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Segnitz (VG
Marktbreit, Kreis Kitzingen)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde
In Segnitz bestand im 18./19. Jahrhundert eine jüdische
Gemeinde. Die jüdischen Familien lebten im Bereich der heutigen
Linsengasse.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie
folgt: Zahlen liegen noch nicht vor.
Bei der Erstellung der Matrikellisten 1817 werden in Segnitz auf
insgesamt zehn Matrikelstellen die folgenden jüdischen
Familienvorstände genannt (mit neuem Familiennamen): Samson Ballin, Moses Bär,
Bär Elias Schuhlein, Joseph Abraham Walter, Julius Bär, Jacob Bär, Elias
Samuel Schäfer, Witwe von Bär Joseph Ballin, Witwe von Joseph Hirsch
Rosenthal, Samuel Hirsch Grünewald. Nicht in die Matrikelliste eingetragen
wurden. Witwe von Elias Baer, Moses Salomon, Abraham Nathan Bamberger, Witwe von
Hirsch Joseph Segnitzheimer, Salomon Moses Goßmannsdorfer (bei den drei letzten
Familiennamen steht in der Liste die Anmerkung: "Dieser Name muss
abgeändert werden".
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge
(s.u.), eine jüdische Schule (mit Lehrerwohnung) und ein rituelles Bad (im
Keller des Synagogengebäudes). Die Toten der Gemeinde wurden im jüdischen Friedhof
in Rödelsee beigesetzt.
Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der
auch als Vorbeter und Schochet tätig war.
Als besondere Einrichtung bestand die im Jahr 1844 von dem jüdischen Lehrer
Julius Brüssel gegründete Höhere Handelsschule - die "Brüssel'sche
Handels- und Erziehungs-Anstalt" (vgl. Anzeigen unten). Sie wurde 1878
aufgelöst; das Gebäude 1883 verkauft. Die Schule war weithin berühmt und
wurde von vielen (jüdischen) Schülern, die auch in einem Internat
untergebracht waren, aus aller Welt besucht, unter anderem auch von dem
Schriftsteller Italo Svevo (eigentlich Ettore Schmitz). die Handelsschule war in
dem bis heute erhaltenen Gebäude Mainstraße
26.
Nach der Mitte des 19. Jahrhunderts sind die jüdischen Familien sehr
schnell vom Ort verzogen oder ausgewandert. 1882 wurde die jüdische
Gemeinde aufgelöst.
Von den in Segnitz geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Otto Iwan Driesen
(1875), Cilli Fels geb. Walter (1872, später in Fürth), Bernhard Reiß (1870,
später in Marktbreit), Moritz Silberschmidt (1867, später in München).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Anzeigen
Anzeigen der Brüssel'schen
Handels- und Erziehungs-Anstalt in Segnitz unter Leitung von Dr. S. L.
Eichenberg (1863 / 1864 / 1877)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. April
1863:
"Brüssel'sche Handels-Anstalt. Anfang des Sommersemesters den
21. April. Prospekte und Anmeldung bei
Dr. S. L. Eichenberg, Direktor.
Segnitz bei Marktbreit am Main, im März 1863". |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. April 1864: "In
der Brüssel'schen Handels- und Erziehungs-Anstalt in Segnitz beginnt das Sommersemester
am Montag, den 9. Mai. Auskunft und Prospekte erteilt
Segnitz bei Marktbreit am Main Dr. S. L. Eichenberg,
Vorstand." |
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Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 2. Oktober 1877:
"Brüssel'sche Handelslehr- und Erziehungsanstalt zu Segnitz am
Main bei Würzburg.
Die Anstalt besteht seit 1844.Sie gewährt neben einer tüchtigen
Realschulbildung hauptsächlich gediegene Ausbildung zum Kaufmannsstand,
und bereitet zum Examen für den einjährig-freiwilligen Dienst vor.
Referenzen: Herr Seminardirektor Horwitz in Berlin, Herr Rabbiner Dr.
Goldschmidt in Leipzig, die Direktionen der 'Deutschen
Handelsgesellschaft' und der 'Deutschen Effektenbank' in Frankfurt am
Main. Eintritt zu jeder Zeit. Honorar mäßig.
Nähere Auskunft und Prospekte durch die Direktion." |
Berichte zu
einzelnen Personen aus der Gemeinde
"Amson Reiß und das 'Reißa-Jüdle'" (Artikel
von 2001, zur Verfügung gestellt von Joachim Braun, Würzburg)
Artikel
von Norbert Bischoff in der "Main-Post" (Ochsenfurter Ausgabe)
vom 23. November 2001: "Amson Reiß und das 'Reißa-Jüdle' -
Geschichten aus der Geschichte von Segnitz.
