Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Offenbach am Main (Kreisstadt, Hessen) 
Jüdische Geschichte / Synagoge

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Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
 -  Gemeindebeschreibung von 1937   
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Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen 
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Links und Literatur   

      

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde      
   
In Offenbach lebten jüdische Bewohner möglicherweise bereits im 14. Jahrhundert. Nach dem "Deutzer Memorbuch" fand während der Pestzeit 1348/49 hier eine Judenverfolgung statt. Erste sichere Erwähnungen von Juden in der Stadt liegen jedoch erst aus dem 16./17. Jahrhundert vor. 1567 werden zwei jüdische Händler in Offenbach genannt. Im Sommer 1614 flohen viele Frankfurter Juden nach den Ausschreitungen beim Fettmilch-Aufstand nach Offenbach. Seit 1615 werden die meisten Flüchtlinge wieder nach Frankfurt zurückgekehrt sein.   
        
Die Entstehung einer jüdischen Gemeinde in Offenbach geht in die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg zurück. Ab 1665, verstärkt ab 1693 (Vertreibung von jüdischen Familien aus Osthofen) konnten sich jüdische Familien unter dem Schutz des Grafen von Ysenburg in der Stadt niederlassen. Um 1700 wurden 120 jüdische Einwohner gezählt. Die Familien wohnten in der Schäfergasse, die seitdem auch "Judengasse" hieß. Zur Bildung einer selbständigen Gemeinde kam es um 1707. Als Geburtsurkunde der israelitischen Gemeinde Offenbach gelten gewöhnlich die Statuten von 1707. Nach dem Brand der Frankfurter Judengasse 1711 zogen weitere Familien zu. Im Laufe des 18. Jahrhunderts entwickelte sich Offenbach durch die Aktivitäten der jüdischen Familien  zu einer bedeutenden Handelsstadt. 1791 wurde Wolf Breidenbach zum Hoffaktor ("Fürstlich Ysenburgischer Rat") des Fürsten von Ysenburg ernannt. 1797 lebten bereits über 100 jüdische Familien in der Stadt. 
   
Seit dem 18. Jahrhundert war Offenbach Sitz eines Rabbiners, der zunächst noch dem Oberrabbinat Friedberg unterstellt war. Rabbiner Aron Schloss wird erstmals 1784 als "Oberrabbiner" in Offenbach genannt. Eine Übersicht über wichtige Rabbiner in Offenbach und einige Text zur Geschichte des Rabbinates auf der Seite zum Rabbinat in Offenbach.  
        
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner der Stadt wie folgt: 1828 848 jüdische Einwohner (11,4 % von insgesamt 7.166 Einwohnern), 1847 1.089 jüdische Personen in etwa 250 Familien, 1861 1.078 (6,4 % von insgesamt 16.703), 1871 1.003 (4,4 % von 22.699), 1890 936 (2,7 % von 35.034), 1900 1.213 (2,4 % von etwa 54.000), 1910 2.361 (3,1 % von 75,583). 
  
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge, eine jüdische Schule (Elementar- und Religionsschule), ein rituelles Bad und ein Friedhof. Neben der Synagoge war um 1751 ein Hospitalgebäude erstellt worden und um 1770 ein Gemeindehaus mit dem rituellen Bad. Ein neues Gemeindehaus - an der Hintergasse - wurde um 1900 in Benutzung genommen. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde waren (neben dem Rabbiner) noch weitere Lehrer und Kultusbeamten angestellt.  
        
Von überregionaler Bedeutung waren die in Offenbach bestehenden jüdischen/hebräischen Druckereien. Der Frankfurter Verleger Seligmann ben Hirz Reis ließ von 1714 bis 1721 in Offenbach drucken; erste hebräische Druckwerke entstanden in den 1720er-Jahren durch den Drucker Israel ben Jakob Belin (Sefer Evronot u.a.m.). Von großer Bedeutung war die 1767 entstandene hebräische Druckerei des R. Hirsch Segal Spitz aus Pressburg.  Bis zum 20. Jahrhundert reicht die Tradition großer Druckwerke aus Offenbach: 1927 erschien die "Offenbacher Haggadah" von Dr. Siegfried Guggenheim. Im Besitz der Stadt Offenbach (Stadtarchiv) befinden sich heute eine große Anzahl der in Offenbach gedruckten jüdischen/hebräischen Werke. 
     
Jüdische Gewerbebetreibe und Industrielle spielten im Wirtschaftsleben der Stadt eine hervorragende Rolle, u.a. im Bereich der Leder- und Lederwarenindustrie. 
 
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde: Otto Abraham (geb. 10.9.1890 in Hillesheim, gef. 26.5.1915), Julius Collin (geb. 11.6.1893 in Offenbach, gef. 11.10.1914), Offz.St. Dr. Maximilian Dreyfuß (geb. 29.9.1886 in Mainz, gef. 17.11.1914, Bericht), Gefreiter Salomon (Sally) Goldschmidt (geb. 13.3.1886 in Langenselbold, gef. 18.8.1918), Bernhard Kahn (geb. 1.10.1885 in Offenbach, gef. 29.2.1916), Gefreiter Dagobert (David) Klang (geb. 7.2.1894 in Offenbach, gef. 18.5.1915), Julius Lehmann (geb. 3.10.1884 in Hall, gef. 18.5.1915), Edmund Levy (geb. 10.8.1895 in Rhaunen, gef. 22.5.1916), Otto Liebrecht (geb. 21.9.1890 in Offenbach, gef. 11.10.1918), Siegfried Löb (geb. 27.1.1889 in Offenbach, gef. 22.10.1914), Gefreiter Hermann Mendel (geb. 6.1.1882 in Arnstadt, gef. 17.1.1915), Ludwig Alfred Meyer (geb. 4.4.1894 in Offenbach, gef. 28.3.1915), Gefreiter Josef Oppenheimer (geb. 18.6.1888 in Frankfurt, gef. 7.4.1917), Gefreiter Karl Saalberg (geb. 2.1.1893 in Frankfurt, gef. 22.8.1914), Paul Heinrich Schloß (geb. 8.4.1888 in Offenbach, gef. 4.11.1915), Willi Schmidt (geb. 5.11.1891 in Bieber, gef. 20.9.1914), Louis Stein (geb. 27.7.1881 in Offenbach, gef. 29.7.1915), Albert Strauß (geb. 15.4.1890 in Langenselbold, gef. 2.5.1915), Wilhelm (Willi) Strauß (geb. 4.9.1891 in Offenbach, gef. 24.8.1914, Bericht), Bernhard Weisstock (geb. 15.10.1896 in Frankfurt, gef. 13.11.1916), Eugen Wertheim (geb. 2.5.1886 in Offenbach, gef. 21.3.1918).        
  
Um 1925, als zur jüdischen Gemeinde 1.682 Personen gehörten (2,1 % von insgesamt 79.362 Einwohnern), waren die Vorsteher der Gemeinde Justizrat Dr. Max Goldschmidt (Bahnhofstraße 20), Lehrer Jacob Strauß, Theodor Fürth, Rechtsanwalt Dr. Guggenheim, Sally Gumb, Nathan Grünewald, Max Kamberg, Sali Lorch, Siegfried Stark und Friedrich Stein. Als Rabbiner war weiterhin Max Dienemann tätig (wohnt Straße der Republik 58), als Kantor Marcus Gottlieb, als Lehrer, Sekretär und Rechner der Gemeinde Jacob Strauß, als Synagogendiener Jos. Schmidt, als Schochet F. Wildmann. An der Religionsschule der Gemeinde unterrichtete Dr. Dienemann und Kantor Gottlieb. Der Religionsunterricht an den Volksschulen der Stadt wurde durch Lehrer A. Weinberg, A. Morgenroth, Jacob Strauß und M. Strauß erteilt. An den höheren Schulen der Stadt erteilte den Religionsunterricht Rabbiner Dr. Dienemann, Kantor Gottlieb und Lehrer J. Strauß. Insgesamt erhielten etwa 200 Kinder Religionsunterricht.      
       
