedhofe selbst finden sich keine sehr alten Steine, deren Inschrift noch leserlich wäre. Dagegen wurde im Jahre 1863 oberhalb des Friedhofs, als die Nicolai'sche Villa gebaut wurde, einige Steine ausgegraben, welche die Jahreszahlen 5021, 5023 und 5024 (1261, 1263 und 1264) trugen, also gerade ein Alter von sechshundert Jahren hatten. Mit diesen Leichensteinen wurden Gebeine und Schädel ausgegraben, die ich auf dem Friedhofe beisetzen ließ. - Es ist demnach anzunehmen, dass sich vor der Vertreibung durch Adolph von Nassau der israelitische Friedhof über den ganzen Abhang des Berges erstreckt hat; woher hätten sonst die vielen Zentner schweren Steine auf die Spitze des Berges kommen sollen?    
Mainz Israelit 01031876a.jpg (300430 Byte) Durch die vielen Belagerungen, die die Stadt Mainz zu erdulden hatte, sind die ganz alten Steine auf dem Friedhof fast alle zerstört und ist die Lage der Gräber der berühmten Männer des Mittelalters, an die israelitische Gemeinde zu Mainz so reich war, nicht mehr zu bestimmen. Nur ein Grab macht davon eine Ausnahme; es ist diese die Grabstätte Rabbi Simons, des Großen, der im Jahre 1096, kurz vor der Verfolgung durch die Kreuzfahrer, starb. Rabbi Simon war als Gelehrter und Dichter gleich bedeutend, nur eine von ihm verfasste Hymne für den zweiten Tag des Neujahrsfestes enthält eine merkwürdige Andeutung. Rabbi Simon hatte nämlich einen Sohn, Namens Elchanan, der als Kind gestohlen, getauft und als Geistlicher erzogen wurde; derselbe soll nochmals Papst geworden und dann, nachdem er seine Abstammung erfahren, zum Judentume zurückgekehrt sein. Was an der Sache Wahres, was Sage, lässt sich wohl nicht eruieren. Keinesfalls ist die Geschichte ganz aus der Luft gegriffen, da sich in Parma ein von einem Zeitgenossen geschriebenes israelitisches Gebetbuch befindet, welches als Note zu der erwähnten Hymne die Geschichte erzählt.
Unter Kurfürst Albrecht von Brandenburg, im Jahre 1525, also 105 Jahre nach ihrer Vertreibung, erhielten die Juden wieder die Erlaubnis, sich in Mainz niederzulassen. Sie nahmen sofort von dem alten Friedhofe wieder Besitz. 
Als im Anfange des Jahres 1689 Mainz von den Franzosen belagert wurde, konnte der Friedhof eine Zeit lang nicht erreicht werden; die Leichen wurden unterdess im Synagogenhofe bestattet, bis der Friedhof am 1. Schebat (Februar) wieder frei wurde. Der Tag wurde von der Beerdigungsbrüderschaft als ein Freudentag eingesetzt und wird noch jetzt als ein solcher alljährlich durch ein Festessen von derselben gefeiert. Dieselbe Brüderschaft hat auch vor einigen Jahren zwei halbverfallene Leichensteine durch neue ersetzen lassen. Der eine war der des Rabbi Juda Löb Enosch, eines als Talmudist wie als Arzt gleich ausgezeichneten Mannes; als er starb, geleitete ihn die ganze Universität zu Grabe; der andere war der des Rabbi Mische Charif, das heißt, der Scharfsinnige. Beide hatten im vorigen Jahrhundert als Rabbinen in Mainz fungiert.
Schon einmal ist, im Anfange dieses Jahrhunderts, der alte Friedhof geschlossen worden. Das war geschehen, als Mainz dem Reiche Napoleon angehörte. Der kaiserliche Präfekt hatte – aus Laune – es so angeordnet und einen anderen Platz anweisen lassen; die Gemeinde war darüber in große Betrübnis versetzt. Der damalige Rabbiner, Rabbi Herz Scheurer, einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten seiner Zeit, wandte sich an den Bischof Kolmar von Mainz und bat ihn um eine Fürsprache beim Kaiser. Bischof Kolmar, ein ebenso toleranter wie feingebildeter Mann, dessen große Herzensgüte in Mainz noch unvergessen ist, willfahrte dem Rabbinen, und brachte an der kaiserlichen Tafel dessen Bitte vor. Napoleon wandte sich an den Präfekten und sagte: Laissez aller! (Lasst gehen!). Der Bischof aber sandte augenblicklich einen Boten an den Rabbinen, und diese Freudenbotschaft erregte den größten Jubel in der Gemeinde. Der alte Friedhof war gerettet und noch in derselben Nacht wurden die unterdes auf dem neuen beigesetzten Leichen ausgegraben und neben den Gräbern ihrer Eltern und Verwandten bestattet.
Ein gleiches dürfe wir wohl jetzt kaum erwarten. Es ist diesmal keine Präfektenlaune, die den Friedhof schließt; trotzdem wird es wohl niemand den Israeliten übel nehmen, wenn sie mit Wehmut an den Augenblick denken, da ihnen eine durch so hohes Altertum geheiligte Stätte abgeschlossen wird. Die Aufgabe des Vorstandes der israelitischen Gemeinde wird es sein, dafür Sorge zu tragen, dass der Friedhof, der ihr Eigentum ist, in seiner Integrität erhalten bleibe."    " 

