Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Segnitz (VG Marktbreit, Kreis Kitzingen)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Anzeigen      
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde     

In Segnitz bestand im 18./19. Jahrhundert eine jüdische Gemeinde. Die jüdischen Familien lebten im Bereich der heutigen Linsengasse.   
   
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: Zahlen liegen noch nicht vor.   
  
Bei der Erstellung der Matrikellisten 1817 werden in Segnitz auf insgesamt zehn Matrikelstellen die folgenden jüdischen Familienvorstände genannt (mit neuem Familiennamen): Samson Ballin, Moses Bär, Bär Elias Schuhlein, Joseph Abraham Walter, Julius Bär, Jacob Bär, Elias Samuel Schäfer, Witwe von Bär Joseph Ballin, Witwe von Joseph Hirsch Rosenthal, Samuel Hirsch Grünewald. Nicht in die Matrikelliste eingetragen wurden. Witwe von Elias Baer, Moses Salomon, Abraham Nathan Bamberger, Witwe von Hirsch Joseph Segnitzheimer, Salomon Moses Goßmannsdorfer (bei den drei letzten Familiennamen steht in der Liste die Anmerkung: "Dieser Name muss abgeändert werden".    
  
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule (mit Lehrerwohnung) und ein rituelles Bad (im Keller des Synagogengebäudes). Die Toten der Gemeinde wurden im jüdischen Friedhof in Rödelsee beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der auch als Vorbeter und Schochet tätig war. 
   
Als besondere Einrichtung bestand die im Jahr 1844 von dem jüdischen Lehrer Julius Brüssel gegründete Höhere Handelsschule - die "Brüssel'sche Handels- und Erziehungs-Anstalt" (vgl. Anzeigen unten). Sie wurde 1878 aufgelöst; das Gebäude 1883 verkauft. Die Schule war weithin berühmt und wurde von vielen (jüdischen) Schülern, die auch in einem Internat untergebracht waren, aus aller Welt besucht, unter anderem auch von dem Schriftsteller Italo Svevo (eigentlich Ettore Schmitz). die Handelsschule war in dem bis heute erhaltenen Gebäude Mainstraße 26.       
  
Nach der Mitte des 19. Jahrhunderts sind die jüdischen Familien sehr schnell vom Ort verzogen oder ausgewandert. 1882 wurde die jüdische Gemeinde aufgelöst. 
   
Von den in Segnitz geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Otto Iwan Driesen (1875), Cilli Fels geb. Walter (1872, später in Fürth), Bernhard Reiß (1870, später in Marktbreit), Moritz Silberschmidt (1867, später in München).  
    
     
   

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Anzeigen  

Anzeigen der Brüssel'schen Handels- und Erziehungs-Anstalt in Segnitz unter Leitung von Dr. S. L. Eichenberg (1863 / 1864 / 1877)  

Segnitz Israelit 15041863.jpg (38667 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. April 1863: 
"Brüssel'sche Handels-Anstalt. Anfang des Sommersemesters den 21. April. Prospekte und Anmeldung bei 
Dr. S. L. Eichenberg, Direktor. 
Segnitz bei Marktbreit am Main, im März 1863".   
   
Segnitz AZJ 12041864.jpg (39783 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. April 1864: "In der Brüssel'schen Handels- und Erziehungs-Anstalt in Segnitz beginnt das Sommersemester am Montag, den 9. Mai. Auskunft und Prospekte erteilt 
Segnitz bei Marktbreit am Main  Dr. S. L. Eichenberg, Vorstand."    
  
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 2. Oktober 1877: "Brüssel'sche Handelslehr- und Erziehungsanstalt zu Segnitz am Main bei Würzburg. 
Die Anstalt besteht seit 1844.Sie gewährt neben einer tüchtigen Realschulbildung hauptsächlich gediegene Ausbildung zum Kaufmannsstand, und bereitet zum Examen für den einjährig-freiwilligen Dienst vor. Referenzen: Herr Seminardirektor Horwitz in Berlin, Herr Rabbiner Dr. Goldschmidt in Leipzig, die Direktionen der 'Deutschen Handelsgesellschaft' und der 'Deutschen Effektenbank' in Frankfurt am Main. Eintritt zu jeder Zeit. Honorar mäßig. 
Nähere Auskunft und Prospekte durch die Direktion."  