An jüdischen Vereinen bestanden unter anderem: ein Chanukka-Verein (gegründet 1905, Ziel: Beschenkung armer Kinder zu Chanukka; 1924/32 unter Leitung von Dr. Dienemann mit 1932 200 Mitgliedern), die Chewra Kadischa (Beerdigungsbrüderschaft; gegründet vor 1725; Unterstützung Hilfsbedürftiger und Bestattungswesen; 1924 unter Leitung von Siegfried Stark, 1932 unter Leitung von Nathan Grünewald mit 36 Mitgliedern, Herrenstraße 3), die Erholungsfürsorge für Kinder (gegründet 1920; 1932 unter Leitung von Rabbiner Dr. Dienemann), die Israelitische Frauen-Krankenkasse (gegründet 1872, jedoch schon 1822 erwähnt; 1924 unter Leitung der Frau von Jos. Schmidt), das Israelitische Frauenstift e.V. (gegründet 1868, Ziel: Allgemeine Wohlfahrtspflege, 1924 unter Leitung der von Frau Kamberg mit 300 Mitgliedern, 1932 unter Leitung von Mally Dienemann mit 200 Mitgliedern), die Israelitische Hilfskasse (Rabbinatsstift, gegründet 1900, Ziel: Unterstützung hiesiger und durchreisender Israeliten; 1924/32 unter Leitung von Rabbiner Dr. Dienemann mit 180 beziehungsweise 163 Mitgliedern), die Israelitische Männer-Krankenkasse (gegründet um 1740, Zweck: Krankenfürsorge; 1924/32 unter Leitung von Saly Gumb mit 70 beziehungsweise 53 Mitgliedern), eine Ortsgruppe des Central-Vereins (1932 unter Vorsitz von Dr. Guggenheim, Tulpenhofstraße 54, ein Chorverein (1932 unter Vorsitz von M. Grünewald, Herrenstraße 3), eine Ortsgruppe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten (nach dem Ersten Weltkrieg; 1932 unter Vorsitz von Rektor Gabriel, Rathenaustraße) und ein Verein für jüdische Geschichte und Literatur (1924 unter Leitung von Dr. Guggenheim).
  
1932 waren die Gemeindevorsteher Justizrat Dr. Goldschmidt (1. Vors., Bahnhofstraße 20), Dr. Guggenheim (2. Vors., Tulpenhofstraße 54), Theodor Fürth (3. Vors, Frankfurter Straße 97). Weiterhin waren Rabbiner Dr. M. Dienemann, Lehrer Jakob Strauß (Rathenaustraße 23), Dr. M. Strauß (Ludwigstraße 64) und H. Lichtenstein (Hernaustraße 35) sowie Kantor M. Gottlieb (Aliceplatz) in der Gemeinde tätig. Im Schuljahr 1931/32 erhielten insgesamt 184 Kinder der Gemeinde Religionsunterricht.
  
1933 wurden 1.435 jüdische Einwohner gezählt (1,8 % von insgesamt 81.329 Einwohnern). In den folgenden Jahren ist ein Teil von ihnen auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien ausgewandert beziehungsweise weggezogen. Doch sind aus anderen Gemeinden auch jüdische Personen nach Offenbach zugezogen, sodass 1938 noch 950 jüdische Einwohner gezählt wurden. Erst durch die Ereignisse beim Novemberpogrom 1938 erfolgte eine verstärkte Emigration, sodass bis Mai 1939 die Zahl der jüdischen Einwohner auf 554 zurückging (0,7 % von insgesamt 85.128 Einwohnern). 
 
Beim Novemberpogrom 1938 ist die Synagoge im Inneren durch Brandstiftung völlig ausgebrannt (siehe unten). Jüdische Gemeindeglieder teilweise brutal wurden misshandelt; in der ganzen Stadt wurden jüdische Häuser und Wohnungen überfallen. Unter anderem wurde die Wohnung der Familie Maiberg (Im kleinen Biergrund 31) überfallen; die Möbel wurden mit Äxten und Hämmern zertrümmert, Geschirr, Betten und andere Einrichtungsgegenstände wurden auf die Straße geworfen. Die Schaufenster jüdischer Läden wurden eingeschlagen, die Läden selbst wurden geplündert. 92 jüdische Männer wurden verhaftet und unter weiteren Misshandlungen in das KZ Buchenwald verschleppt.     
 
Im August 1941 wurden noch 330 jüdische Einwohner gezählt. Im August/September 1942 begannen die Deportationen. Sammelplatz für die aus ihren Wohnungen getriebenen Menschen war der Platz hinter der ehemaligen Synagoge (Kaiserstraße 110, heute Bereich der Messehallen). Noch im Februar 1945 wurden sogenannte jüdische "Mischlinge" von Offenbach in das Ghetto Theresienstadt deportiert.  
  
Von den in Offenbach geborenen beziehungsweise längere Zeit dort lebenden Menschen sind vermutlich mehr als 400 in den Ghettos oder Vernichtungslagern des Ostens umgekommen. 
 
Im jüdischen Teil des Alten Friedhofes (Große Hasenbachstraße / Bismarckstraße) befinden sich insgesamt 34 Urnengräber von in Konzentrationslager Ermordeten; die Urnen kamen aus den Lagern Auschwitz, Buchenwald, Dachau, Majdanek, Mauthausen, Ravensbrück und Sachsenhausen. 20 dieser Personen sind namentlich bekannt: Jekel Boksenbaum, Karl Boxbaum, Ariel Brenninger, Josef Constantin, Elsa Eysen, Simon Graf, Sarah Horn, Friedrich Kalbfleisch, Pinkus Kranemann, .. Kurfanek, Josef Lamel, Feibel Obrizki, Anna Pretsch, Walter Schirokauer, Wilhelmine Schminko, Salomon Schwarwald, Adolf Thüringer, Jakob Waldmann, Emil Weinberger, Johanna Wolf.    
      
      
Offenbach Synagoge n110.jpg (21530 Byte)Nach 1945 konnte eine - zunächst nur kleine - jüdische Gemeinde wiederbegründet werden ("Jüdische Gemeinde Offenbach K.d.ö.R."). In den 1990er-Jahren erfolgte ein stärkerer Zuwachs von neuen Gemeindegliedern aus den GUS-Staaten. Der Gemeinde gehören 2011 etwa 830 Personen an. Gemeindeverwaltung und Synagoge sind in der Kaiserstraße 109. Neben der Synagoge bestehen an Einrichtungen ein Kindergarten, eine Gemeindebibliothek, eine koschere Küche im Gemeindehaus, ein Jugendzentrum und ein Seniorentreff. Derzeitige Gemeindevorsteher (Stand 2011) sind Prof. Alfred Jacoby (Vorsitzender) und Mark Dainow (stellvertretender Vorsitzender). 
Rabbiner der Gemeinde ist Menachem Mendel Gurewitz (vgl. Website www.chabadoffenbach.de/).  
Kontakt zur Gemeinde über E-Mail: info[et]jgof.de (Ansprechpartner Henryk Fridman). 
Informationen zur jüdischen Gemeinde Offenbach auch auf in der Website des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen: Seite zu Offenbach.  
Weitere Fotos des Gemeindezentrums in der Kaiserstraße 109 in der Website der Stadt Offenbach: Seite zum jüdischen Gemeindezentrum.    
 
    
    
    
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde    
Gemeindebeschreibung (1937!)  