   
Klärung von Fragen zur Anlage eines neuen Friedhofes (1876)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Dezember 1876:  "Mainz, 3. Dezember (1876). Der Vorstand der israelitischen Gemeinde dahier hatte auf heute Vormittag circa 70 Gemeinde-Mitglieder zu einer Beratung wegen der hier schwebenden Friedhofs-Lage eingeladen.
Wie unsere geehrten Leser wissen, muss der alte, etwa 1500 Jahre zählende Friedhof in Folge der Stadterweiterung geschlossen werden; alle Proteste des Vorstandes blieben erfolglos, da das Gesetz die Schließung verlangte. Da der städtische Friedhof ein sogenannter Kommunalfriedhof ist, so bot die Stadtgemeinde die Benützung desselben in zuvorkommender Weise an: der Vorstand aber lehnte das freundliche Anerbieten dankbar ab und bestand auf den Erwerb eines eigenen Friedhofs, für welchen die Stadt unter sehr günstigen Bedingungen Gelände in einer Entfernung vom städtischen Friedhof angeboten hat.
Der Präses des Vorstandes, Herr Bankier Moritz Oppenheimer, eröffnete die Sitzung, setzte die Verhältnisse in längerer Rede auseinander, gab die Versicherung, dass der alte Friedhof stets unberührt bleiben und niemals aufhören solle, Eigentum der Gemeinde zu sein. Dann legte Herr O. den Situationsplan des neuen Friedhofs vor.
Der Herausgeber dieser Blätter nahm Anlass, dem Vorstande für die Art und Weise, in welcher er bei dieser Angelegenheit verfahren, seinen Dank und den Dank seiner Gesinnungsgenossen auszusprechen.
Nachdem von verschiedenen Seiten noch über manches Informationen verlangt und gegeben wurden, entwickelte sich keine eigentliche Debatte. Alle waren vielmehr darin einig, dass der Vorstand die Sache zu voller Zufriedenheit der gesamten Gemeinde und der verschiedenen religiösen Richtungen behandelt, und so wurde einstimmig der Beschluss gefasst, dass der Vorstand ermächtigt werde, die Angelegenheit in der vorgelegten Weise zum Abschluss zu bringen." 

   
Die jüdische Gemeinde wartet auf die Genehmigung des Baus eines Friedhofsgebäudes am neuen Friedhof (1879)     

Mainz Israelit 30071879.jpg (65112 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Juli 1879:  "Mainz, 14. Juli. Der bisherige, an der Mombacher Straße gelegene Friedhof der hiesigen israelitischen Gemeinde, dessen Terrain in Folge der Stadterweiterung in den inneren Stadtbezirk einbezogen worden ist, hätte nach der desfallsigen Bestimmung unserer städtischen Verwaltung mit dem 1. Juli jüngsthin geschlossen werden sollen. Diese in den bestehenden Gesetzen begründete Bestimmung konnte jedoch bislang noch nicht zur Ausführung gelangen, weil seitens des Kriegsministeriums in Berlin, an welche sich die hiesige israelitische Gemeinde wegen des Baues eines Hauses, sowie zur Herstellung einer freien Einfriedung des im Festungsrayon gelegenen Platzes vor längerer Zeit gewendet hat, die zur Ausführung dieser baulichen Anlagen nötige Genehmigung noch nicht hier eingetroffen ist."    

 
Am neuen jüdischen Friedhof darf die Religionsgemeinde ein Friedhofsgebäude erstellen (1879)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. August 1879: "Mainz, 28. Juli (1879). Das Kriegsministerium zu Berlin hat nunmehr der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde gestattet, dass an dem neu zu errichtenden israelitischen Friedhof ein massives Haus erbaut werden darf. Die Bauten werden alsbald in Angriff genommen, und sobald diese vollendet sind, wird der bisherige alte israelitische Friedhof innerhalb der Neustadt für immer geschlossen werden."     

 
Über den neuen israelitischen Friedhof anlässlich der Beisetzung eines armen Durchreisenden (1881)      

Mainz Israelit 26011881.jpg (107737 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Januar 1881: "Mainz, 17. Jan. Heute wurde auf dem neueröffneten israelitischen Friedhofe unter den entsprechenden Feierlichkeiten die Leiche eines armen Durchreisenden aus der bayrischen Pfalz, der hier erkrankte und in dem hiesigen Hospital verstarb, zur Erde bestattet.
Der alte Friedhof, welcher seit länger als 1500 Jahren der altehrwürdigen israelitischen Gemeinde zu Mainz als Begräbnisstätte diente, musste geschlossen werden, weil er durch die Stadterweiterung innerhalb der Neustadt liegt. Auf demselben ruhen die Leichen vieler großer Männer, die in den Zeiten des Mittelalters und später die israelitische Gemeinde zu Mainz zu einer der hervorragendsten und berühmtesten machten. - Der alte Friedhof ist Eigentum der Gemeinde und bleibt unberührt.
Der neue Friedhof liegt in der Nähe der christlichen Begräbnisstätte, oder vielmehr des Kommunal-Friedhofes. Nicht weit davon erblickt man die alten Römersteine, die Überreste der römischen Wasserleitung, welche die weltbeherrschende Roma vor mehr als 1800 Jahren hier errichten ließ, zur Zeit als Moguntiacum (Mainz) eine römische Stadt war. Die mächtigen Trümmer dieses altrömischen Bauwerkes blicken nunmehr auf den israelitischen Friedhof hernieder. Die römische Weltherrschaft ist längst zerfallen; aber das kleine, so oft und hart von ihr bedrängte Juda lebt, blüht und gedeiht und harrt der verheißenen großen Zukunft entgegen."      

