Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


Eingangsseite

Aktuelle Informationen

Jahrestagungen von Alemannia Judaica

Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft

Jüdische Friedhöfe 

(Frühere und bestehende) Synagogen

Übersicht: Jüdische Kulturdenkmale in der Region

Bestehende jüdische Gemeinden in der Region

Jüdische Museen

FORSCHUNGS-
PROJEKTE

Literatur und Presseartikel

Adressliste

Digitale Postkarten

Links

 


zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"  
zurück zur Übersicht "Synagogen in Hessen"  
zur Übersicht "Synagogen im Kreis Darmstadt-Dieburg"  

Sickenhofen (Stadt Babenhausen, Kreis Darmstadt-Dieburg)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Aus dem jüdischen Gemeindeleben     
Zur Geschichte der Synagoge     
Fotos / Darstellungen
Links und Literatur   

     

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)

In Sickenhofen bestand eine jüdische Gemeinde bis in die 1930er-Jahre. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17./18. Jahrhunderts zurück. Erstmals werden um 1600 Juden am Ort genannt, darunter 1605 Abraham ben Elieser in Sickenhofen. Ihre Zahl nahm im Laufe des 17. Jahrhunderts zu, sodass die Ortsherren von Groschlag zu Dieburg 1688 verfügten, dass in Hergershausen und Sickenhofen nur noch eine geringe Zahl von jüdischen Einwohnern geduldet werden sollte. Tatsächlich kam es auch zu Ausweisungen von Juden, u.a. um 1712/15 zur Ausweisung des Aaron von Sickenhofen und des Moses zu Sickenhofen. 1732/33 werden vier jüdische Einwohner genannt (Mayer der Alte, Mayer der Jung, Aron und Hon), 1734-1735 dazu Liebmann und Manna. 

Die Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich im 19. Jahrhundert wie folgt: 1815 10 jüdische Familien, 1828 71 jüdische Einwohner, 1855 82, 1861 77 (15,2 % von insgesamt 507), 1880 79 (14,3 % von 536), 1900 33 (7,6 % von 436), 1910 23 (4,7 % von 485). Jüdische Familiennamen waren in Sickenhofen: Frank, Fuld, Oppenheimer, Rothschild, Ullmann, Kahn. Als Berufe werden in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts genannt: Metzger, Spezereikrämer, Handelsmann, Viehhändler, Ellenwarenhändler, Sattler, Uhrmacher, Lumpensammler, Federnhändler und Geflügelhändler.  

An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule, ein rituelles Bad und ein Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war im 19. Jahrhundert zeitweise ein Religionslehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter fungierte (siehe unten Ausschreibung von 1878). Als Lehrer werden genannt: Aaron Bonnheim (um 1865/66), Maier Reis (1867)Die jüdische Gemeinde gehörte zum Rabbinat Offenbach am Main (1924).
 
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Robert Frank und Siegmund Kahn.  
  
1925 wurden noch 14 jüdische Einwohner gezählt.   
 
1933 lebten noch acht jüdische Personen in Sickenhofen. Es handelte sich um die Familie Gustav Kahn (Viehhändler, Hauptstraße 57, mit Frau Hilde geb. May und den Söhnen Fritz und Walter) sowie Familie Friedrich Julius Frank (Metzger in der Hauptstraße 100 mit Frau Flora geb. Mane und den Kindern Erich Zeno und Kurt Isidor). Die Familie Kahn ist - nachdem Gustav Kahn viele Schikanen und beim Novemberpogrom 1938 schwerste Misshandlungen in Babenhausen zu erleiden hatten - 1939 nach Frankfurt gezogen und 1941 in die USA emigriert.
Danach Von den in Sickenhofen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Bernhard Frank (1882), Erich Frank (1922), Flora Frank geb. Mane (oder Manne; 1885), Friedrich Frank (1889), Isidor Kurt Frank (1926), Max Frank (1893), Simon Frank (1888), Julius Hess-Fuld (1876), Betty Rosa Kahn (1878), Karl Kahn (1890), Siegfried Kahn (1885), Emanuel Oppenheimer (1871), Emma Ester Oppenheimer (1866), Meda (Meta) Schön geb. Frank (1880).            
   
