Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Ortenberg mit Stadtteil Bleichenbach (Wetteraukreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Einzelpersonen     
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen   
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)  
   
In dem im Mittelalter seit 1266 als Stadt bezeichneten Ortenberg bestand eine jüdische Gemeinde bis 1936. Bereits im Mittelalter lebten Juden in der Stadt. Die ersten Erwähnungen liegen aus dem 13. und 14. Jahrhundert vor. 1322 wird eine Frau Hanna von Ortenberg in Frankfurt ausgenommen. 1340 werden in Frankfurter Gerichtsbüchern anlässlich von Darlehensgeschäften Zipur (Zippora) und Sannel (Samuel) ben Michael von Ortenberg genannt. Nach den Judenverfolgungen in der Pestzeit (1348/49) werden Juden in Ortenberg wieder seit 1419 genannt. 1422 zahlen zwei Ortenberger Juden je 1 Gulden Jahressteuer an die Stadtherrschaft. Weiterhin lebten die jüdischen Einwohner insbesondere vom Geldverleih. Mitte des 15. Jahrhunderts kam es zu einem Streit zwischen den Stadtherren Diether I. von Isenburg-Büdingen und Walther von Eppstein-Königstein über die "Juden von Ortenberg".  

Die Entstehung der neuzeitlichen Gemeinde geht in das 17. Jahrhundert zurück: 1659 gab es zehn jüdische Familien in der Stadt. 

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1828 82 jüdische Einwohner (8,1 % von insgesamt 1.013), 1861 102 (9,0 % von 1.127), 1880 68 (7,5 % von 910), 1900 69 (7,5 % von 916), 1910 46 (5,3 % von 870). Zur jüdischen Gemeinde Ortenberg gehörten auch die in Bleichenbach lebenden jüdischen Einwohner (1830 10 jüdische Einwohner, 1905 gleichfalls 10, 1932 8).

An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule, ein rituelles Bad und ein Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (vgl. die Stellenausschreibungen unten). Die Gemeinde gehörte zum liberalen Provinzialrabbinat in Gießen.
 
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Julius Schiff (geb. 29.8.1895 in Ortenberg, gef. 20.3.1916).    
   
Um 1924, als 46 jüdische Einwohner gezählt wurden (4,5 % von 1.021), waren die Gemeindevorsteher Bernhard Lorsch, Siegmund Löwenstein und Gustav Heß. Als Religionslehrer war damals Lehrer Samuel Heß aus Düdelsheim tätig (bereits 1910 wird er bei der Beisetzung von Fanny Heß genannt, siehe Bericht unten). Lehrer Heß unterrichtete die jüdischen Schüler an der Volksschule. Die Schüler an höheren Schulen wurden durch Lehrer M. Halberstadt aus Büdingen unterrichtet. Als Kantor wird Lehrer Sereisky genannt. Das Amt des Schächtens teilten sich die Gemeindeglieder Louis Heß und Willy Stern. 1932 waren die Gemeindevorsteher R. Kaufmann (1. Vors.), W. Oppenheimer (2. Vors.) und Bernhard Lorsch (3. Vors.). Weiterhin unterrichtete Lehrer Samuel Heß aus Düdelsheim in der Gemeinde.   
 
1932 übten die jüdischen Familienvorstände folgende Berufe aus: ein Pferdehändler, zwei Viehhändler (einer davon auch Metzger), drei Textilhändler sowie ein Herren- und Damenschneider (mit Textilhandel), ein Metzger, der gleichzeitig mit Ölen und Fetten handelt; ein Elektro-Installateur und ein Arbeiter (I. Liebermann).

