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Langstadt (Stadt
Babenhausen, Kreis Darmstadt-Dieburg)
mit Schlierbach (Gemeinde Schaafheim) und Kleestadt (Stadt Groß-Umstadt)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde
In Langstadt bestand eine kleine jüdische Gemeinde. Zunächst
gehörten die am Ort lebenden jüdischen Personen zur Gemeinde in Babenhausen.
Zeitweise
bildeten jedoch im 19. Jahrhundert die in Langstadt, Schlierbach und Kleestadt lebenden
jüdischen Personen eine selbständige Gemeinde. Als die Zahl der jüdischen
Einwohner zurückging, gehörten die in Langstadt lebenden jüdischen Personen
wieder zur Gemeinde in Babenhausen.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner
wie
folgt: in Langstadt 1830 25, um 1865 ca. 50, 1905 22, 1910 14 jüdische Einwohner. In
Kleestadt wurden 6
jüdische Einwohner gezahlt (nach Arnsberg, ohne Jahreszahl). Jüdische
Familiennamen am Ort waren: Isenburger, Lichtenstein, Oestreich (ursprünglich
Oestreicher) und Wetzler. Von diesen Familien war die Familie Lichtenstein
nachweisbar ab 1780 in Langstadt beheimatet. Als Berufe der jüdischen
Haushaltsvorsteher werden Mitte des 19. Jahrhunderts genannt: Spezereikrämer,
Viehhändler, Rindviehhändler, Fuhrmann, Schneidermeister.
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), möglicherweise auch ein
Raum für den Unterricht der jüdischen Kinder und ein rituelles Bad. Die
Toten der Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof
in Babenhausen beigesetzt. Zeitweise war sogar ein jüdischer Lehrer am Ort:
genannt wird Jacob Katz (geb. ca. 1818 in Kirch-Brombach, gest. 1897 in
Langstadt).
1925 wurden noch 10 jüdische Einwohner gezählt, 1936 waren es
11. Der Vorsteher der Langstädter Juden war damals Viehhändler Julius
Lichtenstein. Er wohnte mit seiner Frau Lina geb. Wolf und den beiden Kinder
Hedwig und Walter Mühlstraße 129. In der Hindenburgstraße 83 lebte der
Viehhändler Isidor Lichtenstein mit Frau Rosel geb. Waller und den Kindern
Karola und Erich. Die dritte Familie am Ort war die Witwe Sara Oestreich geb.
Adler mit ihren Kindern Max und Berta. Max Oestreich heiratete 1937 Gertrud geb.
Fuld. Den Familien Julius Lichtenstein und Max Oestreich gelang die Auswanderung
nach Amerika.
Von den in Langstadt geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Jenny
Abraham geb. Wetzler (1891), Betty (Bertha) Aumann geb. Oestreich (1913),
Bernhard Fuld (1873), Adele Hanau geb. Lichtenstein (1888), Carola (Karola)
Lichtenstein (1933), Elias Lichtenstein (1884), Erich Isak Lichtenstein (1935),
Ferdinand Lichtenstein (1903), Isidor Lichtenstein (1900), Moritz Lichtenstein
(1894), Moses Lichtenstein (1861), Rosa (Rosel) Lichtenstein geb. Waller (1907),
Mathilde Michel geb. Lichtenstein (1895), Leo Oestreich (1886), Sara Oestreich
geb. Adler (1880), Benzion (Zion) Wetzler (1877), Hermann Wetzler (1881).
Von den in Kleestadt geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):
Amalie
Mirjam Dahlberg (1874), David Dahlberg (1866), Emanuel Dahlberg (1873), Jakob
Dahlberg (1881), Mathilde Jacob geb. Hecht (1871), Meta Mannheimer geb. Dahlberg
(1900), Rosa (Rosy) Wartenberg geb. Hecht (1873).