  
   

Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Ausschreibung der Stelle der Religionslehrers und Vorbeters 1878

Sickenhofen Israelit 19061878.jpg (39059 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Juni 1878: "Annonce. Die israelitische Religionslehrer- und Vorbeterstelle zu Sickenhofen, Großherzogtum Hessen, Kreis Dieburg, ist sofort zu besetzen. Gehalt 500 Reichsmark nebst freier Wohnung. Bewerber wollen sich an den Unterzeichneten wenden. Der Vorstand. J. Bähr."

     
Lehrer Bär Zopp verkauft eine Torarolle (1876)

Sickenhofen Israelit 24051876.jpg (29083 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Mai 1876: "Eine noch gut erhaltene Sefer Tora (Torarolle) ist bei dem Unterzeichneten zu verkaufen. Franco-Offerten wolle man gefälligst richten an Bär Zopp, Lehrer in Sickenhofen, Kreis Dieburg, Großherzogtum Hessen." 
Anmerkung: der Name von Bär Zopp erscheint auch auf einer Spendenliste für die Synagoge Ortenberg (1876).

     
   
Aus dem jüdischen Gemeindeleben 
Spendenaufruf für Abraham Rothschild (1884)   

Sickenhofen Israelit 17031884.jpg (66969 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. März 1884: "'Heil, wer sich des Armen annimmt, am Tage des Unglücks wird ihn der Ewige retten' (Psalm 41,2). Dringende Bitte! Schon so oft von dem Wohltätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen in der Spendenliste wahrgenommen, sehen wir uns heute leider auch in der Lage, unsere Glaubensbrüder und Schwestern in Anspruch zu nehmen. Unserem braven, ehrbaren Mitglied Abraham Rothschild droht sein bisher bewohntes Haus, wenn nicht baldigst nachgeholfen, seinem Einsturz. Da dessen Vermögensverhältnisse bei einer sehr starken Familie sehr gering sind, so hat er nur für deren Unterhalt zu kämpfen. Die Unterzeichneten erlauben sich daher, alle wohltätigen Glaubensgenossen um recht zahlreiche Spenden für diese Familie zu bitten, und erklären sich zur Annahme bereit: 
der israelitische Vorstand S. Fuld I. J. Svent. B. Fuld. Sickenhofen, im März (1884)."  

    

    
  
Zur Geschichte der Synagoge

Wann ein erster Betraum oder eine erste Synagoge in Sickenhofen erbaut wurde, ist nicht bekannt. Spätestens im 18. Jahrhundert dürfte eine Synagoge vorhanden gewesen sein. In den 1830er-Jahren wollte die Gemeinde jedenfalls eine neue Synagoge bauen. Die Handwerksleistungen zum Neubau wurden im September 1841 ausgeschrieben:  

Sickenhofen Synagoge 141.jpg (89773 Byte)Ausschreibung der Bauarbeiten für die neue Synagoge im "Wochenblatt für die Stadt und den Kreis Offenbach" (Quelle: Lötzsch/Wittenberger s. Lit. S. 108): "Versteigerungen. Arbeits-Versteigerung. 
Mittwoch, den 6. Oktober laufen Jahres, vormittags um 10 Uhr, sollen auf dem Gemeindehause zu Sickenhofen die auf die Erbauung einer neuen Synagoge Bezug habenden Arbeiten vermittelst öffentlicher Versteigerung an die Wenigstnehmenden in Akkord gegeben werden. 
Nach dem Voranschlag betragen: a. die Maurerarbeit 585 fl. 11 kr. b. die Steinhauerarbeit  68 fl. 50 kr.  c. die Zimmerarbeit  226 fl. 14 kr.  d. die Dachdeckerarbeit 33 fl. - kr.  e. die Schreiberarbeit  211 fl. 16 kr.  f. die Schlosserarbeit   60 fl. 16 kr.  g. die Glaserarbeit  10 fl. 51 kr.  h. die Weißbinderarbeit 300 fl. 45 kr.  
Plan, Voranschlag und Bedingnisheft liegen vom 29. laufenden Monats an bei dem israelitischen Vorstand in Sickenhofen zur Einsicht offen. 
Offenbach, den 26. September 1841.  Der Großherzogliche Kreisbaumeister. Eickemeyer."  