Offenbach GblIsrGF Juni1937 21.jpg (187595 Byte)Artikel im "Gemeindeblatt der israelitischen Gemeinde Frankfurt" vom Juni 1937 S. 21: "Offenbach am Main. 95.000 Einwohner. - Besteht als Dorf schon zur Zeit des deutschen Königs Otto II., gehört seit 1419 teilweise, seit 1486 ganz den Herren von Isenburg-Büdingen, wird 1685 Residenz der Fürsten von Isenburg-Offenbach (-Birstein). Graf Joh. Philipp ruft um 1699 wie die Hugenotten und Waldenser auch die Juden ins Land, besonders nach Offenbach selbst. Aber Industrie und Handel werden durch Zollschranken und durch Kriege gehemmt. Seit Übergang Offenbachs an Hessen 1816 und Anschluss Hessens an den Zollverein wächst Offenbach zur drittgrößten Stadt und zur bedeutendsten Industriestadt Hessens heran. Es ist der Vorort der deutschen Leder- und Lederwarenindustrie, auch graphische Gewerbe und Fabriken aller Art sowie chemische Fabriken kennzeichnen es.   
Die Judengemeinde Offenbach ist jung. Noch 1614 (Fettmilch!) wird ein Schiff, das flüchtige Juden mainaufwärts trägt von Offenbach aus beschlossen. Aus der Zeit des 30-jährigen Krieges kennen wir den Rosskam Lazarus. Bals nach dem Krieg aber gibt es in Offenbach schon einige Juden, die von den Isenburgern gegen die Konkurrenz neu zuziehender Juden geschützt werden, in der Schäfergasse, nun 'Judengasse', wohnen und dem Oberrabbinat Friedberg angehören. 1707 erfolgt die Gründung einer Gemeinde. Deren erster Rabbiner Michel Oppenheim wohnt einstweilen in Frankfurt, hat nur am Sabbat vor Jom Kippur und am Sabbat vor Pessach zu predigen, darf auch in anderen Gemeinden amtieren und ist anfangs dem Oberrabbiner von Friedberg nachgeordnet. Wohl nach dem großen Brand der Frankfurter Judengasse 1711 zieht R. Oppenheim nach Offenbach, mit ihm noch andere Frankfurter Juden. Auch das günstige Judenprivileg zieht Auswärtige an. Bald entsteht eine neue 'Große' Judengasse. 1719 ergeht ein neues Privileg, worin bestätigt wird, dass 'gemeldete Judenschaft zur Aufnahme des Fleckens Offenbach ein ziemliches beitragen'. Schule und Friedhof dürfen erweitert und neu angelegt werden, Rabbiner, Schulkläpper und Vorsänger sowie der 'Schulessezer', der den Gemeinde-Backofen bedient, sind von allen Judensteuern frei. 1725 ist R. Oppenheimer Oberrabbiner, also ständiger Rabbiner in Offenbach. Von 1729 an wird der Gottesdienst, der bis dahin wahrscheinlich in einem Betsaal stattfand, in der neu erbauten Synagoge an der Großen Marktstraße      
Offenbach GblIsrGF Juni1937 22.jpg (395281 Byte)und Hintergasse abgehalten. Die Gemeinde wächst stark; sie bestimmt ein 1751 erworbenes Haus neben der Synagoge zum Hospital (Hekdesch), das heißt für Unterkunft von Alten, Kranken und durchreisenden Armen, und 1770 kommt ein Gemeindehaus hinzu.   
In dieser zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist Offenbach eine viel genannte Gemeinde. Der berühmte Frankfurter Rabbiner Jakob Josua Falk, der 'Pne Jehauschua', ist den unendlichen Streitigkeiten in der Frankfurter Kehilla ausgewichen, hält sich zeitweise in Offenbach auf und kämpft von hier aus erbittert gegen offene und heimliche Anhänger des damals schon lange verstorbenen falschen Messias Sabbathai Zwi, gegen deren Amulettenunwesen und Mystizismus, vor allem gegen den gelehrten Kabbalisten Jonathan Eybenschütz, Rabbiner von Altona, Hamburg und Wandsbek. Während die Frankfurter Gemeinde beschließt, ihn zurückzurufen, stirbt R. Falk in Offenbach. Die großen Ehren, die der Verstorbene erfährt, gelten auch seiner Sache. - Aber zur gleichen Zeit ist dem Sabbathai Zwi ein neuer Jünger entstanden, der Wolhynier Jakob Leibowicz Frank, einer der phantastischsten Abenteurer der Geschichte, der als angeblich wieder auferstandener Sabbathai Zwi neben seinem Übertritt zur katholischen Kirche noch das Ritualmordmärchen für seine Glaubhaftigkeit ins Treffen führt, 13 Jahre im Kerker zu Czenstochau sitzt, dann in Brünn eine Leibgarde von Ulanan, Kosaken und Husaren bildet, von seinen Gläubigen auch so unterstützt wird, dass er 1788 vom Fürsten zu Isenburg das Schloss zu Offenbach mieten und dort als 'Baron von Offenbach' mit einem zivilen und militärischen Hofstaat von etwa 1000 Menschen residieren kann. Offenbach wird regelrechter Wallfahrtsort der 'Frankisten' aus Polen, Mähren, Böhmen und Deutschland. Frank stirbt zwar 1791 und wird auf dem katholischen Friedhof - aber ohne Mitwirkung der katholischen Geistlichkeit - beerdigt: aber seine schöne Tochter Eva 'die heilige Herrin', residiert und empfängt im Schloss, wird hier sogar einmal von Kaiser Alexander I. besucht, stirbt aber 1816 nach vollständigem Vermögensverfall. Die letzten Anhänger Franks sind dann häufig an dem Namen Schäps von Schabsai = Sab(a)tai, also etwa Sabbataist oder Schöps oder Schapsky erkennbar. - Zugleich mit Frank lebt Wolf Breidenbach, der Hoffaktor des Kurfürsten von Hessen-Kassel, Hof- und Kammeragent der Fürsten von Isenburg-Birstein. All seinen Einfluss bietet er für die Verbesserung der Lage der Juden in Deutschland auf. Isenburg-Birstein war das erste deutsche Land, das den Leibzoll der Juden abschaffte (1803); sofort folgten Kurhessen und zahlreiche kleinere Länder, im Verlauf weniger Jahre alle anderen deutschen Staaten. Breidenbach aber wird jetzt aus einem Politiker zu einem Mäzen für Juden und Nichtjuden, der auch seine Gemeinde Offenbach großzügig bedenkt, bis er 1829 hochbetagt stirbt. Schon 1767 hat R. Hirsch Segal Spitz aus Pressburg eine hebräische Buchdruckerei in Offenbach begründet, die u.a. recht schöne Machsaurim herstellt und dessen Firma bis in 19. Jahrhundert bleibt. Vielleicht im Zusammenhang damit erlernt der 1791 als Kind armer Eltern in Offenbach geborene Isaac Erberscht die Buchbinderei. Nebenher aber lernt er Flöte, Geige, Gesang, rückt eines Tages aus, wird in Deutz Mitglied einer wandernden Musikergruppe und nach einigen Jahren - Vorbeter in Köln, wo er übrigens einige schöne noch heute gebräuchliche Pessachmelodien aufschreibt. Sein siebentes Kind ist - Jacques Offenbach! - In enger Beziehung zum graphischen Gewerbe steht augenscheinlich auch der Vater des bedeutenden Offenbacher Rabbiners Dr. Salomo Formstecker. (Die 'Formstecher' stachen die Formen für den Druck von Tapeten, in späterer Zeit auch Linoleum, in die hölzernen Druckwalzen.) Mit der kulturellen Bedeutung der Gemeinde wächst ihre bürgerliche Geltung. 1810 werden einige Natural-Judenabgaben: der Sortengulden, die Weinzapf-Akzise, das Musikgeld (eine Vergnügungssteuer!) und das Federlappengeld abgelöst; später erst fallen die Hundverpflegungsabgaben und die an die reformierte Pfarrstelle zu zahlenden Neujahrsgelder. Die Gemeindeeinrichtungen: Synagoge, Hospital, Frauenbad werden erneuert, 1821 die deutsche Predigt, an Schewuaus 1833 durch den einstweiligen Prediger und Religionslehrer, späteren Rabbiner Dr. Salomo Formstecher die Knaben und Mädchenkonfirmation eingeführt. Offenbach ist seitdem eine entschieden liberale Gemeinde geblieben. Sie zählte 1834: 241 Familien, 1843: 150 schulpflichtige Kinder, 1900: 1200 Seelen. 1905 wohnen von 164 jüdischen Fabrikanten des Großherzogtums Hessen 75 in Offenbach, 19813: 2360 jüdische Seelen mit etwa 300 schulpflichtigen Kindern. Zu Pessach 1916 wird ein großartiger Synagogenbau unter der Ägide des Rabbiners Dr. I. Goldschmidt und des Vorstehers Dr. M. Goldschmidt eingeweiht. Krieg und Inflation schwächen die Gemeinde; 1924: 1700, 1937 kaum 1200 Seelen. Noch einmal erscheint 1927 in Offenbach ein Gottesdienstlicher Druck: die 'Offenbacher Haggada' von Dr. Guggenheim, dem jetzigen Vorsteher der Gemeinde; Ausdruck geschichtsbewussten Liberalismus, edles Erzeugnis auch des Offenbacher graphischen Gewerbes, Musikalischer Mitarbeiter ist der 1. Kantor der Gemeinde, Markus Gottlieb. 1935 ersteht die jüdische Volksschule, Leiter Dr. Strauß. - Kreisrabbiner ist seit 1919 Dr. Max Dienemann (seine populärste Schrift: Judentum und Christentum). Sehenswert: die Synagoge an der Goethe- und Kaiserstraße, von Schwarz und Wagner erbaut, 30 m hoher, runder Kuppelbau mit etwa 800 Sitzplätzen. Er ist von einem Ostflügel mit Wochentagssynagoge, Verwaltungs- und Schulräume und von einem Westflügel mit dem großen Festsaal (für 300 Personen) nebst Gesellschaftsraum und einem kleinen Saal im Dachgeschoss eingerahmt. Unter den zahlreichen Schreinvorhängen ein besonders schöner vom Krankenpflege und Beerdigungsverein von 1725 und eine alte Sabbathängelampe, ein kunstgewerblicher Meisterstück mit reicher figürlicher, durch die Bibel angeregter Verzierung. Auskunft Herr H. Schaul, Goethestraße 1. Der alte Friedhof, an der Bismarckstraße, unmittelbar neben der Christuskirche."    

