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Sickenhofen (Stadt
Babenhausen, Kreis Darmstadt-Dieburg)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Sickenhofen bestand eine jüdische
Gemeinde bis in die 1930er-Jahre. Ihre Entstehung geht in die Zeit des
17./18. Jahrhunderts zurück. Erstmals werden um 1600 Juden am
Ort genannt, darunter 1605 Abraham ben Elieser in Sickenhofen. Ihre Zahl nahm im Laufe des 17. Jahrhunderts zu, sodass die
Ortsherren von Groschlag zu Dieburg 1688 verfügten, dass in Hergershausen
und Sickenhofen nur noch eine geringe Zahl von jüdischen Einwohnern geduldet
werden sollte. Tatsächlich kam es auch zu Ausweisungen von Juden, u.a. um
1712/15 zur Ausweisung des Aaron von Sickenhofen und des Moses zu Sickenhofen.
1732/33 werden vier jüdische Einwohner genannt (Mayer der Alte, Mayer der Jung,
Aron und Hon), 1734-1735 dazu Liebmann und Manna.
Die Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich im 19. Jahrhundert wie
folgt: 1815 10 jüdische Familien, 1828 71 jüdische Einwohner, 1855 82, 1861 77
(15,2 % von insgesamt 507), 1880 79 (14,3 % von 536), 1900 33 (7,6 % von 436),
1910 23 (4,7 % von 485). Jüdische Familiennamen waren in Sickenhofen: Frank,
Fuld, Oppenheimer, Rothschild, Ullmann, Kahn. Als Berufe werden in der 2.
Hälfte des 19. Jahrhunderts genannt: Metzger, Spezereikrämer, Handelsmann,
Viehhändler, Ellenwarenhändler, Sattler, Uhrmacher, Lumpensammler,
Federnhändler und Geflügelhändler.
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule,
ein rituelles Bad und ein Friedhof. Zur
Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war im 19. Jahrhundert zeitweise ein
Religionslehrer angestellt,
der zugleich als Vorbeter fungierte (siehe unten Ausschreibung von 1878). Als
Lehrer werden genannt: Aaron Bonnheim (um 1865/66), Maier Reis (1867)Die
jüdische Gemeinde gehörte zum Rabbinat Offenbach am Main (1924).
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Robert Frank und
Siegmund Kahn.
1925 wurden noch 14 jüdische Einwohner gezählt.
1933 lebten noch acht jüdische Personen in Sickenhofen. Es handelte
sich um die Familie Gustav Kahn (Viehhändler, Hauptstraße 57, mit Frau Hilde
geb. May und den Söhnen Fritz und Walter) sowie Familie Friedrich Julius Frank
(Metzger in der Hauptstraße 100 mit Frau Flora geb. Mane und den Kindern Erich
Zeno und Kurt Isidor). Die Familie Kahn ist - nachdem Gustav Kahn viele
Schikanen und beim Novemberpogrom 1938 schwerste Misshandlungen in Babenhausen
zu erleiden hatten - 1939 nach Frankfurt gezogen und 1941 in die USA emigriert. Danach
Von den in Sickenhofen geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Bernhard
Frank (1882), Erich Frank (1922), Flora Frank geb. Mane (oder Manne; 1885),
Friedrich Frank (1889), Isidor Kurt Frank (1926), Max Frank (1893), Simon Frank
(1888), Julius Hess-Fuld (1876), Betty Rosa Kahn (1878), Karl Kahn (1890),
Siegfried Kahn (1885), Emanuel Oppenheimer (1871), Emma Ester Oppenheimer
(1866), Meda (Meta) Schön geb. Frank (1880).
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibung der Stelle der Religionslehrers und Vorbeters 1878
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Juni 1878:
"Annonce. Die israelitische Religionslehrer- und Vorbeterstelle zu
Sickenhofen, Großherzogtum Hessen, Kreis Dieburg, ist sofort zu besetzen.
Gehalt 500 Reichsmark nebst freier Wohnung. Bewerber wollen sich an den
Unterzeichneten wenden. Der Vorstand. J. Bähr." |
Lehrer Bär Zopp verkauft eine Torarolle (1876)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Mai 1876: "Eine
noch gut erhaltene Sefer Tora (Torarolle) ist bei dem Unterzeichneten zu
verkaufen. Franco-Offerten wolle man gefälligst richten an Bär Zopp,
Lehrer in Sickenhofen, Kreis Dieburg, Großherzogtum Hessen." |
| Anmerkung: der Name von Bär Zopp erscheint
auch auf einer Spendenliste für die Synagoge
Ortenberg (1876). |
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Spendenaufruf für Abraham Rothschild
(1884)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. März 1884: "'Heil,
wer sich des Armen annimmt, am Tage des Unglücks wird ihn der Ewige
retten' (Psalm 41,2). Dringende Bitte! Schon so oft von dem
Wohltätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen in der Spendenliste
wahrgenommen, sehen wir uns heute leider auch in der Lage, unsere
Glaubensbrüder und Schwestern in Anspruch zu nehmen. Unserem braven,
ehrbaren Mitglied Abraham Rothschild droht sein bisher bewohntes Haus,
wenn nicht baldigst nachgeholfen, seinem Einsturz. Da dessen Vermögensverhältnisse
bei einer sehr starken Familie sehr gering sind, so hat er nur für deren
Unterhalt zu kämpfen. Die Unterzeichneten erlauben sich daher, alle
wohltätigen Glaubensgenossen um recht zahlreiche Spenden für diese
Familie zu bitten, und erklären sich zur Annahme bereit:
der israelitische Vorstand S. Fuld I. J. Svent. B. Fuld. Sickenhofen, im
März (1884)." |
Zur Geschichte der Synagoge
Wann ein erster Betraum oder eine erste Synagoge in Sickenhofen erbaut wurde, ist nicht
bekannt. Spätestens im 18. Jahrhundert dürfte eine Synagoge vorhanden gewesen
sein. In den 1830er-Jahren wollte die Gemeinde jedenfalls eine neue Synagoge
bauen. Die Handwerksleistungen zum Neubau wurden im September 1841
ausgeschrieben:
Ausschreibung
der Bauarbeiten für die neue Synagoge im "Wochenblatt für die Stadt
und den Kreis Offenbach" (Quelle: Lötzsch/Wittenberger s. Lit. S.