 
   
  
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde 
"Amson Reiß und das 'Reißa-Jüdle'" (Artikel von 2001, zur Verfügung gestellt von Joachim Braun, Würzburg)  

Segnitz PA 23112001.jpg (219809 Byte)Artikel von Norbert Bischoff in der "Main-Post" (Ochsenfurter Ausgabe) vom 23. November 2001: "Amson Reiß und das 'Reißa-Jüdle' - Geschichten aus der Geschichte von Segnitz.  
In unserer heutigen Geschichte aus der Geschichte von Segnitz geht es um Clara Reiß, auch bekannt als 'Reißa-Jüdle'. Im August 1969 verstarb die 97 Jahre alte Jüdin Clara Reiß. Sie hatte das Konzentrationslager Theresienstadt überlebt und verbrachte ihren Lebensabend in ihrem Heimatort Marktbreit. Das 'Reißa-Jüdle' stammte ursprünglich aus Segnitz, wo sie 1872 im Haus Nummer 42 (Rathausstraße 6) als Tochter der Weinhändlereheleute Amson und Fanny Reiß geborene Ballin zur Welt kam.  
Der Vater Amson Reiß wurde im September 1839 in Welbhausen bei Uffenheim als Sohn des Handelsmannes Lazarus Reiß und seiner Ehefrau Fanny Weimann geboren. 1861 erscheint er in Segnitz als 'Handelskommis' im Haus Nummer 95 (Kesenbrodstraße 25) bei  Weinhändler Nathan Stahl. Im Juli 1866 ersuchte er bei der Gemeinde Segnitz um die Heiratserlaubnis mit Fanny Ballin und um die Ansässigmachung mit Lizenz zum Betrieb eines Weinhandelsgeschäfts.  
Zur Bekräftigung des Antrags legte er eine Vermögensbescheinigung über 1.000 Gulden, ein Leumundszeugnis, seinen Schulentlass-Schein mit Religionsattest und seinen Militärentlassungsschein vor. Die Schwiegereltern Mendel und Therese Ballin brachten ein Vermögenszeugnis für ihre Tochter und den Schwager Mayer Ballin als Bürgen mit. Demnach sollte die Braut Fanny eine Ausstattung im Wert von ca. 500 Gulden und freien Wohnsitz im Elternhaus Nummer 42 in der Rathausstraße 6 erhalten. 'Zur besseren Begründung ihres künftigen Nahrungsstandes' steuerten die beiden 'in Nordamerika gut versorgten' Schwester Klara Filene aus New York und Hanna Conrad aus Salem nochmals je 500 Gulden bei. Die Hochzeit fand am 10. Oktober 1866 in Segnitz statt.  
Dem Ehepaar Reiß wurden in Segnitz drei Kinder, Friederike (1868), Joseph Bernhard (1870), und Clara (1872) geboren. Amson Reiß verdiente sein Geld mit dem Weinhandel und übernahm bald auch die Waren aus dem Krämerladen seines Schwiegervaters. Mit einem notariellen 'Erb- und Nahrungsvertrag' vermachte Mendel Ballin kurz vor seinem Tod im Juni 1871 dann sein Geschäft auch offiziell an den Schwiegersohn. Amson Reiß übersiedelte im Mai 1876 mit Familie und Schwiegermutter als einer der letzten Segnitzer Juden nach Marktbreit. Im Jahre 1895 wohnten dort im Hause Nummer 162 Fanny, Clara und die 1876 in Marktbreit geborene Henriette Reiß. Das Haus Nummer 42 in Segnitz gehörte nach dem Wegzug der Familie Reiß dem Bauern Georg Andreas Geitz aus Erlach und seiner Ehefrau Regina Barbara Rödel. Ihnen folgte Andreas Finkenberger, anschließend sein Schwiegersohn Andreas Reuther und zuletzt die Familie Bischoff/Sandstede.  
Gleich um die Ecke in der Mainstraße 14, im Haus Nummer 30 nach der ersten Segnitzer Zählung bzw. Haus 34 nach der Umnummerierung, wohnte zu Beginn des 19. Jahrhunderts Lazarus Jakobs Witwe. Ein Lazarus Jakob erscheint bereits im Jahre 1775 als Mitunterzeichner in einem Beschwerdebrief der Segnitzer Judenschaft an ihren Dorfherrn Zobel gegen den Leibzoll, den Würzburger Kammerzollzeichen. Drei Jahre später gehörte Lazarus zu den Widerspruchsführern, als es um die Bewertung der Judenhäuser durch die Gemeinde Segnitz ging. Er ist der Meinung, dass der Ansatz für sein Haus mit 30 fränkischen Gulden im Vergleich mit den Christenhäusern zu hoch gegriffen sei und er allmählich in den Bettelstand geraten könnte. 1797 wird ein 'Jud Lazarus' in der 'Tabelle über die vorhandenen Untertanen dahier zu Segnitz' mit seiner Frau, zwei Töchtern und zwei Söhnen als zoblischer Schutzjude genannt und in der Judenfrongeldliste von 1805 bescheinigte man ihm die pünktliche Entrichtung seiner Abgabe von 5 Gulden und 10 Kreuzern. Drei Jahre später lebte er nicht mehr.  
Im 'Verzeichnis der Freyherrlich von Zobel'schen Schutzjuden Familien zu Segnitz und zu Goßmannsdorf' aus dem Jahre 1808 ist nur noch Lazarus Jakobs Witwe mit zwei Kindern vorgetragen. Die im Jahre 1811 eingeführte Judenmatrikel des Pfarramtes sowie die gemeindliche Matrikel von 1817 erwähnen dann keine Personen mehr, die mit Lazarus Jakob in Verbindung standen. 
Im Haus in der Mainstraße wohnten spätestens seit 1814 der Wagner, Büttner und Schieder Zacharias Wagner. Er ist 1827 im Main ertrunken, wurde bei Zell geboren und in Veitshöchheim beerdigt. Nach ihm zog der Schiffermeister Jakob Beuther in das Haus Nummer 34 ein. Ab 1864 ist der Schuhmacher und Weinhändler Georg Krackhardt eingetragen. Ihm folgte 1898 der Eisenbahner Michael Stinzing und ab 1935 dessen Schwiegersohn Fritz Schaller."  
  