      
      
     

Zur Geschichte der Synagoge   
        
Bis 1707 besuchten die jüdischen Familien Offenbachs den Gottesdienst in dem nordöstlich von Offenbach liegenden Vorort Bürgel. Seitdem bestand ein eigener Betsaal im Bereich der Offenbacher "Judengasse" in einem Gebäude Ecke Große Marktstraße/Hintergasse. Bei einem großen Brand der Judengasse 1721 wurde dieser Betraum zerstört. Am selben Platz wurde wenige Jahre später eine Synagoge erbaut. Die Einweihung war 1729. Neben dieser Synagoge entstand 1751 ein Hospitalgebäude und um 1770 ein jüdisches Gemeindehaus mit einem rituellen Bad. 1821 wurde das Synagogengebäude auf Veranlassung von Wolf Breidenbach innen renoviert. 1832 wurden offenbar auch außen Veränderungen durchgeführt.  
       
1902 wurde diese Synagoge noch einmal renoviert und vergrößert. Sie hatte zuletzt für die Männer 254 Sitzplätze (dazu Sitzplätze auch den Frauenemporen). Über die Wiedereinweihung liegt der folgende Bericht vor: 
 
Wiedereinweihung der (alten) Synagoge nach der Renovierung und Vergrößerung (1902)     

Offenbach AZJ 31101902.jpg (103196 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 31. Oktober 1902: "Offenbach am Main, am 21. Oktober (1902). Am Rüsttage des Neujahrsfestes wurde hier die renovierte und vergrößerte Synagoge eingeweiht. Die gottesdienstliche Feier begann mit dem Einzug sämtlicher Torarollen, indem der Chor Boruch-haboh anstimmte. Unter Wechselgesang zwischen Chor und Kantor wurden nun die Torarollen in die heilige Lage verbracht, worauf Rabbiner Dr. Goldschmidt die Weiherede heilt. Er betonte, dass das soeben vollendete Werk der Gemeinde nur zum Segen gereichen könnte, indem ursprünglich ein herrlicher Neubau geplant war, welcher einen für die hiesige Gemeinde zu großen Kostenaufwand gefordert hätte. Mit besonderem Dank sei auf die ernste und rege Tätigkeit des Vorstandes hinzuweisen, der das Wohl der Gemeinde damit gefördert habe. Mit einem schönen poetischen gebet aus der Übersetzung des Herrn Dr. Goldschmidt schloss die wahrhaft ergreifende und eindrucksvolle Weiherede. Ein Chorgesang beendete die Feier, worauf Kantor Kahn das Maariv-gebet mit seiner klangvollen und schönen Stimme vortrug. Möge das Gotteshaus, das im Innern einen einfachen, aber freundlichen Eindruck macht, dazu beitragen, dass die Mitglieder der Gemeinde es recht oft zur Andacht besuchen!"

      
Die Wiedereinweihung der (alten) Synagoge in der ehemaligen Judengasse (heute Große Marktstraße) war nur eine Zwischenlösung, da die Gemeinde alsbald den Bau einer neuen Synagoge plante. Diese wurde 1913 bis 1916 im monumentalen Stil nach Plänen des Offenbacher Architekten Fritz Schwarz erbaut. In diesem Bau zeigte sich das damalige Selbstverständnis und das reiche kulturelle Leben der Jüdischen Gemeinde in Offenbach. Über die Verwirklichung des Planes zum Bau der neuen Synagoge berichten die nachfolgenden Presseartikel:     
 
Beschluss zum Bau einer neuen Synagoge (1908)         

Offenbach AZJ 25121908.jpg (15839 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 25. Dezember 1908: "Die israelitische Religionsgemeinde in Offenbach am Main hat den Bau einer neuen Synagoge beschlossen."     

   
Stiftung von Fabrikant Louis Feistmann für den Neubau der Synagoge (1911)      

Offenbach AZJ 24111911.jpg (30398 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 24. November 1911: "Der israelitischen Gemeinde in Offenbach stiftete der Fabrikant Louis Feistmann für den Neubau einer Synagoge 50.000 Mark unter der Bedingung, dass eine freie Konkurrenz unter den Offenbacher Architekten stattfinde."   
      
Offenbach AZJ 08121911.jpg (77820 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 8. Dezember 1911: "Offenbach am Main, 1. Dezember (1911). Die israelitische Gemeinde Offenbach beabsichtigt, eine neue Synagoge zu erbauen. Der 2.600 qm umfassende Bauplatz, der für den Preis von 135.000 Mark bereits in den Besitz der Gemeinde übergegangen ist, liegt an der Ecke der Kaiser- und Goethestraße. Zugunsten dieses Projektes hat Fabrikant Louis Feistmann, wie bereits gemeldet, 50.000 Mark gestiftet, wovon 10.000 Mark zur sofortigen Auszahlung bereitgestellt worden sind, während restliche 40.000 Mark erst nach dem Ableben der Eheleute Feistmann zur Auszahlung gelangen sollen. Falls die Gemeinde das Geld benötigt, kann ihr auch die ganze Summe unter gewissen Bedingungen zur Verfügung gestellt werden. Die Feistmannsche Stiftung stellt die Bedingung, dass für den Bau ein freier Wettbewerb sämtlicher Offenbacher Architekten ausgeschrieben wird."   

      
Für die neue Synagoge wird ein Bauplatz gekauft - es gehen 94 Architektenentwürfe ein (1912)     

Offenbach FrfIsrFambl 03051912.jpg (88179 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 3. Mai 1912: "Offenbach am Main. Unsere Gemeinde hat einen sehr schön gelegenen Bauplatz - Ecke Kaiser- und Goethestraße - für einen Synagogenbau erworben. Zu dem für den Neubau ausgeschriebenen Wettbewerk waren 94 Entwürfe eingelaufen. Das Preisgericht, bei dem u.a. auch Prof. Dr. Hülfen - Frankfurt am Main als Preisrichter fungierte, hat am 24. April getagt und den ersten Preis dem Architekten Fritz Schwarz, hier, den zweiten dem Hauptlehrer H. Stumpf in Darmstadt und den dritten dem Prof. Meißner in Darmstadt zuerkannt. Außerdem sind die Entwürfe der Architekten Hch. Beck aus Bremen und Karl Wagner hier durch die Gemeinde erworben worden. Zu dem Wettbewerb waren nur hessische und in Hessen geborene Architekten zugelassen. Mit dem Bau wird nun in allernächster Zeit begonnen werden."                

   
Bestimmung der Architekten der neuen Synagoge (1912) 

Offenbach FrfIsrFambl 28061912.jpg (31058 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 28. Juni 1912: "Offenbach am Main. Die Leitung des Neubaus unserer Synagoge wurde den hiesigen Architekten Schwarz und Wagner übertragen. Schwarz war bei dem Skizzen-Wettbewerb der Träger des ersten Preises, während Wagners Skizze vom Preisgericht angekauft wurde."         

   
Grundsteinlegung der Synagoge am 5. Oktober 1913  

Offenbach FrfIsrFambl 10101913.jpg (46503 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 10. Oktober 1913: "Offenbach. Die Grundsteinlegung zum Synagogenneubau wurde in feierlicher Weise vorgenommen. Rechtsanwalt Dr. Goldschmidt, der erste Vorsteher, gab einen geschichtlichen Rückblick über die Entwicklung der Gemeinde. Rabbiner Dr. Goldschmidt hielt die Festrede. Die Kosten des Neubaus belaufen sich auf eine halbe Million Mark. Erbauer sind Friedrich Schwarz und Wagner - Offenbach."    
  