In unserer heutigen Geschichte aus der Geschichte von Segnitz geht es um
Clara Reiß, auch bekannt als 'Reißa-Jüdle'. Im August 1969 verstarb die
97 Jahre alte Jüdin Clara Reiß. Sie hatte das Konzentrationslager
Theresienstadt überlebt und verbrachte ihren Lebensabend in ihrem
Heimatort Marktbreit. Das
'Reißa-Jüdle' stammte ursprünglich aus Segnitz, wo sie 1872 im Haus
Nummer 42 (Rathausstraße 6) als Tochter der Weinhändlereheleute Amson
und Fanny Reiß geborene Ballin zur Welt kam.
Der Vater Amson Reiß wurde im September 1839 in Welbhausen bei Uffenheim
als Sohn des Handelsmannes Lazarus Reiß und seiner Ehefrau Fanny Weimann
geboren. 1861 erscheint er in Segnitz als 'Handelskommis' im Haus Nummer
95 (Kesenbrodstraße 25) bei Weinhändler Nathan Stahl. Im Juli 1866
ersuchte er bei der Gemeinde Segnitz um die Heiratserlaubnis mit Fanny
Ballin und um die Ansässigmachung mit Lizenz zum Betrieb eines
Weinhandelsgeschäfts.
Zur Bekräftigung des Antrags legte er eine Vermögensbescheinigung über
1.000 Gulden, ein Leumundszeugnis, seinen Schulentlass-Schein mit
Religionsattest und seinen Militärentlassungsschein vor. Die
Schwiegereltern Mendel und Therese Ballin brachten ein Vermögenszeugnis
für ihre Tochter und den Schwager Mayer Ballin als Bürgen mit. Demnach
sollte die Braut Fanny eine Ausstattung im Wert von ca. 500 Gulden und
freien Wohnsitz im Elternhaus Nummer 42 in der Rathausstraße 6 erhalten.
'Zur besseren Begründung ihres künftigen Nahrungsstandes' steuerten die
beiden 'in Nordamerika gut versorgten' Schwester Klara Filene aus New York
und Hanna Conrad aus Salem nochmals je 500 Gulden bei. Die Hochzeit fand
am 10. Oktober 1866 in Segnitz statt.
Dem Ehepaar Reiß wurden in Segnitz drei Kinder, Friederike (1868), Joseph
Bernhard (1870), und Clara (1872) geboren. Amson Reiß verdiente sein Geld
mit dem Weinhandel und übernahm bald auch die Waren aus dem Krämerladen
seines Schwiegervaters. Mit einem notariellen 'Erb- und Nahrungsvertrag'
vermachte Mendel Ballin kurz vor seinem Tod im Juni 1871 dann sein
Geschäft auch offiziell an den Schwiegersohn. Amson Reiß übersiedelte
im Mai 1876 mit Familie und Schwiegermutter als einer der letzten
Segnitzer Juden nach Marktbreit. Im Jahre 1895 wohnten dort im Hause
Nummer 162 Fanny, Clara und die 1876 in Marktbreit geborene Henriette
Reiß. Das Haus Nummer 42 in Segnitz gehörte nach dem Wegzug der Familie
Reiß dem Bauern Georg Andreas Geitz aus Erlach und seiner Ehefrau Regina
Barbara Rödel. Ihnen folgte Andreas Finkenberger, anschließend sein
Schwiegersohn Andreas Reuther und zuletzt die Familie Bischoff/Sandstede.
Gleich um die Ecke in der Mainstraße 14, im Haus Nummer 30 nach der
ersten Segnitzer Zählung bzw. Haus 34 nach der Umnummerierung, wohnte zu
Beginn des 19. Jahrhunderts Lazarus Jakobs Witwe. Ein Lazarus Jakob
erscheint bereits im Jahre 1775 als Mitunterzeichner in einem
Beschwerdebrief der Segnitzer Judenschaft an ihren Dorfherrn Zobel gegen
den Leibzoll, den Würzburger Kammerzollzeichen. Drei Jahre später
gehörte Lazarus zu den Widerspruchsführern, als es um die Bewertung der
Judenhäuser durch die Gemeinde Segnitz ging. Er ist der Meinung, dass der
Ansatz für sein Haus mit 30 fränkischen Gulden im Vergleich mit den
Christenhäusern zu hoch gegriffen sei und er allmählich in den
Bettelstand geraten könnte. 1797 wird ein 'Jud Lazarus' in der 'Tabelle
über die vorhandenen Untertanen dahier zu Segnitz' mit seiner Frau, zwei
Töchtern und zwei Söhnen als zoblischer Schutzjude genannt und in der Judenfrongeldliste
von 1805 bescheinigte man ihm die pünktliche Entrichtung seiner Abgabe
von 5 Gulden und 10 Kreuzern. Drei Jahre später lebte er nicht
mehr.