 
Weitere Funde mittelalterlicher Grabsteine (1884)    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. November 1884: "Mainz, 13. November. In der ehemaligen Brandmühlgasse wurden auf einem Bauplatze bei Bloßlegung der alten Umwallungsmauer wiederum alte Grabsteine mit hebräischer Inschrift aufgefunden. Der eine stammt aus dem Jahre 1284, ist also genau 600 Jahre alt; der andere – sehr gut erhalten und sorgfältig bearbeitet – ist vom 14. Kislew 5179 (November 1419) datiert; von dem dritten sind nur Bruchstücke da mit einzelnen Buchstaben, deren Zusammenhang nicht erkennbar ist."      
      
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. November 1884: "Mainz, 13. November 1(1884). Bei Gelegenheit der Röhrenlegung für die Wasserleitung wurden in der oberen Rheinstraße einige alte Leichensteine mit hebräischer Inschrift zu Tage gefördert. Es geschah dies in derselben Gegend, wo im Jahre 1858 bei Erbauung des Lokomotivenhauses der Hessischen Ludwigsbahn mehr als 100 solcher Leichensteine gefunden wurden. Dieselben waren nach der Vertreibung der Juden von Mainz im Jahre 1420 von dem alten Friedhofe geholt und zu Festungsbauten benutzt worden. Die heute zu Tage geförderten Steine stammen meistens aus dem 13. Jahrhundert; der eine trägt die Jahreszahl 4972 nach Erschaffung der Welt, d.i. 1212 nach der gewöhnlichen Zeitrechnung; der andere stammt aus dem Jahre 4988 (1228); der dritte ist datiert vom Jahre 5003 (1243). Ein vierter Stein jedoch ist bedeutend älter als die anderen; er trägt die Inschrift: 'Hier ruht die Frau des Rabbi Moscheh, des Weisen, die da verschied im Jahre 4706 (946) im dritten Monat.' Schon durch sein Aussehen bekundet dieser Stein sein höheres Alter; er ist nur wenig behauen und geglättet; auch ist die Schrift in nicht eben kunstvoller Weise eingegraben. Der Stein ist insofern merkwürdig, weil es in uralter Zeit nicht Sitte war, eine Jahreszahl auf die Leichensteine zu setzen. Von den im Jahre 1858 aufgefundenen war der älteste mit Jahreszahl vom Jahre 4861 (1101) dat9iert, während unter denen ohne Jahreszahl sich von einem Steine anderweitig feststellen ließ, dass er aus dem neunten Jahrhundert stammte. Es ist dies der Leichenstein des Mainzer Rabbiners Meschullam, Sohn des Rabbi Kalonimos aus Lucka. Dieser Rabbi Kalonimos war auf Wunsch der Mainzer Israelitengemeinde von Kaiser Karl dem Großen, von Italien mit nach Deutschland gebracht worden. - Man scheint also erst im zehnten Jahrhundert angefangen zu haben, den Todestag auf den Leichensteinen zu verzeichnen."         

       
Schändung des alten Friedhofes (1885)          

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 13. Oktober 1885: "Mainz, 29. Sept. In der Nacht vom 26. dieses (Monats) wurden auf dem alten israelitischen Friedhofe ca. 16 Grabsteine umgestürzt und größtenteils zerschlagen. Bis jetzt hat man eine Spur der Täter noch nicht. (In der letzten Zeit sind solche Freveltaten an mehreren Orten geschehen, und geben Zeugnis von der unter dem hierländischen Volke um sich greifenden Rohheit. Einerseits gehört dazu die Vereinigung mehrerer Übeltäter, und hat die dazu nötige Arbeit gar keinen Nutzen für die Verbrecher; andererseits ist solches Gebaren die Frucht einer Pietätlosigkeit, die nicht einmal die Ruhestätte der Toten zu verletzen scheut. Eigentümlich ist es, dass bis jetzt an keinem der bezüglichen Orte die Täter ermittelt worden, trotzdem die Vorsteher der jüdischen Gemeinden bedeutende Summen auf die Entdeckung der Bösewichter ausgeschrieben.)"    

  
Ein Streit zwischen der israelitischen Religionsgemeinde und der Stadt um den Friedhof wurde gerichtlich entschieden (1886)  
Anmerkung: nachfolgende Abschnitte sind identisch; vermutlich falsch wird im Artikel der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" statt "Religionsgesellschaft" statt "Religionsgemeinde" geschrieben.    

Mainz Israelit 29111886.jpg (61695 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. November 1886: "Mainz, 19. November (1886). Die israelitische Religionsgemeinde hatte gegen die Stadt Mainz Klage erhoben, weil sie der Meinung war, durch die in Folge der Stadterweiterung an der Mombacher Straße vorgenommenen Arbeiten längs des alten israelitischen Friedhofes an Besitz und Eigentum geschädigt zu sein. Nachdem der Prozess lange schwebte, hat nunmehr das Landgericht die Forderungen der Klägerin zum Teil für unbegründet erklärt und der Stadt aufgegeben, die Umfassungsmauer des Friedhofes und die Böschung entsprechend zu erhöhen, ferner der Klägerin 250 M. Entschädigung zu zahlen. Weitere Forderungen der israelitischen Religionsgemeinde wurden abgewiesen, die 3/5 der Kosten trägt, während die Stadt Mainz 2/5 zu tragen hat.   
 
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 7. Dezember 1886: "Mainz, 19. November. Die israelitische Religionsgesellschaft hatte gegen die Stadt Mainz Klage erhoben, weil sie der Meinung war, durch die in Folge der Stadterweiterung an der Mombacher Straße vorgenommenen Arbeiten längs des alten israelitischen Friedhofes an Besitz und Eigentum geschädigt zu sein. Nachdem der Prozess lange schwebte, hat nunmehr das Landgericht die Forderungen der Klägerin zum Teil für unbegründet erklärt und der Stadt aufgegeben, die Umfassungsmauer des Friedhofes und die Böschung entsprechend zu erhöhen, ferner der Klägerin 250 M. Entschädigung zu zahlen. Weitere Forderungen der israelitischen Religionsgesellschaft wurden abgewiesen, die 3/5 der Kosten trägt, während die Stadt Mainz 2/5 zu tragen hat." 