1933 lebten noch 36 jüdische Personen in Ortenberg (3,4 % von 1.059).
In
den folgenden Jahren sind fast alle jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Im Herbst 1934 wurde der traditionelle "Kalte Markt" erstmals ohne die Beteiligung jüdischer Pferde- und Viehhändler durchgeführt. Bis Juli 1936 verließen fast alle Mitglieder der elf jüdischen Familien Ortenberg und verzogen insbesondere nach Frankfurt, von wo ein Teil von ihnen emigrieren konnte. Letzter Gemeindevorsteher war Willy Oppenheimer. Er vollzog bereits die Auflösung der Gemeinde. Am 28. Juli 1936 meldete der "Niddaer Anzeiger": "Ortenberg ist judenfrei. Vorige Woche sind die beiden letzten Judenfamilien abgereist...". Damals lebte nur noch ein jüdisches Ehepaar und Isack Liebermann in der Stadt. Dieser stammte aus Lodz, war seit 1921 in Ortenberg nichtjüdisch verheiratet. Beim Novemberpogrom 1938 wurde er in "Schutzhaft" genommen und in das KZ Buchenwald verschleppt.  
   
Von den in Ortenberg geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Johanna Boscowitz geb. Oppenheimer (1886), Rosa Bruchfeld geb. Hess (1879), Johanna Friedmann geb. Kaufmann (1890), Käthchen Goldschmidt geb. Schiff (1859), Emilie Grünebaum (1893), Sophie Löwenstein geb. Zimmermann (1885), Johanna Marx geb. Schatzmann (1889), Arthur Oppenheimer (1893), Hans Josef Oppenheimer (1922), Anton Schiff (1875), Hugo Schiff (1876).  
   
Von den in Bleichenbach geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):  Johanna Desch geb. Nassauer (1907), Adolf (Aaron) Goldschmidt (1872), Arthur Leopold (1886), David Leopold (1874), David Leopold (1875), Harri Leopold (1931), Hugo Leopold (1912), Irmtraud Leopold (1928), Ludwig Leopold (1903), Toni Leopold geb. Strauss (1904), Josef Moses (11888), Elsa Salomon geb. Leopold (1903), Berta Sichel geb. Leopold (1887), Rosa Stern geb. Leopold (1873).    
   
Der 1938 in das KZ Buchenwald verschleppte I. Liebermann überlebte die Zeiten im Lager und kehrte nach 1945 nach Ortenberg zurück. 
    
    
    
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1886 / 1887 / 1893 / 1898 / 1901 / 1904   

Ortenberg Israelit 27121886.jpg (53160 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Dezember 1886: "Die israelitische Gemeinde Ortenberg (Hessen) sucht einen tüchtigen Lehrer, Vorsänger und Schochet zu engagieren. Gehalt pro Jahr Mark 500 bei freier Wohnung oder Mark 75 Wohnungsvergütung außer dem Einkommen des Schochetdienstes. Bewerber wollen ihre Zeugnisse an unterzeichneten Vorstand einsenden.  
Offerten von Russen und Polen bleiben unberücksichtigt.  
Der Vorstand der israelitischen Gemeinde." 
 
Ortenberg Israelit 01121887.jpg (39999 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Dezember 1887: "Vakanz: Die Stelle eines Religionslehrers, Vorbeters und Schochet ist bis zum 15. Februar, spätestens 1. März 1888 zu besetzen. Bewerber wollen ihre Offerten mit Gehaltsansprüchen an den Vorstand einsehen. 
Ortenberg (Hessen), 27. November 1887. 
Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde."
  
Ortenberg Israelit 10071893.jpg (43559 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Juli 1893: "Lehrer-Stelle. Die Stelle eines Religionslehrers, Vorbeters und Schochets ist vom 15. August dieses Jahres an in hiesiger Gemeinde vakant. Gehalt mit Wohnungsvergütung Mark 810 per Jahr. Offerten sehen alsbald entgegen. 
Ortenberg in Hessen, 3. Juli 1893.  
Der Vorstand der israelitischen Gemeinde: Oppenheimer."  
 