108): "Versteigerungen. Arbeits-Versteigerung.
Mittwoch, den 6. Oktober laufen Jahres, vormittags um 10 Uhr, sollen auf
dem Gemeindehause zu Sickenhofen die auf die Erbauung einer neuen Synagoge
Bezug habenden Arbeiten vermittelst öffentlicher Versteigerung an die
Wenigstnehmenden in Akkord gegeben werden.
Nach dem Voranschlag betragen: a. die Maurerarbeit 585 fl. 11 kr. b. die
Steinhauerarbeit 68 fl. 50 kr. c. die Zimmerarbeit 226
fl. 14 kr. d. die Dachdeckerarbeit 33 fl. - kr. e. die
Schreiberarbeit 211 fl. 16 kr. f. die
Schlosserarbeit 60 fl. 16 kr. g. die Glaserarbeit
10 fl. 51 kr. h. die Weißbinderarbeit 300 fl. 45 kr.
Plan, Voranschlag und Bedingnisheft liegen vom 29. laufenden Monats an bei
dem israelitischen Vorstand in Sickenhofen zur Einsicht offen.
Offenbach, den 26. September 1841. Der Großherzogliche
Kreisbaumeister. Eickemeyer." |
Vermutlich wurde die Synagoge 1842 erstellt und eingeweiht.
Das Grundstück der Synagoge lag in der Ortsmitte, unweit der Kirche. Beim
Gebäude handelte sich um einem ursprünglich einstockigen Massivbau, in
dem neben der Synagoge mit einer Frauenempore auch die Religionsschule und
das rituelle Bad sowie die Lehrerwohnung untergebracht wurden.
Nach einem Bericht von 1935 wurde die Synagoge damals schon lange Zeit
nicht mehr benutzt. Dies auf Grund der stark zurückgegangenen
Gemeindegliederzahlen, die keinen regelmäßigen Minjan (Zehnzahl der jüdischen
Männer) mehr erlaubten. So ist im Frühjahr 1935 das Synagogengebäude
für 1.800 RM an die bürgerliche Gemeinde verkauft worden. Es war geplant, ein
Heim für die Hitlerjugend einzurichten:
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Mai 1935:
"Frankfurt am Main, 7. Mai (1935). Die Synagoge in Sickenhofen bei
Babenhausen (Hessen) ist von der Bürgermeisterei zum Preise von 1.800
Reichsmark gekauft worden und soll nach Entfernung der Kultgegenstände
als Heim für die Hitler-Jugend verwendet werden. Die Jüdische Gemeinde
in Sickenhofen, in der einst ein reges jüdisches Leben herrscht, ist auf
zwei Familien zusammengeschrumpft. Die Synagoge war lange Zeit verwaist.
In ihr fand schon lange kein G'ttesdienst mehr statt." |
Beim Novemberpogrom 1938 kam es auf
Grund der vermutlich schon erfolgten neuen Nutzung (HJ-Heim) zu
keinen gewaltsamen Aktionen gegen die Synagoge. In den Folgejahren wurde das
Gebäude (nach 1945?) zeitweise als Turnhalle verwendet.
1956 kam das Gebäude in
Privatbesitz und wurde zu einem Mehrfamilienwohnhaus umgebaut. Beim Umbau wurde
das Gebäude durch einen zweiten Stock erhöht und erhielt einen neuen
Treppenzugang, neue Fenster und Dachgauben. Durch den Umbau wurde das Gebäude
als ehemalige Synagoge unkenntlich gemacht.
Adresse/Standort der Synagoge: Wacholderstraße
3
Fotos
| Historische Fotos
/ Darstellungen sind nicht bekannt; über Hinweise freut sich der
Webmaster von "Alemannia Judaica", Adresse siehe Eingangsseite. |
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Das ehemalige
Synagogengebäude
im Mai 1986
(Quelle: Altaras 1988 s.Lit. S. 135) |
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Das ehemalige
Synagogengebäude
im März 2009
(Foto: Hahn, Aufnahmedatum 17.3.2009) |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II S. 252-254. |
 | Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 S. 135-136. |
 | dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 116. |
 | Klaus Lötzsch und Georg Wittenberger
(Hrsg.): Die
Juden von Babenhausen. Beiträge zur Geschichte der jüdischen Gemeinden von
Babenhausen, Langstadt, Sickenhofen und Hergershausen. Hrsg. im Auftrag des
Heimat- und Geschichtsvereins Babenhausen. Babenhausen einst und jetzt,
Beiheft 1. Babenhausen 1988. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. S.
31-32. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 212-213.
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Sickenhofen,
Hesse. Established around 1600, the Jewish community numbered 79 (15 % of the
total) in 1880, but declined rapidly. Eight Jews remained in 1933 and two years
later the community disbanded.

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