 
Hinter Zahlbach wurde ein mittelalterlicher jüdischer Grabstein entdeckt (1887)     

Mainz Israelit 22091887.jpg (150359 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. September 1887:  "Mainz, 15. September. Es wurde mir mitgeteilt, dass hinter Zahlbach, einem Dorfe in nächster Nähe von Mainz als Übergang über den Bach ein Stein diene, welcher eine hebräische Inschrift trage. Sofort begab ich mich dorthin und konnte nunmehr folgende Inschrift lesen:
(hebräisch mit deutscher Übersetzung:) 'Gedächtnis der Frau Belet, Tochter des Rabbi Jakob; sie verschied am 2.Elul des Jahres 566; ihre Seele sei im Paradiese'. 
Der Stein lässt auf den ersten Blick erkennen, dass er sehr alt ist; er ist schlecht behauen und auf der Oberfläche nur notdürftig geglättet; die Schrift ist eingegraben. Die Form der Buchstaben, die Abfassung der Inschrift und namentlich der seit vielen Jahrhunderten nicht mehr gebräuchliche Name Belet – alles das weist auf ein sehr hohes Alter hin. Die auf dem Stein angegebene Jahreszahl kann also nur dem fünften Jahrtausend der jüdischen Zeitrechnung angehören und entspricht daher dem Jahre 806 der gewöhnlichen Zeitrechnung. Maharil, der berühmte Rabbiner von Mainz, welcher im Jahre 1420 mit seiner ganzen Gemeinde aus Mainz vertrieben wurde – er starb 1427 zu Worms und wurde auch dort begraben – erzählt, dass er auf dem alten Friedhofe zu Mainz einen Leichenstein vorgefunden, welcher damals elfhundert Jahre alt gewesen sei. Nach der erwähnten Vertreibung der Juden aus Mainz wurden die Leichensteine des Friedhofs vielfach als Baumaterial benützt. Auch der seit ungefähr einem Jahre als Übergang über den Bach dienende Stein ist wahrscheinlich bis vor kurzem in einem alten Gemäuer eingemauert gewesen. Sollte eine genauere Prüfung die oben mitgeteilte Inschrift bestätigen, so ist dieser Stein der älteste jüdische Grabstein, der überhaupt existiert. Bisher galt dafür ein Grabstein aus dem israelitischen Friedhofe in Worms, welcher die Jahreszahl 660 (das ist 4660 nach Erschaffung der Zeit, gleich 900 der gewöhnlichen Zeitrechnung) trägt. Nach dem Mitgeteilten ist demnach der hier aufgefundene Gedenksteine um 94 Jahre älter. - Bereits sind Schritte geschehen, um dies ehrwürdige Denkmal einer längst vergangenen Zeit seiner jetzigen profanen Bestimmung zu entreißen und es der Nachwelt zu erhalten".      
  
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 13. Oktober 1887: "Bonn, 6. Oktober (1871). (Historische Notiz.) Wenn man bis jetzt als den ältesten jüdischen Grabstein in Deutschland einen solchen auf dem jüdischen Friedhof in Worms gehalten, welcher die Jahreszahl 4660 nach der Schöpfung der Welt d. i. 900 nach der gewöhnlichen Zeitrechnung, trägt, so ist jetzt durch einen Zufall ein älterer in Mainz entdeckt worden. Bei Zahlbach, einem Dorfe in der nächsten Nähe von Mainz, bemerkte man wie der 'Israelit' berichtet, einen als Übergang über einen Bach dienenden Stein mit hebräischen Schriftzeichen. Nach Säuberung desselben stellte der Herr Rabbiner Dr. M. Lehmann Inschrift und Jahreszahl fest, wonach derselbe aus dem Jahre 4566 a. M = 806 n. herrührt. Der Stein ist in der städtische Museum geschafft worden und wird noch einer näheren Prüfung unterzogen."   

     
Schändung des jüdischen Friedhofes (1895)     

Mainz Israelit 24061895.jpg (40774 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Juni 1895: "Mainz, 18. Juni (1895). Ein Akt grober Brutalität wurde in der verflossenen Nacht hier verübt. Auf dem an der Mombacher Straße gelegenen israelitischen Friedhofe, der durch die Stadterweiterung nicht mehr zu Beerdigungen verwendet wird, wurde in der verflossenen Nacht von unbekannten Personen, die die Einfriedung überstiegen hatten, eine Anzahl wertvoller Grabsteine umgestoßen und teilweise zertrümmert."    

 
Weitere mittelalterliche Grabsteine wurden gefunden (1896)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. September 1896: "Mainz, 4. Tischri (= 11. September 1896). Auf dem hiesigen, jüdischen Friedhofe wurden durch Nachgrabungen wiederum eine Reihe uralter jüdischer Grabsteine gefunden. Einer derselben soll nach Ansicht der Gelehrten derjenige Amram's, Verfasser des Unessane Taukef sein. Wir werden auf den interessanten Fund später noch zurückkommen."     