Ortenberg Israelit 16061898.jpg (56273 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Juni 1898: "Die israelitische Gemeinde Ortenberg (Oberhessen) sucht bis zum 1. September dieses Jahres einen seminaristisch gebildeten Lehrer. Mit der Stelle ist Kantor- und Schochetdienst verbunden. Gehalt Mark 800, Nebeneinkommen ca. Mark 300. 
Bewerber wollen sich mit Zeugnis-Abschriften an den unterzeichneten Vorstand werden. 
Jacob Marcus
"
 
Ortenberg Israelit 14031901.jpg (39956 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. März 1901: "Die israelitische Gemeinde Ortenberg, Oberhessen, sucht bis zum 1. Juni einen Religionslehrer. Mit der Stelle ist Kantor und Schochet verbunden. 
Bewerber wollen sich mit Zeugnisabschriften an den unterzeichneten Vorstand wenden. 
Jacob Marcus.
"  
  
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. April 1904: "Die Gemeinde Ortenberg /Oberhessen) sucht per 1. Juni einen Religionslehrer, Vorbeter und Schochet. Gehalt Mark 700 und circa Mark 200 Nebenverdienste. Geeignete, seminaristisch gebildete Bewerber wollen sich melden. Unverheiratete bevorzugt. Ausländer ausgeschlossen. Der Vorstand."     
 
Ortenberg FrfIsrFambl 27051904.jpg (11603 Byte)Ausschreibung im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 27. Mai 1904: "Ortenberg (Oberhessen). Kantor, Schächter und Lehrer per Juni. Einkommen ca. 1150 Mark."

  
  
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde  
Zum Tod der Witwe Fanny Heß (1910)

Ortenberg FrfIsrFambl 27051910.jpg (41071 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 27. Mai 1910: "Ortenberg (Hessen), 24. Mai (1910). Unter großer Beteiligung der jüdischen und christlichen Bevölkerung fand heute die Beerdigung der nach langem Leiden im 75. Lebensjahre verstorbenen Frau Fanny Heß Witwe statt. 
Lehrer Heß – Düdelsheim schilderte in seinem Nachrufe die Dahingeschiedene als eine echte ‚Esches chajil’ (wackere Frau), fromm, fleißig und gottvertrauend. Früh verwitwet, hat sie mutig den Lebenskampf aufgenommen."

   
   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen  
Anzeige des Manufakturwarengeschäfts H. Oppenheimer (1890)  

Ortenberg Israelit 25081890.jpg (30323 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. August 1890: "Für mein Manufakturwaren-Geschäft suche einen Commis als Detail-Reisender für Landkundschaft. Eintritt September oder Oktober. Offerten mit Gehaltsansprüchen bei freier Station. H. Oppenheimer, Ortenberg (Hessen)."  

  
Anzeige der Metzgerei Gustav Kaufmann (1924)     

Anzeige in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des Central-Vereins) vom 7- Februar 1924: 
"Koscher
Prima festgeräucherte 
Landwurst
 
pro Pfund 1,30 Mark, empfiehlt  
Gustav Kaufmann  Metzgerei  
Ortenberg (Oberhessen)."       

     
     
    
 
Zur Geschichte der Synagoge        
     
Zunächst war ein Betraum in einem der jüdischen Häuser vorhanden. Um 1750/56 wurde eine erste Synagoge "aus Holz" gebaut. dabei handelte es sich um ein zweigeschossiges Gebäude, das 120 Jahre als Synagoge genutzt wurde, allerdings in den 1870er-Jahren in einem so baufälligen Zustand war, dass Gottesdienste nur noch unter Lebensgefahr abgehalten werden konnten. Der Neubau einer Synagoge war dringend notwendig; für die kleine jüdische Gemeinde war dies jedoch ein nicht zu bewältigendes finanzielles Problem. 1872 wurde der Gemeindebaumeister Tünezer mit der Zeichnung von Plänen und der Ausfertigung eines Kostenvoranschlages beauftragt. Er schlug einen etwa 15 mal 22 Meter großen Steinbau mit einseitiger Empore und anschließender Lehrerwohnung vor. Der Neubau sollte 4000 Mark kosten. Dieser Plan kam jedoch nicht zur Ausführung.
 