Segnitz PA 23112001a.jpg (83275 Byte)Foto links (Repro Norbert Bischoff): "In Segnitz in der Rathausstraße 6, im Haus mit dem Portal aus dem 18. Jahrhundert wohnte zwischen 1840 und 1843 der jüdische Leinweber Lazarus Schäfer. Dann zog sein Schwager, der Metzger Mendel Ballin ein. Sein Schwiegersohn Amson Reiß übernahm das Anwesen 1871 und wohnte dort bis zu seinem Umzug nach Marktbreit im Jahre 1876. Amsons Tochter Clara, das 'Reißa Jüdle' überlebte das KZ Theresienstadt. Sie verbrachte ihren Lebensabend in Marktbreit und verstarb dort 1969 im Alter von 97 Jahren."

  

 

Zur Geschichte der Synagoge

 Eine Synagoge unbekannten Alters war vorhanden. Im Gebäude befand sich auch die Lehrerwohnung (vermutlich auch ein Schulraum) sowie ein rituelles Bad im Keller. 
 
Einige Jahre nach Auflösung der jüdischen Gemeinde (1882) wurde die ehemalige Synagoge 1897 von Samuel Spier, dem ehemaligen Direktor des Brüssel'schen Instituts und Verwalters des jüdischen Gemeindebesitzes verkauft. Aus dem ehemaligen Synagogengebäude wurde später das Gemeindearmenhaus der politischen Gemeinde Segnitz. Das Gebäude ist - wenn auch umgebaut - bis heute erhalten und wird als Wohnhaus verwendet. Die Mikwe im Keller wurde zugeschüttet. Spuren einer Mesusa befinden sich an der kleineren Tür (Nebentür mit Hochwassermarken). Auch im Haupteingang des Nachbarhauses (Linsengasse 16) sind die Spuren der Mesusa erhalten. 
 
Am Gebäude befindet sich eine Hinweistafel zur Geschichte der Synagoge.    
   

Adresse/Standort der Synagoge:   Linsengasse 
   

Fotos  
(sw-Fotos aus Schwierz 1988 S. 113; neuere Fotos von Elisabeth Böhrer, Aufnahmedatum: 1.10.2011) 

Gebäude der 
ehemaligen Synagoge
Segnitz Synagoge 120.jpg (48197 Byte)  Segnitz Synagoge 210.jpg (88872 Byte)
  Die ehemalige Synagoge in der Linsengasse, dem früheren jüdischen Wohngebiet  
      
Segnitz Synagoge 211.jpg (100703 Byte) Segnitz Synagoge 212.jpg (118339 Byte)
  Eingang mit Hinweistafel und dem Text: "Segnitz - Main. Synagoge. Von 1786 bis 1882 Versammlungsort der einst zahlreichen jüdischen Kultusgemeinde. Spuren der Mesusa am rechten Türpfosten erinnern an den einst religiösen Charakter des Gebäudes. Die Mikwe, das rituelle Tauchbad im Keller, wurde zugeschüttet. In Segnitz bestand bis 1882 eine eigenständige jüdische Kultusgemeinde. Nach den gesetzlichen Bestimmungen waren im Ort 13 jüdische Familien zugelassen, die überwiegend vom Weinhandel lebten. Es gab aber auch Metzger, einen Likörhersteller, einen Optiker, einen Posamentiermeister (Besatzartikelhersteller) und eine Farbenfabrik. Als man den Juden ab 1860 allmählich größere Freiheiten einräumte, wählten die meisten Geschäftsleute günstigere Standorte und verließen Segnitz. Mit dem Ende der Brüssel'schen Handelsschule im Jahre 1881 endete auch die Geschichte der Segnitzer Kultusgemeinde. 1897 wurde die Synagoge von Samuel Spier, dem ehemaligen Direktor des Brüssel'schen Instituts und Verwalters des jüdischen Gemeindebesitzes, verkauft."   
     
Gebäude der ehemaligen "Brüssel'schen
 Handels und Erziehungsanstalt"
Segnitz Erziehungsinstitut 120.jpg (39200 Byte)  Segnitz Ort 210.jpg (164462 Byte)
  Blick auf das Schul- und Internatsgebäude an der Mainstraße 
     

    
    

Links und Literatur

Links:

Website der Gemeinde Segnitz   

Literatur:  

Israel Schwierz:  Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 112-113; 1992² S. 122. 
Dirk Rosenstock: Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle. Reihe: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13. Würzburg 2008. S. 223-224.   
  

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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 05. Oktober 2011