 
Gemälde des israelitischen Friedhofes von Gregor Schwenzer (1897)       

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Oktober 1897: "Mainz, 5. Oktober. (Der Mainzer israelitische Friedhofe im Bilde.) Der seit einiger Zeit hier ansässige Maler-Radierer Gregor Schwenzer, ein junger aufstrebender Künstler, hat den alten baumbeschatteten israelitischen Friedhofe in einer Radierung wiedergegeben. Es liegt Stimmung und Poesie in dem Wertchen, das Schwenzer nach eingehenden Studien geschaffen hat. Vor allem ist es ihm geglückt, den unendlichen Zauber, der auf diesem historischen Erdenwinkel mit den zum Himmel ragenden Baumriesen und den stillen Gräbern ruht, festzuhalten. Die Radierung gelangt demnächst in der Buchhandlung von Zabern hier zur Ausstellung."   
vgl. Abbildung im Artikel unten von 1902.  

 
Über den alten israelitischen Friedhof (1902)     

Mainz Israelit 07081902.jpg (192072 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. August 1902:     
 "Der alte israelitische Friedhof in Mainz. Nordwestlich von Mainz, am Fuße des 'Cavalier Judensand', dort, wo die Sandflächen der Gonsenheimer und Mombacher Gemarkung zum Rheinstrom hin ablaufen, liegt heute noch der alte, früher 'Judensand' genannte Friedhof der altehrwürdigen, jüdischen Gemeinde. Seit vielen Jahrhunderten wurden ihre Mitglieder hier bestattet, bis er der Stadterweiterung wegen am 31. Dezember 1880 geschlossen wurde. Keiner seiner Leichensteine bezeugt ihm ein höheres Alter, als etwa 250 Jahre. Aber unter den heute sichtbaren Gräbern liegen wahrscheinlich andere aus früheren Zeiten, denn zur Gewinnung neuer Grabstätten hat man wohl auch hier, wie dies an anderen Orten geschah, das belegte Terrain mit neuer Erde aufgeschüttet. Dies vermuten wir nur für die Zeit von 1440 bis 1650. Denn für die früheren Jahrhunderte wissen wir genau, dass die Grabstätten sich hier und in dem benachbarten Boden befanden, und dass der Friedhof sich weiter nach Mombach ausdehnte. Diese Ansicht vertraten bereits Schaab in seiner 'Diplomatischen Geschichte der Juden in Mainz und dessen Umgebung', S. 35ff. (sc. erschien 1855; wurde 1969 nachgedruckt) (danach Carmoly, 'Die Juden zu Mainz im Ma.' im 'Israelit' VI, 563) und der verewigte Redakteur dieser Blätter, Dr. Lehmann seligen Andenkens, im 'Israelit' III, 150. 1895 wurde diese Ansicht dadurch bestätigt, dass man beim Bau einer Abschlussmauer auf eine Anzahl von Grabsteinen aus dem Anfange des 13. Jahrhundert stieß, von denen drei nebeneinander liegende aus den Jahren 1263 bis 1264 stammten, woraus es sich ergibt, dass sie ursprünglich hier gesetzt sind. Frühere Funde bestätigen die Ausdehnung nach der Höhe zu, bis zu den Abhängen des Hardenberges.
Auf diesem Gebiete begruben nicht nur die Mainzer, sondern auch die Rheingauer Israeliten ihre Toten, wie verschiedene Urkunden beweisen. Die Einschränkung auf das heutige Areal fand wohl im Anfange des 16. Jahrhunderts unter dem Erzbischof Albrecht von Brandenburg statt (s. auch Lehmann a.a.O.).  
Das hohe Alter des Friedhofes setzt schon der Maharil (gest. 1427) voraus, in dem er von einem Mainzer Leichenstein behauptet, er sei 1100 Jahre alt (Ritualien ed. Sabionetta f. 112 b), was mit Recht bezweifelt wurde. Sicher aber ist, dass auf diesem Friedhofe die hervorragenden Gesetzeslehrer und synagogalen Dichter der Mainzer Gemeinde ihre letzte Ruhestätte gefunden und in Frieden geschlummert haben, bis 1438 der Fanatismus den Begräbnisplatz demolierte und ihn seiner Denkmäler beraubte. Diese Brutalität geißelt der Erzbischof Dieterich von Erbach, der in einer die Vertreibung der Juden aus Mainz betreffenden Ansprache Bürgermeister und Rat scharf tadelt, 'dass sie die Judensteine ausgebrochen, den Friedhof zu einem Weinberg gemacht und die Grabmäler zu einem großen trefflichen Bau am Rhein verwendet hätten.' Zahlreiche Urkunden vom 13. Jahrhundert an bis auf unsere Zeit sprechen von dem 'Judensand', den einst ein hochherziges Ehepaar, Salomo und Rahel, nach Mitteilung dieser Memorbücher für die Mainzer Gemeinde angekauft hat: (hebräisch und deutsch:) 'Gott möge Gedenken der Seele R. Salomo's und seiner Frau Rahel …., weil sie den Friedhof in Mainz gekauft haben.' (Hierdurch ist auch beweisen, dass das Grundstück stets jüdisches Eigentum war und nicht, wie Schaab deduziert, dem Fiskus gehört hat.)
Wiederholt tobten bei und auf dieser geheiligten Stätte die Stürme des Krieges, und das Haus auf dem Judensand ging nicht nur 1462, als es die Anhänger Adolfs II. von Nassau als verabredetes Zeichen zum Rheinübergang in Brand gesteckt hatten, sondern auch 1784, bei der Belagerung der Stadt in Flammen auf. Unter französischer Regierung ward nach einem Beschlusse des Präfekten Jean Bon St. André der Begräbnisplatz 1803 geschlossen, weil die Juden den allgemeinen bürgerlichen Friedhof benutzen sollten. Bischof Colmar erwirkte aber bei Napoleon, der 1804 in Mainz war, die Aufhebung dieses Beschlusses. Über 100 Leichen wurden über Nachtzeit exhumiert und auf unserem alten Gräberfeld beigesetzt, wie dies ein Stein daselbst bezeugt.
Im Jahre 1866 flogen am Erev Tischah be-Av viele Bomben und Granaten, die die in Nassau eingezogenen Preußen über den Rhein sandten, in unseren Friedhof und demolierten die Steine. Als am darauffolgenden Tischah be-Av dennoch einige mutige Männer, wie alljährlich, sich auf den Friedhof begeben wollten, hörten sie zu ihrer Freude unterwegs, dass der Friede bereits unterzeichnet war.
Das gesamte in Mainz gefundene Grabsteinmaterial, das in beredter Sprache von einer ruhmreichen Vergangenheit und einer wechselvollen Geschichte erzählt, ist von Dr. Salfeld in dem unten zitierten Werke, in dem Sonderabdruck 'Der alte israelitische Friedhof in Mainz und die hebräischen Inschriften des Mainzer Museums' (Berlin 1898) und in der 'Hebräischen Bibliographie', Januar-Februar 1902, zusammengestellt und beschrieben worden. Aus diesen Arbeiten erfahren wir, dass der älteste Leichenstein aus dem Jahre 1080 nach der üblichen Zeitrechnung stammt, wir erhalten Aufschluss über wichtige geschichtliche Ereignisse, z. B. Über eine bisher unbekannte Verfolgung von 1281 u. a. und gewinnen für das Lebensbild dieses und jenes Rabbiners, Gelehrten, Dichters und Gemeindebeamten schätzenswerte biographische Notizen.*)
*) Nach Salfeld, 'Das Martyrologium des Nürnberger Memorbuches (Berlin 1898) s. 426 ff."  