Berichte aus
der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Aufruf zu Spenden für die in Not geratene einzige jüdische
Familie in Kleestadt (1902)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Mai 1902:
"Bitte um schnelle Hilfe! Am 20. April wütete in der Gemarkung
Kleestadt bei Babenhausen ein furchtbares Unwetter. Gewaltige
Wassermassen stürzten von den Bergen auf das Häuschen des dort
wohnenden, einzigen Glaubensgenossen. Sein ganzes Hab und Gut stand unter
Wasser. Die Spezereiwaren in seinem Lädchen sind fast alle verdorben, das
angekaufte Brennholz ist fortgeschwemmt. Da nun von Seiten des Staates
oder der Versicherungsgesellschaft eine Entschädigung nicht geleistet
wird, so wenden wir uns an das edle Herz braver und wohltätiger Menschen
und bitten um rasche Beihilfe.
Julius Seewald, Babenhausen (Hessen) und Lehrer Stein, Groß-Umstadt. |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeige von Siegmund Dahlberg (1901)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. April 1901: "Suche
für meine Tochter, 16 Jahre alt, in einem israelitischen Hause eine
Stelle. Dieselbe ist in aller Hausarbeit, sowie auch im Kochen bewandert.
Eintritt kan in ersten Tagen erfolgen.
Siegmund Dahlberg,
Kleestadt, Post Klein-Umstadt." |
Zur Geschichte der Synagoge
Eine Synagoge der Gemeinde befand sich an der heutigen
Friedhofstraße. Nach den Recherchen von Thea Altaras diente zunächst (nach den
Balkeninschriften 1780 und 1820) die im Hof (also von der Straße
zurückgesetzte Gebäudehälfte) als Synagoge. Der vordere Gebäudeteil war
Wohnhaus eines Bauern. 1820 wurde im vorderen Gebäudeteil die Synagoge
eingerichtet. Nun wurde der dem Hof zugewandte Teil als Wohnhaus benutzt.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die
Inneneinrichtung der Synagoge durch SA-Leute verwüstet. Die Ritualien
wurden vernichtet. Das Gebäude kam im Oktober 1939 für 370 RM in
nichtjüdischen Besitz. 1964 wurde die ehemalige Synagoge abgebrochen und
an ihrer Stelle ein neues Wohnhaus erstellt.
Eine kleine Gedenktafel ist vorhanden.
Adresse/Standort der Synagoge: Friedhofstraße
1 & 2
Fotos / Darstellungen
(Quelle: obere Reihe Altaras 1988 S. 128)
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Lageplan an der
Friedhofstraße mit
Eintragung der Synagoge 1780-1820
und 1820-1938
(dunkel) sowie des
neuen Wohnhauses von 1965
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Darstellung der Synagoge von
1780-1820
(hell) und der Synagoge 1820-1938 (dunkel)
sowie des neuen
Wohnhauses von 1965 - die Zeichnung von Altaras wurde zur Angleichung
an den Plan links horizontal gespiegelt. |
Foto von 1986: das Gebäude
links
im Vordergrund steht an der
Stelle der ehemaligen Synagoge(n) |
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Fotos vom Frühjahr 2009
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 17.3.2009) |
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Das an Stelle der Synagoge
erbaute
Wohnhaus (zum Anbau rechts hinter
dem Haus = Hälfte der
ehemaligen Synagoge
von 1780-1820 vgl. den Plan oben) |
Hinweistafel mit Text:
"An dieser Stelle
stand die Synagoge der jüdischen Gemeinde
Langstadt. Der letzte Gottesdienst wurde
im September 1938
gehalten". |
Fotoperspektive ähnlich wie
das
Foto oben von 1986 |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 52-53 (unter Babenhausen) |
 | Klaus Lötzsch und Georg Wittenberger
(Hrsg.): Die
Juden von Babenhausen. Beiträge zur Geschichte der jüdischen Gemeinden von
Babenhausen, Langstadt, Sickenhofen und Hergershausen. Hrsg. im Auftrag des
Heimat- und Geschichtsvereins Babenhausen. Babenhausen einst und jetzt,
Beiheft 1. Babenhausen 1988. |
 | Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 S. 127-128. |
 | dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 111. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 31.
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