Im 'Verzeichnis der Freyherrlich von Zobel'schen Schutzjuden Familien zu
Segnitz und zu Goßmannsdorf' aus dem Jahre 1808 ist nur noch Lazarus
Jakobs Witwe mit zwei Kindern vorgetragen. Die im Jahre 1811 eingeführte
Judenmatrikel des Pfarramtes sowie die gemeindliche Matrikel von 1817
erwähnen dann keine Personen mehr, die mit Lazarus Jakob in Verbindung
standen.
Im Haus in der Mainstraße wohnten spätestens seit 1814 der Wagner,
Büttner und Schieder Zacharias Wagner. Er ist 1827 im Main ertrunken,
wurde bei Zell geboren und in Veitshöchheim beerdigt. Nach ihm zog der
Schiffermeister Jakob Beuther in das Haus Nummer 34 ein. Ab 1864 ist der
Schuhmacher und Weinhändler Georg Krackhardt eingetragen. Ihm folgte 1898
der Eisenbahner Michael Stinzing und ab 1935 dessen Schwiegersohn Fritz
Schaller." |
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Foto
links (Repro Norbert Bischoff): "In Segnitz in der Rathausstraße 6,
im Haus mit dem Portal aus dem 18. Jahrhundert wohnte zwischen 1840 und
1843 der jüdische Leinweber Lazarus Schäfer. Dann zog sein Schwager, der
Metzger Mendel Ballin ein. Sein Schwiegersohn Amson Reiß übernahm das
Anwesen 1871 und wohnte dort bis zu seinem Umzug nach Marktbreit im Jahre
1876. Amsons Tochter Clara, das 'Reißa Jüdle' überlebte das KZ
Theresienstadt. Sie verbrachte ihren Lebensabend in Marktbreit und
verstarb dort 1969 im Alter von 97 Jahren." |
Zur Geschichte der Synagoge
Eine Synagoge unbekannten Alters war vorhanden. Im
Gebäude befand sich auch die Lehrerwohnung (vermutlich auch ein Schulraum)
sowie ein rituelles Bad im Keller.
Einige Jahre nach Auflösung der jüdischen Gemeinde (1882) wurde die ehemalige
Synagoge 1897 von Samuel Spier, dem ehemaligen Direktor des Brüssel'schen
Instituts und Verwalters des jüdischen Gemeindebesitzes verkauft. Aus dem ehemaligen
Synagogengebäude wurde später das Gemeindearmenhaus der politischen Gemeinde Segnitz. Das
Gebäude ist - wenn auch umgebaut - bis heute erhalten und wird als Wohnhaus
verwendet. Die Mikwe im Keller wurde zugeschüttet. Spuren einer Mesusa befinden
sich an der kleineren Tür (Nebentür mit Hochwassermarken). Auch im Haupteingang
des Nachbarhauses (Linsengasse 16) sind die Spuren der Mesusa erhalten.
Am Gebäude befindet sich eine Hinweistafel zur Geschichte der
Synagoge.
Adresse/Standort der Synagoge:
Linsengasse
Fotos
(sw-Fotos aus Schwierz 1988 S. 113; neuere Fotos von
Elisabeth Böhrer, Aufnahmedatum: 1.10.2011)
Gebäude der
ehemaligen Synagoge |
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Die ehemalige Synagoge in der
Linsengasse, dem früheren jüdischen Wohngebiet |
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Eingang mit
Hinweistafel und dem Text: "Segnitz - Main. Synagoge. Von 1786
bis 1882 Versammlungsort der einst zahlreichen jüdischen Kultusgemeinde.
Spuren der Mesusa am rechten Türpfosten erinnern an den einst religiösen
Charakter des Gebäudes. Die Mikwe, das rituelle Tauchbad im Keller, wurde
zugeschüttet. In Segnitz bestand bis 1882 eine eigenständige jüdische
Kultusgemeinde. Nach den gesetzlichen Bestimmungen waren im Ort 13
jüdische Familien zugelassen, die überwiegend vom Weinhandel lebten. Es
gab aber auch Metzger, einen Likörhersteller, einen Optiker, einen
Posamentiermeister (Besatzartikelhersteller) und eine Farbenfabrik. Als
man den Juden ab 1860 allmählich größere Freiheiten einräumte,
wählten die meisten Geschäftsleute günstigere Standorte und verließen
Segnitz. Mit dem Ende der Brüssel'schen Handelsschule im Jahre 1881
endete auch die Geschichte der Segnitzer Kultusgemeinde. 1897 wurde die
Synagoge von Samuel Spier, dem ehemaligen Direktor des Brüssel'schen
Instituts und Verwalters des jüdischen Gemeindebesitzes,
verkauft." |
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Gebäude der ehemaligen
"Brüssel'schen
Handels und Erziehungsanstalt" |
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Blick auf das Schul- und
Internatsgebäude an der Mainstraße |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in
Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische
Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 112-113; 1992² S. 122. |
 | Dirk Rosenstock: Die unterfränkischen
Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche
Quelle. Reihe: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13.
Würzburg 2008. S. 223-224.
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n.e.

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