 
Überlegungen zur Aufstellung mittelalterlicher Grabsteine (1903)    

Mainz Israelit 30111903f.jpg (70180 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. November 1903:  "Mainz, 27. Nov. Während der Zeit, da in hiesiger Stadt keine Juden wohnen durften, kam es vielfach vor, dass das Volk die Steine des herrenlos daliegenden jüdischen Friedhofes fortschleppte und zu verschiedenen Bauzwecken innerhalb der Stadt verwendete. Im Laufe der Zeit, als die alten Häuser am Abbruch verfielen, fand man die Grabsteine wieder und sammelte dieselben im hiesigen Museum. Nunmehr beabsichtigt der hiesige Altertumsverein, alle jüdischen Grabsteine im Vorhof eines an der Rheinstraße gelegenen mittelalterlichen Turmes geschmackvoll zu gruppieren und so der Besichtigung des Publikums besser zugänglich zu machen."   

  
Entzifferung mittelalterlicher Grabsteine durch Prof. Dr. Salfeld (1924)    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. November 1924: "Historische Funde in Mainz.
Grabsteine berühmter Rabbis des frühen Mittelalters. 

Alte Grabsteine mit hebräischen Inschriften sind im Jahre 1922 in Mainz gefunden worden. Sie sind nunmehr in langer mühsamer Arbeit durch den um die Erforschung der Geschichte der Juden am Rhein, hochverdienten Professor Dr. Siegmund Salfeld - Mainz, entziffert worden. Die Steine vermehrten in bedeutender Weise das zahlreiche Material, das bereits um die Mitte des vorigen Jahrhunderts auf den klassischen Boden der alten Moguntia gehoben worden ist. Fast 150 Steine und viele Bruchstücke bewahrt heute der Vorhof des Mainzer sogenannten 'Eisernen Turms'  an der Rheinstraße, das städtische Museum und der alte seit 1878 geschlossene jüdische Friedhof an der Mombacher Straße. Selten ist ein Fund bedeutender, als der im Jahre 1922 in der alten Mainzer Stadtbefestigung entdeckte. Dieser Fund ist nicht nur in literar-historischer, sondern auch in paläographischer Hinsicht für die Entwicklung der hebräischen Schriftcharaktere von Wichtigkeit. Der wahrscheinlich älteste Stein lässt seinen besonders alten Ursprung daran erkennen, dass die Buchstabenreste zwischen den eingeritzten Linien sich vorfinden, demnach spätestens dem 10. oder 11. Jahrhundert angehören muss. Ein weiterer Stein verewigt den Rabbi Simon, Sohn des Jsak (1020), den Mitrabbiner der größten Autorität des Deutschen Judentums, Rabbi Gerschoms. Simon war Vorbeter und zugleich synagogaler Dichter, dessen Hymnen noch heute am Neujahrsfeste in den Synagogen erklingen. Sein Sohn Elchanan machte die jüdische Sage zum Papste. Von hervorragender literarischer Bedeutung ist ein dritter Stein aus dem Jahre 1064 vom Grabe des ältesten Lehrers Raschis, des Rabbi Jacob ben Jakar. Bei ihm hat dieser volkstümlichste Bibel- und Talmud-Kommentator in Mainz und Worms studiert. Im Todesjahre seines Lehrers kehrte Raschi nach seiner Heimatstadt Troyes in der Champagne zurück. Ein Amtsbruder des R' Jakob ben Jakar war Elieser der Große, dessen Witwe ein weiterer Stein verewigt. Für Frankfurt dürfte es von Interesse sein, dass Stein Nr. 10 für den Gelehrten Meir aus Nordhausen errichtet wurde. Es gehörte der Rabbinerfamilie an, von der ein Mitglied von 1380 bis 1392 als Frankfurter Rabbiner amtierte. (vergleiche Dr. Alexander Dietz Stammbuch der Frankfurter Juden.) Der verdienstvolle Entzifferer der Steine, Herr Prof. Salfeld, wird in der gegen Ende dieses Jahres erscheinenden wissenschaftlichen 'Mainzer Zeitschrift' (Heft 17-18, 1922 23) die Inschriften einer eingehenden, fachgemäßen Würdigung unterziehen und darin einige Steine im Bilde vorführen.  O.L."   