Offenbach AZJ 15101913.jpg (252294 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 15. Oktober 1913: "Offenbach am Main, 10. Oktober (1913). Am 5. dieses Monats wurde hier die Grundsteinlegung der neuen Synagoge vorgenommen. Der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Notar Rechtsanwalt Dr. M. Goldschmidt, eröffnete die Feier mit einer Ansprache, in der er die Erschienenen begrüßte, verlas alsdann die Urkunde und schloss mit dem Wunsche, dass das wohl begonnene Werk zum guten Ende geführt werde. Darauf trat Rabbiner Dr. Goldschmidt an den Grundstein und hielt die Weiherede, in der er unter anderem ausführte: 'Jeder Grundstein hat symbolische Bedeutung. Das gilt in erhöhtem Maße vom Grundstein einer Synagoge, welche im ganzen nur das äußere Symbol für den geistigen Aufbau des Judentums darstellt. Der Grundstein einer Synagoge ist Symbol der Grundideen des Judentums. Der geistige Bau des Judentums beruht auf drei 'Grundsteinen', auf drei Grundideen. Die erste Grundidee des Judentums ist die Einheit Gottes, die Einheit des Unendlichen. Mit dieser Idee hat das Judentum die Bühne der Geschichte betreten und dem heidnischen Altertum den Krieg erklärt. Der zweite Grundstein des Judentums ist die Idee der geschichtlichen Sendung Israels. Mit der Idee der Einheit des Unendlichen hatte Israel den Partikularismus, die nationalen Schranken der heidnischen Religionen durchbrochen, und weil es zuerst die Einheit des Unendlichen in seinem Geiste erfasst hatte, übernahm es den schwersten Lehrerberuf, den Prophetenberuf, die Idee der Einheit des Unendlichen zum Gemeingut aller Völker zu machen. Der dritte Grundstein des Judentums ist die Idee der Einheit des Menschengeschlechts, die Idee der Menschheit. Für diese drei Grundideen des Judentums ist der Grundstein einer jeden Synagoge der symbolische Träger. Das soll auch der Geist unserer neuen Synagoge sein, und für die Grundideen dieses Geistes soll auch der Grundstein, dessen Legung wir eben feierlich begehen, der symbolische Träger sein: die Einheit des Unendlichen, die geschichtliche Sendung Israels, die Einheit und Verbrüderung der Menschheit.' Der Grundstein wurde nun über die metallene Kapsel eingefügt und der Rabbiner fuhr fort: 'So vollziehe ich denn die üblichen drei Hammerschläge als symbolische Weihe dieses Grundsteins im Geiste der drei Grundideen des Judentums. Ich vollziehe den ersten Hammerschlag im Namen des Einig-Einzigen Gottes, der Einheit des Unendlichen mit dem Spruche: 'Der Ewige allein ist Gott' (1. Könige 18.39). Ich vollziehe den zweiten Hammerschlag im Namen der geschichtlichen Sendung Israels mit dem Verse: 'Von Zion ging aus die Lehre und das Wort des Ewigen von Jerusalem' (Jesaja 2,3). Ich vollziehe den dritten Hammerschlag im Namen der Menschheit mit dem Verse: 'Du sollst lieben deinen Nebenmenschen wie dich selbst' (3. Mose 19,18). Darauf vollzogen die Hammerschläge die Mitglieder des Vorstandes: Notar Dr. M. Goldschmidt mit dem Spruch: 'Du Bau, welchen wir ausführen, gereiche den Besuchern zu Freude, der Gemeinde zum Stolz und der Stadt zur Zierde. Von ihm aus geht der Friede'. Rechtsanwalt Dr. Guggenheim* mit dem Vers: 'Das ist der Spruch des Herrn Zebaoth: Nicht durch Macht und nicht durch Gewalt, sondern durch meinen Geist' (Zecharja = Sacharja 4,6); Herr M. Kamberg mit dem Vers: 'Werde zum Segen' (1. Mose 12,2); Herr Ludwig Rothschild mit dem Spruch: 'Erhebe Israel zum kräftigen Selbstbewusstsein und zu seiner wahren Bedeutung'; Herr Friedrich Stein mit dem Vers: 'Wo Liebe und Wahrheit sich begegnen, Gerechtigkeit und Frieden sich küssen, da kommt das Heil vom Himmel' (Psalm 85,11-12); Herr Bauunternehmer Hasen- 
Offenbach AZJ 15101913a.jpg (108277 Byte)bach mit dem Spruch: 'Tue Recht und scheue niemand'; die Kantoren: Herr Vogel mit der Ansprache: Der Prophet Maleachi (2,10) ruft uns zu: 'Haben wir nicht alle einen Vater? Schuf uns nicht ein Gott? Warum soll Bruder gegen Bruder treulos sein?' Auch der Prophet Jesaja (56,7) spricht: 'Mein Haus soll ein Bethaus sein für alle Völker'; Herr Kantor Gottlieb mit dem Vers aus dem Schlussgebet des täglichen Gottesdienstes: 'Dir, o Gott, beuge sich jeder Stein, schwöre jede Zunge!'. Die Mitglieder der Synagogenbau-Kommission: Herr Louis Feistmann mit dem Spruch: 'Gott und der Gemeinde zur Ehre, unserer Vaterstadt zur Zierde!'; Herr Theodor Fürth mit dem Spruch: 'Eine feste Burg ist unser Herr, dorthin flüchtet sich der Fromme, und geschützt ist er (Sprüche Salomons 18,19); Herr Bernhard Merzbach mit dem Vers (Sprüche Salomos 24,21): 'Fürchte Gott und den König'; Herr Siegfried Stark mit dem Spruch (Tosefta Sanhedrin 13,2): 'Die Rechtschaffenen aller Völker haben Anteil and er zukünftigen Welt'; Herr Alfred Strauß mit dem Spruch: 'Mit Gott! Für Gott! Durch Gott!' Herr Zahnarzt Wolpe mit dem Verse (5. Mose 6,4): 'Höre Israel, der Ewige ist unser Gott! Der Ewige ist einzig.' Darauf beteiligten sich die Architekten Schwarz und Wagner und mehrere Mitglieder der Gemeinde an den Hammerschlägen. Den Beschluss machte Frau Betty Stein mit den Schillerschen Versen: Zur Eintracht, zum herzinnigen Vereine versammle sie die betende Gemeinde!' – Mit einem Rundgang in den bereits fertig gestellten Teilen der Synagoge unter Führung der Architekten schloss die ebenso einfache, als würdige und eindrucksvolle Feier."      
*Anmerkung: Über die Verdienste des Kunstmäzen Dr. Siegfried Guggenheim erschien ein Artikel von Ulrike Schäfer in der "Wormser Zeitung" vom 22. November 2011: "Das Vermächtnis eines Wormser Kunstmäzens: Siegfried Guggenheims Wirken in Offenbach..."  
Link zum Artikel - auch eingestellt als pdf-Datei.      

  
Über den Brunnen im Vorhof der neuen Synagoge (1914)  

Offenbach Frf IsrFambl 20041914.jpg (99509 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 20. April 1914: "Offenbach am Main. Den Vorhof unserer neuen Synagoge wird ein Brunnen zieren, der dem Andenken Wolf Breidenbachs geweiht werden soll. Wolf Breidenbach, bekanntlich Hoffaktor der Fürsten von Isenburg, erwirkte zu Anfang des vorigen Jahrhunderts die Aufhebung des entwürdigenden Juden-Leibzolls in den meisten Staaten Mittel- und Westdeutschlands. Der erste deutsche Fürst, welcher der Bitte Breidenbachs Gehör schenkte, war der auch sonst als tolerant bekannte Fürst Karl zu Isenburg, welcher in Offenbach residierte und im September 1803 den Leibzoll im Fürstentum Isenburg-Birstein abschaffte. Andere deutsche Fürsten folgten auf Breidenbachs Bemühungen bald nach. 
Die Idee, den Namen des wackeren und verdienstvollen Vorkämpfers der Juden durch ein sichtbares Denkmal der Vergessenheit zu entreißen, verdient daher Anerkennung und die Unterstützung weitester Kreise."          

  
Die Arbeiten an der Innenausstattung der Synagoge beginnen (1914)   

Offenbach Frf IsrFambl 23011914.jpg (34952 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 23. Januar 1914: "Offenbach am Main. Der Neubau der Synagoge ist jetzt so weit gediehen, dass an die Innenausstattung gedacht werden kann. Der Opfersinn unserer Gemeinde gibt sich dabei in schönster Weise kund. Eine Liste zur Stiftung von Gegenständen für die Innenausstattung, die zur Zeit zirkuliert, weist bereits namhafte Beträge auf."           
 