Vermutlich wurde die Synagoge 1842 erstellt und eingeweiht. Das Grundstück der Synagoge lag in der Ortsmitte, unweit der Kirche. Beim Gebäude handelte sich um einem ursprünglich einstockigen Massivbau, in dem neben der Synagoge mit einer Frauenempore auch die Religionsschule und das rituelle Bad sowie die Lehrerwohnung untergebracht wurden.   

Nach einem Bericht von 1935 wurde die Synagoge damals schon lange Zeit nicht mehr benutzt. Dies auf Grund der stark zurückgegangenen Gemeindegliederzahlen, die keinen regelmäßigen Minjan (Zehnzahl der jüdischen Männer) mehr erlaubten. So ist im Frühjahr 1935 das Synagogengebäude für 1.800 RM an die bürgerliche Gemeinde verkauft worden. Es war geplant, ein Heim für die Hitlerjugend einzurichten:

Sickenhofen Israelit 16051935.jpg (51321 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Mai 1935: "Frankfurt am Main, 7. Mai (1935). Die Synagoge in Sickenhofen bei Babenhausen (Hessen) ist von der Bürgermeisterei zum Preise von 1.800 Reichsmark gekauft worden und soll nach Entfernung der Kultgegenstände als Heim für die Hitler-Jugend verwendet werden. Die Jüdische Gemeinde in Sickenhofen, in der einst ein reges jüdisches Leben herrscht, ist auf zwei Familien zusammengeschrumpft. Die Synagoge war lange Zeit verwaist. In ihr fand schon lange kein G'ttesdienst mehr statt."  

Beim Novemberpogrom 1938 kam es auf Grund der vermutlich schon erfolgten neuen Nutzung (HJ-Heim) zu keinen gewaltsamen Aktionen gegen die Synagoge. In den Folgejahren wurde das Gebäude (nach 1945?) zeitweise als Turnhalle verwendet. 
  
1956
kam das Gebäude in Privatbesitz und wurde zu einem Mehrfamilienwohnhaus umgebaut. Beim Umbau wurde das Gebäude durch einen zweiten Stock erhöht und erhielt einen neuen Treppenzugang, neue Fenster und Dachgauben. Durch den Umbau wurde das Gebäude als ehemalige Synagoge unkenntlich gemacht. 
  
  
Adresse/Standort der SynagogeWacholderstraße 3

Fotos

Historische Fotos / Darstellungen sind nicht bekannt; über Hinweise freut sich der Webmaster von "Alemannia Judaica", Adresse siehe Eingangsseite.  
     
Das ehemalige Synagogengebäude 
im Mai 1986
(Quelle: Altaras 1988 s.Lit. S. 135)
Sickenhofen Synagoge 120.jpg (81825 Byte)  
     
        
Das ehemalige Synagogengebäude 
im März 2009
(Foto: Hahn, Aufnahmedatum 17.3.2009)
Sickenhofen Synagoge 900.jpg (73937 Byte)    
     

  
   
Links und Literatur

Links:

Website der Stadt Babenhausen 

Literatur:       

Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II S. 252-254.
Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 S. 135-136.
dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 116. 
Babenhausen Lit 140.jpg (44459 Byte)Klaus Lötzsch und Georg Wittenberger (Hrsg.): Die Juden von Babenhausen. Beiträge zur Geschichte der jüdischen Gemeinden von Babenhausen, Langstadt, Sickenhofen und Hergershausen. Hrsg. im Auftrag des Heimat- und Geschichtsvereins Babenhausen. Babenhausen einst und jetzt, Beiheft 1. Babenhausen 1988. 
Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. S. 31-32.
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 212-213.
    


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Sickenhofen, Hesse. Established around 1600, the Jewish community numbered 79 (15 % of the total) in 1880, but declined rapidly. Eight Jews remained in 1933 and two years later the community disbanded.  
   

  

                   
vorherige Synagoge  zur ersten Synagoge nächste Synagoge
der rechte Link ist noch nicht aktiviert

                   

 

Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an Alemannia Judaica (E-Mail-Adresse auf der Eingangsseite)
Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 07. Oktober 2009