  
  
  
Einzelne Presseberichte 

August/ September 2007: In Mainz wurden Ende August bei Bauarbeiten für sieben Stadtvillen Gebeine sowie 26 mittelalterliche jüdische Grabsteine gefunden 
Mainz PA 200702.jpg (148979 Byte)Erster Artikel Ende August zum Fund jüdischer Grabsteine im Bereich der Fritz-Kohl-Straße 24.

Weiterer Presseartikel vom 6.9.2007: Jüdische Grabfunde: Rabbiner wollen Londoner Zentrale konsultieren
Die Entscheidung über die Zukunft der jüdischen Grabfunde in Mainz verzögert sich. Ein Vertreter der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland ließ sich am Donnerstag die Funde am Fundort zeigen. Danach habe der Rabbiner mitgeteilt, sich vor einer Aussage zum weiteren Vorgehen bei einer Londoner Zentralstelle rückversichern zu wollen, sagte ein Sprecher der Stadt Mainz auf ddp-Anfrage. Die Rabbinerkonferenz wolle dann in einem Schreiben ihre Entscheidung zum Umgang mit den Funden bekannt geben. Das werde innerhalb der kommenden 14 Tage der Fall sein. Zu welcher Lösung die Rabbinerkonferenz neigt, ist derzeit noch völlig offen.
 
Mainz (ddp-rps). Die Entscheidung über die Zukunft der jüdischen Grabfunde in Mainz verzögert sich. Ein Vertreter der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland ließ sich am Donnerstag die Funde am Fundort zeigen. Danach habe der Rabbiner mitgeteilt, sich vor einer Aussage zum weiteren Vorgehen bei einer Londoner Zentralstelle rückversichern zu wollen, sagte ein Sprecher der Stadt Mainz auf ddp-Anfrage. Die Rabbinerkonferenz wolle dann in einem Schreiben ihre Entscheidung zum Umgang mit den Funden bekannt geben. Das werde innerhalb der kommenden 14 Tage der Fall sein. Zu welcher Lösung die Rabbinerkonferenz neigt, ist derzeit noch völlig offen. In Mainz waren Ende August bei Bauarbeiten für sieben Stadtvillen Gebeine sowie 26 jüdische Grabsteine gefunden worden, die wahrscheinlich aus dem 9. oder 10. Jahrhundert stammen. Nach dem jüdischen Religionsgesetz, der Halacha, dürfen aber jüdische Gräber nicht angetastet werden, um die Totenruhe nicht zu stören. Der Fundort gehörte wahrscheinlich einmal zu einem jüdischen Friedhof, wurde aber im 15. Jahrhundert enteignet und umgepflügt. Der Rabbiner habe ein Schreiben der Stadtverwaltung erbeten, in dem sämtliche Optionen für das weitere Vorgehen beschrieben würden, sagte der Sprecher weiter. Die denkbaren Varianten reichten von der völligen Einstellung der Bauarbeiten bis hin zu einer Betonabdeckung für die Gräber, über die dann weiter gebaut werden könne. Denkbar sei auch, nur einen Teil des Geländes zu bebauen. Der Sprecher betonte weiter, die Stadt versuche, «in beiderseitigem Einvernehmen» eine Lösung zu finden. Die Rabbiner hätten das Verhalten der Stadt als «musterhaft» gelobt. Die Stadt Mainz hatte nach Bekannt werden der Funde unverzüglich einen Baustopp verhängt. Das Gelände wird von Sicherheitsleuten bewacht. ddp/gik/uge. 

      
Fotos des Gebäudes Fritz-Kohl-Straße 24 
im Sommer 2010 - auf dem Grundstück
 wurden drei Jahre zuvor die 
Grabsteine gefunden
Mainz Friedhof a462.jpg (92119 Byte) Mainz Friedhof a461.jpg (92723 Byte)
    Gebäude Fritz-Kohl-Straße 24  Blick vom Grundstück zum Friedhof 
oberhalb der Mombacher Straße
  
     
Frühjahr 2010: Die Ergebnisse der Forschungen werden präsentiert

Artikel von Nicole Weisheit-Zenz: Tod und Trauer im Judentum. In: Allgemeine Zeitung (Region Mainz) vom 17.5.2010: 
Inhalt: Judensand. Mainzer Professor Dr. Andreas Lehnardt präsentiert Forschungsergebnisse auf internationaler Konferenz in Tel Aviv. Artikel als pdf-Datei einsehbar.    

Artikel von Anna Kröning: Das Rätsel um die jüdischen Grabsteine ist gelöst. Nach spektakulärem Fund in der Fritz-Kohl-Straße berichten Forscher von Erkenntnissen.  In: Mainzer Rhein-Zeitung vom 28.4.2010 (S. 17). Artikel als pdf-Datei einsehbar.    