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30. Januar 1914: wie oben   

  
Die Einweihung der Synagoge (1916)  

Offenbach Main AZJ 05051916.jpg (283168 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. Mai 1916: "Offenbach am Main, 28. April (1916). Am Sonntag, den 16. dieses Monats, vormittags 11 Uhr versammelte sich in der neuerbauten Synagoge die israelitische Gemeinde zu einer eindrucksvollen Einweihungsfeier, zu der zahlreiche Ehrengäste usw. sich eingefunden hatten. Als Vertreter der Großherzoglichen Regierung nahm Staatsminister Dr. von Hombergk an der Feier teil; ferner bemerkten wir u.a. Kreisrat Gennes, die Vertreter des Bataillons, der städtischen Verwaltung und der Stadtverordnetenversammlung, der übrigen Behörden, der Geistlichkeit, der Schulen usw. Mit einem feierlichen Präludium eröffnete Organist Fritz den weihevollen Festakt. Brausend hallten die vollen Akkorde durch den weiten Kuppelraum, dessen Schallwirkung, die Sorge jedes Baumeisters, geradezu hervorragend ist. Nach dem Chorgesange 'Wie schön sind deine Zelte, Jakob!' wurde vom Rabbiner das ewige Licht, das Symbol der ewigen Wahrheit und Treue und der Unvergänglichkeit des geheiligten Gotteswortes entzündet, das seine milden, roten Strahlen aus seiner silbernen Hülle hernieder sandte und mit dem Licht zusammenfloss, das aus dem gewaltigen Kronleuchter sich über den Tempel ergoss. Hierauf ergriff Justizrat Dr. Goldschmidt das Wort: 'Gott zur Ehre, der Gemeinde zur Freude und Erbauung und der Stadt Offenbach zur Zierde ist dieses Haus errichtet worden.' Der Redner entbot der Gemeinde und allen Ehrengästen seinen Gruß und dankte allen, die an dem Werk mitgewirkt haben, allen Künstlern und Handwerkern und vor allen den Architekten Schwarz und Wagner. 'Im Jahre 1729 hat die Gemeinde sich die erste Synagoge erbaut, in demselben Jahre, als Gotthold Ephraim Lessing geboren wurde, der Mann, der der deutschen Kulturentwicklung neue Bahnen zeigte und der seinen israelitischen Mitmenschen den Platz anwies, der ihnen gebührte. Damals war die israelitische Gemeinde arm, und das Gotteshaus was deshalb schlicht und schmucklos. Die Schatten des Mittelalters lagen damals noch schwer auf dem Judentum, wenn auch die Isenbergische Regierung sich durchaus wohlwollend und die Bevölkerung tolerant verhielt. Und als vor hundert Jahren das Land zu Hessen kam, setzte die hessische Regierung dieses Wohlwollen fort, und die Offenbacher Bevölkerung bewies durch Brüderlichkeit und Freundschaft ihre Toleranz. Die Synagoge in der Marktstraße genügte trotz mancherlei Um- und Erweiterungsbauten den Ansprüchen der Gemeinde nicht mehr. Vor 18 Jahren beschloss daher der Vorstand der Gemeinde, einen Neubau zu errichten. Der Plan fiel zunächst wieder, wurde aber vor fünf Jahren abermals aufgenommen und ist nun zum guten Ende geführt. Aber auch der geistige und kulturelle Forschritt drängte hinaus aus der alten Synagoge. Uns Heutigen ist das Leben zur Religion gemacht, alles, was gut und sittlich ist, ist heute in die Religion aufgenommen. In diesem Sinne wird heute der Gottesdienst durch die Werke der Kunst verschönt. Und dann waren die Juden vor 200 Jahren noch gedrückte Menschen, heute genießen sie die Segnungen der Kultur und wollen sich den schwer errungenen Platz an der Sonne bewahren. Gotteslehre, Jugendunterweisung und Geselligkeit sollen unter diesem Dache wohnen. Wohl hatte die alte Synagoge einen reichen Schatz von Erinnerungen aufzuweisen. Aber dieser neue Tempel wird einen Nimbus dadurch erhalten, dass er im Frieden begonnen und mitten im Kriege zu Ende geführt wurde. Unseren tapferen Truppen gebührt der Dank. Unter ihrem Schutze konnte das Werk vollendet werden. Menschen werden immer ihre Anschauungen ändern, was aber bleibt, das ist die Glaubenslehre, die Lehre des Sittlichen und des Guten, die Pflicht gegen Mitmenschen und Vaterland. Und diese Gotteslehre soll hier eine neue Heimstatt finden.' Nach dem Terzett 'Gott, deine Güte reicht so weit...' hielt Rabbiner Dr. Goldschmidt eine eindrucksvolle Festpredigt: 'Nach mehr als zwanzig Kriegsmonaten führen unsere Heere den Krieg im Land des Feindes; sie haben es ermöglicht, dass diese denkwürdige Feier jetzt, mitten im Kriege, stattfinden konnte. Erinnerungen von Jahrhunderten, Hoffnungen und der gewaltige Eindruck dieser Zeit vereinigen sich heute unter dem Dache des neuen Tempels, der in jedem Herzen eine tiefe Ehrfurcht hervorruft. Die Kant'sche Gottesidee von dem            
Offenbach Main AZJ 05051916a.jpg (162851 Byte)hochgewölbten Himmel als dem Zeichen der Unendlichkeit und dem moralischen Gesetz in jedem Menschen hat auch in diesem Bau seinen Ausdruck gefunden. Die gewaltige Kuppel ist das Symbol des Himmels über uns, und die Lehre ist der Inbegriff des moralischen Gesetzes in uns. Im Mittelalter riss sich die Lehre von der Erde los und strebte ins Wesenlose. Aber wir von heute sind andere Menschen. Die Leiter, die zum Himmel führt, muss auch der Erde stehen. Das Unendliche soll in das Endliche, ins Räumlich-Begrenzte hineingezogen werden. So soll denn auch der neue Kuppelbau den Himmel auf Erde darstellen in feierlicher Stimmung. Aber Stimmung ist doch nur das seelische Gefäß, das nach Inhalt verlangt. Und diesen Inhalt soll die Bestimmung des Gotteshauses vermitteln. Es soll eine Pforte des Himmels sein. Hier sollen wir das Unendliche in uns erleben. Der bewiesene Gott der Wissenschaft ist nicht der Gott der Religion; der will und muss erlebt sein in tiefstem Herzen, und das ist die Aufgabe der Religion. Die Welt ist voll von Wundern und Mysterien, wer sie erlebt, der erlebt seinen Gott in sich. Und aus dem Erlebnis wird man die Verheißung vernehmen, wie einst der Patriarch Jakob in seinem Traum von der Himmelsleiter, als Gott sich zu ihm wandte: 'Siehe, das Land will ich dir geben... alle Geschlechter der Welt sollen gesegnet werden durch dich...' Wir erleben heute das deutsche Wunder, die Widerstandskraft eines von allen Seiten bedrängten Volkes auf wirtschaftlichem, auf militärischem und moralischem Gebiet, und wir vernehmen heute die göttliche Verheißung schon: '...es soll am deutschen Wesen noch einmal die Welt genesen!' Eine Pforte des Himmels soll der neue Tempel sein, erheben soll er über alles Kleinliche, über Berechnungen und Zahlen, erheben zu den heiligen Regionen des Ewigen, des Unendlichen, des Göttlichen'. Und dieser heiligen Bestimmung übergab der Prediger den neuen, weihevollen Tempel. Wieder hallten Orgelklänge durch den weiten Raum und feierlich erklang das Gebet für Landesfürst, für Kaiser, Volk und Vaterland zur Höhe. Nah dem Segen sang der Chor den 150. Psalm, mund die Feier hatte ihr Ende erreicht. Im Kriege ist das Kulturwerk gewachsen. Möge es unter der Sonne eines baldigen Friedens blühen und seinen hohen Zweck erfüllen als eine Quelle des Guten und Sittlichem, der Stützen, die unserem Volk in dieser schweren Zeit die Kraft gegeben."       