Im Mai 1876 konnte die jüdische Gemeinde eine Hofreite an der Stadtstraße für 8.550 Mark kaufen. Das Gebäude sollte im vorderen Teil zu einer Synagoge umgebaut werden; die übrigen Wirtschaftsgebäude wollte man samt dem Garten verpachten. Nachdem das Gebäude bereits nur unter Aufnahme eines Kredites gekauft werden konnte, fehlte das Geld zum Umbau, weswegen sich die Gemeinde mit dringenden Spendenaufrufen an die Öffentlichkeit wandte:   
    
Spendenaufruf für den Neubau der Synagoge (1876)    

Ortenberg Israelit 06091876.jpg (113773 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. September 1876 (abgekürzt zitiert): "Unsere Brüder, Israeliten! Der unterzeichnete Vorstand der israelitischen Gemeinde findet sich veranlasst, seiner Glaubensgenossen Mildtätigkeit in Anspruch zu nehmen. Unsere Synagoge, vor 120 Jahren aus Holz gebaut, ist so baufällig, dass sie eine wahre Ruine ist; sie droht jeden Tag übereinander zu fallen; es ist lebensgefährlich, in derselben ein Beter zu sein. Nicht soll ein Mensch an einem Ort stehen, wo Lebensgefahr besteht. Wir waren also genötigt, für eine andere Synagoge Sorge zu tragen und kauften ein Haus, wozu wir eine Anleihe machten, weil die hiesige Gemeinde nur 16 Mitglieder zählt, wovon 2/3 mittellos sind. 
Es fehlen uns aber noch 3000 (sage dreitausend) Mark, bevor wir dieses Haus zu einer Synagoge einrichten können. 
Wir ersuchen deshalb unsere Glaubensgenossen Barmherzige und Wohltätige, uns nicht im Stiche zu lassen; möge Jeder sein Scherflein beitragen, denn die Zinsen von dieser Anleihe müssen wir zahlen, und doch keine Synagoge haben. Der Vorstand nimmt auch die kleinste Gabe dankend entgegen und wird später darüber öffentlich quittieren. 
Ortenberg (Oberhessen), den 7. Elul. 
Der Vorstand: Maier. Heß. Oppenheimer."

Der Spendenaufruf blieb nicht ungehört. Größere und kleinere Spenden gingen ein: 
   
Spende für den Synagogenbau durch den Grafen Stolberg - Roßla - Ortenberg (1876)  

Ortenberg Israelit 08111876.jpg (28855 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. November 1876: "Ortenberg (Oberhessen), 30. Oktober (1876). Der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde wurde von Seiner Erlaucht dem Grafen Stolberg – Roßla – Ortenberg für den Synagogenbau hier ein Geschenk von Mark 300 übersandt."

Teilergebnis der Spendensammlung (1876)  

Ortenberg Israelit 15111876.jpg (44563 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. November 1876: "Für den Aufbau der Synagoge in Ortenberg (Oberhessen). Durch Lehrer D. Höxter in Schermbeck 1,30. – Durch Vorstand Meier Oppenheimer: Zadok Rapp in Reibach 2, derselbe von Jacob Lichtenstein 2, Abraham Vogel 1,50, N.N. in Mainz 5, Menachem Schlomo Halberstadt 6, Hirsch dasselbe 10, J.M. Boehm in Brieg 3, A. Offenstadt in Frankfurt am Main 5, Bär Zopp, Lehrer in Sickenhofen 1, N.N. Poststelle Karlsruhe 4, zusammen 39,50."