 
September 2011: Hinweistafel an der Trauerhalle    
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung" vom 23. September 2011: "Zeugnis jüdischer Kultur
MAINZ. EINWEIHUNG Neue Hinweistafel informiert über Trauerhalle in Zahlbacher Straße
(dot). 'Die jüdische Gemeinde ist zu einem festen Bestandteil von Mainz geworden, und jeder soll wissen, was war und was ist.' Mit diesen Worten enthüllte Oberbürgermeister Jens Beutel gestern eine neue Hinweistafel, die über Geschichte und Planung der jüdischen Trauerhalle von Stadtbaumeister Eduard Kreyßig informiert. 
Die Stele in der Unteren Zahlbacher Straße ist im Rahmen der vor 19 Jahren ins Leben gerufenen Initiative 'Historisches Mainz' die 192. ihrer Art in der Domstadt. Vor der Trauerhalle hatten sich zahlreiche Menschen eingefunden, darunter die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mainz, Stella Schindler-Siegreich. Pate der vom ZDF gestifteten Informationstafel ist der Redaktionsleiter Kultur, Dr. Rolf Hartmann. Der OB überreichte ihm eine Stiftungsurkunde.
Auf der im Friedhofseingang befindlichen Tafel bekommt der Betrachter historische und auch architektonische Informationen. Die 2009 komplett renovierte Trauerhalle sei gemeinsam mit der Synagoge in Weisenau, den Grabsteinen auf dem alten und neuen jüdischen Friedhof eines der wenigen übrig geblieben Zeugnisse jüdischer Kultur in Mainz, so der OB weiter. Die Halle, im prachtvollen maurischen Stil mit weithin leuchtenden silbernen Kuppeln und dem goldenen Davidsstern, ist 130 Jahre alt. 1881 wurde das Gebäude dem Vorsteher der israelitischen Religionsgemeinschaft Mainz Moritz Oppenheim übergeben. 
Für die Renovierung hätten sich Bürger und Politiker gleichermaßen engagiert. Beutel dankte der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, beiden christlichen Kirchen und den Rotariern. Zahlreiche Briefe von emigrierten Mainzer Juden zeugten vom immensen Interesse an Halle und dem Friedhof, wo ihre Vorfahren begraben liegen. Die Renovierung der Trauerhalle und der Bau der neuen Synagoge in der Neustadt erfülle sie mit Stolz."    
Link: Zeugnis jüdischer Kultur (Allgemeine Zeitung, 23.09.2011).  
 
2013: Neue Publikation zur Geschichte des (neuen) Friedhofes     
Mainz Friedhof Lit 029.jpg (290291 Byte)Artikel von Rotraud Hock in der Rhein-Main-Presse am 22. März 2013: "Geschichten der Toten. Buchpräsentation. Mainzer Verein für Sozialgeschichte widmet sich jüdischen Biografien. 
Mainz. Es war ein langer Weg bis zur Restaurierung der Trauerhalle auf dem Neuen Jüdischen Friedhof an der Unteren Zahlbacher Strasse.... 
Zum weiteren Lesen des Artikels bitte Abbildung links anklicken.     

   
    

Links und Literatur 

Links

Website der Stadt Mainz 
Website der jüdischen Gemeinde in Mainz   
Zur Seite über die Synagogen in Mainz (interner Link) 
Mainz Grabstein mit Schnecke.jpg (98739 Byte)Fotos zum alten jüdischen Friedhof Mainz auch in der Website von Stefan Haas  
http://www.blitzlichtkabinett.de/lost-places/friedhofs-fotografie/friedhöfe-in-rlp-ii/
   
Hinweis: mit dem Foto links erreichte Stefan Haas im Februar 2015 den zweiten Platz bei einem Fotowettbewerb "Jüdisches Leben in Mainz" (Preisverleihung am 12. Februar 2015 im Jüdischen Gemeindezentrum in Mainz).  

Literatur: 

siehe die Zusammenstellung: Literatur zur Geschichte der Juden in Mainz, Rheinhessen und Rheinland-Pfalz (Stand: 27.3.2012, 
auch intern als pdf-Datei eingestellt)   
 Germania Judaica I, S. 174-223; II,2 S. 512-521; III,2 S. 786-831 (jeweils mit Lit.).
Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. 1971 Bd. II,7-46 (Lit.).
Juden in Mainz. Katalog zur Ausstellung der Stadt Mainz 1978 (Lit.). In einem 2. Band von 1979 Rückblick auf die Ausstellung.
Martin Hanauer: Die Schicksale der Märtyrer des Mainzer Judenfriedhofs im Mittelalter. S. 92-94.
Rolf Dörrlamm: Magenza. Die Geschichte des jüdischen Mainz, Festschrift zur Einweihung des neuen Verwaltungsgebäudes der Landes-Bausparkasse Rheinland-Pfalz, Mainz 1995. 
Tatjana Böttcher / Christina Ochs: Denkmal - denk mal. Der alte jüdische Friedhof in Magenza / Die "Neue Synagoge". In: SACHOR. Beiträge zur Jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz. Hrsg. von Matthias Molitor und Hans-Eberhard Berkemann in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz. Erschienen im Verlag Matthias Ess in Bad Kreuznach. 5. Jahrgang, Ausgabe 2/95 S. 48-56. Beitrag online zugänglich (pdf-Datei).   
Bernd A. Vest: Der alte jüdische Friedhof in Mainz, Mainz 2000. 
Klaus Cuno: Die ältesten jüdischen Grabsteine in den Rheinlanden (bis ca. 1100): onomastische Aspekte und die Traditionen der Epitaphgestaltung seit der Antike. Dissertation Trier 2010. Online zugänglich über http://ubt.opus.hbz-nrw.de/volltexte/2012/745/   
Zu den Grabinschriften in Mainz und Worms: S. 105-414.   
Renate Knigge-Tesche / Hedwig Brüchert (Hrsg.): Der neue jüdische Friedhof. Erschienen 2013 als Sonderheft der Mainzer Geschichtsblätter ISSN 1435-8026 beim Verein für Sozialgeschichte e.V. Mainz. Erhältlich für 19,00 € über den Verein für Sozialgeschichte e.V. Mainz oder über den Buchhandel.  Website www.sozialgeschichte-mainz.de   

        
         

                   
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Stand: 10. Januar 2016