Bei der Synagoge handelte es sich um einen monumentalen Massivbau mit Steinverkleidung, dessen langgestreckter rechteckiger Baukörper mit flachem Walmdach durch einen überdimensionalen Rundbau mit Kuppel halbiert wird. Der Anschluss der rechteckigen Seitenteile an den Rundbau wird von Türmen mit geschweiften Hauben überbrückt. Die Türme haben unter der Haube ein breites Relief, das in Fortsetzung der Traufe der Walmdaches beginnt, wodurch der Einruck eines stufenlosen Überganges zum 30 m hohen Kuppelbau entsteht. 
Die Synagoge hatte im Bereich der Hauptsynagoge 800 Sitzplätze. In der Wochentagssynagoge gab es 40 Plätze. Im Baukomplex befanden sich auch die Verwaltungsräume der Gemeinde sowie Schulräume und einen Festsaal für etwa 300 Personen. Hier fanden in der Folgezeit zahlreiche Veranstaltungen wie Konzerte, Theateraufführungen und Vorträge - nicht nur für die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde - statt.  
         
  
Einweihung der Gefallenen-Gedenktafel in der Synagoge (1921)     

Offenbach FrfIsrFambl 18031921.jpg (38063 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 18. März 1921: "Offenbach am Main. Am 13. dieses Monats wurde die an unserer Synagoge angebrachte Gedenktafel für die 25 Gefallenen unserer Gemeinde durch einen feierlichen Gottesdienst geweiht. Rabbiner Dr. Dienemann hielt die Gedenkrede. Die vier Vorsteher des etwa 100 Mitglieder zählenden Bundes jüdischer Frontsoldaten traten vor die geöffnete Lade und sagten in überaus ergreifender Weise für ihre gefallenen Kameraden das Kaddisch".              
   
Offenbach AZJ 01041921.jpg (72325 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. April 1921: "Offenbach am Main. Am 13. dieses Monats wurde die an unserer Synagoge angebrachte Gedenktafel für die 25 Gefallenen unserer Gemeinde durch einen feierlichen Gottesdienst geweiht. Rabbiner Dr. Dienemann gedachte in vollendeter Rede der Helden, die ihr jugendliches Leben geopfert für das gemeinsame, heißgeliebte deusche Vaterland. Die vier Vorsteher des etwa 100 Mitglieder zählenden Bundes jüdischer Frontsoldaten traten an die geöffnete Lade und sagten in überaus ergreifender Weise für ihre gefallenen Kameraden das Kaddisch. Zwei Familien unserer Gemeinde haben je zwei Söhne verloren." 

   
Der Erew-Schabbat-(Freitagabend-)Gottesdienst wird in den Wintermonaten etwas später durchgeführt (1929)         

Artikel in der "Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 11. Januar 1929: "Offenbach am Main. (Späterer Beginn des Freitag-Abend-Gottesdienstes). Da in den Wintermonaten der Besuch des Freitag-Abend-Gottesdienstes stark zurückging, und die Ursache nicht in einer grundsätzlichen Abneigung gegen den Gottesdienst zu suchen war, sondern in der Tatsache, dass die meisten der regelmäßigen Besucher in ihren Büros zurückgehalten waren, wurde der Versuch gemacht, den Gottesdienst in den Wintermonate einheitlich auf 6 1/2 Uhr anzusetzen. Schon bei den ersten Malen zeigte es sich, dass man damit einem wirklichen Bedürfnis entgegengekommen war, die Zahl der am Gottesdienst Teilnehmenden erhöhte sich sichtlich."      

 
       
Hinweis auf den orthodoxen Betsaal 

Ab 1717 gab es in Offenbach die sogenannte "Beer'sche Klause", also eine kleine Privatsynagoge. Diese "Klause" war spätestens seit 1842 Betraum der orthodoxen Gruppe. Nach Einführung zahlreicher Reformen in der jüdischen Gemeinde - bereits in den 1820er-Jahren - hielten die traditionell eingestellten Juden der Gemeinde hier ihren separaten Gottesdienst ab. Der Betraum befand sich im Hintergebäude eines Hauses am Großen Biergrund. 1862 wurden die Befugnisse der Orthodoxen Israeliten der Stadt erweitert: das Halten eigener Gottesdienste wurde bestätigt, dazu konnten sie nun auch eigene Kultusbeamte anstellen. Von 1862 bis 1869 bestand die Israelitische Religionsgesellschaft aus etwa 25 Familien mit mehr als 100 Seelen.    
   
Die orthodoxen Gemeindeglieder dürfen eigene Gottesdienste abhalten (1862)    

Offenbach Israelit 05111862.jpg (53208 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. November 1862: "Offenbach am Main. Durch Beschluss Großherzoglichen Ministeriums des Innern haben die hiesigen gesetzestreuen Israeliten die Befugnis erhalten, einen besonderen Gottesdienst einzurichten, eigene Kultusbeamte anzustellen etc. - Von den 7 Rabbinaten des Großherzogtums sind jetzt vier in sich getrennt, nämlich Mainz, Darmstadt, Alzey und Offenbach am Main."          

    
    
Beim Novemberpogrom 1938 drangen in den frühen Morgenstunden des 10. November 1938 Mitglieder der SA-Standarte 168 in die Synagoge an der Goethestraße ein und legten Feuer, das zunächst kaum Schaden anrichtete. Gegen sieben Uhr, als im Betsaal der Gottesdienst begann, stürmten erneut sechs bis acht Männer den Raum und schlugen mit Knüppel auf die Betenden ein. Ungefähr zur selben Zeit legte ein weiterer Trupp erneut Feuer, andere zogen plündernd und verwüstend durch den gesamten Gebäudekomplex. Da sich die Löscharbeiten der Feuerwehr darauf beschränkten, die anliegenden Gebäude zu schützen, brannte die Synagoge im Innern völlig aus. Beim Brand wurden auch alle in der Synagoge gelagerten rituellen Gegenstände aus jüdischen Landgemeinden vernichtet. Unter Misshandlungen musste Rabbiner Dr. Dienemann mit ansehen, die die Kultgegenstände, wertvolle Bücher, das gesamte Archiv verbrannten beziehungsweise auf die Straße geworfen wurden. 
   
1940 kam das Gebäude in den Besitz der Stadt, die es an einen Kinobesitzer verpachtete.  
  
1945 wurde das Gebäude durch die amerikanische Militärregierung beschlagnahmt. Nach Klärung des Restitutionsverfahrens kam es wiederum in den Besitz der Stadt und wurde von dieser seit 1954 mit Zustimmung der jüdischen Gemeinde als städtisches Theater und Konzerthaus verwendet. Seit 1979 befindet sich eine Gedenktafel an der ehemaligen Synagoge mit der Inschrift "Dieses Haus diente von 1916 bis 1938 als Synagoge dem Gebet und der Erfüllung der Gebote. Es wurde geschändet in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938. Nach Wiederherstellung sittlicher Wertordnungen überließ die jüdische Gemeinde der Stadt Offenbach dieses Haus zur kulturellen Nutzung". In den 1990er-Jahren wurde die ehemalige Synagoge zum Musicaltheater umgebaut und dabei teilweise rekonstruiert. Inzwischen firmiert die ehemalige Synagoge als "Capitol Entertainment Center".          
     
    
Adressen/Standorte der Synagogen  
 
Alte Synagoge in der Großen Marktstraße / Hintergasse (ehemalige Judengasse; Synagoge wurde bis 1915 genutzt) - hier heute ein Kino-Center  
Neue Synagoge Goethestraße 5 /Ecke Kaiserstraße 
   
   
   
Fotos    

Die alte Synagoge 
in der früheren Judengasse
(heute Große Marktstraße/Hintergasse
Quelle: Arnsberg Bilder S. 170) 
Offenbach Synagoge 090.jpg (75907 Byte) Offenbach Synagoge 091.jpg (180282 Byte)
   Außenansicht Innenansicht
      
Standort der alten Synagoge 
im Sommer 2009 
(Foto: Frank-E. Skrotzki, 
www.synagogen.info
Offenbach Synagoge 95.jpg (78702 Byte)
     
Der Bau der neuen Synagoge
(Quelle: Altaras 1994 S. 144 bzw. 
Archiv Dipl.-Biol. Georg Wittenberger,
 Babenhausen)
Offenbach Synagoge 160.jpg (51671 Byte) Offenbach Synagoge 161.jpg (60507 Byte)
  Die Kuppel der Synagoge während der Bauzeit
     
Außenansichten der 
Synagoge
(Quelle: rechts aus Arnsberg Bilder 
S. 176) 
Offenbach Synagoge 150.jpg (58641 Byte) Offenbach Synagoge 110.jpg (159324 Byte)
  Die 1913 bis 1916 erbaute Synagoge war am 16. April 1916 eingeweiht worden 
     