Mit Hilfe der eingegangenen Spenden, durch den Erlös aus dem Verkauf des alten Synagogengebäudes (200 Mark) und durch weitere Schuldenaufnahme konnte die neue Synagoge finanziert werden. Ein großer Anteil wurde von einem Gemeindeglied übernommen, das Mitbesitzer des großen Anwesens wurde und die Wohnung unter der Synagoge bezog. Im Sommer 1877 konnte mit einem großen Fest für die ganze Stadt durch den damaligen Großherzoglichen Rabbiner der Provinz Oberhessen Dr. Levi (Gießen) die Synagoge eingeweiht werden. Dr. Levi berichtet darüber im Rückblick in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums":         
    
Zur Einweihung der Synagoge in Ortenberg (1877)  

Ortenberg AZJ 13111877sa.jpg (93311 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 13. November 1877: "Gießen, 29. Oktober (1877). Als ein Zeichen fortschreitenden Humanität und brüderlichen Verhaltens und Verkehrens der christlichen Ortsgemeinden und Vorstände gegen ihre jüdischen Mitbürger, wollen Sie gefälligst folgende Tatsachen in Ihrer geschätzten Zeitung registrieren. Im Laufe verwichenen Sommers, bei der Synagogenweihe zu Ortenberg (für falsch: Artenberg), und letzten Samstag, bei der zu Nidda, die ich vollzogen, und die beide in solennester Weise stattgefunden, haben sich nicht bloß die betreffenden christlichen Geistlichen und die Kreis- und Landbehörden am Zuge wie am Gottesdienste beteiligt: es haben auch die verschiedenen christlichen Gesangvereine bei der Feier in erhebendster Weise mitgewirkt, und die Ortsvorstände einen namhaften Beitrag zu den Kosten des Synagogenbaues geleistet…   
Anmerkung: Ich nehme hier die Gelegenheit wahr, die von der antiquarischen Buchhandlung J. Kauffmann in Frankfurt am Main besorgten, goldbestickten Vorhänge und Mäntelchen als sehr geschmackvoll anzupreisen. Korrespondent."

Um 1900 war das Synagogengebäude insgesamt im Privatbesitz der Familie Oppenheimer. Der in der Wohnung unter dem Synagogenraum lebende Besitzer hatte im östlichen Teil des Gebäudes seinen Futtermittelhandel eingerichtet. 
  
Auf Grund des starken Wegzugs nach jüdischen Familien nach 1933 wurde vermutlich bereits 1934 oder wenig später das Synagogengebäude verkauft. 1933 hatte der letzte Gottesdienst stattgefunden. 
 
Das ehemalige Synagogengebäude wurde nach 1945 zu einem bis heute bestehenden Mehrfamilienwohnhaus umgebaut, in dessen Erdgeschoss Geschäfts- und Lagerräume eingerichtet wurden.   
   
   
Adresse/Standort der Synagoge  Wilhelm-Leuschner-Straße 7.     
    
    
Fotos
(Quelle: Altaras 1988 S. 192; zur Mikwe Altaras 1994 S. 154-156)

 Das ehemalige Synagogengebäude Ortenberg Synagoge 150.jpg (64173 Byte)   
         
        
Zur ehemaligen Mikwe      
Ortenberg Mikwe 110.jpg (53296 Byte) Ortenberg Mikwe 111.jpg (86037 Byte) Ortenberg Mikwe 112.jpg (82101 Byte)
Lageplan der ehemaligen Mikwe am 
Mühlbach (1 = Mikwe, 2 = Stadtmauer) 
Rekonstruktionspläne zur Mikwe: 
1 = rituelles Tauchbecken) 
Blick zum Badehäuschen 
(Januar 1992) 

  
    
Links und Literatur

Links:

Website der Stadt Ortenberg (Hessen)   

Literatur:  

Germania Judaica II,2 S. 633; III,2 S. 1078-1079.  
Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II S. 189-190.  
Fritz Engel: Zur Geschichte der Juden in Ortenberg (ms.). Ortenberg 1981. 
Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 S. 192. 
dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 154-156. 
Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 331-332. 
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 61-62. 

     
    


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Ortenberg  Hesse.  Although Jews lived there in medieval times, no organized community was established until the 17th century. It numbered 102 (9 % of the total) in 1861 and dedicated its third synagogue in 1877. Jews played a leading role in the town's social, cultural and sporting life, and some were even members of the church choir. As a result of the Nazi boycott, however, Jews hastened to leave (44 emigrating) and the community disbanded in 1936. 
      
       

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 26. März 2015