Innenaufnahme der 
Synagoge
(Quelle: Arnsberg Bilder S. 176)
Offenbach Synagoge 111.jpg (244370 Byte)    
   Blick zum Toraschrein der 
festlich geschmückten Synagoge 
 
        
Die ehemalige Synagoge
im September 1985 
(Quelle: links Altaras 1988 S. 177; rechts:
 Frank-E. Skrotzki, www.synagogen.info
Offenbach Synagoge 170.jpg (101626 Byte)  Offenbach Synagoge 178.jpg (28764 Byte) Offenbach Synagoge 179.jpg (38181 Byte)
      Gedenk- und Hinweistafel am
 Theatergebäude 
     
 Offenbach Capitol 410.jpg (130526 Byte) Offenbach Capitol 411.jpg (58168 Byte) Offenbach Capitol 412.jpg (122086 Byte)
Fotos der ehemaligen Synagoge (Quelle: wikimedia commons unter "Capitol Offenbach)
     
Die ehemalige Synagoge als 
modernes Theater- Konzert- und
 Veranstaltungshaus

(aus der Website des "Capitol")
Offenbach Capitol 214.jpg (89126 Byte) Offenbach Capitol 213.jpg (49012 Byte)
  Außenansichten - Nachtaufnahmen 
     
Offenbach Capitol 211.jpg (129990 Byte) Offenbach Capitol 210.jpg (91690 Byte) Offenbach Capitol 212.jpg (70832 Byte)
Der zentrale Veranstaltungsraum im ehemaligen Betsaal der Synagoge 
      
        
Das jüdische Gemeindehaus
(Quelle: Arnsberg Bilder S. 170) 
Offenbach Jued Gemeindehaus 101.jpg (47385 Byte)
Das ehemalige jüdische Gemeindehaus 
in der Hintergasse wurde um 1900 
in Benutzung genommen

   

    

Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte 

Juni 2011Jugendliche erforschen Kinder-Schicksale  
Artikel in der "Frankfurter Rundschau" vom 15. Juni 2011 (Artikel): "Stolpersteine
Jugendliche erforschen Kinder-Schicksale
Evangelische Gruppe sammelt Geld für Stolpersteine: Damit soll an das Schicksal zweier Familien aus Offenbachs südlicher Innenstadt während des Dritten Reichs erinnert werden..."    
   
November 2011: Weitere "Stolpersteine"-Verlegung in Offenbach   
Artikel in der "Frankfurter Rundschau" vom 16. November 2011: "Auf der Suche nach Spuren. 
Offenbach.
Schüler beteiligen sich an Stolperstein-Aktion der Geschichtswerkstatt..." 
Link zum Artikel - auch eingestellt als pdf-Datei.      
 
Juni 2012: Dokumente und Gegenstände aus der Synagoge kommen ins Haus der Stadtgeschichte   
Artikel von Christina Franzisket in der "Frankfurter Rundschau" vom 23. Juni 2012: "Archiv der letzten Zeugin. Haus der Stadtgeschichte bekommt Gegenstände, Dokumente und Briefe aus NS-Zeit 
Als Hausmeister August Weber mit seiner Frau Änni und Tochter Marianne aus der Offenbacher Synagoge flieht, brennt sie schon. Es ist der 9. November 1938, Reichspogromnacht. Die Habseligkeiten der Webers werden mit Hilfe von Nachbarn in den Innenhof des Gebäudes geschleppt. Jeder nimmt mit, was er tragen kann. Ein wütender Mob stürmt den Innenhof, will auch die Sachen der Webers anzünden. Doch ein Nachbar in SA-Uniform stellt sich davor. Die Webers sind keine Juden, sondern Christen. In dieser Nacht gerieten Objekte der jüdischen Gemeinde in den Besitz der Hausmeisterfamilie Weber und konnten nur deshalb erhalten werden...". 
Link zum Artikel      
 

     
     
Links und Literatur

Links: 

Website der Stadt Offenbach 

MDSFG.jpg (37616 Byte)Max Dienemann / Salomon Formstecher Gesellschaft e.V. Offenbach   
hier auch Hinweis auf den "Stadtplan zu historischen Stätten des jüdischen Lebens in Offenbach"  

Website des Capitol - Theater - Konzert- und Veranstaltungshaus  mit Seite zur Geschichte des Gebäudes    

Webportal HS 010.jpg (66495 Byte)Webportal "Vor dem Holocaust" - Fotos zum jüdischen Alltagsleben in Hessen mit Fotos zur jüdischen Geschichte in Offenbach 

Literatur:  

Germania Judaica II,2 S. 625.
Charles Duschinsky: Gedenkbücher (Memorbücher) von Offenbach am Main und anderen deutschen Gemeinden. Frankfurt am Main 1924.
A. Eckstein: Aus der Vergangenheit der israelitischen Gemeinde zu Offenbach am Main. Offenbach 1916.
S. Guggenheim: Die Entwicklung des Krankenkassenwesens in der israelitischen Gemeinde zu Offenbach am Main. Offenbach 1910.
ders. (Hrsg.): Aus der Vergangenheit der israelitischen Gemeinde zu Offenbach am Main. 1916. 
Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II. 
ders.: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder - Dokumente. S. 158-176.    
Karl Schild & Walter Will: Judenpogrom in Offenbach. Frankfurt am Main 1978. 
Ernst Roth: Die Juden im 1000-jährigen Offenbach am Main. In: UDIM VII-VIII. 1977/78. Frankfurt am Main S. 159-174. 
K. Werner: Zur Geschichte der Juden in Offenbach am Main. Offenbach 1988.   
Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 S. 176-177.   
dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 144.     
Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 257-269. 
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 49-57.   

  


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Offenbach am Main  Hesse. After the Jews living there fell victim to the Black Death persecutions of 1348-49, no independent community was established until 1706, when it numbered about 100 families. During the 18th century, Hebrew printing flourished and among the well-known Jews residing in Offenbach were Rabbi Yaakov Yehoshua Falk (died 1756), a great halakhic authority, and the notorious Shabbatean pseudo-messiah Jakob Frank, whose luxurious court was visited by thousands of "Frankists" (1788-91) and maintained by his daughter Eva after he died (1791-1817). Wolf Breidenbach, the wealthiest and most influential German Jew of his time, succeeded in having the shameful "body tax" (Leibzoll) abolished in 1805. Numbering 1,078 (over 6 % of the total) by 1861, the community maintained its ties with Frankfurt Jewry and members promoted the growth of local industries (textiles and footwear). While the noted Jewish thinker Salomon Formstecher was rabbi (1842-1889), Liberal Judaism became predominant and 25 local families established an Orthodox congregation in 1862 without seceding from the community. A modern synagogue center was built in 1913-16. Prior to Worldwar I, the number of East European Jews (Ostjuden) rose to 1,131 (48 % of the Jewish population). Efforts were made to westernize the newcomers and provide their children with vocational training. Branches of the Alliance Israelite Universelle, Central Union (C.V.), German Zionist Organization, Jewish War Veterans Association, and other national bodies were founded during the Weimar Republic. Jews also made important contributions to civic and cultural life, journalism and politics. Max Dienemann, a leading figure in the World Union for Progressive Judaism, served as the community's rabbi (1919-38). In 1927 a beautifully illustrated Offenbach Haggadah was published by Siegfried Guggenheim. Most Orthodox Jews and many active Zionists were Ostjuden. In March 1933, the Jewish population still numbered 1,435. Immediately after Hitler's rise to power in 1933, Jews and anti-Nazis were dismissed from public employment. Boycott measures grew more severe and the community was forced to open its own day school in 1934. Having lost their German citizenship, "foreign" Jews were driven across the Polish border and most Jewish businesses firms were "Aryanized" by May 1938. During the Kristallnacht pogrom (9-10 November 1938), stormtroopers made a bonfire of Torah scrolls and prayer books. They then set fire to the main synagogue (causing only minor structural damage) and vandalized Jewish property. Over 140 Jews were imprisoned for a time in the Buchenwald and Dachau concentration camps. By 22 April 1941, 807 Jews had emigrated to the United States, England, Palestine, and other countries. The 344 who still remained in February 1942 were mostly deported to the Theresienstadt ghetto and Auschwitz. Altogether, 400 Jews are known to have perished in the Holocaust. Revived after Worldwar II, the community numbered 662 in 1970.   
     

  

                   
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Stand: 21. Januar 2014